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Sie tut alles, um ihre Schwester vor einer Zweckehe zu retten – aber was ist mit ihrem eigenen Herz? England, 1807: Nach dem tragischen Tod ihres Vaters in den Diensten der Royal Navy fürchten die verwaisten Waverly-Schwestern alles zu verlieren – vor allem ihr geliebtes Zuhause Windhaven Manor. Als Älteste ist Emma sich ihrer Pflicht bewusst und nimmt so den Antrag von Captain William Trent an, einem jungen Freund ihres Vaters. Doch ihre verträumte Schwester Chloe Anne weiß, dass Emmas Herz bereits einem anderen gehört – und macht es sich zur Aufgabe, diese Ehe um der wahren Liebe willen zu verhindern. Doch als sie dabei William näherkommt, entdeckt sie, dass sich hinter seiner militärischen Härte mehr Gefühle verbergen, als sie je für möglich gehalten hat. Und auch William wird klar, dass er womöglich die falsche Schwester gewählt hat … Ein historischer Liebesroman über unerwartete Traummänner und zwei ungleiche Schwestern – wer Jane Austen liebt, wird von Susan Carroll begeistert sein.
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2025
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England, 1807: Nach dem tragischen Tod ihres Vaters in den Diensten der Royal Navy fürchten die verwaisten Waverly-Schwestern alles zu verlieren – vor allem ihr geliebtes Zuhause Windhaven Manor. Als Älteste ist Emma sich ihrer Pflicht bewusst und nimmt so den Antrag von Captain William Trent an, einem jungen Freund ihres Vaters – an Weihnachten steht die Trauung bevor. Doch ihre verträumte Schwester Chloe Anne weiß, dass Emmas Herz bereits einem anderen gehört – und macht es sich zur Aufgabe, diese Ehe um der wahren Liebe willen zu verhindern. Doch als sie dabei William näher kommt, entdeckt sie, dass sich hinter seiner militärischen Härte verbergen sich traurige Augen und ein sanftes Gemüt. Und auch William wird klar, dass er womöglich die falsche Schwester gewählt hat …
eBook-Neuausgabe Dezember 2025
Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals1992 unter dem Originaltitel »Christmas Belles« bei Fawcett, Greenwich. Die deutsche Erstausgabe erschien 1998 unter dem Titel »Das größte Geschenk« bei Heyne.
Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1992 by Susan Coppula
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1998 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock /shutterstock AI
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)
ISBN 978-3-69076-978-5
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Susan Carroll
Roman
Aus dem Amerikanischen von Isabella Bruckmaier
Gewidmet vier meiner treuesten Fans: Dorothy, Pat, Jean und Janet – die rein zufällig auch noch meine Schwestern sind.
Heiligabend, 1807
Bestimmt waren Mistelzweige noch nie mit solch wilder Entschlossenheit befestigt worden. Miss Chloe Anne Waverley balancierte oben auf der Leiter und schlug einen Nagel nach dem anderen in die Wand, wobei sie bei jedem Hammerschlag die blauen Augen zusammenkniff. Ihre schlanke Gestalt schwankte gefährlich und glänzende, honigbraune Haarsträhnen fielen ihr in das zart und ebenmäßig geschnittene Gesicht. Mit aufeinandergepreßten Lippen drosch sie erneut auf den widerspenstigen Nagel ein.
»Chloe Anne!« war die schneidende Stimme ihrer älteren Schwester zu vernehmen. »Hör auf damit, bevor du dir noch den Hals brichst oder ich taub werde! Mir dröhnt schon der Kopf von diesem infernalischen Krach!«
Chloe strich sich mit dem Hammerstiel die Haare aus dem Gesicht und blickte zu Lucy hinunter. Sie stand auf der anderen Seite des Rundbogens der Tür, die in den Salon führte. Beim Anblick der wohlgeordneten blonden Ringellöckchen ihrer Schwester wurde sich Chloe ihres aufgelösten Zustands noch deutlicher bewußt. Allerding sah Lucy immer perfekt aus: von den weichen Lederschuhen bis hin zu den perfekt manikürten Fingernägeln eine junge Dame, auf der Höhe der Mode und Eleganz.
Lucy achtete darauf, mit den Falten ihres feinen Wollkleids nicht an der Leiter hängenzubleiben. Selbst ihr leichtes Stirnrunzeln schmälerte ihre Schönheit nicht.
»Als du davon sprachst, die Mistelzweige aufzuhängen«, beschwerte sie sich, »war mir nicht klar, daß du vorhattest, sie niederzumetzeln! Mit etwas Nachdenken wirst du sicher eine gnädigere Hinrichtungsmethode finden.«
»Ich bin beinahe fertig. Du willst doch sicher, daß ich diese Arbeit ordentlich durchführe?« fragte Chloe und gestikulierte dabei mit der Hand, in der sie den Hammer hielt. Sie sprach immer mit den Händen. Gegen diese Angewohnheit schien sie machtlos zu sein. »Es wäre doch schrecklich, wenn inmitten unserer Festlichkeiten plötzlich der Mistelzweig herunterfiele, unter dem man sich küßt.«
Mißtrauisch den Hammer beäugend, trat Lucy einen Schritt zurück. »Ich sehe nicht, was das für einen Unterschied macht. Wer soll deiner Vorstellung nach schon von uns geküßt werden? Nur Papa und der alte Squire Daniels, dessen Atem stets nach Tabak und Zwiebeln riecht.«
»Man kann nie wissen.« Versonnen betrachtete Chloe den Zweig mit den dunkelgrünen Blättern und den hellen Beeren. »Möglicherweise schneit ein unerwarteter Gast herein.«
»Und möglicherweise auch nicht.«
»Aber es könnte doch sein – vielleicht ein junger und gutaussehender Mann.«
»Das wird nicht so sein.« Mit einem liebenswürdigen Lächeln auf den Lippen stolzierte Lucy davon.
»Aber es könnte doch sein«, stieß Chloe leise hervor. Ihre Finger schlossen sich wieder fest um den Hammer, obwohl sie nicht umhinkonnte, kurz innezuhalten, um ihrer Schwester nachzusehen, die elegant an dem Sofa vorbeirauschte, auf dem es sich ihre jüngste Schwester Agnes mit einem Buch bequem gemacht hatte.
Chloe war eine tiefverwurzelte Wertschätzung für alles Schöne zu eigen, und daß Lucy schön war, stand außer Zweifel. Wenn ihre eigenen Augen blau waren, so schienen Lucys Augen noch blauer zu sein. In ihrem Haar leuchtete es manchmal hell wie die Sonne, doch Lucys Haar war gesponnenes Gold. Sie war klein, Lucy dagegen hochgewachsen und stattlich.
Und obwohl sie nur ein Jahr älter war als Chloe, hatte Lucy bereits einen Busen.
Verstohlen blickte Chloe an ihrem hochtaillierten Kleid hinunter, um wehmütig festzustellen, daß sie, auch wenn sie letzten Monat sechzehn Jahre alt geworden war, noch immer so flachbrüstig war wie Dan, der Stallbursche.
Na gut, das wird schon noch werden, seufzte sie leise. Chloes große Stärke war die Zuversicht, daß sich alles für all diejenigen, die lange genug warteten, zum Guten wenden würde. Frohgemut fuhr sie fort mit ihrem Gehämmer, bis sie sicher war, daß der Mistelzweig an Ort und Stelle blieb. Dann kletterte sie vorsichtig die Leiter hinunter, um ihr Werk zu betrachten.
Außer mit dem Mistelzweig über dem Türbogen hatte sie den Salon noch mit Stechpalmenzweigen über dem Kaminsims dekoriert und mit Efeu, das die Fenster umrankte. Die Eisblumen auf den zweigeteilten Fensterscheiben glitzerten und funkelten. Im Kamin prasselte das Feuer, und obwohl der Wind hinter den Fensterläden heulte, wirkte der Salon gemütlich und heimelig.
Chloe Anne konnte sie bereits fühlen, diese Magie, die ihr Herz schneller schlagen ließ, diesen ganz bestimmten Zauber, der sich nur an Heiligabend über die Welt legte, so sanft wie eine frische Schneedecke, so warm und hell leuchtend wie eine Kerzenflamme. Durch diesen Zauber schien der Salon wie verwandelt, man vergaß, wie abgetreten der alte Teppich war, und daß die Sofakissen umgedreht werden mußten, um den verblichenen Samt zu verbergen. Nicht, daß Chloe dies besonders aufgefallen wäre, wenn Lucy sie nicht gerade darauf hinwies.
Nachdem sie den Raum geschmückt hatte, blieb Chloe nichts mehr zu tun, und sie ging unruhig im Salon umher. Sie war ganz aufgeregt und voller Vorfreude und wünschte sich, diese Gefühle mit jemandem teilen zu können. Doch Lucy saß, ganz versunken in ihre wunderbaren Geschenke, am Tisch und Agnes sah kein einziges Mal von ihrem Buch auf.
Das Mädchen las Homer, jedoch nicht in der Chapman-Übersetzung, sondern im griechischen Original. Agnes war geradezu erschreckend klug.
Nachdem sie eine Weile lang nachdenklich ihre in die jeweiligen Vorlieben versunkenen Schwestern beobachtet hatte, klatschte Chloe Anne kräftig in die Hände und rieb sie dann energisch aneinander. »Ach, machen wir doch einen Spaziergang! Wir könnten zur alten Eiche hinuntergehen und nachsehen, ob die Christrose schon blüht.«
»Wo es doch draußen so kalt und dunkel ist?« Mit hochgezogenen Augenbrauen tat Lucy ihr Erstaunen kund.
Agnes hob ihre spitze kleine Nase lange genug aus dem Buch, um einen Kommentar abzugeben. »Es handelt sich dabei überhaupt nicht um eine Rose, sondern um eine Pflanze, die zu den Helleborusarten gehört.«
»Aber sie heißt Christrose, weil sie an Weihnachten blüht«, entgegnete Chloe.
»Das ist nur ein Ammenmärchen. Es gibt keinen Grund, warum sie am Weihnachtstag blühen soll, statt an irgendeinem anderen Wintertag. Pflanzen können keinen Kalender lesen.« Bei ihren Worten blickte Agnes so streng wie die schrecklichste alte Gouvernante. Chloe schmunzelte – manchmal erschien es ihr, als ob die jüngere Schwester nicht vierzehn sei, sondern kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag stand.
»Ein Spaziergang würde dir nicht schaden, Agnes«, mischte sich Lucy ein. »Du verbringst ohnehin zuviel Zeit über den Büchern. Dir werden noch Beulen über den Augen wachsen.«
»Immer noch besser als dein Zeitvertreib – ständig vor dem Spiegel an dir rumzuzupfen. Den ganzen Abend verbringst du schon damit, über diesem Berg Firlefanz zu brüten!«
Lucy stieg die Röte in die Wangen. Schützend legte sie den Arm um ihre neue Sammlung Fächer, Handschuhe und Duftfläschchen. »Du brauchst nicht so gehässig zu werden, nur weil ich mehr Geschenke erhalten habe als du. Selbst wenn du von Cousine Harriet nach London eingeladen worden wärst, hättest du nie und nimmer so viele großherzige Freunde gefunden wie ich, denn du gibst dir schließlich niemals Mühe, nett und zuvorkommend zu anderen zu sein.«
»Solche Freunde und einen solchen Haufen Plunder möchte ich gar nicht haben.« Mürrisch kuschelte sich Agnes wieder in ihre Sofakissen, um sich erneut in das Buch zu vergraben.
Halb trotzig und halb beschämt wandte sich Lucy Chloe zu. »Ich fühle mich nicht wohl dabei, daß ihr alle weitaus weniger bekommen habt. Natürlich werde ich ...« Sie zögerte und schluckte. »Ich beabsichtige, das alles mit euch zu teilen.«
»Ach Lucy, das ist aber sehr großzügig von dir.« Chloe Anne mußte sich alle Mühe geben, damit ihr die Kinnlade nicht nach unten fiel. Dieses Vorhaben war tatsächlich großzügig und für Lucy sehr ungewöhnlich. Ihre liebreizende Schwester hatte nie gerne geteilt. Doch anders als Agnes hegte Chloe keinen Groll gegen Lucy, nur weil diese mehr Geschenke erhalten hatte und häufiger nach London eingeladen wurde. Ganz im Gegenteil, Chloe fürchtete vielmehr, daß diese Aufenthalte Lucy geschadet hatten, da sie ihr faszinierende Einblicke in eine glitzernde, elegante Welt gewährten. Und an der Anteil zu haben konnten sie, als Töchter eines verarmten Landedelmannes, niemals auch nur die geringste Hoffnung hegen. Von diesen Besuchen kehrte Lucy nur unzufriedener denn je zurück – unzufrieden mit dem einfachen Leben, das sie in dem einsam an der Küste in Norfolk gelegenen Windhaven Manor führten.
Chloe Anne beeilte sich, Lucy zu versichern, sie glaube nicht, daß einer der Fächer zu ihr passen würde. Auch mache sie sich nichts aus diesem neuen Duft.
»Nun, wenn du dir wirklich ganz sicher bist ...« antwortete Lucy und lächelte bedauernd. Doch ihr Seufzen klang eher erleichtert. Sie wollte gerade ihre heiß geliebten Schätze vom Tisch räumen, als Emma das Zimmer betrat. Mit ihren zwanzig Jahren war Emma das älteste der Waverley-Mädchen.
Froh darüber, jemanden zu haben, mit dem sie ihren Enthusiasmus teilen konnte, stürzte Chloe Anne sich sofort auf die Schwester und drängte sie, den soeben angebrachten Weihnachtsschmuck zu bewundern.
Emma wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. Ihrem Chignon waren ein paar Strähnen entschlüpft und umrahmten nun das hübsche, rundliche Gesicht. Ein sanftes Lächeln erhellte ihr Gesicht.
»Es ist alles sehr nett geworden, meine Liebe«, meinte sie.
»Nett«, wiederholte Chloe Anne bekümmert. Sie mochte ihre Schwestern, jede auf eine andere Art, doch manchmal war ihr sehr danach, sie alle mit einer spitzen Nadel zu stechen. Vielleicht würde sie das dazu bringen, zumindest einmal aufgeregt aufzuschreien! Doch es war wohl besser, sich mit dem Gewohnten abzufinden. Sie konnte mit keinem echten Enthusiasmus rechnen, solange Papa nicht von seinem Besuch im Pfarrhaus zurückkehrte. Papa war der Einzige, der sich mit demselben ungezügelten Entzücken in die Festlichkeiten zu stürzen schien wie sie.
Emma legte Chloe Anne mütterlich die Hand auf die Schulter. »Ich bin sicher, wir werden ein sehr schönes Weihnachtsfest miteinander verbringen. Ich habe gerade nach dem Plumpudding gesehen. Und obwohl es mein erster Versuch ist, denke ich, daß es das beste Dinner werden könnte, das wir je hatten.«
Lucy stöhnte. »Es besteht nicht die geringste Notwendigkeit, daß du dies irgendjemand anderem kundtust, Em.«
»Oh Gott, nein«, warf Agnes spitz ein. »Die Welt darf keinesfalls erfahren, daß wir so unfein sind und essen!«
»Nicht daß wir essen«, schnappte Lucy zurück, »sondern daß wir kochen.«
»Wir, meine Liebe?« Emma lachte ausgelassen auf.
Lucy zog ein Gesicht, mußte dann aber doch über sich selbst schmunzeln. Es war eine nur allzu bekannte Tatsache, daß Lucy sich nie in der Nähe einer Küche blicken ließ, es sei denn, um mehr heißes Wasser für ihr Bad zu erbitten. Doch seit geraumer Zeit hatten sie in Windhaven nicht mehr so viele Hausangestellte – nur Polly, das Hausmädchen, und Meg, die alte Köchin, waren ihnen geblieben. Emma, die sich gerne in der Hauswirtschaft betätigte, hatte sich um die Mahlzeiten zu kümmern begonnen. Chloe hatte ebenfalls versucht mitzuhelfen, doch da sie zum Tagträumen neigte, war sie in der Küche eine einzige Belastung. Seit dem Tag, an dem sie das Brot so hart und schwarz gebacken hatte, daß man damit die morschen Stellen an der Nordseite des Hauses hätte ausbessern können, hatte die alte Meg ihr mit der Schöpfkelle gedroht, falls sie noch einmal einen Fuß in ihre Küche setze.
Dieses Verbot erfüllte Chloe zugleich mit Erleichterung und mit Schuldgefühlen. Es schien ungerecht, daß die Last der Haushaltsführung ganz allein auf Emmas Schultern ruhte. Doch diese beschwerte sich nie, nicht einmal an solchen Tagen wie heute, wenn sie etwas müde und erschöpft wirkte.
Nachdem sie Agnes dazu gebracht hatte, ihre Beine einzuziehen, drängte Chloe Emma, sich neben ihre jüngere Schwester auf das Sofa zu setzen. Emma lächelte ihr dankbar zu und wischte sich mit dem Handgelenk über die Stirn.
»Ich stelle fest, hier ist es heißer als in der Küche. Wieviel Holz ihr in den Kamin geschoben habt! Da brauchen wir den Yule-Stock gar nicht mehr zu holen.«
»Das war Chloe Anne«, erklärte Lucy. »Sie braut in dem kleinen schwarzen Topf irgendein Gebräu.«
Agnes blätterte eine weitere Seite ihres Buches um und rümpfte die Nase. »Wahrscheinlich noch so ein widerlicher alter Weihnachtsbrauch, den sie entdeckt hat und mit dem sie uns nun zu beglücken gedenkt.«
»Es hat nichts mit Weihnachten zu tun«, widersprach Chloe Anne. »Oder nur ein ganz kleines bißchen.« Sie hatte den kleinen Eisenkessel beinahe vergessen, den sie an der heißesten Stelle aufgehängt hatte. Doch nun eilte sie hinüber, um einen Blick hineinzuwerfen.
»Wißt ihr«, erläuterte sie ihren Schwestern, »ich schmelze ein paar von Papas Bleikugeln ein.«
Wenigstens diese Erklärung führte bei den anderen zu einer Gefühlsregung. Der Salon schwirrte von ihren erregten Ausrufen.
»Was?«
»Blei schmelzen?«
»Wozu das?«
»Wieder eines dieser halbverrückten Vorhaben von Chloe«, meinte Agnes. »Da könnt ihr sicher sein.«
Chloe Anne lächelte betreten. »Es ist vielleicht etwas verrückt. Aber ich habe mit der Haushälterin des Squires geredet, mit Mrs. Brindle. Sie erzählte mir eine höchst interessante alte Legende ...«
Ihre Schwestern stöhnten im Chor.
»Nein, nun hört doch zu«, beharrte Chloe. »Mrs. Brindle erzählte mir, wenn ein unverheiratetes Mädchen an Heiligabend geschmolzenes Blei in kaltes Wasser gießt, wird das Blei eine Gestalt annehmen, die ihr verrät, welche Art Mann ihr zukünftiger Gemahl sein wird.«
»Was kommt wohl noch als nächstes?« rief Lucy. »Nun verbringt das Mädchen seine Zeit schon mit Haushälterinnen! Hast du denn gar keinen Sinn dafür, was sich gehört, Chloe Anne?«
»Das ist doch ohnehin der reinste Schwachsinn«, fügte Agnes hinzu. »Warte nur, bis Papa erfährt, wie du seine Bleikugeln vergeudest.«
»Papa ist das egal«, entgegnete Chloe. »Ich glaube nicht, daß er auch nur einmal in seinem ganzen Leben etwas geschossen hat, nicht einmal ein Kaninchen. Ach bitte«, bot sie all ihre Überredungskunst auf, »lassen wir es doch auf einen Versuch ankommen und das Blei ins Wasser gießen. Welchen Schaden könnte das schon anrichten? Es ist doch nur ein Spaß.«
Agnes schnaubte verächtlich, und Lucy verdrehte die Augen. Aber Emma gab Chloe Anne wie immer nach und trat zu ihr an den Kamin. Allerdings vermutete Chloe Anne insgeheim, daß ihre Schwester vor allem kam, damit sie sich nicht verbrannte.
Was auch immer Emmas Gründe gewesen sein mochten, sie und Chloe beugten sich nun über einen Eimer mit kaltem Wasser. Vorsichtig schöpfte Chloe mit einer Kelle etwas Blei und goß es in den Eimer. Das geschmolzene Metall traf mit einem lauten Zischen auf das Wasser, und eine Dampfwolke stieg hoch. Chloe wedelte mit der Hand, um den Nebel vor ihren Augen zu vertreiben.
Als die Form in dem Wasser erkennbar wurde, meinte Emma: »Ich fürchte, das sieht nach gar nichts aus.«
Ihre Reaktion überraschte Chloe nicht im Geringsten. Wenn sie hochdeutete zu den Wolken, um Emma die Gestalten von Pferden, Narzissen oder tanzenden Katzen zu zeigen, konnte diese ebenfalls nie etwas erkennen.
Chloe zog die Augenbrauen zusammen und konzentrierte ihre eigene Wahrnehmungsfähigkeit auf das Blei, das sich in dem Wasser verfestigte. »Es sieht irgendwie aus wie ein Kreuz. Das müßte bedeuten, daß dein Ehemann ein Mann des Glaubens sein wird, vielleicht ein Pfarrer.«
»Oh!« war alles, was Emma dazu äußerte, aber ein eigenartiger Ausdruck flog über ihr Gesicht. Ihre Wangen wurden flammend rot, beinahe, als fühle sie sich ertappt.
Trotz all ihres vorgeblichen Resentiments und ihrer hochgezogenen Augenbrauen ob dieses Treibens, beugte sich Lucy nun ebenfalls über den Eimer, um besser sehen zu können.
»Mach als nächstes mein Blei«, forderte sie ihre Schwester auf.
Chloe Anne folgte ihrer Bitte. Wieder zischte es im Eimer, und sie studierte eingehend die Form, die sich bildete.
»Sieht wie ein Klumpen aus«, meinte sie.
»Ein Klumpen Blei. Nur ein Klumpen Blei«, ließ sich Agnes von ihrem Sofa aus vernehmen.
»Nein, ein Klumpen Gold!« rief Chloe triumphierend. »Das Schicksal verkündet, daß Lucy einen äußerst wohlhabenden Mann heiraten wird.«
Lucy kicherte. »Sag dem Schicksal, ich bin ihm zu Dank verpflichtet. Und ob er nicht auch noch einen Titel haben könnte?«
Während sie, Emma und Chloe über ihren Schabernack lachten, schüttelte Agnes nur düster den Kopf. »Ihr seid alle Kandidatinnen fürs Irrenhaus.«
Sie widerstand allen Versuchen ihrer Schwestern, sie dazu zu überreden, sich ihnen bei dem Spiel anzuschließen. Als Lucy so weit ging, sie im Spaß vom Sofa hochzuziehen, schlug Agnes ihr heftig auf die Hand.
Lucy rieb sich die brennenden Knöchel, hörte aber nicht auf zu lachen. »Na gut, Madame Sauertopf. Fahren wir also mit deinem Blei fort, Chloe Anne.«
Chloe nickte und hob zum letzten Mal die Kelle. Sie sagte sich, daß dies alles nur ein dummes Spiel ist, nur Spaß, doch das hinderte ihre Hand nicht daran, leicht zu zittern, als sie das Blei in das Wasser goß. Mit ahnungsvollem Herzklopfen sah sie zu, wie die Form im Wasser entstand.
Ihre Aufgeregtheit wich schnell der Verwirrung, als sie mit zusammengezogenen Augenbrauen das Stück Blei musterte. »Es ... es sieht aus wie ein Pfeil!«
»Ich nehme an, das bedeutet, du wirst Robin Hood heiraten«, spottete Agnes.
»Nein, vielleicht ist es gar kein Pfeil«, warf Lucy ein. »Es sieht eher aus wie ein Schwert oder ein Dolch.«
Emma lächelte. »Vielleicht bedeutet das, daß du einen Soldaten heiratest.«
»Oh!« rief Chloe. »Das würde mir nicht gefallen. Ich möchte keinen Soldaten als Ehemann.«
»Wie wäre es denn mit einem Seemann?« dröhnte eine fröhliche Stimme von der Tür herüber.
Gleichzeitig mit ihren Schwestern fuhr Chloe herum, und ihr Blick fiel auf einen kräftigen, älteren Herrn, der im Türrahmen stand.
»Papa!«
Sir Phineas Waverley blies in seine Handflächen, die von der Kälte ganz rauh waren. Er hatte die Handschuhe vergessen und den Hut ebenso. Die grauen Haare wucherten ihm über die Augenbrauen und seine Koteletten bedurften dringend einer Rasur. Obwohl der Kragen seines Umhangs bereits etwas abgetragen war, war er in Chloe Annes Augen noch immer die schneidige Erscheinung, die er an jenem herrlichen, längst vergangenen Tag gewesen sein mußte, an dem er zum Ritter des Bathordens ernannt worden war.
Während er nun seinen Umhang ablegte, blickte er sich um und erklärte: »Wie hübsch ihr dekoriert habt, meine Lieben! Aber du meine Güte, ihr habt den Mistelzweig vergessen!«
Dieses Spiel reichte bis in ihre Kindheitstage zurück. Sir Phineas stellte sich stets direkt unter den Zweig und gab vor, ihn nicht zu bemerken, bis er gefangen wurde.
»Oh Papa!« stöhnte Agnes. »Wir sind viel zu alt für solche Scherze.«
Doch Chloe Anne stürzte sich bereits auf ihn und Emma folgte ihr auf dem Fuß. Ausnahmsweise ließ auch Lucy ihre Vornehmheit fahren, und schloß sich ihren Schwestern an. Sie nahmen Sir Phineas in die Mitte und bedeckten seine kotelettenbewachsenen Wangen mit Küssen. Er wehrte sich mannhaft. Da seine Verteidigung aber darin bestand, jedes Mädchen wie ein Bär an seine Brust zu drücken, wurden seine Protestbeteuerungen nicht ernst genommen.
Schließlich konnte sogar Agnes nicht umhin, ihr Buch wegzulegen, um es ihnen nachzumachen und ihrem Vater mit gespitztem Mund einen Kuß auf die Wange zu drücken. Auch wenn der Mistelzweig – wie sie sich bemühte, allen zu versichern – damit nicht das Geringste zu tun hatte. Nein, sie pflege ihren Vater stets auf diese Weise zu begrüßen, wenn er nach langer Abwesenheit zurückkehre.
»Aber sicher«, spöttelte Lucy. »Papa muß mindestens drei Stunden weg gewesen sein.«
Agnes durchbohrte sie mit ihren Blicken.
»Eher fünf«, verbesserte Chloe sie. Mit einem tadelnden Unterton fuhr sie fort: »Du warst eine Ewigkeit im Pfarrhaus, Papa. Du warst nicht einmal hier, um den Mistelzweig aufzuhängen.«
»Es ging nicht anders, meine Liebe.« Sir Phineas seufzte tief auf. Die Wärme, die ihn während der herzlichen Umarmungen durchströmt hatte, schien aus ihm zu weichen. Er durchquerte das Zimmer und streckte die Hände dem prasselnden Feuer entgegen. »Ah, das fühlt sich besser an.«
Während Emma Papa schalt, weil er die Handschuhe vergessen hatte, versuchte Chloe Anne heimlich, den Eimer Wasser verschwinden zu lassen. Nicht etwas, daß sie befürchtete, Papa könnte wütend werden wegen des vergeudeten Bleis. Aber er würde bestimmt fragen, um was es bei dem Spiel gegangen sei, und das wollte Chloe ihm nicht erklären. Papa würde über diesen Unsinn sicherlich lachen – und gleichzeitig traurig dreinsehen. Das tat er immer bei solchen Gesprächen, die sich um ihre zukünftigen Ehemänner drehten. Chloe war nicht entgangen, wie sehr sich ihr Vater in letzter Zeit den Kopf darüber zerbrach, wie er für seine Töchter eine ausreichende Mitgift aufbringen könnte.
Plagten ihn auch heute, an Heiligabend, solche Sorgen? Denn irgendetwas hatte Papa auf dem Herzen. Je länger Chloe ihn beobachtete, um so sicherer wurde sie sich. Trotz der Tränensäcke, die sein Alter verrieten, hatten sich die Augen selbst ihr jugendliches Leuchten bewahrt. Aber heute abend ließ nicht einmal der Widerschein des Feuers sie Augen aufblitzen.
»Papa«, wandte sich Chloe besorgt an ihn, »sind im Pfarrhaus alle wohlauf?«
Sir Phineas hatte geistesabwesend die Augenbrauen zusammengezogen und Chloe mußte ihre Frage wiederholen, bevor sie seine Aufmerksamkeit wecken konnte.
»Was? Oh ja, ich habe sogar Mr. Henry zum Essen heute abend eingeladen. Hilf mir, den Yule-Stock hereinzutragen.«
»Das hast du getan, Papa? Wie wunderbar.«
Der Vikar der Kirche von St. Andrew war ein angenehmer junger Mann, zurückhaltend und vielleicht etwas zu honorig, aber sehr ernst und sehr zuvorkommend. Er war neu in ihrer Pfarrei und hatte es nicht leicht, insbesondere da sein Vorgänger, der arme Mr. Bledsoe, das Amt über sechzig Jahre innegehabt hatte. Squire Daniels stellte jeden Sonntag für jeden deutlich hörbar fest, es bereite ihm große Schwierigkeiten, sich von einem Grünschnabel predigen lassen, der zu jung sei, um sich zu rasieren.
Chloe hatte ihm entrüstet entgegengehalten, sie sei sich vollkommen sicher, Mr. Henry rasiere sich bereits, vielleicht sogar dreimal am Tag, doch der alte Squire war darauf nur in schallendes Gelächter ausgebrochen. Da es Mr. Henry so schwerfiel, sich hier Geltung zu verschaffen, war Chloe froh, daß Papa so nett war, an Heiligabend an den jungen Mann zu denken.
Lucy nahm die Neuigkeit, daß Mr. Henry heute abend ihr Gast sein sollte, gleichgültig auf. Und Agnes blätterte, ohne aufzumerken, eine Seite um. Chloe dachte, Emma würde sich darüber ebenso freuen wie sie, doch ihre ältere Schwester war ungewöhnlich still geworden.
Chloe konnte sich nicht zurückhalten, Lucy gegenüber zu bemerken: »Da! Habe ich dir, als ich den Mistelzweig aufhing, nicht gesagt, daß wir vielleicht außer dem Squire noch einen weiteren Gast haben würden? Einen jungen und gutaussehenden Mann?«
»Jung vielleicht«, entgegnete Lucy, eine Augenbraue leicht hochgezogen. »Aber sicherlich nicht gutaussehend. Mr. Henrys Kinn ist zu spitz.«
»Und er ist dürr wie ein Besenstiel«, murmelte Agnes hinter ihrem Buch.
Emma sprang auf die Füße. »Ich verstehe nicht, was mit Mr. Henrys Kinn nicht stimmen sollte. Und er wäre wohl nicht so dünn, wenn ... wenn sich jemand ordentlich um ihn kümmerte.«
Chloe und die anderen starrten sie an. Es kam nicht oft vor, daß Emma derart aufbegehrte. Nun aber wirkte sie äußerst aufgebracht und entschuldigte sich, sie müsse dringend in der Küche nach dem Rechten sehen. Dann stürzte sie aus dem Zimmer.
»Was ist denn in die gefahren?« fragte Lucy.
»Sorgt sich wahrscheinlich, ob der Pudding reicht«, lautete Agnes’ Schlußfolgerung.
Es war nicht auszuschließen, daß die Aussicht auf einen weiteren Gast, für den sie zu sorgen hatte, Emma irritierte, doch Chloe erschien dies unwahrscheinlich. Noch nie hatte sie ihre ausgeglichene ältere Schwester so aus der Fassung geraten sehen, und ihren Papa ebensowenig. Seine Melancholie schien sich nach Emmas Abgang noch zu verstärken. Doch als er Chloes bohrendem Blick begegnete, beeilte er sich, zu lächeln und die düstere Stimmung abzuschütteln.
Er ging im Zimmer auf und ab und bewunderte laut tönend Chloes Weihnachtsschmuck. Er sagte all das, was sie sich zu hören gewünscht hatte. Seine Stimme hallte wider vor Enthusiasmus – jeden anderen hätte er damit getäuscht. Doch obwohl Chloe überhaupt kein Gehör besaß, was Musik anging, besaß sie das absolute Gehör für Stimmen. Und aus der Stimme ihres Vaters hörte sie etwas heraus, das sie mit Unbehagen füllte.
Nachdem er den Duft der Efeuranken, die die Fenster schmückten, tief in sich eingesogen hatte, blieb Sir Phineas vor dem Bild an der gegenüberliegenden Wand stehen. Chloe hatte einen Kranz leuchtend grüner Schößlinge um das ovale Porträt ihrer Mutter gewunden.
»Ach du meine Güte, Kind«, sagte Sir Phineas leise, »du hast sogar an den Rosmarin gedacht.«
»Ja, Papa.« Chloe trat zu ihm und hakte sich unter. »Rosmarin ... als Zeichen der Erinnerung.«
Er sagte nichts darauf, drückte nur ihre Hand. Und einen Augenblick lang standen sie beide stumm vor dem Bild von Maria Waverley, wie es der Pinsel des Künstlers eingefangen hatte. Damals, als sie für das Porträt saß, konnte Mama nicht viel älter gewesen sein, als Emma es nun war. Sie trug eines dieser seltsamen, alten Kleider mit den vollen Röcken, das honigbraune Haar floß ihr in Korkenzieherlocken über die Schultern, ein leichter Schleier schien über den blauen Augen zu liegen und auf den Lippen schwebte ein leises Lächeln voll geheimer Träume.
Chloe hatte dieses Porträt stets geliebt und bedauert, daß es kein späteres von ihrer Mutter gab. Als Mama starb, war Chloe erst neun Jahre alt gewesen. Obwohl ihre Erinnerung daran, wie ihre Mutter ausgesehen hatte, mit der Zeit verblaßt war, war der Eindruck von Wärme und Sanftheit, die Erinnerung an liebevolle Hände, eine liebevolle Stimme und ein liebevolles Lächeln geblieben.
Chloe spürte, daß Papa selbst noch sieben Jahre nach Mamas Ableben trauerte. Niemals mit Worten, aber in der Art und Weise, in der er manchmal dieses Bild betrachtete, wobei dieses zärtliche Leuchten in seinen Augen und dieses melancholische Lächeln auf seinen Zügen lag.
Doch als Chloe nun zu ihrem Vater aufblickte, stellte sie verwirrt fest, daß er nicht das Porträt anblickte, sondern sie. Und noch nie war sein Gesichtsausdruck so traurig gewesen.
»Papa«, flüsterte sie. »Was ist? Stimmt etwas nicht?«
Sie hatte das Gefühl, er hätte vielleicht ihre Frage beantwortet, hätten sich nicht ihre zwei Schwestern am anderen Ende des Zimmers befunden. So beließ er es bei einem Kopfschütteln.
»Nichts, meine Liebe. Du weißt doch, was für ein gefühlsduseliger alter Esel ich an Heiligabend zu sein pflege. Es scheint eine Zeit zu sein, in der die Erinnerungen uns einholen, und oftmals heftiger, als das Herz ertragen kann.«
Mit diesen Worten wandte er sich um und kehrte zu seiner gewohnten rauhen, aber herzlichen Art zurück. Er trat ans Feuer und rief: »Schäme dich, Agnes, und schließe dieses Buch! Schluß mit den muffigen alten Griechen an Heiligabend. Lucy, meine Liebe, setze dich ans Pianoforte und spiele uns ein Lied.«
Chloe mußte einsehen, daß sich keine Gelegenheit mehr für ein vertrautes Wort ergeben würde, vor allem, als kurz darauf Mr. Henry eintraf. Der junge Mann hatte in letzter Zeit so häufig in Windhaven gespeist, daß er bereits ein richtiger Freund der Familie geworden zu sein schien. Natürlich konnte Lucy nicht widerstehen, den ernsthaften Pfarrherrn unter dem Mistelzweig zu überfallen. Er wurde so wunderbar rot.
Emma ließ sich dazu hinreißen, Lucy zurechtzuweisen, als sie aus der Küche zurückkam. Chloe Anne bemerkte, daß Emma die Schürze abgelegt und sich das Haar gerichtet hatte. »Schäme dich, Lucy, du solltest den armen Mr. Henry nicht so necken.«
»Es ... es macht mir nichts aus, Miss Waverley«, stammelte Mr. Henry. »Der Brauch, sich unter einem Mistelzweig zu küssen, ist heidnischen Ursprungs, und ich würde es nie zulassen, einen solchen Zweig in der Kirche anzubringen. Aber im eigenen Heim, denke ich, ist nichts dagegen einzuwenden.«
Und Chloe Anne schien es plötzlich, als sehe Mr. Henry ihre älteste Schwester erwartungsvoll an, doch Emma, deren Wangen so feuerrot wie die seinen war, blickte hastig zur Seite.
Chloe hätte nicht sagen können, daß ihr der anschließende Abend nicht gefallen hätte. Das Essen war wunderbar, und der Brauch, den Yule-Stock ins Feuer zu legen, wärmte ihr jedes Mal das Herz. Sie liebte es, wenn sich alle vor dem offenen Feuer versammelten, zusahen, wie die Farben zwischen den lodernden Flammen züngelten und sich Geschichten von Geistern und lange vergangenen Zeiten erzählten. Vielleicht bedauerte Lucy, daß sie die Festtage nicht so feierten, wie dies in den großen Herrenhäusern getan wurde, wo man Gesellschaften und Bälle gab. Chloe Anne jedenfalls zog diese familiären Zusammenkünfte allem anderen vor. Einen Abend zumindest saßen sie traulich zusammen, sicher vor der Welt da draußen.
Es wäre wunderbar gewesen, hätte sie nicht das Gefühl gehabt, daß es der Welt diesmal irgendwie gelungen war, in ihren Kreis einzudringen. Sie war sich nicht sicher wie oder in welcher Form, doch der unstete Blick ihres Vaters, in dessen Augen die Angst zurückgekehrt war, bestätigten es ihr.
Chloe war nicht traurig, als die kleine Gesellschaft sich früh auflöste. Mr. Henry bestand darauf, er müsse nach Hause, um noch einmal die Predigt für morgen durchzugehen, die er, wie Chloe nicht im Geringsten bezweifelte, bereits ein dutzendmal durchgelesen hatte.
Chloe Anne lag noch lange wach, nachdem sie und ihre Schwestern zu Bett gegangen waren, und wartete darauf, daß Agnes endlich aufhörte, sich unruhig hin- und herzuwälzen. Das Zimmer, daß Chloe sich mit ihrer jüngeren Schwester teilte, war früher das Kinderzimmer gewesen, damals, als sie noch eine Gouvernante hatten. In Windhaven herrschte kein Mangel an Schlafzimmern, allerdings war das Haus in einem so schlechten Zustand, daß viele davon nicht mehr bewohnbar waren.
Als Chloe sicher war, das leise Schnarchen von Agnes zu hören, schlüpfte sie aus dem Bett und zog den Morgenmantel über ihr Nachthemd. Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür und die Treppe hinunter.
Seit sie sich erinnern konnte, hatte sie das getan: sich heimlich aus dem Bett zu stehlen, nachdem ihre Schwestern eingeschlafen waren. Manchmal hatte Papa sie wieder ins Kinderzimmer geschickt, doch meistens ließ er sie auf seinen Schoß klettern und las ihr eine Geschichte vor.
Nachdem sie zu alt geworden war, um auf seinen Knien zu sitzen, war sie dazu übergegangen, sich auf den Teppich neben seinen Sessel zu kauern und sich an seine Beine zu schmiegen. Aus dem Vorlesen hatte sich oft ein Gespräch über die wirklich wichtigen Dinge entwickelt: warum es keine Feen mehr gibt in Norfolk, wie es ist, wenn man sich verliebt, oder warum ein Mann wie Napoleon um jeden Preis England erobern will, wenn er es zu Hause vor seinem Kamin doch so viel gemütlicher hatte.
Als sie den Salon erreichte, spähte Chloe zunächst durch die Tür. Papa war noch auf, wie sie es sich bereits gedacht hatte. Doch anders als sonst, las er nicht gemütlich in seinem Lehnstuhl, sondern starrte nur in das Feuer. Chloe erschrak darüber, wie alt er aussah. Sie zögerte an der Türschwelle. Vielleicht sollte sie Papa in dieser Nacht lieber allein lassen. Welche Sorge es auch war, die ihn bedrückte, sie war womöglich zu groß oder zu persönlich, als daß er sie mit jemand anderem teilen wollte.
»Chloe Anne!« Seine Stimme klang barsch, beinahe wütend. »Du solltest im Bett sein, Kind, und schlafen.«
»Ja, es tut mir leid, Papa. Ich wollte dich nicht stören.« Doch als sie gerade wieder nach oben gehen wollte, rief er: »Nein, nein, du störst mich nicht. Es ist nur ...« Seufzend strich er sich mit der Hand durch das bereits ergrauende Haar. »Komm herein, Kind. Komm herein und wärme dir die Füße am Feuer. Du hast vergessen, deine Pantoffeln anzuziehen, und bist jetzt sicher bis auf die Knochen ausgekühlt.«
Chloe blickte an sich hinunter und merkte erst jetzt, daß sie barfuß war und eiskalte Füße hatte. Doch Papa konnte sie deshalb kaum ausschimpfen. Sie neigten beide dazu, solche Trivialitäten wie Handschuhe und Pantoffeln zu vergessen.
Chloe näherte sich ihm beinahe schüchtern. Sie setzte sich auf das Sofa und steckte die Füße unter das Nachthemd. Papa versuchte zu lächeln, doch ihr erschien es wie das traurigste Lächeln, das sie je gesehen hatte.
»Vielleicht ist besser so, daß du heruntergekommen bist«, meinte er. »Ich habe ein Geschenk für dich. Ich wollte es bis morgen aufheben, aber jetzt ...« Er beugte sich nach vorne und erhob sich mühsam aus dem Sessel.
Chloe sah, daß mehrere kleine Päckchen auf dem Tisch lagen. Papa holte für sie das kleinste. Sie nahm es voll Vorfreude entgegen. Mit zitternden Fingern wickelte sie es aus, bemühte sich jedoch, dabei nicht zu schnell zu sein, um die Spannung länger auskosten zu können.
Plötzlich purzelte aus dem Papier ein Gegenstand in ihren Schoß. Chloe erkannte, daß es sich dabei um eine wunderliche Holzschnitzerei handelte, einen in lange Kleider gehüllten, ehrwürdig aussehenden alten Herrn mit einem Rauschebart.
»Den hatte ich die ganze Zeit über irgendwo verstaut. So lange«, erklärte Papa, »daß ich ihn beinahe vergessen hatte. Ich habe die Figur in Spanien gekauft, während meiner Reisen mit dem diplomatischen Corps.«
»Wen soll die Figur darstellen, Papa? Einen Zauberer wie Merlin?«
»Nein, meine Liebe. Das ist der heilige Nikolaus. Für die Spanier ist er der Schutzpatron aller jungen, unverheirateten Mädchen.«
Chloe drehte die kleine Figur in ihren Händen und bewunderte die feine Schnitzerei. Am meisten faszinierten sie die Augen mit den schweren Lidern, die so ernst und weise blickten.
»Vielen, vielen Dank, Papa. Nun passen zwei Herren auf mich auf, du und der heilige Nikolaus.«
Das Lächeln verschwand aus Papas Gesicht. Es nahm wieder den Ausdruck an, der sie den ganzen Abend über beobachtet hatte. Unvermittelt ging er zu dem Feuer und wandte ihr den Rücken zu.
Obwohl ein Dutzend Ängste und Zweifel sie quälten, zwang Chloe sich, ruhig zu bleiben und geduldig zu warten. Schließlich drehte sich ihr Vater wieder zu ihr um. Er stützte sich dabei mit der einen Hand am Kaminsims ab und merkte gar nicht, daß er dabei ein paar Stechpalmenzweige herauslöste.
»Chloe Anne, es gibt etwas, das ich dir sagen muß. Ich wünschte, ich könnte damit noch etwas warten. Ich wollte es euch erst nach Weihnachten erzählen, um uns das Fest nicht zu verderben ...« Unglücklich stockte er.
»Was ist es denn, Papa?« fragte Chloe und unterdrückte mühsam die Angst, die in ihr aufstieg.
»Als ich heute nachmittag so lange weg war, habe ich nicht die ganze Zeit im Pfarrhaus verbracht. Einen Teil der Zeit verwandte ich dazu, mich auf eine Reise vorzubereiten.«
Das Herz sank ihr in die Magengrube. Sie konnte sich nicht daran erinnern, daß Papa jemals weg gewesen wäre, nicht einmal für eine Nacht.
»Was für eine Reise denn?«
»Zuerst nach London und dann ...« Sir Phineas wich ihrem Blick aus. Er wirkte schrecklich niedergeschlagen, bot dann aber alle Kräfte auf, um sich wieder zu sammeln. Mit gezwungener Fröhlichkeit fuhr er fort: »Eigentlich, meine Liebe, ist das eine Gelegenheit, mich zu beglückwünschen. Es ist mir gelungen, wieder eine Stelle im diplomatischen Corps zu bekommen. Was hältst du davon?«
