Weil morgen ein neuer Tag beginnt - Rebecca Ryan - E-Book
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Weil morgen ein neuer Tag beginnt E-Book

Rebecca Ryan

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Beschreibung

Muss man außergewöhnlich sein, um glücklich zu werden?

Nachdem die 28jährige Emily Turner eine BBC-Dokumentation über das Leben der Briten gesehen hat, stellt sie fest: Sie ist ganz und gar durchschnittlich. Ihr Name, ihr Beruf, sogar ihre Blutgruppe. Um dies schleunigst zu ändern, verfasst sie eine Liste mit Vorsätzen, um aus ihrer Routine auszubrechen. Am wichtigsten jedoch ist, dass sie sich nicht verlieben darf, nicht mit 28! Aber genau das erweist sich als schwierig, als sie den gutaussehenden Josh kennenlernt. Und auch das restliche Umsetzen der Liste ist schwerer als gedacht, denn während sie ihr aufregendes, neues Ich zu gestalten versucht, funken ihr immer wieder alte Gefühle aus der Vergangenheit dazwischen, von denen Emily glaubte, sie längst hinter sich gelassen zu haben ...

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MOBI

Seitenzahl: 482

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressum123456789Januar: Sei hilfsbereit101112131415Februar: Sei spontan16171819März: Sei inspirierend2021222324April: Sei mitfühlend!252627282930Mai: Sei erfolgreich, erkunde die Welt!313233343536373839Juni: Sei mutig!404142434445Juli: Sei authentisch!46

Über dieses Buch

Muss man außergewöhnlich sein, um glücklich zu werden? Nachdem die 28jährige Emily Turner eine BBC-Dokumentation über das Leben der Briten gesehen hat, stellt sie fest: Sie ist ganz und gar durchschnittlich. Ihr Name, ihr Beruf, sogar ihre Blutgruppe. Um dies schleunigst zu ändern, verfasst sie eine Liste mit Vorsätzen, um aus ihrer Routine auszubrechen. Am wichtigsten jedoch ist, dass sie sich nicht verlieben darf, nicht mit 28! Aber genau das erweist sich als schwierig, als sie den gutaussehenden Josh kennenlernt. Und auch das restliche Umsetzen der Liste ist schwerer als gedacht, denn während sie ihr aufregendes, neues Ich zu gestalten versucht, funken ihr immer wieder alte Gefühle aus der Vergangenheit dazwischen, von denen Emily glaubte, sie längst hinter sich gelassen zu haben …

Über die Autorin

Rebecca Ryan wuchs im Nordosten Großbritanniens mit einer Schwester und einer kleinen Horde Katzen, die nach diversen Star-Trek-Charakteren benannt waren, auf. Heute lebt sie mit ihrem Partner zusammen und ist Mutter von zwei kleinen Kindern und einem neuen Baby. Rebecca Ryan studierte Geschichte an der Universität von Nottingham und arbeitet als Lehrerin an einer Gesamtschule in Bradford.

LÜBBE

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2023 by Rebecca Ryan

Titel der englischen Originalausgabe: »My (Extra)Ordinary Life«

Originalverlag: Simon & Schuster, London

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2023 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Dr. Ulrike Strerath-Bolz, Friedberg

Titelillustrationen: © shutterstock: alien.art | Bohdana Seheda | Msnty studioX

Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-2835-5

luebbe.de

lesejury.de

1

Offenbar ist es ein wesentliches Element des menschlichen Daseins, sich zu fragen, wann und wie man sterben wird. Es sei denn, man ist ich. Ich weiß bereits, dass ich exakt noch vierundfünfzig Jahre zu leben habe.

Sehr wahrscheinlich werde ich am Ende einem Herzleiden erliegen. Und wenn man danach geht, wie absolut durchschnittlich mein Leben ist, beiße ich vermutlich in einem Krankenhaus ins Gras und verlebe die letzten Momente meines sterblichen Daseins in irgendeinem Krankensaal des Huddersfield General.

»Und das war’s. Der Tod. Die einzige Gewissheit im Leben eines Menschen«, rattert der Moderator, eine Art David Attenborough für Arme, die letzten Worte seines Skripts herunter, und der Abspann der BBC-Sendung setzt ein. Ich fühle mich, als hätte mir jemand einen Faustschlag verpasst. Nicht dass ich Erfahrungen mit Faustschlägen hätte, Gott behüte, ich bin nicht diese Art Mädchen. (Oder besser: Frau. Gott, jetzt fühle ich mich alt.) Ich stelle mir eben vor, dass es sich so anfühlen würde. Ins Gesicht geschlagen zu werden. Ich stehe auf wackeligen Beinen. Mir ist schwindelig. Ich will mich an der Couch festhalten, doch die ist so billig, dass sie sofort nachgibt, und so sinke ich auf den Boden.

Es war eine Dokumentation. Eine, die so tut, als wären menschliche Gewohnheiten ebenso interessant wie die von Tieren, obwohl wirklich niemand weiß oder wissen will, dass der Durchschnittsmensch 28 000 Mal am Tag blinzelt. (Memo an mich: weniger blinzeln.)

Alles in allem war die Sendung ziemlich langweilig. Der Grund, warum ich jetzt völlig fertig auf dem Teppich im Wohnzimmer liege, ist das Zeug, das Mr David Attenborough für Arme gesagt hat: »Der durchschnittliche Mensch dieses …« und »Der durchschnittliche Mensch jenes …«, und jedes einzelne Detail eines Durchschnittslebens schien genau auf mein eigenes mittelmäßiges Dasein zu passen. Meine Güte, sogar meine beiden Namen sind in den Top fünf der üblichsten Namen. Emily Turner. So spannend wie Graubrot.

Ich bin jetzt wieder auf den Beinen und erleichtert, dass Kaz nicht hier ist und Zeugin wird, dass ich wie eine Irre auf und ab renne.

Versteht mich nicht falsch, es ist nicht so, als hätte ich mich je der Illusion hingegeben, für etwas Großes bestimmt zu sein. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch mit gewöhnlichen Gedanken, der ein gewöhnliches Leben lebt. Ich hatte niemals vor, ein Heilmittel für Krebs zu finden oder etwas ähnlich Beeindruckendes zu leisten. Aber niemand will, dass sein bedeutungsloses Leben vollkommen durchschnittlich ist, oder?

Es ist Mums Schuld, dass ich überhaupt so viel über den Beginn und das Ende meines eigenen Daseins weiß. Die meisten Menschen vergessen doch sicher viel von dem, was in ihren ersten zehn Lebensjahren passiert. Dieses Glück ist mir nicht vergönnt. Meine Mum muss alles zwanghaft dokumentieren. Jeder Moment meines Lebens wurde sorgsam festgehalten. Früher fand ich das komisch. Heute denke ich mir, wenigstens hat sie eine Macke. Ich habe nicht mal eine Macke.

Wie dem auch sei, im Esszimmer meiner Eltern gibt es eine ganze Wand mit Fotoalben, jedes davon penibel beschriftet. Gäbe es sie nicht, würde ich vielleicht nicht wissen, wie lange sie und Dad es versucht haben, bis sie schwanger wurde (Schauder), wie lange ihre Wehen gedauert haben (Newsflash, Mum, das war nicht meine Schuld), wann ich meinen ersten Zahn bekommen und das erste Mal geredet habe, wann ich angefangen habe zu laufen. Sie hat mich sogar am Tag meiner ersten Periode fotografiert.

Mum die Schuld zu geben verschafft mir eine gewisse Erleichterung. Es ist ihre Schuld, dass ich durchschnittlich groß bin. Ihre Schuld, dass ich ziemlich durchschnittlich aussehe. Auf einer dieser total sexistischen Skalen, die Männer benutzen, um Frauen rein nach ihrem Aussehen zu bewerten, würde ich mich als eine solide Sechs bezeichnen. Eine Fünf an einem schlechten Tag. Ich habe braune Augen und Haare, die irgendetwas zwischen glatt und lockig sind. So eine Art weniger attraktive und alternde Hermine Granger. Manchmal denke ich, ich wäre die perfekte Kandidatin, um ungestraft mit einem Mord davonzukommen. Ich habe so wenige auffällige Merkmale, dass Augenzeugen sich nicht an mich erinnern würden. Das einzig Ungewöhnliche an mir ist eine Sommersprosse auf meiner rechten Wange. Und selbst da muss man schon sehr nah dran sein, um sie zu entdecken.

Ich habe nicht mal einen spannenden Beruf. Ich bin Lehrerin. Ja, ich weiß, dass manche Leute darin so eine Art Berufung sehen. Eine Bestimmung. Ich bewundere diese Menschen wirklich. Diese Leute verdienen einen Orden. Leider gehöre ich nicht dazu.

Kurz spüre ich ein Stechen, das sich verdammt nach einem schlechten Gewissen anfühlt. Direkt unter den Rippen. Wo das schlechte Gewissen einen für gewöhnlich packt. Nur dass ich jetzt keine Zeit für ein schlechtes Gewissen habe. Eine egozentrische Panikattacke ist da schon angenehmer.

Ohne dass ich es je geplant hätte, ist aus mir der durchschnittlichste Mensch der Welt geworden. Und was bleibt jetzt noch? Hochzeit mit einunddreißig, in drei Jahren. Ganz toll. Dann werde ich vermutlich dieses Jahr meinen Seelenverwandten treffen. Zwei Kinder. Und von da an schleppe ich mich dann zur Rente. Unterrichte jeden Tag meines Lebens Von Mäusen und Menschen, bis ich mit sechsundfünfzig in den Ruhestand gehe, ein paar Jahrzehnte durch den Garten spaziere, bis ich schließlich genau nach Plan in den tiefen Abgrund des Nichts gerissen werde.

Das ist schlimm. Richtig schlimm.

Kaz! Sie wird dafür sorgen, dass ich mich besser fühle.

Ich: Kaz, erzähl mir etwas Interessantes über mich.

Kaz: Das ist eine ziemlich komische Nachricht.

Ich: Jetzt komm schon!

Kaz: Ich muss Leben retten.

Ich: Bitte.

Diese kleinen Pünktchen, die anzeigen, dass sie schreibt, erscheinen und verschwinden wieder und wieder. Kaz ist meine Mitbewohnerin, meine beste und einzige Freundin. Und nichts an ihr ist normal. Zum einen ist sie Krankenschwester in der Notaufnahme. Sie bekommt sogar Gratiszeug im Sandwichladen, weil ihr Job so beeindruckend ist. Und sie hat rotes Haar und große grüne Augen. Wie eine sexy moderne kleine Meerjungfrau.

Schließlich eine Antwort.

Kaz: Du warst Zweitplatzierte in diesem Gedichtwettbewerb.

Kaz’ Feststellung ist auf vielen Ebenen ein Reinfall.

Erstens: Sie ist der Mensch, der mich am besten kennt. Kaz war diejenige, der ich mich anvertraut habe, als Martin Stevens in der neunten Klasse allen erzählt hat, ich könne nicht küssen. Es war Kaz, der ich die Schmuddelheftchen gezeigt habe, die Matt unter seiner Matratze versteckt hatte. Und es war Kaz, die meine Hand bei der Beerdigung ganz fest gedrückt hat, als Mom und Dad anscheinend vergessen hatten, dass ich da war. Und trotz all der Dinge, die uns verbinden, ist das das Beste, was ihr einfällt. Meine Güte, ich habe noch nicht mal gewonnen. Der Teufel steckt im Detail. Zweitplatzierte.

Zweitens: Dieser Wettbewerb fand in der zehnten Klasse statt. Das lässt darauf schließen, dass ich ihrer Meinung nach in den letzten fünfzehn Jahren nichts auch nur annähernd Interessantes getan habe.

Ich bekomme keine Luft mehr. Ich habe das Gefühl, ein Elefant sitzt auf meiner Brust. Wie machen sie das immer in dieser Arztserie? Sie sagen den Leuten, dass sie atmen sollen. Ein und aus. Ein und aus.

Ja nun, das klappt nicht.

Sicher, es war nur eine Fernsehsendung. Aber niemand, ich wiederhole, niemand sollte abends um zehn Uhr dazu gezwungen werden, der Mittelmäßigkeit seines eigenen Daseins ins Auge zu blicken.

Ich laufe die Treppe hinauf und presse mir dabei theatralisch die Hand aufs Herz. Nur dass hier niemand ist, der es sehen könnte.

In dem kleinen Bad putze ich mir die Zähne und drehe mich dabei wie immer vom Spiegel weg. Natürlich habe ich noch kein eigenes Haus. Wenn man nach den mein Leben bestimmenden Regeln der Durchschnittlichkeit geht, eines der weniger bekannten physikalischen Prinzipien, liegen noch drei Jahre vor mir, bevor ich diesen Punkt auf der Liste abhaken kann. Ich meine, es wäre wirklich nett, ein Bad mit weniger Schimmel zu haben. Egal, was Mr McGee, unser Vermieter, sagt, mit moderner Kunst hat das nicht viel zu tun. Aber vielleicht bleibe ich trotzdem noch ein Jahr.

Es ist Viertel nach zehn. Ich habe meinen Nervenzusammenbruch jetzt schon seit ganzen fünfzehn Minuten.

Ich schreibe noch einmal an Kaz.

Ich: Das ist nicht sehr spannend.

Diese drei kleinen Punkte. Ich hasse diese kleinen Punkte.

Kaz: Du bist heute aber echt komisch. Es ist, wie meine Großtante Mary immer gesagt hat: Manche Menschen sind Stilettos und andere eher Hausschuhe.

Ich: Hat Mary das echt gesagt?

Kaz: Sie hat doch immer diese gigantischen Absätze getragen, erinnerst du dich? Selbst im Pflegeheim noch.

Ich: Demnach bin ich also ein Hausschuh, ja?

Kaz: Ja, aber was wärst du lieber auf lange Sicht?

Ich: Ja nun, natürlich kein Hausschuh!

Kaz: Du hast zwölf Paar Hausschuhe und ein Paar Stilettos.

Ich: Aber nur, weil bei dem anderen der Absatz kaputtgegangen ist. Du willst damit also sagen, dass mein Leben so interessant ist wie ein Paar Omahausschuhe? Was sonst noch? Ein Einteiler? Ein Waschlappen? Welche anderen Gegenstände würdest du hinzuziehen, um zu beschreiben, wie langweilig ich bin?

Ich koche vor Wut. Gewissermaßen. Ich bin zumindest ziemlich verstimmt.

Wieder drei Punkte.

Kaz: Sorry, ich muss los. Medizinischer Notfall.

Na toll. Ich lasse mich aufs Bett fallen. Es ächzt unter dem Gewicht von mir und meinen Existenzängsten.

Mir bleibt nur noch eine Option.

Mum geht beim dritten Klingeln ran.

»Emily, Liebes. Ist was passiert?«

Ich zucke zusammen, als ich die Panik in ihrer Stimme höre.

»Nein, alles gut. Eigentlich sogar besser als gut. So richtig toll.«

»Liebes?«

Ich bemühe mich, die Hysterie in den Griff zu bekommen. »Tut mir leid. Es ist nur so, weißt du noch, als ich klein war?«

Sie atmet hörbar auf.

»Mmm hmmm.« Sie rumort ein wenig herum.

»Na ja, gab da es etwas, was ungewöhnlich an mir war? Habe ich vielleicht irgendetwas besonders früh gemacht? Oder war ich mit etwas besonders spät dran? Ich hatte nicht vielleicht eine zusätzliche Zehe, die weggelasert werden musste?«, frage ich hoffnungsvoll.

»Oh nein, Liebes. Nichts dergleichen. Ich habe immer zu eurem Dad gesagt, dass du und Claire all die Babyratgeber gelesen haben müsst, bevor ihr rauskamt. Ihr habt alles auf die Minute gemacht, ihr beiden.«

Ich zucke zusammen. Und nicht nur, weil Mum meine Befürchtungen bestätigt.

»Aber hatte ich vielleicht seltsame Gewohnheiten? Irgendetwas, weswegen ihr euch insgeheim Sorgen gemacht habt?«

»Nein, gar nichts«, verkündet Mum stolz, ohne zu merken, worum es bei dieser Unterhaltung wirklich geht. »Du hast uns nie Grund zur Sorge gegeben. Keine von euch beiden. Nicht, bis … du weißt schon.«

Sie wird leiser, und ich habe mit einem Mal das Bedürfnis, so schnell wie möglich aufzulegen. Mir fällt plötzlich ein, dass Eltern vermutlich nie zugeben würden, ein merkwürdiges Kind hervorgebracht zu haben.

»Das ist ja toll, Mum. Na ja, ich muss jetzt leider Schluss machen, bye!«

»Warte mal. Liebes, jetzt da ich dich schon mal dran habe, könnten wir vielleicht über die Gedenkfeier sprechen.«

Ich tue so, als müsste ich gähnen. Weil ich ein schrecklicher Mensch bin.

»Sorry, Mum. Ich bin wirklich müde.«

Ich zögere. Ganz so fürchterlich bin ich dann doch nicht, dass ich Mum so einfach enttäuschen kann. »Wir sprechen bald mal darüber, mach dir keine Sorgen.«

»Okay, Liebes. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Mum.«

Ich lege auf und lasse die Luft raus, die ich angehalten habe.

Es ist offiziell. Ich habe wirklich absolut nichts Spektakuläres an mir.

Plötzlich wird mir klar, dass ich ein Luxusproblem habe, und ich fühle mich schlecht deswegen. Irgendwann musste es ja so weit kommen. Um ehrlich zu sein, sind fünfundzwanzig Minuten vermutlich mehr als genug für Selbstmitleid dieser Sorte. Immerhin gibt es Menschen, die für ein nettes, normales – sprich langweiliges – Leben töten würden. Zum Beispiel diese Frau, die berühmt wurde, nachdem sie versucht hatte, aus dem Fenster zu klettern, um ein Geschäft zurückzuholen, das sie im Klo ihres Dates nicht runterspülen konnte und deshalb aus dem Fenster geworfen hatte, nur um dann steckenzubleiben. Und Leute, die in Kriegsgebieten wohnen.

Ärgerlicherweise bin ich zwar gewöhnlich, aber eindeutig nicht selbstlos genug, als dass es mir helfen würde, die Dinge in eine Perspektive zu rücken.

Und ich habe schon alle gefragt, die mir hätten helfen können, mich besser zu fühlen.

Mein Handy hat sich in meiner Hand ausgeschaltet, und unbeabsichtigt sehe ich mein Spiegelbild, als ich auf das Display blicke. Ich hasse es, wenn das passiert. Wenn mein Spiegelbild mich unerwartet überfällt. Ich knalle das Handy energischer, als ich sollte, auf den Nachttisch.

Claire.

Das stechende Gefühl zwischen meinen Rippen wird intensiver.

Wann habe ich das letzte Mal an sie gedacht?

Es ist zu lange her. Und obwohl ich mittlerweile verdammt gut darin bin, nicht an sie zu denken oder über sie zu reden oder irgendetwas zu tun, was mich an sie erinnern könnte, möchte ich diejenige sein, die sich bewusst entscheidet, nicht an sie zu denken. Nicht mein Unterbewusstsein, das sie ausblendet.

Argh, das ist fürchterlich. Mittelmäßigkeit und Gewissensbisse sind keine gute Mischung.

Claire hätte jetzt keine Krise.

Sie müsste keine haben. Sie wäre nicht mittelmäßig.

Und dann kommen die Tränen.

Weil es eine solche Verschwendung ist. Von zwei Leben, nicht nur von einem.

2

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist mein Kissen nass. Kurz frage ich mich, warum ich im Schlaf geweint habe, bis mir nach und nach wieder einfällt, dass ich der langweiligste Mensch auf der Welt bin. Und obwohl es nett wäre, nur eine niederschmetternde Erkenntnis pro Woche zu haben, gibt es da noch eine andere. Die über Claire.

Ich blinzle gegen weitere Tränen in meinen ohnehin schon brennenden Augen an und rolle mich aus dem Bett, um in meine vertraute Arbeitskleidung zu schlüpfen: schwarze Hosen, weiße Bluse, schwarze Schuhe. Kein Spiegel nötig, vielen Dank.

Ich habe mich immer gefragt, ob ich mal eine dieser Frauen sein würde, die in einem schicken Bleistiftrock und hohen Absätzen zur Arbeit stöckeln, bereit, es mit der ganzen Welt aufzunehmen. Leider stellte sich heraus, dass Bleistiftröcke null dehnbar sind und Absatzschuhe schon nach drei Minuten höllisch wehtun. Und um ehrlich zu sein: Ich brauche nicht noch mehr Schmerz in meinem Leben.

Es ist Freitag, der mit Abstand beste Tag der Woche. Und trotzdem fühle ich nicht mehr als eine leichte Niedergeschlagenheit, während ich meine Cornflakes esse. Ich google die Marke, während ich darauf herumknuspere, und bin nicht im Mindesten überrascht festzustellen, dass es die beliebtesten Frühstücksflocken im Vereinigten Königreich sind. Ich sollte mich bemühen, zu weniger durchschnittlichen Lebensmitteln zu greifen. Ich habe mal irgendwo gesehen, dass man Zucchini zu Porridge raspeln kann. Zoats, oder wie sie es genannt haben. Damals hielt ich das für ein Zeichen, dass uns die letzten Tage der Menschheit bevorstehen, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht würde mir eine Veränderung guttun.

Ich schaffe es rechtzeitig zur Mitarbeiterbesprechung auf die Arbeit, obwohl ich gelinde gesagt schlecht vorbereitet bin auf den Tag, der vor mir liegt. Ich hatte immer die vage Vorstellung, dass man als Englischlehrerin die Aufgabe hat, in Kindern die Liebe zu Büchern zu wecken. Leider musste ich feststellen, dass ich da in mehr als einer Beziehung falschlag. Und jetzt, fünf Jahre später, weiß ich nicht mehr, wie ich die angemessene Begeisterung für den neuesten pädagogischen Durchbruch aufbringen soll. PLTS, Blooms Taxonomie, Lernziele, Effektgrößen, Personalisierung. Wer hätte gedacht, dass Kindern Bücher nahezubringen so verdammt kompliziert sein kann?

Auf dem Weg starte ich eine weitere Google-Suche. Lehrerin ist der Beruf, den Frauen am häufigsten ergreifen. Scheiße.

Ich betrete das Lehrerzimmer. Hier in der Mitte der Schule gibt es kein natürliches Licht und eine wilde Mischung unterschiedlicher Stühle in verschiedensten Stadien des Verfalls. Der blaue Teppich ist so abgewetzt, dass er fast schon schwarz ist, und von den Wänden blättert die Farbe. In einem Aufsteller für das Wohlergehen des Kollegiums liegen ein paar ausgeblichene Flyer über den Umgang mit Angstzuständen und Stress. Der ganze Ort kündet laut und kräftig von Budgetkürzungen.

Ich steuere schnurstracks auf mein Verteilerfach zu, das schon für sich ein wahrer Quell der Freude ist. Sechzig Fortschrittsberichte der Achtklässler, die noch auf meine Kommentare warten. Außerdem ein Ausdruck meiner Halbjahresbeurteilung, der hervorhebt, dass ich noch mit keinem meiner drei Jahresziele auch nur begonnen habe. Und schließlich ein Poster für die diesjährige Schulaufführung von Der kleine Horrorladen. Vorne drauf klebt ein Post-it, das vermutlich von meinem Chef stammt und auf dem steht: »Könnten Sie helfen?« Nicht wenn es sich vermeiden lässt. Obwohl ich schon mein ganzes Leben lang Musicals liebe, weigere ich mich, auch nur daran zu denken, mehr Zeit an diesem Ort zu verbringen, als ich unbedingt muss.

»Guten Morgen, ihr Lieben«, beginnt Mr Hughes, der Direktor. Ich lasse mich in den nächsten Stuhl fallen und ernte ein paar schiefe Blicke. Jeder hat seinen eigenen Stuhl hier im Lehrerzimmer. Neben seinen besten Freunden. Außer mir. Ich habe keinen Stuhl. Allein schon hier zu sein ist für mich wie jenseits der Feindeslinie zu stranden, und das bedeutet: immer in Bewegung bleiben. Wenn ich glaube, es riskieren zu können, schwänze ich die Besprechungen, weil ich festgestellt habe, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Zeit, die ich in Mr Hughes’ Gegenwart verbringe, und einem gewissen Gefühl der Trostlosigkeit tief in mir gibt.

»Sie werden enttäuscht sein zu hören, dass wir den Fokusfreitag heute ausfallen lassen.« Ein paar geben Geräusche von sich, als wären sie ehrlich enttäuscht, um diese Freitagstradition gebracht zu werden, bei der wir uns Schüler herauspicken, die ungewöhnlich geringe Fortschritte machen, und uns Strategien überlegen, wie wir sie unterstützen können. Mit »unterstützen« meine ich, sich zu überlegen, wie man sie an eine andere Schule abschieben kann, damit sie die Durchschnittsleistung unserer Institution nicht drücken.

Mr Hughes fährt fort: »Doch wie Sie vermutlich bereits wissen, wird heute Morgen Andrea Heatshill nach einer großartigen Laufbahn ihren Abschied nehmen. Komm her, Andrea.« Na toll. Eine Abschiedsrede. Es gibt keinen geeigneteren Moment, einer ganzen Laufbahn zu gedenken, als drei Minuten vor der ersten Schulglocke am Morgen.

Sittsam und mit leicht geröteten Wangen gesellt Andrea sich zu Mr Hughes. Ich erinnere mich daran, wie sie ihn nach einem besonders harten Unterrichtsbesuch auf der Toilette »Arschloch, Wichser, Vollidiot« nannte.

An diesem Morgen jedoch scheinen alle Gedanken an Mr Hughes als Arschloch, Wichser und Vollidiot vergessen zu sein. Andrea nimmt die Gemeinschaftsblumen und eine Flasche Mittelklassewein unter wiederholtem »Das wäre doch nicht nötig gewesen« und höflichem Applaus entgegen.

»Vielen Dank, Mr Hughes«, beginnt Andrea und entfaltet ein einzelnes DIN-A5-Blatt. Allgemeines Aufatmen. Niemand mag lange Reden. Je weniger Worte man über Mr Flerrins extravaganten musikalischen Abschied verliert, desto besser.

»Ich wollte nur sagen, dass ich wirklich gerne hier gearbeitet habe.« Mr Hughes lächelt, als hätte sie ihm persönlich ein Kompliment gemacht. Dabei ist es eher so, dass Andrea trotz und nicht wegen ihm ihre wie auch immer geartete Freude am Job hatte.

»Ich werde den Fachbereich Mathematik und natürlich meine Damenrunde in der Kuchenecke sehr vermissen.« Aus einem entfernten Winkel des Lehrerzimmers kommt ein Jubelruf. Ich arbeite seit fünf Jahren hier und wusste nicht mal, dass es eine Kuchenclique gibt. Normalerweise finden ich und Kuchen immer zueinander. »Aber jetzt ist es Zeit, meinen Whiteboard-Marker, oder meine Kreide, wie wir in der guten alten Zeit gesagt haben, an den Nagel zu hängen.« Leises Lachen. »Deshalb vielen Dank. Ich werde euch alle vermissen. Vielleicht schaue ich sogar mal mit einem Kuchen vorbei!« Sie hebt triumphierend den Blumenstrauß.

Ein weiterer Jubelruf von den loyalen Damen in der Kuchenecke, und dann ist es vorbei. Eine über dreißigjährige Karriere reduziert auf ein paar Plattitüden und falsche Versprechungen. Das ist es, was auch mich erwartet. Und ich habe nicht mal Kucheneckendamen, die mich während meiner unterdurchschnittlichen Abschiedsrede bejubeln würden.

Ich rutsche tiefer in meinen Stuhl. Ich bin Simba aus dem König der Löwen, dem Teil, als die Sterne sich zu einem Bild seines Vaters formen, das ihm sein Schicksal verkündet. Nur dass in meiner Welt alle Zeichen auf »Dein Leben ist scheiße« hindeuten.

Für einen Freitag ist der Tag ungewöhnlich anstrengend. Mittags esse ich allein in meinem Klassenzimmer und scrolle dabei durch Google, wo ich Sachen nachschlage, in denen ich durchschnittlich sein kann. Größe, um die eins dreiundsechzig. Check. Schuhgröße, 38. Check. Hauttyp, Mischhaut. Check. Braunes Haar, blaue Augen, check, check. Ich bin gerade tief in einem Artikel über die am weitesten verbreitete Blutgruppe versunken, als mir klar wird, dass ich meine nicht mal kenne.

Ich klicke auf Facebook. Das während so einer Art persönlicher Krise zu tun, kommt zugegebenermaßen dem Verhalten der Flagellanten im 13. Jahrhundert gleich, die durch die Straßen marschierten und sich selbst geißelten, aber ich lasse mich trotzdem nicht davon abbringen.

Da sind die üblichen inspirierenden Zitate, die vor allem von meinem Dad geteilt werden. Und ein paar versprengte politische Texte, in denen sich die Links-von-der-Mitte-Tendenz aller guten Millennials abzeichnet.

Ich beginne wahllos auf Profilbilder zu klicken.

Angela Senior: fühlt sich emotional. Ich habe JA gesagt!!! Darunter ein Bild, das sie und ihren Jetzt-Verlobten strahlend an einem Strand zeigt.

Nun, Angela, ich gebe euch fünfzig Jahre. Dann seid ihr vielleicht nicht mehr so außer euch vor Freude über eure vorhersehbaren Lebensentscheidungen.

Katie Small: fühlt sich nervös. Wünscht mir Glück! #abenteuer #aufnachkanada #beförderung. Dazu ein Bild von ihrem Reisepass für den Fall, dass einige ihrer Facebook-Freunde schwer von Begriff sind.

Steven Whitward: fühlt sich erschöpft. Mit in die Luft gereckten Armen überquert er die Ziellinie eines von einer Krankenkasse veranstalteten Rennens. Wohl eher: fühlt sich angeberisch.

Ich will die App gerade schließen, als ich einen Repost von meinem Dad entdecke. Und es ist nicht sein üblicher »Lebe, Lache, Liebe«-Quatsch. Es geht um Matt, meinen Bruder. Matt hat auf der Arbeit einen Preis bekommen. Pete Turner: fühlt sich stolz. Stolzer Papa! Gratuliere Matthew Turner zum Titel »Buchhalter des Jahres«.

Nein. Das kann nicht sein. Matt ist wie ich. Sterbenslangweilig. Wenigstens bin ich langweilig und ansatzweise nett. Matt ist langweilig und fies. Unser Verhältnis lässt sich am besten als »angespannt« beschreiben. Und doch steht er jetzt da und gewinnt Preise. Okay, Buchhalter des Jahres ist jetzt nicht gerade der Friedensnobelpreis. Aber er hat eine kleine Gedenktafel und das alles bekommen. Und ich sitze hier völlig gedenktafellos.

Meine Hände werden schweißnass, während ich über Matts Verrat nachdenke. Meine Güte, ich bin wirklich zu einem schrecklichen Menschen geworden. Ich spüre mein Herz heftig pochen und frage mich ernsthaft, ob es gleich den Geist aufgibt. Als würde es überlegen, ob es überhaupt noch Sinn macht, mich am Leben zu erhalten. Und jetzt schiebt sich diese andere Erkenntnis, die, die ich eigentlich ganz vermeiden wollte, mit aller Macht in den Vordergrund. Bohrt sich direkt ins Zentrum meines Gehirns.

Claire. Claires Leben wäre nicht so verlaufen.

Und jetzt, da sie da ist, werde ich sie nicht mehr los. Meine Haut kribbelt, als die Glocke das Ende der Mittagspause verkündet. Ich zwinge mich, mehrmals tief einzuatmen, sauge Luft in meine Lunge. Meine Siebtklässler sind an der Tür, und ich setze ein gezwungenes Lächeln auf und winke sie herein.

Ein paar von ihnen werfen mir nervöse Blicke zu, und ich frage mich, ob ich so aussehe, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Ich bringe irgendwie eine gedankenverlorene Interpretation meines Adverblieds zustande, das ich vor ein paar Jahren selbst geschrieben habe. Ohne mir schmeicheln zu wollen: Es ist ein ziemlicher Ohrwurm. Aber meiner Vorstellung mangelt es an Begeisterung, selbst für die letzte Stunde des Tages.

Normalerweise rase ich freitags nach Hause und sehe zu, dass ich um vier im Pyjama auf der Couch sitze. Nicht dass meine Wochenenden besonders spannend wären. Aber die Aussicht darauf, ein paar Tage lang keinen BH tragen zu müssen, ist schon ziemlich verlockend.

Ich verziehe das Gesicht, als ich meinen Ford Fiesta auf dem Parkplatz sehe, denn dank meines vorherigen Internetstreifzugs weiß ich bereits, dass es der beliebteste Wagen auf dem Markt ist. Und er ist silbergrau. Ich überlege, den Verkäufer zu verklagen. Er hat die Farbe als »gewagt« bezeichnet.

Im letzten Moment entscheide ich mich für einen Abstecher zu Mum und Dad. Die Doppelhaushälfte, in der ich aufgewachsen bin, taucht vor mir auf. Vorhin beim Googeln von Immobilienpreisen hatte ich einen kurzen Moment der Freude. Offenbar kostet ein Durchschnittshaus dieser Tage 251 000 Pfund. Niemals ist Mums und Dads Haus das wert. Was wiederum bedeutet, dass wir ärmer sind als der Durchschnitt, was nicht unbedingt ein Grund zum Feiern ist, aber an diesem Punkt nehme ich, was ich kriegen kann. Aber natürlich erinnerte ich mich dann an all diese Wohnungen in London, bei denen der Kühlschrank im Bad steht und die eine Million kosten. Die treiben den Durchschnitt vermutlich in die Höhe. Also schränkte ich die Suche auf Yorkshire ein. Ich verglich meine Ergebnisse mit den Daten einer Immobilienwebsite, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass ich an einem durchschnittlichen Ort aufgewachsen bin.

Als ich in die Auffahrt einbiege, frage ich mich, wie ich meinen Spontanbesuch erklären soll. Ich komme nie spontan. Ich tue nie irgendetwas spontan. Mum wird sicher das Schlimmste annehmen. Die Sache mit Claire hat sie verändert. Sie ist an meinem Fenster, bevor ich auch nur den Motor abgestellt habe.

»Emily, Liebes. Was ist los? Ist etwas passiert? Du kannst es mir sagen, ich bin für dich da«, sagt sie, ohne Luft zu holen, als ich die Autotür öffne.

»Nein, keine Sorge. Nichts ist passiert. Ich dachte nur, ich komme auf eine Tasse Tee vorbei.«

»Aber warum? Es ist Freitag! Wir dachten, du kommst Sonntag, oder? Ich wollte Rinderbraten machen.«

Bei den Sonntagsessen gibt es immer abwechselnd Hühnchen, Schwein und Rind. Vor zehn Jahren hat Gran verkündet, dass Lamm ihr zu fettig sei, also fiel es aus der Rotation. Dass ich mich ganz plötzlich gegen eine Zacke der fleischlichen Dreieinigkeit wenden könnte, erscheint Mum geradezu aberwitzig.

»Ja, ich werde Sonntag trotzdem kommen, und Rinderbraten klingt toll. Ernsthaft, es ist alles gut. Ich hatte nur Lust auf eine Tasse Tee. Ist Dad noch bei der Arbeit?«

Ich sehe, wie sie mich noch einmal mustert, zweifellos auf der Suche nach ernsthaften Verletzungen, die ich bislang verborgen habe.

»Ja.« Sie entspannt sich. »Nun, was für eine schöne Überraschung. Komm rein, ich stelle den Teekessel auf den Herd.«

Ich sitze angespannt am Esstisch und zupfe an meinen Fingern, bis Mum mit Tee und Keksen kommt. Nicht mal der Anblick von Cremetörtchen kann mich aus meiner Melancholie holen.

»Geht es dir gut, Liebes?«

»Mmm hmm, es ist nur … Denkst du nicht auch manchmal, dass ich ein wenig, na ja, langweilig bin?«

Statt einer Bestätigung ernte ich mütterliche Empörung. »Was?! Natürlich nicht. Du bist schlau und lustig und nett. Du bist vieles.« Sie lügt. Ich bin bestenfalls eines dieser Dinge. Und selbst dabei fürchte ich, dass ich mich lustiger finde als irgendjemand sonst.

»Aber ich mache nichts. Ich meine, schau dir mal mein Leben an. Total durchschnittlich.«

Sie will mich unterbrechen, aber ich hindere sie daran. »Ich habe sogar gezählt, wie oft ich heute aufs Klo musste. Siebenmal. Absoluter Durchschnitt. Was ist meine Blutgruppe?«, verlange ich zu wissen.

»Äh, Null positiv, glaube ich.«

»Ich wusste es, gewöhnlich wie Dreck.«

»Aber das ist, du weißt schon, biologisch bedingt, oder?«

»Es ist nicht nur das. Auch alles andere ist durchschnittlich. Rate mal, was der durchschnittlichste Ort zum Einkaufen ist?«

Sie sagt nichts, spürt vermutlich, dass jetzt nicht der beste Zeitpunkt für einen Einwand ist.

»Next. Neunzig Prozent meines Kleiderschranks stammen aus diesem Laden. Und der Rest kommt von Primark, dem zweitdurchschnittlichsten.«

Meine Wangen werden heiß. Das klägliche Elend von vorhin verschwindet und wird durch Wut ersetzt. Auf was oder wen, keine Ahnung.

»Und lass mich gar nicht von Colgate anfangen.«

»Ich … äh … nun«, stammelt Mum. Sie kann nicht dagegenhalten, weil sie nichts hat, womit sie es könnte. »Du hast doch mal fast diesen Gedicht-Wettbewerb gewonnen, weißt du noch? Ich und Dad waren beide der Meinung, dass du den Sieg verdient hattest.«

Verdammt noch mal.

Ich lasse den Kopf auf den Tisch fallen, sodass das Tablett mit dem Tee klirrt.

»Woher kommt das alles, Emily, Liebes? Hat es etwas mit deinem Anruf von gestern Nacht zu tun? Ich weiß, dass du nicht gerne über sie redest, aber ich glaube nicht, dass Claire das alles so gesehen …«

Ich springe auf. Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Vielleicht aus der vergeblichen Hoffnung heraus, dass Mum etwas wissen könnte, was ich nicht weiß. Dass ich Claire nicht auf ganzer Linie verraten habe. Dass ich vielleicht doch ein Leben führe, auf das sie stolz wäre. Stattdessen habe ich möglicherweise nur noch offensichtlicher gemacht, dass ich das nicht tue. Ich möchte wetten, alle anderen wissen es schon.

»Okay, war schön, mal wieder mit dir zu reden. Bis … äh … Sonntag dann.« Ich bin aus der Tür und halb die Auffahrt hinunter, bevor Mum begreift, was passiert. Sie taucht irritiert blinzelnd am Fenster auf, als ich wende. Und mein Herz rast schon wieder.

3

1997

Der Talentwettbewerb war für Claire immer das Beste an unserem Urlaub in einem Butlin’s Resort. Und für mich war er das, was ich am wenigsten mochte.

»Okay, und dann schlägst du ein Rad in diese Richtung und ich eines in die andere Richtung. Und dann, kurz bevor der Song vorbei ist, schlittern wir ganz vorne auf die Knie. Aber denk dran, die Arme gestreckt zu lassen. Das ist ganz wichtig.«

»Aber ich bin nicht besonders gut im Radschlagen. Nicht so wie du.«

Ich bin in keinem der Dinge besonders gut, die Claire kann. Wie Singen. Oder Tanzen. Oder Radschlagen. Ich würde es gerne vermeiden, dass viele Menschen mir dabei zuschauen, wie ich die Dinge mache, die ich nicht besonders gut kann.

»Du bist ganz okay darin. Du musst nur mehr üben, das ist alles. Ich habe heute schon siebenundzwanzig gemacht. Obwohl ich immer wieder umgefallen bin. Bist du dir sicher, dass du dich an den Text erinnern kannst?«

Ich nicke.

Zu Hause haben wir den Film wieder und wieder angesehen. Und Claire hat darauf bestanden, dass wir den Song auf dem ganzen Weg hierher üben. Als wir auf halbem Wege für ein Happy Meal anhielten, meinte Dad, seine Ohren würden bluten. Ich konnte sie allerdings sehen, und da war gar kein Blut.

Ein Mann und ein Bär in nahezu identischen leuchtend roten Anzügen betreten die Bühne.

Der Skyline Pavillon riecht nach Zuckerwatte und Rauch, obwohl die Rauchersitze ziemlich weit weg sind.

»Okay Leute, gleich ist es so weit«, sagt der Mann in dem roten Frack. »Filbert und ich sind so gespannt darauf, was ihr alles könnt.«

Filbert der Bär reckt einen großen Daumen nach oben, um zu zeigen, wie gespannt er ist. Großer Jubel. Claire jubelt auch.

»Okay, jeder, der mitmachen will, kommt jetzt her und schreibt seinen Namen auf die Liste, und dann rufen wir euch der Reihe nach auf die Bühne. Noch mal zur Erinnerung: Ihr müsst älter als drei und jünger als dreizehn sein! Viel Spaß!«

Er zeigt auf ein Tischchen neben den Stufen zur Bühne. Eine Frau mit einem auf ihn abgestimmten roten Frack und blonden Haaren lächelt und winkt.

Ich gehe auf sie zu.

»Warte.« Claire hält mich am Arm fest. »Wir wollen am Ende dran sein, damit wir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. So gewinnt man.« Sie verzieht das Gesicht und kneift die Augen zusammen. Dad nennt es ihr Genialer-Bösewicht-Gesicht.

Letztes Jahr haben wir nicht gewonnen. Ich habe den Text vergessen und dann aufgehört zu tanzen. Wenn wir dieses Mal nicht gewinnen, dann ist es meine Schuld, das weiß ich.

Als nur noch eine Person bei dem Tischchen steht, ein größeres Mädchen in einem Fußballtrikot, gehen wir hinüber.

»Claire und Emily Turner«, sagte Claire zu der Frau. »Wir werden It’s a Hard Knock Life aus Annie singen.« Claire reicht ihr unsere Kassette.

»Sehr schön, Mädchen. Und wie alt seid ihr beide?«

»Fünf.« Claire hebt fünf Finger, für den Fall, dass die Frau die Zahlen nicht kennt.

Die Frau blickt auf, und ihre Augen werden groß. Mum sagt immer, man darf nicht starren, aber Claire und ich sind daran gewöhnt, weil wir Zwillinge sind. Und auch nicht irgendeine Art Zwillinge. Eineiige Zwillinge. Ich habe eine Sommersprosse auf einer Seite meines Gesichts, Claire eine auf der anderen. Claire mag, dass wir nicht einfach nur Zwillinge sind. Wir sind ganz besondere Zwillinge. Ich mag es auch, ein Zwilling zu sein. Wenn man ein Zwilling ist, dann hat man schon eine beste Freundin. Aber ich will gar nicht so dringend besonders sein.

Claire ist der ältere Zwilling. Sie wurde sieben Minuten früher geboren als ich. Claire sagt, das macht sie weiser. Ich weiß nicht, ob sie wirklich weiser ist, aber sie ist gut darin, den Ton anzugeben.

»Na dann, viel Glück«, sagt die Frau in dem roten Frack, nachdem sie mit Starren fertig ist.

»Komm.« Claire zieht mich mit sich zur Tanzfläche. »Lass uns die Konkurrenz ansehen.«

Wir winken Mum und Dad und Matt zu, die an einem Tisch am Rand der Tanzfläche sitzen. Mum trinkt Orangensaft mit einem pinken Schirmchen darin, und Dad hat ein Lager, wie er es auch zu Hause trinkt, nur dass es hier in einem Glas ist.

Die Musik wird richtig laut, und die Lichter gehen aus, bis auf die auf der Bühne.

»SEIDIHRBEREITFÜRDIESHOW?«, schreit der Mann in dem roten Jackett, obwohl er das gar nicht müsste, schließlich hat er ein Mikrofon.

Alle jubeln. Alle außer mir. Mein Bauch fühlt sich an wie auf der Raupen-Achterbahn, obwohl ich ganz still sitze.

»ICHHABEGEFRAGT, OBIHRBEREITSEID?«

Claire neben mir wippt aufgeregt auf und ab.

Der schreiende Mann stellt die drei Juroren vor. Sie sitzen direkt an der Bühne. Auch sie tragen hübsche rote Jacketts.

Alle sitzen auf der Tanzfläche und warten auf den ersten Auftritt. Claire und ich überkreuzen die Beine wie in der Vorlesestunde. Fröhliche Musik ertönt, und ein großes Mädchen dreht und wendet sich in einem Ballerina-Outfit. Sie ist so schön wie eine Prinzessin. Ich wackle mit dem Bein, wie ich es mache, wenn wir zum Zahnarzt müssen. Auf keinen Fall kann ich die Ballerinaprinzessin schlagen.

Ich glaube, ich mache mir gleich in die Hosen.

»Claire, ich muss mal.«

»Aber was, wenn sie unsere Namen aufrufen? Du musst es dir verkneifen.« Die Ballerinaprinzessin macht einen Knicks.

Jetzt führt ein Junge in einem zu großen Anzug Zaubertricks vor. Einer davon geht allerdings schief, und er lässt den weißen Plüschhasen, den er eigentlich aus seinem Hut ziehen wollte, fallen. Danach verlässt er die Bühne.

Sie werden uns bald aufrufen. Ich weiß es.

»Claire, ich muss wirklich aufs Klo. Ich mache auch schnell.« Und bevor sie Nein sagen kann, springe ich auf und renne zu den Toiletten. Mum hat gesagt, dass wir nicht allein aufs Klo dürfen, aber das hier ist ein Notfall, also glaube ich, dass ich darf.

Die Toilettensitze sind richtig hoch, und es ist schwierig, mit dem Po draufzukommen. Aber ich pinkle und bleibe dann noch etwas dort, obwohl die Toiletten kein schöner Ort zum Sitzen sind.

Es klopft an der Tür.

»Bist du dadrin, Süße?« Es ist Mum.

»Ja«, sagte ich und frage mich, ob ich Ärger bekomme, weil ich allein auf die Toilette gegangen bin.

»Kommst du raus?«

»Glaub schon.«

Ich öffne die Tür. Mum sieht nicht sauer aus.

»Wie wäre es, wenn wir ein Weilchen zusammen hierbleiben?«, fragt sie.

»Aber wird Claire dann nicht sauer?«

»Überlass Claire mal …«

Aber Mum kann ihren Satz nicht beenden, weil Claire jetzt auch bei den Toiletten ist.

»EMILY! Sie rufen uns auf. Komm schon!«

»Claire, Liebes, Emily will nicht auf die Bühne«, sagt Mum.

Claire hebt eine Augenbraue, wie sie es immer tut, wenn sie will, dass ich etwas mache. Ich sage nie Nein zu Claire.

»Nein, Mum, ist gut. Ich will auf die Bühne. Ich hatte es mir nur kurz überlegt.«

Jetzt lächelt Claire.

»Sicher, Liebes?«

Ich nicke.

»Na dann komm, du Schnecke, sie warten auf uns.«

Claire redet richtig schnell.

»Ein Mädchen hat versucht, einen Ball auf dem Fuß zu balancieren, aber dann hat sie ihn fallen lassen und ist weinend weggerannt, und diese drei Schwestern von Splash World haben die Spice Girls aufgeführt, aber sie waren nicht sehr gut.« Wir sind jetzt an der Treppe zur Bühne angekommen. Der Teppich klebt ein bisschen, und ich glaube festzustecken, bis Claire mir einen Schubs gibt.

»Em, komm schon! Trau dich!« Claire strahlt, als sie mich auf meine Position in der Mitte der Bühne zerrt. Die Lichter sind so grell, dass ich Mum und Dad und Matt nicht sehen kann. Ich blinzle ganz fest, wie man es macht, wenn man ganz dringend schlafen gehen will, aber so tut, als wollte man nicht.

Dann fängt die Musik an, und meine Arme und Beine bewegen sich. Aus dem Augenwinkel sehe ich Claire, und ich versuche, mit ihr mitzuhalten. Alles, was sie macht, ist größer. Ihre Singstimme ist laut und klar.

Ich öffne und schließe den Mund, aber ich weiß nicht, ob Geräusche rauskommen. Ich kann nichts hören. Ich bewege die Arme von Seite zu Seite und mache ein paar Tanzschritte. Wir springen über die Bühne, halten uns dann in der Mitte an den Händen und drehen uns darunter hinweg.

Und dann kommt der Teil, bei dem wir das Rad schlagen müssen. Ich werfe die Arme in die Luft, und für einen Moment stehen die Lichter kopf. Ich lande mit einem dumpfen Aufprall und schlittere auf die Knie für die Schlusspose.

Claire fällt nach ihrem Rad zur Seite, und ich habe Angst, dass es wieder schiefgeht, aber dann ist sie auch auf den Knien und strahlt.

Mein Mund tut weh, weil ich so sehr versuche, sie nachzumachen.

Wir halten uns an den Händen und verbeugen uns. Als wir die Treppe hinuntergehen, sagt sie, dass bei uns am lautesten geklatscht wurde und dass hoffentlich niemand gemerkt hat, dass sie ein bisschen ausgerutscht ist.

Wieder ertönt Discomusik, während die Juroren die Köpfe zusammenstecken, um die Gewinner zu bestimmen.

»Ich hoffe, Dad lässt uns ein paar Pommes haben.« Jetzt, wo sich mein Magen nicht mehr komisch anfühlt, bin ich wirklich hungrig.

»Natürlich wird er das. Vor allem nach dem Talentwettbewerb. Die Jury nimmt bestimmt uns.«

Wir gehen zu Mums und Dads Tisch. Dort steht bereits ein riesiger Korb Pommes.

»Da sind ja meine kleinen Stars!« Mum lächelt uns an. »Ihr wart ganz toll da oben, Mädchen.«

»Danke. Ich hoffe, wir gewinnen. Niemand sonst war so gut wie wir.«

»Meine Lehrerin sagt immer: ›Dabeisein ist alles‹«, meint Matt und blickt von seinem Sega auf. Matt ist vier Jahre älter als wir. Er erzählt uns gerne Sachen, die seine Lehrerin gesagt hat. Claire sagt, dass Matt ein Streber ist, aber mir ist das egal.

Claire kneift die Augen zusammen und reibt sich den Kopf.

»Alles okay, Süße?«, fragt Mum und will sie in den Arm nehmen.

»Mum!« Sie macht sich los. »Die Jury kommt auf die Bühne – schaut mal!«

Mum hört nicht auf, die Stirn zu runzeln. Sie entdeckt, dass ich sie ansehe, und lächelt wieder, also glaube ich, dass danach alles okay ist.

Die Jury liest den dritten Platz vor. Der Junge mit den Zaubertricks.

Der zweite Platz geht an die Ballerina.

Claire hat die Augen geschlossen und die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt. Als sie unseren Namen für den ersten Platz ausrufen, quietscht sie und rennt mich hinter sich her ziehend auf die Bühne. Ich mag es nicht, wieder auf der Bühne zu sein, aber wenigstens muss ich diesmal nicht singen.

Claire übernimmt das Mikrofon und dankt allen, dass sie für uns gestimmt haben. Aber ich glaube, es hat nicht wirklich jemand für uns abgestimmt. Wir bekommen beide eine Goldmedaille, und Claire sieht so glücklich aus, dass ich auch glücklich bin, weil sie glücklich ist und weil die Talentshow vorbei ist und weil wir in Butlin’s sind, unserem Lieblingsort. Und jetzt können wir uns für den Rest des Urlaubs entspannen.

4

»Schlimme Nacht?«, fragt Kaz, als ich Samstagmorgen auftauche. Sie nickt in Richtung des Stapels Pizzaschachteln neben der Spüle. Bei Tageslicht betrachtet sieht es wirklich nach einer ganzen Menge Essen für eine Person aus.

Ich stöhne und halte mir den Magen. »Nie wieder Pizza.« Das ist eine Lüge. Eine, die ich wöchentlich wiederhole.

»Was ist los?« Kaz, die gerade vom Laufen im Park zurückgekommen ist, hat gerötete Wangen. Sie trinkt ein grünliches Gebräu – Teil ihrer Neujahrsvorsätze. Ich selbst habe gar nicht erst welche aufgestellt. Wir haben gerade mal zwanzig Tage hinter uns, und dieses Jahr verspricht genauso enttäuschend zu werden wie alle anderen auch.

»Willst du was?«, fragt Kaz und nickt in Richtung Toaster.

»Drei Scheiben bitte.« Fressgelage machen mich immer hungrig.

Kaz ist superaktiv. Der Toast liegt bereit, der Wasserkessel ist an, und sie sortiert ihre Wäsche auf dem Frühstückstresen, an dem ich gerade zusammengesunken bin. Wenn wir Tiere wären, dann wäre sie einer dieser wunderschönen Kolibris, die wie verrückt flattern, während ich ein leicht angepisstes Faultier mit zwei Zehen wäre.

»Musst du das hier machen?«

»Was machen?«

»Deine Unterhosen vor mir sortieren. Mir ist nicht ganz wohl.«

»Es sind nur Unterhosen, sie werden dich nicht beißen.«

»Die möglicherweise schon«, sage ich und zeige auf eine rote aus Satin. »Von der kriegt man mindestens Scheidenpilz.«

Kaz lacht, und als das Brot aus dem Toaster springt, macht sie sich ans Buttern. Mein Blick wandert zu den skandalösen Höschen. Keines von meinen sieht so aus. Meine bewegen sich alle im Farbspektrum zwischen Grau und Schwarz. Und ich hatte bestimmt seit einem Jahrzehnt keinen Tanga mehr an.

»Na komm schon, raus damit.«

Mir wird klar, dass ich meinen Toast anstarre.

Kaz ist meine beste Freundin. Ich vertraue ihr fast alles an. Zum Teil, weil ich niemanden sonst habe, dem ich es erzählen könnte. Aber darum geht es nicht.

»Kaz, ich glaube, ich bin langweilig.«

»Auf keinen Fall. Ich würde mich niemals mit einer langweiligen besten Freundin abgeben.«

Ich fahre fort, als hätte ich sie nicht gehört. »Neulich habe ich diese Sendung gesehen. Über den Durchschnittsmenschen, du weißt schon?«

Sie nickt und gibt mir mit einem Wink ihrer Tasse zu verstehen, ich solle schneller machen. »Und da wurde mir klar, dass ich der Durchschnittsmensch bin. Ich bin in allem genau Durchschnitt.«

»Nö. Definitiv nicht. Was ist mit deiner Musical-Sammlung?«

Musicals? Oh bitte! Wem, der bei klarem Verstand ist, schlägt nicht das Herz etwas höher, wenn Sandy sich komplett neu erfindet – wenn auch nur, um Danny zu gefallen. Oder wenn Maria von Trapp sich mit sieben Kindern im Schlepptau über die Alpen singt.

»Fünf der Top-zwanzig-Filme aller Zeiten sind Musicals. Ich entspreche damit der Mehrheit.«

Ich habe den Ellbogen auf den Tresen gestützt, und mein Kopf fühlt sich schrecklich schwer in meiner Hand an. Ich frage mich, ob mein Kopf vielleicht schwerer als der Durchschnitt ist.

»Was ist mit Claire?«

»Was ist mit ihr?« Ich hebe ruckartig den Kopf.

»Es gibt definitiv nicht viele Menschen mit einem Zwilling.« Ich entspanne mich wieder etwas.

»Nein, du hast recht. Nur null Komma zwei Prozent der Bevölkerung sind eineiige Zwillinge.« Ich bin ein lebendes Lexikon irrelevanter Informationen über die Menschheit. »Aber ich bin kein eineiiger Zwilling.«

»Glaubst du das echt?«

Die Zeit dehnt sich, während wir einander über Kaz’ Smoothie hinweg anstarren. Ich gebe zuerst auf. Weil ich eine Lusche bin, die sich niemals mit Kaz anlegen würde. Ich brauche sie viel mehr als sie mich.

»Was machst du dieses Wochenende?«, frage ich in einem meiner besten Ausweichmanöver.

Sie hält meinen Blick noch eine weitere Sekunde fest, ehe sie von mir ablässt. »Ich treffe mich später mit ein paar Kolleginnen zu einem Kaffee in der Stadt. Wenn dir langweilig ist, kannst du gerne mitkommen.«

»Nein, danke.«

»Warum, weil du uns in deinem vollen Terminplan nicht mehr unterkriegst?«

Ich sehe sie streng an. Das Ausmaß meiner Krise kann nicht mit einem Kaffee in der Stadt überwunden werden.

»Würde dir vielleicht guttun.«

»Genau wie eine Darmspülung.«

»Wie sieht es mit der Mülldeponie aus? Ich bringe später meine Kommode hin.«

Vor einigen Wochen fand Kaz’ Kommode ein trauriges Ende. Der sexuellen Leistungsfähigkeit von Steve, dem Brummifahrer, hatte das zehn Jahre alte Möbelstück nichts entgegenzusetzen.

»Kaz, ich bin vielleicht ein ziemlich jämmerliches Exemplar von Mensch, aber selbst ich habe meine Grenzen, wenn es um einen Ausflug zur Huddersfield-Mülldeponie geht.«

»Wie du meinst. Versprich mir einfach nur, dass du dich heute noch anziehst, ja?«

Kaz spült ihre Tasse aus und lässt sie neben der Spüle stehen.

»Ich kann nichts versprechen.«

»Weißt du, Em, ich meine das nicht böse, aber wenn du wirklich unglücklich bist, musst du etwas ändern.«

Ich schnaube, um ihr mitzuteilen, wie falsch sie mit diesem Gedanken liegt. Ich wüsste ja nicht mal, wo ich anfangen sollte. Wieder nähert sich mein Kopf Zentimeter um Zentimeter der Marmorimitatplatte. Mr McGee ist eines Tages mit einer Rolle Klebefolie aufgetaucht und verkündete, dass die Küche ein »Makeover« bekommen würde. Und dann hat er die Monatsmiete um 50 Pfund erhöht, um die Kosten zu decken.

Kaz geht zur Treppe.

»Claire wäre nicht unglücklich gewesen. Ich mein ja nur.« Sie reißt die Hände hoch, als erwartete sie, dass ich gleich schieße. Mein Kopf ist so ruckartig nach oben geschnellt, dass ich gute Chancen auf ein Schleudertrauma habe. Sie rennt die Treppe hoch und vertraut darauf, dass meine Energie nicht ausreicht, um ihr zu folgen.

Sie hat recht.

Über die Jahre habe ich mich zunehmend damit abgefunden, dass das Leben nicht sehr vielversprechend ist. Wenn man das einmal akzeptiert hat, ist man viel besser auf das vorbereitet, was es einem zwischen die Beine wirft. Deshalb betrachte ich jeden Tag, der lediglich eine kleine Anzahl Enttäuschungen bereithält, als Gewinn. Claire hätte das niemals so gesehen.

Noch lange nachdem ich auf die Couch übergesiedelt bin, habe ich Kaz’ Worte im Ohr.

Ich mache West Side Story an und sehe nur halb zu, während die Jets und die Sharks einen tanzbasierten Kampf gegeneinander ausfechten. Ich bekomme auch nur halb mit, als Kaz sich auf den Weg zum Wertstoffhof macht.

Der Film endet, und auf Channel 4 läuft irgendeine Sendung über Leute, die an entlegene Orte auf dem Globus ziehen. Ich bin mir sicher, dass selbst der Fernseher sich über mich lustig macht. Ich habe mein ganzes Leben in Huddersfield verbracht.

Die Mittagszeit zieht vorüber. Zum ersten Mal in meinem Leben bewege ich mich nicht einmal für Essen.

Claire wäre jetzt nicht unglücklich. Auf keinen Fall. Sie wäre eine supererfolgreiche Schauspielerin. Eine, die sowohl den Respekt der Branche genießt als auch gut beim Publikum ankommt. Wie dieser Typ aus Der letzte Mohikaner, der einen ganzen Sack voller Oscars gewonnen hat, aber auch oben ohne ausgezeichnet aussah. Oder sie würde irgendwo ab vom Schuss in einem fernen Land leben und ihr Dasein einem hehren Ziel widmen. Für sie wäre das hier nicht einmalein Leben.

»Du bist eine gute Schwester, Emily …«

Worte aus fast vergessenen Erinnerungen wabern zu mir zurück.

Das ist der Moment, in dem ich die Schuldgefühle nicht mehr unterdrücken kann. Und sie geben sich auch nicht damit zufrieden, mir zwischen die Rippen zu stechen. Sie erdrücken mich, bis ich kaum noch atmen kann. Alles, was ich tun muss, ist leben. Claire war nicht mal das vergönnt.

Wie versagt man beim Leben, wenn man doch lebendig ist?

Ich schleppe mich nach oben, um nach einer Rolle Klopapier zu suchen. Menschen wie ich haben keine säuberlichen kleinen Boxen mit Taschentüchern.

Ich wische mir über die Augen, fange dabei einen Blick auf mich selbst im Spiegel ein und zucke zusammen. Meine Wangen sind rot, mein Gesicht ist aufgequollen. In meiner Vorstellung sieht Claire nicht so aus. Ihre Haut ist weniger grau, ihr Haar weniger matt, und ihre Augen sind lebendiger als meine. Allein durch die schiere Lust am Leben ist sie attraktiver.

Ich bezwinge den Drang wegzusehen.

Nun?

Mein Spiegelbild-Ich hat recht. Ich kann so nicht weitermachen und durch die durchschnittlichste aller Existenzen schlafwandeln.

Etwas muss sich ändern.

5

Als ich Montagmorgen aufwache, platze ich fast vor Entschlossenheit. Es ist, als hätte jemand in meinem Gehirn einen Schalter umgelegt. Ich werde mein Leben interessant machen. Und wenn es mich umbringt. Im Grunde wäre es sogar ein Bonus, wenn es mich umbringt. Wenigstens wäre das eine interessante Geschichte.

Ich bin es nicht gewohnt, motiviert aufzuwachen. Mit so etwas wie Gefühlen. Auch wenn diese Gefühle sich vor allem um die völlige Überflüssigkeit meiner Existenz gepaart mit einer ordentlichen Portion Schuldgefühle drehen. Oh, und da ist auch noch ein Schuss Hoffnungslosigkeit. Gar nicht mal so schlecht.

Sie prickeln mir im Nacken, all diese Gefühle. Als würden die Zellen meines limbischen Systems nach einem Jahr Winterschlaf aufwachen, sich abklatschen und brüllen: Ahoi Jungs, wir sind wieder im Geschäft!

Gleich nach meinem Entschluss, irgendeine Art von Veränderung herbeizuführen, hatte ich darauf gehofft, dass mich augenblicklich ein Blitz der Erkenntnis treffen würde, was ich mit meinem zukünftigen Leben anfangen soll. Stattdessen hat er den Verlust von Claire in den Vordergrund meines Gehirns gerückt, und ich bin mit Warpgeschwindigkeit durch das ganze Gefühlsspektrum gerast. Verzweifelt, aufgeregt, weinerlich, inspiriert, wieder verzweifelt. Es ist noch nicht mal acht Uhr morgens, und ich bin schon erschöpft.

Und doch muss ich weiterkämpfen, wie eine Armee in den letzten Stunden der Schlacht.

Als ich mich anziehe, pfeife ich auf die Kleidungsvorschriften der Schule, die besagen, dass alle Mitarbeiter Anzug oder Kostüm tragen müssen, als befänden wir uns noch in viktorianischen Zeiten. Eine gepunktete Strickjacke – das Leuchtfeuer meiner Rebellion.

Und ich höre absichtlich mit dem Zähneputzen auf, bevor der kleine Alarm losgeht, der mir sagt, dass zwei Minuten vorbei sind. Zahnfäule. Das haut rein.

Ich entdecke mich im Spiegel. Ich habe große Ringe unter den Augen. Meine große Mission dauert erst zwei Tage an, aber sie ist schon drauf und dran, mich kaputt zu machen.

Als ich schließlich meine Käsebrote und Marmeladenbrötchen einpacke, bin ich schon spät dran. Stumm schwöre ich mir, dass mein Mittagessen morgen einen Wow-Faktor haben wird. Instagram sagt, Grünkohl ist out, Avocados sind in. Ich verbringe die Fahrt zur Arbeit damit, mir zu überlegen, womit ich den Geschmack von Avocados übertünchen kann, damit sie essbar für mich werden.

Ich parke und trommle mit den Händen auf das Lenkrad, um noch nicht aussteigen zu müssen.

Das Grundproblem, das ich sehe, ist folgendes: Wie soll ausgerechnet ich mein Leben interessanter machen, wenn ich doch in den letzten achtundzwanzig Jahren in dieser Hinsicht so sehr versagt habe? Himmel, möglicherweise muss ich einen dieser Lebensberater engagieren, von denen ich gelesen habe. Ich frage mich, wie viele davon sich hier in Huddersfield herumtreiben. Man kann mir eindeutig nicht die Verantwortung für mein eigenes Schicksal überlassen.

Die erste Glocke ertönt und weist mich darauf hin, dass ich die Morgenbesprechung verpasst habe. Egal, ich glaube, ich habe gerade genug zu kämpfen, ohne mir den Motivations-Montag anzutun. Seit dem einen Mal, als Mr Hughes uns die Aufnahme einer Rede von Maggie Thatcher vorspielte, nachdem bekannt wurde, dass jemand von der Schulbehörde in der Gegend war, finde ich Motivations-Montage nicht mehr besonders motivierend.

Meine Gedanken sind auf Abwegen unterwegs, als es mich plötzlich wie ein Schlag trifft.

Teenager.

Überall sind Teenager. Ich bin umzingelt, und zwar buchstäblich. Sie schwärmen auf dem Weg zur Schule an meinem Auto vorbei. Ich ignoriere die gelegentlichen Schläge auf meine Motorhaube, alles andere würde zu viel Papierkram erfordern. Hier bin ich also, eingekesselt von der aktuellsten aller Generationen. Sie sind ein regelrechter Bienenstock dummer, aber interessanter Ideen.

Ich schaffe es gerade so zur ersten Stunde und hänge meinen Mantel beim zweiten Klingeln auf. Schnell öffne ich die Jalousien und mache meinen Laptop an, der gute zehn Minuten zum Hochfahren braucht. Alles ist, wie ich es Freitag zurückgelassen habe, wenn auch etwas sauberer. Die Pulte sind abgenutzt. Mehr als ein Penis ist in ihre Holzoberflächen geritzt. Einzelne Elemente der Schaubilder und Collagen an den Wänden lösen sich bereits. Ich erinnere mich, als ich ganz frisch im Job war und ein ganzes Pinterest-Board mit Ideen für Klassenzimmerdekorationen erstellte. Damals hat mich die Aussicht darauf, mein Sommernachtstraum-Motto umzusetzen, richtig begeistert. Ich bin sogar im Sommer hin, um an einer Collage zu arbeiten.

Doch als ich am 1. September dort ankam, fand ich meinen Puck im Müll und an seiner Stelle ein riesiges Poster, auf dem ausführlich der Verhaltenskodex der Schule und die gnadenlosen Konsequenzen für Regelverstöße dargelegt wurden. Ich bin ja der Meinung, dass es der Motivation nicht gerade zuträglich ist, wenn man Kinder auf eine umgekehrte Pyramide mit dem Wort SCHULVERWEIS am Ende starren lässt, aber ich habe schon lange aufgehört zu behaupten, ich wüsste irgendetwas.

Alles kommt mir jetzt so klein vor. Als würde das Klassenzimmer um mich herum schrumpfen und mich in dieser Existenz einsperren. Aber nicht mehr lange. Ich wedle mit den Fingern Richtung Wand wie eine Verrückte. Ich habe einen Plan.

Ich öffne die Tür und finde entlang der Wand meine Klasse vor, die sich nicht viel darum schert, dass sie aufgereiht und stumm warten soll, bevor sie eintreten darf.

»Guten Morgen! Kommt rein.«

Wenn sie meine ungewöhnlich fröhliche Begrüßung verwirrt, lassen sie sich in jedem Fall nichts anmerken, als sie an mir vorbeischlurfen.

Die erste Stunde an einem Montag verbringen alle Lehrer mit ihrer Klasse. Es gibt Lebensunterricht. Im Prinzip ist das so eine Mischung aus Bürgerkunde und der Vermittlung von Lebensfertigkeiten, wo wir so wichtige Themen lehren sollen wie den Umgang mit Geld oder wie man ein Kondom über eine Banane rollt. So Zeug eben. Für mindestens neunzig Prozent der Inhalte bin ich nicht qualifiziert, also haben meine Klasse und ich während der letzten fünf Jahre unseren eigenen Rhythmus gefunden. Wir gehen kurz die von der Schule vorgeschriebene Lektion durch, und dann dürfen sie sich still beschäftigen, während ich noch ein wenig Arbeiten korrigiere und wir darüber diskutieren, welche Musik wir über YouTube abspielen sollen.

»Also gut, ihr Lieben, heute versuchen wir mal etwas anderes.« Ich klatsche in die Hände und spreche mit meiner besten Lehrerinnenstimme.

Ich höre ein aufgeregtes Summen. Ich habe einen gewissen Ruf, wenn es um »etwas anderes« geht. Wie das eine Mal, als wir über Alkoholismus gesprochen und ein Video von einem Typen gefunden haben, der sich Wodka durch die Augäpfel einverleibt hat.

Doch als ich dann liniertes Papier austeile, stöhnen alle.

»Och, Miss Turner, wir dachten, Sie wären eine von den coolen Lehrerinnen.«

Definitiv nicht.

»Ja, Sie schimpfen nie mit uns, wenn wir die Hausaufgaben vergessen.«

Schon beim Gedanken an eine Konfrontation bricht mir der Schweiß aus.

»Sie sehen müde aus, Miss, Sie müssen heute wirklich keinen Unterricht machen.«

Stimmt, aber ich muss eure Gehirne melken. Ich bin sehr froh, dass der letzte Satz nur in meinem Kopf stattgefunden hat.

»Also gut.« Ich klatsche wieder in die Hände, ignoriere ihre Proteste und setze ein falsches Lächeln auf. »Was wir heute durchnehmen sollten, ist die Bedeutung der Redefreiheit für eine Demokratie.«

Besonders lautes Stöhnen, als ich den offiziellen Titel der heutigen Unterrichtsstunde verlese.

»Stattdessen möchte ich, dass ihr mir eine Antwort auf die Frage ›Was macht das Leben interessant?‹ aufschreibt. Im Prinzip möchte ich eine Liste von Dingen, die ihr von einem interessanten Leben erwarten würdet.« In meinem Kopf klang das gerade noch klarer.

»Zum Beispiel ein Drogenbaron sein und auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher des FBI stehen?«

»Nein, nicht ganz. Eher ›gut‹ interessant.«

»Kann ich Kim Kardashian aufschreiben?«

»Wenn du möchtest. Vielleicht könntet ihr euch auch von ein paar literarischen Figuren inspirieren lassen, über die wir in den letzten Jahren gesprochen haben.«

Ausdruckslose Gesichter.

»Warum machen wir das?«, fragt einer zweifelnd.

»Es könnte hilfreich sein, ihr wisst schon«, sage ich und wedle vage mit den Händen. »Später im Leben.«

Sie riechen Blut. Sie wissen jetzt, dass das hier nicht einmal annähernd eine normale Unterrichtsstunde ist.

»Können wir zu zweit arbeiten?«

»Wenn ihr möchtet.« Die darauf folgende Lärmwelle schleudert mich förmlich zurück gegen das Whiteboard.

Irgendwo in der ganzen Kakophonie treffe ich die einzig vernünftige Entscheidung. Ich setze mich an den Schreibtisch, schließe die Augen und massiere mir die Schläfen. Was absolut gar nicht gegen die Kopfschmerzen hilft, die jetzt durch meinen Schädel pulsieren.

Es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass es kein Fünfzehnjähriger ist, der meinen Namen ruft.

»MISSTURNER!«