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Wehe, du küsst mich! Physiotherapeutin Alex Pounder hat Mist gebaut und muss Sozialstunden ableisten. Durch Zufall kommt sie zu den L.A. Roadies, ein Footballverein, der ums Überleben in der NFL kämpft. Myles Hutchinson, ältester Stammspieler und bulliger Linebacker, hat keine Lust mehr auf seine letzte Saison, bis er Alex trifft. Ihre freche Art und ihre braunen Augen verdrehen ihm den Kopf. Trotz Kontaktverbot kommen sie sich näher und können die Hände nicht voneinander lassen. Es beginnt eine aufregende, humorvolle und sexy Football-Liebe in L.A.
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Dieses Buch ist für alle beste Freundinnen, die eine Ablenkung vom grauen Alltag brauchen.
Denn das Leben spielt immer sein eigenes Spiel.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
28. August 20.30 p.m.
„Nerve ich dich?“
Alex verdrehte die Augen. Es hätte ihr klar sein müssen, dass der Idiot sie verfolgte. Unabsichtlich natürlich. Sie hatten eben denselben Weg. Zur selben Zeit. Kann ja mal passieren. Das passierte aber schon zum dritten Mal. Alex schwieg und ging zu ihrem Fahrrad.
Myles Hutchinson war der einzige Spieler der L.A. Roadies, der noch nie bei ihr auf der Therapieliege gelegen hatte. Er war der einzige, den sie noch nie angefasst hatte. Mehrfach hatte sie gesehen, wie er zu ihr herübergeguckt hatte, wenn einer seiner Mitspieler sich von ihr hatte behandeln lassen. Aber Myles war immer nur zum alten Masseur Billy gegangen, nie zu ihr. Bis letzte Woche. Da hatte er angefangen, sie mit blöden Fragen zu löchern.
„Was macht man bei einem Kreuzbandriss? Wie lange kann man damit nicht spielen?“ Oder: „Wie lange dauert es, wenn man eine Operation an der Schulter hatte, bis man seinen Arm wieder ganz hochnehmen kann?“
Weil sie seine Fragen doof fand, hatte sie ihn auflaufen lassen und geantwortet mit: „Kommt drauf an“ oder: „Je nachdem, was operiert wurde“ und: „Das bestimmt der Chirurg“.
Myles Hutchinson, der wuchtige Linebacker, war ihr suspekt. Zurückhaltend einerseits und dann nervtötend. Gleichzeitig fand sie ihn witzig, wenn er versuchte nachzudenken und dabei wirkte wie ein eingerosteter Ritter. Die andere Teammitglieder brachten ihr gegenüber mal einen sexistischen Spruch, damit konnte sie umgehen. Aber mit Myles hatte sie sich nie beschäftigt. Er wirkte manchmal auf sie wie ein stiller Junge im Körper eines Bullen, der alles wegrammen konnte, was ihm entgegen kam, der darüber aber nicht glücklich schien. Und der mit blöden Fragen nervte.
Ein Tippen auf ihre Schulter. „Ob ich dich nerve, habe ich gefragt. Ich möchte etwas wissen.“
Sie öffnete das monströse Panzerschloss an ihrem Rennrad und drehte sich um, unheilvoll mit der schweren Kette in ihrer Hand tändelnd. „Du gehst mir auf den Sack, Hutchinson.“
Ein breites Grinsen erschien unter seiner Pilotenbrille, in deren Gläsern sie eine sehr große, erboste Frau sah. Böse gucken konnte sie verdammt gut.
„Ich kann dir nicht auf den Sack gehen, Alex. Du hast nämlich keinen“, sagte er frech.
Diese Vorlage kam wie gerufen. Alex dimmte ihre Stimme eine Sequenz tiefer. „Sicher, Babe?“
Dieser eine kleine Moment, der über sein sonnenbrillenverspiegeltes Gesicht huschte, reichte, um aus der böse guckenden Frau eine überheblich guckende Frau zu machen.
Dann grinste Myles wieder, aber Alex wusste, dass er nachdachte. In seinem Rammskopf begannen sich Rädchen zu drehen, die durch zu viel Football eingerostet oder wahrscheinlich noch nie benutzt worden waren. So wie er dastand, unbeweglich in Körper und Geist, stand er auch immer auf dem Spielfeld, wenn seine Mannschaft noch unbedingt einen wichtigen Punkt brauchte, aber der Abpfiff ertönte.
Ihrem überheblichen Spiegelbild in seinen Brillengläsern zuzwinkernd, sagte sie: „Kannst ja mal darüber nachdenken, was heutzutage alles möglich ist. Hormonell, chirurgisch und so. Schönen Abend noch.“
Damit stieg sie auf ihr altes Herrenrennrad und fuhr über den riesigen Parkplatz, vorbei an den vielen teuren Protzschlitten, die sich sogar die jungen Rookies der L. A. Roadies leisten konnten. Myles kleiner Porsche, der wie eine mickrige Flunder zwischen den Jeeps, SUVs und Pickups fast verschwand, wirkte verloren wie ein Kindergartenkind bei einer Militärparade. Dass einer der größten Spieler das kleinste Auto fuhr, war eigentlich ein Witz. Alex bog auf die Straße ein und sah aus dem Augenwinkel, dass Myles Hutchinson immer noch dastand, wo sie ihn stehengelassen hatte.
„Ratter-ratter-ratter“, murmelte sie und genoss die Vorstellung von verrosteten und verkümmerten Zahnrädern im Kopf des bulligen Abwehrspielers.
Eine Viertelstunde fuhr sie bis zum Bahnhof, weil das Trainingsgelände so weit außerhalb von Pasadena lag. Dann ging es mit dem Rad im Zug weiter. Sie hätte auch die ganze Strecke radeln können, immerhin ging es nur bergab, von den kühleren Bergen hinunter nach L.A., aber sie war zu müde. Die Doppelbelastung von ihrem regulären Job in einem Hospiz und der Sache im Verein, schlauchte sie sehr. Die Zeit in der rumpeligen Vorortbahn nutzte sie oft, um zu lesen. Alex liebte Comics mit Wikingern oder Mystisches. Fantasy mit Drachen durfte es gerne sein, düster, geheimnisvoll, mit Zauberei und mit Frauen, die Männer im Schwertkampf besiegten oder mit Gift gefügig machten, wenn nicht sogar umbrachten. Herrlich.
Aber heute taten ihre Hände so weh, dass sie kaum das dünne Comicheft festhalten konnte. Sie wusste, dass die Jungs sie testeten. Und sie hatte die Herausforderung mit jedem einzelnen aufgenommen. Ihre Finger zahlten den Preis. Auch ihr rechter Unterarm war geschwollen und schmerzte. Tennisarm, die Berufskrankheit der Physiotherapeuten, die sich als Masseure verdingen ließen. Sie war selber daran schuld. Verärgert steckte sie das Comicheft in ihren Rucksack und sah gedankenverloren aus dem dreckigen Zugfenster.
Sie war froh gewesen, dass die L.A. Roadies sie genommen hatten. Das war ihre Bewährungssache, die sie ausstehen musste. Der Richter hatte bei der Verkündung des Urteilsspruchs gegen sie bestimmt etwas anderes im Sinn gehabt, als den allerletzten Footballverein der NFL, als er sie zu einem halben Jahr Sozialstunden verdonnert hatte. Der Tipp dafür war von einer alten Dame gekommen, die in der Erdgeschosswohnung drei Stockwerke unter Alex lebte. Und weil Alex schon immer ihren eigenen sturen Kopf gehabt hatte, leistete sie bei einem Footballverein, der vor Millionen strotzte, für sechs Monate ihre Sozialstunden nach dem dreimonatigen Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt ab. Solange durfte sie L.A. County nicht verlassen. Dabei wollte sie eigentlich nur weg. Raus aus der Hitze, dem Dreck und dem beschissenen Leben, das sie an das erinnerte, was zu ihrer Verurteilung geführt hatte. Sie musste durchhalten. Nicht nachdenken, nur durchhalten.
Bei ihrem Vorstellungsgespräch hatte der Manager sie genau gemustert. Jeden Zentimeter ihrer Einmeterachtzig hatte er abgescannt. Ihre Hände, die breiten Schultern, ihre Arme und ihr Gesicht. Beim Rausgehen bestimmt auch ihren Hintern, ansonsten gab es an ihr nicht viel zu sehen, was einen Touch Weiblichkeit aufwies, und das bisschen, was sie hatte, wusste sie geschickt zu verbergen.
„Sagen wir mal so, Miss Pounder“, hatte der Manager gesagt und sich lässig in seinem Lederschreibtischstuhl mit ergonomischer Rückenstütze zurückgelehnt. „Sie brauchen einen Verein für ihre zu leistenden Sozialstunden, der bereit ist, eine verurteilte Kriminelle zu beschäftigen, und wir brauchen dringend Unterstützung für unsere Mannschaft, die dieses Jahr die besten Chancen hat aufzusteigen. Sehr weit aufzusteigen, wenn sie verstehen, was ich meine.“
Das Glühen in seinen kleinen Schweinsäuglein hatte Alex nie vergessen. Auch nicht, was er danach gesagt hatte.
„Wenn wir Sie einstellen, sind Sie verpflichtet, ein halbes Jahr lang acht Stunden pro Woche hier zu arbeiten. Kein Urlaub, kein freier Tag. Wenn die Mannschaft es wünscht, werden Sie sie zu Auswärtsspielen begleiten, das hängt von ihrem therapeutischen Talent ab. Bei der letzten Mannschaftsbesprechung hatten die Jungs darum gebeten, einen neuen Masseur einzustellen, der alte Billy hätte nicht mehr genug Kraft. Jemand hatte sich den Scherz erlaubt, um eine Masseuse zu bitten. Ich denke, den Wunsch kann ich den Jungs erfüllen.“
Sein schmieriges Lachen hatte wehgetan. Nicht nur, weil es absolut sexistisch gemeint war, was ihr mittlerweile arg gegen den Strich ging, sondern weil es gegen ihre Berufsehre ging. Sie war Physiotherapeutin, keine Masseuse aus einem zwielichtigen Etablissement.
Mit allen Mitteln hatte sie versucht, ihre Wut über diesen arroganten Schnösel herunterzuschlucken, aber auf Provokationen jeglicher Art hatte sie schon immer allergisch reagiert.
„Ich bin Physiotherapeutin“, hatte sie sehr freundlich durch zusammengebissene Zähne versucht, richtig zu stellen.
„Masseuse“, hatte der Manager gesagt. Und sein Tonfall hatte keine Alternative zugelassen. Sein widerliches Grinsen bestätigte den Verdacht, dass er mit ihrer Einstellung mehr als zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte. Zum einen die Entlastung es alten Therapeuten, zum anderen kam er mit der Walküre, die sich ihm vorgestellt hatte, dem Wunsch der Mannschaft nach, nur nicht so, wie die es sich gedacht hatte. Und das Ganze auch noch gratis wegen der Sozialstunden. Fuck! So hatte Alex nicht gedacht.
Mit Wünschen sollte man vorsichtig sein, das wusste sie, aber auch mit dem Erfüllen der Wünsche. Niemals würde sie vergessen, wie der Manager aufgestanden war und ihr über seinen riesigen Schreibtisch hinweg die rechte Hand hingehalten hatte.
„Deal?“
Das war der Tropfen gewesen, der ihr Provokationsfass zum Überlaufen gebracht hatte. Auch sie war aufgestanden, hatte den kleinen Anzugträger um Haupteslänge überragt, seine Hand ergriffen, sie zu sich gezogen, sodass er gegen seine Schreibtischkannte gerumst war und so sehr zugepackt, wie sie glaubte, dass er es von einer Masseuse erwarten würde. Das Knirschen seiner Mittelhandknochen war Musik in ihren Ohren und das freundliche Lächeln auf ihrem Gesicht das Tüpfelchen auf dem I gewesen. Ja, sie hatte ihn verstanden. Er sie hoffentlich auch.
So hatten die Provokationen begonnen. An ihrem ersten Tag war sie vom Teamchef zu einem Besprechungsraum mitgenommen worden, nachdem auch er sie einer genauen Musterung unterzogen hatte, inklusive einem tiefen Seufzer und gerunzelten Augenbrauen.
Er war in den Raum getreten, mit der Ankündigung: „Auf Wunsch einiger Witzbolde unter euch, hat der Manager euch einen Ersatztherapeuten ausgesucht. Darf ich vorstellen, eure neue Masseuse: Alex Pounder.“
Das waren genau die Auftritte, die Alex widerstrebten. Sehr tapfer war sie in den Raum hineingegangen, in ihren Turnschuhstiefeln, dem blauen Hemd und der weiten, hochgekrempelten Jeans mit Hosenträgern.
Bloß nicht stolpern, setz die Füße geradeaus, halte dich aufrecht. Schultern zurück, hatte sie dabei gedacht und sich selbst darüber geärgert. Manchmal war sie einfach nur ein Mädchen. Auch wenn sie nicht danach aussah.
Die Begrüßung der Mannschaft war ehrlich gewesen. Einige hatten lauthals gelacht. Einer hatte sich an seiner Wasserflasche verschluckt, ein anderer war verhauen worden. Das war wohl der, der den Wunsch nach einer Masseuse ausgesprochen hatte, und einer war zur Tür gegangen, um auf dem Flur nachzusehen, ob die richtige Massagetussi noch kommen würde.
Übelnehmen konnte Alex ihnen dieses Verhalten bis heute nicht. Es war ehrlich gewesen und damit hatte sie von Anfang an gewusst, woran sie war. Das war ihr immer schon lieber gewesen als nett gemeinte Lügen.
In den ersten Tagen ihrer Sozialstunden als Masseuse, waren alle Provokationen dabei gewesen von: „Machst du es auch nach Feierabend“, über: „Kannst ruhig fester“, oder: „Massierst du auch unter dem Handtuch?“ mit ganz viel Augenzwinkern, bis hin zu: „Ich habe eine Adduktorenzerrung, aber ich glaube, das Problem liegt höher“.
Auch wenn sie wusste, dass die muskelbepackten Spieler teure Körper hatten, die stückweise versichert waren, hatte sie gerne „fester gemacht“ oder die Adduktorenzerrung mittels Querfriktionen und Eisstick oberhalb des Muskelursprungs behandelt, bis den Spielern der Schweiß ausgebrochen war und sie versuchten, gegenseitig ihre blauen Flecken vor den Teamkollegen zu verbergen.
Das hatte ihr einen Rüffel vom alten Therapeuten Billy eingebracht. Zu recht. Klar, kein Therapeut durfte die Grenze zwischen sinnvoller Behandlung und Tierquälerei überschreiten. Aber sie hatte es getan. Dennoch war der alte Billy froh, dass er seine kaputten Hände ausruhen und es Alex überlassen konnte, die Jungs zu therapieren. Was auch immer er unter Therapie verstand. Seinem Augenzwinkern nach, war er mit seiner Ersatzkraft von Anfang an ziemlich einverstanden gewesen.
Als die Türen der Bahn aufgingen, schwappte Alex die muffig heiße Luft, die so typisch nach South Central roch, entgegen. Ihr altes Rennrad schulterte sie und ging zu den Treppen. Je länger sie für die L. A. Roadies arbeitete, umso mehr wurde ihr der Kontrast zwischen der ordentlich piekfeinen Sportanlage, den frischgeduschten Spielern mit ihren Superkörpern und dem von Bandenkriminalität durchzogenen Stadtteil South Central bewusst, wo an jeder Ecke stinkender Müll lag und die Menschen ganz anders aussahen und sich auch anders benahmen. Trotzdem mochte sie es, hier zu leben. Es war ein Teil ihrer Kindheit und bis heute fühlte es sich immer noch so an, als würde sie nach Hause kommen, wenn sie um die Blocks radelte, an Graffitis und kaputten Autos vorbei, an Menschen, die vor den Häusern saßen, Musik machten oder mitten auf dem Bürgersteig ein BBQ zubereiteten. Der Ton hier war oft rau, aber ehrlich. Wenn jemand Hallo sagte, meinte er es, wenn nicht, meinte er es auch so. Catcalling gab es hier an jeder Ecke, aber Alex hatte sich angewöhnt, es zu ignorieren. Manchmal kam es vor, dass sie sich sogar bedankte, wenn ein Mann es wagte, ihr hinterherzurufen: „Geiler Arsch, Süße.“
Ein kleines Thai-Restaurant verströmte seinen Geruch die ganze Straße herunter, bis zu Alex Block. Hausnummer 1447, das war ihre Residenz. Die ehemalige Wohnung ihrer Oma hatte sie übernommen. Klein, ziemlich heruntergekommen und mit der uralten Küche, in der ihre Granny Pancakes und gegrilltes Hühnchen gemacht hatte.
Mal wieder viel zu schnell war Alex die Straße heruntergesaust. Dass sie ihr altes Rennrad mit der antiken Zwölfgangschaltung ordentlich hochtreten konnte, mochte sie. Dass aber die Bremsen gelinde ausgedrückt unzureichend waren, vergaß sie oft. Etwas schlingernd kam sie vor der Haustür an. Die Scheibe darin war letzte Woche bei einer Schießerei kaputt gegangen. Scherben lagen noch herum. Die Hausverwaltung hatte das Glas durch eine schwere Holzplatte ersetzen lassen. Nach nur einer Nacht waren die ersten Sprayer am Werk gewesen. Mit wenig Kunstverstand prangte nun ein Stinkefinger darauf und seltsame Zeichen, die niemand enträtseln konnte.
Wieder nahm Alex ihr Rad auf eine Schulter, suchte den Haustürschlüssel heraus und sah aus dem Augenwinkel einen Porsche hinter dem nächsten Block abbiegen. Welcher Typ, der einen Porsche fuhr würde hier entlangfahren? Die dreckigen Straßen waren mal gerade gut genug für alte Chevis oder einen Ford mit abgeschlagenen Außenspiegeln. Bessere Autos fuhren Drogendealer, Zuhälter und andere, die hier Karriere machten.
„Hi, Ms. Kaminsky“, grüßte Alex die alte Frau, die in Rüschennachthemd und Bademantel an der geöffneten Terassentür der Erdgeschosswohnung saß und das abendliche Programm auf der Straße kontrollierte. „Haben Sie sich schon bettfertig gemacht?“
„Ach“, winkte die alte Frau mürrisch ab. „Ich sitze schon seit zwei Stunden hier im Negligé herum. Bei der Hitze kann man eh nicht vor Ein Uhr nachts schlafen. Wenn überhaupt. Geht deine Klimaanlage?“
„Nein, leider nicht.“ Aus ihrem Rucksack nahm Alex eine Dose Cola, einen Orangensaft und eine Packung Erfrischungstücher und reichte sie Ms. Kaminsky.
„Wo hast du die guten Sachen nur her, Mädchen? Ich will dir nichts wegnehmen, hast doch selber nichts.“
„Ist schon okay. Das gibt es im Verein umsonst.“ Das stimmte nicht ganz, aber Alex betrachtete es nicht als Diebstahl, wenn sie zwei Getränke und ein paar Tücher mitnahm. Wenn sie das alles vor Ort verbraucht hätte, hätte auch keiner etwas gesagt. So what.
„Du bist ein Engel“, sagte Ms. Kaminsky.
Aber Alex lächelte müde. „Ich bin alles andere als das.“ Dann ging sie rein und die Treppe hoch.
Die Dusche tat gut. Wohlweislich hatte Alex morgens zwei Eimer Wasser abgefüllt, weil es öfters vorkam, dass im Sommer zum Feierabend nicht mehr genügend Wasser aus der Leitung kam. Ein billiges Fertiggericht warf sie in die Mikrowelle und ging dann durch die kleine Wohnung, um alle Fenster zu öffnen. Die Balkontür machte sie weit auf und hörte Ms. Kaminsky schimpfen. Das tat sie gerne. Jeder, der ihr nicht passte, wurde angemotzt. Sie war der beste Wachhund im ganzen Block. Auch deshalb stellte sich Alex gut mit ihr.
„Junge, steig nicht aus. Sobald du die Autotür zugeschlagen hast, ist der Wagen weg. Ist das ein Porsche Cabriolet?“
„Ja, Ma’am.“
Alex verharrte und versteckte sich hinter der Gardine. Vorsichtig sah sie runter auf die Straße.
Myles Hutchinson stieg aus seinem klitzekleinen Porsche, was immer wirkte wie ein Schmetterling, der sich aus seiner zu klein gewordenen Puppe herausquälte. Wahrscheinlich blieb er deshalb einen Moment stehen, damit sein Blut wieder in alle Körperteile fließen konnte, die durch den engen Autositz abgeklemmt worden waren.
„Junge“, krähte Ms. Kaminsky wieder. „Wenn du den Wagen loswerden willst, gib mir die Schlüssel.“
Alex beugte sich vor, um den großen Mann unter ihr sehen zu können, der nun lachend auf die Terrasse von Ms. Kaminsky zuschlenderte.
„Können Sie denn mit so einem Auto fahren?“, fragte er die alte Dame in Nachthemd und Bademantel.
„Klar. Ich kann zwar kaum noch etwas sehen, aber einen Porsche würde ich fahren.“
Myles Lachen schallte bis zu Alex hoch. Auf der anderen Straßenseite sah sie ein paar Männer, die den Porsche im Blick hatten und hektisch telefonierten. Sie klärten wohl gerade ab, ob sich ein Coup lohnen würde. Aber schon lenkte Myles Stimme sie von den Dieben in spe ab.
„Diese Erfrischungstücher sind gut, nicht wahr? Die haben wir auch im Verein.“
„Fuck“, zischte Alex und lehnte sich etwas über das morsche Geländer, um Myles sehen zu können.
„Arbeitest du mit Alex zusammen?“, fragte Ms. Kaminsky.
„Ja. Ist sie da?“
Hektisch wedelte Alex nach unten, aber Ms. Kaminsky sah sie nicht. „Nein-nein-nein.“
„Wer will das wissen?“, fragte die alte Dame, die ihre Aufgabe als Wachhund wirklich ernst nahm.
Sehr galant stellte sich Myles vor und redete mit Ms. Kaminsky. Durch die Straße brausten drei Wagen, Leute grölten und Alex verstand nichts.
„Mist. Egal“, sagte sie zu sich selbst. „Angriff ist die beste Verteidigung.“ Sie zog ihr Badehandtuch fester um ihre Brust, lehnte sich über das Geländer und rief runter: „Ey, Hutchinson! Was willst du?“
Myles guckte hoch, ging drei Schritte rückwärts, um sie besser sehen zu können und grinste. „Aha, da wohnst du also.“
„Stalkst du mich?“
„Nein. Ich wollte dich besuchen.“
„Warum?“
„Warum schon?“, krähte die alte Ms. Kaminsky dazwischen. „Warum will ein Mann zu einer Frau? Häh, Alex?“
Noch weiter lehnte sich Alex rüber und raffte ihr Handtuch an sich. „Ms. Kaminsky, halten Sie sich bitte da raus. Und Myles, guck nicht so blöd.“
„Lass mich doch gucken“, bölkte er von unten. „Du hast nur ein Handtuch an. So habe ich dich noch nie gesehen.“
Alex verdrehte mal wieder die Augen. „Du und deine Kollegen kenne ich nur so. Ihr rennt ständig nackt, nass und mit einem Handtuch herum.“
„Gleichstand“, rief Ms. Kaminsky.
Zu den jungen Männern auf der anderen Straßenseite gesellten sich andere Leute und guckten neugierig herüber. Myles schien Gefallen zu haben an dieser Art der öffentlichen Kommunikation. Unbekümmert rief er zu ihr hoch: „Wenn du unter dem Handtuch einen Pimmel hast, fresse ich einen Besen.“
Alex schoss die Röte ins Gesicht. Verdammt. Wenn der Bulle aus der Defense fertig war mit Denken, kam tatsächlich etwas Brauchbares dabei heraus.
„Nicht Pimmel, Junge“ korrigierte Ms. Kaminsky keckernd. „Busen.“
Dass es nichts nützte vom Balkon aus mit den Fingern eine Scherenbewegung zu machen und laut „Schnipp-schnapp“ zu rufen, hätte Alex klar sein müssen. Myles amüsierte sich köstlich, seiner lauten Lache nach zu urteilen.
Zu allem Unglück rief der Nachbar aus dem zweiten Stock dazwischen: „Was ist denn das für ein Gebrüll? Macht euren sexistischen Schweinkram hinter verschlossenen Türen!“
Na, toll, dachte Alex. Mal wieder eine Provokation und ich konnte nicht meine Klappe halten. Also werde ich es ausbaden. Aber sie musste die Bedingungen klarstellen.
„Hutchinson“, rief sie runter, egal, was der Nachbar von ihr denken würde. „Wenn ich dich in meine Wohnung lasse, verliere ich meinen Job bei eurem Verein, und du kassierst eine Abmahnung.“
Aber Myles zuckte nur mit den Schultern. „Wer soll wissen, dass ich hier bin?“
„Nun ja“, kam es von Ms. Kaminsky, die auf die Schar Neugieriger zeigte, die sich um ihn und seinen Porsche versammelt hatte. „Sieh dich mal um, Junge. Die haben alle ein Handy und filmen.“
Alex grinste beim Gedanken an ratternde Zahnräder und rief fröhlich: „Ich drücke auf den Summer. Komm rauf. Dritter Stock.“
Myles machte sich auf den Weg, und Alex konnte es sich nicht verkneifen zu den Autospekulanten auf der anderen Seite rüberzurufen: „Ey, wenn ihr den Porsche haben wollt, wartet einen Moment, ich werfe euch gleich die Schlüssel runter.“
Myles Lachen hörte sie durch das ganze Treppenhaus. Es war klar, dass er den Klingelknopf mehrfach drückte. Meeeep. Meep-meep-meep.
Alex knirschte mit den Zähnen. Immerhin hatte sie es geschafft, das Handtuch gegen ihren Bademantel einzutauschen. Genervt riss sie die Wohnungstür auf.
„Nerve ich dich?“ Sein Grinsen war an Frechheit kaum zu überbieten.
Aber in Alex Kopf legte sich plötzlich ein anderes Bild über das, was sie sah. Ein Mann vor einer Wohnungstür, wo er nicht willkommen war, hinter ihm die Treppe. Das Poltern des Körpers, als sie den Fremden hinuntergestoßen hatte, würde sie niemals vergessen. Dieses dumpfe Poltern, sein Schreien und dann das Wimmern. Es war ein halbes Jahr her, aber Vergessen war unmöglich.
Myles Grinsen verschwand. „Alles in Ordnung mit dir?“
„Was?“ Perplex guckte Alex den Mann vor ihr an. Niemand hatte gefragt, ob sie in Ordnung war. Niemand. Nicht die Sanitäter, die sich um das Treppensturzopfer gekümmert hatten und schon gar nicht der Officer, der sie verhaftet hatte wegen Körperverletzung. Niemand hatte sich jemals danach erkundigt, ob sie okay gewesen war.
Die Tür der Nachbarwohnung ging auf und ein schwarzhaariger Typ in knittriger Boxershorts und bekleckertem Unterhemd guckte raus. Eine Haschischwolke strömte in den Flur.
Beherzt griff Alex an Myles T-Shirt und zog ihn in ihre Wohnung. „Komm rein.“ Sie knallte die Tür zu, verriegelte das Schloss, legte die Kette vor und holte tief Luft.
Da stand er, der Linebacker, der ihren Flur fast vollständig ausfüllte, und guckte sie an wie ein kleiner Junge, der darauf wartete, dass sein bester Freund zum Spielen vorbeikommen würde.
„Was willst du?“, fragte sie recht unhöflich. Ihr Kopf war immer noch durcheinander. Ein lautes „Ping!“ kam von der Mikrowelle aus der Küche.
„Dein Essen ist fertig“, sagte er und kaute unschlüssig an seiner Unterlippe.
Alex Augen wurden schmal. Wie konnte ein Kerl nur so frech sein und im nächsten Moment stand er da wie bestellt und nicht abgeholt. Gebannt guckte sie seinen Zähnen zu, die an der Unterlippe nagten. „Löst das Klingeln der Mikrowelle einen Pawlowschen Reflex bei dir aus?“
„Ja“, gestand er. „Was gibt’s denn?“
Sie drängte ihn zur Seite und marschierte in die Küche. Eine dampfende Pappschale riss sie aus der Mikrowelle und donnerte sie auf den kleinen Küchentisch, auf dem alles Mögliche herumlag, von Kontoauszügen, Briefe von ihrem Anwalt, ihr Laptop, Bestelllisten aller umliegender Restaurants und eine Schale mit Orangen.
„Irgendwas mit Nudeln und Käse. Hunger?“, fragte sie und warf zwei Esslöffel dazu.
Als wäre es vollkommen normal, setzte sich Myles auf den einzigen Stuhl, den Alex besaß, und begann zu essen. Aus dem Eisfach holte Alex ein Coolpack, wickelte es in ein Geschirrhandtuch und legte es sich auf den Unterarm. Dann stand sie etwas unschlüssig in ihrer kleinen, unaufgeräumten Granny-Küche und betrachtete den Klotz von Kerl, der ihr Essen mampfte.
„Was willst du hier?“, fragte sie noch einmal.
„Weiß nicht.“
Ihre Müslischale vom Frühstück wusch sie ab, nahm sich auch ein paar Löffel Nudelauflauf aus der Schale und setzte sich damit auf die Spüle, Myles schräg gegenüber. „Du weißt nicht, was du hier willst?“
„Hmh.“
„Schmeckt´s?“
„Geht so.“
„Der Hunger würgt es rein, ne?“
„Ja.“
„Myles Hutchinson, bist du ein bisschen plem-plem?“
Er kratzte den letzten Rest Nudelpampe zusammen, aß auf und guckte sie an. Ratter-ratter-ratter machte es in seinem Kopf. Dann wies er auf ihren Arm. „Warum hast du da ein Coolpack?“
Schon wieder eine doofe Frage, anstatt einer klugen Antwort. Alex stöhnte. „Du und deine Kollegen seid nicht die einzigen, die so etwas brauchen.“
„Kommt das vom Massieren?“
„Nee, vom Nudeln essen.“
Ratter-ratter-ratter. Er lehnte sich etwas zurück und betrachtete die Frau vor ihm auf der Spüle. So lange, bis sie ihre Beine überkreuzte und versuchte, sie mit dem zu kurzen Bademantel zu verdecken. „Wieso arbeitest du bei uns?“
Auch wenn ihr der Blick aus Myles grauen Augen nicht gefiel, weil er tiefer ging, als es ihr lieb war, konterte sie: „Wieso weißt du, wo ich wohne?“
Er stand auf und wieder blieb er einen Moment stehen, als müsse er warten, bis sein Körper die neue Position akzeptierte. Dann sagte er sehr deutlich: „Ich will nicht, dass du die Jungs so hart anfasst.“
Bevor sie etwas darauf erwidern konnte, kam er zu ihr, nahm ihr die Müslischale ab und wickelte das Handtuch mit dem Coolpack von ihrem Unterarm. Kalt war die Haut. Eisig kalt und rot. Er strich darüber, nicht sanft und vorsichtig mit einem Finger. Nein, Myles Hutchinson nahm seine ganze Hand, umfasste ihren Unterarm und rieb mit festem Druck rauf zum Ellbogen und wieder abwärts.
Alex war wie gelähmt. Was sollte das? Augenblicklich kam sie sich sehr klein und kraftlos vor. Jetzt war sie wirklich ein Mädchen und irgendwo in ihrem Kopf wollte die Frage aufkommen, wie kleine Frauen sich fühlten, wenn so ein Koloss von einhundertzwanzig Kilo vor ihnen stand und sie merkten, dass sie keine Chance hatten, sich zu wehren, sollte er… Sollte er …was?
Myles stand so dicht vor ihr, dass sie seinen warmen Körper spürte, sein Aftershave roch und sein Atem auf ihren Arm traf. Die Berührung war wohltuend, auch wenn es etwas schmerzte. Aber vielleicht war dieser Schmerz genau das, was sie brauchte. Wirklich? Nein, es war falsch. Oder? Sie war völlig verwirrt. Wieso tat sie nichts? Außer seine Berührung zu genießen. Aus Versehen seufzte sie und versuchte schnell einen Witz zu machen. „Sehr geil. Mach es noch drei Mal und ich belle wie ein Hund deiner Wahl.“
Fest packte er ihren Arm und fuhr erneut rauf und runter. „Eins.“ Nochmal rauf und runter. „Zwei.“ Wieder strich er hinauf auf die eiskalte Haut, ließ aber seine riesige Pranke warm und fest unterhalb ihres Ellbogens liegen und drückte zu. Langsam und kontinuierlich wie ein hydraulischer Schraubstock.
„Drei“, sagte er, sah ihr in die Augen und grinste: „Chihuahua, bitte.“
„Wäff-wäff-wäff“, kläffte Alex. Es tat gut zu bellen, das half gegen kribbelnde Gänsehaut, die über ihren Arm hochzog, den Myles immer noch festhielt. Warme Hand auf kalter Haut. Verdammt, sie musste sich mehr zusammenreißen. Myles Wärme strömte in sie hinein. Es fühlte sich an wie ein warmer Fluss, der angenehmes Kribbeln und Leben mitbrachte und eine Ahnung von Spaß, Lachen, Blödsinn und Lust. Sie sah den Schalk in seinen grauen Augen und konnte nicht glauben, was gerade mit ihr geschah.
„Tennisarm, oder?“ Er nahm auch ihren linken Arm, verglich beide, drehte sie hin und her, und Alex konnte nur nicken.
„Muss man da Cortison reinspritzen?“
Diese elende Fragerei. Alex kam wieder zur Besinnung und schubste ihn weg. „Was soll das?“
Myles ging einen Schritt zurück. „Sorry. Ich wollte nur etwas wissen. Ist es schwer, Physiotherapie zu lernen?“
Völlig verwirrt sah sie ihn an. „Nein. Ist ja kein Medizinstudium.“
Myles schien plötzlich nervös zu werden. Er tigerte aus der Küche raus ins kleine Wohnzimmer. In einem Regal standen zig Bücher, teilweise noch von Granny, teilweise von Alex. Viele Comics und Krims und Krams. Davor blieb er stehen. „Aber es ist viel Anatomie, nicht wahr? Ich meine die ganzen Knochen und die Muskeln und so.“
Durch den körperlichen Abstand kam Alex wieder zu sich und sah zu Myles rüber, der sich gezielt ein medizinisches Wörterbuch aus dem Regal nahm. Ihr Körper hatte das Kribbeln überwunden, eine angenehme Wärme blieb, die nichts mit der Hitze von draußen zu tun hatte. Ihr Kopf begann wieder logisch zu denken, als sie den Mann betrachtete, der durch das Fachbuch blätterte als wäre es ein Telefonbuch aus China.
Myles Hutchinson war der älteste Spieler im Team. Daddy nannten ihn die jüngeren Linebacker, ansonsten wurde er meistens nur Bull genannt. Das war sein Spitzname, weil er in der Defense genau diesen einen Job hatte, sich wie ein Bulle gegen die andere Mannschaft zu stemmen, mit seinen breiten Schultern, den stämmigen Beinen und dem Körpergewicht von einhundertzwanzig Kilo. Das dicke medizinische Wörterbuch wirkte winzig in seinen Pranken und Alex wurde etwas klar.
Myles Tage bei den L.A. Roadies waren gezählt. Er musste sich umorientieren, etwas finden, das er nach seiner Sportkarriere machen konnte. Keiner der Jungs aus dem Team war ein topbezahlter Spitzensportler. Sie bekamen ein Gehalt, das bestimmt nicht schlecht war, das aber in wenigen Jahren erspielt werden und für den Rest des Lebens ausreichen musste. Die Prämien, die bei einem Sieg ausgezahlt wurden, machten den Job interessant. Die meisten Spieler hofften, in bessere Vereine aufsteigen zu können, soviel hatte Alex bei den Massagen erfahren. Die Mannschaft der L.A. Roadies galt als Sprungbrett nach oben. Dort wurden junge Spieler günstig eingekauft und aufgebaut, um sie teurer zu verkaufen, wenn sie denn durchhielten. So war die Teambildung schwierig.
Myles Hutchinson hatte jahrelang durchgehalten. Er war beständig und als Daddy für den Zusammenhalt der Mannschaft wichtiger als der Cheftrainer und der Quarterback. Aber er würde nicht ewig diesen Sport machen können. Neunundzwanzig war er. Damit hatte er schon sehr lange ausgehalten und war erstaunlich wenig verletzt gewesen. Das wusste Alex, weil viele seiner Teamkollegen bei der Massage gerne quatschten und sich genauso über seine Unverwundbarkeit aufregten, wie sie ihn dafür bewunderten.
Es war für ihn an der Zeit darüber nachzudenken, was er nach dem Football machen sollte. Auf ein millionenschweres Konto und Werbeverträge konnte der einfache Linebacker nicht zurückgreifen. Langsam ging Alex zu ihm. Hatte er deshalb so viel gefragt? Sie hätte netter zu ihm sein sollen.
„So schwer ist es nicht, Physiotherapie zu lernen“, sagte sie so nett, wie sie noch nie mit ihm gesprochen hatte. „Das meiste, was man lernt, lernt man für die Prüfungen. In der Praxis…“
„…lernt man fürs Leben“, ergänzte er. „Das hat Billy gesagt.“
„Was hat Billy denn noch gesagt?“
Myles knispelte wieder an seiner Unterlippe. „Er sagte, ich hätte das Talent dazu. Also, er könnte sich vorstellen, dass es ein Beruf für mich wäre. Er sagte, ich solle dich fragen.“
Ach Gottchen, dachte Alex unwillkürlich. Dieser Bulle von Mann war sich so unsicher, dass er andere fragen musste, um sich ein Go abzuholen für seinen Berufswunsch? Sie lächelte und biss sich sofort auf die Lippen. Ob er Talent hatte? Und wie!
Sehr dicht stand sie bei ihm. Erst jetzt fiel ihr auf, dass Myles gar nicht so groß war. Keine Einmeterneunzig. Das Beeindruckendste an ihm war seine Breite. Ästhetisch war er dadurch nicht und wirkte wirklich wie ein Bulle. Im Moment wie ein müder Stier, der nicht mehr in die Arena wollte. Irgendwann war die Luft raus und bei Myles Hutchinson war es wohl soweit.
Nett legte sie ihre Hand auf seinen Arm. Vielleicht wollte sie sich vergewissern, dass das, was sie in der Küche gespürt hatte, kein Hirngespinst gewesen war. Es war das erste Mal, dass sie ihn anfasste. Und sie wunderte sich, dass er sich anders als seine Kollegen anfühlte. Es war eine seltsame Art der Ruhe, die sie spürte, aber auch ein Kribbeln, das nicht aufkam, nur wartete. Worauf?
„Warum zögerst du?“, fragte sie und wurde etwas rot. Wer zögerte? Sie oder er? Und womit? Ihr Kopf war ein einziges Durcheinander.
Mit einem Plopp schlug er das Buch zu und sagte ehrlich: „Ich habe nicht viel Geld, aber etwas zurückgelegt, um mir eine Ausbildung leisten zu können. Ich muss sicher sein, dass es das Richtige für mich ist. Wenn es das nicht ist oder ich die Prüfungen nicht schaffe, dann…“
Verständnisvoll guckte sie in seine grauen Augen. „Dann ist der Porsche weg.“
Jetzt lachte er notgedrungen. „Nicht nur der.“
Warum Alex plötzlich das Bedürfnis hatte, ihn zu umarmen, wusste sie nicht. Wie vom Blitz getroffen ließ sie ihn los und ging zur offenen Balkontür. Unten stand der Porsche, immer noch umringt von einigen jungen Männern.
„Ms. Kaminsky“, rief sie runter. „Was ist mit den Männern los? Warum haben die den Porsche nicht geklaut?“
„Die warten auf die Schlüssel“, rief die alte Frau hoch. „Du wolltest sie runterwerfen.“
Das Brummen des Ventilators begleitete Alex durch die heißeste Nacht des Sommers. Nackt lag sie auf ihrem Bett, nur ein einfaches Laken unter sich. Kleine Schweißperlen bevölkerten ihre Wangen und sammelten sich auf ihrer Oberlippe. Stöhnend legte sie die Arme hoch. Der Ventilator pustete, aber helfen tat es kaum.
Ihr Nachbar hatte seinen Fernseher laufen, aus dem geschossen und geschrien wurde. Von draußen war Musik zu hören und noch mehr Geschrei, weil die Musik zu laut war. Zu allem Unglück begann auch noch ein Baby zu weinen, Hunde bellten, und aus der Ferne war eine Polizeisirene zu hören.
Alex guckte auf ihr Handy: 00.30. Um halb sechs würde es klingeln. Verdammt. Die Hitze war ein Grund nicht schlafen zu können. Ein anderer war Myles Hutchinson.
Myles lag in der Hängematte auf der hochgelegenen Terrasse des Strandhauses in Malibu, das er bewohnte. Es war nicht sein Haus. Er hatte es von einem ehemaligen Top-Linebacker zur Verfügung gestellt bekommen, der bei den L.A. Roadies seine Laufbahn begonnen hatte und nun seinen Millionärsruhestand auf Hawaii verlebte. Für die letzte Saison genoss Myles das kleine Strandhaus. Unter ihm schwappte das Meer und brachte eine angenehm kühle Brise mit.
Er guckte aufs Handy: 00.32. Das konnte ihm egal sein. Morgen war offenes Training, da kam keiner morgens. Außerdem durfte er als alter Hase sein Training auch zu Hause gestalten, was er meist mit einer Runde Joggen am Strand abtat, um danach ein bisschen zu baden. Es ödete ihn an. Trainingsplan, Essensplan, Spielplan, sein ganzes Leben war ein Plan.
Er war langweilig genug, um es jahrelang zu mögen. Aber der Umschwung, der bald folgen würde, stresste ihn so sehr, dass er jetzt schon alles, was ihn festnagelte, verabscheute. Er musste raus aus dem Football. Aber er hatte Schiss vor dem, was kommen würde, weil er nichts in der Hand hatte, keinen Plan und keinen Coach, der ihn anbrüllte, was er tun sollte.
Er liebte das Footballspielen und verachtete es gleichermaßen. Das Gespräch mit Alex hatte etwas in ihm ausgelöst. Was konnte er nicht sagen, aber er war seitdem unruhig. Wahrscheinlich lag es daran, dass es eine Spontanidee gewesen war, zu ihr zu fahren.
Nachdem sie ihn am Fahrradständer eiskalt hatte abblitzen lassen, hatte der Manager ihn aufgespürt und zu sich ins Büro gebeten, weil der mit ihm Details zu seinem Vertrag besprechen wollte. Das hatte Myles abgelehnt. Der neue Manager, der seit zwei Jahren die Chefposition des Vereins ausfüllte wie ein kleiner ekeliger König, brachte bei ihm immer den Verdacht auf, er würde ihn verarschen. Verträge und Schreibkram waren nicht Myles Sachen. Dafür gab es Leute, die sich damit auskannten, und für seinen Anwalt nahm er gerne etwas Geld in die Hand, um sicher zu gehen, dass er keinen Scheiß unterschrieb. Wie immer war der Manager nicht angetan gewesen, auf einen Termin mit dem Anwalt warten zu müssen, aber Myles saß so etwas mittlerweile aus. Das hatte er sich erarbeitet in all den Jahren.
Beim Rausgehen hatte Myles die Bürotür zu lange offengehalten, sodass mit einer kleinen Windböe durch die Fenster, einige Zettel vom Schreibtisch geflogen waren. Unter anderem ein Personalbogen von Alex Pounder. Ihr Foto war darauf und ihre Adresse. Sorgfältig hatte er das Papier auf den Schreibtisch zurückgelegt und dem motzenden Manager einen schönen Abend gewünscht. Dann war er in seinen Porsche gestiegen und nach South Central runtergefahren.
Das Gespräch mit Alex war seltsam gewesen. Das lag bestimmt daran, dass er keinen Plan gehabt hatte. Ohne Plan war er ziemlich aufgeschmissen. Wie gut, dass die alte Ms. Kaminsky vor der Tür Wache geschoben hatte. Das hatte für ihn die Situation aufgelockert. Wenn er aber an Alex dachte, wusste er schon wieder nicht weiter. Sie verwirrte ihn, weil er sie mochte.
„Shit“, sagte er leise und griff nach seinem Handy. Bei drei Datingplattformen war er angemeldet und nutzte das Angebot an Frauen, um abzuschalten. Manche guckten Serien im TV, Myles guckte Frauen. Natürlich hatte er auf seinem Profil bei Beruf Tischler angegeben. Das war solide. Frauen standen darauf. Er auch. Solide war gut und langweilig. Solide war er.
Gelangweilt wischte er durch Klicks und Likes, sah Busenfotos, vergrößerte mal das eine, mal das andere und dachte an Alex. Es war ihr bestimmt entgangen, dass ihr Bademantel einen ziemlich tiefen Einblick in ihr Dekolleté gegeben hatte, als sie im Wohnzimmer neben ihm gestanden und ihre Hand auf seinen Arm gelegt hatte. Nur kurz hatte er hingesehen, fast bis zum Bauchnabel. Glatt war ihre Haut gewesen und von dem einen Busen hatte sich die untere Rundung im Ausschnitt gezeigt. Ein Busen so klein, dass er ihn komplett mit seiner Hand hätte abdecken können. Diese eine kleine Rundung, dieser eine kurze Blick darauf, das hatte etwas mit ihm gemacht. Genauso wie in der Küche, als sie vor ihm auf der Spüle gesessen hatte. Hätte sie ihre Beine nicht überkreuz gehalten, sondern geöffnet… für ihn geöffnet, er hätte sich sofort dazwischen gestellt. Ihren Atem hatte er gespürt, als er ihren Arm angefasst hatte. Bestimmt zu grob, planlos, zu doof. Aber das passierte, wenn ihm niemand sagte, was er tun sollte.
Wie oft hatte er schon bei Billy auf der Bank gelegen für eine Dehnung, eine Massage, ein Tape. Therapeuten gingen auf Tuchfühlung, das mussten sie. Bei Billy fand Myles das okay. Aber bei Alex würde er es nicht wagen, weil sie eine Frau war. Wie seine Kollegen es schafften, sie nicht anzubaggern, war ihm ein Rätsel. Und wie schaffte Alex es nur, die vielen Männer ständig anzufassen, ohne etwas zu empfinden? Sich halb auf sie zu legen, um den Quadriceps oder die Achillessehne zu dehnen. Oder den Pectoralis, mit einer Hand auf dem Nippel. Könnte er diese Professionalität aufbringen, einen Körper nur als Körper zu sehen? Ihn völlig neutral behandeln? Egal ob es eine Frau oder ein Mann war? Als Therapeut wäre er dazu verpflichtet. Sein Berufswunsch geriet ins Wanken.
Alex hatte es durch ihre burschikose Art geschafft bei den Jungs eine Art Neutrum zu werden. Sexy Sprüche prallten an ihr ab oder sie vergab selber welche. Mittlerweile mauserte sie sich zu einem beliebten Kumpel unter den Spielern, die sich gegenseitig um die wenigen Therapiezeiten kloppten, die sie in den acht Stunden pro Woche anbot.
Das nächste Busenbild in seinem Handy wischte Myles weg und beförderte es aus Versehen auf die Likeliste. Verdammt, er hatte das Prinzip von Likes nicht ganz verstanden. Egal. Das Handylicht dimmte runter und er sah in den dunklen Himmel, der einen Grauschleier von zu viel Licht der Großstadt aufzeigte. Sterne gucken? Fehlanzeige.
„Alex Pounder“, sagte er leise und dachte an die kleine, perfekte Rundung ihres Busens im V-Ausschnitt des abgegriffenen Frotteebademantels, durch dessen Stoff sich ihre Nippel abgezeichnet hatten. Wenn er sich tatsächlich in die Masseuse verguckt hatte, bräuchte er sich um seine Zukunft nicht zu sorgen. Denn Alex war tabu. Wenn er das nicht in den Griff bekam, könnte er direkt vom Spielfeld in die Psychiatrie wechseln.
Das Handy legte er weg und griff in seine Unterhose, in der es eng geworden war bei seinen wirren Gedanken. Seitdem er aus South Central zurückgekehrt war, war er ziemlich steil. Sein Ständer wippte auf seinem Bauch, als er die Unterhose runterzog. Er spuckte in seine Hand, griff fest seinen Schwanz und holte sich einen runter.
Myles Hutchinson gehörte nicht zu den Männern, die zu einer Frau fuhren, sie klarmachten und fröhlich abgebumst eine Stunde später entspannt nach Hause fuhren. Nein, das konnte er nicht. Und eine Alex Pounder würde sich das niemals bieten lassen. Das war das entscheidende Quäntchen, weshalb er einen Narren an ihr gefressen hatte. Sie war unnahbar. Für die meisten Spieler war es okay und bewahrte eine angenehme Distanz. Aber bei ihm weckte genau das seinen Kampfgeist, den er schon lange verloren hatte, weshalb er Football spielte, wie andere ins Büro gingen.
Alex war sein Salz in der Suppe, sie brachte Lebensgeister zu ihm zurück, wovon sie keine Ahnung hatte. Ihm wurde wärmer und wärmer. Er fühlte sich selbst dick und gespannt, voller Lust in der eigenen Hand und schloss die Augen. Vor sich sah er Alex, ihre braunen Augen, die so böse gucken konnten und ihren Busen, dieses eine kleine Stück. Immer wieder holte er dieses Bild in seine Erinnerung zurück, bis er kam. Vor Erleichterung stöhnte er und betrachtete die Sauerei auf seinem Sixpack.
Würde Alex es ablecken? Bei der Vorstellung, wie sie sich über ihn beugen und rasend böse gucken würde, ihre Zunge ausgestreckt, das Sperma aufleckend, lächelte Myles. Würde Alex das tun? Nein! Alex Pounder würde ihm eine Packung Erfrischungstücher auf den Bauch knallen und motzen: „Wisch es selber weg, du Ferkel.“
Sein Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen als Myles sich am Terrassengeländer abschubste und gemütlich in der Hängematte hin und her schwang.
Zwei Tage später kochte L.A. in der größten Sommerhitze aller Zeiten vor sich hin. Am Bahnhof in Pasadena genoss Alex die frischere Luft, aber auch hier war es heiß. Ihr T-Shirt klebte an ihrem Rücken. Das würde bei der Radtour zum Trainingsgelände trocknen, hoffte sie. Aber leider ging es ab jetzt nur noch bergauf und sie musste sich beeilen. Eine halbe Stunde Verspätung hatte sie, weil der alte Mr. Wilson aus seinem Rollstuhl gekippt war. Ob vor Hitze oder einfach so wusste sie nicht. Die Ärztin war spät gekommen. Das medizinische Personal schob bei dem mörderischen Wetter eh schon Doppelschichten. Die Hitze im Kessel von L.A. war für viele ältere Menschen und Herzkranke der glatte Tod. Ob Mr. Wilson es überleben würde, wusste sie nicht. Wünschen tat sie es ihm nicht, denn er wollte nicht mehr. Das hatte er oft genug gesagt.
Die Arbeit im Hospiz zehrte an Alex. Es war nicht leicht gewesen, eine neue Stelle zu finden, seitdem in ihrem Führungszeugnis ein nicht unwesentlicher Eintrag stand. Ihr ehemaliger Arbeitgeber hatte sie natürlich sofort entlassen. In die schicke Physiopraxis mit angeschlossenem Gym brauchte sie nicht mehr zurückzukehren. Dann war ihr die Stellenausschreibung für das Hospiz in die Hände gefallen. Als Quereinsteigerin mit medizinischem Hintergrund hatte sie den Job dort bekommen, weil jeder eine zweite Chance verdiente, wie der Leiter es ausgedrückt hatte. Oder weil erheblicher Personalmangel herrschte, wie die Oberschwester es richtiggestellt hatte.
Die Wut darüber, ihr schönes altes Leben mit einem Schlag verloren zu haben und sich nun den Arsch aufreißen zu müssen für nichts und wieder nichts, nutzte sie, um noch mehr in die Pedalen zu treten.
Es hatten sich viele Menschen von ihr abgewandt nach diesem einen blöden Abend in Oxnard. Wäre sie damals bloß nicht dorthin gefahren. Diese Dreckstypen auf den Datingplattformen waren doch alle gleich. Schwanzgesteuert, untervögelt, sexsüchtig und hohl in der Birne. Alex war satt von Selbstdarstellungen mit Pimmelbildern, im Hintergrund Tennissocken oder eine dreckige Unterhose, Fingernägel, unter denen Dunkles klebte, was auch immer es war. Nein, danke. Sie war kuriert von Männern. Absolut. Die anderen Frauen im Knast hatten das auch gesagt. Alle! Aber sie hatten trotzdem Kontakte zu irgendwelchen Lovern gehabt. Das inkonsequente Pack.
Die letzte Steigung ging es hoch, dann erschloss sich das gepflegte Trainingsgelände mit dem grünen Golfrasen, zischenden Wassersprengern und dem großen Gebäude, das aussah wie eine Fabrikhalle, würden nicht am Eingang Flaggen und Banner hängen mit dem Emblem der L.A. Roadies. Gerade schloss sie ihr Fahrrad ab, da ging schräg über ihr ein Fenster auf und eine ältere Dame, mit verbissenen Gesichtszügen guckte heraus.
Die Sekretärin des Managers rief runter: „Ms. Pounder, Sie sind zu spät.“
„Ach, was“, motzte Alex atemlos. „Ich habe angerufen und Bescheid gesagt, dass ich später komme, weil es einen Notfall gab.“ Sie hätte früher gehen können, ihre Kollegin hätte übernommen. Aber Alex war von Mr. Wilson festgehalten worden, der zitternd auf dem Boden gelegen hatte, unfähig zu sprechen, leise japsend. Sie hatte ihn erst losgelassen, als die Pfleger ihn auf die Trage gelegt und in das Arztzimmer gebracht hatten. Danach hatte sie geholfen den Boden zu reinigen, denn dem alten Herrn war bei seinem Sturz ein Malheur passiert. Dann duschen, umziehen und los. Sie hatte so schnell gemacht, wie sie konnte. Aber wen interessierte es, dass sie vor einer halben Stunde die Hand eines vielleicht sterbenden Menschen gehalten hatte? Ohne ein weiteres Wort ging sie hinein ins kühle Gebäude und joggte Richtung Mannschaftsräume, im Kopf die Erinnerung an Urin, röchelnden Atem und eine alte knittrige Hand.
„Hey, komm runter. Alles gut“, hörte sie jemanden sagen und sah auf. Myles Hutchinson stand am Ausgang des Kraftstudios mit durchgeschwitztem Muskelshirt, ein Handtuch um den Stiernacken gelegt.
„Bin zu spät“, murmelte sie und verlangsamte ihr Tempo. Der Anblick des großen, kraftstrotzenden Körpers, dessen glatte Haut dunkel vor Schweiß glänzte, war wie ein Reset für sie. Genau aus diesem Grund hatte sie sich hier für die Sozialstunden angemeldet. Um einen Kontrast zum Hospiz zu haben, um Leben zu sehen und zu spüren. Um mit Körpern umzugehen, die sie nicht kaputtmachen konnte, die etwas aushielten, die dem Leben trotzten. Körper, die das Leben noch vor sich hatten. Dafür nahm sie drei Mal die Woche den langen Weg auf sich, um hier mental entspannen zu können.
Myles reichte ihr seine Trinkflasche. „Alles okay. Die Mannschaft ist in einer Besprechung.“
Perplex sah sie ihn an. „Und warum bist du im Trainingsraum?“
Er lehnte sich an die Wand und wies auf seine Trinkflasche, die sie immer noch festhielt. „Trink was. Ist normales Wasser mit Elektrolytzusatz. Ich habe keinen Herpes und so. Kannst es ruhig nehmen.“ Ganz genau sah er, wie sie aus seiner Flasche trank. Sehr durstig und viel zu schnell. Schweißperlen liefen ihren Hals herab, als sie den Kopf nach hinten bog. Sie kullerten in die kleine Kuhle zwischen den Schlüsselbeinen und von dort gerade herunter in ihr T-Shirt.
Hätte sie doch bloß einen Bademantel an, dachte er und räusperte sich. „Es geht ums Trainingsspiel am Wochenende, deshalb die Besprechung. Die Mannschaft wird neu zusammengestellt, die Jüngeren sollen ran, ich darf Zuhause bleiben. Deshalb brauche ich nicht zur Besprechung.“
Alex setzte endlich die Flasche ab. Jetzt erst merkte sie, wie sehr sie schwitzte. Es war ihr ziemlich unangenehm, aber Myles sah ja auch nicht besser aus. Sie gab ihm die Flasche wieder. „Danke, Kumpel.“ Dann zog sie ihr T-Shirt aus dem Hosenbund und wischte sich mit dem unteren Ende das Gesicht ab.
Myles guckte auf Alex weite Hose, die von einem breiten Ledergürtel zusammengehalten wurde und etwas heruntergerutscht war. Beckenknochen zeichneten sich an den Seiten ab und in der Mitte ihr flacher Bauch. Den Bauchnabel konnte er kurz sehen. Er war ein bisschen vorgewölbt und über dem Hosenknopf war ein Tattoo. Er schluckte.
Auf dem Flur im Stockwerk über ihnen wurde es unruhig. Polternde Schritte und Stimmen waren zu hören. Die Besprechung war zu Ende. Jetzt hätte Alex noch ein paar Sekunden Zeit, sich mit Myles zu unterhalten, aber sie sah ihn nur an. Seine grauen Augen und sein wuchtiger Körper der wie eine nasse Bronzeskulptur glänzte. Plötzlich war da etwas, das an Mikrowellennudeln erinnerte, an ein Coolpack und eine Berührung. Ihr Blick veränderte sich. Sie nahm Myles anders wahr, mit einem Kribbeln im Innern, das lauerte, wartete und sie zu größtmöglicher Vorsicht anhielt.
Dann stürmten die Jungs in den Flur, allen voran Tyron und Brody, Quarterback und Wide Receiver, die sich gegenseitig zur Seite drängten, weil sie sich um eine Therapieeinheit bei der besten Masseuse der Welt stritten, gefolgt vom Tross der gesunden und gestählten Sportlerkörper, die laut lärmend und lachend viel Leben mitbrachten und Alex im Pulk mitnahmen.
Nur einmal schaffte sie es, zurückzusehen zu dem Mann, an dem der Trubel vorbeigerauscht war, als tangierte ihn sein Footballteam überhaupt nicht. Myles stand immer noch da, mit einer Schulter an die Wand gelehnt, und seine grauen Augen sahen sie an.
Ratter-ratter-ratter, machte ihr Kopf und versuchte Zahnräder in Gang zu bringen, die unbenutzt und verrostet klemmten und knarzten.
An diesem Abend saß Alex lange am Strand, guckte auf die Wellen, die leise rauschend heranschwappten und versuchte zu Atem zu kommen. Pünktlich zum Feierabend, war die Nachricht der Stationsschwester gekommen: Mr. Wilson hat es nicht geschafft. Möge Gott seiner Seele Frieden geben.
Mr. Wilson hatte gehen dürfen und wahrscheinlich war Alex die letzte gewesen, die seine Hand gehalten hatte. Gänsehaut zog über ihren Arm. Unwillkürlich rieb sie darüber und spürte wieder den ziehenden Schmerz. Ihre Hand verharrte unterhalb des Ellbogens und drückte zu, bis ein wohltuender Gegenschmerz aufkam. Sie dachte an Myles, wie er vor ihr in der Küche gestanden hatte, seine warme Hand auf ihrem kalten Arm. Das Kribbeln meldete sich wieder, nur ganz leise, aber es war da. Aber das durfte nicht sein.
Das wollte sie nie wieder haben. Es war einfacher ohne jegliche Libido zu leben. Man wurde zu einem Zombie, ein einfacher Arbeitssklave, eine blöde Masseuse ohne Hirn und Gefühl. Das wollte sie sein, um nichts zu spüren, nichts zu wollen, nicht zu lieben oder die irrsinnige Phantasterei aufkommen zu lassen, sie könnte von jemandem geliebt werden. Niemand würde sie lieben. Keiner hatte es vorher jemals wirklich getan.
Müde kippte sie in den Sand und schloss die Augen. Schon früh war sie für die meisten Jungs nur ein Kumpel gewesen. So wie für Corey, ihrer großen Teenagerliebe, der sie nur als Freundin gewählt hatte, damit er durch sie an ein Mädchen kommen konnte, das er toll gefunden hatte. Danach war Alex mit schlimmem Liebeskummer bei ihrer Granny auf dem Sofa zusammengebrochen und drei Tage lang nicht aufgestanden. Nie wieder hatte sie so viel geweint wie um Corey. Dieses Arschloch. Seitdem war Alex mit Männern vorsichtig. Immer lag eine gewisse Distanz zwischen ihr und einem Kerl. Und meistens war es auch gut so. Dann hatte sie es über Datingplattformen versucht. Aber statt Liebe gab es dort nur ein paar wilde Sexabenteuer. Immerhin. Bis zu dem Abend in Oxnard, der so schön angefangen hatte und so bitter geendet war, und nach dem sie sich innerlich abgeschottet hatte.
Langsam setzte sich Alex wieder auf. Die Sonne war untergegangen. Letzte Pärchen schlenderten Hand in Hand am Wellensaum entlang. Ein Mann machte ein Handyfoto von seiner Freundin, die ihm danach um den Hals fiel. Alex knirschte mit den Zähnen. Wieso war das Verlangen nach einem anderen Menschen wieder da? Wieso war es nicht weggeblieben? Es war so einfach ohne das Kribbeln, das Wollen, die Lust auf Knutschen, auf eine Umarmung mit Haut auf Haut.
Aus dem leisen Wellenrauschen wurde das Geräusch von streichelnden Händen, wie ein Rieseln. So hatte es sich angehört, als Myles ihren Arm abgestrichen hatte. Rauf und runter. Wie hatte er es nur geschafft sie zu berühren? Durch die Haut durch?
„Arschloch!“, sagte sie laut und stand auf.
Als sie vor dem Haus mit der Nummer 1447 ankam, herrschte Ruhe in der Straße. Noch. In South Central gab es eigentlich nie eine ruhige Nacht. Irgendwas war immer, und Alex war froh, dass Ms. Kaminsky schon schlief und sie unbehelligt ins Haus schlüpfen konnte. Das Rennrad mal wieder auf der Schulter, stoppte sie an den Briefkästen, holte die Post raus und ging die Treppen hoch. Nach einer Kurzdusche, die gerade gereicht hatte, um die Haare zu waschen, suchte sie eine Packung Kräcker heraus, riss alle Fenster auf, machte den Ventilator an und guckte Briefe und Reklamezettel durch. Ein neuer Italiener hatte im nächsten Block aufgemacht, fein. Die Bank hatte geschrieben, das hatte Zeit bis zum Wochenende. Die restlichen Reklamepacken wollte sie wegschmeißen, da rutschte ein kleiner Zettel heraus und flatterte zu Boden.
Hi,
war kurz hier, wollte wissen, ob es dir gut geht.
Myles
Da war es wieder, das Kribbeln, das Lust auf mehr machte. Sie musste Myles stoppen. So ging es nicht weiter. Er brachte sie in Teufels Küche. Sollte der Manager oder die blöde Sekretärin herausfinden, dass er ihr nachstieg, würde sie eine Abmahnung bekommen. Der Manager hatte klar gemacht, dass ein privater Kontakt zu den Spielern untersagt sei und in keiner Weise akzeptiert würde.
Natürlich lag es auch nicht in ihrem Interesse, privaten Kontakt zu den Spielern zu haben. Bis vorgestern war auch alles okay gewesen. Bis Myles sie angefasst hatte. Warum eigentlich?
Sie holte das Coolpack aus dem Eisfach, wickelte es mit einem Geschirrtuch um ihren Unterarm und saß dann grübelnd am Küchentisch. Was hatte Myles gesagt, als er vorgestern hier gewesen war?
„Ich soll die Jungs nicht so hart anfassen“, sagte sie zu sich selbst. Hatten die sich bei ihrem Daddy beschwert, dass „kannst ruhig fester machen“ doch zu schlimm gewesen war?
Dann die Sache mit der Physio-Ausbildung. War das nur ein Vorwand gewesen, in ihre Wohnung zu kommen? Damit sie nett zu ihm sein sollte? Hatten die Jungs eine Wette laufen? Wer als erster die Masseuse rumkriegt, bekommt einen Preis?
Böse guckte sie auf den Zettel. Myles wollte wissen, ob es ihr gut ging. Ja, klar. Niemand wollte das. Ihr Leben bestand daraus, sich die Sorgen, Krankheiten und Jammereien der anderen anzuhören. Alle, die zu ihr kamen waren krank, hatten ein Wehwehchen und wollten von ihr eine Lösung haben. Es war ihr Job, anderen zu helfen, für andere da zu sein. Sie fragte jeden, der kam: Wie geht es dir heute? Aber sie wurde das nie gefragt. Nun guckte sie auf das schriftliche Gegenteil. Das machte etwas mit ihr, was sie nicht gebrauchen konnte. Es brannte in ihrer Kehle.
„Arschloch!“, schimpfte sie und zerknüllte den Zettel.
Am Freitag radelte Alex ganz entspannt hoch zur Trainingsanlage. Aus ihren Kopfhörern dudelte Musik und mit einem köstlichen Wrap in der Hand fuhr sie freihändig auf den Parkplatz. Heute hatte sie viel Zeit, es war kurz vor dem Wochenende und es sollte die nächsten Tage kühler werden. Das waren fantastische Aussichten.
Mööp-mööp-mööp!, hupte es hinter ihr, dann wurde sie von einem Porsche eingeholt, der neben ihr herfuhr. Heraus grinste Myles mit seiner Pilotenbrille.
Schnell fasste sie den Lenker an und zermatschte dabei den Wrap. Soße kleckerte über ihre Finger und tropfte auf ihr Knie.
„Hi“, rief Myles zu ihr rüber. Ich wollte…“
Weiter kam er nicht, da bellte sie ihn in bestem Ms.-Kaminsky-Ton an: „Halt dich von mir fern, Hutchinson. Ganz fern!“
Seine Augenbrauen schossen hoch, dann bog er ab auf einen freien Parkplatz.
Alex schloss ihr Rad ab, leckte sich Soße von den Fingern und stopfte sich den Rest Wrap in den Mund. Myles kam auf sie zu.
„Gibt es für dein Verhalten eine Erklärung?“, fragte er, aber Alex wies stumm mit einem Zeigefinger nach oben. Das Fenster vom Managerbüro war geöffnet. Er verstand und schwieg.
Gut erzogen hielt er ihr die große Eingangstür auf, und Alex betrat das kühle Gebäude. Aus dem Obergeschoss kam ihnen der Head Coach entgegen.
„Ach, kommst du auch noch, alter Mann?“, begrüßte er Myles unfreundlich.
„Gibt es ein Problem, Coach?“
Mit dem Zeigefinger voran, kam der Trainer auf ihn zu. „Pass auf, Bull. Du spielst deine letzte Saison, aber du spielst sie. Solange du hier unter Vertrag bist, hast du dich an den Vertrag zu halten. Du hältst gefälligst deine Trainingszeiten ein, und wenn du nicht bald deinen Arsch hochkriegts, sitzt du nur noch auf der Ersatzbank. Dann hast du dein letztes Spiel schon längst gespielt und weißt es nur noch nicht.“
Alex schluckte. Der Ton, der hier oft herrschte, war nicht nach ihrem Geschmack. Und jemanden zurechtweisen, ob berechtigt oder nicht, machte man immer hinter verschlossenen Türen und nie vor anderen. Sie war kurz davor, dem Coach ihre Meinung zu geigen, aber Myles sagte nur lapidar: „Okay, Coach.“
„In fünf Minuten ist Teambesprechung. Alex, du bist mit dabei.“ Das war die Anweisung an sie, dann stampfte der Coach an ihr und Myles vorbei.
„Aha, Guten Tag auch“, sagte sie mürrisch.
„Nicht grüßen und rumbrüllen kann er gut“, kam es von Myles, der unerschütterlich neben ihr stand und die Treppe hochzeigte zum Besprechungsraum.
„Warum lässt du dir das gefallen?“, fragte Alex, als sie neben ihm die breite Treppe hochging.
Myles nahm seine Sonnenbrille ab und zuckte mit den Schultern. „Pff, angemotzt werden ist hier normal.“ Kurz sah er sie an und äffte sie nach: „Halte dich von mir fern. Ganz fern!“
Stimmt. Sie hatte ihn auch angemotzt. Verdammt.
„Geh vor“, zischte sie und schubste seinen Riesenkörper an. Drei Sekunden wartete sie, dann ging sie ihm hinterher. Sie wollte ihn nicht ansehen und tat es doch. Sein massiges Schulterkreuz mit dem Stiernacken zog ihren Blick magisch an, der dann den Rücken abwärtsglitt zu einer nicht ganz schmalen Taille. Ein viel zu üppiger Hintern und die stämmigen Beine schlossen sich an. Myles war wirklich ein Bulle. Viel zu wuchtig und damit schon fast ungelenk. Seine breiten Oberschenkel hatten kaum Platz nebeneinander, und die Arme lagen schräg am Körper, weil er mit seinem gewaltigen Latissimus viel zu breit war. Wie ein aufgepumpter Mastbulle sah er aus, und so waren auch seine Bewegungen. Als Physiotherapeutin sah sie die Fehler in anderen Körpern sofort. Myles wäre eigentlich ein viel schmalerer Typ. Bei seiner Körpergröße wären neunzig Kilo in Ordnung, aber nicht die einhundertzwanzig, die er mit sich herumschleppte. Aber so war der Sport. Das war Teil seines Arbeitsvertrags. Er war der Bulle in der Defense und so sah er auch aus.
Am liebsten würde sie sein Training umstellen, weg vom Hanteldrücken und Aufpumpen der Muskulatur, hin zu angemessener Ausdauer und allgemeiner Fitness. Dann würde er auch besser gehen können. So wirkte er, als hielte sein Körper ihn fest. Das passte nicht zu ihm.
Als Myles in den Raum eintrat, schnaufte sie ärgerlich. Warum machte sie sich überhaupt Gedanken. Er sollte sich von ihr fernhalten, also sollte sie sich auch von ihm fernhalten. Distanz war das Zauberwort. Basta!
Sie kam in den Raum, wo alle Spieler auf Stühlen saßen wie eine Horde zu großer Schüler im Nachholunterricht. Allgemeines Gemurmel galt ihr als Begrüßung. Vorne stand der zweite Trainer, der mit einem Klemmbrett auf sie wies.
„Alex, neben Myles ist noch ein Platz frei. Setz dich.“
„Wehe, du grinst, Hutchinson“, knurrte sie leise, als sie sich neben ihn setzte. Natürlich grinste er.
Sie versuchte sich auf das, was der Trainer sagte, zu konzentrieren. Es ging um das anstehende Trainingsspiel mit einer Mannschaft aus San José, im Norden von Kalifornien. Alex verstand eigentlich nichts und wunderte sich, weshalb sie hier war.
Dann kam der Cheftrainer rein und übernahm. „So, ich habe es abgeklärt. Alex, du kommst mit, die Jungs wollen dich dabeihaben.“
Viele drehten sich zu ihr um, zeigten mit einem Daumen nach oben und manche applaudierten.
Völlig verdattert guckte Alex den Coach an. „Wohin? Wann?“
„Morgen. Abfahrt um sechs Uhr hier vom Gelände. Du kannst die Jungs im Bus fürs Spiel tapen und auf der Rückfahrt behandeln, wenn nötig. Nimm Tape mit.“
„Ähm…“, stotterte sie. Ihr schöner Samstag. Sie wollte endlich ausspannen, an den Strand gehen, einen neuen Comic lesen. Und nun?
Tyron, der lang aufgeschossene junge Quarterback drehte sich zu ihr um. „Wir sitzen immer ganz hinten im Bus. Wir halten dir einen Platz frei.“
Alex schwieg. Hier ging es nicht um ihre Wünsche, sondern um das Einhalten von Vertragsklauseln.
Myles lehnte sich vor und griff Ty an den T-Shirtkragen. „Habt ihr Alex gefragt?“
„Nein, wir haben den Coach gefragt.“
Myles ließ ihn los. Ratter-ratter-ratter, machte es in seinem Kopf, das konnte Alex sehen. Der Coach gab noch zwei Anweisungen, dann beendete er das Meeting.
