Weil wir Schwestern sind - Lucy Astner - E-Book

Weil wir Schwestern sind E-Book

Lucy Astner

0,0
9,99 €

Beschreibung

Vier Frauen, die mitten im Leben stehen. Und eine Nachricht, die alles ins Wanken bringt …

Die Schwestern Katharina, Eva, Judith und Miriam könnten unterschiedlicher kaum sein und haben sich nicht viel zu sagen. Bis eine unverhoffte Nachricht aus Nepal ihr Leben auf den Kopf stellt: Ihre Mutter Hannah wird nach Hamburg zurückkehren. Nicht bei jeder der vier Schwestern löst die Aussicht auf ein Wiedersehen Begeisterung aus, denn Hannah hat die Familie vor fast dreißig Jahren von einem Tag auf den anderen verlassen. Während jede auf ihre Weise mit der eigenen Vergangenheit ringt, kommen die Schwestern sich allmählich wieder näher. Und haben sich auf einmal doch ziemlich viel zu sagen …

»Alles, was sie sich in den letzten Jahren mühsam aufgebaut hatte, stand plötzlich auf wackeligen Füßen. Und warum? Weil Hannah im Himalaya von einer verdammten Leiter gefallen war!« Eva, 33, Hausfrau und Mutter

»Zehn Jahre war sie nun alleine durch die Welt gereist, aber sie hatte erst nach Hause kommen müssen, um sich einsam zu fühlen.« Miriam, 29, Weltenbummlerin

»An Arbeit war heute nicht zu denken. Wie sollte sie im OP Leben retten, wenn sie nicht einmal ihr eigenes im Griff hatte?« Katharina, 39, Herzchirurgin

»Sie wünschte sich nichts sehnlicher als einen Menschen, der sie in den Arm nahm und sie liebte, so wie sie war. Und wer war dafür besser geeignet als die eigene Mutter?« Judith, 33, Lehrerin

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 486

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Buch

Die Schwestern Katharina, Eva, Judith und Miriam könnten unterschiedlicher kaum sein und haben sich nicht viel zu sagen. Bis eine unverhoffte Nachricht aus Nepal ihr Leben auf den Kopf stellt: Ihre Mutter Hannah wird nach Hamburg zurückkehren. Nicht bei jeder der vier Schwestern löst die Aussicht auf ein Wiedersehen Begeisterung aus, denn Hannah hat die Familie vor fast dreißig Jahren von einem Tag auf den anderen verlassen. Während jede auf ihre Weise mit der eigenen Vergangenheit ringt, kommen die Schwestern sich allmählich wieder näher. Und haben sich auf einmal doch ziemlich viel zu sagen …

Autorin

Lucy Astner, Jahrgang 1982, lebt mit ihrem Mann und den vier gemeinsamen Kindern in Hamburg. Als Drehbuchautorin schreibt sie Kinokomödien für Filmgrößen wie Til Schweiger und Matthias Schweighöfer. Ebenso erfolgreich ist Lucy Astner als Autorin von Romanen und Kinderbüchern, zum Beispiel mit der Serie um Polly Schlottermotz.

Weitere Infos zur Autorin finden Sie bei

Instagram @lucyastner oder unter www.lucyastner.de

Lucy Astner

Weil wir

Schwestern sind

Roman

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Originalausgabe September 2021

Copyright © 2021 by Lucy Astner

Copyright © dieser Ausgabe 2021

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Anne Fröhlich

LS · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter; Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-24462-0V002

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für alle Frauen, die das Gefühl haben,

ganz alleine zu kämpfen.

Für alle Mütter, die täglich ihr Bestes geben und denken,

dass es trotzdem nie reicht.

Für alle, die sich danach sehnen,

dass jemand den Arm um sie legt.

Für jede von uns.

Und für meine Mama.

Ganz besonders für meine Mama.

Altes Land, Juni 1997

Der Brief lag warm in seiner Hand. So viele Jahre hatte er auf ein Lebenszeichen gewartet, so viele Nächte wachgelegen und auf eine Erklärung gehofft, ein einziges Wort nur, das er den Mädchen ausrichten konnte.

Jetzt war ihr Brief endlich gekommen, mit vielen Worten sogar. Doch das, was er sich davon erhofft hatte, blieb aus: Trost.

Natürlich, es war gut zu wissen, dass sie wohlauf war. Sie hatte ihr Leben in den Griff bekommen, hatte sich in der Ferne etwas Neues aufgebaut. Er war ihr nicht böse, im Grunde liebte er sie noch immer. Oft ertappte er sich dabei, wie er abends im Bett mit ihr sprach, als läge sie noch immer neben ihm. Doch wenn er zur Seite tastete, war ihr Teil des Lakens kalt. Ihr Fehlen tat immer noch weh.

Aber es ging hier nicht um ihn, sondern um die Mädchen. Er musste jetzt vor allem an die Kinder denken.

Die Zwillinge hatten den Vorfall gut verarbeitet. Judith stellte gelegentlich Fragen zu ihrer Narbe, und er hatte eine Art Spiel daraus gemacht, ihr jedes Mal eine andere Geschichte zu erzählen. Wenn sie nur oft genug ein Märchen hörte, würde ihr am Ende vielleicht auch die Wahrheit nichts mehr anhaben können. Eva hatte keine sichtbaren Narben davongetragen. Ihre Gehirnerschütterung war schnell abgeklungen und hatte alle Erinnerungen an den Unfall in den Strudel des Vergessens gezogen. Sie sehnte sich danach, dass ihre Mutter zurückkam, das wusste er. Sie sagte es zwar immer seltener, aber in ihren akribisch versiegelten Briefen an das Christkind stand jedes Jahr nur ein Wunsch, immer derselbe. Der einzige, den er ihr nicht erfüllen konnte.

Miriam erinnerte sich nicht an Hannah. Für sie war sie nur die Frau von den Fotos, die über dem Klavier in der Stube hingen. Manchmal ertappte er sich dabei, dass er die Kleine dafür am allermeisten liebte – dafür, dass sie keine Erinnerungen hatte.

Aber dann war da noch Katharina. Von allen vieren bereitete sie ihm die größten Sorgen. Auch wenn sie nie über diesen Maitag vor fünf Jahren sprach, war er sich sicher, dass ihre Erinnerung nicht verblasst war. Sie war damals schon zehn gewesen und hatte bis auf eine geprellte Rippe keine größeren Verletzungen erlitten. Doch er ahnte, dass sie das, was geschehen war, niemals vergessen würde – auch wenn er ihr das manchmal wünschte. Oder wünschte er es in Wirklichkeit seinetwegen? Wenn sie tatsächlich die Wahrheit kannte, dann wusste sie auch um seinen Anteil an der Schuld.

Eigentlich hatte er direkt nach dem Unfall mit Katharina reden wollen, aber dann hatte ihn die Scham überwältigt und der Mut verlassen, und er hatte es aufgeschoben. Immer wieder aufgeschoben, so lange, bis es sich nicht mehr richtig anfühlte, überhaupt darüber zu reden. So war das Schweigen zwischen sie getreten, zwischen ihn und seine Älteste.

Aus der Nähe betrachtet war die Wahrheit klein und schmächtig wie eine Küchenmaus, aber aus der Ferne gesehen, nach all den Jahren, war ihr Schatten so groß wie der eines Riesen. Diesen Schatten zu überwinden schien nun schier unmöglich.

Dabei war es doch eigentlich ganz einfach: Er hatte die Anzeichen damals zu lange ignoriert, war davon ausgegangen, dass es nur eine Phase war. Hannah hatte diese Phasen schon früher gehabt, aber sie waren jedes Mal von alleine vorbeigegangen, waren weitergezogen wie Regenwolken, und er hatte fest damit gerechnet, dass es auch diesmal so sein würde.

Aber dann war alles anders gekommen. Noch heute erinnerte er sich an den Anruf, das hartnäckige Klingeln des Telefons im Vorzimmer. Und die alte Frau Böhm, die den Kopf mitten in einer Untersuchung durch die Tür steckte, den Blick von Tränen verschleiert …

»Auuaaaa!«

Vor dem Fenster seines Sprechzimmers schrie eines der Mädchen auf und riss ihn aus seinen Gedanken. Er durfte jetzt nicht wieder in der Erinnerung an sein Versagen versinken, das würde ihn nur unnötig lähmen. Er musste an die Mädchen denken, das war alles, was zählte.

Langsam fuhr er mit dem Finger über Hannahs Zeilen.

Ich möchte zurückkommen und die Mädchen sehen. Wäre das in Ordnung?

Ob es in Ordnung war? Woher in Teufels Namen sollte er das wissen? War es denn in Ordnung, dass eine Mutter ihre Kinder verließ? War es in Ordnung, dass er sie noch immer vermisste, noch immer liebte? War es in Ordnung, dass er sich manchmal dafür hasste?

»Papa!« Ohne anzuklopfen, platzte Judith herein, die runden Wangen gerötet und tränenüberströmt. »Mimi hat draußen am Gartentisch auf meine Hausaufgaben gekotzt!«

Für einen winzigen Moment verzog er das Gesicht, dann ließ er den Brief auf den Schreibtisch sinken und stand auf, um den Arm um seine elfjährige Tochter zu legen.

»Keine Sorge, ich kümmere mich darum«, murmelte er und drückte sie sanft an sich.

Natürlich kümmerte er sich darum. Er kümmerte sich um alles, dieses Versprechen hatte er sich selbst vor fünf Jahren gegeben. Die Mädchen sollten nichts und niemanden missen in ihrem Leben, solange es in seiner Hand lag.

Er würde sich jetzt erst um die Hausaufgaben und um Miriam kümmern, und später dann um den Brief.

Er würde Hannah antworten. Er würde den Kindern nichts davon erzählen, bis es wirklich ganz sicher war, aber er würde Hannah schreiben, dass es in Ordnung sei, wenn sie käme, mehr noch: dass sie sich auf sie freuen würden. Denn auf einmal verspürte er tatsächlich so etwas wie Freude – und die leise Hoffnung, dass alles wieder gut werden könnte. Nicht wie früher, aber doch immerhin irgendwie gut.

Als Theo mit Judith an der Hand das Sprechzimmer verließ, dachte er kurz darüber nach, den Brief wegzuräumen, dorthin, wo er auch Hannahs Abschiedszeilen von damals aufbewahrte.

Doch dann schluchzte Judith erneut auf, und er verwarf den Gedanken. Es waren ja nur ein paar Minuten.

In ein paar Minuten würde er sich darum kümmern.

1

Judith

Sie würde ganz sicher nicht ohne Begleitung zu dieser Taufe gehen, diesmal nicht. Mit klopfendem Herzen blickte Judith auf das vibrierende Telefon, das sie neben dem Waschbecken abgelegt hatte. Warum machte die ganze Angelegenheit sie nur derart nervös?

Eva hatte in den vergangenen Tagen mindestens siebzehn Mal angerufen und ihre Mailbox mit endlosen Nachrichten bombardiert. Fast konnte man meinen, es ginge hier um etwas Wichtiges. Um eine Privataudienz bei der Queen zum Beispiel, oder wenigstens um eine neue Wunderdiät aus Hollywood, eine, bei der man schon beim bloßen Gedanken an Sport einen Hintern wie Beyoncé bekam. Aber natürlich ging es Eva weder um einen gesellschaftlichen Ritterschlag noch um Knackärsche, sondern vor allem darum, den Finger in die Wunde ihrer Zwillingsschwester zu legen.

Unruhig schielte Judith auf das Display, das nun einen weiteren Anruf in Abwesenheit verzeichnete – und im nächsten Moment leuchtete auch schon eine Textnachricht auf.

Bringst du diesmal jemanden mit?

Judiths Magen krampfte sich unheilvoll zusammen. Einatmen, ausatmen. Wenn sie an den Tisch zurückkam, musste sie sich dringend ein zweites Glas Wein einschenken – selbst wenn Heiko sie dann für eine Schnapsnase hielt. Der erste Eindruck zählte, das wusste Judith nach zehn Jahren unzähliger erster Dates besser als jede andere. Aber sie wusste eben auch, dass ein kleines Alkoholproblem immer noch einfacher zu erklären war als das, was der Gedanke an ihre Zwillingsschwester mit ihr machte.

Als hätte sie es geahnt, ließ Eva in diesem Moment die nächste Textnachricht auf Judiths Handy aufleuchten.

Ich muss das dringend wissen. Wegen der Tischordnung!

Die Tischordnung, natürlich. Judith spürte, wie sich ihr Puls noch einmal beschleunigte. Hastig drehte sie den Hahn auf, ließ das kalte Wasser über ihre Handgelenke laufen und schloss die Augen.

»Sie meint es nicht böse. Sie meint es nicht böse …«

Geradezu fieberhaft versuchte sie an das Mantra zu glauben, das ihr Frau Doktor Hufschneider vor ein paar Jahren in der Therapiestunde mit auf den Weg gegeben hatte – aber vergebens. Im Grunde kannte diese Frau sie doch überhaupt nicht! Die hatte so viel Ahnung von Eva wie ein Hafenarbeiter von Rousseaus pädagogischem Spätwerk. Das Verhältnis zu ihrer Zwillingsschwester war nun mal kompliziert – und zwar seit stolzen dreiunddreißig Jahren. Man konnte es leider nicht einfach durch ein paar Kalendersprüche in ein Kuschel-Rock-Konzert verwandeln.

Bei der letzten Taufe vor zwei Jahren hatte Eva Judith an den Kindertisch gesetzt. »Weil du so gut mit Kindern kannst«, hatte sie gesagt und sich dann zu einer Freundin umgedreht, die trotz ihrer vierten Schwangerschaft aussah wie eine Brechbohne auf zwei Beinen. »Meine Schwester ist Lehrerin.«

»Für die Mittelstufe, Eva«, hatte Judith mit einem hilflosen Blick auf die glucksenden Kleinkinder an dem abgelegenen Tisch erwidert. »Meine Schüler rauchen Schnürsenkel und onanieren heimlich in ihre Sportsocken!«

Eva hatte nur schrill aufgelacht und ihrer perfekt frisierten Freundin zugezwinkert. »Den Lehrerjob hält man nur mit einer gehörigen Portion Humor durch.« Dann hatte sie Judith wortlos am Kindertisch stehen lassen.

Doch diesmal würde ihr das nicht passieren, o nein, diesmal würde sie garantiert nicht am Lätzchen-Tisch landen und sich mit halb durchgekautem Brokkoli bewerfen lassen. Sie würde in Begleitung kommen und in ihrer aller Mitte sitzen, und wenn sie sich dafür einen Mann kaufen musste!

Aber so weit würde es wohl glücklicherweise nicht kommen. Judith drehte den Hahn zu und hielt sich die Hände an die glühenden Wangen. Heiko da draußen am Tisch war vielleicht kein Volltreffer, aber zumindest auch kein Grund, sich zu schämen. Auf einer Skala von eins bis Jackpot war er mindestens eine passable Sechseinhalb, vielleicht sogar eine Sieben.

Natürlich würde Eva bei seinem Namen sofort an Heiko Holst aus dem Bio-Leistungskurs denken, den rothaarigen, grunzenden Sohn des Fleischers, an den Judith ihre Unschuld verloren hatte, nachdem Eva ihr Max ausgespannt hatte. Aber damit konnte Judith umgehen, sie war darüber hinweg. Und erfreulicherweise hatte dieser Heiko hier rein gar nichts mit dem Heiko von damals gemein. Selbstverständlich konnte sie nicht sagen, ob er beim Sex Schweinelaute von sich gab und seine Kuscheltiere als Zuschauer auf den umliegenden Schränken drapierte – aber wenn alles einigermaßen nach Plan lief, konnte sie diese Fragen vielleicht noch heute Nacht klären.

Konzentriert fuhr sie sich durch das dichte dunkelblonde Haar, damit es so aussah, als würde es ganz von alleine so lässig über ihre Schultern fallen, und zog sich die Lippen nach.

Das hier war ihr Abend. Nichts und niemand konnte ihr heute das Gefühl nehmen, eine Göttin zu sein – erst recht nicht Eva und ihre blöde Tischordnung!

»Dir hängt da ein Schwanz aus der Hose, Schätzchen.«

Erschrocken zuckte Judith zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass jemand die Damentoilette betreten hatte, und sah jetzt ertappt in das aufgeschwemmte Gesicht der Putzfrau.

Offenbar machte sie dabei nicht den intelligentesten Eindruck, denn im nächsten Moment stieß die Frau ein ungeduldiges Stöhnen aus, klemmte sich ihren Mopp unter den Arm und deutete mit ihrem fleischigen Finger auf Judiths Hintern.

»Schwänzchen, da. An deinem Popo.«

Als Judith den Kopf drehte, sah sie, was gemeint war. Tatsächlich hing eine nicht unbedeutend lange Bahn Klopapier aus dem hochgeschlossenen Bund ihrer neuen Hose.

Solche Missgeschicke waren ihr früher ständig passiert – aber damals war sie ein ungelenkes Kind gewesen und keine Frau, die vorhatte, zum Dessert einen Mann zu vernaschen, den sie erst vor drei Tagen über ein Onlineportal kennengelernt hatte. Augenblicklich schrumpfte die Göttin, die eben noch in ihrem Inneren Salsa getanzt hatte, zu einem Meerschweinchen mit Silberblick und Hamsterbäckchen zusammen. Judith spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss und ihr Gesicht die Farbe einer glühenden Herdplatte annahm.

Ungeschickt zupfte sie sich das Papier aus der Hose. »Ich … o Gott … danke …«, stammelte sie und versuchte dabei zu lächeln.

»Kein Problem«, murmelte die Putzfrau und hielt mit einem Grinsen die Hand auf. »Wir Ladys müssen doch zusammenhalten.«

»Ich hatte schon befürchtet, du wärst heimlich durch das Klofenster abgehauen.« Heiko lachte und tauchte ein Stück Brot in Olivenöl. »Normalerweise machen die Frauen das erst, wenn ich ihnen von meiner Vorliebe für Nacktgolf und Gunter Gabriel erzähle.« Er zwinkerte derart aufdringlich, dass Judith sich nicht sicher war, ob er wirklich nur einen Scherz machte.

Trotzdem ließ sie sich zurück auf den Stuhl sinken und lachte, achtete dabei aber tunlichst darauf, den Mund nicht zu weit zu öffnen. Letztes Jahr hatte ihr ein Anwalt in einer schicken Yuppie-Bar gesagt, es sei vulgär, wenn die Frau beim Lachen zu viel Zahnfleisch zeigte. Es sei ein Zeichen dafür, dass sie leicht zu haben wäre und auch vor schmutzigen Ideen nicht zurückschreckte. Seitdem fiel es Judith schwer, sich beim Lachen so richtig fallen zu lassen. Sie wollte nicht, dass Heiko sie für vulgär hielt, und sie wollte auch nicht, dass er erkannte, wie leicht sie am Ende tatsächlich zu haben war.

»Du bist also Lehrerin?«

Judith nickte und war dankbar, als der Kellner die Vorspeisen brachte. »Stadtteilschule.«

Heiko hob die Augenbrauen. »Heißes Pflaster, oder?«

»Ich mag es, wenn es nicht langweilig wird.«

»Fächer?«

»Deutsch und Geschichte.«

Überrascht hielt er im Kauen inne. »Echt jetzt? Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.«

Judith quittierte seinen Kommentar mit einem verunsicherten Stirnrunzeln.

»Na ja«, fuhr er fort. »Du siehst irgendwie viel … lebendiger aus. Nimm’s mir nicht übel, aber Deutsch und Geschichte klingt nach Mottenkugeln und Gebissreiniger.« Er lachte auf.

Judith blieb vor Schreck ein Stück Rucola im Hals hängen. Sie hustete, aber das Salatblatt saß hartnäckig fest, bis sie es mit einem verzweifelt großen Schluck Weißwein hinunterspülte.

Mottenkugeln und Gebissreiniger! Für wen hielt sich der Kerl eigentlich? Am liebsten wäre Judith aufgestanden und gegangen – ein Abgang in Würde und Selbstachtung, wie Frau Hufschneider es damals genannt hatte –, aber in ihrer Handtasche an der Stuhllehne vibrierte schon wieder ihr Handy. Carlas Taufe fand in nicht einmal vier Wochen statt. Selbstachtung war also ein Luxus, den sie sich jetzt leider nicht leisten konnte.

Nach Ava und Bella war die kleine Carla bereits Evas drittes Kind in vier Jahren, und Judith hatte nicht vor zuzusehen, wie ihre Schwester ein ganzes Alphabet von Kindern in die Welt setzte, während sie selbst nicht mal in der Lage war, einen vernünftigen Mann kennenzulernen.

Also gab sie sich einen Ruck und Heiko noch eine Chance. »Und nach welchem Fach sehe ich deiner Meinung nach aus?«

Heiko musterte sie einen Augenblick, aber Judith hatte nicht das Gefühl, dass er dabei sonderlich nervös wirkte. Schließlich griff er sich die Weinflasche, füllte Judiths Glas ein weiteres Mal bis zum Rand und verzog den linken Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen.

»Banküberfall«, flüsterte er und zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

Judith klammerte sich vorsichtshalber an ihrem Weinglas fest. »Banküberfall ist kein Unterrichtsfach.«

»Na und?«, erwiderte Heiko und beugte sich über den Tisch zu ihr. »Dann müsste es für dich eben erfunden werden. Du bräuchtest nicht mal Waffen – weil du nämlich schärfer bist als jede Munition!«

Der Sex war in Ordnung, aber nach dem billigen Pistolenspruch hatte Judith auch nicht mehr allzu viel erwartet. Heiko war definitiv nicht der Richtige für einen gemeinsamen Bausparvertrag, aber jetzt war entscheidend, ob er zumindest dazu taugte, sie vor Evas Kindertisch zu bewahren.

Als er nach einer Weile schwer atmend neben ihr auf das Laken sank, schenkte Judith ihm ein bemühtes Lächeln, schlüpfte unter der Bettdecke hervor und verschwand im Badezimmer.

Sofort begannen ihre Augen, den kleinen Raum gründlich abzuscannen. Nirgendwo konnte man in so kurzer Zeit so viel über einen Mann lernen wie in seinem Bad. Zu wenig Pflegeprodukte über dem Waschbecken waren ebenso verdächtig wie zu viele. Wie viele Zahnbürsten standen im Becher neben dem Wasserhahn? Fanden sich noch Tampons in den Schubladenschränken und lieferten verdächtige Hinweise darauf, dass die Ex vielleicht doch nicht so ex war, wie behauptet?

In den letzten zehn Jahren der aktiven Partnersuche hatte Judith schon so ziemlich alles erlebt, und sie hatte ein feines Auge entwickelt. Heikos Bad war ein wenig altmodisch, aber sauber und unauffällig.

Mit einem erleichterten Aufatmen ließ sie sich auf die Klobrille sinken. Keine bösen Überraschungen, vermerkte sie auf der Checkliste in ihrem Kopf, bevor ihr Blick auf das Klopapier fiel. Es war mit Seesternen und kleinen türkisblauen Meerjungfrauen bedruckt, und auf einmal musste Judith an das Freundebuch denken, das ihr eine Fünftklässlerin neulich in die Hand gedrückt hatte. Judith konnte nicht sagen, was sie mehr erstaunt hatte: dass das Mädchen in ihr eine potenzielle Freundin sah oder dass Kinder in diesem Alter sich noch immer für diese Art von Büchern interessierten. War das nicht eher etwas für den Kindergarten oder maximal für die Grundschule?

Am meisten aber hatte Judith überrascht, dass sie sich derart schwergetan hatte mit dem Ausfüllen. Denn beim genaueren Nachdenken hatte sie verblüfft festgestellt, dass sie nicht wusste, was ihre Lieblingsfarbe war, welche Musik sie am liebsten hörte und welcher Gute-Laune-Spruch sie am meisten motivierte. An welchem Punkt in ihrem Leben hatte sie vergessen, wer sie war?

Am schlimmsten aber war die Frage: Was willst du werden, wenn du groß bist? War sie nicht längst groß? Warum war sie dann immer noch nicht angekommen in ihrem Leben, hatte nicht das erreicht, wonach sie sich so sehr sehnte?

Was sie werden wollte? Mutter, hatte sie instinktiv schreiben wollen, oder Ehefrau. Vielleicht sogar glücklich?

Am Ende hatte sie sich einfach einen Spaß daraus gemacht und Meerjungfrau in das Buch geschrieben. Humor war immer ein guter Fluchtweg, das wusste sie. Manchmal war es so viel leichter, einen Witz zu machen, als etwas wirklich ernst zu meinen.

»Ich glaube, dein Telefon hat in deiner Tasche vibriert«, sagte Heiko, als sie endlich aus dem Badezimmer trat.

Judith biss sich auf die Unterlippe. Konnte Eva nicht einfach mal Ruhe geben? Trotzig griff sie in ihre Tasche und schaltete das Handy aus, ohne einen Blick auf das Display zu werfen. Dann zuckte sie mit den Schultern und rollte so theatralisch wie möglich mit den Augen.

»Ist sicher nur mein Mann, der wissen will, ob ich noch Klopapier mitbringen kann.«

Diesmal war es Heiko, der den Kopf in den Nacken warf und lachte – und er scherte sich offenbar nicht darum, dass Judith dabei eine Menge Zahnfleisch sehen konnte.

Judith flüchtete sich zurück unter seine Decke und schmiegte ihre Wange an seine Schulter. Als sie ihren Arm auf seiner unrasierten Brust ablegte, entdeckte er die Narbe.

»Was ist da passiert?« Neugierig fuhr er mit dem Finger über die verblasste Linie, die sich von ihrem rechten Handballen bis zum Ellenbogen zog.

Judith zögerte. »Da bin ich als Kind vom Rad gefallen«, flüsterte sie schließlich, weil sie nicht das Gefühl hatte, dass Heiko der Typ für eine allzu außergewöhnliche Lüge war.

Auf einmal war sie unfassbar müde. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als einfach die Augen zu schließen und in den Armen dieses Mannes einzuschlafen, dieses Mannes, der sie morgen vermutlich nicht zurückrufen würde. Wie schon so viele Männer vor ihm …

2

Katharina

»Ich weiß noch nicht, ob ich es schaffe.« Katharina klemmte sich das Telefon zwischen Schulter und Ohr, warf einen letzten Kontrollblick auf die Monitore im Schwesternzimmer und trat hinaus auf den Flur.

Bei Eva schrie im Hintergrund irgendeines der Kinder, vermutlich das Baby, aber mit Sicherheit konnte Katharina das nicht sagen. Mit Kindern kannte sie sich nicht sonderlich gut aus, sie standen nur selten auf ihrem OP-Plan.

»Du hast die Einladung jetzt seit acht Wochen«, brüllte Eva gegen den Lärm an. »Wie schwer ist es bitte, einfach ja oder nein zu sagen?«

Katharina seufzte. »Dann eben nein.«

»Wie bitte?«

»Dann eben nein«, wiederholte Katharina laut und deutlich und rieb sich müde über das Nasenbein.

»Du brauchst nicht so zu brüllen«, zischte Eva. Mit einem Mal war das Geschrei im Hintergrund verstummt. »Ich hab dich schon verstanden.«

»Warum hast du dann nachgefragt?«

Katharina hörte, wie ihre Schwester einen Seufzer ausstieß. »Weil das nicht die Antwort war, die ich mir erhofft hatte. Wir sind doch eine Familie! Wie sieht das denn aus, wenn die eigene Schwester nicht zur Taufe deines Kindes kommt?«

»Ihr feiert doch jedes Jahr Taufe, und es wird sicher nicht die letzte sein«, witzelte Katharina, aber in Wirklichkeit war sie viel zu erschöpft, um auch nur ansatzweise heiter zu klingen. »In eurer Kollektion fehlen noch Dora, Elisabeth und Friederike, und dann hat das Alphabet ja immer noch ein paar Buchstaben.«

Evas kurzes, aber intensives Schweigen am anderen Ende der Leitung bestätigte Katharina, dass ihre kleine Schwester nicht amüsiert war.

»Fängst du etwa schon genauso an wie Judith?«

Vor Katharina öffnete sich die Aufzugtür. Wenn sie jetzt einfach einstieg, wäre die Verbindung in ein paar Sekunden unterbrochen und sie könnte endlich ihren längst überfälligen Feierabend genießen. Aber würde Eva sich damit zufriedengeben? Wohl kaum …

Katharina stöhnte und entschied sich für die Treppe. Sie hatte letzte Nacht zwei kritische Infarkte und eine aussichtslos anmutende Herzmuskelentzündung in den Griff bekommen, also würde sie das Gespräch mit ihrer Schwester jetzt vermutlich auch noch überstehen.

»Tut mir leid. Ich habe gerade eine Achtundzwanzig-Stunden-Schicht hinter mir, die dritte Nachtschicht diese Woche …«

»Ich habe jede Nacht Nachtschicht«, fiel Eva ihr gereizt ins Wort, »jede einzelne Nacht seit vier Jahren. Und trotzdem schaffe ich es, mich zusammenzureißen und freundlich zu sein.« Mit einem Mal verfiel sie in ihren bekannten Jammerton. »Judith antwortet auch nicht. Ich habe sie gestern Abend mindestens sieben Mal angerufen und mehrere Nachrichten geschickt – und denkst du, sie hat auch nur auf eine einzige geantwortet?« Eva schluchzte auf. »Wir müssen doch zusammenhalten, jetzt, wo nicht mal mehr Papa dabei ist …«

Katharina seufzte resigniert. Sie hatte befürchtet, dass das Gespräch irgendwann an diesen Punkt kommen würde.

Von allen vier Schwestern war Eva schon immer diejenige gewesen, die am wenigsten auszuhalten hatte, aber am meisten Leid empfand. Theos Tod war für sie eine willkommene Berechtigung, ganz legitim zu jammern und eine Familie einzufordern, die sie in Wirklichkeit niemals gewesen waren.

Dabei war ausgerechnet Eva nicht einmal in Hamburg gewesen, als Theodor Albrecht am vierten Märzmorgen im letzten Jahr in seinem ehemaligen Sprechzimmer ganz überraschend und still an einem Herzinfarkt verstorben war. Katharina nahm ihm bis heute übel, dass es ausgerechnet das Herz hatte sein müssen. Hätte es nicht ein Schlaganfall sein können, ein Sturz oder eine verdammte Sepsis? Nicht dass sie gewollt hätte, dass ihr Vater starb, er hätte ruhig noch zehn bis fünfzehn Jahre weitermachen können – aber dass sein Körper ausgerechnet auf ihrem Fachgebiet versagt hatte, nahm sie irgendwie persönlich. Sie hätte ihn retten können, wenn sie ihn zuvor nur ein einziges Mal untersucht hätte, nicht nur vermutlich, sondern ganz sicher. Theo war nicht einmal sechsundsiebzig gewesen, einen Stent hätte sie ihm mit verbundenen Augen setzen können, vielleicht hätte sogar eine einfache Medikation gereicht.

Aber sie hatte ihn nicht untersucht. Weihnachten hatten sie wie immer gemeinsam im Alten Land gefeiert, zum Jahreswechsel hatten sie das letzte Mal telefoniert. Und im März hatte dann Agnes angerufen.

Eva war zu dieser Zeit mit Thomas und den beiden großen Mädchen im Skiurlaub gewesen. Katharina war sich nicht einmal sicher, ob Ava und Bella zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon auf eigenen Beinen stehen konnten, geschweige denn auf Brettern.

Agnes hatte ihn gefunden. Normalerweise kam sie jeden Tag vorbei und sah nach dem Rechten, aber südlich der Elbe hatte es noch einmal Bodenfrost gegeben. Und weil Agnes immer nur mit dem Rad fuhr und ihr das bei Glatteis zu gefährlich war, hatte sie einen Tag pausiert. Als sie Theo an seinem alten Schreibtisch vorgefunden hatte, war er schon mehr als vierundzwanzig Stunden tot gewesen.

Katharina und Judith hatten ihre Arbeit unterbrochen und waren gemeinsam nach Jork gefahren, um sich um die Formalitäten zu kümmern. Während Judith Agnes’ Hand hielt, sprach Katharina mit dem Notarzt und rief das Bestattungsunternehmen an.

Eva kam erst kurz vor der Beerdigung zurück nach Hamburg, ganz in Schwarz und mit einer Sonnenbrille auf der Nase, die so groß war, dass Jackie Kennedy vor Neid erblasst wäre. Außerdem hatte sie die süße Botschaft im Gepäck, dass ein drittes Kind unterwegs war. »Diesmal ein Junge, das spüre ich«, hatte sie an Theos Grab geschluchzt. »Es ist ganz sicher ein kleiner Junge.«

Mittlerweile war Carla sechs Monate alt.

Katharina hatte das Kellergeschoss erreicht. Erschöpft lehnte sie sich an die Tür zum Personalflur. Sie musste Eva irgendwas Nettes sagen – nicht weil das ihrem eigenen Bedürfnis entsprach, sondern weil dieses Gespräch garantiert noch Stunden dauern würde, wenn ihre Schwester erst richtig in Tränen ausbrach. Und dazu fehlte Katharina jetzt wirklich die Kraft.

»In ein paar Tagen kann ich vielleicht mehr sagen …«

Eva horchte auf und schniefte. »Du kommst also doch?«

»Vielleicht. Das hängt von meinem Dienstplan ab.«

»Kann nicht mal jemand anders die Welt retten?« Auf einmal schwang wieder Empörung in Evas Stimme mit, und Katharina wertete das als gutes Zeichen.

»Bestimmt«, sagte sie, lehnte die Stirn an die kalte Tür und schloss die Augen. »Aber keiner sieht dabei so gut aus wie ich.« Dann legte sie auf und ließ das Handy sinken.

Natürlich war das eine schamlose Lüge. Keiner hier konnte die Welt so gut retten wie sie. Katharina war nicht nur eine der jüngsten Herzchirurginnen im Land, sondern auch die beste – und trotz aller Missgunst, die ihr deswegen entgegenschlug, schämte sie sich nicht für ihren Erfolg.

Das Einzige, was sie als störend empfand, war, dass sie dabei tatsächlich ziemlich gut aussah. Vieles wäre einfacher gewesen, wenn sie ein paar Rettungsringe um den Bauch, einen Buckel oder eine Knollennase gehabt hätte, aber Hannahs Erbe hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nicht einmal ihre haselnussbraunen Haare waren widerspenstig. Selbst wenn Katharina sie nur achtlos am Hinterkopf zusammenknotete, sah sie immer noch gut aus. Seit drei Jahren trug sie nun schon kein Make-up mehr, um es nicht noch schlimmer zu machen. Sie wollte ernst genommen werden, und dabei war es eben nicht besonders hilfreich, schön zu sein.

Natürlich, bei Männern war das kein Problem. Niemand nahm es einem Chefarzt übel, wenn er aussah wie George Clooney und sich unter seinem Kittel ein Sixpack wie das von Ryan Gosling in Crazy, Stupid, Love verbarg – im Gegenteil. Schönheit tat der männlichen Intelligenz keinen Abbruch.

Aber für Frauen galten nun mal andere Regeln, und Katharina hatte sich schon früh angewöhnt, nur solche Dinge ändern zu wollen, bei denen es eine Aussicht auf Erfolg gab. Sie war keine von denen, die gegen Windmühlen kämpften. Sie war diejenige, die auf dem Wind ritt, bis sie ganz vorne an der Spitze flog. Eine Frau konnte Beute oder Biest sein, das hatte sie in den vielen Berufsjahren unter erfolgreichen Männern gelernt, und obwohl Katharina diese Einteilung niemals selbst gewählt hätte, hatte sie sich schon vor langer Zeit für Letzteres entschieden.

Dabei war sie im Grunde gar kein Biest, sie war schließlich nicht bösartig. Aber sie konnte ihre Gefühle besser kontrollieren und wegschließen als die meisten anderen Frauen. Das hatte ihr im Leben schon oft geholfen, und nicht zuletzt hatte es ihr den Weg zu einer beispiellosen Karriere geebnet.

Morgen würde sie also mit ihrem Chef reden und ihn bitten, sie für Carlas Taufe freizustellen, wenn sie Evas Anrufe damit beenden konnte.

»Betest du etwa?«

Erschrocken rückte Katharina von der Tür ab und drehte sich zur Treppe um. Ein kleines Mädchen stand auf der dritten Stufe und blinzelte sie neugierig an. Unter dem Arm der Kleinen klemmte ein Regenschirm, und über ihrem Krankenhausnachthemd trug sie eine beinahe schmerzhaft bunte Strickjacke. Ihre Füße waren nackt – vermutlich war das der Grund, warum Katharina sie nicht hatte kommen hören.

»Du kannst dich doch nicht einfach so anschleichen!«

»Tut mir leid«, sagte die Kleine und hüpfte eine weitere Stufe hinab. »Ich wollte dich nicht stören.« Dann verzog sie mitleidig das Gesicht. »Aber wenn du wirklich gebetet hast, muss ich dich enttäuschen: Ich glaube, Gott hat gerade keine Zeit für uns – oder er hat einfach keine Lust, uns zu helfen.« Sie zuckte mit den Schultern und grinste so breit, dass Katharina die beiden Zahnlücken in ihrem Oberkiefer sehen konnte.

»Ich bete niemals.« Ihre Stimme klang mürrischer, als sie es beabsichtigt hatte.

»Gut so«, erwiderte das Mädchen zufrieden. »Wir Frauen sollten uns nicht für dumm verkaufen lassen. Wenn ein Kerl nicht zurückruft, ist er es nicht wert, dass wir unsere Zeit mit ihm verschwenden – selbst wenn sein Name Gott ist.«

Katharina runzelte verblüfft die Stirn. »Kann es sein, dass du zu viel fernsiehst?«

Die Kleine schüttelte den Kopf, sodass ihre kinnlangen Haare hin und her flogen. »Das hat mir meine Mama beigebracht.«

»Und wo ist deine Mama jetzt?«

»Wo sie genau ist, kann ich nicht sagen. Aber dass sie dort gerade mit meinem Papa streitet, ist so gut wie sicher.« Sie klemmte sich den Regenschirm unter den anderen Arm.

Katharina betrachtete sie irritiert. »Und was machst du hier im Treppenhaus?«

Die Kleine grinste schief und zuckte lässig mit den schmalen Schultern. »Ich wollte nur schnell eine rauchen.«

»Was?«

Als sie Katharinas verstörten Blick bemerkte, verdrehte sie die Augen und nahm eine weitere Stufe nach unten. »Es heißt wie bitte. Und außerdem war das nur ein Scherz.«

»Ein Scherz?«

»Ja, du weißt schon. Ein lustiger Spruch, um die Stimmung zwischen uns ein bisschen aufzulockern.«

Unbeabsichtigt stieß Katharina ein Schnauben aus. »Du musst die Stimmung zwischen uns nicht auflockern.«

»Doch«, erwiderte das Mädchen. »Weil du nämlich irgendwie fertig aussiehst und mir bestimmt eher einen Gefallen tust, wenn du wieder gut drauf bist.«

Jetzt musste Katharina tatsächlich lachen. »Erstens bin ich supergut drauf – und zweitens tue ich dir keinen Gefallen!«

»Du weißt ja noch gar nicht, worum es geht.«

»Das ist egal, wenn ich von vornherein nein sage.«

Die Kleine zog empört die Augenbrauen zusammen. »Das ist unfair!«

»Willkommen im Leben«, sagte Katharina und verschwand endlich durch die Tür in den Personalflur.

Unfassbar! Wie alt mochte das Mädchen gewesen sein? Vielleicht acht oder neun? Katharina schüttelte ungläubig den Kopf. Wenigstens hatte sie sie mit ihrem merkwürdigen Regenschirm nicht angegriffen!

Am Himmel, den man durch das schmale Fenster sehen konnte, war nicht eine einzige Wolke zu erkennen. Warum zum Teufel hatte die Kleine das Ding überhaupt dabeigehabt? Sie war nicht normal, das stand jedenfalls fest, dieses Kind war sicher nicht ganz richtig im Kopf. Aber das sollte nicht mehr Katharinas Problem sein. Sie hatte sich ihren Feierabend jetzt wirklich verdient.

Insgeheim hatte Katharina gehofft, ihm heute nicht mehr zu begegnen, aber Robin wartete vor ihrem Spind auf sie.

»Hey, Prinzessin«, flüsterte er und drückte ihr einen Kuss zwischen die Schulterblätter.

Katharina warf ihm einen strengen Blick zu.

»Was denn?«, fragte Robin mit einem frechen Grinsen. »Ist doch niemand hier außer uns.«

»Du sollst mich nicht Prinzessin nennen.« Mit einem Stöhnen drehte sie sich ihrem Schrank zu.

Robin lachte. »Wieso dürfen die anderen das und ich nicht?«

»Weil ich mit den anderen nicht schlafe!«, erwiderte Katharina. »Außerdem nennen sie mich Eisprinzessin, das ist ein Unterschied.«

Tatsächlich war das ihr Spitzname auf der Station. Wie lange schon, wusste sie nicht genau, aber dafür erinnerte sie sich noch sehr lebhaft an den Moment, als sie den Namen zum ersten Mal gehört hatte.

Es war vor etwa drei Jahren gewesen, Katharina hatte unter strenger chefärztlicher Anleitung gerade ihre erste Herztransplantation durchgeführt. Ihr Chef hatte hinterher eine Flasche Champagner geköpft, um sie zu feiern, und der Alkohol hatte sie schon bald auf die Toilette getrieben. Als sie sich die Hände wusch, waren zwei Kolleginnen ins Damenklo getreten. Laura, die als Assistenzärztin in der Kardiologie einen durchaus passablen Job machte, und Melanie, eine der jüngeren OP-Schwestern. Sie strahlten Katharina an und drückten sie überschwänglich an sich, um ihr zu gratulieren.

Erst als Katharina die Toilette verlassen hatte, stellte sie fest, dass sie ihren Schlüssel neben dem Waschbecken vergessen hatte. Sie eilte zurück. Ihr Schlüssel lag tatsächlich auf dem Seifenspender – aber nun wurde sie unfreiwillig Zeugin eines Gesprächs zwischen Laura und Melanie. Die beiden hatten offenbar nicht gehört, dass sich die Tür erneut geöffnet hatte, und unterhielten sich über die Kabinenwände hinweg über Katharina und ihren Chef.

»Der Alte steht auf sie, kein Zweifel. Vermutlich holt er sich in seinem Büro auf ihren OP-Bericht einen runter. Für mich hat es jedenfalls noch nie Champagner gegeben.«

»Vielleicht denkt er, der Alkohol würde ihr Herz zum Schmelzen bringen.«

»Unmöglich, sie ist eiskalt. Du könntest ihr Herz ins Höllenfeuer werfen, und dem Teufel würden vor Schreck die Klauen abfrieren. Sie heißt nicht umsonst die Eisprinzessin«, hatte Laura geheimnisvoll geflüstert, und dann hatten beide Frauen gelacht.

Eigentlich hatte Katharina vor den Kabinen warten und ihnen eine Ohrfeige verpassen wollen, aber dann hatte sie sich doch dagegen entschieden und war leise aus der Toilette geschlichen. Sie hatte schon früh im Leben gelernt, dass sie mehr Macht hatte, wenn die anderen nicht ahnten, was sie alles wusste.

Doch dieses Wissen machte auch sehr einsam. Katharina hatte kein Problem damit, allein zu sein, das hatte sie noch nie gehabt. Aber wie sollte sie das nur Robin beibringen?

Er war jung, dreizehn Jahre jünger als sie, und gerade das machte ihr ein bisschen Hoffnung, dass es nicht allzu schwer wäre, ihn irgendwann wieder loszuwerden. Vermutlich wollte er ohnehin nur vögeln, und dass sie in der Hierarchie weit über ihm stand, verschaffte ihm einen gewissen Nervenkitzel. Robin war Krankenpfleger auf der Kinderstation, und Katharina schätzte gutes Pflegepersonal. Aber sie wusste auch, dass Männer langfristig nicht damit klarkamen, wenn eine Frau im Job deutlich erfolgreicher war als sie selbst. Vor anderthalb Jahren hatte sie einen Zahnarzt gedatet, aber die Beziehung lief nur so lange gut, bis er erfuhr, dass sie Herzchirurgin war und nicht etwa Krankenschwester, wie sie bis dato behauptet hatte. Natürlich berief er sich beim Schlussmachen auf die Lüge, die sie ihm monatelang aufgetischt hatte, aber insgeheim wusste Katharina, dass ihr Status das eigentliche Problem war. Männer mochten Grundschullehrerinnen, Altenpflegerinnen und Stewardessen.

Nur weil sie sich sicher war, dass er sie irgendwann fallen lassen würde, hatte sie sich überhaupt auf die Sache mit Robin eingelassen. Aber es sah nicht danach aus, als wollte er sie schon heute ausmustern. Stattdessen half er ihr in die Jacke und massierte liebevoll ihre verspannten Schultern. Katharina musste sich zusammenreißen, die Berührung nicht allzu sehr zu genießen, und befreite sich schließlich aus seinem Griff.

Als sie ihre Tasche nahm und sich zur Tür drehen wollte, hielt Robin sie am Handgelenk zurück.

»Ich dachte, ich könnte vielleicht mit zu dir kommen.«

Katharina blieb für einen Moment die Luft weg. Mitkommen? Zu ihr nach Hause? Das war doch lächerlich. Bisher hatten sie immer nur hier in der Klinik Sex gehabt – und sie hatte wirklich nicht vor, das zu ändern.

»Tut mir leid, ich bin hundemüde …« Sie versuchte krampfhaft zu gähnen, kam sich dabei aber ziemlich hilflos vor.

Robin nickte verständnisvoll, doch enttäuscht wirkte er trotzdem. »Ich würde dich ja zu mir einladen«, murmelte er und kratzte sich verlegen das unrasierte Kinn. »Aber meine Mitbewohnerin hat sich in den Kopf gesetzt, ihre Räucherstäbchen künftig selbst herzustellen. Um Export-Emissionen zu vermeiden. In unserer Küche riecht es wie auf einer indischen Müllkippe …«

Mit einem Mal tat er Katharina leid. Er meinte es wirklich gut, das konnte sie sehen. Sie musste nur irgendwie dafür sorgen, dass er es am Ende nicht zu gut meinte. Aber dafür brauchte sie Zeit und ein bisschen Ruhe, heute würde sie es jedenfalls nicht mehr hinkriegen.

»Wir holen das ein andermal nach, versprochen. Jetzt will ich einfach nur schlafen.« Zum Trost hauchte sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und griff nach der Türklinke.

»Katharina?« Robin hielt sie ein weiteres Mal zurück.

Als sie sich erneut zu ihm umdrehte, schob er verlegen die Hände in die Hosentaschen und kaute auf seiner Unterlippe herum wie ein Schuljunge, den man bei einem dummen Streich erwischt hatte.

»Was denn?«

»Nichts«, fuhr er unsicher fort. »Ich wollte nur sagen … Meine Schwester heiratet demnächst.«

Katharina runzelte verständnislos die Stirn, aber dann ahnte sie, worauf er hinauswollte. »Du kannst sicher mit deinem Chef reden. In solchen Fällen ist Sonderurlaub kein Problem …«

»Ich will keinen Sonderurlaub«, fiel Robin ihr ins Wort. »Ich hab mir gedacht … Also, ich hab mich gefragt, ob …« Er vergrub die Hände noch ein bisschen tiefer in seinen Hosentaschen und holte Luft, als könnte er dadurch Mut schöpfen. »Ich wollte wissen, ob du mich vielleicht begleiten möchtest.«

»Zu … der Hochzeit deiner Schwester?« Mit einem Mal hatte Katharina das Gefühl, dass der Boden unter ihren Füßen wegrutschte. Ihr Herz pochte so wild, dass sie husten musste.

Robin zog den Riemen seiner Kuriertasche über der Schulter stramm. »Sie heiratet am Freitag in drei Wochen. Es ist nur eine kleine Feier auf dem Standesamt, aber ich habe gesehen, dass du an dem Tag auch frei hast. Und ich fände es wirklich toll, wenn du meine Eltern kennenlernen würdest …« Er lächelte sie vorsichtig an. »Was meinst du?«

Was sie meinte? Katharina hatte beim besten Willen keine Ahnung, was sie meinen sollte – sie konnte ja nicht mal mehr mit Sicherheit sagen, ob sie noch zuverlässig atmete.

»Ich … ich …« Verdammt! Sie konnte doch jetzt nicht rumstammeln wie ein kleines Mädchen! Gefasst presste sie die Lippen zu einem schmalen Lächeln zusammen. »Ich kann leider nicht.«

Auf Robins Gesicht zeichnete sich im Bruchteil einer Sekunde Enttäuschung ab. »Nicht?«

Katharina schüttelte den Kopf. »An dem Freitag wird meine Nichte getauft, deshalb habe ich frei.«

»Das wusste ich nicht …« Robin wirkte für einen Moment überrascht, aber dann schlich sich das jungenhafte Grinsen zurück auf sein Gesicht. »Dann eben beim nächsten Mal.«

»Beim nächsten Mal«, wiederholte Katharina seine Worte und hoffte inständig, dass er nur diese eine Schwester hatte.

Sie lächelte und verschwand endlich zur Tür hinaus.

Im Grunde wusste sie genau, dass es kein nächstes Mal geben würde. Denn dass Robin sie seinen Eltern vorstellen wollte, war ein Problem. Und Probleme waren da, um gelöst zu werden.

3

Eva

Noch immer keine Nachricht von Judith! Eva zog die Schlafzimmertür hinter sich zu und blickte angespannt auf ihr Handy. Wenigstens hatte sie Katharina endlich erreicht. Warum verstanden ihre Schwestern nicht, dass das alles verdammt viel Arbeit war? Nur weil sie Hausfrau und Mutter war, hieß das noch lange nicht, dass sie den ganzen Tag Milch für ihren Cappuccino aufschäumte und auf ihre frisch manikürten Fingernägel blies. Das hier war ein Fulltime-Job!

Katharina und Judith arbeiteten zwar auch Vollzeit, aber im Gegensatz zu ihr konnten die beiden nach getaner Arbeit einfach nach Hause gehen und die Füße hochlegen – Judith hatte an manchen Tagen sogar schon am Vormittag Schulschluss! Ava, Bella und Carla hingegen kannten keinen Feierabend. Sie interessierten sich nicht dafür, ob Eva müde oder gar krank war, und in der Regel ließen sie sich auch von geschlossenen Türen nicht aufhalten. Dass Eva jetzt einen kurzen Moment Ruhe genießen konnte, hatte sie einzig und allein dem Kinderkanal und einer Tüte Dinkelcracker zu verdanken.

Hastig versah sie Katharinas Namen auf der Gästeliste mit einem Haken. So wie sie ihre älteste Schwester kannte, würde sie ohne Begleitung kommen, denn sie machte sich nicht viel aus Männern – nein, eigentlich machte sich Katharina nicht viel aus Menschen.

Judith hingegen würde sie vermutlich noch ein bisschen zappeln lassen. Obwohl Eva das wusste, ärgerte sie sich darüber. Sobald ihre Schwester auch nur ein bisschen Oberwasser hatte, nutzte sie das gnadenlos aus. So war es immer schon gewesen, ihr ganzes Leben lang. Dabei konnte Eva doch wirklich nichts dafür, dass sie neun Minuten vor Judith das Licht der Welt erblickt hatte! Sie hatte die hübsche Stupsnase ja nicht aus Bösartigkeit immer ein Stück weiter vorne gehabt als ihre eineiige Zwillingsschwester, das musste Judith mittlerweile doch verstanden haben, immerhin waren sie längst keine Kinder mehr.

Miriam hatte leider schon vor Wochen abgesagt. Eva hatte sie angerufen, um nach ihrer aktuellen Postanschrift zu fragen, aber Mimi hatte sie freundlich zurückgewiesen.

»Du kannst dir die Briefmarke sparen, Schwesterherz. Ich komme sowieso nicht.«

»Du kannst nur absagen, wenn du wenigstens eine Einladungskarte in den Händen gehalten hast«, hatte Eva geantwortet und versucht, ihre Empörung zu verbergen.

Aber Miriam hatte trotzdem nur glockenhell in den Hörer gelacht. »Ach, Evalein. Du weißt doch, dass ich mir aus solchen Dingen nichts mache, daran ändert auch ein gewöhnliches Stück Papier nichts. Aber mit dem Herzen bin ich jederzeit bei euch.«

Ein gewöhnliches Stück Papier? Eva musste sich auch jetzt, Wochen nach dem Telefonat, noch auf die Zunge beißen vor Ärger. Ihre Einladungen waren alles andere als gewöhnlich! Sie hatte extra eine Agentur mit dem Design beauftragt, der Schriftzug auf der Vorderseite war per Hand mit Blattgold aufgetragen worden. Sogar ihre Schwiegermutter hatte anerkennend genickt – und das bedeutete so ziemlich das Gegenteil von gewöhnlich!

Das Problem mit Miriam war, dass man ihr nicht böse sein konnte – gegen sie war selbst Eva machtlos.

Mimi war schon immer durch und durch das Nesthäkchen gewesen, fünf Jahre jünger als Eva und Judith, ein ausgelassenes Kind, das jeden Tag als neues Abenteuer wahrnahm. Daran hatte sich auch heute, da sie fast achtundzwanzig war, nichts geändert. Nur mit ihrem Handy bewaffnet reiste sie planlos durch die Welt und lebte von dem, was ihr Rucksack hergab – und von der Nächstenliebe wildfremder Menschen.

Eva konnte sich so ein Leben beim besten Willen nicht vorstellen. An irgendetwas musste man sich doch festhalten, und wenn es kein Mann war, dann doch wenigstens der eigene Kühlschrank. Beim Gedanken an Essen und das Frühstück, für das sie bisher keine Zeit gefunden hatte, fiel ihr ein, dass sie sich heute noch gar nicht gewogen hatte. Sie hatte gestern Abend nur eine Handvoll Rohkost gegessen, das musste sich auf jeden Fall bemerkbar machen.

Für einen Moment legte sie das Ohr an die Schlafzimmertür: immer noch alles still im Flur. In Windeseile zog Eva die Waage unter dem Ehebett hervor und schlüpfte hastig aus ihren Klamotten. Sie legte sogar ihre Armbanduhr und das Zopfgummi ab, bevor sie auf die Waage stieg.

Der Blick aufs Display versetzte ihr einen Schlag in die Magengrube. Das konnte doch nicht sein! Eva hielt die Luft an und zog verzweifelt den Bauch ein, aber auch das änderte nichts. Wie konnte sie denn bitte ein halbes Kilo zugenommen haben, wo sie seit gestern kaum etwas gegessen hatte?

Sie ließ sich aufs Bett sinken und blickte auf die wulstigen Ringe hinunter, die ihren Bauchnabel verschluckten. Vor sechs Monaten war Carla noch unter ihrer Bauchdecke gewachsen, und sie wusste, dass es eine Weile dauerte, bis sich der Körper von den Strapazen der Schwangerschaft und der Geburt erholte. Das Problem war nur, dass ihrer diesmal mehr Zeit brauchte, als sie zur Verfügung hatte.

Nach den Geburten von Ava und Bella hatte sie keine zwei Monate gebraucht, um wieder ihr Vorschwangerschaftsgewicht zu erreichen. Thomas’ Schwester Cynthia hatte erst vor vier Wochen ihren zweiten Sohn zur Welt gebracht und sah schon wieder aus wie ein abgenagter Hühnerknochen – dabei stillte sie den Kleinen nicht mal! Eva hingegen legte Carla pausenlos an, und sie hatte auch Ava und Bella hingebungsvoll mit Muttermilch versorgt. Mutter zu werden war vielleicht nur ein biologischer Vorgang, aber Mutter zu sein – das war ein Schwur fürs Leben. Eva hatte nicht vor, ihre Kinder jemals im Stich zu lassen.

Wenn nur der verfluchte Bauch nicht wäre! Wütend griff sie in ihre Speckröllchen und kniff zu, bis ihr Tränen in die Augen stiegen. Fünfundzwanzig Tage. So lange dauerte es noch, bis Carlas Taufe stattfand und sie sich den Blicken der kritischen Verwandtschaft stellen musste. Fünfundzwanzig Tage blieben ihr noch, um ihren Körper auf Vordermann zu bringen. Vielleicht konnte sie ja ein paar Tage auf feste Nahrung verzichten? Sie wusste, dass Fasten Auswirkungen auf die Qualität der Muttermilch hatte, aber sie hatte in den letzten Wochen so fleißig abgepumpt, dass Carla sicher auch eine Weile mit Reserven versorgt werden konnte.

Entschlossen schlüpfte Eva in ihre Unterwäsche und schnappte sich Jeans und Shirt, um ins Bad zu gehen und sich noch kurz frisch zu machen. Doch kaum hatte sie die Schlafzimmertür geöffnet, wich sie mit einem gellenden Schrei zurück.

»Bist du verrückt geworden?« Auch Maribelle taumelte einen halben Meter rückwärts und fasste sich schwer atmend ans Herz. »Du kannst mich doch nicht so anschreien!«

Eva starrte ihre Schwiegermutter sprachlos an und verdeckte ihren halbnackten Körper hilflos mit den Kleidungsstücken in ihrer Hand. »Ich … wusste nicht, dass du hier bist.«

Maribelle fächerte sich vorwurfsvoll Luft zu. »Bin erst vor zwei Minuten gekommen.«

Eva musste schlucken. »Aber wer hat dich reingelassen?«

»Reingelassen?« Maribelle schnaubte. »Das klingt ja, als wäre ich ein Hund, der an der Tür kratzt und um Einlass bettelt.« Sie lachte auf, aber Eva merkte genau, dass sie nicht amüsiert war. »Niemand hat mich reingelassen, Liebes. Thomas hat mir einen Schlüssel nachmachen lassen.«

»Er hat was?«

»Er meint, ich könnte dich vielleicht etwas unterstützen. Mit den Kindern und der Vorbereitung der Taufe …« Vielsagend blickte sie an Eva hinab. »Aber vielleicht ziehst du dir erst mal was über?«

Als Eva in die Küche kam, hatte ihre Schwiegermutter bereits Kaffee aufgesetzt.

»Ich bin übrigens gerade noch rechtzeitig gekommen«, erklärte sie ungefragt, während sie die Blumen am Fenster mit einem Zerstäuber befeuchtete. »Ava hatte sich ins Arbeitszimmer geschlichen und war gerade dabei, Thomas’ Modellflieger aus dem Regal zu nehmen. Du weißt, wie sehr Thomas an seinen Modellen hängt.«

Natürlich wusste Eva das, jeder in dieser Familie wusste es. Genauso wie alle wussten, dass er die fragilen Flugzeuge und Sportwagen irgendwann seinem Sohn vermachen wollte – dem Sohn, den sie noch immer nicht zur Welt gebracht hatte. Angespannt ging Eva auf die Spüle zu, griff sich einen nassen Lappen und wischte einen eingetrockneten Milchfleck vom Frühstückstisch.

»Sie wollte sicher nur damit spielen.«

Maribelle drehte sich zu ihr um und hob die Augenbrauen. »Aber doch nicht mit Thomas’ Modellen!« Seufzend stellte sie den Zerstäuber zurück in den Schrank und warf Eva einen mitfühlenden Blick zu. »Hast du mal über ein Kindermädchen nachgedacht?«

»Ich brauche kein Kindermädchen.« Eva bemühte sich krampfhaft um einen freundlichen Ton. »Ich bin ihre Mutter!«

»Natürlich, und du bist eine ganz wundervolle Mutter«, pflichtete Maribelle ihr bei. »Aber es würde dich sicher etwas entlasten, meine Liebe.«

»Danke, dass du dich derart um mich sorgst, aber ich brauche keine Entlastung.« Obwohl der Fleck längst verschwunden war, rieb Eva noch immer hartnäckig über die Stelle auf dem Tisch.

Entlastung? Das war ja wohl ein Scherz! Als ob ihre Töchter eine Last wären! Eher würde sie ihre Finger in die neue Küchenmaschine stecken, als ihre eigenen Kinder in die Obhut anderer Menschen abzuschieben. Diese Art von Mutter war sie nicht, diese Art von Mensch war sie nicht!

»Nun ja …« Maribelle stieß ein Seufzen aus und lehnte sich an die Kochinsel. »Ich habe Ava mit Thomas’ Modellen erwischt und Bella mit einer Tüte Chips vor dem Fernseher aufgefunden, als ich kam. Und Carla lag in diesem Käfig …«

Eva richtete sich ruckartig auf und krallte die Finger in den feuchten Lappen. Ruhig bleiben, sie musste ruhig und vor allem freundlich bleiben, denn alles andere würde man ihr als Schwäche auslegen. Und schwach war sie ganz sicher nicht!

»Das waren keine Chips, sondern Cracker aus Dinkelmehl. Ohne Salz und Zucker.« Sie rang sich ein Lächeln ab und legte den Lappen zurück in die Spüle. »Und Carla liegt nicht in einem Käfig, sondern im Laufgitter. Ich habe die drei nur ganz kurz alleine gelassen.«

»Um nackt durchs Schlafzimmer zu tanzen?«

Eva hielt die Luft an und versuchte, ihr Lächeln noch einmal geradezurücken. »Um mir frische Wäsche zu holen. Das ist doch nicht verboten, oder?«

Maribelle war der schrille Unterton in ihrer Stimme wohl nicht entgangen. Mitfühlend legte sie den Kopf schief. »Natürlich, Liebes. Ich wollte dich nicht unter Druck setzen, es tut mir leid.« Sie schenkte eine große Tasse Kaffee ein und drückte sie Eva beinahe liebevoll in die Hand. »Was hältst du davon, wenn du gleich eine Runde joggen gehst?«

»Joggen?«

Maribelle lächelte. »Ich bin ja jetzt hier und kann mich um die Mädchen kümmern.«

»Eigentlich habe ich gar keine Zeit, joggen zu gehen …« Eva klammerte sich an die warme Kaffeetasse wie an einen Rettungsring, doch Maribelle legte ihr bereits die Hände auf die Schultern.

»Lass dir einen Rat geben, von Frau zu Frau: Es ist niemals ratsam, sich allzu lange gehen zu lassen.« Der Blick, den sie an Evas Körper hinunterwandern ließ, sprach Bände.

Eva war viel zu perplex, um etwas zu erwidern – da zog Maribelle bereits die Hände weg und drehte sich zu ihrer Handtasche um.

»Ich hab dir was mitgebracht!« Schnell zog sie ein kleines Döschen aus der Tasche und drückte es Eva in die Hand. »Wenn es brennt, kannst du ruhig zwei Stück auf einmal nehmen. Glaub mir, Liebes: Die Pfunde purzeln schneller, als du ›Lifting‹ buchstabieren kannst.«

Diätpillen. Eva konnte nicht glauben, dass sie so tief gesunken war. Aber vielleicht meinte Maribelle es wirklich nur gut, wie Thomas immer behauptete? Vielleicht wollte sie tatsächlich nur das Beste für sie, wollte, dass sie endlich wieder mit sich zufrieden sein konnte? Aber warum fühlte sich dann jedes noch so nette Wort ihrer Schwiegermutter so furchtbar schlecht an, so schmerzhaft, beleidigend und bösartig?

Eva liebte Thomas, sehr sogar. Und obwohl sie in den letzten Monaten nicht viel Gelegenheit für Zweisamkeit gehabt hatten, war sie sich sicher, dass das noch immer auf Gegenseitigkeit beruhte. Er hatte sie immerhin geheiratet, obwohl sie weder den Namen noch den Abschluss mitgebracht hatte, der einem eigentlich die Türen zum inneren Kreis der Familie Metzler öffnete.

Vor fünf Jahren erst hatte Eva den Job als Rechtsanwaltsgehilfin in der traditionsreichen Kanzlei Metzler & Söhne angetreten. Hätte Wilhelm Metzler geahnt, dass sich sein ältester Sohn schon nach zwei Wochen in die neue Hilfskraft verlieben würde, hätte er Eva vermutlich niemals eingestellt, sondern direkt an der Tür abgewimmelt.

Eva hatte natürlich von Anfang an gespürt, dass sie Wilhelm und Maribelle nicht gut genug war für ihren geliebten Thronfolger, dass sie sich eine bessere Partie gewünscht hätten. Aber sie war erst achtundzwanzig gewesen und davon ausgegangen, dass sie Thomas’ Familie mit der Zeit schon von ihren Qualitäten würde überzeugen können. Immerhin war sie bereit, alles zu geben – und vor allem hatte sie vor, alles richtig zu machen.

Aber sie hatte sich geirrt. Egal, wie sehr sie sich bemühte, das Richtige zu sagen und zu tun, für Thomas’ Familie war sie doch immer nur die Tippse geblieben. Daran hatte nicht einmal die Geburt der Kinder etwas geändert. Noch immer ertappte Eva ihre Schwiegermutter gelegentlich dabei, wie sie Thomas auf Kanzlei-Events und Familienfeiern potenzielle Zweitfrauen vorstellte.

»Das ist doch Unsinn!«, hatte Thomas ein ums andere Mal gesagt, wenn Eva ihn hinterher mit ihren Gedanken konfrontiert hatte, und dann hatte er sie vorsorglich geküsst und mit ihr geschlafen. Aber Eva war sich sicher, dass sie richtiglag. Maribelle und Wilhelm würden sie, ohne mit der Wimper zu zucken, den Hunden vorwerfen, wenn sich ihnen nur die Gelegenheit dazu böte.

Deshalb musste Eva jetzt stark sein. Bei Carlas Taufe in dreieinhalb Wochen musste sie umwerfend aussehen! Keiner dieser Aasgeier sollte einen Grund haben, sich das Maul über sie zu zerreißen – vor allem aber sollte niemand Verständnis dafür haben, wenn Thomas sich tatsächlich in eine Affäre stürzte.

Entschlossen warf sie die Dose mit den verdammten Pillen in die Schublade ihres Nachttisches und zog die unbenutzten Turnschuhe aus dem Schrank. Sie hatte sie schon vor Monaten gekauft mit der Absicht, etwas für ihren Körper zu tun – und jetzt war der Moment gekommen, ihren guten Vorsatz in die Tat umzusetzen. Umständlich band Eva die Schuhe zu, schnappte sich ihr Handy und lief los.

Natürlich war sie nicht alleine unterwegs. Das Wetter war fabelhaft, und die Strecke rund um die Außenalster gehörte zu den beliebtesten Laufrouten Hamburgs. Eva hatte noch nicht einmal das Ende der Isestraße erreicht, als sie bereits das Gefühl hatte, ihr Herz würde ihr den Brustkorb zerreißen. Als sie auf den Leinpfad abbog, schnaufte sie wie eine Dampflok. Selbstverständlich hätte sie früher damit anfangen können, wieder Sport zu treiben, aber ihr Gynäkologe hatte ihr dringend davon abgeraten.

»Sie sollten Ihrem Beckenboden Zeit geben, sich gründlich zu erholen – sonst brauchen Sie am Ende nicht nur Windeln für Ihre Kleinen.« Er hatte gezwinkert und gelacht, und Eva hatte natürlich mit eingestimmt. Dabei hatte sie schon nach Bellas Geburt tunlichst darauf geachtet, nicht zu husten oder gar zu niesen, wenn sie unterwegs war.

Aber jetzt konnte sie auf ihren Beckenboden keine Rücksicht mehr nehmen. Sie musste endlich diesen Bauch loswerden, selbst wenn sie hinterher auf wattierte Einwegschlüpfer angewiesen war.

Eva beschleunigte das Tempo, konnte aber nicht verhindern, von einer fünfköpfigen Seniorengruppe überholt zu werden. Mittlerweile hatte sie heftiges Seitenstechen und sah vermutlich nicht besonders glücklich aus.

»Benötigen Sie Hilfe?«, fragte ein besorgter Läufer mit gigantischen Kopfhörern auf den Ohren, während er leichtfüßig an ihr vorbeizog.

Eva schüttelte ächzend den Kopf. Der Kerl würde ihre Antwort unter den Riesendingern ohnehin nicht verstehen, und außerdem blieb ihr nicht genug Luft für Worte. Sie brauchte keine Hilfe, sie brauchte ein Fett-Weg-Wunder!

Auf Höhe der Sierichstraße vibrierte plötzlich das Handy in der Tasche ihrer Sporthose. Vielleicht hatte sich Judith endlich bequemt zu antworten? Eva schnaubte. Judith würde warten müssen, sie würde ihren Lauf jedenfalls ganz sicher nicht ihretwegen unterbrechen!

Doch dann wurde sie unsicher. Was, wenn es Maribelle war? Wenn die Mädchen sie vermissten oder – schlimmer noch – ihnen etwas zugestoßen war? Hektisch zerrte Eva an dem schmalen Reißverschluss. Als sie das Handy endlich in der Hand hielt und beim Laufen einen Blick darauf warf, hielt sie die ganze Sache zunächst für einen Irrtum. Die Nachricht, die auf dem Bildschirm aufleuchtete, kam nicht etwa von Judith, sondern von Miriam.

Eva las sie ein zweites und drittes Mal. Es waren nur drei Worte, aber die konnten unmöglich wahr sein! Das musste ein Scherz sein, ein Missverständnis – vielleicht hatte Miriam sich vertippt?

Evas Herz stolperte derart aus dem ohnehin schon überhöhten Takt, dass sie vergaß, endlich stehen zu bleiben, und stattdessen blindlings in einen Radfahrer hineinrannte. Der Zusammenstoß warf sie zu Boden, während der Radler nur kurz schlingerte und dann schimpfend weiterfuhr.

Eva wimmerte und tastete atemlos nach ihrem Handy, das ihr beim Sturz aus der Hand gerutscht war. Sofort waren ein paar Fußgänger zur Stelle und boten ihre Hilfe an. Doch Eva wollte keine Hilfe, sie wollte nur ihr verdammtes Handy! Als sie es endlich zu fassen bekam, zuckte ein heftiger Schmerz durch ihr Handgelenk. Aber war das jetzt nicht nebensächlich? Waren Knochenbrüche nicht vollkommen egal angesichts der Nachricht, die Miriam ihr geschickt hatte?

Das konnte nicht sein, das durfte nicht wahr sein! Eva zog die schmerzenden Knie an und hielt sich das Telefon krampfhaft vors Gesicht. Sie zitterte und spürte, dass sie anfing zu hyperventilieren.

Ausatmen, einatmen, ausatmen!

»Geht es Ihnen gut?«

»Alles in Ordnung?«

Eva hörte die Stimmen der Passanten wie durch eine Wand. Ob es ihr gut ging? Sie blinzelte die Umstehenden mit leerem Blick an. Dann sah sie zurück auf ihr Handy und las die Nachricht ein weiteres Mal.

»Hannah kommt zurück …«, murmelte sie und ließ das Telefon ungläubig sinken.

Nein, es ging ihr nicht gut. Mit einem Mal war ihr speiübel.

Wie konnte nach dieser Nachricht noch irgendetwas in Ordnung sein?

4

Miriam

Miriam rutschte müde auf dem Beifahrersitz hin und her und versuchte, eine halbwegs bequeme Position zu finden, aber irgendwie wollte ihr das heute nicht gelingen.

»Hey, kein Grund nervös zu werden.« Leo grinste schief und setzte den Blinker, um die Spur zu wechseln. »Ich habe nicht vor, dich umzulegen und an der nächsten Tankstelle zu verscharren.«

Miriam rollte mit den Augen, konnte sich aber ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Sie war schon unzählige Male per Anhalter gereist und wusste, vor welcher Art von Männern sie Angst haben musste. Leo gehörte definitiv nicht dazu.

»Schon mal darüber nachgedacht, dass ich dich umlegen und irgendwo vergraben könnte?« Miriam hob eine Augenbraue und blickte ihn vielsagend an.

Leo musterte sie einen Augenblick amüsiert und zuckte dann mit den Schultern. »Es gibt schlimmere Arten zu sterben.«

Miriam musste lachen. Leo war nicht ihr Typ, aber sie hätte ihm vermutlich trotzdem eine Chance gegeben, wenn die Umstände anders gewesen wären. Das Grübchen neben seinem Mundwinkel war auf jeden Fall ganz süß, und er bemühte sich sehr darum, dass sie sich wohlfühlte an seiner Seite. In den knapp fünf Stunden, die sie nun schon bei ihm im Auto saß, hatte er ihr schon drei Mal seine belegten Brote angeboten und dafür gesorgt, dass keine unangenehme Stille zwischen ihnen aufkam. Mit Sicherheit war er sogar einer von diesen Menschen, mit denen man hervorragend schweigen konnte, aber dafür kannten sie sich nicht gut genug.

»Du gibst mir ein Zeichen, wenn du auf die Toilette musst?«