Wegwechsel - Sönke Bohn - E-Book

Wegwechsel E-Book

Sönke Bohn

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Beschreibung

Wir begegnen in diesem Buch Menschen in Situationen fern vom Alltag oder auch mittendrin. Sie sitzen im Flieger, im Transit, verlieren ihr Handy, sorgen für Sauberkeit, räumen auf. Sie denken an zu Hause und an den Job, ihre KollegInnen, Freundschaft, träumen von der Zukunft, suchen Anregung, Erfrischung oder auch Trost am Strand. Unterwegssein bringt Abstand. Und Abstand schafft Raum für Überraschungen, Unerwartetes. Wenn etwas so aufbricht, was wird dann mit dem alten Leben? Kleine und größere Störungen und Verluste, wahrhafte wie imaginierte Begegnungen markieren Schwellen, Ausgänge und Eingänge. Wenn etwas in Bewegung kommt, dann schwingt es, leise und leicht und warm. Die Menschen gehen hindurch, sie kommen sich näher.

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Seitenzahl: 301

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel I: K. 1

Kapitel II: Toni 1

Kapitel III: Norma 1

Kapitel IV: Sina 1

Kapitel V: Norma 2

Kapitel VI: Sina 2

Kapitel VIII: Toni 2

Kapitel IX: Sina 3

Kapitel X: K. 3

Kapitel XI: Norma 3

Kapitel XII: Toni 3

Kapitel XIII: Sina 4

Kapitel XIV: Norma 4

Kapitel XV: Toni 4

Kapitel XVI: Toni 5

Kapitel XVII: K. 4 und Norma 5

Kapitel XVIII: Toni 6

Kapitel XIX: Sina 5

Kapitel XX: K. 5

Kapitel XXI: K. 6

Kapitel XXII: Sina 6

Kapitel XXIII: Toni 7

Kapitel XXIV: Sina 7 Wo bleibt Eve?

Kapitel XXV: K. 7 Treffen mit Norma 6

Kapitel XXVI: Eve 1

Kapitel XXVII: Toni 7

Kapitel XXVIII: Sina 8

Kapitel XXIX: K. 8

Kapitel XXX: Norma 7

Kapitel XXXI: Eve 2

Kapitel XXXII: Toni 8

Kapitel XXXIII: Sina 9 Eve 3

Kapitel XXXIV: K. 9

Kapitel XXXV: Norma 8

Kapitel XXXVI: Eve 4 Sina 10

Kapitel XXXVII: K. 10 und Toni 9

Kapitel XXXVIII: Sina 11, Eve 5, Pete und Cilly 1, Sina 12

Kapitel XXXIX: Norma 9

Kapitel XL: K. 11 und Toni 10

Kapitel XLI: Sina 13 und Eve 6

Kapitel XLII: Eve 7

Kapitel XLIII: K. 11, Toni 10 und Norma 10

Kapitel XLIV: K. 12 und Norma 11

Kapitel XLV: Eve 8

Kapitel XLVI: Sina 14

Kapitel XLVII: Eve 9

Kapitel XLVIII: Sina 15

Kapitel XLIX: Toni

I

K. 1

K. liegt vor dem großen Fenster, direkt hinter den graublauen Hartschalensitzen, die so, wie sie in der Reihe stehen, zum Liegen zu unbequem wären. Um eine klar bemessene Zeit lang darauf zu sitzen, geeignet, dafür sogar ganz gut durchdacht – nicht aber, um sich darauf einzurichten, gar darin zu wohnen. Und darum handelt es sich hier.

Wenn es nicht nur ein paar Stunden, sondern wohl Tage werden! Ein Flughafen ist eben keine Klublandschaft. Von Wellness keine Spur, sicher nicht für die Economy-Leute. Hafen? Für Flugzeuge. Für die Passagiere hingegen eine Durchreiche, Engführung, ein Nadelöhr. Eintreten, orientieren, stauen. Rein in den Kanal, Verzögerungen erst, dann Beschleunigung – und: ab. Immer wieder Wartezeiten. Unruhiger Stillstand für die einen, andere lassen sich treiben. Verbreitete Versuche, die Zwischenzeiten effizient zu nutzen, denn: Zeit ist ja Geld! Einstimmende Übungsgelegenheiten im Loslassen – geht es in den Urlaub. Nicht allen gelingt es – und dafür gibt es dann diverse Angebote. Im Hintergrund wabert unaufdringlich unterschwellige oder gar offenbare Aggressionen transformierende Musik, kaum hörbar. Sie verkleidet die Zeit, diese hier nun die Warteschleifen-Spanne, in einen trägen, langweiligen Fluss. Ein paar Entspannungsoasen, okay, aber Annehmlichkeiten? Versorgende? Anhaltende? Für einen dauernden Aufenthalt? Übermäßig andauernden Aufenthalt in Flughäfen soll es ja geben, die kommen dann nach einer Weile in die Zeitung, im Sommerloch bei »Kuriositäten aus aller Welt«. Für K. wären das aber keine schönen Schlagzeilen über ihn.

Um ihn herum, momentan links drei Reisende, wohl aus Pakistan, alles Männer, ein sehr alter Alter und zwei mittelalte, traditionell gekleidet in hellem Leinen oder sehr besonders gewobener Baumwolle, die Hemden mit Stehkragen. Gegenüber zwei Englisch sprechende Mädchen, vielleicht Anfang zwanzig, nicht englisches Englisch, auch nicht Amerikanisch. Vielleicht aus Süd-Afrika, Australien? Sie rollen das R – kennt er so nicht. Drum herum Zeitungen, ausgelesen, halb gelesen, ungeliebt liegen geblieben, Pappbecher, ein paar Bananenschalen, Bonbonpapier, drei leere Wasserflaschen. Weiter hinten die wenig attraktive Rückseite eines Getränkeautomaten, auch ein Rucksacktourist, der schon eine Weile schnarcht, und K. selbst. Alles und alle Zeugnisse, ja, Täterzeugen einer verbreiteten Achtlosigkeit. Die Reisenden haben sich alle mit Abstand voneinander niedergelassen, mutmaßlich zu ihrer eigenen Sicherheit. Aber sie und ihre sowie der schon Weitergereisten Hinterlassenschaften liegen verstreut herum. K. mag das nicht. Das ließe sich auch anders anordnen, besser sogar, entfernen: Aber eine Struktur gebende Hand ist hier nicht zu entdecken.

Obwohl dieser Bereich ganz mit Auslegeware ausgestattet ist, wirkt es hier nicht wohnlich. In Fensternähe drückt die warme, feuchte Luft von draußen herein, obwohl die Fenster wohl alle ziemlich dicht sein werden. Ist schon hart hier, nicht nur die allgemeinen Umstände, auch der Boden an sich. K. aber nimmt es mit einem gewissen Gleichmut, sich ärgern – das weiß er – ist reine Energieverschwendung. Über wen auch? Über »die«? Über sich selbst? Und: Was hat er die vergangenen Wochen nicht alles gesehen, ganze Familien, die auf der Straße wohnen – kein Grund hier zu jammern, obwohl – wäre er noch zwanzig, passte das ganz gut, aber jetzt, so? Wieso muss ihm das passieren!

K. schiebt sich sein Reisegepäck unter den Kopf, sein ganzes Hab und Gut, alles in allem in 25 Litern. 0,025 m3, und im Gürteltresor und in seinen etwas ausgebeulten Hosentaschen. Vier oben und dann noch zwei weiter unten auf den Seiten. Also: wenn schon nicht etwas, um sich gut zuzudecken, dann immerhin etwas unter dem Kopf. Nicht schlecht fürs Gaumensegel, er will hier nicht peinlich laut schnarchen, und gleichzeitig die Diebstahlsicherung to go, für gestrandete Reisende auf fremden Flughäfen.

Aber es ist stiller geworden, hier im Randbereich der riesigen Shopping-Mall, bestimmt fast einen Kilometer lang, ein Ort neben dem anderen zum Geld ausgeben, dem favorisierten Betreuungsersatz im Zeittotschlagen. Hier an Parfüms schnuppern, dann vor den Regalen entlang flanieren und die Kunst zu bewundern, hartem Schnaps durch gewieft gestaltete Etiketten in schreinartigen Boxen den Anstrich von gediegen-eleganter, ehrwürdiger Kultur zu geben. Identität stiftendes Verkehrte-Welt-Spielen für Erwachsene. Und ein paar Luxusboutiquen. Scheint sich ja zu lohnen.

Die Fluggesellschaft pleite! So schnell kann`s gehen. Du verbringst zwei Wochen im Hochgebirge, fliegst dann in die Wärme, reist ein paar Tage durch den Dschungel und trotzt bei alledem allerlei Gefahren, suchst vielleicht auch die ganz neue Erfahrung und die mündet dann in einer Ruhezone, ohne Heimflug, den geplanten zumindest. Ganz klar ist ihm auch noch nicht: Ist das geschenkte oder geraubte Zeit? Denn, je nach Perspektive … aber was kann man hier schon machen? Abwarten, Tee trinken, das aber nun immerhin auf einem internationalen Drehkreuz.

K. ist hier nicht alleine, hier, in der Ruhezone. Geschnarche, hinten hat es gerade etwas geraschelt, eine Maus vielleicht? Oder deren größere Schwester? Nein, das kann er sich hier nicht vorstellen, ist alles im Grunde ziemlich sauber; dann kommt da auch die Frau mit dem breiten Mob, bis an die Zone mit der Auslegeware heranwischend. Da wird dann noch ein Staubsauger kommen. Hoffentlich nicht, wenn er gerade eingeschlafen ist. Hier ist es deutlich leiser als in der großen Halle, die kleinen Nylonfäden schlucken nicht nur Staub, sie schlucken auch Geräusche. K’s Hand streicht fast zärtlich über die Borsten; nein, der Boden schnurrt nicht, kein Kätzchen eben, aber der Dankbarkeit wert. Das ist nun sein Platz. Und ein bisschen miteinander vertraut werden macht sich gut.

Drum herum, über den Tellerrand hinaus: Flugzeuge, nun im Nachthimmel unter den Sternen, von Europa nach Asien, von Asien nach Amerika, von Afrika nach Europa, und ganz viele in Asien nach überallhin. Leute mit Augenschonern und aufgeblasener Halskrause, ihre Innerlichkeit oder den Schlaf suchend, andere, die lieber noch einen Film gucken, den Sitz zurückgestellt, soweit es eben geht.

So viele Menschen in Bewegung. Manche mit Gefühlen belegt, wie belegte Brötchen aus der Dose, bereizt, bespielt oder erfüllt von sehr verschiedenen Gefühlen. Reisende, die etwas hinter sich lassen: Gerüche, getragen in der warmen, feuchten Luft, Fettgerüche, Ekel erregend, andere süß und betörend, gesucht, zelebriert. Erlebte Glückseligkeiten, banale, Lebensangst einflößende, sich zu Panik steigernde Momente, harte Verhandlungen unter Partnern – das Gefühl, zu weit gegangen zu sein, oder nicht weit genug. Gedanken an das, was man sich genommen hat, was einem versagt blieb, was es geschenkt gab.

Andere Reisende, die dem Entgegenkommenden nahen, in der Illusion oder der Gewissheit, jemand oder auch nur etwas würde auf sie warten. Eine Begrüßung am Flughafen – oder eben auch keine Begrüßung am Flughafen, kein Wiedersehen, dafür sich auftürmende Ungewissheiten, weiche Knie, einer fremden, für Neuankömmlinge widrigen Stadt entgegenzufliegen, und im Kopf kreist es um Befürchtungen, unterwegs irgendwo verloren zu gehen. Betende, Trinkende, den Atem Anhaltende. Angekommen gibt es dann immer irgendwelche Taxifahrer und Menschenfischer.

Ziemlich geschäftig das alles, Urlaub, Business, Erfahrungssuche, Wegkommen, Ankommen, der Not entkommen. Und K., auch unter dem Sternenhimmel, hat hier nur seinen Rucksack und die bordeauxroten Nylonborsten zum drauf Ruhen. Schuhe, Hose.

Hier im Stillstand wäre endlich einmal Zeit für irgendwelche vernachlässigten, inneren Aktionen, ein Zwischenraum, ohne Ablenkungen. Eine Kollateralperspektive. Ach, diese Nächte sind wie geschaffen zum Philosophieren. Früher in der Bahn, das Sechserabteil alleine und dann quer durchs Land, das Rattern, auch langes Rumstehen irgendwo in der Walachei. Für das Denken war das perfekt, für jugendliche Lebensaufbereitung. Und das nun in Asien. Dieses Asien ist noch immer für ein paar Risse im Komfortzonendenken gut.

K. freundet sich mehr und mehr mit seinem aktuellen Schicksal an.

Wenn er den Moment nun gar dehnen könnte, es nicht nur ein Übergang zwischen gestern und morgen, zwischen zwei ihn ausmachenden Bühnen des Lebens wäre!

Die Wohnung, Nachbarn, Kollegen, Familie. Von zu Hause aus gesehen ist das hier fast die ultimative Katastrophe. Verpflichtungen, andere müssen es auffangen, wenn man einfach so wegbleibt, ja gewissermaßen wegbricht. Hier hat der Apparat, das ganze System einfach versagt. Aber wieso fliegst du auch mit so einer Airline. Er hört schon die Vorwürfe, Stefans Häme, Natalies Mitleid. Unbezahlter Urlaub, oder den nächsten schon angeknabbert. Abmelden wär’ schon nicht schlecht, jetzt aber besser noch nicht, zum Wochenende, das sollte man denen nicht gleich verderben.

Da kommt sie schon wieder. Woher wohl? Bestimmt Afrikanerin, dieser etwas schlurfende, müde Gang, schwer, aber bestimmt für weite Wege gut, ohne jede Hektik, schleppend, nicht fröhlich, sie wirkt sichtlich wenig engagiert, eher verdrießlich. Sie trägt dunkelblaue Hartgummisandalen, hier. Aber beim Mülleimerleeren ist sie gedanklich ganz woanders, das kann man sehen. Hat sie Kinder zu Hause? Ob die jetzt schlafen? Und morgen früh, nach der Arbeit, muss sie sie wecken, Frühstück machen, zur Schule schicken? Ein Mann? Ihr Mann, hält zu ihr, arbeitet auch, auch im Flughafen bei der Gepäckverteilung – oder trinkt er oder hängt mit Kumpels ab, oder gar kein Mann, dafür aber dann fünf Frauen im besten Alter in der Wohnzimmer-Migrantinnenwohngemeinschaft. Nur lustig, wenn sie unter sich sind, lästernd, Schwesterndinge machend, Fingernägel lackieren. »If you feel down, make up«, und so.

Die Nacht hat gerade erst begonnen, eine Stunde, seit die letzten Shops geschlossen haben, es wird noch ruhiger. Wo ist mein Ticket? Soll ich, kann ich das jetzt wegwerfen? Oder doch noch behalten? Wo ist mein Pass? Mein Nierengurt – (hautfarben, Seide und Spanntex, flach, quasi unsichtbar) – da ist doch alles drin: Pass, Geld, Karten, alles. In der Unterhose, da wird wohl keiner rankommen. Augen zu. Wo bin ich, eigentlich? Und was ist das für eine Zeit? Irgendwie haut mich das raus aus der Zeit.

Das wäre doch zu schön, jetzt hier, statt oben in den Bergen, statt an dem von Tausenden in unerfüllbarer Erwartung aufgesuchtem Berg nun hier eine kleine Erleuchtung zu bekommen, geschenkt. Airport-Ashram als Variation der Mysterien vom Hauptbahnhof. Auf einem stummen, vielgetretenen Nylonteppich. Hey Teppich, hat dich eigentlich schon einmal jemand gestreichelt? Vielleicht der Teppichverleger, als er sein Werk vollendet sah? Aber danach – wahrscheinlich mehr benutzt als bedankt. Ich darf doch Du sagen, oder? Das haben Sie wahrscheinlich schon gemerkt, wie es hier etwas gedämpfter, feierlicher fast, behüteter vor sich geht, am Rande der Verkehrsfläche, wo wir armen, erschöpften Reisenden Ruhe suchen und finden dürfen.

Wo sind eigentlich die Toiletten? Ich hoffe, ich kann den Platz behalten, habe mich schon häuslich eingerichtet, ein kleines Zuhause für den Moment. Nett. Was red’ ich da? Mann, bin ich blöd? Vielleicht auch nur sehr müde.

Da, hinter dem Pfeiler – die Toiletten. An der Seite ein mittelgroßer, hell erleuchteter Raum mit einem Mann und drei Frauen, er wohl aus Sri Lanka, Tamile vielleicht, denkt K., die Frauen wohl aus Afrika, keine Ahnung aus welchem Land, aber aus der Mitte oder südlicher. Sie scherzen, tragen graublaue Funktionsuniformen mit etlichen Taschen, hinten einem kleinen, aber breiten Bändchen, von zwei gelben Knöpfen gehalten, und stehen neben ihren Minibars, nein, da ist keine einzige Minibar, es sind die ganzen Utensilien zum Putzen: Lappen, Wischmobs, zwei Behälter für Wasser, Reinigungsmittel, Gummihandschuhe und eine Haltevorrichtung für größere Säcke, wohl für Müll und eine Rolle mit blauen Müllsäcken, reißfest.

Auf der Toilette kreischt grelles Licht, was ist das für eine Welt! Es flackert ein wenig, ein Mann in Unterhosen am Waschbecken, neben ihm ein Rollkoffer, auf dem seine Kleidung liegt. Businessmäßig. Es sieht nach »sehr gründlich« aus. Mit einem Waschlappen, wohl ein Europäer, ein Necessaire, offen, ein Rasierpinsel guckt hervor.

Nun geht’s aufs Klo, das ist sauber. Die machen einen guten Job, alles hier ist sauber. Den Rucksack hängt er auf den Haken an der Tür; es ist still, draußen das Plätschern des Wasserhahns, und wie der Waschlappen auf die Haut klatscht und gerieben wird, ein wenig ächzend, hier das Surren der Beleuchtung und ein leises, langsames Wasserlassen. Ein wenig Druck und ein kurzes Plumpsen. Papier ist auch da, aber zu dünn. Er macht aus einlagig achtlagig. Wieso gibt es so dünnes Klopapier? Sinn macht das nicht. Die kleine Unternehmung war gut, sehr okay, nun geht es besser, so ist das Leben leichter. Befreit.

Zum Glück, niemand gekommen. Der Platz noch warm. Hallo Platz! Ein erstes Wiedersehen auf dem Flughafen. Gemütlich, na ja, das weniger, aber immerhin schon etwas vertraut. Wie schnell das manchmal geht, wenn die Not groß ist. Noch 34 Stunden! Zum Nichtstun verurteilt? Von wegen.

Hinten sind kleine Räume der Stille, für Muslime, Christen, Buddhisten auch. Wohl nicht nur zum Zeit totschlagen. Sie dienen betend, erfüllen ihre Pflicht. Und ich? Soll ich jetzt froh sein oder doch meine Situation bedauern, dass ich nichts mehr zu Lesen habe? Mich bedauern? Nee.

Hallo, hallo, Teppich an Reisenden: Ich bin da. Ich will mit Dir reden. Hör mal, besser: Guck mal da drüben, der Mann, dem läuft gleich seine Flasche aus. Leider kein Wasser, er trinkt Rotwein. Das wird Flecken geben und riecht auch nicht gut. Und meine Madams haben genug zu tun, die werden keinen Teppichschaum auftreiben können. Könntest du bitte so freundlich sein und mir und ihm helfen, bitte, Deckel auf, dann richtig draufsetzen und dann zu, merkt keiner, alle schlafen – nur du hörst mir zu. Ich behalt’s für mich – und dank es dir, und: Es gibt dann noch eine nette Überraschung!

K. guckt sich um. Es ist schon erstaunlich, was hier alles rumliegt, Papier, Zeitungen ohne Ende, leere Becher, Kaffee-, Colabecher, Fast-Food-Pappen, Essstäbchen, Plastikgabeln, alles wenig schöne Hinterlassenschaften. In der Summe hässlich. Da, der Mann, der ist weggeknackt, wie der Mund offen steht, das sieht wirklich ganz unnachahmlich bescheuert aus. Mann, das läuft dem doch gleich alles über die Hose, der merkt’s nicht. Der Deckel liegt auch auf dem Boden. Gott, Rotwein, das wird schön stinken. Wird schon nicht sauer sein, wenn ich ihm sein Säftchen zuschraube, und ist ja eine gute Tat, pfadfindermäßig. Jeden Tag eine, oder? Und die ist dann noch für gestern, da hab’ ich’s einfach vergessen.

K. redet nicht nur mit sich selbst über so gemeinschaftsdienliche Sachen, er erhebt sich sogar, trotz der steifen Knochen, tut das Notwendige mit einer kleinen Überwindung. Aber, warum nicht?!

Hey, cool, ein Sudoku, eine Belohnung, das hab’ ich mir aber auch verdient, freut er sich, denn das gibt bestimmt, wenn’s gut ist, schwer genug, eine halbe Stunde, und das ist auch gut fürs Hirn.

Das Blatt Zeitung wechselt damit den Besitzer.

II

Toni 1

Dieser Film! Und vorspulen, keine Ahnung wie, ob das geht, dann könnte ich wenigstens nur die Szene sehen, wo sie zu ihm nach Hause kommt, dieser Regentag, so trist, und sie aus dem Taxi steigt, ihren Schirm aufspannt und trotz des supermiesen Wetters mit einem Lächeln auf den Lippen vor diese Haustür tritt, kurz die Augen schließt und den Regen fast zu genießen scheint, aber es ist wohl nur die Vorfreude, dieser krasse Kontrast, das miese Wetter und sie selbst. Sie klappt dann den Schirm zu, hängt ihn erst mal an den Briefkasten, öffnet dann den Gürtel ihres zitronengelben Trenchcoats, der ist gar nicht erst zugeknöpft, und klingelt. Ein kleiner Moment, drinnen geht das Licht an, also die Hauptlichtquelle nun von vorne, gleich noch mehr Glanz. Er öffnet die Tür, weit auf, sie ist willkommen, denn drinnen ist alles warm und aufgeräumt, hell, gemütlich, ihr Empfang vorbereitet. Sie aber macht einen kleinen Schritt zurück, äußerlich, innerlich geht sie so was von auf ihn zu, und öffnet lächelnd ihren Mantel, weit, ihm in die Augen schauend, und drunter, ein Traum, nicht viel, aber auch nicht wenig, genug zum Alles-ahnen-Lassen. Und ihr Blick, voller Gewissheit, dass das alles mehr als nur passt, der sagt: »Du hast gekocht – hier kommt dein Nachtisch, it’s for you.« Das könnt’ ich hundertmal gucken, scheiß Glück für diesen Typ. Kommt aber erst gegen Ende. Aber das hilft auch nichts. Ich will aber nicht dauernd an die anderen denken, das nervt, das dreht sich ganz von alleine, wie so ein Kopfvideo in Endlosschleife, kommt dauernd hoch wie ein Gummiball, den man ins Wasser drücken möchte, damit er weg ist. Und, lässt man ihn los: Plopp!!!ist er wieder oben, voll magnetisch. Vielleicht aber doch jetzt, Zeit totschlagen, noch viel zu viel Stunden über dem Ozean, vielleicht hab’ ich dann Ruhe, hab’ ich’s dann hinter mir. Mein URLAUB!! Vorbei!!

So fliegt Toni in 11500 m Höhe tief in der Nacht unter den Sternen über den weiten, tiefen Ozean. Den Film lässt er weiterlaufen, vielleicht erwischt er ja diese Szene, mehr geht nicht im Flugzeug. Stewardessenfantasien, weiß er, könnte man haben, sind nicht so sein Ding, und eher für die Business-Class. Weniger eingeklemmt. Er findet sich sowieso etwas zu beleibt, allemal nicht so smart, attraktiv und erfolgreich wie die Herzensbrecher und Frauenbetörer in den Filmen. Toni hat einen Fensterplatz, und – dauernd auf der Pirsch wie der Kerl dort gegenüber, so wichtig nimmt er sich dann auch wieder nicht. Sein und der anderen Dasein miteinander abwägend, reiht Toni sich eben auch einfach mal ein. Nur irgendwas zwischen schade und dumm, dass er nicht den Gang runtergucken kann. Aber man kann nicht alles haben, Fensterplatz und Gangplatz gleichzeitig geht nicht. Nicht auf so einem Langstreckenflug.

Es ist, vom Düsengesause einmal abgesehen, ziemlich still, hier und da flimmert ein Bildschirm und schafft kleine Schimmernester im Dämmerlicht der weiten, endlos langen Kabine der B 777, vereinzeltes Geschnarche, und eben das ferne Sausen der Triebwerke. Alles im Rahmen.

Das kostet jetzt keine Anstrengung, denn es drängt sich einfach rauf, das Team. Schwierig wird’s nur, da ein paar vernünftige Gedanken zu bekommen. Dieses Gestrüpp! Frieder, ich weiß gar nicht, ob er eine Frau hat, oder ist er schwul? Bei ihm muss ich immer an seine überdimensionierten Tassen denken, seit er mal im Iran war, trinkt er gerne pur warmes Wasser, in Unmengen, pro Tasse locker 0,4 Liter. Sagt, das sei gesund und Tee etwas zum Kranke-Leute-Heilen, Wasser aber für Gesunde – und die, die es bleiben wollen. Wo gibt’s so was überhaupt zu kaufen? Vielleicht ist er auch vegan, würde mich nicht wundern. Auf jeden Fall ziemlich prinzipientreu und gewissenhaft, seine Aufgaben macht er gut und ist nicht unbeliebt, es gibt selten Streit mit ihm, oder um ihn, in seiner Gegenwart. Eigentlich ein Lieber, vielleicht sogar zu lieb; immer, wenn jemand was von ihm will oder ihn für was vorschlägt, kann er eigentlich nicht Nein sagen. Gar nicht aus Eitelkeit oder weil er sich in den Aufgaben sonnt, oder sich alles anziehen will, er ist wirklich so ein Teamplayer, macht’s, damit die andern das nicht machen müssen, nimmt einem was ab. Aber er ist auch überfordert, sagt’s ja selbst, er wäre nicht der Beste und macht’s aber trotzdem, kann eben einfach auch nicht Nein sagen. Und stellt sich den Sachen, so unzulänglich er sich auch fühlen mag, für uns. Krass. Kämpft lieber mit sich als mit anderen, oder für andere. Irgendwie nicht eitel, auf Klamotten legt er nicht so wert, dafür aber auf Harmonie. Streit kann er gar nicht ab, schon wenn’s etwas knistert, wird’s ihm unbequem. Dann fängt er an zu leiden und viel zu reden, ernst und dann mit einem eigenartig irren Lachen. Aber da haben wir schon auch was gemeinsam. Pisst du mich nicht an, piss ich dich nicht an. Ist so unser Motto, im Team. Aber er macht schon mehr, als er muss – und sollte, aber eigentlich nur auf Zuruf, nicht so mit diesem Übereifer wie Eve. Eve reißt schon was, schafft manchmal auch etwas Druck oder ein schlechtes Gewissen, wenn man mal nicht alles geben mag. Die will immer alles. Aber die Gentleman-Agreements, ein ruhiger Arbeitsalltag, da denkt sie gar nicht dran. Und alle paar Wochen neue Ideen, wo die alten noch nicht mal ein bisschen verdaut sind. Aber ich muss wohl sagen, »war« und »hatte«.

Eve hat sich da einfach nicht drangehalten, geht doch nun wirklich nicht immer um Leben oder Tod, kein Wunder, dass sie raus ist. Glaube gar nicht mal, dass sie da Spaß dran gehabt hat, die Finger immer in die Wunde zu legen. Kam aber definitiv nicht immer gut an. Hat uns dann auch alle unter Druck gesetzt, mich zumindest, aber die anderen auch. Zu hohe Ansprüche, würd’ ich mal sagen, und dann einfach heiß gelaufen. So bringt’s nichts, lieber langsam besser werden, gemeinsam immer etwas okayer, aber nicht so vorpreschen, das stört den Betriebsfrieden, wir sind ja ein Team, kann auch Neid schüren.

Auf Privilegien war sie aber nicht so aus, und dennoch haben die anderen dann Angst, dass so jemand bevorzugt wird und man selbst dann abgehängt wird. Oder das Thema Selbstbevorzugung. Kennt man ja, hallo! Nelli!! Hier ein wenig an der Arbeitszeit fummeln, wer hat den Freitag als »Freutag« gebucht – dort an den Ferienterminen, unterwegs mal ein etwas besseres Hotel. Man muss halt die Schaltstellen kennen. Nelli hat’s da einfach drauf. Geben und nehmen statt geben und geben lassen, wie Eve.

Kein Wunder, wenn nun niemand mehr laut was sagt, jetzt, wo die Gute weg ist. Eine Leiche mehr am Weg. Wheels on fire, drehen, bis es glüht. So ein Team funktioniert nur, wenn die Fahrrinne klar ausgewiesen und das Wasser ruhig ist. So ein bisschen Druck und Anregungen braucht man ja schon, denk ich auch, auch mal Provokantes, Irritation, aber bitte in Maßen und lieber nicht aus dem Team selbst. Besser Druck von außen, der uns dann zusammenrücken lässt, zusammenschweißt. Auch nicht Belehrung, schon gar nicht aus den eigenen Reihen, das kann echt keiner ab. Lieber jemanden von den Coaches einladen, Teambildung, okay, muss sein, aber nicht von Kollegen, mit denen man dann auch noch zu Mittag isst. Das schafft wieder so eine dumme Hierarchie, aus Neid und Eifersucht, nicht aus dem Team, wie soll man sich dann im Alltag noch arrangieren? Arbeitet man in einem Büro zusammen, dann müssen sich die Temperaturen angleichen, wie in der Physik. Auch bei Druckluft und Mief.

Mit Eve gab das keinen Frieden. Irgendwie läuft die immer auf Vollspannung, noch was mehr und stärker wollen, und nicht nur die ohnehin schon ziemlich absurden Vorgaben von der Leitung, nee, die war schon so, als ob das ihr Leben wäre, ja, ihre Arbeit ihr Leben, und dazu nicht in der Raucherecke und so auch wenig bis kein Gequatsche. Hat ja schon selten mal Stimmung gemacht, selbst nicht gegen Nelli, was wir schon alle verstanden hätten, maximal Augenkullern, aber dann auch irgendwie loyal, war ja Teil des Teams.

Nee, Nelli ist das Team, sozusagen, darf man ihr aber nicht sagen, sonst läuft sie an, megatomatig, und fühlt sich erwischt. Die beiden sind wirklich wie Feuer und Wasser. Eve hat aber immer ziemlich genau gewusst, was die anderen so treiben, was sie gut können und womit man einen tunlichst in Ruhe lässt, wer die Zahlen kennt, wer netzaffin ist. Und immer alle einbezogen, als ob sie einem damit einen Gefallen tun wollte, aber eben zu oft, das wurde auch anstrengend.

Über andere schlecht reden? Eve? Nee, hat sie eigentlich auch nicht, hab’ ich mindestens nicht mitbekommen. Kein Bock auf Firmenpolitik, war ihr ziemlich egal. Vielleicht weiß die gar nicht, dass so was dazugehört. Dass sie sich aber so viele und gute Kontakte aufgebaut hat, hat schon geärgert, irgendwie für uns ’ne Nummer zu groß, und dass man sich dann bei jedem kleinen Scheiß fragt, was Eve wohl dazu sagen würden, was sie dazu denkt – das war zu viel. Über den Tellerrand hinausgucken? Okay, aber wenn man dabei die andern aus den Augen verliert? Ich bin ja der Koordinator, nicht sie, also ich denke, es hätte viel mehr angesprochen werden müssen. Hätte, eigentlich.

Nelli wird’s recht sein. Ach Nelli, irgendwie bist du auch ein armes Würstchen. Hast du die Idee, oder hat sie dich, man könne dich nur für fleißig-tolle Leistung mögen. Aber du sitzt an der Schnittstelle, musst für uns Rechenschaft ablegen und bist ja echt auch ein ziemlich fleißiges Bienchen. Ach, fleißig sind wir eigentlich alle, oder? Aber wenn die Teamleiter sich treffen, dann ist sie vorher immer ganz schön aufgeregt, lacht erst mehr und viel, dann zu viel, sucht Unterstützung durch noch mehr Gespräche und, nein, erwartet nicht, nimmt sich ohne Rücksicht, dass man ihr zuhört. Ist ja auch nicht wenig anstrengend. Wenn sie mal loslegt! Man weiß gar nicht, wann man dann wieder zu den eigenen Aufgaben zurückkommen kann. Und, was sie wie keine kann: Wenn man während so einer Situation kurz was von ihr will, was, das irgendwie die Sache, von uns, UNS!!, der Mannschaft, des Teams, – denn was anderes haben wir ja nicht – voranbringt und sie gerade mit jemand anderem im Gespräch ist – und auch noch merkt, dass man wartet – dann geht’s mit Sicherheit mal was länger, so die kleinen Gelegenheiten im Team mal zu zeigen, wer und was Vorrang hat, wer hier wichtig ist, egal, man kann ja gar nicht so wichtig sein wie Nelli. Die Guterzogenheit der andern schamlos als Instrument einsetzen. Und wenn du dann noch ein Mann bist, Arschkarte, aber nee, die Klara hat sie letztens ja auch mal richtig gepudert.

Das macht mich manchmal schon ganz kirre, weil, die Signale, die versteht sie entweder nicht oder sie genießt es, wenn man zu zappeln anfängt, wird dann manchmal extra freundlich und lacht viel, amüsiert sich dann ganz köstlich an dem, was sie selbst so erzählt. Das ist schon voll die hohe Kunst, dann, ohne sie verlassen zurückzulassen, dann da elegant und geschmeidig wegzukommen. Was für ein Aufwand! Ihr nicht genug Aufmerksamkeit zu schenken, das mag sie wirklich gar nicht. Das kommt dann später wieder raus, zur Unzeit. Ihr wisst ja gar nicht, was ich alles für euch tue, euch den Rücken freihalte, der Druck von der Leitung ist viel stärker, als ihr euch denkt. Kann sein, dass es uns ohne mich gar nicht mehr gäbe, da wird ohne Ende outgesourct, die wollen vor allem auch gute Zahlen, und immer bessere.

Ja, im Team müssen wir uns alle bei Laune halten, nur das Team zählt, aber manche sind definitiv mehr Team als andere, alle sind eben gleich, manche aber besonders teamig. Alle auf Augenhöhe, dann geht’s voran. Wenn Nelli was macht, ist das immer nur fürs Ganze, denkt sie, die anderen drehen immer auch am eigenen Rädchen, sagt sie auch.

Toni beginnt plötzlich Spaß zu haben, mal so in aller Ruhe durch die Runde zu gehen. Er hat ein wenig Durst, jetzt gibt’s aber nichts und die Dose ist auch schon alle. Aus seinen neuen Schuhen, zum Rein- und Rausschlüpfen, ohne sich zu bücken, voll flugzeugtauglich, ist er rausgeschlüpft, spielt mit den Zehen ein wenig rum, ist ganz froh, dass er nicht geschwitzt hat an den Füßen, fasst sich dennoch an den linken Socken, auch von unten, und schnuppert dann an seiner Hand. Feiner Ledergeruch. Das gefällt ihm und er ist auch froh, dadurch nicht zusätzlich negativ zum Kabinenklima beizutragen. Toni ist schon auch gerne rücksichtsvoll. Er klappt den Bildschirm wieder auf. Sie telefonieren miteinander, sie wohnen ja nicht zusammen, sind zwar schon länger Kollegen aber erst seit Kurzem liiert, gleicher Betrieb, aber nicht gleiche Abteilung, auch nicht gleicher Standort. Noch ist es eine Fernbeziehung, in der Stadt, aber die ist größer, wird wohl London sein, da kann man schon einmal eine dreiviertel Stunde oder Stunde unterwegs sein, von ihr zu ihm ist’s schon auch ein Stück. Hat auch was, Abstand, jeder hat sein eigenes Reich, eine ganz eigene Vorfreude, längere Vorfreuden, weil die Wege länger sind. Geht aber noch eine Weile, bis sie bei ihm ist. Sie muss erst noch mit ihrer Mutter telefonieren, der Anruf zum Wochenende. Dann wird sie duschen, beim Abtrocknen mit ihm telefonieren, das Handy zwischen Ohr und Schultern, sieht klasse aus, vor allem die nassen Haare und ihre nackten Schultern, und wie sie so entspannt drei Sachen auf einmal macht, Telefonieren, Abtrocknen und sich auch noch einen Espresso rauslässt. Frisch hat sie sich schon gemacht, und nun peppt sie sich auch noch von innen auf. Ihn sieht man, nur durch einen Querbalken von ihr getrennt, natürlich auch telefonierend, aber mit einer Freisprechanlage, das weiße Kabelchen hängt ihm unter dem Kinn, und mit großen Einkaufstüten. Champagner, Fisch, irgend so was wird schon in der Tüte sein, ist ja alles lecker in dem Film, die Leute, die Wohnungen, die Autos. Also, dauert noch, bis sie kommt … und so klappt Toni das Ding wieder hoch. Nachschlag?

III

Norma 1

Die Frau vom Airport-Cleaning-Service hat heute Nacht – es ist jetzt gegen zwei Uhr – wahrscheinlich noch eben so viel Zeit vor wie hinter sich, das heißt: Kräfte einteilen, noch etwas für später übrig behalten. Jetzt ist es ruhig, Nachtbetrieb, ungestörteres Arbeiten, die großen Gruppen kommen erst in ein paar Stunden wieder, die allgemeinen Hinterlassenschaften bleiben eine Weile überschaubar. Hier, beim Mülleimerleeren, aber ist sie routiniert gründlich, gedanklich ganz wo anders. Sie schleift den ziemlich voll gewordenen Müllsack hinter sich her und verschwindet dann hinter einem Pfeiler. Bald schon kommt sie wieder um die Ecke, hievt ihren Sack auf einen größeren Wagen, dort liegen schon drei, vier.

»Hi Girls, hi Mister.«

Ihr Ablaufplan wiederholt sich in jeder Schicht: Morgens soll alles für die durchzuschleusenden Massen bereit sein. Seit die Flughafen-Reinigungsfirma etliche kleine Fahrzeuge zum Wischen und Wegsaugen angeschafft hat, arbeiten nun mehr Männer im Reinigungsdienst, Frauen lassen sie nicht so gerne auf die Hygieneboliden. Die Männer machen das noch gerne. Es sieht dann doch mehr wichtig als lächerlich aus und ist ziemlich bequem, nicht so peinlich wie Rumwischen. Die Männer haben damit schon ihre Probleme. Die Frauen sind nun mehr für die kleinen Flächen und unzugängliche Ecken zuständig, selbst für die Toiletten, sogar auch die für die Männer – und, man stelle sich das einmal umgekehrt vor! Klogang, alle halbe Stunde, da muss man durch, aber es ist wirklich die in jeder Hinsicht letzte Aufgabe, denn, wenn man auf den Toiletten putzt, dann haben die Toiletten einen ganz, da läuft nichts anderes. Da ist die Arbeit in den weiten Gängen schon angenehmer, auch wenn es um die Sitzreihen herum viele gelangweilte Leute gibt, die scheinbar nichts Besseres zu tun haben, als blöd rumzuglotzen und Müll zu verteilen, Reisende, die zu faul sind, ihre Sachen wegzuräumen, zum nächsten Mülleimer zu gehen.

Die ACS-Madam wirkt in all der flughafentypischen Mischung von Leerlauf, Fluss und Hektik – keiner kommt, um hier zu sein, alle wollen nur möglichst schnell weg – entschleunigend. Das Ergebnis allerdings ist wenig von Dauer, alles andere als nachhaltig, die Pappbecher, Wasserflaschen, Nasi-Goreng und Nudel-Boxen, Zeitungen – eine kostet manchmal so viel wie ein, zwei Stunden Arbeit von ihr.

Wo nehmen die Leute das Geld bloß her? Und es wird nicht weniger. Na ja, mein Glück, ist meine Arbeit.

Sie wirkt wie Ende dreißig, Anfang vierzig. Ganz weit weg von zu Hause, aber nicht gedanklich weit weg, aufrichtig religiös; verzweigte Familie, in aller Welt. Da ist sie in einer großen Gemeinschaft geborgen. Sie hat etwas Brother-sister-Mäßiges, liebt es, darin und da heraus zu leben, Fremde sind fremd, und wirst du mit ihr bekannt, wie Marc, der Bar-Mann, bist du schnell in ihrer Herzenswärmehülle, deswegen ist ihr auch das viele aneinander Vorbeigehen am Airport eigentlich ein Graus. Aber hier sieht niemand wer und wie sie ist. Schon gar nicht in ihrem grauen, sie deutlich als unattraktiv und wenig beachtenswert einsortierenden Kittel. Die hier Durchreisenden leben in einer anderen Welt, quengeln, wenn sie sich mit jemandem etwas teilen müssen, sich im Wartebereich jemand direkt neben sie setzt, irgendein Ablauf nicht wie geschmiert läuft. Wege zu lang, Schalter nicht offen, Peanuts zu teuer. Dann gibt es noch mehr Dreck. Unklar bleibt, ob das Liegenlassen der Hinterlassenschaften pure Unachtsamkeit, dämliche Bestrafung derer, »die mal ihren Job machen sollen«, ob es »Das-macht-doch-immer-die-Mutti«-Syndrom oder blanke Dummheit ist. Sie hat seit Monaten nicht in einem eigenen Bett geschlafen, eines, das nur für sie da ist. Sie ist selten wirklich alleine, eigentlich nur auf dem Klo. Die meisten Reisenden sind ihr herzlich egal, manchmal neidet sie jemandem die schöne Jacke, auch mal den smarten Mann, mittlerweile weniger, war mehr am Anfang, sonst – es ist nicht so, dass die Verachtung wächst, aber die Achtung schrumpft schon. »Diese Leute, manchmal ganz schön arrogant, mit zu viel Zaster, machen Dreck, sind übermüdet, nachlässig bis sehr schlecht erzogen, in der Masse zu viele unselbstständige Muttersöhnchen. Das Schlimmste ist auf Klo, manche geben sich da gar keine Mühe und zeigen ihre Verachtung der Welt und den kleinen Dienern gegenüber im Danebenstrullern, Hand-Papier auf den Boden werfen. Ja, die tragen coole T-Shirts und Käppis ihrer großen Basketballidole und wären gerne Michael Jordan oder Kobe Bryant und treffen mit dem Papier zum Hände-Abtrocknen nicht einmal den darunter stehenden Korb. Erbärmlich.« Die tun ihr dann leid.

Die weiten Räume, da bewegt sie sich gerne drin, besser als in der zu engen Wohnung mit – bei aller Liebe – zu viel Frauen. Hier ist viel Licht, Glas, Weite. Das hält sie gerne sauber.

»Hey, Norma, was hörst du?« Sie klimpert ein wenig mit den Wimpern, nimmt den Stöpsel aus dem Ohr. »Keine Ahnung, hör selbst.« Eigentlich sollen Fundstücke ja sofort abgegeben werden, aber, wenn es denen nicht so wichtig war, Norma hat ihren kleinen Spaß dran. Musik.

Gerade aber ist sie etwas müde und schlapp, wie immer nachts, tags ist sie dann schon auch spritziger, anwesender, mit Funk und Soul im Ohr, auch mal ein paar Gospels (ohne Stöpsel, sie hält sich ein paar veritable Ohrwürmer ohne I-Pod-Zufuhr). Dann tanzt sie auch mal ein wenig beim Gehen, schwingt die fülligen Hüften, während sie die Nichtminibar wie eine Minibar vor sich herschiebt.

Mal ganz für den eigenen Spaß – denn auch vermeintlich graue Mäuse in Funktionsoveralls sind nicht nur des Spaßes fähig, sie können ihn auch zelebrieren – gefällt sie sich auch darin, gelangweilte Reisende auf den Mann im Mann auszutesten. Wenn sie mal wirken will, weiß sie schon wie. Ihre Arbeitsuniform bevorzugt sie eher etwas kleiner als zu weit. Eine große Brust ist eine große Brust, schöne Augen sind schöne Augen, und seinen Blick hat kaum jemand unter Kontrolle, schon gar nicht am Flughafen. Und nicht alle stehen auf makkaroniförmigen Stewardessen mit wenig auf den Rippen, die wollen Fleisch sehen statt Kostümchen, etwas zum Überwältigt-Werden.

Meist aber wird sie nicht wahrgenommen. Wenn, dann sind es oft Europäer. Am schlimmsten sind Landsleute, die vom Kontinent, vor allem die Businessmänner, die kommen wirklich von ganz weit oben runter. Da hebt kaum mal jemand die Füße, damit sie es etwas leichter hat, gründlich auch unter den Sitzen den Dreck wegnehmen kann. Und es gibt solche Strolche, die haben Spaß dran, was fallen zu lassen, oft junge Leute, ihr scheint, es sind diese chronisch coolen Amis, Engländer. Die sehen niemanden mehr. Sie träumt dann: Mal mit dem nur schwach ausgewrungenen Wischmopp diesem oder jenem über seine arrogante Visage oder lieber noch die schicken Anzug-Hosenbeine oder Marken-Chucks der Leute, die es nicht nötig haben, mal ganz kooperativ was anderes als ihr weißes Näschen hochzuhalten. Ein tropfnasser Wischmopp im Schritt: Hey Sie, Mister, Schluss mit dem Cool-Sein, ich mach hier sauber! Be part of the game!

IV

Sina 1