Weihnachtsbäume am Himmel - Frieda Aue - E-Book

Weihnachtsbäume am Himmel E-Book

Frieda Aue

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Beschreibung

Die Geschichte beginnt mit meiner Kindheit in den Kriegs- und Nachkriegstagen. Weihnachtsbäume am Himmel, Bomben und Zerstörung und ich irgendwo dabei. Russen, die bei uns einquartiert wurden, die ständige Suche nach Nahrung eine schwere Zeit für die Familie begann. Der erste Schultag im Jahr 1949. Endlich ein Ziel vor den Augen. Nicht nur die Schule war zu bewältigen, auch der Alltag in der DDR. Man leistete „Großes“ zum sozialistischen Aufbau und kämpfte mit Igelitschuhen. Das „normale“ Leben als junges Mädchen gestaltete sich schwierig und die allgemeine Lage verschlechterte sich und es sollte die Grenze zum „goldenen Westen“ geschlossen werden. Dagegen half nur eins, ab in den Westen. Anfang 1961 ging es über Berlin nach Gießen ins Auffanglager, um dann Arbeit und Unterkunft in Frankfurt, Hamburg im Baden Württembergischen, schließlich in Worms zu finden. Der Traum wurde schnell zum Alptraum, einmal die ablehnende Haltung der Menschen gegenüber Flüchtlingen und zuletzt auch noch das Dilemma meiner Ehe musste verarbeitet werden. Aber, alles ist geschafft worden.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Meine Kindheit

Überschnelle Geburt

Kriegs- und Nachkriegstage

Russen in der Wohnung

Weihnachten 1945

Wo ist denn das Orchester?

Trümmerfrauen

Mein Bruder flippt aus

Papas Arbeitsstätte

Nachkriegszeit bis Schulanfang

1948

Der erste Schultag 1949

Der Schulweg

Die Sache mit dem Glockenturm

Wie wir zu einem Zuchtstallhasen kamen

Die ersten Schuhe Made in DDR

Der Alltag

Schule und der Schulalltag

Weihnachten, Ostern und Pfingsten

Ich habe Schwimmen gelernt

Die Primaballerina

Erster Fall

Zweiter Fall

Musikliebhaberin

Meine erste Dauerwelle

Jetzt ging mir es ans Haar

Mein erstes genähtes Kleid

Mein Papa kann alles

Der „Malertag“

Papa, der großartigste Uhrmacher

Die große Wäsche

Meine Lieblingsspeise

Mein erster Bikini

Die letzten Kindertage

Jugendjahre

Meine Ausbildung

Leben am Wochenende zu Hause in Karl-Marx-Stadt

Die ersten Jahre in der Bundesrepublik, Hochzeit, Scheidung

Wenn der Traum zum Alptraum wird

Lagerleben

Das neue Leben fängt an

Die große Reise

Eine kurze Reise in die Vergangenheit

Meine Kindheit

Überschnelle Geburt

Sonntag. Eisige Kälte. Schnee, viel Schnee, soviel, dass sogar der hölzerne Schneepflug es nicht schaffte die Straßen zu räumen. Meine zukünftige Mutter zu meinem zukünftigen Vater, ich glaube jetzt geht es los, die Wehen. Ach, die lapidare Antwort, bei dir geht es immer mal los, du hast ja noch drei, vier Wochen Zeit. Aber ich drängelte, und meine Mutter wurde immer unruhiger, bis mein Vater es endlich merkte, diesmal, diesmal ist es doch ernst. Er rannte auf seinen langen dünnen Beinen zur nächsten Telefonmöglichkeit und rief die Frauenklinik am anderen Ende der Stadt an. Sie kommen, aber es kann dauern, und es dauerte. Meine Mutter im Mantel und selbstverständlich mit Hut und gepackter Tasche stand bereit, mein Vater drippelte aufgeregt auf glatter Fahrbahn auf und ab. Endlich, rein in den Wagen. Mit lautem Quietschen fiel die Tür zu, ab ging es. Dass ewige Geschaukel gefiel mir nicht in dieser engen Behausung. Ich wollte nur das Eine, raus hier. Ein Schrei von meiner Mutter. Da lag ich nun, glitschig, nackt und leise quäkend zwischen den eiskalten Beinen meiner Mutter, ihr schöner Sonntagshut war zwischenzeitlich aufs rechte Ohr gerutscht. Die Tür wurde aufgerissen, eiskalter Wind wehte mit kleinen Wirbeln von Schneewölkchen ins Innere des Rot-Kreuz-Autos, die Sanitäter schauten sich entsetzt an. Die Erstversorgung musste ja durchgeführt werden. Ich wurde lose in ein dünnes Laken gewickelt, der Name der Straße und das Datum der Sturzgeburt genauestens aufgenommen. Die Tür krachte wieder ins Schloss, meine Mutter zitterte am ganzen Körper, für sie gab es keine Decke mehr. Endlich die warmen Wände der Klinik waren erreicht. Ich, in der Zwischenzeit blitzblau und leise wimmernd, meine Mutter auf der Liege klapperte hörbar mit den Zähnen, keiner half den Hut meiner Mutter der nun die halbe Gesichtshälfte bedeckte zu entfernen. In dieser Situation, mein Vater, nicht sehr einfühlsam, sagte laut, damit es ja auch jeder mitbekam, na die, da war ich gemeint, bekommen wir nicht groß. Und das meiner Mutter, die vor Kälte und Anstrengung mit den Zähnen klapperte, Sie sah ihn nur ungläubig an. Aber ich, ich merkte mir das! Vor Schreck blieb mir kurzzeitig die Luft weg, bekam schon meine ersten Prügel auf den nackten kalten Po. Darauf schrie ich lauthals. Mein Gedanke war: Ich zeig es euch allen, wer hier nichts wird! Ich bin da. Ich bin.

Man nannte mich Frieda nach einer berühmten Saxophonistin und Sängerin, der Name hat nichts gebracht, ich kann weder Saxophon spielen noch singen, eigentlich schade.

Später musste ich mir oft anhören, ja ja, dich hat der Esel im Galopp verloren.

Kriegs- und Nachkriegstage

Das erste was ich in meinen Leben bewusst erlebt habe, war ein tiefschwarzer Himmel auf denen wunderschöne Lichter wie Sterne vom Himmel fielen. Grausame Schönheiten, klärte mich mein Vater auf. Das sind (sogenannte) Weihnachtsbäume und dann kommen die Flieger mit Bomben. Mutti drängelte, rede jetzt nicht so viel rum, komm endlich und mach die Kleine nicht so verrückt. Papa, und jetzt müssen wir in den Keller, denn gleich jaulen die Sirenen. Im rußgeschwärzten Keller warteten stumm die in warmen Mänteln gehüllte Menschen. Eine Matratze in den Vorratsschrank geschoben und mit Decken zugedeckt, diente mir als Bett, während draußen Bomben vom Himmel fielen. Ich hörte nichts, nur Dunkelheit um mich herum. Kaum schrillten die Sirenen in einem anderen Rhythmus, das hieß – Entwarnung! Ein Aufatmen ging durch den Keller, die mitgeberachten Betten, Kleider, Nahrungsmittel und für die Kinder vielleicht noch der Lieblingsteddybär wurden wieder in die Wohnungen geschleppt, die verängstigten Kinder schlurften lautlos hinterher.

Sogleich wurde vor die Tür gegangen, was eventuell in der Nähe passiert war. Tante Lina, kam aufgelöst zu Papa und schrie hysterisch, das Haus brennt, es brennt. Alle verfügbaren Männer rannten los um zu retten was noch zu retten war, Möbelteile, Koffer, Federbetten alles flog im hohen Bogen aus den Fenstern, bis jemand rief, runterkommen, gleich stürzt die Wand ein! Von weitem sahen wir nur dunkle Wolken und Staubteile, die durch den aufkommenden Wind tanzten. Wir Kinder blieben ratlos zurück, nur mein sieben Jahre älterer Bruder rannte zur Ruine um noch mitzubekommen, was sich dort abspielte, um es mir dann haarklein und voller Schaudern zu erzählen, und vor allem jagte er mir Angst ein, die mich bis zum Ende des Krieges nicht mehr loslassen wollte. Dann als wäre nichts gewesen, nahm er mich an die Hand und zog mich mit ins Freie.

Der nächste Tag war wunderschön, hell, klar, sonnig. Jochen, mein Bruder, holte mich aus dem Haus, setzte mich in einen Handwagen und spazierte seelenruhig in die nahegelegene Gartenanlage. Schon wieder das Aufheulen der Sirenen (Fliegeralarm). Jetzt wusste ich auch schon, was das hieß. Rennen, rennen und nochmals rennen. Mein Bruder raste los, ich im Wagen wurde hin und hergeschleudert, die letzte Kurve war erreicht, schon hörte man das unheimliche Geräusch, das Pfeifen und Schwirren herunterfallender Bomben. Von der Haustür in den Keller war eins. Meine Mutter verdrosch daraufhin meinen Bruder fürchterlich, da er ohne ein Wort verlauten zu lassen das Haus verlassen hatte und dann noch mit mir im Handwagen. Diesmal ging ja alles gut, aber die Angst meiner Mutter sah man an den ruhelosen Augen und der seltsam verzerrten Stimme als sie mit Jochen noch lange schimpfte.

Das Heulen der Sirenen kam jetzt immer öfter und die Bombenfracht wurde zielsicherer über unserer Stadt abgeworfen. Wir durften nicht mehr nach draußen und der LSR (Luftschutzraum) wurde immer mehr zu unserem beklemmenden Aufenthaltsort.

Wieder so ein trüber Tag, Mutti in der Küche, wir Kinder im Kinderzimmer. Papa holte die gesamte Familie nach oben und draußen, zeigte uns den Himmel und sagte, mein Gott, das ist Dresden, das muss lichterloh brennen. Wir wohnten immerhin circa 50 km entfernt von Dresden in Chemnitz. Der Himmel blutrot, vereinzelte Flieger mit ihrer Bombenlast flogen auch über unsere Häuser und entleerten ihre grausame Last, und schon wieder ging es in den verhassten Luftschutzkeller, alles schnell, schnell gerafft und die Kellertreppe hinunter.

Da mein Vater bei der RB (Reichsbahn) beschäftigt und deshalb nicht als Soldat an der Front war, musste er hier vor Ort für den pünktlichen Ablauf der Transportzüge in den Osten sorgen. Aber oft, zu oft für mich war er weg, er musste als Lokführer Güterzüge an die Front fahren. Meiner Mutter bangte jedes Mal, ob Papa wieder gesund nach Hause kam und ich zitterte mit, denn die Eisenbahnschienen wurden immer und immer wieder bombardiert. Das mein geliebter Papa so weit weg war bereitete mir panische Angst und immer wieder diese Angst, kommt Papa nach Hause? Wo ist er? Die Angst, meinen Papa nie mehr zu sehen, ihn zu verlieren, hat nie nachgelassen, auch lange nach dem Krieg nicht.

Als 1953 der Aufstand der Arbeiter in der DDR stattfand und Papa oft erst nachts vom Bahnbetriebswerk kam, hatte ich Angst, da doch die Menschen nach 22:00 Uhr nicht mehr die Wohnung verlassen durften. Obwohl Papa eine Sondergenehmigung hatte, so spät noch unterwegs sein zu dürfen, hatte ich Angst.

Nach der Bombardierung Dresdens war es für Papa unmöglich eine Telefonverbindung nach der Reichsbahnzentrale zu bekommen, also fuhr er an dem Tag nach dem großen Luftangriff mit dem Fahrrad zur RB-Direktion Dresden.

Am anderen Tag, meine Mutter voller Sorge, kam er rußverschmiert, völlig entkräftet und verstört in Chemnitz an. Er sprach leise, damit wir Kinder nichts hören sollten, aber immer wenn besonders leise gesprochen wurde, spitzten wir die Ohren. Er murmelte von Leichen, die noch vor Ort zu riesigen Bergen aufgetürmt und verbrannt wurden. Vor meinen Augen sah ich diese Menschen als Gespenster und mir gruselte es. Er hatte mit geholfen die Leichen zu sammeln, zu zählen und eventuell das Ganze zu dokumentieren. Ich hörte nur die Worte, aussichtslos, furchterregend, die vielen armen Frauen und Kinder, von streunenden Hunden und von Aschewolken und Menschen die ratlos und mit hohlen Augen durch die Stadt irrten. Der Schrecken saugten sich in mir fest. Was passiert hier, was?

Meine Eltern verboten uns strikt irgendetwas nach einer Bombardierung aufzuheben. Denn Bleistifte die am Boden lagen konnten Minen sein, von den Alliierten abgeworfen, die bei Berührung explodierten, ich wollte und konnte mir das als Kleinkind nicht vorstellen. Das Böse waren für mich Flieger, Sirenengeheul und das Heulen der abgeworfenen Bomben. Man vergisst diese Laute niemals mehr in seinem Leben.

Später, als ich die Sinnlosigkeit eines Krieges verstand, erzählte Papa mir was in Dresden vorgefallen war. Leichen, die in der Elbe lichterloh brannten, trieben nach Meißen. Der Feuersturm war so stark gewesen, dass verkohlte Leichen noch an den Straßenlaternen geklammert lagen. Die Elbwiesen übersät mit verbrannten Kinderleichen und Mütter die sich über die Kinder geworfen hatten, in der Hoffnung sie könnten gerettet werden. Es waren doch nur Flüchtlinge, die sich vor den Russen in Sicherheit bringen wollten und nun von den Alliierten verfolgt und vernichtet wurden. Noch jahrelang war dieses Grauen bei meinen Vater im Kopf, wie er sagte, und erwähnte es immer wieder. Die Leichen gehen mir nicht aus den Kopf, war oft seine Redensart, wenn wieder mal irgendwo auf der Welt Krieg war.

Als nächstes sind wir dran, meinte mein Vater, schafft schon einmal genügend Nahrung, Kleidung und Decken in den Keller. Vorsorglich wurden die Glasfenster ausgehängt, verpackt und Pappdeckel in die leeren Fensterhöhlen eingesetzt.

Sirenengeheul: drei Töne, 12 sec. Dauer, das war die öffentliche Luftwarnung, jetzt heißt es, vorsichtig, nicht mehr aus den Haus gehen und hoffen das die Bomber woanders hinfliegen. Ein einminütiger Heulton besagte, eine riesige Anzahl Flugzeuge kommt auf die Stadt zu. Und nun der Dauerton von 4 sec. ab in den Luftschutzraum.

Tatsächlich, die Bomber kamen. Es heulte, pfiff schrill, dann ein dröhnender Aufprall, die Erde erbebte, einen Moment war Ruhe und das Ganze ging von vorn los. Immer und immer wieder. Leise rieselte Putz von den Wänden, wenn in der Nähe eine Bombe explodierte und der Staub wallte über den Köpfen der Menschen. Mein Bruder saß mit den Händen auf den Ohren auf einem ausgeleierten Sessel und dann, ein schriller Ton, die Einmachgläser auf dem Regal schepperten, und der Kellerboden wackelte, es muss ganz in der Nähe eingeschlagen haben. Jetzt fing ein Kind an leise zu weinen, und plötzlich, wie auf Knopfdruck heulten alle Kinder los. Auch ich schrie in die Dunkelheit hinein. Meine Mutter nahm mich ganz fest in die Arme bis ich schließlich erschöpft einschlief. Als ich aufwachte, Dunkelheit, beklemmende Ruhe, kein Laut, nichts. Was ist los? Wo bin ich? Und nur in der einen Ecke sah ich ein winziges Licht, es raschelte, oder kam es mir nur so vor? Die Angst kroch langsam immer höher, mir wurde es flau ich konnte mich ja nicht unter meine Bettdecke verstecken, es war ja viel zu eng und mein Teddybär lag auch noch oben im Kinderzimmer. Monster tanzten vor meinen Augen, die schlechte, miefige Luft wurde unerträglich. Die Tür zum Vorratsschrank war zu, verschlossen! War ich tot? Ich schrie, und schrie und schrie, Panik wallte auf und ich hämmerte wie wild an die Schranktür. Endlich, die Tür öffnete sich, Mutti holte mich heraus, heul hier nicht so rum, es ist ja alles vorbei, war der einzige Trost den ich bekam. Ich zitterte noch eine Weile bis Papa kam und uns beruhigte, es ist vorbei. Das war die schrecklichste verheerendste Nacht vom 5. auf den 6. März 1945. Alle Menschen redeten durcheinander. Es war vorbei! Ganz allmählich kamen die Leute verstört aus den Kellern gekrochen um zu sehen was passiert war. Vom oberen Fenster aus konnte man in die Umgebung schauen. Von Chemnitz war nicht mehr viel übrig, überall brannte es noch und schwarze Rauchschwaden hingen am Himmel. Und wir, wir waren auch diesmal verschont geblieben. Später erklärte mir Mutti, Gott war ich so entsetzlich dumm, dich einzuschließen, denn wenn mir was passiert wäre, du hättest dich nie und nimmer allein aus dem verschlossenen Schrank befreien können.

Es folgten noch mehrere Angriffe auf unsere Stadt, was sollte denn da noch kaputtgeschossen werden, es war ja nichts, rein gar nichts mehr da. Wie ich später hörte waren 80% der Häuser ganz oder teilweise zerstört.

Bei einer der letzten Angriffe erst kam die Entwarnung – ein langgezogener Ton. Ein vorwitziger Junge setzte sich auf den Schwengel einer Pumpe vor unserem Haus, da kam ein einzelner Tiefflieger und warf noch eine Anzahl Bomben über unser Viertel ab und diesem armen Jungen riss es einen Arm ab und der Schwengel schlug schwer auf seinen Kopf auf. Wir Kinder starrten entsetzt zu dem Kind, gerade wollten wir auch in den Hof rennen. Die Eltern schrien, kamen panikartig gerannt, zerrten uns weg, aber leider hatten wir schon genug gesehen.

Und immer noch, Sirenenwarnung! Kurz darauf ein schrilles Pfeifen und dann der Einschlag, und noch mal und noch mal, wann hört das auf? Wann hört das endlich auf, dann endlich Sirenengeheul, Entwarnung, und das immer wieder, immer wieder! Wie bekommt man dieses Sirenengeheul jemals aus dem Kopf? wie? Später, im Physikunterricht, demonstrierte ein Junglehrer wie eine Sirene funktioniert. Er drehte den Schwengel und die hohen auf- und abschwellenden Töne durchdrangen den Physiksaal. Wir Schüler saßen leichenblass, stumm mit zugehaltenen Ohren da. Diesen Ton, nein diesen Ton wollten wir tatsächlich nie mehr hören.

Zwischen dem 5. und 6. März 1945 kam es in Chemnitz allein zu Luftangriffen mit über 2.700t Bombenlast wie man später recherchierte.

Wo waren die Psychologen, die uns aus diesem Trauma herausholen sollten, wo waren Ärzte, die uns beruhigten, wo oder wie gab es tröstliche Worte für uns Kinder? Haben wir deshalb auch als junger Mensch und erst recht nicht als Erwachsener über unsere Ängste aus der Vergangenheit gesprochen?

Überleben war das einzige was zählte, Sentimentalitäten konnte man sich nicht erlauben, sonst hätten manche den Verstand verloren. Noch später zuckte man zusammen und blickte ängstlich nach oben wenn eine Sirene heulte. Noch lange Zeit bin ich nachts erschrocken aufgewacht, weil ich den Arm des Jungen neben sich liegend gesehen habe. Wir mussten vergessen, wir mussten verdrängen und selbst heute kann man nur noch mit Grauen an die Einzelheiten des Krieges denken und reden. Wer hat unsere Angst genommen? Unsere Schuldgefühle? Was uns noch immer eingeredet wird. Wir waren Kinder, von den Amis, wie ich später erfuhr „Ranzennazis“ genannt.

Aber noch immer kommt leichte Panik in mir hoch, wenn ich in lange dunkle Tunnel gerate, oder mit Jalousien fest verschlossene Fenster und im Zimmer eingeschlossen bin. Gemerkt hatte ich das nach Jahren bei einem Dark Dinner, als in absoluter Dunkelheit, Essen serviert wurde, und man sollte nur nach Geschmack raten um was es sich handelte. Nach kurzer Zeit wurde es mir übel, ich bekam eine lähmende Angst und musste den Raum verlassen. Sobald ich im Freien war, wurde es mir zusehends besser. Also niemals mehr verdunkelte verschlossene Räume! Niemals!

Und plötzlich, die Meldung, der Krieg ist vorbei. Und so sah es nach 12 Angriffen der Alliierten aus, wo waren die Menschen, die in den zerbombten Häusern gewohnt haben, wo waren Freunde, Verwandte, die man nicht angetroffen hatte? Lebten sie noch? Kein Telefon, keine Straßenbahn funktionierte um zu kontrollieren, was ist wem passiert. Nach Tagen erst kamen die verschiedensten Nachrichten von Familienangehörigen und Freunden, wer überlebt hatte und wer verwundet war und sein ganzes Hab und Gut verloren hatte. Meine Cousine ein Jahr jünger als ich wurde bei uns einquartiert, da Tante Lina ausgebombt war und Onkel Arthur irgendwo steckte, keine Nachricht wo und ob er überhaupt noch lebte.

Eltern, Nachbarn und Freunde diskutierten über die derzeitigen Verhältnisse, was wird, kommt noch mal eine Angriffswelle? Wie geht es überhaupt weiter? Für uns Kinder war erst einmal das Wichtigste, wir konnten endlich wieder an die frische Luft, spielen ohne auf Sirenen achten zu müssen, nur das zählte.

Bald kamen Verwandte aus den ehemaligen Ostgebieten, Schlesien, Pommern, zerlumpt und ausgehungert, schmutzig und übermüdet. Mit Handund Kinderwagen beladen mit den letzten Habseligkeiten kamen sie hier an, oft zogen sie weiter zu irgendwelchen Verwandten. Das Brot reichte nicht mehr aus, die vielen Menschen satt zu bekommen. Unsere Verwandten aus dem Riesengebirge blieben ca. einen Monat bei uns um dann irgendwie zu ihren Eltern nach Hamburg zu kommen. Die letzten deutschen Soldaten die desertierten, schmissen ihre Gewehre in den nahegelegenen Ziegeleiteich und verschwanden.

Mehrere Wochen krochen so dahin. In Rabenstein, einen westlichen Vorort von Chemnitz zogen die Amerikaner ab, die tatsächlich bis hier her gekommen waren. Sämtliche Radios, Uhren, Schallplattenspieler, Fotoapparate und Fahrräder mussten auf einen Platz gebracht werden und dann kam ein Panzer und bügelte alles platt.

Die letzten erhaltenen wohlgehüteten Sachen waren somit dahin, dann zogen sie gen Westen.

Wie geht es denn nun weiter? Keine Nachrichten aus dem Radio, keine Zeitung, die Menschen wurden unruhig, selbst wir Kinder bekamen die schreckliche Ungewissheit mit, die die Erwachsenen erfasst hatte.

In der Zeit vom 6. bis 7.Mai 1945 zogen die letzten Wehrmachtssoldaten ab. Was passiert jetzt?

Die Meldung machte die Runde, die Russen kommen. Angst kam bei vielen Menschen hoch, was werden die machen.

Da! Die ersten Russen kamen ab 8. Mai 1945, übermüdet und schmutzig. Sie kamen, eine nicht enden wollende Masse Soldaten mit uralten Lastern, dreckverschmierten Panzern, sogar mit kleinen Panjewagen und Feldküchen und manche richteten sich in unserem Hof ein. Sie sahen gar nicht so bösartig aus, wie uns gesagt wurde. Die Propaganda von Goebbels und Co. von den tierischen Untermenschen war noch in den Köpfen der meisten Menschen, wie ich immer wieder aus den Gesprächen, die natürlich nicht für uns bestimmt waren, heraushörte. Denn immer noch hörte man leise, die Russen kommen.

Russen in der Wohnung

Zwei Russen wurden in unserer Wohnung einquartiert, ein Oberst und ein einfacher Soldat. Sie bekamen das elterliche Schlafzimmer und wir vier mussten mit dem Kinderzimmer Vorlieb nehmen. Die Enge war beängstigend, denn das Wohnzimmer wurde genauso wie die Küche von ihnen belagert. Etwas Positives hatte die ganze Sache vor allem für meine Mutter, sie wurde von keinem anderen Russe belästigt und wir erhielten genügend Feuerung für die Wohnung, denn der Oberst hatte seinen ganzen Schreibkram in unserem Wohnzimmer deponiert und schrieb natürlich in einem warmen Zimmer. Aber was sich sonst manchmal abspielte war nicht zum Lachen und des Öfteren sah ich meine Mutter hilflos in die Gegend gucken. Was gut gemeint war von den Russen kam nicht so besonders bei Mutti an. Ein paar Beispiele. Damit das weiße Betttuch nicht von den russischen Stiefeln verdreckt wurde, haben die Soldaten im Inlett und auf der Matratze geschlafen, meine Mutter lief vor Ärger puterrot an. Die Fußlappen wuschen sie fein säuberlich und legten sie zum Trockenen auf den Kachelofen. Ich fand das allemal spannend, meine Mutter allerdings nicht. Im Hof hatten sie ihr großes Lager aufgeschlagen, kochten dort und schliefen zum Teil in den Lastwagen oder in den schnell aufgebauten Zelten und in großen Kesseln wurde im Freien gekocht.

Der Duft, der frisch zubereiteten Suppen zog durch die kleinste Ritze in die Wohnungen der ewig hungrigen Menschen. Ich, mit riesiger weißer Schleife auf dem Kopf und mit einem kleinen Aluminiumtopf bin mit vielen anderen Kindern mit hungrigen Blicken an den großen Kochtopf gegangen um sehnsüchtig in die wunderbar, mit Fettaugen (wann war es das letzte Mal, das wir Fett gesehen hatten) versehene Suppe zu starren. Wir Kinder standen rund um die Feldküche und sahen traurig in die immer weniger werdende Suppe, bis ein Soldat sich unser erbarmte und den Germanskikindern eine Schöpflöffel voll Suppe in die mitgebrachten Behälter kippte, einfach köstlich, wie das roch und die Fettaugen sahen mich mit großen Augen an. Meine Mutter machte daraus schmackhaftes Essen, Brennnesselsuppe, Kartoffelflädlesuppe, aber trotzdem, das Essen reichte nicht aus und viele Eltern haben ihren Gürtel fest um die Taille gewickelt damit man das laute Knurren des Magen nicht hören sollte.

Einige Erlebnisse mit den Besatzern muss man einfach erzählen, da man diese für uns selbstverständlichen Dinge von der Seite der Soldaten beleuchten muss.

Die provisorische Feldküche war auf dem großen Rasen hinter dem Haus aufgestellt. Die Soldaten kochten natürlich selbst. Die dicken Kartoffeln, auch noch messerdick abgeschält, mussten ja gewaschen werden. Was gab es feineres als die Toilettenschüssel im Nachbarhaus. Aber einmal abgezogen verschwanden die Kartoffeln auf Nimmerwiedersehen im Wasserstrudel. Der Koch schrie Sabotasch, Sabotasch, aber trotzdem blieben die Kartoffel weg und wir schüttelten uns heimlich vor Lachen und zum anderen taten uns die Kartoffeln leid, und wir Kinder bekamen für diesen Tag keinen Kascha (Brei). War ja klar.

Dann kam einer der Besatzer auf die Idee die übriggebliebenen Fahrräder, die doch noch vereinzelt vorhanden waren zum Fahren zu nutzen. Aber was macht denn der da, bevor er sich auf den Sattel schwang, zog er den Gummimantel vom Reifen und holperte so über den Asphalt. Russe fiel hin, natürlich Sabotasch schreiend und die letzten Fahrräder waren somit fahruntauglich. Wie schon erwähnt hatten wir zwei Soldaten in unserer Wohnung, einen Oberst und einen einfachen Soldat aus dem hintersten Taiga Gebiet der höchstwahrscheinlich noch nie in seinem Leben einen Spiegel gesehen hatte. Unser Kleiderschrank besaß einen riesigen Spiegel und das Schauspiel als der junge, wirklich sehr junge Russe, er war klein, stämmig mit schrägen Mandelaugen das erste Mal sein Ebenbild sah, war bühnenreif. Nein, so konnte der beste Regisseur keine Szene darstellen. Erst die Panik, dann das Leuchten in seinem Gesicht, die Grimassen die er zog. Ich stellte mich neben ihn und wir grinsten unsere Spiegelbilder und uns an und lachten. Er schrie immer koroscho, koroscho (gut, gut). Das ging eine ganze Zeit lang gut, bis dem Oberst dieses Gekasperte auffiel, aus war es mit unserem Spiel. Schade, denn diese Albernheiten gefielen dem Oberst absolut nicht, nach kurzem Wortgefecht habe ich diesen jungen Soldat leider nicht mehr gesehen. Natürlich war nicht immer alles Zuckerlecken. Jede noch vorhandene Armbanduhr wurde dem Besitzer abgenommen und die Uhren bis unter dem Ellenbogen nacheinander angebracht. Mit finsteren Gesichtern kamen sie in jedes Haus und riefen Uhri, Uhri und schon hatten sie wieder ein neues Exemplar am Unterarm. Dann kam schon wieder der Ruf, Sabotasch, Sabotasch denn irgendwann mussten diese Uhren ja wieder aufgezogen werden. Aber sie wollten auch keinen der Männer näher an sich heran kommen lassen, hoben die Pistolen fuchtelten damit herum, schrien Germanski kaputt, du Sabotasch. Bis die kleinen Kinder mit ihren zarten Fingern die Uhr aufgezogen und ihr Ticktack ein Strahlen auf ihre Gesichter zauberte.

Aber das Schlimmste waren die kläglichen Hilferufe von Frauen und das Schleifen und Kratzen von Absätzen wenn sie sich voller Panik irgendwie auf dem Gehweg festkrallen wollten, meine Mutter sagte nur, ach Gott die arme Frau, jetzt haben sie wieder eine geschnappt. Erst viel viel später wurde mir klar, was das bedeutete. Aus diesem Grund, um nicht auch der Willkür der Russen ausgesetzt zu werden machten sich die Frauen jeden Alters sobald sie die Wohnung verlassen wollten hässlich, mit mutwillig verfilzten Haaren und dreckverschmierten Gesichtern.

Der erste Winter der Nachkriegszeit brach an, es war winterlich kalt, alles war zu Eis erstarrt, kaum dass wir etwas zum Heizen hatten. Die Russen waren zum Teil schon in die nächsten Kasernen gebracht worden, die von den deutschen Soldaten leergeräumt und gesäubert wurden, nur hinter unserem Haus und im Haus blieben einige wenige zurück um die nachrückenden Soldaten in Empfang zu nehmen. Jetzt kam der Hunger natürlich verstärkt, selbst die Russen hatten immer weniger zu Essen und warteten auf Nachschub, vor allem riefen sie immer öfter nach Wodka. Wir durften nur noch selten raus, in Mäntel und Mütze gehüllt blieben wir in der Küche, dem einzigen warmen Zimmer in der Wohnung.

Weihnachten 1945

Das erste Weihnachtsfest nach dem Krieg, Eine seltsame beklemmende Atmosphäre breitete sich aus. Was wird Weihnachten uns bringen? Und doch, einen Weihnachtsbaum hatte mein Vater irgendwie organisiert, woher haben wir nie erfahren. Als ich in das feierlich geschmückte und vor allem warme Wohnzimmer kam, stockte mir der Atem. Ein Weihnachtsmann mit grauer Pelzmütze und dicken Mantel, Bart und einen Sack in der Hand stand vor mir. Ich sagte mein Gedicht mit leise stotternder Stimme auf. Er holte eine Puppe, mit neuem, naja aus alt mach neue, Kleid heraus. Dann eine Dose. Eine Dose? Was war denn das? Ich drehte die Dose hin und her, sie war mit unglaublich komischen Zeichen versehen. Man erklärte mir, das ist kyrillisch. so schreiben die Russen.

Es war Dosenmilch eingedickt mit Zucker, ich war fassungslos. Der Weihnachtsmann war unser Russe und er hatte mir diese Köstlichkeit aus dem Lager mitgebracht. Der kleine Kaffeelöffel tauchte in die sämige weiße gut riechende Masse, nur einen kleinen Kaffeelöffel voll und meine Zunge leckte leicht über dieses weiße Wunder und meine Geschmacksknospen explodierten. Mein Inneres schrie, mehr, mehr. Diese Köstlichkeit!!! Ich spüre noch immer den Geschmack auf meiner Zunge, nur wenn ich daran denke.

Sobald ich jetzt einen russischen Laden betrete, muss ich mir eine Dose von dieser herrlichen Milch kaufen. Und schon sehe ich vor meinen geistigen Augen unseren Russen.

Die kalten Tage reihten sich zu Wochen und die Feuerung wurde immer knapper, es reichte nur noch zum Kochen. Als meine Mutter sah, dass sich die Soldaten im Freien mit Schnee wuschen und die Zähne putzten, kam sie auf eine brillante Idee. Kurz bevor ich ins Bett wollte hieß es Nachthemd an, Strümpfe, Schuhe aus und eine Runde barfuß über den Schnee laufen, das ersparte eine Wärmflasche. Prima! Ich schämte mich so sehr, denn jeder der mich sah, lachte, aber warme Füße hatte ich dennoch.

Wo ist denn das Orchester?

Wir hatten ein Grammophon, ein Schrankgrammophon, schwarz mit Verzierung an der Vorderfront und mit einer Seidengardine verhangenen Durchbruch, damit man die Musik auch bei geschlossener Schranktür gut hörte. Der ganze Schrank war circa 60x60x120cm groß. Im oberen Teil war der Plattenteller untergebracht und der s-förmige Tonarm war vor-und zurückklappbar, so dass man den Deckel gut schließen konnte und die Nadel nicht beschädigt wurde. Im unteren Teil war der Grammophontrichter und ein Fach für die Schelllackplatten und ein kleines Fach für die Kurbel und Zusatznadeln usw. Meine Mutter stellte immer eine Schale auf den Deckel, so sah niemand, dass sich da ein Grammophon darunter versteckte.

Mein Bruder machte es sich oft zum Scherz, drehte wie wild die Kurbel, setzte dann die Nadel vorsichtig auf und entfernte die Bremse die sich am Plattentellerrand befand und die Musik fing in den höchsten Tönen an zu quäken, die Noten schlugen Purzelbäume und dazwischen ein pink, kling ding, das waren die Trompeten, die Trommel und das Schlagzeug, der Gesang jämmerlich hoch, piepsig, schnell. Gut, und jetzt die Bremse und aus dem Gequäke wurde ein Gequake mit tiefen, langgezooogenen Tönen, der Gesang wurde brummig und, der Bass kaum noch hörbar, bis die Nadel mit einen langgezogenen Qua… aufhörte. Meine Mutter schreckensblass, ihre guten Schallplatten. Die Kurbel wurde abgezogen in das Fach gelegt, der Schrank verschlossen, der Schlüssel abgezogen und ohne ein Wort zu sagen verschwand sie aus dem Zimmer, das war’s mit unserer Musikveranstaltung.

Wir hatten für den Alltag das Radio, einen sogenannten Volksempfänger. Die Musik kam leicht brummend und mit vielen Nachrichten unterbrochen aus diesem Bakelitgehäuse. Aber die Musik, die laufend durch Nachrichten gestört wurde, gefiel den Russen wenig und uns noch weniger. Die Russen saßen oft auf den Stufen vor dem Rasengrundstück, spielten traurige Lieder auf der Balalaika und manchmal sangen sie ganz leise im Dämmerlicht und rauchten ihre Papyrossyzigaretten (Tabak Marke Machorka in Zeitungspapier gewickelt). Doch auch fröhliche Lieder wurden gesungen und das erste Mal hörte ich Suliko, Kaiinka u.ä. Lieder immer und immer wieder.

Mein Bruder noch etwas verstimmt über die Wegnahme des Grammophonschlüssels, erzählte den Russen, dass wir ganz tolle Musik hätten. Sie waren sofort hellwach und wollten die Musik hören. Die große Hürde, Mutti, musste überwunden werden. Mutti erst blass, dann puterrot, aber dagegen konnte sie nichts mehr sagen. So wurde der Schlüssel aus ihrer Küchenschürze geholt, der Schrank mit Grammophon und Schallplatten aufgeschlossen. So, mein Junge, sagte sie zu meinen, doch nun etwas erschrockenen Bruder, jetzt zeige mal was du kannst.

Eine X-beliebige Platte wurde aus dem Fach geholt, aufgelegt und durch die hektische Kurbeldrehung in Bewegung gebracht. Was hatte da er nur rausgesucht, meine Mutter schaute wachsam die Russen an. Es war donnernde Blechblasmusik, der Füsilier Marsch. Musste es ausgerechnet Marschmusik sein. Deutsche Militärmusik den Russen vorspielen? Wie werden sie reagieren? Aber die Mienen der Russen hellten sich auf, diese Musik mit donnernden Bässen und schrillen Trompetenklängen ja das gefiel ihnen und so musste mein Bruder jede Art von Marschmusik auflegen und die Russen freuten sich, klatschten und tanzen.

Dann kam ein finster blickender Russe auf die Idee, die Grammophonschranktür aufzureißen und? -und schaute verblüfft in die schwarze Röhre aus der die Musik kam, ja wo war denn das Orchester? Alles lachte, selbst der etwas dumm um sich schauende Russe lachte mit, der Bann war gebrochen und nun spielten die Russen alle Platten durch, manche wurden nicht bis zu Ende angehört und mit einem Ruck die Platte zum Stehen gebracht, die mit einem lauten kratzenden Geräusch stehen blieb und eine tiefe Rille auf den kostbaren Schatz meiner Mutter, nämlich die gut gehüteten Schallplatten der damaligen Opernsänger (Richard Tauber u. ä.) einritzten. Oh, diese Blicke, die sie immer wieder meinen Bruder zuwarf, der nun doch sehr betroffen dem ganzen Schauspiel der Russen zuschaute. Nach dem Krieg wurden kaum noch die Platten abgespielt, da die meisten doch zu sehr verkratzt waren, schade.

Unser Radio war ein VE 301; Volksempfänger. 301 steht für den Tag der Machtergreifung durch Reichskanzler Adolf Hitler (30.1.1933). Auch Goebbels Harfe oder Goebbels Schnauze genannt. Das Gehäuse war aus Bakelite, ein Kunststoff auf Basis von Formaldehyd (aus Holz gewonnen) und Phenol (aus Kohle gewonnen).

Schelllackplatten bestehen unter anderem aus einer harzigen Substanz, die aus Ausscheidungen der Lackschildlaus hergestellt wird. Die Ausscheidungen kommen zu Stande, nachdem die Lackschildlaus an der in Ostasien wachsenden Pappelfeige gesaugt hat.

Es wurde auch wieder wärmer, die Straße, die Wiesen hinterm Haus und der Garten wurden erneut unser langvermisster Spielplatz. Die Kreisel hüpften, die Bälle wurden herausgeholt und unsere größeren Kinder unter anderen auch mein Bruder haben kleine „Bühnenstücke“ auf dem Platz hinter dem letzten Haus vorgeführt. Eine große Decke war der Vorhang und dann kamen die Kinder vor die Bühne, setzten sich erwartungsvoll auf den Boden und die Jungen und Mädchen spielten eine kleine selbsterfundene Geschichte. Wir waren begeistert, klatschten und mussten natürlich pro Person 5 Pfennig bezahlen, nur die Flüchtlingskinder hatten bei uns Nulltarif. Das Geld wurde unter den „Akteuren“ geteilt und Jochen zog mit seinen Freunden los und lies mich natürlich allein und ohne mir etwas von seinem Schatz abzugeben.

Endlich, die letzten Soldaten zogen nun auch in die freigeräumten Kasernen ab. Aber wir hatten zu Hause immer noch zwei Russen in der Wohnung. Eine Villa in unserer Nähe wurde zwangsgeräumt, die Besitzer wurden enteignet und „unsere“ zwei Russen, ein hoher General und sein Adjutant zogen in die Villa mit der außergewöhnlich wertvollen Einrichtung ein. Die ehemaligen Besitzer wurden als Kapitalisten bezeichnet und waren von heute aus unserem Gesichtskreis entschwunden. Uns Kinder kümmerte es weniger, endlich hatten wir ja unsere Wohnung wieder für uns allein und kein Fußlappen auf dem Kachelofen noch der schwere Geruch der russischen Papyrossi störten uns mehr. Wir bedauerten nur, dass die provisorische Küche der Russen für uns nicht mehr existierte und der Hunger wieder kräftiger im Magen rumorte.

Und endlich kam auch der langersehnte Frühling, das erste Nachkriegsjahr 1946. Die Tage wurden länger, man konnte wieder auf der Wiese spielen. Noch immer kamen Flüchtlinge in Scharen und fuhren weiter, mit manchen hatte man näheren Kontakt, oft war die Verständigung schlecht, sie sprachen ja einen mir fremden Dialekt. Ein kleines Mädchen aus Schlesien, mit ihr hatte ich mich angefreundet, wohnte jetzt mit ihren Eltern in unmittelbarer Nähe zu unsere Wohnung in eine leergewordenen Wohnung, sogar die Möbel standen noch drin, allerdings ohne Rückenwände, denn die waren während des kalten Winters verfeuert worden. Wir spielten, tollten herum, machten Handstand auf der Wiese und ich sah, sie hatte ja nicht mal eine Unterhose an. Das animierte mich, zu ihr zu sagen, du kannst das so gut, mach das nochmal, nur damit ich ihren weißen Popo in der Sonne leuchten sah, herrlich. Aber die Rache kam, auf ganz kleinen Tierchen zu mir, ich brachte die Krätze mit. Meine beiden Arme jucken zum Gott erbarmen, dann kratzte sich auch noch mein Vater nur meine Mutter und mein Bruder hatten nichts abbekommen. Ich musste mir unter gewaltigem Donnerwetter mütterlicherseits die schlimmsten Vorwürfe anhören, „musst du auch in jedes Haus rumkriechen alles anfassen, ich schäme mich ja so sehr“, und zog mich widerwillig zum nächsten Kinderarzt. Läuse hatte ich gottlob nicht. Der Arzt meinte, das haben wir gleich, das haben jetzt viele Kinder und es wurde eine übelriechende dickflüssige graue Salbe auf die juckenden Stellen aufgetragen und endlich, endlich hörte dieses teuflische Jucken auf.

Die Essensfrage stand immer noch im Raum. Die Lebensmittelmarken für Fett, Fleisch, Brot und Milch reichten kaum aus um satt zu werden, das meiste