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Betritt niemals eine Eisfläche, bevor du nicht ihre Tragfähigkeit überprüft hast ... Ein Schneesturm tobt, als Fotografin Rena auf einem zugefrorenen See einen Anorak bemerkt. Sie entdeckt einen Mann, der im eisigen Wasser um sein Leben ringt. Kaum hat Rena den geheimnisvollen Fremden gerettet, beginnen die Probleme. Seine wohlhabende Mutter vermutet Berechnung hinter ihrer Hilfsbereitschaft und unterstellt Rena, ihm nur geholfen zu haben, weil sie scharf auf eine Belohnung ist. Als auch noch Liebe ins Spiel kommt und Rena und Ivo gezwungen sind, den vierten Advent mit seiner Ex zu verbringen, ist das Chaos vorprogrammiert. Eine turbulente Vorweihnachtszeit wartet auf Rena, die ihr mehr als einmal ihre Grenzen aufzeigt. Einzig auf ihren Hund Jester kann sie sich verlassen und auf ihr Gespür, Tango auf dem Eis tanzen zu können. Eine weihnachtliche Romanze am Süßen See in Seeburg
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Zum Buch:
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Weitere LeuchtWort-Bücher
Weihnachtstango auf einem Bein
Dagmar Helene Schlanstedt
Betritt niemals eine Eisfläche, bevor du nicht ihre Tragfähigkeit überprüft hast
Ein Schneesturm tobt, als Fotografin Rena auf einem zugefrorenen See einen Anorak bemerkt. Sie entdeckt einen Mann, der im eisigen Wasser um sein Leben ringt. Kaum hat Rena den geheimnisvollen Fremden gerettet, beginnen die Probleme. Seine wohlhabende Mutter vermutet Berechnung hinter ihrer Hilfsbereitschaft und unterstellt Rena, ihm nur geholfen zu haben, weil sie scharf auf eine Belohnung ist. Als auch noch Liebe ins Spiel kommt und Rena und Ivo gezwungen sind, den vierten Advent mit seiner Ex zu verbringen, ist das Chaos vorprogrammiert. Eine turbulente Vorweihnachtszeit wartet auf Rena, die ihr mehr als einmal ihre Grenzen aufzeigt. Einzig auf ihren Hund Jester kann sie sich verlassen und auf ihr Gespür, Tango auf dem Eis tanzen zu können.
Eine weihnachtliche Romanze am Süßen See in Seeburg
Die Autorin:
Dagmar Helene Schlanstedt, ein Kind der kreativen Sechziger, brennt für alles Künstlerische, vom malerischen Gestalten angefangen bis hin zur Lyrik und – voller Leidenschaft – zum Schreiben von Romanen. Ihr ursprünglicher Beruf als Kommunikationstechniker macht ihr lange Zeit Freude, bis das Schicksal sich ihrer Liebe zur Natur erinnert und sie mit einem Kräuterlädchen einen Neuanfang wagt. Endlich angekommen, unterstützt sie seitdem Ratsuchende mit ihren Kräuter- und Energie-Heilungen. Heute lebt sie zusammen mit ihrer Rennrad verrückten Familie an einem bezaubernden See inmitten duftender Wildkräuterwiesen im schönen Sachsen- Anhalt.
Für Hans-Lorenz,
einen Freund, den ich nie kennenlernen durfte
Unentwegt zog Rena ihren dicken Schal bis über die Nasenspitze, um sich vor den eisigen Windböen zu schützen, die ihr den Atem nahmen und die Augen tränen ließen.
Jester, ihr schwarzer Schäferhund-Rüde, hatte zur sonntäglichen Gassirunde um den Süßen See in Seeburg gedrängelt. Also war sie in ihre Wintersachen geschlüpft und trotz Schnee- und Sturmwarnung aufgebrochen. Warum auch nicht? Das Wetter wartete an diesem 1. Advent mit traumhaftem Sonnenschein auf.
Zielstrebig ging Rena die eisglitzernde, immergrüne Mahonien-Hecke entlang und zückte zum ersten Mal ihre Kamera. Den schiefergrauen Himmel im Hintergrund, schoss sie Fotos in Dauerschleife, wie bei einem Shooting. Ihre Coolpix P1000 mit außergewöhnlich starkem Mehrfachzoom arbeitete extrem effizient. Als freiberufliche Fotografin war für Rena eine gute Ausrüstung wichtig.
Sie marschierte weiter in Richtung eines bewaldeten Flurstücks mit bizarr gewachsenen Bäumen, die sie aus verschiedenen Perspektiven ablichtete. Sie mochte die spannenden Licht- und Schattenformen der blattlosen Bäume entlang der Seelandschaft. Keine Menschenseele. Nur die Natur. Einsam, verlassen, still. Die frische, klare Luft als Triebfeder.
Nach einigen Kilometern frischte der Wind auf, und wie aus heiterem Himmel setzte dichter Schneefall ein, mit Flocken so riesig wie Margeritenblüten, die in kurzer Zeit eine geschlossene Schneedecke bildeten. Zu allem Übel zog auch noch ein Sturm auf, der sich schnell zu einem starken Orkan entwickelte und alles wegfegte, was nicht angewachsen war. Die Situation wurde immer ungemütlicher.
Voller Sorge beobachtete Rena die Baumkronen, die im dunstigen Weiß gefährlich schwankten. Etwas Dümmeres, als bei diesem Wetter spazieren zu gehen, hätte ihr nicht einfallen können.
Sauer auf sich, weil sie die Lage falsch eingeschätzt hatte, schlug sie zum wiederholten Mal die Mantelkapuze hoch, die der Wind ihr andauernd vom Kopf wehte. Sie überlegte, ob es nicht besser wäre, umzukehren. Der Vorteil: Sie hätte dann den Wind im Rücken.
Ein Blick über den See ließ sie mutmaßen, dass das Haus ihrer Mutter, in dem Rena eine hübsche Einliegerwohnung besaß, bestimmt acht Kilometer entfernt war.
Demnach hatte sie die Hälfte der Seerunde geschafft. Es hatte keinen Sinn, wieder zurückzugehen. Die Strecke vor ihr war zudem einfacher zu gehen als die, die hinter ihr lag, auch weil sie den Wind im Rücken hatte. Weitere Vorteile waren der leckere Cappuccino in ihrem Lieblingsbistro Haus am See und der Wochenendplausch mit ihrer Freundin Saskia, der Besitzerin. Nach einem tiefen Durchschnaufen marschierte Rena weiter in Richtung Schloss. Von dort aus wäre sie bald bei Saskia.
Jester war es egal, wohin die Reise ging. Mit überschäumender Lebensfreude hüpfte er den Schneeflocken nach, die Lefzen hochgezogen, weiße Atemwölkchen stoben aus seinem Maul. Wenigstens er hatte seinen Spaß.
Rena war bestimmt schon zwei Stunden unterwegs, und die Windböen wollten einfach nicht nachlassen. Je mehr sie dagegen ankämpfte, desto mulmiger wurde ihr. Als sie schließlich auf dem spiegelglatten Untergrund ausrutschte und hinschlug, war sie den Tränen nahe.
Auf den Knien hockend, schaffte sie es erst nach zwei Anläufen aufzustehen. Um einen weiteren Sturz zu vermeiden, ging sie seitlich an den Büschen weiter, um sich festhalten zu können, falls sie erneut strauchelte. Wie sehr sehnte sie sich nach einem Schluck heißem Tee und einem Fußbad für ihre eisigen Zehen. Hätte sie statt der Kamera besser ihr Handy mitgenommen! Ihre Mutter wäre umgehend mit dem Auto hier. Wenn sie ihr doch wenigstens eine Nachricht hinterlassen hätte.
Jesters Energie übertrug sich auf sie. Hing seine Leine bisher locker an seinem Brustgeschirr, straffte sie sich jetzt öfters. Es erleichterte Rena das Vorwärtskommen. Trotzdem ließ ihre Kondition nach. Jeder mühsame Schritt und jede weitere Minute raubten ihr die Kraft.
Im dunstigen Schneetreiben erkannte sie die Umrisse einer Bank. Von hier aus hatte man einen fantastischen Blick über den See. Um etwas zu verschnaufen, wischte Rena den Schnee von der Sitzfläche und nahm Platz. Sie liebte das Chaos von Sträuchern und den ungeordneten Wildwuchs an verdorrten Goldrutenstängeln, die der Wind niederdrückte. Unterhalb der Uferböschung gewahrte sie einen knallroten Gegenstand auf dem zugefrorenen See, den sie nicht definieren konnte. Irgendwie sah er aus wie ein Kleidungsstück.
Seltsam, wie kam das dorthin?
Mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis fixierte Rena es. Plötzlich bewegte sich etwas daneben. Wie vom Donner gerührt, sprang sie auf. War da jemand, der ihre Hilfe benötigte? Um mehr zu erkennen, folgte sie dem Trampelpfad zum Ufer hinunter. Jester leinte sie ab, er war schneller und überholte sie.
Ein Schrei ließ sie innehalten. Er kam aus der Ferne, dennoch schnitt er ihr mitten ins Herz. Rena kniff die Augen zusammen und sah zu dem roten Kleidungsstück auf der Eisfläche. Rührte der Schrei von einem Tier, das sich darin verfangen hatte und auf Befreiung hoffte? Rena setzte sich wieder in Bewegung. Auch wenn das Betreten der Eisfläche gefährlich war, sie musste sich vergewissern.
Stille herrschte. Kein Mensch war unterwegs. Nur das leise Flügelschlagen zweier Graureiher war zu hören, die Jester mit seinem Gebell aufgeschreckt hatte. Sie flogen über den schwankenden, verdorrten Schilfgürtel hinweg, der nur eine schmale, festgetretene Stelle freigab. Dort blieb Rena stehen.
Sie lauschte. Der See gab knisternde Geräusche von sich. Die frostige Faust des Winters hatte 2020 besonders gnadenlos zugeschlagen. Rena hatte noch nie solch lang anhaltende Minustemperaturen erlebt.
Die Eisfläche im Blickfeld, hängte sie ihre Kamera in die dornigen Zweige eines Weißdornbusches. Sie war zu teuer, um sie der Gefahr auszusetzen, zu Bruch zu gehen. Rena rief Jester zu sich und nahm ihn wieder an die Leine, bevor sie auf die Eisfläche trat, die zumindest am Rand bestimmt fünfzehn Zentimeter dick war. Welche Eisverhältnisse draußen herrschten und ab wann Einbruchgefahr drohte, wusste sie nicht. Akribisch auf dunkle Stellen achtend, die ein Indiz für dünne Schichten waren, ging sie vorwärts.
Ihr Vater sagte einmal: Auf dem Eis musst du dich wie ein Tangotänzer bewegen, wenn du überleben willst. Du schiebst zuerst langsam den rechten Fuß vor und verharrst leicht federnd in der Position. Hast du verinnerlicht, dass du sicher stehst, ziehst du den linken Fuß fließend nach und verlagerst dein Körpergewicht darauf, ohne den entlasteten rechten neu zu setzen. Bei dem Rhythmus bleibt dir jede Möglichkeit zum Rückzug, falls es unter dir knackt.
Allmählich betrat Rena Regionen, deren Wassertiefe schwer einzuschätzen war. Die Entfernung zu dem roten Kleidungsstück war zum Glück näher, als es von oben ausgesehen hatte. Es nahm mehr und mehr Gestalt an und entpuppte sich beim Näherkommen als Anorak.
Den kann doch unmöglich jemand hier entsorgt haben.
Ihr Hals war wie zugeschnürt, als sie ein Loch im Eis bemerkte, gerade groß genug, dass ein Mensch hindurchpasste. In höchster Alarmbereitschaft und dem Bewusstsein, die Begehbarkeit des Eises könnte hier mangelhaft sein, ging sie in die Knie und kroch auf allen vieren auf das Loch zu. Das beängstigende Glucksen des Wassers begleitete sie und schürte ihre Angst, einzubrechen. Plötzlich tauchte ein Kopf aus dem Loch auf. Nach wenigen Sekunden verschwand er wieder im Wasser, kam dann erneut hoch, diesmal lange genug, um zu erkennen, dass es ein Mann war. Das Gesicht knallrot und eingefallen, hielt er sich mit schmerzverzerrter Miene mit einer Hand an der messerscharfen Eiskante fest, die andere streckte er Rena entgegen.
»Ich ziehe Sie heraus!«, rief sie ihm mit vor Angst zitternder Stimme zu. Sie versuchte, nach seiner Hand zu fassen, doch er ruderte wild hin und her, wahrscheinlich vor Panik, erneut unterzugehen. »Halten Sie durch, ich hole einen Ast, daran können Sie sich besser festhalten! Ich komme nicht nahe genug an Sie heran!«
Rena richtete sich vorsichtig auf und drehte sich in Richtung Ufer. Behutsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, zwang sich, ruhig zu bleiben und sich zu konzentrieren, um keinen Fehler zu machen. Der Mann befand sich in Lebensgefahr und zählte auf sie! Hinter sich hörte sie Jester bellen. Es klang aufgeregt, so als wollte er dem Mann sagen, er solle durchhalten.
Endlich erreichte Rena das sichere Ufer und blickte sich um. Ein paar Meter links von ihr entdeckte sie einige Bäume. Hoffnungsvoll bewegte sie sich darauf zu. Gleichzeitig rief sie um Hilfe, in der Hoffnung, von Spaziergängern in der Nähe gehört zu werden.
Jesters Gebell wurde aufgeregter, Rena sah zu ihm. Er lief pausenlos um das Loch herum. Sein Verhalten setzte sie unter Druck. Sie musste schnell ein Hilfsmittel finden, bevor der Fremde für immer in dem Eisloch versank.
Da! Beinahe wäre sie über einen dicken Ast gestolpert! Sie hob ihn auf und verspürte absurderweise ein Glücksgefühl. Der Ast war stabil und lang, perfekt für die Rettung geeignet. So rasch es der Wind zuließ, kehrte sie zum Ufer zurück und betrat das Eis.
»Ich komme!«, rief sie, in der Hoffnung, der Fremde konnte es hören. Mittlerweile war viel zu viel Zeit vergangen, und Rena fragte sich, warum er eingebrochen war. Eigentlich war das Eis hier dick genug, es sei denn, es befanden sich Lufteinschlüsse unter der Eisschicht. Angestrengt hielt sie danach Ausschau, während sie sich auf das Eisloch zu bewegte. Als sie das fahle Gesicht des Mannes sah, atmete sie erleichtert auf. Seine Haut war jetzt blass und grau. Wasser klatschte über seinen Kopf hinweg. Er hustete und spuckte einen Schwall nach dem anderen aus, die blanke Angst im Blick.
Rena kniete sich auf das Eis und schob ihm den Ast zu. Vergeblich griff er danach. Seine Finger waren vor Kälte steif. Er versuchte, etwas zu sagen, bewegte die Lippen, doch kein Wort kam heraus. Rena sah, wie er zitterte, und fühlte einen Druck auf ihrer Brust, der ihr das Atmen erschwerte. Sie musste schnell eine Lösung finden, sonst ging das hier nicht gut aus. Ihr Blick fiel auf Jester, der inzwischen neben ihr stand und den Mann im Eisloch beobachtete. Rena bemerkte seine Leine. Sie war aus einem robusten Kletterseil handgefertigt, besaß mehrere Sicherheitskarabiner und eine Handschlaufe, die mittels Einrastens an den zwei Ringen seines Brustgeschirrs individuell verstellbar war. Das elastische Material eignete sich zudem hervorragend zum Verknoten.
Hektisch entfernte Rena den Leinenkarabiner und befestigte ihn zusammen mit dem Seil an dem verzweigten Ast, unmittelbar unter einem verholzten Trieb, damit er nicht abrutschen konnte. Für eine bessere Zugkraft klickte sie den zweiten Karabiner in das Hundegeschirr ein. Um ihr Gewicht besser auf dem Eis zu verteilen, legte sie sich auf den Bauch und robbte, gefolgt von Jester, zu dem Fremden. »Geben Sie mir Ihre Hand«, keuchte sie. Tatsächlich konnte er sie so weit anheben, dass Rena die Leinenschlaufe um sein Handgelenk schlingen und festzurren konnte. Ihr Plan war, ihn mit Jesters Hilfe herauszuziehen.
Rena zog ihre Handschuhe aus, damit sie besser zufassen konnte. Der Sturm hätte sie beinahe ins Eisloch geweht. Auch der Mantel war ihr im Weg. Sie streifte ihn ab und schob die Ärmel ihres Pullis hoch.
»Fass, Jester. Zieh!«, rief sie und krallte sich an der Leinenschlaufe seines Brustgeschirrs fest.Gleichzeitig schob sie dem Hund den Ast zwischen die Zähne. Das Tier kannte das Kommando. Rena hatte oft Tauziehen mit ihm gespielt. Spielerisches Kräftemessen war seine Lieblingsbeschäftigung. Wie alle Hunde war auch er bei einem Stock nicht zu halten und lief zur absoluten Höchstform auf. Verbissen und mit ganzer Muskelkraft zerrte er daran, obwohl seine Pfoten seitlich wegrutschten und er nicht vom Fleck kam. Aber er ließ sich nicht ausbremsen. Sein angeborener Instinkt, Hilfe zu leisten, behielt die Oberhand.
Der Oberkörper des Mannes ragte ein Stück aus dem Wasser, und Rena fasste beherrscht zu, rutschte aber ab. Die Kälte des Wassers war brutal. Sie schien bis unter ihre Kopfhaut zu kriechen. Mehrmals versuchte sie, nach dem Mann zu greifen. Mit jeder weiteren Anstrengung schwand ihr Durchhaltevermögen. Trotzdem ließ Rena nicht von ihm ab. Sie fragte sich, was sie antrieb, solche Strapazen auf sich zu nehmen, und woher die Gewissheit kam, ihn retten zu können. Der Mann war von kräftiger Statur und angesichts seiner Armlänge ziemlich groß. Plötzlich wusste sie den Grund: Ihr Vater war genau bei so einem Wetter mit dem Auto von der eisglatten Fahrbahn abgekommen und in eine Schneewehe gekracht, aus der er sich nicht befreien konnte. Da es mitten in der Nacht auf einer wenig befahrenen Straße geschehen war, hatte es niemand bemerkt. Gefangen im eisigen Auto, war er bei tiefen Minustemperaturen erfroren. Während ihre Mutter losgefahren war, um ihn zu suchen, war Rena nichtsahnend in ihrem Bett zurückgeblieben. Die Schuldgefühle, ihrer Mutter nicht zur Seite gestanden zu haben, als sie den Verunglückten gefunden hatte, würde sie niemals abstreifen können.
Rena verdrängte die Erinnerung und den damit verbundenen Schmerz. Er nahm ihr jedes Mal die Luft, wenn sie daran dachte. Es gab Wichtigeres im Moment. Sie musste es irgendwie schaffen, diesen Mann aus dem Wasser zu holen.
Mit scharfer Stimme spornte sie ihren Hund an, nicht nachzulassen. Jester zog wie ein wild gewordener Stier, bis Rena ein Stück Stoff zwischen ihren Fingern spürte, den Hoodie des Mannes. Blitzschnell griff sie mit der anderen Hand zu und bekam das Rückenteil zu fassen. Sein Oberkörper ragte nun weit aus dem Wasser, der Mann japste krampfhaft nach Luft.
»Gut so, Jester! Zieh weiter!«, rief sie mit vor Kälte schmerzenden Händen.
Im verzweifelten Kampf mit sich selbst hatte der Fremde seine Augen weit aufgerissen und aus seiner Kehle drangen rasselnde Geräusche.
Dann geschah etwas, womit Rena nicht gerechnet hatte. Während Jester ihn mit seiner Zugkraft über Wasser hielt und sie ihn unter den Achseln zu packen bekam, umfasste der Mann die Eiskante und schwang sich mit einer jähen Bewegung hoch, laut schreiend, vermutlich, um den Schmerz zu überdecken. Auf der Brust liegend, kam er außerhalb der Einbruchstelle auf, nur seine Unterschenkel schwammen noch im Wasser. Es war ein Wunder, dass nicht noch mehr Eis abgebrochen war.
Während Rena ihn losließ, schleuderte der Ruck Jester zurück. Er kam ins Wanken und kippte jaulend zur Seite, wo er winselnd und herzzerreißend fiepend liegen blieb. Blut tropfte von seinen Lefzen. Der Ruck hatte ihm den Ast aus dem Maul gerissen. Trotzdem rappelte er sich wieder auf. Der Schock musste sein Schmerzempfinden lahmgelegt haben.
Rena betrachtete ihn voller Mitleid, aber sie musste sich zuerst um den Mann kümmern, der wie ein gefällter Baum bäuchlings auf dem Eis lag, die Arme weit nach vorn gestreckt, als suchte er noch im Nachhinein einen Halt.
Rena prüfte, ob er noch atmete, war sich aber nicht sicher. Eine Schwere, wie bei der Beerdigung ihres Vaters, überkam sie. Mit zittrigen Fingern tastete sie nach seinem Puls. Sie spürte ihn schwach, offenbar war der Mann bewusstlos. Hatte er sich übernommen? War es sein letztes Aufbäumen vor dem Tod gewesen, ein Aufbegehren vor dem finalen Ende, ein aussichtsloser Überlebensinstinkt? In Anbetracht der beängstigenden Vorstellung malte sich ihr überfordertes Gehirn sämtliche Szenarien aus, die in seinem Körper passiert sein könnten.
Sie riss am Stoff seiner Jeans und versuchte, eines seiner Beine seitlich aus dem Wasser zu heben. Es gelang ihr nicht. Er war zu schwer. Ihr blieb nur die Möglichkeit, ihn auf den Rücken zu wälzen. Aber auch das würde sie nicht allein schaffen. Er musste mithelfen.
»Hallo, hören Sie mich?« Sie tätschelte seine Wangen. Die winzigen Eisstückchen in seinem dunklen Dreitagebart kratzten an ihren Handflächen. »Ihre Beine sind noch im Wasser. Ich rolle Sie jetzt auf den Rücken, und Sie versuchen bitte, mir dabei zu helfen. Okay?«
Endlich schaltete sein Körper auf Überlebensmodus, und er gab ein lang gezogenes Röcheln von sich. Es klang wie Danke.
Rena hockte sich hinter ihn und stemmte ihre Hände gegen seine Hüfte und die Schulter. »Ich fange an«, sagte sie nach Luft japsend, »machen Sie bitte mit!« Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust, und ihre Atemstöße verdoppelten sich, während sie sich mit aller Kraft gegen ihn stemmte. Tatsächlich kam Bewegung in ihn. Sein Oberkörper kippte ein wenig herum, worauf er sein linkes Knie beugen und sich mit dem Fuß abstützen konnte. Rena ließ nicht nach. Adrenalin wütete in ihr. Sie funktionierte nur noch, war wie im Rausch. Sekunden später hatte sie es geschafft. Der Mann lag auf der Seite und kurz darauf auf dem Rücken. Durch den Schwung wurden seine Beine aus dem Eisloch geschleudert.
»Sie müssen aus den nassen Klamotten«, sagte sie. »Können Sie sich aufrichten?« Er nickte, und gemeinsam schafften sie es, ihn aufzusetzen. Rena riss ihm Hoodie samt T-Shirt über den Kopf und hüllte ihn in ihren Mantel ein. Weil er vorn ein ganzes Stück aufklaffte, wickelte sie in Hüfthöhe notdürftig ihren Schal herum. Die viel zu kurzen Ärmel kompensierte sie, indem sie ihm ihre Fäustlinge überstreifte. Sie waren uralt und ausgeleiert. Rena konnte sich nicht davon trennen, sie hatten einst ihrem Vater gehört.
Der Mann öffnete die Augen, seine blauen Lippen bebten, er war vollkommen bei sich. In Rena flammte Erleichterung auf. Sie hielt seinen Kopf und rieb mit ihrem Ärmel notdürftig sein Gesicht und seine Haare trocken. Dann stülpte sie ihm die fellbesetzte Kapuze über den Kopf. »Halte durch«, raunte sie dicht an seinem Ohr. Mit schlaffer Geste wies er auf seinen Anorak. »Autoschlüssel«, hauchte er mühsam.
Ein Auto, was für ein Glücksfall! Rena griff nach dem Anorak.
