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Weihnachten ist heute ein globales Fest. Teilnahmezahlen und wirtschaftliche Bedeutung sind gewaltig. Die fünf Essays laden ein, die Diskussion, ob das Fest noch religiös oder schon säkularisiert sei, zu ersetzen. Sie schauen darauf, wie dramatisch sich Weihnachten immer wieder verändert hat. Sie schauen auf die Formen, wie Menschen heute Weihnachten leben. Und sie schauen darauf, wie diese Menschen weihnachtliche Rituale als Räume nutzen, in denen sie Zusammenleben und Wertebildung auf den Prüfstand stellen. Dieser Rundgang beginnt mit der Frage, wie und wo Weihnachten überhaupt gefeiert wird. Er setzt sich fort über Weihnachtsmärkte und die Bedeutung des Singens. Die städtische Gegenwart führt zu überraschenden Beobachtungen an den alten Texten und deren Verstehen und Missverstehen in der Folgezeit. Der Rundgang endet im fünften Essay mit der Feststellung, dass die Kommerzialisierung des Festes das Ritual nicht gestört, sondern gestört hat.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Für Ulrike und Irene
Vorwort
Preface
1 Was ist Weihnachten?
What is Christmas?
2 Weihnachtsmärkte
Christmas and Christmas markets
3 Weihnachtslieder
Christmas carols
4 Die Weihnachtsgeschichte des Lukas
Luke's Christmas story
5 Weihnachten ist ganz materiell
Christmas is material
Danksagung
Acknowledgments
Bildnachweise
Weihnachten geht alle an. Die einen aus religiösen Gründen, die anderen aus wirtschaftlichen. Wieder andere interessieren sich aus kulturgeschichtlichem Grunde. Manche warten auf Weihnachten, weil es seit zweihundert Jahren Familien zusammenbringt. Manch andere, etwa in Ostasien, freuen sich auf Weihnachten, weil es Feiertage bringt, die gerade nicht durch familiäre Traditionen und Zwänge besetzt sind. Ich interessiere mich für Weihnachten als Religionswissenschaftler. An wenigen anderen Ritualen lässt sich die Rolle von Religion für Einzelne und Gemeinschaften, für häusliche und öffentliche Räume, für Städte und Urbanität, für Wirtschaft und ihre Werte in religiösen Monokulturen und säkularisierten Gesellschaften so gut beobachten: für die Gegenwart wie die letzten sieben-, achthundert Jahre. In fünf Essays, die in den letzten Jahren entstanden sind, möchte ich solche Beobachtungen und die darauf aufbauenden Überlegungen vorstellen und zuspitzen. Für unseren Umgang mit dem alten Fest, in Erleben und Tun, kann ein neuer Blick nur vorteilhaft sein. Die Zweisprachigkeit ist ein erster Schritt dazu: Weihnachten ist nicht nur ‹unser› Fest – wer auch immer ‹wir› unter all den Menschen dieser Welt sein wollen. Daher sind alle Essays auf Deutsch wie auf Englisch dargeboten.
Christmas concerns everyone. Some for religious reasons, others for economic purposes. Still others are interested for cultural and historical reasons. Some look forward to Christmas because it has been bringing families together for two hundred years. Others, for example in East Asia, look forward to Christmas because it brings holidays that are not occupied by family traditions and obligations. I am interested in Christmas as a historian of religion. There are few other rituals that allow us to observe the role of religion for individuals and communities so well, in domestic and public spaces, for towns and urbanity, for the economy and its values in religious monocultures and secularised societies in the present and the last seven or eight hundred years. In five essays written over the past years, I present and refine my observations and reflections on the topic. A new perspective can only be beneficial for our approach to this ancient holiday, in terms of both experience and action. Bilingualism is a first step in this direction: Christmas is not just ‹our› festival – whoever ‹we› may be among all the people of this world. That is why all the essays are printed in both German and English.
Weihnachtseinkäufe, Weihnachtsfeiern, Weihnachtsmarktbesuche: Weihnachten ist schon lange vor dem 25. Dezember, hier und (fast) weltweit, und es scheint längst ein städtisches Fest geworden zu sein. Dieses Wissen bereitet manchen sogar ein kleines bisschen schlechten Gewissens. Darf es Weihnachtsfeier heißen, wenn es doch erst Advent ist? Ist da nicht zu viel jingle bells und zu wenig Jesuskind? Zu viel Kommerz und zu wenig Andacht? Ist das ‹Schiff, das geladen kommt›, nicht längst überladen, schon bei der Abfahrt aus Shanghai? Und vielleicht noch tiefer gehend: Verdeckt nicht das süßliche Jesuskind den Sinn der christlichen Botschaft von Weihnachten? Aber nicht um einen theologischen Blick geht es in diesem ersten Essay. Es geht nicht um die Frage, was der wahre Kern von Weihnachten sei. Die religionsgeschichtliche Frage, die ich hier und in den vier folgenden Essays stelle, lautet: Welche Traditionen prägen die heutigen Praktiken, ob von Christen oder Nichtchristen, von Nichtreligiösen oder Religiösen. Wie wird Weihnachten gelebt? Warum ist es so erfolgreich – als Fest, als Ritual, als Familienfeier und Konsumperiode? Und vor allem: wie in den Städten, die im Allgemeinen so wenig weihnachtlich anmuten? Um das zu beantworten, ist es nötig, in einigen wenigen Schritten tiefer in die Geschichte hinabzusteigen, in Vergangenheiten, die noch immer Gegenwarten prägen, hier und anderswo. Entstanden sind diese Überlegungen in einer kleinen Thüringer Großstadt, aber sie nehmen die letzten Wochen des Jahres in Mitteleuropa und immer wieder auch darüber hinaus in den Blick. Das Weihnachten, um das es in diesem Büchlein geht, ist eine globale Angelegenheit.
Das globale Familienfest
Weihnachten ist das Fest in und mit der Familie. Gerade auf dem wechselseitigen Beschenken und der Bereitschaft zu hohen Ausgaben (und oft dem gemeinsamen Konsum) für unsere Liebsten baut die Kommerzialisierung des Festes auf. Das war nicht immer so. Weihnachten als Familienfest ist Romantik und Biedermeier. Der Tannenbaum im bürgerlichen Wohnzimmer ist das erfolgreichste Symbol für diesen Zusammenhang. Und das vielleicht erfolgreichste deutsche Exportprodukt vor dem Volkswagen. Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha trug den Tannenbaum in die Paläste seiner geliebten Viktoria – und von da aus traten sie ihren Siegeszug in die angelsächsische Welt, in die USA an und wurden durch Charles Dickens und Hollywood weiter verbreitet. Massenhaft produzierte Klaviere und die explodierende Zahl von Weihnachtsliedern ermöglichten, auch ohne die Orgel einer Kirche, die häusliche Feier zu ritualisieren.
Centre of Modena, Italy, 2021.
Daniel Falk dichtete nicht nur ‹O du fröhliche›, sondern erbaute auch in Weimar den Lutherhof für verwahrloste Kinder. Der Erfinder des Adventskranzes, Johann Hinrich Wichern, selbst früh Waise, erfindet ihn für eine vergleichbare Einrichtung. Gerade für das Fehlen von Familie bedarf die Familienweihnacht besonderer Anstrengungen. Auch deswegen spenden viele in diesen Tagen für Menschen in ähnlicher Lage, weltweit.
Nicht nur Christen spenden. Schon ‹O Tannenbaum›, 1824 gedichtet, kam ohne das Christkind aus. Die bürgerliche Familienweihnacht bedarf der Kirche im Grundsatz nicht – und verbindet dennoch den Kirchgang mit ihr. Die lange Adventszeit ist heute eine Zeit der Vorbereitung auf die weihnachtliche Bescherung, die mit einer stetigen Steigerung der Symbole arbeitet, erst Lebkuchen, dann Lichter, Baum, Krippe, Duftkerzen, Weihnachtsoratorium. In der Schlussphase überlässt man (und frau, die hier oft noch immer mehr in die Pflicht genommen wird) sich aber gerne den Profis, den Spezialistinnen und Spezialisten in den Kirchen. Und die wissen die Situation zu nutzen, wissen gegen Entkirchlichung zu mobilisieren: mit der Erfindung des ‹Festes der Heiligen Familie› am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, mit Krippenfeiern für unterschiedliche Zielgruppen und Weihnachtslob heute. Aus religionsgeschichtlicher Sicht war Weihnachten zu feiern immer ein Balanceakt.
Dörfliche Gemeinschaftsfeier
Wie wurde Weihnachten vor der bürgerlichen Familie gefeiert? Ein Blick in die Volkskunde und die Volkskunde- und Heimatmuseen gibt einen Eindruck davon. Da ziehen und johlen Herrschekloese durchs Dorf, tragen Vereine am 24. Dezember meterhohe Fackeln auf den Hausberg, prügeln Hulleweiber durch die Dorfstraßen. Harmloser (im ursprünglichen Sinne des Wortes) klingeln sich Kindergruppen durch die Häuser und führen Hirten- oder Krippenszenen auf. Hirten und Könige – dann gegen Ende der Weihnachtszeit – füllen in ähnlicher Weise ihre Säcke. Das Weihnachtsfest liegt nun einmal auf der Wintersonnenwende und am Jahresende. Auch eine Weihnachtsfeier im Freundeskreis ist ein Jahresabschluss – wie so viele Betriebs- und Vereinsfeiern.
Auch vor ‹O du fröhliche› war Weihnachten fröhlich und laut. Die dörflichen Rituale markierten (und zum Teil markieren immer noch) einen Ausnahmezustand. Gerade die besondere Rolle der sonst Zurück– stehenden – Kinder, Jugendliche, Frauen – bestärkten die umfassendere Gemeinschaft des Dorfes, der sich auch erwachsene Männer unterzuordnen hatten. Es war immerhin Winter. Wenn es nicht gerade um große Feuer ging, verlegte man dabei das Dorfleben in die geheizten Stuben: Es gab keine Schranke der Privatheit, hinter der man sich verstecken konnte. Ausgeschlossen zu sein, keinen Besuch von diesen Scheusalen oder Königen zu bekommen, war schlimmer.
Genau das ist freilich das Weihnachten, das einem erneuerten Christentum nicht gefiel. Die Reformatoren wollten nicht nur das Kirchenlatein, sondern auch diesen heidnischen Unfug beenden. Die rigorose Lösung bestand darin, Weihnachten zu verbieten. Die Puritaner in England verboten Weihnachten 1649, in Nordamerika, in Boston, 1659. Klar, dass diese Verbote nicht lange hielten. Besser war es, geeignetes Brauchtum christlich um- oder theologisch aufzurüsten. Nicht nur katholische Barockfürsten genossen weihnachtliche Theaterspiele.
Das arme Jesuskind
Geistliche Spiele waren aber keine Erfindung der Frühen Neuzeit. Zu sehen, wie eine Jesusfigur zu Ostern oder am Himmelfahrtstag hochgezogen wird und hinter der Kirchendecke verschwindet, ist etwas anderes, als den kurzen Bibeltext dazu zu hören. Mitspielen, ob als derjenige, der ein Kreuz trägt oder als der böse Pilatus, ermöglicht ein anderes Erleben. Dasselbe gilt für all die Marien, Josephe und Hirten der Weihnachtsspiele. Für die mittelalterliche Frömmigkeit war die emotionale Identifizierung, das Mitleiden und Mithelfen der wichtigste Zugang eines intensivierten, eines individualisierten Christentums.
Was Karfreitagsspiele und Prozessionen den Männern boten, bot das Jesuskind, in Windeln gewickelt und in der Wiege, den Frauen und Mädchen. Seit 1300 entwickelt sich der eingewickelte Jesus als Säuglingspuppe. Zunächst wurde er als Spielzeug von und für Nonnen gefertigt. Von da aus verbreitete er sich – bis in die bürgerlichen Kinderzimmer – als Mädchenspielzeug oder Bastelprojekt. Kindelwiegen – was der zunächst altersschwach vorgestellte Josef noch nicht konnte – wurde religiöse Leistung. Maria machte es auf den Bildern des Hochmittelalters vor, sie betrachtete liebevoll das Kind in der Krippe, nahm es heraus, stillte es. Aber auch Josef musste seine Rolle finden und wurde zum rührigen Nährvater, der Mutter und Kind mit dem von ihm gerührten Brei versorgte.
