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***Ein Überfall, eine dubiose blaue Geldkassette und ein Lieferwagen- ein Psychothriller über einen Serientäter, der seine Opfer entführt und auf eine grauenvolle Fahrt schickt.*** Nachdem Lena überfallen wurde und den Vorfall zum Glück nur leicht verletzt überstanden hatte, erscheint sie eine Woche später nicht bei der Arbeit. Während sich ihre Familie besorgt an die Polizei wendet, ist sich Lena bereits darüber bewusst, dass sie entführt wurde. Der stickige Laderaum eines Lieferwagens, eine verschlossene blaue Geldkassette und weitere ungeöffnete Pakete, lassen Lena daran zweifeln, ob sie Ihre Familie jemals wiedersehen wird. Dieser Zweifel wird ihr jedoch vom Entführer schnell genommen. Mit jedem weiteren geöffneten Paket, wird ihr klar: Ich werde mich selber töten müssen!
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Weil du so schön bist…
Für Mum
Inhalt
Titel
Zitat
Prolog
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Epilog
Fakten zum Buch und das übliche Danke
-Oscar Wilde-
Ängstlich lief sie den Bürgersteig entlang, sie hörte hinter sich Schritte, die eindeutig schneller wurden. Ihr Herz schlug heftig und sie war bereit, gleich los zu rennen, auch wenn es auf den hohen Absatzschuhen schwer werden würde, nicht hinzufallen. Ihr Atem wurde immer schneller und das Schnaufen ihres Verfolgers kam spürbar näher. Nicht mehr lange und sie würde seinen Atem in ihrem Nacken spüren. Sie hielt sich krampfhaft an ihrer Handtasche fest, dann wagte sie, einen Blick nach hinten zu werfen. Es war zu dunkel, um etwas Genaueres zu erkennen. Die Straßenlaternen waren zwar hell erleuchtet, aber sie hatte einen Moment der Dunkelheit erwischt und schaute einen Augenblick später erneut nach hinten. Im Schein des Lichts erhaschte sie einen Blick ihres Verfolgers. Das Bild des maskierten Mannes versetzte sie in noch größere Panik und sie glaubte, sie könne ihr Tempo verdoppeln.Ein Irrtum, als sie die Hand in ihren Haaren spürte. Ein Ziehen und Reißen fuhr ihr in die Kopfhaut und stoppte sie schmerzhaft mit einem Ruck. Sie packte die Hand an ihrem Hinterkopf und unterdrückte das Schreien. Der Schrei kam erst kurz danach, als der Angreifer ihr ein Messer an die Kehle hielt.
„Was wollen sie?“, wimmerte ihre brüchige Stimme.
„Halts Maul, dann passiert dir nichts“,brummte der Mann zurück. Doch sie wollte sich nicht beruhigen und zappelte unruhig im festen Griff ihres Peinigers.
„Was willst du von mir, du tust mir weh! Hilfe, kann mich jemand…“
Die letzten Worte verschluckte sie, weil der Maskierte ihr die Hand brutal auf Mund und Nase presste. Sie merkte, wie ihre Füße nicht mehr hinterher kamen und stolperte unsanft über den Bürgersteig. Das Messer fest an ihre Kehle gedrückt, schob er sein Opfer in den naheliegenden Park, er wusste genau, dass sich um diese Uhrzeit dort selten jemand aufhielt.
„Ich habe dir gesagt, du sollst dein Maul halten, ich will dir nicht unnötig wehtun!“ Er bemerkte nicht, dass sein Griff ihr die Luft abschnürte. Sie versuchte zu atmen, aber vergebens. Plötzlich sah er, wie ihre Augen unkontrolliert nach hinten rollten. Er lockerte den Griff hektisch und das Messer schnitt eine klaffende Wunde in ihren Hals. Jetzt bekam auch er Panik. So sollte das nicht ablaufen.
„So ein Mist, Mensch Mädchen, wach auf…“
Mit ein paar, fast schon vorsichtigen Ohrfeigen, versuchte er sie aus ihrer Bewusstlosigkeit zu holen. Er legte sie vorsichtig auf das feuchte Gras und bemerkte die schmierige Flüssigkeit an seinen Lederhandschuhen. Es war das Blut seines Opfers.
„Fuck, wie konnte das passieren? Scheiße, Mann, die darf mir doch jetzt hier nicht verrecken.“ In der Hektik zog er sich seinen Schal vom Hals und drückte ihn an die sickernde Wunde. Er wollte gerade seinen Gürtel aus der Hose ziehen, um den Schal auf der Wunde zu fixieren, da sah er von weitem einen Hund durch die Bäume kommen. Er schreckte auf und vergaß die junge Frau am Boden. Zu diesem Hund wird es auch ein Herrchen geben und der durfte ihn um keinen Preis erwischen. Er war gerade losgerannt und plötzlich drehte er wieder um und rannte zurück zu seinem bewusstlosen Opfer. Er riss am Henkel der Handtasche, irgendetwas blockierte sie und er musste ihren Oberkörper etwas zur Seite rollen. Mit einem Ruck war die Tasche in seinem Besitz, er drückte noch einmal fest auf den Schal und rannte durch den dunklen Park davon.
„Schnell! Ich brauche einen Notarzt, bitte beeilen sie sich, die junge Frau blutet sehr stark.“
Ein paar Tage zuvor…
„Du musst ihr einfach nur die Tasche klauen, mehr nicht. Das wird doch wohl kein Problem für dich sein, du machst das doch nicht das erste Mal!“, sagte die fremde Stimme am Telefon.
„Ich finde für 500 Euro sollte dir das gelingen! Mach ihr ein bisschen Angst und dann bringe mir die Tasche, aber verletze sie nicht, ich will sie unversehrt. Hast du verstanden?“
Der Mann am anderen Ende bejahte die Anweisungen, beendete das Telefonat und machte sich auf den Weg, sein Opfer aufzuspüren.
„Herr und Frau Große?“, der Doktor blickte die aufgewühlten Eltern an und streckte ihnen die Hand entgegen.
Wie geht es unsere Tochter, können wir zu ihr?“, fragte Peter Große den Oberarzt. Der Arzt blickte etwas freundlicher als zuvor und sah in vier verzweifelte Gesichter.
Frau Große hielt sich an ihrer jüngeren Tochter Alexa, die mit ihrem Freund sofort ins Krankenhaus gefahren war, fest und wartete angespannt auf eine Antwort. „Ihrer Tochter geht es soweit gut, sie hat großes Glück gehabt. Die Schnittwunde am Hals sieht zum Glück schlimmer aus, als sie ist. Die Halsschlagader wurde um ein paar Zentimeter verfehlt.“ Die Erleichterung war deutlich spürbar, Alexa rollte eine Träne über die Wange und ihre Mutter drückte sie fest an sich.
„Können wir zu ihr?“, fragte Peter hoffnungsvoll.
„Ja können sie, aber vielleicht nicht alle auf einmal. Sie steht noch leicht unter Schock, aber sie hat nach einer Alexa gefragt.“
„Ja das bin ich“, antwortete Alexa erleichtert, „ich bin ihre Schwester.“
Sie wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ihres Pullis ab, drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und folgte dem Arzt.
„Dad, ich gebe ihr einen Kuss von dir.“
Peter Große war ein toller Vater. Er war ein stattlicher Mann Mitte 60 und ließ die ganze Welt wissen, wir stolz er auf seine beiden Mädels war. Nicht nur, weil sie beruflich Erfolg hatten oder weil sie beide sehr hübsch waren. Nein, er war einfach stolz auf die Persönlichkeiten seiner Töchter. Er selbst hatte nicht so eine unbeschwerte Kindheit, seine Eltern waren sehr früh gestorben und er wuchs in mehreren Pflegefamilien auf. Umso mehr war er stolz, dass er trotz dieser Umstände zwei so tolle Töchter hatte. „Ham wa toll hinbekommen, ne mein Ritalein?!“ Sagte er immer zu seiner Frau, die ihn daraufhin immer mit einem Kuss auf die Wange bestätigte. Alexa klopfte vorsichtig an die Tür.
„Ja?“, antwortete eine fast nicht vernehmbare Stimme. Sie öffnete die Tür und trat in das spartanisch eingerichtete Zimmer. Vorsichtig spähte sie um die Ecke und sah ihre Schwester im Bett liegen. Sie hatte noch die Augen geschlossen und man sah deutlich das große weiße Pflaster an ihrem Hals. Dann blinzelte Lena ihre kleine Schwester an und ein Lächeln huschte über ihre Lippen.
„Alexa!“ flüsterte sie. Alexa fing wieder an zu weinen und stürzte zu ihrer Schwester ans Bett. Sie vergrub ihr Gesicht in der Bettdecke und umklammerte die Hand ihrer Schwester.
„Alexa, ist doch alles halb so wild. Ich lebe doch noch!“, versuchte Lena ihre kleine Schwester zu beruhigen. Lena war schon immer die Stärkere von beiden, aber man sah ihr an, dass sie im Moment keine Kraft hatte, ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Trotzdem beruhigte sie ihre Schwester: „Alexa, schau mich mal an!“
Alexa hob den Kopf und rieb sich wie ein kleines Kind die verweinten Augen. „Mensch, Schwesterchen, es geht mir gut und der Arzt hat gesagt, ich kann schon in ein paar Tagen wieder raus.“ Alexa zog die Nase hoch und bediente sich gleichzeitig an einer Papiertücherbox. Sie schnaubte sich die Nase und fing fast gleichzeitig an zu reden: „Was ist denn nur passiert, keiner konnte uns etwas Genaues sagen. Nicht mal die Polizei weiß etwas, weil du wohl bewusstlos warst. Die haben Dad angerufen, dass du hier eingeliefert worden bist. Kannst du dich an irgendwas erinnern?“
„Ich kann mich an fast alles erinnern, ich glaube, mir fehlt nur die Zeit, in der ich bewusstlos war, es ging alles so schnell.“ Lenas Blick an die Decke verfestigte sich kurz, als ob sie sich angestrengt erinnern wollte.
„Dieser Typ trug eine Maske, ich konnte nichts erkennen. Aber sage mal wie, konnten die mich denn eigentlich identifizieren? Ich kann mich schwach erinnern, dass mir der Typ zwar die Schnittwunde mit irgendetwas abdrückte. Ich dachte im ersten Moment, dass er mich erwürgen wolle, aber dann ist er hektisch aufgesprungen. Kurze Zeit später zerrte etwas an mir und ich befürchte, dass er mir in dem Moment meine Handtasche geklaut hat.“
„Lena, man hat deinen Personalausweis in deiner Manteltasche gefunden. Weißt du nicht, wie er dort hingekommen ist?“
Lena runzelte die Stirn und mit einem etwas zu lauten ´Na, klar´ fiel es ihr wieder ein. „Ich hatte mich bei der Post ausweisen müssen und habe den Ausweis dann schnell in die Manteltasche gesteckt. Naja, selbst wenn der auch weg gewesen wäre, ich leide ja zum Glück nicht an Amnesie und kenne meinen Namen.“ Alexa legte sich zu ihr in das Krankenhausbett und kuschelte sich an sie, auch wenn ihre Schwester wie immer die Starke spielte, wusste sie, dass ihr das guttun würde. Es dauerte nicht lange und Lena schlief ein.
„Gut Frau Große, dann erzählen sie mir bitte noch einmal genau, was passiert ist. Ich bitte sie, alles genau zu erklären und egal, ob sie denken, es wäre unwichtig, jede Kleinigkeit könnte uns weiter helfen.“ Der Polizist zückte seinen Stift und strich das erste Blatt seines Blocks glatt. Lena schaute zögernd zu ihrem Vater, der ihr beruhigend zunickte.
„Naja, ich weiß nicht genau, ob ich ihnen überhaupt weiterhelfen kann, der Mann trug eine Maske!“
„Frau Große, alles was sie uns erzählen, kann dazu beitragen, dass wir diesen Kriminellen erwischen. Fangen sie einfach von vorne an und wenn es ihnen zu viel wird, dann machen wir selbstverständlich eine Pause.“
„Also gut…“
Lena erzählte und wurde von Wort zu Wort nervöser. Peter nahm die Hand seiner Tochter und unterstützte sie, in dem er hier und da ihre Erinnerung ein wenig auffrischte. Lena hatte ihrem Vater den Ablauf mehrmals erzählen müssen, deshalb konnte Peter seiner Tochter bei der Schilderung des Überfalls helfen. Lena konnte sich an einige Dinge gar nicht erinnern und an andere nur sehr vage, da sie zeitweise bewusstlos war. Aber sie hörte, wie ihr Retter mit dem Notruf telefonierte und bekam sehr wohl mit, wie ihr Angreifer seinen Schal auf die Wunde drückte.
„Frau Große, eine unserer Theorien ist, dass der Schnitt mit dem Messer eventuell nur ein Unfall war. Ich denke, dass der Täter sie ursprünglich ´nur´ überfallen wollte. Aber leider ist im Eifer des Gefechts das Messer vielleicht ´ausgerutscht´.
„Ausgerutscht, dass ich nicht lache“, mischte sich Peter in das Gespräch ein. „Wie können sie sich da so sicher sein, meine Tochter könnte tot sein.“
Lena schaute ins Leere und bekam die Diskussion nur am Rande mit. In Gedanken war sie immer noch in der verlassenen Straße und ging immer wieder sämtliche Szenen durch. Die panische Angst, die sie hatte, als sie losrannte, steckte ihr noch ganz schön in den Knochen.
„Herr Große, sicherlich hatte ihre Tochter großes Glück und wir sind heilfroh, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Nur müssen wir alle Fakten zusammenfügen, um überhaupt nach jemanden zu fahnden. Ein Mann mit Maske, keine Tatwaffe, nur ein einfacher Schal, den wir sicherstellen konnten, das ist leider viel zu wenig, um einer Spur zu folgen.“ Peter wurde wieder etwas kleiner in seiner Körperhaltung und beruhigte sich. „Ich weiß, sie tun ihr Bestes, es ist alles nur so furchtbar.“
Es klopfte und alle drei blickten zur Tür. Ein hoch gewachsener Mann stürzte durch die Tür, ohne ein ´Herein´ abzuwarten und prasselte auch sofort los:
„Oh Gott, Lena, wie geht es dir, ach, was für eine Frage, haben sie den Mistkerl gekriegt? Ich werde dich vor Gericht natürlich verteidigen! Ich habe hier Blumen, oh Mann, ich habe mir solche Sorgen gemacht.“ „Carsten, mir geht es schon wieder besser. Setze dich doch bitte erst mal.“
Carsten Scholz ist Lenas Chef, er ist ein strebsamer junger Mann Ende 30 und die beiden haben ein freundschaftliches Verhältnis. Lena arbeitete schon seit fünf Jahren in der Anwaltskanzlei, Carsten und sie sind ein eingespieltes Team.
„Entschuldigung“, mischte sich der Polizist in das Gespräch ein. „Wer sind sie genau?“
„Oh, aber natürlich“, Carsten streckte dem Beamten die Hand entgegen und redete erneut hektisch drauf los.
„Scholz…, also Carsten Scholz und ich bin der Chef von Lena…äh Frau Große. Entschuldigen sie, ich bin immer noch völlig durcheinander.“ Er schaute bedrückt in die Augen von Lena und dann in die ihres Vaters.
Carsten war schon länger ein Freund der Familie und ihre Eltern sahen ihn immer gerne, ihr Vater vielleicht zu gerne, vor allem an Lenas Seite. Aber Carsten war erstens nur ein sehr guter Freund und zweitens ihr Chef. Das sahen sie beide so und nahmen die kleinen Sticheleien ihres Vaters spaßig auf. Schon bevor Lena in seiner Kanzlei zu arbeiten anfing, war er ein gern gesehener Gast. Carstens Eltern sind vor knapp 20 Jahren nach Südafrika ausgewandert, Carsten aber wollte in Deutschland Jura studieren. Da haben es sich Rita und Peter zur Aufgabe gemacht, ein Auge auf den jungen Mann zu werfen. Er wandte sich Lena zu und beugte sich zu ihr herunter, um ihr einen sanften Kuss auf die Stirn zu geben.
„Es tut mir so leid, Lena, aber jetzt sag doch mal, wie fühlst du dich? Haben sie den Kerl geschnappt?“ Lena rappelte sich etwas auf und berichtete in groben Zügen erneut die Geschichte.
Es war Sonntag und Lena saß an ihrem Computer, um ihre Mails zu checken. Seit drei Tagen war sie wieder zu Hause und erholte sich von diesem schrecklichen Erlebnis. Es ging ihr schon viel besser, nur in der Nacht war es noch nicht so einfach. Sie wurde immer wieder wach und brauchte lange, um wieder einzuschlafen. Der Therapeut, der sie im Krankenhaus betreute, prophezeite so eine Reaktion bereits. Er sagte, es sei ganz normal, dass sich die Gedanken in der Nacht auf diesen Vorfall fokussieren und dass es etwas Zeit brauchen wird, das Erlebte zu verarbeiten. Er empfahl ihr eine regelmäßige Therapie um zu lernen, damit umzugehen. Ein Trauma ist zwar schwer zu beheben, aber mit verschiedenen Übungen ist es möglich, das Erlebte nicht dauernd vor Augen zu haben. Lena empfand die Hilfe sehr nett, aber sie ging davon aus, dass sich das wieder von alleine regulieren würde. Ihre Familie war in den letzten Tagen immer für sie da. Alexa und ihre Mutter Rita waren im Wechsel zu Besuch oder riefen an, um zu hören, ob alles in Ordnung sei. Eine Woche war vergangen seit dem Überfall und morgen würde sie wieder zur Arbeit gehen. Endlich wieder unter Leute kommen und wieder etwas zu tun haben. Die paar Tage im Krankenhaus und in ihrer Wohnung haben gereicht. Das schreckliche Mittagsprogramm im Fernseher trieb einen förmlich vor die Haustür. Auch wenn ihr Vater es für „zu früh“ hielt, versicherte sie ihm, dass sie auf sich aufpassen und nicht zu viel arbeiten würde. Carsten war darüber bereits persönlich von Lenas Vater instruiert worden.
Die Mailliste war lang, wobei der größte Teil nur Werbung war.
Hier ein Gutschein für Befreiung von Liefergebühren, da ein Angebot für einen zinsfreien Kredit.
„So ein Mist, das habe ich ja vollkommen vergessen!“ Lena wurde etwas blass. „Ich muss meine Karten sperren lassen, mein Handy, meine Geldbörse, alles weg.“ Lena reagierte völlig überrascht, als ob ihr jetzt das erste Mal bewusst wurde, dass sie beklaut wurde. Sie hatte in der letzten Woche weder ihr Handy vermisst, noch Geld gebraucht. Entweder hatte ihre Mum oder ihre Schwester etwas zu essen mitgebracht oder sie hatten ihr Geld auf dem Küchentisch liegen lassen. In der aufkommenden Hektik rief sie ihre Schwester an und kramte dabei in ihren Schränken, um die Ordner ausfindig zu machen, in denen diverse Unterlagen zu finden waren. Mit dem Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter klemmte sie sich zwei Ordner unter die Arme und ging zurück zum Computer. Sie warf die beiden Ordner unsanft auf den Boden und öffnete die Homepage ihrer Bank.
„Das Konto habe ich auch noch nicht gecheckt.“ Dann nahm Ihre Schwester das Telefonat endlich entgegen.
„Hey Schwesterherz, was gibt’s, alles okay?“
„Ehrlich gesagt nein, ich habe gerade gemerkt, dass ich alles vergessen habe.“ „Wie, du hast alles vergessen?“
„Naja, die ganzen Karten sperren zu lassen und mein Handy, ach so ein Mist, hoffentlich wurde mein Konto nicht schon leergeräumt.“ Der Kontostand verriet ihr, dass es nicht so war. Erleichtert atmete sie aus.
„Schwesterchen, hol‘ erst mal Luft, ich kann dich beruhigen, das haben wir alles schon lange für dich erledigt. Konten sind gesperrt, deinen neuen Führerschein musst du beim Bürgeramt beantragen. Dein Handy ist auch gesperrt, wenn du die Nummer behalten willst, könntest du dir eine neue Sim-Karte zuschicken lassen. Das hab ich jetzt noch nicht veranlasst, weil ich nicht wusste, ob du es willst. Habe ich noch was vergessen? Ach ja, am Donnerstag kommt der Schlüsseldienst und wechselt dein Schloss aus.“
Lena kam gar nicht zu Wort. Als ihre Schwester ihre kleine Ausführung beendete, konnte sie nur einen Satz herausbringen:
„Du bist einfach die beste Schwester der Welt!“
„Ich weiß, aber du hast Recht, ich habe dir das irgendwie vergessen zu erzählen, sei nicht böse, aber es war so ein großes Durcheinander.“
„Wie könnte ich dir böse sein, Schwesterherz, du hast dich doch um alles gekümmert, ich bin dir unendlich dankbar.“
„Das ist doch selbstverständlich, aber sag mal Lena, ist es wirklich okay, wenn Tom und ich übermorgen in den Urlaub fliegen? Irgendwie lasse ich dich ungern allein.“ „Alexa Viktoria Große, ich habe dir schon mehrfach gesagt, dass du dir bitte keine Sorgen machen sollst. Du hast dir dein Urlaub wirklich verdient und ich will, dass du dir die Sonne auf den Bauch scheinen lässt, und mir was Schönes aus Ägypten mitbringst. Außerdem bin ich nicht alleine, Mum und Dad sind jederzeit erreichbar und ich gehe ab morgen auch wieder arbeiten. Wie du siehst läuft alles bald wieder seinen gewohnten Gang.“
„Das du morgen schon wieder zur Arbeit gehst finde ich wirklich überstürzt, aber das habe ich dir ja auch schon mehrfach gesagt. Du machst ja sowieso, was du willst.“
„Ja, stimmt genau, ich gehe ab morgen wieder in mein geliebtes Büro und du fliegst mit Tom in den Urlaub. Jetzt wirst du schnell zum Imbiss fahren und uns zwei Portionen Chinesisch holen und dann gucken wir noch einen Film, Lust?“
„Bin schon auf dem Weg, Schwesterchen, ich weiß, für dich mit Stäbchen, Küsschen.“
Lena knipste das Nachtlicht an, es war erst fünf Uhr morgens. Eigentlich hatte sie noch genug Zeit, bis sie im Büro sein musste, aber sie würde ewig brauchen ehe sie wieder einschlief. Entschlossen stand sie auf, nahm sich ein Handtuch aus dem Schrank und nahm eine lange Dusche. Eine halbe Stunde später föhnte sie sich ihre langen braunen Haare und dachte über gestern Abend nach. Mit chinesischem Essen und dem Klassiker „Interview mit einem Vampir“ ließen sie den Abend gemütlich ausklingen. Schon morgen fliegen Alexa und Tom nach Ägypten. Drei ganze Wochen würde sie ihre kleine Schwester vermissen müssen. Die beiden verband ein sehr inniges Verhältnis.
Alexa ist 27 Jahre alt und eine tolle junge Frau. Die knappen zwei Jahre Altersunterschied machten sich kaum bemerkbar. Lena und Alexa waren nicht nur Schwestern, sondern auch Freundinnen. Trotzdem war die Rollenverteilung totales Klischee, die große Schwester „beschützte“ die Kleine. Tom, den Freund ihrer Schwester mochte sie auch sehr, die beiden waren seit drei Jahren ein Paar und Lena beneidete die beiden manchmal, weil sie einfach so gut zusammen passten. Alexa hatte erfolgreich eine Ausbildung zur Hotelkauffrau abgeschlossen. In den letzten Jahren arbeitete sie sich recht schnell hoch und es sah so aus, als ob ihr im nächsten Jahr die stellvertretende Leitung übertragen werden würde. Lena traute ihr das zu und war jetzt schon mächtig stolz auf ihre kleine Schwester. Nebenbei war sie in ihre Fußstapfen getreten und modelte hier und da für verschiedene Firmen.
Die Schwestern „Große“ hatten optisch viel Glück gehabt und konnten sich nebenberuflich die Haushaltskasse etwas aufbessern. Alexa machte sich nicht viel aus „Schönheit“, sie achtete zwar auf Kleidung und Make-Up, war aber nie arrogant oder eingebildet. Sie sagte immer: „Dafür kann ich weder Singen noch Tanzen, oder habe irgendein kreatives Talent.“ So sah Lena das auch.
Als sie sich so im Spiegel betrachtete und sich das Gesicht eincremte, hielte sie plötzlich inne. Sie reckte ihr Kinn in Richtung ihres Spiegelbildes und begutachtete ihre verheilende Wunde am Hals. Wieder eine Erinnerung mehr. Es war sicherlich keine schöne Erinnerung, aber Lena wusste, in ein paar Jahren, wenn nur noch ein hellrosa Strich übrig geblieben war, würde sie vielleicht einmal tief einatmen und wissen, dass sie es überlebt hatte. Sie klebte ein neues Pflaster auf die frisch vernähte Wunde und zog sich an. Sieben Uhr, Lena nippte an ihrem Kaffee und sah auf die Küchenuhr.
Ich habe immer noch so viel Zeit.
Normalerweise beginnt ihr Dienst um zehn Uhr, aber sie wusste, dass ihr Chef Carsten schon um acht Uhr in der Kanzlei war, also entschied sie, sich gleich auf den Weg zu machen.
„Guten Morgen, Herr Scholz.“
Lena legte ihre Handtasche auf den Stuhl, in der allerdings nicht viel zu finden war, bis auf einen Labello vom Regal zu Hause, eine Zeitung vom Kiosk, den Zweitschlüssel zur Wohnung und einem alten Portemonnaie. Mit dem Rest hatte jetzt der Dieb seine Freude. Glücklicherweise besaßen ihre Schwester und ihre Eltern die beiden Ersatzschlüssel für ihre Wohnung. Alexa trug den Schlüssel immer bei sich und hatte ihn Lena auf die Kommode im Flur gelegt.
„Lena, was machst du denn schon hier? Ich habe erst gegen zehn mit dir gerechnet, obwohl ich dich eigentlich sofort wieder nach Hause schicken sollte, laut den ´Anweisungen´ deines Vaters.“
Stirnrunzelnd hing Lena ihren Mantel an die Garderobe, „mein Dad lässt auch keine Gelegenheit aus, selbst meinen Chef beauftragt er, mir das Arbeiten zu verbieten. Zum Glück weiß ich ja, dass du mich hier brauchst und ohne mich total aufgeschmissen bist. Ist in der letzten Woche viel liegen geblieben?“
Carsten räusperte sich: „Na nun aber mal langsam, ich habe das alles auch sehr gut ohne dich hinbekommen. Ich hätte es auch nicht schlecht gefunden, wenn du dir noch eine Woche Zeit gegönnt hättest, schließlich war das nicht nur ein Kratzer, Frau Große.“
„Ja, halb so wild. Ich bin wieder hier und möchte was tun. Das lenkt mich ab und bringt mich auf andere Gedanken. Carsten hielt Lena an der Schulter fest und stoppte sie auf ihrem Weg zum Schreibtisch.
„Lena, jetzt ehrlich, geht es dir wirklich gut? Es wäre wirklich kein Problem, wenn du…“
Lena unterbrach ihren Chef, „Carsten es ist alles Okay, bitte glaube mir, ich würde es sagen, wenn es anders wäre. Die Ablenkung hier tut mir gut und ich werde es nicht übertreiben, versprochen.“
Mit hochgezogenen Augenbrauen streichelte Carsten flüchtig über Lenas Wange. „Na gut, Frau Große, dann will ich dir das mal glauben.“
Carsten öffnete die große schwere Flügeltür zu seinem Büro.
„Lena!“ rief er.
„Lena, ich brauche die Unterlagen vom Fall Bull, S. Bull, ich habe sie die letzte Woche schon gesucht und ich glaube die Akte ist verschwunden.“ Lena kam mit einem leichten Grinsen in das Zimmer ihres Chefs, in der Hand eine Akte.
„Das ich nicht lache, du kannst ohne mich! Die habe ich gerade im Fach für den Briefverkehr gefunden, was würdest du nur ohne mich machen.“ Mit einem verschmitzten Grinsen verzog er das Gesicht.
„Ich weiß auch nicht, wer die da hineingelegt hat, ich war es ganz bestimmt nicht!“ Lena winkte die Antwort ab und verließ das Zimmer mit einem Lächeln auf den Lippen.
Es war Mittag und Lenas Magen knurrte. Sie ging in die kleine Küchenzeile nebenan und öffnete den Kühlschrank. Bis auf eine Flasche Wein und ein einsames Stück Kuchen war nichts zu finden. Sie entschied sich, im Supermarkt nebenan einkaufen zu gehen. Carsten war bei einem Termin und sie hatte die Akten der letzten Woche abgearbeitet. Ihr Chef teilte sich die Kanzlei mit zwei weiteren Anwälten. Ab und an half Lena auch ihnen, in dem sie Anrufe weiterleitete oder Termine vereinbarte. Zurzeit war das nicht der Fall. Herr Böhm war gerade in einer Reha, nachdem er sich beim Skifahren mehrfach das Bein gebrochen hatte und Herr Andres war viel im Ausland unterwegs.
Als sie gerade den Schlüssel vom Schreibtisch holen wollte, erschrak sie innerlich. Oh Mist, ich habe Lisa ja ganz vergessen, die weiß noch von garnichts.
Lisa ist Lenas beste Freundin und ist seit drei Wochen in Prag. Lisa ist Visagistin und vertreibt Kosmetikprodukte. Sie ist gerade auf einer Schulung.
Ich bin über Handy gar nicht erreichbar, bestimmt hat Lisa schon mehrfach versucht mich anzurufen. Aber sie hätte doch spätestens nach ein paar Tagen auf dem Festnetz angerufen oder Alexa eine SMS geschickt? Ich schreibe ihr einfach schnell eine E-Mail.
Sie verwarf ihren Plan einkaufen zu gehen und setzte sich wieder an den Computer. Als sie ihren Posteingang öffnete, scrollte sie ein weiteres Mal durch die eingegangenen Mails und entdeckte wirklich eine E-Mail ihrer Freundin. Die hatte sie gestern bestimmt übersehen, als sie voller Sorge ihren Kontostand überprüfte.
Hey Lenchen,
warum ist dein Handy aus? Und vor allem, warum gehst du zu Hause nicht an dein Telefon? Muss ich mir etwa Sorgen machen oder wurdest du jetzt doch entdeckt und räkelst dich schon vor den Kameras auf den Malediven? Melde dich doch mal bei mir, Schatz. Ich bin in zwei Wochen wieder da und dann gehen wir ordentlich Cocktails trinken. Die Schulung ist soweit in Ordnung, der Leiter ist etwas monoton, aber ein Leckerbissen. Es lässt sich also aushalten.
Drück dich Lisa
PS: Was ist mit dir und Carsten? Baggert er immer noch so charmant an dir rum?
Lena konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Lisa steckte vermutlich mit ihrem Vater unter einer Decke. Sie und ihr Dad konnten es einfach nicht lassen, den beiden ein Techtelmechtel zu unterstellen. Wobei ihr Vater es sich ernsthaft wünschen würde, er sagt immer: „Kind, so einen guten Mann darf man nicht einfach gehen lassen! Und außerdem verstehe ich mich wirklich gut mit ihm!“ Aber Lisa ärgert sie damit nur ein wenig, sie findet Carsten selber sehr sympathisch, gibt das aber nur unter Alkoholeinfluss zu.
Lisa Zimmermann ist 31 Jahre alt und somit ganze zwei Jahre älter als Lena. Auf die sie in guten Zeiten besteht und in schlechten Zeiten ungern angesprochen wird. Die beiden kennen sich seit knapp acht Jahren und haben schon viel zusammen erlebt, auch die Folgen des schrecklichen Autounfalls von Lisa, der sie vor drei Jahren fast das Leben kostete, meisterten sie zusammen. Lisas Art ist es, mit allem schnell abzuschließen und weiterzumachen. Trotz leichtem Hang zur Theatralik kann man viel mit ihr Lachen, oder vielleicht gerade deshalb.
Hi Lisa,
