Weibsstücke - Tatja Naditar - E-Book

Weibsstücke E-Book

Tatja Naditar

0,0

Beschreibung

Das Schicksal hat 20 Gesichter. »Weibsstücke« schildert die entscheidenden Wendepunkte im Leben verletzlicher, unbeugsamer, entschlossener Frauen – zwischen Leidenschaft und Angst, Hingabe und Verrat, Leben und Tod. Zwanzig schaurig-schöne Kurzgeschichten, die zeigen: Das Abgründige ist oft nur einen Herzschlag entfernt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 92

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Tatja Naditar

Weibsstücke

Anthologie

Impressum

»Weibsstücke« © 2008 Tatja Naditar, alle Rechte vorbehalten. Umschlaggestaltung: Perpicx Media Design, www.perpicx.de Veröffentlichung: © 2026 Suspense Verlag Höhenstraße 18, D-61267 Neu-Anspach E-Mail: [email protected]

chaptune

Die musikalische Begleitung zum Buch!

Hier geht es direkt zum Hörerlebnis:

chaptune.de/QYTLE6NTB

Chera

Der Pharao war tot. Fanfaren verkündeten es. Das Volk trauerte – und Chera trauerte mit ihm. Doch ihre Tränen galten nicht nur dem Herrscher, der ein guter und gerechter Mann gewesen war, geliebt wie kein anderer vor ihm. Sie weinte auch um ihr eigenes Leben, das mit seinem Tod verwirkt war.

Sie legte die Arbeit nieder und trat ans Fenster. Von hier aus konnte sie zum großen Balkon hinübersehen, der zu den Gemächern des Pharaos gehörte. Gerade traten die Priester heraus, um dem Volk zu verkünden, was die Trompeten längst angedeutet hatten.

Ein Frösteln durchlief sie – nicht wegen der dicken Mauern, die die Hitze der ägyptischen Sonne vom Inneren des Palastes fernhielten, und auch nicht wegen des dünnen Gewands, das ihren Körper umschmeichelte. Es war das Wissen, dass ihre Dienerschaft mit dem Tod des Pharaos nicht endete. Noch über das Leben hinaus war sie ihm verpflichtet – sollte ihn auf seiner Reise in die Welt der Götter begleiten und ihm auch dort dienen. So verlangte es die Tradition: 300 Auserwählte aus seinem engsten Kreis würden mit ihm ins Totenreich eintreten.

Verzweiflung keimte in ihr auf. Sie wusste um die Ehre, die ihr damit zuteilwurde. Und doch konnte sie nichts gegen die Angst tun, die in diesem Moment der Verkündung ihr Herz ergriff. Dieses Gefühl war ihr nicht fremd. Schon damals hatte sie es gespürt, als sie erfuhr, dass der Pharao ihr seine Gunst erwiesen hatte: Ihr Name stand auf der Liste seiner letzten Gefährtinnen. Er hatte sie gemocht – mehr als jede andere. Seitdem war sie sich der giftigen Blicke der übrigen Frauen nur allzu bewusst. Bösartig hatten sie jeden ihrer Schritte beäugt, neidisch ihre wunderschönen Augen und das seidenhaft glänzende, schwarze Haar bestaunt. Was wussten diese törichten Weiber schon? Zu gerne hätte Chera mit einer von ihnen getauscht – ihre Stellung abgegeben, wenn sie nur gekonnt hätte. Doch der Wille eines Pharaos war unumstößlich.

Schon damals hatte sie sich gefürchtet, doch damals war alles noch fern gewesen – ein vager Gedanke an eine ferne Zukunft. Der Pharao war jung, und Chera hatte seine Zärtlichkeit genossen, ohne zu ahnen, dass er eine Krankheit in sich trug, der selbst die gelehrten Priester machtlos gegenüberstanden. Die Götter hatten ihn viel zu früh zu sich gerufen.

Aus Angst wurde Übelkeit. Cheras Gedanken rasten. Noch war es nicht so weit – die Einbalsamierung hatte begonnen, die siebzig Tage der Vorbereitung lagen vor ihnen. Doch die Priester würden bald kommen, um die Auserwählten zusammenzuführen. Und sie wusste: Es war sein ausdrücklicher Wunsch gewesen, von seinen treuen Dienern empfangen zu werden, wenn er das Reich der Toten betrat.

Chera kannte ihre Pflicht. Ihr Geist sagte ihr, sie müsse gehorchen – aber etwas anderes regte sich in ihr. Eine leise Stimme, die sich gegen das Unvermeidliche aufbäumte. Der Drang zu leben wurde übermächtig. Gab es einen Ausweg? Was, wenn sie einfach fortging – den Palast verließ, Theben verließ, dem Nil entlang … irgendwohin, wo niemand ihren Namen kannte?

Noch während dieser Gedanke in ihr aufstieg, begannen ihre Füße zu laufen. Hinaus aus dem Saal, die schmale, dunkle Treppe hinunter, hinaus ins Freie. Die bunt bemalten Wände des Hofes schienen sie zu erdrücken, ihr Herz raste. Nur noch der Vorhof und dann durch das große Tor in die Stadt. Vielleicht würde niemand sie erkennen. Sie zog den Schleier tief ins Gesicht. Jetzt war sie halb durch den Vorhof. Die Menschen ringsum waren mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt – der junge Pharao war tot. Niemand schien Notiz von ihr zu nehmen.

Dort vorn: das Tor. Nur noch wenige Schritte. Angst verwandelte sich in Euphorie. Hoffnung keimte in ihr auf. Ein neues Leben. Ein Leben ohne Dienst am Pharao. Zum ersten Mal fühlte sie sich frei – freier als je zuvor.

Da packte sie eine Hand grob am Arm. Ein Schmerzenslaut entfuhr ihr, als sie herumgerissen wurde. Die kahl rasierten Schädel der Priester traten in ihr Blickfeld. Es war vorbei. Es gab kein Entkommen. Man zerrte sie zurück über den Hof – zum Tempel, wo die anderen Dienerinnen bereits warteten. Keine Zeit blieb. Der Pharao war schon auf dem Weg ins Totenreich, und sie mussten ihm bald folgen.

Alles in Chera schwand. Was blieb, war lähmende Taubheit. Sie war die Dienerin des Pharaos. Und sie würde ihm folgen.

Mina

Der Morgen begann düster, denn der Himmel war wolkenverhangen. Vom feuchten Boden stieg wabernder Nebel auf, und die Landschaft schien an diesem Morgen in blaues Licht getaucht.

Ihre Tochter schlief noch, als Mina die kleine Hütte verließ. Es war noch früh und die Luft kalt. Mina musste sich ihren Fellumhang enger um die Schultern raffen, denn es fröstelte sie. Doch das lag nicht wirklich an der kalten Luft, sondern am Tag selbst, der jetzt noch jung und unschuldig war.

Seufzend und widerstrebend stapfte Mina durch den schlammigen Boden, um sich zu den anderen Frauen des Dorfes zu gesellen, die bereits mit ihrer Arbeit begonnen hatten. Die Vorbereitungen waren schon in vollem Gange, denn heute war ein ganz besonderer Tag – der wichtigste des ganzen Jahres. Dieser Tag war allein den Göttern gewidmet.

Der Druide hatte bereits die Nacht durchwacht. Er hatte die Nacht in Trance und mit den unterschiedlichsten heiligen Handlungen verbracht. Als Mina an seiner Hütte vorbeikam, war er dabei, mit ernstem Gesichtsausdruck sein rituelles Messer zu schärfen. Es würde heute eine bedeutungsvolle Rolle spielen. Mina musste einen Moment stehenbleiben, denn ihr wurde das Herz schwer und der Druck nahm ihr den Atem.

Sie zwang sich weiterzugehen und erreichte die Frauen, die am Rande des Dorfes im Gestrüpp hockten und die Kräuter sammelten, die für das Ritual benötigt wurden. Die Männer hatten bereits lange vor Sonnenaufgang das Dorf verlassen, um ihr Jagdglück zu versuchen. Es sollte an diesem Abend wie jedes Jahr ein Festessen geben.

Ihr ganzes Leben hatte sich Mina immer auf diesen Tag gefreut – nie ahnend, dass sie eines Tages selbst das Opfer bringen müsste. Heute hätte sie alles dafür gegeben, nicht daran teilnehmen zu müssen. Dieses Mal würde sie eine ganz besondere Rolle dabei spielen.

Die anderen Frauen begrüßten sie herzlich, fast andächtig, als sie sich daran machte, mit ihnen die Kräuter zu schneiden. Mina spürte ihre neidvoll erfüllten Blicke, als sie ihnen den Rücken zudrehte. Sie wusste, dass viele gerne mit ihr getauscht hätten. Mina hätte nicht gezögert, ihnen diese Gunst zu gewähren, doch es war unmöglich. Durch sie war die Wahl gefallen – ihre Tochter war auserwählt worden. Es war eine Ehre, von den Göttern berührt zu werden, und man durfte sich ihrem Willen nicht widersetzen, denn das hätte ihren Zorn auf das ganze Dorf gezogen. Doch Mina spürte nichts von göttlichem Segen, nur den Schmerz, der ihn begleitete.

Wussten die Götter, welchen Schmerz sie den Auserwählten zufügten? Es war schlimmer als ein glühender Dolch im Herzen.

Als die Kräuter gesammelt und dem Druiden übergeben worden waren, kehrte Mina in ihre Hütte zurück. Ihre Tochter war inzwischen erwacht und freute sich über die Rückkehr der Mutter. Mina hätte am liebsten geschrien, so laut, dass ganz Germanien und die Götter selbst von dem Schmerz erfuhren, der ihr zugefügt wurde. Doch sie tat es nicht. Stattdessen nahm sie das Mädchen in die Arme und drückte es so lange an sich, bis die Kleine sich der Umschlingung entwand. Mina ließ sie mit Tränen in den Augen gewähren. Sie war sieben Jahre alt, und sie verstand nichts von dem, was an diesem Tag geschehen würde.

Die Männer kehrten von ihrem erfolgreichen Jagdzug zurück. Sie brachten herrliches Fleisch mit, was die Frauen in Verzückung versetzte. Es gab viel zu tun. Die Tiere mussten ausgenommen und enthäutet werden. Dann wurden die Feuer angezündet.

Später, während ihre Tochter friedlich auf dem festgetretenen Erdboden der kleinen, rauchigen Hütte spielte, kamen die Jungfrauen des Dorfes und brachten Blumenkränze und ein feines Gewand, das nur für diesen Tag angefertigt worden war. Mina saß auf ihrem niedrigen Lager, hielt dabei ihre Tochter in den Armen und ließ – vom Schmerz wie betäubt – die Jungfrauen die heiligen Handlungen durchführen.

Langsam wurde dem Mädchen bewusst, dass dies kein Tag wie jeder andere werden würde. Sie lachte und klatschte in die kleinen Hände, als sie in feinen Stoff gehüllt und mit Blumen geschmückt wurde. Mina hingegen weinte stumm. Es gab keinen Trost für sie an diesem Tag. Ein junges Mädchen mit strohblondem Haar, kaum drei Jahre älter als ihre Tochter, kam zu ihr und fragte sie mit verständnislosem Gesicht, warum sie weine. Sie könne doch stolz auf den Vorzug sein, der ihr gewährt wurde. Mina hätte sie am liebsten ins Gesicht geschlagen. Was wusste dieses dumme Ding schon?

Vor ihrer Hütte versammelten sich die Dorfbewohner. Zuletzt kam der Druide. Wenn sie gekonnt hätte, hätte Mina den offenen Zugang zu ihrer Hütte verrammelt und wäre mit ihrer Tochter nie wieder herausgekommen. Doch es wäre sinnlos gewesen. Es hätte nur den Zorn der Götter heraufbeschworen.

Der Druide betrat würdevoll ihre ärmliche Behausung. Er brachte wohlriechende Kräuter mit, die ihren Duft in der ganzen Hütte verströmten, und einen Trank, den er unter unzähligen Riten zubereitet hatte. Ihre Tochter schmiegte sich an Mina und umschlang mit ihren Armen die Hüfte der Mutter. Mit großen, ängstlichen Augen beobachtete sie den riesigen, unheimlichen Mann, der ihr noch nie ganz geheuer gewesen war. Sie wollte seinen Trank nicht annehmen. Erst nach der Aufforderung der Mutter, die diese nur mit größtem Leid über die Lippen brachte, nahm sie das Gefäß in die kleinen Hände. Der Trank schmeckte bitter, und das Kind würgte. Es benötigte viel Zeit und Geduld, bis sie das Gefäß geleert hatte. Mina wusste, dass es ihrer Tochter nicht geholfen hätte, wenn sie den Trank verweigert hätte. Er machte die Sache nur erträglicher. Es dauerte eine Weile, bis das Gebräu seine Wirkung voll entfaltet hatte. Es machte das Mädchen gefügig und willenlos. Mit stumpfen Augen und abwesendem Gesicht hielt es die Hand der Mutter, die vom Schmerz fast ebenso betäubt war. Mina fragte sich, ob ihre Tochter die Bedeutung ihres Zustands wenigstens ahnte – oder ob sie einfach nur friedlich in einem Nebel aus Bitterkeit und Schlaf versank.

Der Druide führte die Prozession an, die hinaus ins Moor zog. Auf rutschigen, ausgetretenen Wegen, die geschickt alle gefährlichen Stellen umgingen, wanderten die Dorfbewohner zum heiligen Ort. Dort bildeten sie einen Kreis und nahmen das berauschte Mädchen in ihre Mitte. Einer der Männer musste es halten, denn Mina hatte nicht mehr die Kraft. Mit jedem Schritt wurde der Druck auf ihrer Brust größer, bekam sie weniger Luft, bis ihr schließlich schwindlig wurde und sie glaubte, ohnmächtig zu werden. Jetzt stand Mina etwas abseits, von den Frauen des Dorfes umgeben, und der Druide stimmte einen heiligen Singsang an. Dann zog er das rituelle Messer hervor. Die blanke Klinge glänzte im bläulichen Tageslicht. Mina verspürte unbeschreibliche Übelkeit.