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Über den Mut, den es braucht, sich lieben zu lassen Sol und Addie fühlen sich in der Natur wohler als unter Menschen. Doch als die beiden sich auf der windgepeitschten Insel Rokesby vor der Küste Englands zum ersten Mal begegnen, scheint mitten im Sturm alles stillzustehen. Sofort spüren sie, dass sie füreinander geschaffen sind, und wagen eine zaghafte Annäherung. Doch sie haben nicht mit der Wucht gerechnet, mit der die Vergangenheit über sie hereinbricht, und müssen hart dafür kämpfen, zusammen sein zu können – nicht nur gegen äußere Umstände, sondern manchmal auch gegen sich selbst. Woran sie sich festhalten, ist der Pakt, den sie schließen: Sie wollen wie zwei Papageientaucher sein. Denn auch wenn die Vögel einen großen Teil des Jahres getrennt von ihrem Partner leben, bleiben sie einander treu und finden doch immer wieder zueinander.
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Seitenzahl: 554
Veröffentlichungsjahr: 2025
Joanna Glen
Roman
Aus dem Englischen von Eva Kemper
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Maybe, Perhaps, Possibly bei Borough Press.
Deutsche Erstausgabe
© der deutschsprachigen Ausgabe 2025 Arche Literatur Verlag,
ein Imprint der Atrium Verlag AG, Zürich
© 2024 by Joanna Glen
Covergestaltung: DIEK Design/Sarah M. Hensmann, Jemgum, unter Verwendung von Midjourney (KI)
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.
ISBN978-3-03790-162-5
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Für Dad und Richard, von denen ich lernte, Vögel zu lieben.
Die Welt ist voller magischer Dinge, die geduldig darauf warten, dass sich unsere Sinne schärfen.
W.B.Yeats
Du kannst an göttliche Vorsehung glauben.
An freien Willen.
Zufall.
Die Launen der Natur.
Glück.
Äußere Umstände.
Schicksal.
An mehrere dieser Dinge oder an keines.
Aber du kannst nicht bestreiten, was geschieht.
–
Lerne Addie und Sol kennen, bevor sie einander kennenlernen.
Addie sitzt in ihrem Zimmer und schaut dem Passagierschiff nach, das im Grau des Regens und des Meeres verschwimmt und mit dem ihr Vater und ihr Bruder die Insel verlassen. Sie fragt sich, wie es sich anfühlen muss, so ungehindert kommen und gehen zu können. Sie ist seit sieben Jahren hier, seit sie fünfzehn war, und sie will unbedingt fort, nur würde sie damit ihre Mutter verraten.
»Das Leben auf dem Festland wäre für dich überwältigend«, sagt ihre Mutter.
Addie fragt sich, ob sie bereit ist, sich überwältigen zu lassen.
Und da verschwinden sie auch schon, ihr Vater und ihr Bruder. Über die Wellen, unter dem bleiernen Himmel, schaukelnd auf dem weiten Meer, das größer wird, dunkler wird, und darüber und darunter fahren sie weg. Ich bin auch drüber und drunter, denkt Addie, darüber hinweg, ihr unterlegen, unter ihrer Fuchtel, unterschätzt, untergraben, überarbeitet. Untervögelt? Sie lacht leise, dann ist ihr mit einem Mal nach Weinen zumute.
Bei dem trüben Wetter ist die Gebetsinsel Ora kaum mehr als ein dunkler Schatten, nur durch ein schmales Felsband mit Rokesby verbunden. Hinter den Klippen von Ora liegen die Farne Islands und dahinter auf dem Festland das Dorf Seafields, wo ihr Vater und ihr Bruder das Schiff verlassen und in ihr eigenes Leben abtauchen werden.
Addie sieht sich selbst über das Meer gespannt, wie abgespultes Garn, mit Rokesby hinter sich und der Zukunft voraus. Neben ihr steht eine Nähmaschine auf einem zerkratzten Eichentisch, ergänzt von einem Gewirr aus Spulen und einer großen Stoffschere, die Klingen aufgesperrt wie ein Maul.
An diesem Morgen hat Addie beim Schwimmen einen Hai gesehen. Einen Heringshai, glaubt sie, etwa zwei Meter lang. Ihr erster Gedanke galt Eureka. Addie ist dreimal zu ihrer Höhle hinuntergetaucht, mit vor Angst rasendem Herzen, und fand Eureka beim dritten Versuch sicher versteckt, sämtliche Tentakel bis zur Spitze eingerollt.
Niemand weiß von Eureka.
Es weiß auch niemand von Mac.
Addie vergleicht sich mit den antiken Matroschkas, die auf ihrem Nachttisch stehen. Die gute Puppe außen ist mit Blumen bemalt: Sie rettet Jungvögel, die aus dem Nest gefallen sind, und zappelnde Fische, die sich zu weit an den Strand gewagt haben, näht Seidenkleider und Latzkleider mit Patchworkmuster, kocht reizende Abendessen; arrangiert Bilder an den Wänden, reiht Kiesel auf Fensterbänken auf, kümmert sich um die Gäste, die der Ruhe wegen herkommen, lächelt, als wäre es ein Geschenk, sie zu bedienen.
Darunter ist ihre böse Puppe, ihre Sirene, wild, mit dunklen Flügeln und widerspenstig. Nur Mac kennt sie. Unter der guten und der bösen Puppe steckt die Meerespuppe, behangen mit Seetang; sie liebt Delfine und die Wellen. Und schließlich die kleine Puppe, die zu sehr geliebt hat, die zu der Größe einer Kidneybohne geschrumpft ist, als ihre Großmutter starb, und eingerollt mit den Händen über dem Kopf daliegt und immer noch weint.
Addies Mutter sagte nur: »Ich habe noch nie von Haien in dieser Gegend gehört«, bevor sie sich wieder ihrem Buch widmete. Sie hatte sich auf der indischen Liege ausgestreckt, die Addie bei einer Onlineauktion ersteigert hat.
Addies Großmutter hätte sie fest an die Brust gedrückt und angefleht, sie sollte nicht mehr ins Wasser gehen und sich von dem Hai fernhalten. Den Wunsch hätte Addie ihr zwar nicht erfüllen können, aber sie hätte ihre inbrünstige Liebe gespürt.
Mit dreizehn ihre Großmutter zu verlieren war das Unglück ihres Lebens. Denn als sie geboren wurde, war es ihre Großmutter, die sie anlächelte, die sie auf den Arm nahm und ihr das Meer und den Sand und die Möwen im Wind zeigte. Ihre Mutter ging frühmorgens fort und kam spätabends zurück, um Geld zu verdienen, denn irgendwer, sagte sie, musste das ja tun. Ihr Vater war seltsamerweise an den Wochenenden nie zu Hause.
Spiegelneuronen entwickeln sich innerhalb von zweiundsiebzig Stunden nach der Geburt eines Kindes, hat Addie im Radio gehört, und das Gesicht, das sie spiegelte, war das von Oma Flora.
Ich habe dich lieb; ich habe dich auch lieb.
Ich kenne dich; ich kenne dich auch.
So funktioniert das.
Lächeln; lächeln.
Plappern; plappern.
Lieben; lieben.
Nur funktionierte es nicht so mit ihr und ihrer Mutter, die sich erst sechs Jahre später für die Mutterschaft erwärmte, als Addies Bruder geboren wurde, blond und engelsgleich und ein Junge – eine Miniaturversion ihres Vaters Peter Mimms. Addie sah zu, wie ihr Vater dem Baby ins winzige Gesicht sang und wie ihre Mutter seinen Haarwirbel glatt strich, aber wenn sie sich selbst nervös ans Kinderbett wagte und die warme Schulter des Jungen drückte, fing er an zu wimmern, und ihre Mutter sagte: »Nicht so fest. Das mag er nicht.«
»Wir nennen ihn Sydney!«, sagte ihre Mutter. »Nach dem Ort, wo Onkel Ray wohnt.«
»Ich dachte, er wohnt in Adelaide«, sagte Addie.
Nichts war an seinem Ort geblieben: Die Möbel aus ihrem Zimmer waren ins Zimmer des Babys gewandert, genau wie Pu der Bär von ihrer Mutter und das Flugzeug ihres Vaters, das früher an ihrer Deckenlampe gehangen hatte. Und jetzt war auch noch Onkel Ray umgezogen, weg von Adelaide, von wo er Addie immer Postkarten geschickt hatte.
Addie drückt den Eisengriff herunter, und das Fenster fliegt nach innen auf; wegen des Winds ist es so entworfen. Ihre langen rotbraunen Locken schlagen ihr ins Gesicht und wirbeln hoch.
Addie hat ihre Lemming-Locken von ihrer Mutter geerbt, Martha Lemming, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, Frederick Lemming, der durch und durch ein Fiesling war. Seine Frau Flora Finch Lemming war dagegen ein wahrer Engel. Es ist Opa Freds Schuld, dass Oma Flora tot ist. Opa Fred ist auch tot, und auch daran ist er schuld. Aber – so schlimm es auch ist, das über einen anderen Menschen zu sagen – bei ihm kümmert es niemanden groß.
Der weite Himmel wird von zwei Schlafzimmerfenstern eingerahmt, ihnen gegenüber stehen vier hohe Schränke, einer davon mit offener Tür, die den Blick auf Stoffballen freigibt: Netzstoff und Leinen und Samt und Seide. Auf dem Boden stehen Oma Floras Körbe mit Reststücken, nach Farben sortiert – Blautöne, Rottöne, Grüntöne, dunkle und helle Farben. Addie näht für die Gäste Patchworkdelfine, halbherzig und so gelangweilt, dass sie dabei in einer genervten Trägheit versumpft. Sie würde lieber an dem Hochzeitskleid weiterarbeiten, weil bei Kleidern ihr Talent liegt, das sie von ihrer Großmutter geerbt hat.
Wenn Addie diese Insel verlassen könnte, würde sie nicht dahin zurückgehen, wo sie aufgewachsen ist. Das Haus der Lemmings stand in dem winzigen Dörfchen Beal, mit Blick aufs Wasser und auf den Damm nach Holy Island, aber das nächste Dorf war Braxham, eine halbe Stunde von Seafields entfernt, wohin ihr Vater und Sydney mit dem Schiff unterwegs sind.
Das Einzige, was Addie in Braxham mochte, war Claras Kostümschneiderei, eine alte Kapelle, gerammelt voll mit Abendkleidern aus Satin, mit Militärjacken, Zylindern und Bowlern, Seidenschals und Seidenstrümpfen in Holzschubladen, Stolen und dicken Schals aus Pelz und eigenartigen Gegenständen mit unklarem Zweck – eine ganze Welt bunt gemischter, wundersamer Dinge, in der sie und ihre Großmutter sich stundenlang verlieren konnten.
»Die Welt ist voller Wunder«, sagte ihre Großmutter oft. »Man muss nur richtig hinsehen.«
Aber ihre Mutter sagte, ganz im Gegenteil, alle Wunder ließen sich durch Fortschritte in der Wissenschaft und den menschlichen Verstand erklären.
»Na gut«, antwortete ihre Großmutter ihrer Mutter. »Dann sag mal, wie die Wissenschaft und der menschliche Verstand die Liebe erklären.«
»Was hat dir die Liebe denn gebracht?«, fragte ihre Mutter.
Addie hasste die Liebe, als ihre Großmutter starb. Sie hasste sie! Sie drängte sie tief in ihr Inneres, weit weg von ihrem Herzen, und die Liebe legte sich im Dunkeln ganz eng um die kleine Bohnenpuppe, wie Fruchtwasser, und erstarrte zu Eis.
»Ich helfe dir, dich scheiden zu lassen«, bot Addies Mutter Oma Flora nicht nur einmal an.
»Ich habe ein Versprechen gegeben«, antwortete Oma Flora dann.
Worauf ihre Mutter sagte: »Ein schlechtes Versprechen darf man brechen.«
Ihre Mutter sagte das.
Addie hat ein schlechtes Versprechen gegeben, und sie will – sie muss – es brechen.
***
Sol sitzt im stehenden Wagen hinter dem Lenkrad und starrt geradeaus. Es ist dunkel draußen – er ist seit drei vollen Jahren von Dunkelheit umgeben, gefangen in einem Loch, in dem es nichts gibt, woran er sich festhalten könnte, und niemanden, der ihm heraushilft.
Peggy, denkt er, ich nenne dich Peggy – falls es nicht ungehörig ist, ein Fahrzeug nach einer Toten zu benennen. Er erinnert sich an die Sommer seiner Kindheit, in denen er die Klippe hinter Tante Peggys Garten in Cornwall hinunterkletterte, um mit einem Netz die Gezeitentümpel zu erkunden, von Kopf bis Fuß dopamingeflutet wegen der aufregenden Dinge, die ihn erwarteten. Jetzt fühlt er sich ganz ähnlich.
Es ist fünf Uhr morgens: Er bricht früh auf zu einer langen Fahrt in sein neues Leben. Er hat das scheußliche Gefühl, dass dieses neue Leben nicht lange währen wird, dass ihn irgendeine Katastrophe heimsuchen wird. Keiner von uns kennt die Zukunft, sagt er sich, und vielleicht bleiben wir dadurch bei der Sache.
Er sieht in den Rückspiegel, fährt sich durch die welligen dunklen Haare und genießt den Anblick seines schönen neuen Campingbusses, komplett überholt, hellblau und cremefarben, mit geteiltem Erkerfenster und Aufstelldach, einem Ausziehbett, Schrankfächern aus Teakholz, einem winzigen Kühlschrank, einem Kochfeld, einer einklappbaren Spüle und nagelneuen Vorhängen mit neutralem Seemöwenmuster.
Die Vorhänge seiner Mutter, die noch im Pfarrhaus hängen, sind weniger geschmackvoll: knallbunt, reihenweise Tukane, Eisvögel auf Zweigen und Frida Kahlo mit Papageien auf den Schultern. Fände seine Mutter seinen Campingbus schön oder furchtbar? Würde sie sagen, er sei protzig? Auf eine gewisse Art ist er wahrscheinlich wirklich protzig mit seiner täuschenden Schlichtheit, was heißt, dass er kein Range Rover ist, aber trotzdem ein Vermögen gekostet hat. Sols Vater hat ihm – aus biblischen Gründen – beigebracht, bei schönem Schein misstrauisch zu sein.
Ist es vertretbar, dass er Tante Peggys Geld in dem Campingbus angelegt hat, Geld, das heimlich auf sein Konto geschafft werden musste, ohne dass sein Vater oder seine Schwestern davon wussten?
Sol trinkt einen Schluck Wasser und gibt Lincoln ins Navi ein, und warum auch nicht? Er will die Küste hinaufgondeln, einen Abstecher zu den North Yorkshire Moors machen, dann weiter nach Seafields fahren und dort mit einem Schiff nach Ora übersetzen, um seinem Vater und Bee und dem ganzen Grauen zu entkommen. Tatsächlich auch seinen Schwestern, seinem besten Freund Tim, den anderen Lehrern an der Schule, an der er eine Mutterschaftsvertretung übernommen hatte, den alten Freunden in seinen WhatsApp-Gruppen, deren Nachrichten von ihrem privaten Glück auf seinem Handy landen. Seine eigene Traurigkeit eignet sich weniger für Nachrichten. Er schickt sie anderen Leuten nicht aufs Handy.
Aber heute hat sein Glück Türen und Fenster und einen Motor und eine durchgehende braune Lederbank mit cremefarbenen Paspeln, auf der drei Menschen gesellig nebeneinander sitzen könnten, wenn es zwei Menschen gäbe, die er gern mitnehmen würde. Doch die gab es nicht. Das sitzt immer in seinem Kopf fest, egal, was er sonst noch denkt: die Tatsache, dass er so weit gekommen ist, ohne jemanden zu haben, den er mitnehmen könnte.
Sol lebt so sehr in seinem Verstand, dass er sich manchmal fragt, ob er überhaupt mehr ist als sein Wissen, seine Gedanken, seine Wahrnehmung und seine Ideen. Dadurch fühlt er sich seltsam und substanzlos. Wie ein halber Mensch.
Er nimmt seinen Müsliriegel, isst ihn, fängt mit einer Hand die Krümel auf, bevor er den Schlüssel ins Zündschloss steckt.
Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, denkt er unwillkürlich, voll schlechten Gewissens, wo Motten und Rost sie fressen und wo Diebe einbrechen und stehlen.
Aber, und das ist das Entscheidende, sammelt euch Schätze im Himmel.
Sol kennt die Bibel mehr oder minder auswendig.
Sein Vater hat ihn als Kind unermüdlich abgefragt und getestet, und wie so viele Kinder unvernünftiger Eltern wollte Sol seinen Vater ebenso unermüdlich beeindrucken. Schätze auf Erden gehören zu den Hunderten Grenzen, die sein Vater seinem Leben aufgedrückt hatte, und jede dieser Grenzen markiert eine Klippe, über die er jeden Moment stürzen konnte – in den Abgrund.
Wenn Sols Vater lange Reden schwang, starrte seine Mutter aus dem Fenster, mit einem leisen Lächeln beobachtete sie die Vögel, die in den Garten kamen, um die Samen und Nüsse zu fressen, die sie in Drahtkörbchen für sie bereitstellte, oder die Fettknödel, die an den Bäumen hingen. War er fertig, nahm sie ihr Tagebuch und schrieb still neue Vogelnamen unter das Datum.
Distelfink.
Kleiber.
Grünspecht.
Diese Methode übernahm Sol von ihr, und wenn sein Vater am Küchentisch Predigten hielt, wagte er zwar nicht zu schmunzeln, wie seine Mutter es getan hatte, aber er schaute hinaus zu den Vögeln im Garten und spürte, wie er vor den Worten seines Vaters davonflog wie ein Drachen. Das Problem war, dass er noch so hoch und weit fliegen konnte, sein Vater war immer da und hielt die Schnur. Bis zum Januar dieses Jahres, als sein Vater ihm einen Brief schrieb.
Den Brief.
Sol hat ihn gelesen, tief Luft geholt und die Schnur durchschnitten.
Er stellt die Scheibenwischer auf die höchste Stufe, als Wasser von seinen Reifen aufspritzt.
»Mum«, sagt er laut. »Ich fahre zu dem Gebetshaus auf Ora, in dem du warst, bevor du geheiratet hast.«
Hier ist Addie, drei Tage später, unten am Bird Beach; starrt auf die grauen Wellen, aufgewühlt vom Wind, gepeitscht vom Regen. Die letzten Ausläufer eines Unwetters, das begann, kurz nachdem ihr Vater und Sydney die Insel verlassen hatten. Bevor er die Fähre bestieg, hatte ihr Vater ihrer Mutter gesagt, dass er sie liebe. Ihre Mutter hatte ausgesehen, als hätte ihr jemand gegen den Kopf geschlagen.
Addie befasst sich seit einiger Zeit eingehend mit der Liebe, und man kann ihr nicht trauen. Ihre Eltern lieben sich, aber sie finden keine Möglichkeit, unter einem Dach zusammenzuleben. Ihr Großvater hätte ihre Großmutter lieben sollen, aber von ihm bekam sie nur Prellungen am Gesicht und an den Armen, und am Ende brachte er sie um, wenn auch ungewollt. Ihr Bruder liebte sie nicht, deshalb konnte sie sich nicht überwinden, ihn zu lieben. Liegt es daran, dass der Altersunterschied zu groß ist? Dass ihre Mutter ihn zu sehr wollte? Sind sie schon immer zu unterschiedlich gewesen? Sydney ging zur Schule und hatte Freunde und spielte Fußball. War er zu normal für sie oder sie zu unnormal für ihn?
Ihre Mutter liebt Sydney von ganzem Herzen, aber Sydney liebt sie nicht genug, um bei ihr zu leben oder ihren Nachnamen zu behalten. Nein, er hat seinen Nachnamen vor Kurzem zu Mimms geändert, nach seinem Vater, weshalb Addie überlegt, ihren zu Finch zu ändern, nach ihrer Großmutter. Ihre Mutter hat sich zu Ostern an Sydney gerächt, indem sie ihn Mimsy nannte, was schwächlich bedeutet. Sie backte auch saftige Schokobrownies für ihn, seine Lieblingssorte. Ihn wegstoßen, ihn an sich ziehen – so sieht ihre Liebe aus. Für Addie backt sie nie Brownies. Liebt ihre Mutter sie? Addie glaubt es nicht. Zumindest nicht genug. Zumindest nicht so sehr, wie sie Sydney liebt.
Ihre Mutter provoziert ihren Vater gern, wenn er zu Besuch kommt. Sie provoziert jeden, den sie liebt, was zeigt, dass Liebe gemein und unvorhersehbar sein kann, was man doch eigentlich nicht erwarten würde.
Als ihr Vater zu Ostern herkam, fragte ihre Mutter ihn in ihrem provokanten Tonfall: »Und, wie läuft es mit deinem Upcycling?«
Ihr Vater sagte: »Ich habe ein paar von den Stühlen aus Sesselliftsitzen verkauft.«
Mit einem nicht besonders netten Lachen sagte ihre Mutter: »Die Gondeln nicht?«
Dann stand sie auf und küsste ihn auf die Wange.
Ihr Vater sucht immer nach Möglichkeiten, Geld zu verdienen, aber es fällt ihm schwer, bei einer Sache zu bleiben. Ihre Mutter reibt ihm das gern unter die Nase.
Sydney ist jetzt sechzehn, groß, blond und blauäugig wie sein Vater, aber er hat seine Haare schwarz gefärbt, wodurch er krank aussieht. Sein Gesicht war ausdruckslos, als er ankam, und er wollte ständig nur vor düsteren Computerspielen herumhängen, statt Zeit mit seiner Mutter zu verbringen, die ihn so sehr vermisst, dass sie manchmal nur an sein Gesicht denken muss und schon losweint.
Je genauer man sich die Liebe ansieht, desto weniger versteht man sie. Man kann sagen, dass man sich gar nicht in die Sache verwickeln lassen will, und weiß doch, dass sie einen immer verfolgen wird. Und falls nicht, ist es noch schlimmer.
Hinter Addie scheint die Liebe nicht her zu sein.
Und das, sagt sie sich, ist genau, was sie will.
Ostersonntag verteilte Addies Mutter ein paar Schokoladeneier im Garten, zu Ehren von Oma Flora und/oder der Auferstehung Jesu und/oder des Frühlingsanfangs. Dann ging sie ins Haus. Addie und Sydney sammelten die Eier lustlos ein und legten sie in Oma Floras Korb. Dann fragte Addie ihren Vater, ob sie vielleicht mal die Ferien bei ihm und Sydney in Durham verbringen könne, aber ihr Vater sagte, ihre Mutter würde sie zu dringend hier brauchen.
»Außerdem«, sagte ihr Vater, »hast du Rokesby immer geliebt.«
(Ist es vielleicht einfacher, einen Ort zu lieben als einen Menschen? Wahrscheinlich ja.)
»Ich musste Rokesby lieben«, antwortete sie. »Jemand musste bleiben.«
»Für Sydney war es nicht das Richtige.«
»Was, wenn Rokesby für mich nicht das Richtige ist?«
»Das glaube ich aber schon.«
»Das sollte doch wohl ich beurteilen.«
»Deine Mutter ist deinetwegen hergezogen«, sagte ihr Vater. »Um dir einen Neuanfang zu ermöglich. Nach dem ganzen Mobbing.«
»Dem Mobbing?«, fragte Addie. »Ich war in der Grundschule!«
»Na ja, wie auch immer«, sagte ihr Vater, was häufig seine Art ist, Gespräche zu beenden.
Das Wasser rauscht den Bird Beach herauf, verstreut Tausende Muscheln, lässt Seesterne stranden, wirft Knäuel von glasigen, hoffnungslos verlorenen Quallen auf die schwarzen Felsen. Addie überlegt, ob Robert und Mac wohl am Samstag die Gäste mit ihrem Passagierschiff übersetzen können. Mac ist der Sohn von Robert, dem Bootsführer, und ebenso alt wie Addie, zweiundzwanzig jetzt. Als sie sich in Addies erster Woche auf der Insel unerwartet am Hafen über den Weg liefen, empfand sie eine körperlich schmerzhafte Neugier, aber dieser Schmerz enthielt Hoffnung, Sehnsucht, Verlangen und anderes, das nicht unbedingt einen Namen hat.
Im Radio hat Addie heute Morgen eine Frau gehört, die ihren Körper als Verbündeten bezeichnete, durch den sie sich selbst erlebt und ausdrückt. Addie hat die Ohren gespitzt. Die Frau sagte, ihre Körperteile würden ihr immer etwas zuflüstern. Addies tun das auch. Manchmal brüllen und schreien sie sogar. Die Frau sagte, Körperlichkeit sei ein Weg zu Ganzheitlichkeit. Addie starrt hinaus aufs Meer, genießt den Wind auf ihrem Gesicht und fühlt sich körperlich, aber nicht ganz.
Als sie Mac zum zweiten Mal über den Weg lief, spürte sie wieder diesen seltsamen Schmerz, und er sagte Hallo auf eine Art, die etwas anderes bedeutete, und sie sagte auf dieselbe Art Hallo, und er fragte: »Gehen wir?« Sie gingen, und als Mac ihre Hand nahm und sie seine, lagen darin die Hoffnung und die Sehnsucht und das Verlangen und die anderen ungenannten Dinge.
Addie steht am Strand und sieht zum Hafen hinüber, wo Samstag die Gäste ankommen werden, falls das Wetter sich beruhigt. Sie muss zurückgehen und nähen, solange sie noch die Zeit dazu hat. In den letzten Wochen waren keine Gäste da, um ihnen ein Familienostern zu ermöglichen. Ihr Vater ging angeln, Sydney spielte am Computer, ihre Mutter schlief, Addie kochte und arbeitete weiter an dem Hochzeitskleid. Sie alle suchten Zuflucht, das erkennt sie jetzt, im Angeln und Spielen und Schlafen und Nähen. Weil Liebe die halbe Zeit damit verbringt, vor sich selbst wegzulaufen.
Addie kehrt ins Retreat zurück und geht hinauf in ihr Zimmer, und beim Nähen denkt sie an Stars Schwester, die für dieses Hochzeitskleid so viel bezahlt. Offenbar setzt sie viel Hoffnung in die Liebe.
»Wir würden dich dafür bezahlen«, sagte Star, als sie im Retreat Gast war.
»Mich bezahlen?«, fragte Addie, bevor sie nervös Nein sagte und dann nervös Ja.
Sie weiß, dass sie auf andere nervös wirkt.
Das war eines der Adjektive, mit denen die Menschen, die sie in Braxham kannte, sie beschrieben hätten, neben schüchtern, verschlossen, exzentrisch, distanziert, seltsam. Addie hält es für gut möglich, dass diese Eigenschaften unvermeidlich sind bei Menschen, die von anderen enttäuscht wurden. Wenn ihre Bekannten aus Braxham freundlich gestimmt sind, könnten sie noch hinzufügen, dass Addie frühzeitig ein Talent fürs Schwimmen und künstlerische Dinge und das Nähen bewiesen hat.
Addies Großmutter hat Haute-Couture-Kleider in Paris und London genäht, bevor sie Frederick Lemming heiratete und am Ende Näharbeiten für Clara von Claras Kostümschneiderei in Braxham übernahm, wo sie nicht annähernd genug berechnete, wenn sie Hochzeitskleider änderte oder Taufkleidchen aus antiker Spitze und Ballkleider aus klassischen Seidenstoffen und Samt nähte.
Oma Flora und Addie dachten sich am Küchentisch verrückte Entwürfe für ihre eigene Kleidung aus. Zueinander passende Outfits, dazu Accessoires aus der Wühlkiste bei Claras Kostümschneiderei.
»Eine wie die andere«, sagte Addies Vater.
»Spinner«, sagte Addies Mutter.
Anfangs half Addie ihrer Großmutter, dann legte sie allein los, von Röcken zu Latzkleidern, von Latzkleidern zu Latzhosen, von Latzhosen zu komplizierteren Kleidern und von komplizierteren Kleidern zu Hochzeitskleidern, bis hin zu diesem für Stars Schwester mit eng anliegendem Oberteil und einem Rock, der sich unter dem breiten Bund weitet wie die sich überlagernden Blütenblätter einer umgedrehten Tulpe. Jetzt muss sie den Seidenbolero nähen.
Sie steht auf, um sich zu strecken, und starrt zum schwermütigen Himmel hinauf: so dunkel und aufgewühlt und mit tiefen Wolken über dem Hafen wie bei ihrer ersten Ankunft hier. Während der gesamten Überfahrt machten Addies Vater und Sydney mürrische Gesichter, die noch mürrischer wurden, als sie die Tür zu ihrem neuen Zuhause öffneten, einem vermoderten Hotel (und ehemaligen Kloster), in dem Mäuse Kabel angefressen und in den Schaumstofffüllungen der Sofas Nester gebaut hatten.
Addies Blick wandert am Hafen vorbei, wo die Brücke sein würde, wäre das Wetter nicht so wild. Die Brücke ist ein erhöhter Steinweg über die Felsen hinweg, die Rokesby mit Ora verbinden, zwei Inseln, die tatsächlich zur selben Landmasse gehören. Heute wird die Brücke von wilden grauen Wellen überspült, aber wenn das Meer sich beruhigt, wird sie wieder auftauchen, und es wird sein, als würde man das Gesicht einer alten Freundin wiedersehen.
Nicht, dass sie eine alte Freundin hätte, aber vielleicht hat sie zwei eher neue Freundinnen, abgesehen von Eureka natürlich. Eureka ist zwar kein Mensch, aber auf jeden Fall eine Freundin. Mac ist kein Freund.
Geht man rechts an der Brücke nach Ora vorbei und folgt den Umrissen von Rokesby, kommt man zu Wiesen mit Gänseblümchen und Löwenzahn und Butterblumen und Überresten alter Ruinen im langen Gras, an denen man sich böse die Zehen stoßen kann. Dahinter liegt Penny Cove.
Auf dem höhergelegenen Teil der Insel leben drei Generationen von Rokesby-Familien, die Hulls und die Dempsters, unkonventionell und unverwüstlich und mit frei laufenden Kindern und frei laufenden Tieren – Hühnern und Schweinen und einem Lama, das ständig an unerwarteten Orten auftaucht. Genau wie Opa Dempster, der sämtliche Hemmungen verloren hat. Addies Mutter nennt ihn Opa Demenz, was Addie furchtbar findet. Alle haben ein bisschen Angst vor ihm, aber sie versucht, keine zu haben, weil der wahre Opa Dempster noch in ihm steckt und herauswill. Beide Familien bauen in Folientunneln diverse Gemüsesorten an und legen sie für die Inselbewohner zum Kauf auf aufgebockten Tischen aus. Addie fällt zwischen die Generationen der Hulls und Dempsters und hat unter den Bewohnern von Rokesby keine Freunde gefunden.
Die nördlichen Strände sind von schwerfälligen Robben besetzt, und dahinter, im Nordosten der Insel, liegt eine breite Flussmündung, an der Tausende Watvögel Futter suchen. Geht man weiter, macht der Weg eine Kehre, und man sieht, wie das Meer zwischen die Felssäulen rauscht, auf denen die Vögel brüten, und als spritzende Fontänen über dreißig Meter in die Höhe schießt.
Addie sitzt hier gern auf dem Teppich aus Amsinckia intermedia, orangefarbenen Blumen, die angeblich ein alter Leuchtturmwärter versehentlich übers Hühnerfutter ausgesät hat. Sie sieht den Vögeln zu, die sich für die Paarungssaison vom Wind hertragen lassen – Eissturmvögel, Tordalke, Krähenscharben und Papageientaucher –, und fühlt sich von ihrer Rückkehr getröstet, als wären sie ihre Familie. Familie wie Oma Flora.
Würde sie doch nur auch herfliegen.
Aber das wird sie nicht.
Sie wird nie zurückkommen.
Gegenüber dem halb zerfallenen Leuchtturm steht Bruder Andrews weiße würfelförmige Kapelle auf der Landzunge, und von dort aus gelangt man an die Stelle, von der man aufgebrochen ist, dem Retreat, Addies Zuhause oder zumindest der Ort, an dem sie wohnt. Ihr Zuhause war Stone House in Beal, wo sie gelebt hat, bis sie fünfzehn war, wo das Meer den Rasen heraufschwappte, wo Narzissen rings um die Apfelbäume wuchsen, wo Holy Island am anderen Ende des Damms Wache hielt.
Die dunklen Wolken reißen auf, Regen peitscht diagonal herab, klatscht gegen die roten Steinwände des Hotels und trommelt gegen die Fenster.
***
Sol hat Lincoln verlassen und ist jetzt auf dem Weg nach Bridlington. Er hält an einer Tankstelle an, um zu pinkeln. Danach holt er am Automaten etwas Geld ab, weil der Mönch in Durham sagte, auf Rokesby gebe es ein Lädchen für das Nötigste, aber nichts, wo man mit der Karte zahlen könnte. Zwischen Rokesby und Ora gibt es eine Verbindung, die man bei ruhigem Wetter überqueren kann.
Sol hat alle Vereinbarungen mit dem Mönch in Durham getroffen, weil Bruder Andrew, der in der Eremitage auf Ora lebt, weder Handy noch Computer hat, nur eine Festnetzverbindung für ausgehende Anrufe, zu der er sich hat überreden lassen, falls mal ein Notfall eintreten sollte. Er fühle sich zu einem abgeschiedenen Leben berufen, erklärte der Mönch, und würde die Insel nie verlassen – damit tritt er in die Fußstapfen des heiligen Cuthbert von Lindisfarne, dem angelsächsischen Mönch –, allerdings umfasst seine Berufung auch die Seelsorge für die Bewohner von Rokesby und die Gäste des Gebetshauses auf Ora.
Als Sol die leicht gummiartigen neuen Geldscheine gefaltet in sein Portemonnaie steckt, sagt er sich, das sei ein Neuanfang. Ein Neuanfang, angespornt durch den Brief seines Vaters, der ihn in eine Art existenzielle Krise gestürzt hat. Vielleicht muss erst eine existenzielle Krise kommen, denkt er, damit wir unser Leben ändern. An den Brief will er am liebsten gar nicht denken.
Auf dem Parkplatz sieht Sol auf einem Laternenpfahl einen Eichelhäher, dessen leuchtend blaue Flecken auf den Flügeln ihn aufheitern, weil jedes Lebewesen eine Offenbarung ist. Man kann nicht in den Norfolk Broads aufwachsen, so wie er, und die Welt nicht als schön empfinden. Problematisch sind wirklich nur die Menschen auf der Welt, obwohl sie doch sehr gut sein sollten, wie es in Genesis heißt. Pflanzen und Tiere hingegen sind nur gut.
Pflanzen und Tiere gut, Menschen sehr gut?
Stimmt das?
Solche Gespräche hat Sol gern mit seiner Mutter geführt, aber bei seinem Vater sind sie nicht erlaubt, er fühlt sich schon bei der bloßen Andeutung gestresst, die Bibel könnte in irgendeiner Form verwirrend oder widersprüchlich sein oder zur Diskussion stehen.
Sol verdrängt den Gedanken an seinen Vater, aber dann platzt seine Schwester Leah in seine Gedanken, dicht gefolgt von Rachel – sie sind Zwillinge, und Rachel hängt ständig hinterher. Er fragt sich, wann seinen Schwestern auffallen wird, dass er verschwunden ist.
Leah ist erst vierundzwanzig und opfert sich schon für ihre Zwillingsbabys und ihren älteren Ehemann Alan auf, der kleiner ist als sie und halb kahlköpfig und reich. Rachel sieht an jeder Ecke potenzielle Ehemänner, aber die potenziellen Ehemänner sehen sie nicht. Was in ihren Augen die Tragödie ihres Lebens ist.
Als seine Mutter schwanger wurde, begriff Sol nicht, warum er ihr nicht genügte. Wenig später fand er heraus, dass zwei Mädchen ihm den Platz streitig machen würden. Seine Mutter sagte: »Du kannst mit ihnen spielen«, und: »Bestimmt lieben sie Lego.« Aber als die beiden Babys auf rätselhafte Weise ankamen, bewiesen sie nicht das leiseste Geschick für Lego, schrien immerzu und übergaben sich. Als sie älter wurden, waren Leah und Rachel ständig eng umschlungen, sie zogen Feenkleidchen an und dachten sich Tanzauftritte aus, die ihren Vater bezauberten.
Sie bezauberten ihren Vater immer noch, als sie älter wurden und sich zu Frauen entwickelten, wie ihr Vater sich seine Frau auch gewünscht hätte – häuslich und fügsam.
»Die spirituelle Gabe eurer Mutter ist die Gastfreundlichkeit«, erzählte sein Vater jedem, der zuhörte, sehr froh darüber, dass ihr diese langweilige kleine Gabe zuteilgeworden war, die ihn selbst so gar nicht reizte.
Nur war die Gastfreundlichkeit nicht ihre Gabe, und am Ende wurde sie davon befreit, weil sie sich nur noch mit Mühe bewegen konnte. Die Frauen aus ihrer Gebetsgruppe kamen, räumten den Wintergarten auf (in dem sie jahrelang die Badmintonnetze und das aufblasbare Planschbecken aufbewahrt hatten) und verwandelten ihn in ein ebenerdiges Schlafzimmer. Jede der Frauen nähte für seine Mutter ein Kissen mit Vogelmotiv – Stare und Störche und Schwäne –, dann wurden die Kissen verteilt, jedes intensiv begutachtet, nach links verschoben, nach rechts, bis die Frauen mit der Aufteilung rundum zufrieden waren.
Sols Mutter lag neben ihm, die Füße auf seinem Schoß, während er die Übungshefte seiner Schülerinnen und Schüler korrigierte. Es war, als hätte ihre Krankheit alle Nebensächlichkeiten vertrieben, und er empfand eine tiefe Freude, die er danach nie wieder verspürt hat.
Nachdem sie erkrankt war, rief ihr Vater ständig nach Leah und Rachel und bat sie darum, herunterzukommen und schnell ein leichtes Mittagessen zu machen oder eine Tasse Tee zu kochen oder einen Kuchen für seine Mitarbeiterbesprechung zu backen. Als Sol eines Tages beschloss, nach einem Rezept seiner Mutter Cupcakes zu machen, um sie aufzumuntern, schien seinen Vater dieses Versagen seiner Männlichkeit schmerzlich zu treffen.
Sol brachte seiner Mutter einen Cupcake in ihren Wintergarten, fand ihn aber später hinter einer Vase, nur einmal angebissen, weil sie den Appetit verloren hatte und es nicht über sich brachte, es ihm zu sagen. Als er die Abdrücke ihrer Zähne in der Glasur sah, musste er an ihren Schädel unter der Haut denken. Er will immer noch nicht an ihren Schädel oder ihre Rippen oder ihre Hüftknochen denken, weil Knochen keinen Menschen ausmachen, deshalb besucht er auch nie ihr Grab auf dem Friedhof seines Vaters. Er backt lieber etwas aus ihren Rezeptbüchern, weil er sie so immer noch riechen kann.
Leah hat ihm gesagt, sie sollten täglich beten, dass ihr Vater sich wieder verliebt und eine andere Frau findet, weil das Alleinleben für einen Vikar sehr einsam wäre.
Also tat Sol, was sie wollte.
Er hat sich immer bemüht, zu tun, was von ihm verlangt wurde.
Es hat ihn fast umgebracht.
Als Addie cremefarbenes Baumwollgarn einfädelt, fragt sie sich, ob Liebe für Erwachsene jemals so funktioniert, wie es für sie und Oma Flora war. Sie hofft, dass es für Stars Schwester und den Menschen, den sie heiratet, so sein wird, und näht diesen inständigen Wunsch in den Ärmel ein.
»Warum hast du Daddy nicht geheiratet?«, fragte Addie ihre Mutter kurz nach Sydneys Geburt.
»Er hat mich nie gefragt«, sagte sie.
»Wo geht Daddy hin?«, fragte sie jeden Samstagmorgen, Woche um Woche um Woche, bis ihre Mutter entnervt antwortete: »Das sagen wir dir, wenn du erwachsen bist.«
Addie schrieb es auf ein Blatt Papier, bat ihre Eltern, es zu unterschreiben, und als sie an ihrem achtzehnten Geburtstag in Rokesby mit ihren Eltern zu Abend aß, während Sydney lieber fernsah, holte sie beim Nachtisch das Blatt hervor.
Ihr Vater holte tief Luft.
»Ich war verheiratet«, sagte er.
»Du bist verheiratet«, sagte ihre Mutter, ihr Löffel, von dem Sahne tropfte, in der Schwebe erstarrt.
»Meine Frau …«, setzte ihr Vater an.
Seine Frau?
Hatte ihr Vater eine Frau, die nicht ihre Mutter war?
»Meine Frau Pattie hatte einen furchtbaren Autounfall«, sagte ihr Vater. »Sie ist in einem anhaltend vegetativen Zustand – einer Art Koma.«
Addie bekam kein Wort heraus.
»Technisch gesehen bin ich noch mit ihr verheiratet«, sagte ihr Vater. »Aber du verstehst bestimmt …«
Er brachte den Satz nicht zu Ende.
»Pattie merkt es wahrscheinlich nicht, wenn ich da bin, aber ich finde, ich sollte trotzdem zumindest einen Teil der Woche bei ihr sein«, sagte ihr Vater. »Das habe ich deiner Mum nie verschwiegen.«
»Deshalb gab es für mich keine Hochzeit ganz in Weiß«, sagte ihre Mutter. »Ich träume immer noch von einem Hochzeitskleid mit ganz vielen Lagen Tüll, wie eine Ballerina.«
Wie eine Ballerina? Das hätte Addie nicht erwartet. Ihr Vater war verheiratet? Das hätte Addie auf keinen Fall erwartet. Wie seltsam und grausam die Liebe sein konnte. Aus lauter Schreck fing Addie an, den Tisch abzuräumen, und wenig später gingen alle ins Bett, während der Champagner, mit dem sie auf ihren achtzehnten Geburtstag hatten anstoßen wollen, ungeöffnet auf der Anrichte stand.
Jetzt wusste sie es also: Ihre Mutter konnte ihren Vater nicht in Bruder Andrews Zuckerwürfelkapelle am Ende der Landzunge heiraten, auch wenn sie immer geglaubt hatte, es könnte ihnen als Familie weiterhelfen.
Das Leben ihrer Mutter war nicht gerade nach Plan verlaufen, sagt Addie sich, als sie das Hochzeitskleid für Stars Schwester näht, und wahrscheinlich ist sie deshalb so schwierig. Man sollte meinen, wenn man einen so schwierigen Elternteil hat, würde man alles versuchen, um nicht selbst so zu sein, aber vielleicht ist das schwieriger, als es aussieht.
***
Sol fährt über die verregnete A1, die lange, gerade graue Straße hypnotisiert ihn. Er hält an einer Tankstelle, um neues Wasser zu holen, und sein Handy klingelt. Es ist seine Schwester Leah. Schon wieder.
»Rufst du mich mal bitte zurück?«, spricht sie verärgert auf seine Mailbox.
Sol wird sie nicht zurückrufen.
Leah hat auch im Januar angerufen, am Tag, nachdem der Brief seines Vaters angekommen war.
»Gott macht keine Fehler, Solomon«, sagte sie. »Das weißt du.«
»Es war nicht Gott, der den Fehler gemacht hat«, entgegnete Sol.
»Wir müssen unseren Vater ehren«, sagte Leah.
Seitdem haben er und Leah nicht mehr miteinander gesprochen, was Sol ganz recht ist.
Er wird sein Handy im Campingbus lassen, wenn er nach Ora geht (eine willkommene Auflage der Einsiedelei), und sollten seine Schwestern Tim aufstöbern, wird er ihnen sagen, Sol sei auf den griechischen Inseln, um Frauen kennenzulernen und Ouzo zu trinken (das hat Sol ihm erzählt und dabei versucht, weltgewandter zu wirken, als er ist), und sie werden so entsetzt sein, dass sie sich nicht weiter die Mühe machen werden, ihn zu suchen.
Er lacht laut und spürt, wie ein schlechtes Gewissen in ihm aufsteigt, als er, in der rechten Hand sein Schinkensandwich, mit der linken in seiner Tasche nach der grünen Feder seiner Mutter tastet. Vom vielen Berühren sind die Federäste verklumpt.
Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
Der Lieblingsvers seiner Mutter. Während ihrer Krankheit las Sol den Psalm 91 laut vor, wieder und wieder, um Gott daran zu erinnern, seine Mutter zu retten und zu beschützen und sie mit einem langen Leben zu sättigen, wie die Verse es versprachen.
An der Tankstelle kauft Sol schuldbewusst drei kleine Flaschen Wasser, weil er seine Trinkflasche nirgends auffüllen kann und er eine absurde Angst davor hat, Durst leiden zu müssen. Dazu kauft er eine große rote Dose mit gemischten Keksen, weil sie im Angebot ist und seine Mutter genau diese Kekse auch immer gekauft hat. Wenn er die Dose ansieht, spürt er ein komisches Kribbeln in sich.
Als das Mädchen an der Kasse ihm den Kartenleser entgegenstreckt, hält er seine Debitkarte daran und bemerkt den leichten Flaum dunkler Haare auf ihrer Oberlippe. Er denkt an seine schlaksigen Beine und seinen hohlen Bauch. Er hat immer das Gefühl, er sollte kräftiger und muskulöser sein, aber er hat nie genug Interesse oder Selbstvertrauen aufgebracht, um ins Fitnessstudio zu gehen.
Sechsundzwanzig ist zu spät, um mit dem Fitnessstudio anzufangen. Es ist auch zu spät für andere Dinge, die er noch nie getan hat – vor allem zwei spezielle –, aber an sie will er jetzt auch nicht denken.
Das Mädchen an der Kasse hat schöne grüne Augen.
Er würde es ihr gern sagen.
Aber aus einer ganzen Reihe von Gründen tut er es nicht.
***
Addies Mutter klopft an ihre Tür und streckt gleichzeitig den Kopf in ihr Zimmer – eine Angewohnheit, die Addie auf die Palme treibt.
»Sind die Delfine fertig?«, fragte sie ohne ein Lächeln.
»Fast.« Addie legt den Ärmel, an dem sie näht, aus der Hand.
»Warum arbeitest du daran?«, fragt ihre Mutter. »Wenn die Delfine noch nicht fertig sind?«
»Weil«, sagt Addie, blickt auf und dehnt die schmerzenden Schultern, »ich dafür bezahlt werde.«
»Die Tyrannei des Geldes.«
Ihre Mutter erinnert sie gern daran, dass sie Addie vor dem kapitalistischen System bewahrt hat, dieser Falle, in der Kinder zu geldscheffelnden Erwachsenen herangezogen werden, die mit dem Zug zu ihren Büros pendeln, für die Hypotheken ihrer dürftigen Wohnungen sparen und sich aufopfern, um ihre Kinder zu versorgen, die sie nie zu sehen bekommen.
»Ich habe dich befreit«, sagt sie oft.
Addie war immer dankbar dafür, dass sie nie eine Prüfung oder ein Bewerbungsgespräch bestehen musste, um in der Welt Fuß zu fassen, aber jetzt fragt sie sich, wie dankbar sie eigentlich sein sollte, weil sie nämlich kein bisschen Fuß fasst in der Welt. Sie ist überhaupt nicht Teil der Welt, und ist das dann wirklich Freiheit oder nicht eher eine Art Gefangenschaft? Sie überlegt, ob sie je mutig genug sein wird, ihrer Mutter das zu sagen. Sie überlegt auch, ob es andere Mütter gibt, die ihre Kinder ebenfalls gefangen halten, vielleicht auf andere Art.
Ihre Mutter starrt wieder finster das Kleid an, als befürchtete sie, es könnte von Addies Schoß aufspringen und sich auf sie stürzen.
»Diese Star!«, sagt sie leicht abfällig. »Ich fasse es nicht, dass sie dich dazu gekriegt hat, für ihre Schwester ein Kleid zu nähen.«
Addie hat möglicherweise eine Freundin und eine sinnvolle Aufgabe auf dem Festland, und das, erkennt sie, ist eine Bedrohung für ihre Mutter, die sie hier haben will, in einer Illusion des Miteinanders. Die will, dass im Retreat alles funktioniert, ohne sich selbst zu sehr mit Arbeit belasten zu müssen, mit Aufgaben, auf die sie keine Lust hat.
Es hat mal einen Gast gegeben, der Addie lieber mochte als ihre Mutter; eine Vogelbeobachterin aus Alnwick, die Robyn hieß, fast wie der englische Name des Rotkehlchens: robin. Robyn, die Vogelbeobachterin, war still und belesen und pessimistisch, was die Zukunft betraf (ihre eigene und auch die der Welt). Sie hatte grün gefärbte Haare und die Arme voller Tattoos ihrer Lieblingsvögel.
»Die zweitausend Pfund war es nicht wert«, sagte sie, bevor sie die Insel verließ.
Addie versuchte, mit ihrem Blick gleichzeitig Bedauern und Selbstbewusstsein auszudrücken (eine schwierige Kombination), dabei war sie entsetzt über den Preis: zweitausend Pfund für eine Woche. Als Addie ihre Mutter danach fragte, bekam sie zur Antwort, das Retreat sei vertrauenerweckend teuer.
Beim Abschied gab Robyn Addie ihre Adresse und Telefonnummer und sagte trübsinnig: »Du weißt, wo du mich findest.« Sie schickt Weihnachtskarten. Addie schickt Karten zurück.
Ihre Mutter hält Robyn für eine Langweilerin und sieht sich von ihr in keiner Weise bedroht. Star dagegen mit ihren strahlend blauen Augen und ihrem langen, silbernen, geflochtenen Zopf, Star, die die Welt bereist und zu ihrem Ferienhaus in Norfolk fliegt, mit eigenem Privatsee – bei ihr sieht die Sache ganz anders aus. Star, die Schwimmerin, die professionelle Meerjungfrau, ein fabelhafter Beruf, von dem Addie vorher nicht geahnt hat, dass es ihn gibt, die Wettbewerbe gewann und in großen Aquarien auftrat und bei Promipartys in Hollywood und in Blockbustern wie Underwater.
Als Star nach Rokesby kam, lauteten die ersten Worte, die sie an Addie richtete: »Geht es dir gut?«
Addie sagte Ja, aber die Kraft dieser Frage ging ihr nicht aus dem Kopf.
Star brachte Addie das Schwimmen mit der Monoflosse bei, was ihre Mutter zu ärgern schien. Sie sagte Addie, sie sei außerordentlich talentiert und könne ihre beachtliche Gabe nutzen, um an Wettbewerben teilzunehmen. Sie könne Addie in die Meerjungfrauenwelt einführen, wenn sie nur die Insel verlassen würde.
Die Insel verlassen?
Addie lernte Stars Telefonnummer auf der Stelle auswendig.
»Verstehst du, was ich meine?«, fragte Star. »Du musst nicht in Dependenz von deiner Mutter leben.«
Bämm!
Spürte ihre Mutter den Verrat?
Und was für ein Wort!
Ein neues Wort.
Dependenz.
Es gefiel Addie auf Anhieb, auch wenn es für sie wahrscheinlich zu hochgestochen war. Wörter haben sie schon immer nervös gemacht, und Gespräche beendet sie schnell.
Addie ist nicht lange zur Schule gegangen. Sie kam dort an mit Söckchen, auf die Bienen gestickt waren, und einem Latzkleid im Patchworkmuster, das ihre Großmutter aus Resten alter Gardinen genäht hatte, und im Klassenzimmer leckte sie ihre Handrücken ab, um sich mit dem Geschmack von Salz zu trösten. Sie hatte sich im Meer, das bis zum Garten ihres Elternhauses hinaufschwappte, bei Flut sogar recht hoch, selbst das Schwimmen beigebracht, und das Wasser war ihre Leidenschaft und ihr Trost.
In der Pause drängten Dylan und Lorna sie auf dem Spielplatz in eine Ecke und verlangten, sie solle ihr eigenes Gesicht ablecken. Die restliche Klasse sah zu, als Dylan sagte: »Leck dein linkes Auge, du Psycho«, und Lorna: »Jetzt dein rechtes Nasenloch.«
Als ihre Mutter sie zwei Jahre später aus der Schule nahm, tauchten Dylan und Lorna regelmäßig beim Haus der Lemmings auf und schoben Zettel unter der Tür durch, die an Psycho, Psycho-Haus adressiert waren, weil die beiden, wie Addie begriff, nur rundum glücklich waren, wenn es jemanden gab, den sie hassen konnten. Sie versprach ihrer Großmutter, dass sie nicht zurückhassen würde. Nicht einmal ihren Großvater würde sie hassen, sondern versuchen, ihn zu verstehen, was jedoch im Grunde bedeutet, dass sie konsequenterweise auch ihre Mutter nicht hassen darf, nicht einmal an Tagen, an denen sie gehässig und hassenswert ist.
»Aber«, sagt Addie zu ihrer Mutter, ohne zu wissen, ob sie sich weitertraut.
»Aber«, wiederholt sie.
»Aber was?«
»Dich selbst hast du nicht von der Tyrannei des Geldes befreit, Mum.«
»Das Retreat macht uns davon frei«, sagt ihre Mutter. »Und ich bezahle alles, was du brauchst.«
Das stimmt.
»Würdest du bitte die Delfine fertig nähen?«, fragt ihre Mutter.
»Meinst du wirklich, das muss sein?« Addie hört das Zittern in ihrer Stimme. »Sind sie nicht ein bisschen albern? Meinst du nicht, die Frauen werfen sie in den Müll, wenn sie nach Hause kommen?«
»Rokesby ist berühmt für seine Delfine«, sagt ihre Mutter. »Du hast so ein gutes Händchen für sie, und solche kleinen persönlichen Noten machen wirklich etwas aus.«
Sie lässt nicht mit sich diskutieren. Das kennt Addie.
»Wir sind wirklich ein tolles Team«, sagt ihre Mutter.
Und so teilt sich ihre Teamarbeit auf: Addies Mutter übernimmt den Computer, wobei sie seufzt und so tut, als sei es die schwerste Arbeit der Welt, ein paar Mails zu verschicken und die Belegungsdaten in ihre Tabelle einzutragen. Sie hält Motivationsreden darüber, wie man sein Leben voll auskostet, und ornithologische Vorträge und bietet Lebensberatung und Yoga an, falls die Gäste es wollen, alles stundenweise zu zahlen. Addie macht alles andere: Sie kocht und putzt und kauft online neue Vorräte und leitet Vogelführungen und Kunst- und Nähkurse, die kostenlos angeboten werden.
Ihre Mutter verlässt ihr Zimmer. Addie steht auf, der Boden scheint zu schwanken. Sie wusste nicht, dass einem Menschen aus lauter Einsamkeit schwindlig werden kann, und sie fragt sich, ob ihr Körper ihr zuflüstert (wie die Frau im Radio es formuliert hat), dass es an der Zeit ist, die Insel zu verlassen. Es tatsächlich zu tun.
Sie kann sich nicht dazu überwinden, weitere Delfine zu nähen.
Mit beiden Händen streicht sie über die Meerjungfrauenschwänze, die Star ihr geschickt hat. Sie hängen an einer Stange rechts neben der Zimmertür: Schläuche, die ihren Unterkörper von der Taille bis zu den Knöcheln bedecken. An den Füßen verbreitert sich der Schwanz zu einer Monoflosse, die für den nötigen Antrieb beim Schwimmen sorgt. Addie hat Meerjungfrauenschwänze aus Neopren (robust und praktisch), aus Silikon und Neopren (kratzig), Silikonkautschuk (langlebig, schwer außerhalb des Wassers, verleiht im Wasser aber hilfreichen Auftrieb) und aus ihrem absoluten Lieblingsmaterial, einer Mischung aus Polyurethan und Latex.
***
Als Sol an der Tankstelle losfährt, wütet der Regen so heftig gegen seine Windschutzscheibe, dass seine kleinen Scheibenwischer nicht mehr dagegen ankommen, und er wird immer langsamer, weil er kaum noch etwas erkennt. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, greift er mit der linken Hand nach der roten Keksdose, zieht das Klebeband ab und drückt den Deckel hoch. Er fragt sich, ob er die Kekse unterscheiden kann, ohne hinzusehen.
Rosa Waffelkekse – die zweitliebste Sorte seiner Mutter.
Er mag sie nicht besonders.
Sie schmecken nach Sägemehl.
Beim Essen fallen Waffelkrümel in sein Shirt und nisten sich in seinen Brusthaaren ein. Sol erinnert sich, dass ihm die ersten Brusthaare in Cambridge gewachsen sind, nachdem sich in den Jahren zuvor beinahe überall sonst Haare gezeigt hatten. Sein Vater hat ihn vor körperlichen Veränderungen gewarnt, solange Sol denken kann.
»Von jetzt an wirst du lange Hosen tragen«, sagte sein Vater am Abend, bevor Sols letztes Jahr an der privaten Grundschule begann. »Die Pubertät könnte jeden Moment eintreten.«
Wie eine Art hormonelles Erdbeben, sinnierte Sol, das die Genitalien so sehr vergrößerte, dass sie nicht mehr in die Schulshorts passten. Jedes Mal, wenn er pinkeln ging, begutachtete er besorgt, was sich dort unten tat.
Ein paar Jahre nach der Phase der körperlichen Veränderungen begann sein Vater, über sexuelle Erregung zu sprechen, und erklärte Sol, wenn Jungen die Körper von Mädchen sähen, würde es sie erregen, ob sie es wollten oder nicht, aber wenn Mädchen die Körper von Jungen sähen, errege es sie kein bisschen. Sol nahm es den Mädchen zwar nicht übel, aber die Situation schien ihm doch nicht ideal zu sein. Mädchen, sagte sein Vater ihm, seien erregt, wenn sie ein hübsches Haus herrichten konnten, mit schönen Blumen und Kissen.
In Cambridge waren alle, ob Jungen oder Mädchen, von absolut allem sexuell erregt, zumindest kam es Sol so vor. Während er wie verrückt in der Bibliothek lernte und es tunlichst vermied, sexuell erregt zu werden, spross aus der Haarlinie, die sich senkrecht aus dem Bund seiner Shorts hervorschob, üppiges dunkles Haar zwischen seinen Brustwarzen in einer Form, die an eine Palme erinnerte und sich bis heute gehalten hat. Er fand, idealerweise sollten zwischen den einzelnen Wedeln mehr Haare wachsen, sie sollten gleichmäßiger verteilt sein, wie auf Pierce Brosnans Brust, als er James Bond war.
Er entschuldigt sich bei Gott für seine seltsamen und belanglosen Gedanken, dann überlegt er, ob es Frauen heutzutage immer noch gefällt, wenn eine Männerbrust haarig ist, und entschuldigt sich noch einmal bei Gott. Er streckt die Hand nach der roten Dose aus. Mmh, Bourbon, denkt er, als er den Doppelkeks ertastet. Die Lieblingssorte seiner Mutter.
Er erinnert sich, wie sie in der Kirche Kekse auf die hellgrünen Teller gelegt hat, hinter dem aufgebockten Tisch in der hinteren Ecke, neben dem Teespender, jeden Sonntagmorgen, und durch das Buntglasfenster mit der Kreuzigungsszene blickte, irgendwo anders hin.
Wohin, fragt er sich jetzt, während immer noch Regen auf den Bus niederprasselt.
Wohin sah seine Mutter?
Er wünschte, er könnte seine Mutter mitnehmen nach Ora, das sie nur einmal besucht hat. Sie ging dorthin, um zu entscheiden, ob sie seinen Vater heiraten sollte.
»Ora ist ein dünner Ort«, sagte sie zu Sol.
»Ein dünner Ort?«, fragte er.
»Ein Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren«, sagte seine Mutter. »An dem sich der Schleier hebt und alles heilig und göttlich und glorreich erscheint. Der Himmel, die Felsen, die Vögel, sogar wir. Alles wird berührt, auch wir, und nichts scheint voneinander getrennt zu sein. Nicht einmal Gott. Miss Turners Insel im Hickling Broad ist auch ein dünner Ort. Spürst du es nicht, wenn wir dort sind?«
»Könnte sein«, sagte Sol. »So habe ich nie darüber nachgedacht.«
»Eine winzige Halbinsel im Osten Kretas, die ich nach dem Tod meiner Mutter einmal besucht habe, ist auch ein dünner Ort, genau wie ein kleiner Strand im Norden Mallorcas, wo man Gottes Gnade im türkisfarbenen Wasser erkennt. Und Tromsø in Norwegen, aber da war ich nie. Und jetzt werde ich auch nie hinkommen.«
***
Addie empfindet die lange Woche mit einer neuen Gruppe von Gästen, die sich vor ihr erstreckt, als Strafe. Menschen sind anstrengend. Addie hat sich nie richtig an sie gewöhnt, das ist das Problem. Die einzige Ausnahme war Oma Flora, mit der sie jeden Tag rund um die Uhr zusammen sein konnte, ohne je müde zu werden. Wie passiert so etwas? Wie findet man einen Menschen, bei dem man nicht ermüdet?
Vielleicht ist das wahre Liebe: sich bei jemandem nicht müde zu fühlen. Und vielleicht auch, ein wenig seiner Autonomie aufzugeben und das Leben ohne sie schöner zu finden. Oma Flora hatte in Stone House keine andere Wahl, als sich jeden Tag um Addie zu kümmern, aber sie gab ihr nie das Gefühl, es wäre Aufwand oder eine Belastung. Ganz im Gegenteil.
Addies Mutter erzählt gern die Geschichte von dem großen Mann mit dem blonden Bart, der bei Stone House anklopfte und fragte, ob es ein Café sei, herausfand, dass es das nicht war, aber die unfertigen Holztische bemerkte, an denen Opa Fred sich als Schreiner versucht hatte. Der Mann mit dem blonden Bart fragte, so die Geschichte: »Ich nehme an, eine Tasse Tee käme nicht infrage?« Oma Flora sagte: »Wollen Sie nicht hereinkommen?« Also nahm er die Einladung an. Er war unterwegs nach Holy Island, hatte aber nicht auf die Gezeitentabelle geachtet. Es herrschte Flut, der Damm war überspült, und weil der Mann per Anhalter reiste, war er gestrandet.
Ihre Mutter erzählt die Geschichte beinahe wie einen Witz und sagt lachend: »Er blieb Tage und dann Wochen, und das Ergebnis, Adelaide Mary, warst du. Ha ha ha ha.« Es klingt, als sei Addies Existenz heikel, das unerwünschte Resultat von einer Flut und unerwartetem Sex.
Ihre Mutter bekam Addie kaum zu Gesicht. Sie arbeitete in Vollzeit in der Verwaltung des Krankenhauses, samstags putzte sie, an zwei Abenden der Woche versorgte sie einen alten Mann und ging an drei oder vier Abenden in die Bibliothek, um zu lernen und etwas aus sich zu machen. Sie belegte Kurse, las Philosophen und Selbsthilfebücher und plante, Life-Coach zu werden.
Addie bewundert ihre Mutter für die Opfer, die sie brachte, um die Familie über Wasser zu halten. Sie folgte ihren Freundinnen nicht an die Uni oder zu Jobs in aufregenden Städten. Nein, sie blieb in Stone House bei ihrer Mutter. Und deshalb bemüht Addie sich nach Kräften, es ihr zu vergelten, seit sie hergezogen sind, aber ganz sicher liebt Addie sie nicht so, wie man eine Mutter lieben sollte, und das ist gut, sagt sie sich, weil die Liebe einen schwach macht.
Lustlos stopft sie den neunten Delfin aus, und als er fertig ist, wölbt er sich nicht stark genug, und sein Lächeln aus schwarzem Garn wirkt trübsinnig schief. Sie stellt ihn niedergeschlagen neben die acht halbwegs hübschen Delfine. Einen muss sie noch machen, dabei würde sie viel lieber schwimmen gehen.
Nachdem Star ihr zum ersten Mal in den Meerjungfrauenschwanz geholfen hatte, machten sie sich auf die Suche nach Oktopussen. Sie fanden keinen, aber als Star abgereist war, recherchierte Addie online bis in die Nacht, machte am nächsten Tag die ersten möglichen Unterschlüpfe aus – große Steine, verborgen im Seetang, mit Platz darunter – und tauchte jeden Tag, manchmal zweimal, verlor sich zwischen den Bändern der Kelpwälder, besuchte sie wieder und wieder, bis sie endlich die eingerollte Spitze eines Tentakels sah.
Eureka!
Addie fertigte eine Karte der Gegend an und lernte den Weg durch den nebligen Wald kennen: die wandelbaren Formen der Sandaalschwärme, den Regenbogen der bunten Meeresnacktschnecken, die sich biegenden Seesterne, die weißen Seenelken, vergrabene Arme, die mit Haaren statt mit Händen winken, die tote Meerhand, die ihre flauschigen Korallenfinger über Eurekas Höhle streckt, die Schlangensterne, die vor dem Eingang der Höhle liegen wie achtlos fallen gelassene Meerjungfrauenarmbänder aus Diamanten.
Addie kehrte wieder und wieder und wieder zurück. An manchen Tagen war Eureka zu Hause und rollte den Arm, der ihr am nächsten war, leicht ein, sei es als Gruß, aus Angst oder als Zurückweisung – Addie wusste es nicht. An manchen Tagen war Eureka zur Jagd unterwegs. Trotzdem kehrte Addie zurück, versteckte sich im Seetang, versuchte, den Kontakt zu ihr aufzunehmen, und dann, eines Tages, hob Addie ein schleimiges Algenblatt an und blickte in Eurekas knollige, wissende Cephalopodenaugen.
Addie schwebte im Wasser, so reglos, wie sie konnte, und da waren sie, zwei Wesen von Angesicht zu Angesicht, Schwanz und Tentakel waagerecht hinter sich, beinahe symmetrisch. Der Augenblick ließ sie schaudern: Sie war nicht mehr ganz so allein auf der Welt.
Sie musste atmen, also schwamm sie langsam ein Stück zurück und stieg an die Oberfläche auf. Als sie zurückkam, sauste Eureka davon, mit dem Kopf voraus, von acht Armen angetrieben, und Addie folgte ihr, sah, wie sie sich in ihrer Höhle vergrub, wie ihr blasser Körper dunkler wurde, um sich dem Stein anzugleichen. Eureka schob ihren Kopf heraus und blinzelte Addie an, wie eine Einladung, sie wieder zu besuchen.
Wenn Addie Eureka nicht sieht, vermisst sie ihr wunderschönes, unmögliches Gesicht.
Nein, nicht nur ihr Gesicht, alles an ihr: ihren Mantel und ihren Schnabel und ihren sackartigen Kopf und ihre wirbelnden Arme.
***
Sol fährt an einem braunen Straßenschild mit der Aufschrift KÜSTEUNDFREIZEIT vorbei und erinnert sich daran, wie er mit seiner Mutter den Freizeitpark in der Nähe von Wroxham besuchte, mit dem Auto nur eine Viertelstunde vom Pfarrhaus entfernt am Fluss Bure. Sie betraten ihn durch ein Metalltor unter einer rot blinkenden Leuchtreklame und gingen auf die spiralförmige Helter-Skelter-Rutsche und das Karussell und den Autoscooter und versuchten ihr Glück bei den Münzschiebern mit Zwei- und Zehn-Pence-Stücken und diesen Greifautomaten, die nie das Spielzeug griffen, das man haben wollte. Nachdem er sein Geld ausgegeben hatte, überquerten sie eine Lichtung und kamen erstaunlicherweise beim Fluss raus, an einer Stelle, die niemand kannte, wo Tommie, der Vogelwart, in einem Wohnwagen lebte, und an diesem Ort sah Sol zum ersten Mal eine Mandarinente: roter Schnabel, Irokesenschopf, ein geschwungener weißer Streifen über dem Auge, dunkelviolette Brust, rötliche Flanken, orangefarbene »Segel«. Sol wich verblüfft zurück, so tief hatte ihn die erstaunliche Schönheit der Ente getroffen.
In seinen Gedanken erscheint ihm das Flussufer wie ein Traum, voller Sonnenschein und Farben, und manchmal fragt er sich, ob es überhaupt je existiert hat.
Als Sol am Straßenschild für Seafields vorbeikommt, der Name begleitet von zwei abstrakten Wasservögeln, weiß und mit langem Hals, denkt er unwillkürlich an die beiden Schwäne, die sanft vor den Glastüren des Wintergartens im Pfarrhaus vorbeischwammen, sich einander zuwandten, die Hälse zu einem Herzen bogen.
»Echt kitschig, oder?«, sagte seine Mutter einmal. »Aber irgendwie wirkt es nur auf Fotos kitschig.«
»Das finde ich seltsam«, sagte Sol.
»Vielleicht liegt es daran, dass man das Leben leben sollte und nicht aufnehmen«, sagte seine Mutter. »Saug es in dich auf, Sol.«
»Was soll ich aufsaugen?«
»Das Leben. Koste es aus. Liebe richtig«, sagte sie.
Er weiß immer noch nicht recht, wie er das anstellen soll.
»Wenn wir keine Liebe in uns tragen, wenn wir sterben«, erklärte seine Mutter ihm, als sie starb, »bleibt nichts von uns übrig. Genau das ist nämlich der Himmel. Er filtert alles heraus, das nicht Liebe ist.«
Er hatte sich immer gefragt, wie der Himmel wohl sein mochte, und gefürchtet, er könnte ein endloser Gottesdienst sein, bei dem sein Vater mit seiner Angeberstimme von einer goldenen Kanzel herabpredigte.
»Federn und Flügel, das ist der Himmel. Traumhaft sanft«, sagte seine Mutter, und ihre leise Stimme war kaum zu hören.
Mit großer Mühe griff sie in die Tasche ihres Bademantels, dann streckte sie ihren hageren Arm aus, und schräg auf ihrer trockenen Handfläche lag die grüne Feder einer Eiderente.
»Behalte sie, Sol.«
»Woher kommt sie?«
»Von der Insel Ora. Besuch sie, wenn du kannst.«
Dann zog sie aus ihrer anderen Tasche ein zusammengefaltetes Blatt Papier und gab es ihm: Es war ihre Liste dünner Orte.
Am nächsten Tag war etwas anders, und er wusste, dass ihre Liebe ihn verließ. Er spürte, wie sich die Temperatur veränderte, und es dämmerte, die Sonne stürzte vom Himmel. Er fiel auf die Knie und betete um ein Wunder. Sein ganzes Leben lang betete er schon um Wunder, aber sie schienen ihm nie zu widerfahren, nur seinem Vater und seinen Schwestern, deren Leben davon prallvoll waren.
Er drückte seine Wange an die tote Wange seiner Mutter und hatte das Gefühl, er würde mit ihr verschmelzen, und vielleicht würde das endlich sein Wunder sein, mit ihr in diese himmlische Stadt einzuziehen mit dem breiten Fluss und den Bäumen, die jeden Monat Früchte trugen. Aber dann kamen sein Vater und seine Schwestern herein, und sein Vater befahl ihm, sofort aufzustehen, und gab Anweisungen, wie er sich fühlen und wie er reagieren sollte, und er sagte, es gebe keinen Grund zu weinen, weil Gott den Tod für alle Zeiten verschlingen würde.
Zur rechten Zeit.
Aber noch nicht jetzt, wie es schien.
Bei der Beerdigung seiner Mutter las Sol aus dem ersten Brief an die Korinther, Kapitel dreizehn, wobei er seine Tränen unterdrückte, um es seinem Vater recht zu machen. Er las, selbst wenn er alle Sprachen sprechen könne, selbst wenn er alle Geheimnisse ergründen oder Berge versetzen könne, wenn er all seinen Besitz den Armen geben würde, wäre er nichts ohne die Liebe.
Er war nichts ohne die Liebe.
Es fiel ihm schwer, seine Schwestern zu lieben, die ihre Zimmertüren verriegelten und ihn nicht hineinließen, und es war schwer, seinen Vater zu lieben, weil sein Vater ihm gegenüber keinerlei Liebe zeigte, was bedeuten könnte, dass sein Vater nichts war, wenn er darüber nachdachte. Vielleicht lebte der Mensch, den er lieben könnte, irgendwo anders, weit weg, überlegte er und überlegt es noch, und deshalb darf er jetzt keine Zeit verlieren und muss die Welt bereisen und suchen.
Um Liebe zu finden.
Um wieder etwas zu werden, statt nichts zu sein.
Sol klopft auf das braune Leder seiner Sitzbank, streicht mit den Fingern über die cremefarbenen Paspeln und spürt, dass er sich für diese Zukunft erwärmt, die schon begonnen hat. Seine Mutter hat sich immer einen dieser Campingbusse gewünscht, aber sein Vater sagte, sie hätten ständig Pannen, was wahrscheinlich stimmt. Aber es ist so ermüdend, ständig vernünftig zu sein. Sollte am Campingbus tatsächlich etwas kaputtgehen, könnte man ihn doch wohl reparieren lassen, und vielleicht würde etwas Interessantes passieren, während man wartete. So wollte Sol sein neues Leben angehen, mit einer Sichtweise, die seiner Mutter gefallen hätte.
Er überlegt, welche neuen Vögel er auf Ora sehen wird. Eiderenten, hofft er, die größte Entenart, deren Erpel am Hals leuchtend grüne Federn haben, so wie die in seiner Tasche, und Papageientaucher mit ihren verrückten Schnäbeln.
Er überlegt auch, ob er sich an dem kleinen Strand, wo ihn niemand sieht, das Schwimmen beibringen kann. Immer haben Leute zugesehen. Nicht nur beim Schwimmen. Bei allem. Zugesehen und Kommentare abgegeben. Schwimmen ist eines seiner beiden Vorhaben. Er sollte sich selbst versprechen, in seinen zwei Wochen auf Ora jeden Tag ins Wasser zu gehen. Er sollte es, aber er weiß nicht, ob er es tun wird.
Er erreicht Seafields, das grau ist und feucht. Sein Handy zeigt ihm, dass es zehn nach eins ist. Um halb drei legt das Passagierschiff ab.
Er parkt auf einem weitläufigen Busparkplatz mit einem großen Graskreis in der Mitte und marschiert mit seinem leeren Rucksack durch eine Lücke in der Hecke in den Ort. Im kleinen Dorfladen sucht er sich einiges aus den Kühltruhen und Regalen zusammen, bezahlt und geht zurück zum Parkplatz, mit vollem Rucksack und einem schlechten Gewissen wegen der drei Plastiktüten in seinen Händen und der Styroporschachtel mit zwei Stücken Schokoladenkuchen darin.
Er zieht seinen dicken schwarzen Anorak an, bindet sich die Regenjacke um die Taille und die Stiefel seitlich an seinen arg
