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Ein spektakulärer Raub erschüttert Speyer: Das kostbarste Exponat des Historischen Museums der Pfalz - die älteste Weinflasche nördlich der Alpen - soll als Leihgabe nach Wien überführt werden. Doch der Römerwein wird noch auf der Salierbrücke aus einem gepanzerten Transporter gestohlen. Zurück bleiben ein toter Wachmann und ein Rätsel, das Polizei, LKA und internationale Experten gleichermaßen vor Herausforderungen stellt. Während der Druck für Kriminalhauptkommissar und Soko-Leiter Achill wächst, stürzt sich Gästeführer Sartorius in eigene Nachforschungen.
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Seitenzahl: 394
Veröffentlichungsjahr: 2026
Uwe Ittensohn
Weinfluch
Kriminalroman
Raub am Rhein Bei einer Leihgabe des Historischen Museums der Pfalz nach Wien verschwindet das wertvollste Ausstellungsstück, der weltberühmte Römerwein aus dem 4. Jahrhundert – der älteste Wein nördlich der Alpen –, auf spektakuläre Weise. Ein Transporter mit der Flasche wird mitten auf der Rheinbrücke in einem perfekt organisierten Raub überfallen, ein Wachmann stirbt bei der Aktion. Für Kriminalhauptkommissar und Soko-Leiter Achill beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Während ihm ein LKA-Spezialist und ein Wiener Versicherungsdetektiv das Leben schwer machen und der Druck von außen wächst, tauchen im Internet Weinproben auf, die angeblich aus der gestohlenen Flasche stammen. Gästeführer André Sartorius ermittelt heimlich weiter. Eine Spur führt an einen romantischen Ort an der Weinstraße , eine andere in die Welt exklusiver Weinsammler – und bald wird klar: Die Jagd nach dem Jahrtausendwein ist erst der Anfang eines gefährlichen Spiels um Geld und Gier …
Uwe Ittensohn, in Landau/Pfalz geboren, ist vielseitig engagiert: Krimischriftsteller, Autor für Weinliteratur, anerkannter Berater für deutschen Wein, Kultur- und Weinbotschafter sowie Hochschuldozent. Er lebt in Speyer, wo er ein denkmalgeschütztes Stiftsgebäude sanierte und sich um den historischen Klostergarten kümmert, in dessen schattigen Winkeln er auch die Muße zum Schreiben findet. Mit seinem schriftstellerischen Wirken will er die Kultur, Lebensart und den im Herzen der Pfälzer verankerten Hang zu Wein und Genuss über die Grenzen der Region hinaus bekannt machen. Uwe Ittensohn ist Mitglied der Schriftstellervereinigung Syndikat.
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Sandra Lode / Daniel Abt
Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Image Source / iStock.com
ISBN 978-3-7349-3606-7
Wo aber der Wein fehlt, stirbt der Reiz des Lebens.
Euripides, griechischer Dramatiker
Die Ermittler und ihr Anhang:
André Sartorius: privater Schnüffler und Gästeführer in Speyer
Irina Worobjowa: BWL-Studentin und Sartorius’ Mieterin
Frank Achill: Kriminalhauptkommissar bei der Mordkommission Ludwigshafen, daneben Andrés Freund
Verena Bertling:Kriminaloberkommissarin und rechte Hand Achills
Jonas: Mitglied in Achills Team
Kriminalhauptkommissar Bernd Scherer: Kollege und Freund von Achill im Kriminaldauerdienst (KDD) des Polizeipräsidiums Ludwigshafen
Kriminalhauptkommissar Tom Köhler: Leiter von Kommissariat 14 (K14), Vermögensdelikte
Kriminalhauptkommissar Anton Trabold: Leiter der Kriminaltechnik, von allen »Tatort-Toni« genannt
Polizeihauptkommissar Oliver Alt: Achills Freund bei der Wasserschutzpolizei Ludwigshafen
Professor Doktor Astrid Schmollinger-Backhaus:Direktorin des Rechtsmedizinischen Instituts der Uni-Klinik Mainz
Polizeidirektor Andreas Metzger: Polizeipräsident am Polizeipräsidium Ludwigshafen
Oberstleutnant Leopold Scheidlmayr:Referatsleiter beimLandeskriminalamt Wien
*
Die Museumsszene:
Professor Doktor Wolfgang Brahms: Direktor des Historischen Museums der Pfalz in Speyer
Doktor Bastian Streiter: Sammlungsleiter des Weinmuseums
Doktor Susanne Mercator:StreitersStellvertreterin Sammlungsleiterin Dom- und Diözesanmuseum
Professor Doktor Ignaz Haberleitner: Versicherungsdetektiv und vereidigter Kunstsachverständiger im Auftrag der Unitas Wert und Kunst Assekuranz AG
*
Sonstige Beteiligte:
Paul Sedlacek:Wachmann
Hermann Haschek:Fahrer des Werttransporters
Harry Kern: Bauunternehmer
Oskar Kern: sein Vater
Doktor Tatjana Vranik: Lebensmittelchemikerin
Igor Komarow: russischer Universalkrimineller
Anika Raps: Bürgermeisterin von Speyer
Bernhard Schrival: Stadtrat in Speyer
Professor DoktorDominik Durner: Professor für Önologie und Lebensmitteltechnologie am Weincampus Neustadt
Speyer, Montag, 15. Juli 2024, 11.30 Uhr
Doktor Bastian Streiter, Sammlungsleiter des Weinmuseums im Historischen Museum der Pfalz, befand sich in einer Art Dämmerschlaf. Wahrnehmungsfetzen segelten durch sein Bewusstsein wie umherfliegende Vögel. Zu fern, um sie zu erkennen, zu schnell, um sie festzuhalten.
Schwüle Wärme. Etwas über ihm strahlte Hitze ab wie die Heizschlange eines Backofens. Keine Luft zum Atmen. Er konnte seinen Mund nicht öffnen. Dabei wollte er ihn gierig aufreißen, um das Sauerstoffdefizit auszugleichen. Rückenschmerzen, als wäre sein Leib seltsam in sich verdreht. Überall nur Dunkelheit um ihn herum. War er erblindet? Wo war er? Er musste Susanne anrufen. Wie spät war es? Waren Stunden oder Tage vergangen, seit er losgefahren war?
Er hatte unbändigen Durst.
*
»Meine sehr verehrten Gäste, wir kommen nun gleich zum großen Finale unserer heutigen Stadt- und Museumsführung.« André Sartorius, Gästeführer in seiner Heimatstadt Speyer, liebte es, stets etwas Dramatik in seine Führungen zu legen. So auch hier im Historischen Museum der Pfalz, wo eine mit einer Weinprobe kombinierte Stadtführung gleich im Wappensaal enden würde.
»Wo kenne m’r jetzt no zom Esse nohganga?«, blökte ein Teilnehmer der schwäbischen Reisegruppe lauthals dazwischen.
Es war Zeit, dass der Rundgang bald endete. Die vier großzügig eingeschenkten Probegläser, die Bestandteil dieser speziellen Wine-and-History-Führung waren, hatten die Teilnehmer bei den sommerlich heißen Temperaturen gierig konsumiert. Und nun sah man das Ergebnis. Alle waren unkonzentriert und schwatzten und es fiel ihm von Minute zu Minute schwerer, sich Gehör zu verschaffen.
André beschleunigte seine Schritte, gleich würde er – mit der Vitrine eines der neben dem Domschatz wichtigsten Exponate des Museums im Rücken – die Gäste aus seiner Obhut entlassen.
Mit einer schwungvollen Geste lud er sie ein, sich ein letztes Mal vor ihm zu gruppieren, während er gleich etwas zum sogenannten Römerwein im Schaukasten hinter ihm erzählen würde.
»In der Vitrine hinter mir sehen Sie den ältesten in einer Flasche erhaltenen Wein nördlich der Alpen«, sagte er ehrfürchtig.
Entgegen der sonst an dieser Stelle zu hörenden anerkennenden »Ohs« und »Ahs« blieb es eigenartig still. Im Gegenteil – aus den Gesichtern der Gäste war eher so etwas wie ungläubige Verwunderung zu lesen.
War die Weinprobe etwa so üppig ausgefallen, dass man keinen Sinn mehr für dieses einzigartige Exponat hatte?
»Der hot sich abber no gud g’halde«, platzte einer der Schwaben heraus, was die anderen mit Gelächter quittierten.
»Ja, in der Tat, eine Mischung aus Olivenöl und Bienenwachs hat den klaren Weinrest am Boden vorm Verdunsten geschützt«, versuchte André wieder Aufmerksamkeit zu erlangen.
»Vor ällem au des Edikett und d’r Schraubverschluss, schaue aus wie nei«, fügte der grinsende Schwabe hinzu.
»Äh, wie meinen Sie das?«, fragte André irritiert und wandte sich zur Vitrine um.
Seine Augen weiteten sich, als er sah, was sich da hinter ihm im Schaukasten befand.
Ludwigshafen/Speyer, Montag, 15. Juli 2024, 11.35 Uhr
Kriminalhauptkommissar Bernd Scherer vom Kriminaldauerdienst des Polizeipräsidiums Ludwigshafen klang gestresst, als er bei seinem Kollegen Frank Achill von der Mordkommission anrief.
»Könntest du mal schnell auf die Parkinsel kommen? Hier ist die Hölle los. Wir haben hier eine Wasserleiche mit leerem Pistolenholster und Hunderte Badegäste drum herum, die ihre Handtücher ausbreiten wollen. Wir müssen das großräumig absichern. Nicht auszudenken, wenn so ein kleiner neugieriger Badepimpf die Waffe findet und hier mit geladener Pistole rumrennt. Und bring Verstärkung mit.«
Achill räusperte sich. »Großräumig absichern? Bei einem Strandabschnitt, der zwei Kilometer lang ist? Wie soll das gehen ohne die BePo?«
Scherer lachte. »Dein Problem. Hiermit gebe ich den Fall feierlich in die bewährten Hände des K11. Ihr seid für Todesfallermittlungen zuständig. Und die Bereitschaftspolizei um Unterstützung zu bitten, wird dir leichterfallen als einem kleinen KDD-Frontschwein wie mir.«
Achill schnaubte. Wieder mal so ein Fall, der schon in den ersten Minuten nach Ärger roch. Scherer hatte natürlich recht. Es war eindeutig richtig, den Fall in seine Zuständigkeit zu übergeben. »Okay, aber ich will mir das erst mal selbst anschauen, bevor ich die Kavallerie rufe. Wo genau liegt die Leiche?«
»Sie wurde auf den etwas breiteren Strandabschnitt genau unterhalb des Geländes geschwemmt. Dort, wo demnächst wieder die Filmfestspiele über die Bühne gehen.«
Achill kannte die Stelle. Schließlich war er selbst regelmäßig Gast beim jährlich auf der Ludwigshafener Parkinsel stattfindenden Festival des deutschen Films.
»Und wer hat den Toten gefunden?«
»Ein Rentnerpärchen, das schon früh mit seinem Dackel unterwegs war. Ich hab sie dabehalten. Sie sind aber ziemlich von der Rolle.«
»Glaubst du, dass sie was mit dem Toten zu tun haben?«
»Nein, bestimmt nicht. So wie der aussieht, hat er schon etwas länger im Wasser gelegen. Ich gehe davon aus, dass er nicht hier gestorben, sondern angeschwemmt worden ist.«
»Dann nimm ihre Personalien auf und schick sie nach Hause.«
»Die Daten hab ich schon.«
»Kannst du bereits was über den Toten sagen?«
»Na ja. Irgend so einer mit einer Fantasieuniform, die ich noch nie gesehen habe, etwa 35 Jahre alt, keine äußeren Verletzungen. Die Kollegen von der Kriminaltechnik haben schon seine Taschen durchwühlt, keine Papiere, nur ein nasses, wahrscheinlich defektes Smartphone. Er heißt Paul Sedlaczek.«
»Und woher weißt du das, wenn er keine Papiere hat?«
Scherer lachte. »Der Herr trägt freundlicherweise ein Namensschild auf der Brust.«
»Wie zuvorkommend«, erwiderte Achill.
»Ich muss jetzt Schluss machen. Beeil dich damit, die Bereitschaftspolizei anzufordern. Mit den Kräften, die ich hier vor Ort habe, werden wir diesen endlosen Strand nicht absperren können. Und freu dich, eben ist deine spezielle Freundin von der Rechtsmedizin eingetrudelt.«
»Du meinst Schmoba?«
»Ganz recht, die Chefin höchstselbst gibt sich die Ehre.«
»Auch das noch. Wir sind in zehn Minuten bei dir«, sagte Achill. Bertling und er standen schon, um sofort aufzubrechen.
*
Zur gleichen Zeit huschte im Museum in Speyer Andrés Blick unstet zwischen der billigen Rieslingflasche – die augenscheinlich aus einem Discounter stammte – und der Vitrine, die mit »Der Römische Wein von Speyer« beschriftet war, hin und her.
Während er sich das, was er da sah, noch immer nicht erklären konnte, braute sich in seinem Rücken Unheil zusammen.
»Da glotzt’r, d’r Chef«, gluckste der vorhin schon durch seine spöttischen Bemerkungen aufgefallene Schwabe. »Ond da sagetse ämmer, mir Schwobe, däded an ällem spare …«
»Das hat sicherlich, also ich meine, ich bin überzeugt, dass es dafür eine einfache Erklärung gibt«, stammelte André und merkte nicht, dass hinter ihm eine junge Frau in den Raum gekommen war.
Sie hatte die Situation erfasst und grinste schelmisch.
»Ich denke, ich kann das aufklären. Unser Römerwein macht ein paar Monate Urlaub im schönen Wien.« In den Händen vor sich hielt sie ein Schild mit der Aufschrift »Entliehen an die Antikenabteilung des Kunsthistorischen Museums Wien«, das sie nun sorgfältig mit ein paar Klebestreifen an der Vitrine befestigte. »Und verzeihen Sie uns bitte diesen kleinen Scherz mit der Rieslingflasche.«
Ludwigshafen/Speyer, Montag, 15. Juli 2024, 11.58 Uhr
Die Ludwigshafener Parkinsel war ein gut zwei Kilometer langer, vom Rhein umflossener Landbogen. Man hatte ihn Ende des 19. Jahrhunderts wie mit einer Schere durch den neu angelegten Luitpoldhafen vom südlichen Stadtgebiet abgeschnitten. Eigentlich war die Parkinsel nur eine Halbinsel. An der rückwärtigen Seite zum Hafen hin war sie über einen schmalen Damm und mehrere Brücken weiterhin mit der Kernstadt verbunden. Während sich an der Hafenseite Luxusvillen drängten, bestand die Rheinseite aus einer weitläufigen Parkanlage. An sie schloss sich zum Rheinufer hin ein rund zwei Kilometer langer Kiesstreifen an. Über weite Strecken war dieser nicht breiter als ein Gehweg. Unterhalb des Festivalgeländes verbreiterte er sich zu einem ausgedehnten Kiesstrand. Auch wenn der Rhein hier wegen der Strömung nicht zum Baden und Schwimmen einlud, war es in dieser Jahreszeit ein beliebter Ort zum Sonnenbaden, Planschen, Ballspielen und Ähnlichem.
Die Strecke vom Polizeipräsidium zu dem von Scherer genannten Strandabschnitt betrug rund einen Kilometer. Während der kurzen Fahrt hatte Kriminaloberkommissarin Verena Bertling, Achills langjährige Kollegin und rechte Hand, bereits die Wasserschutzpolizei um Amtshilfe gebeten und an den Fundort bestellt.
»Was hat er mit Fantasieuniform gemeint?«, fragte Bertling, als Achill sie auf den aktuellen Stand gebracht hatte.
»Keine Ahnung, ich hab nicht nachgefragt. Hatte sofort das Bild eines Nachtwächters von irgendeinem Industriegelände flussaufwärts vor Augen, das mag aber vorschnell gewesen sein.«
Bertling lachte. »Wer von uns sagt immer: ›Bloß keine voreiligen Schlüsse ziehen‹?«
»Hast ja recht, aber manchmal spielt einem die Fantasie einen Streich und füllt – ohne dass man sich dessen immer gleich bewusst wird – die Wissenslücken mit irgendwelchen Bildern.«
»Na dann. So selbstkritisch erlebt man dich auch nicht oft.«
Bertling verstummte, als Achill auf dem Parkweg oberhalb des genannten Strandabschnitts anhielt. Mehrere Streifenwagen, zwei graue Transporter der Kriminaltechnik sowie ein Kombi mit Mainzer Kennzeichen – das Dienstfahrzeug der Rechtsmedizinerin – zogen ihre Blicke auf sich.
»Großes Aufgebot«, kommentierte Achill missgelaunt.
Bertling wusste, wie wenig er es schätzte, quasi als Letzter an einen Fundort zu kommen, an dem es vor Kollegen und Passanten nur so wimmelte.
Sie stiegen aus und gingen die wenigen Schritte zum Strand. Einige Streifenpolizisten versuchten, den mit rot-weißem Flatterband abgesperrten Bereich zu erweitern. Dass ihnen dabei die frische Brise mehrfach das Band aus den Händen riss, trug zur Erheiterung der reichlich vertretenen Badegäste bei. Alle starrten sie gebannt zum Fundort.
»Was ist das denn hier? Sind wir auf einem Volksfest?«, schnarrte Achill in Richtung eines der Streifenkollegen.
»Was solle mer donn mache? Mir sinn nur zu acht«, gab der Mann resigniert zurück.
Zum Glück hatten die Kollegen der Kriminaltechnik Sichtschutzwände um den Fundort aufgestellt. So war wenigstens der Tote vor den Blicken der Gaffer geschützt.
Die Streifenbeamten kannten Achill und Bertling und ließen sie passieren.
*
Zur gleichen Zeit klopfte Susanne Mercator, die stellvertretende Projektverantwortliche für die Leihgabe des »Römerweins« an die Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums Wien, an die Tür ihres Vorgesetzten. Ohne auf Antwort zu warten, betrat sie das Büro des Museumsdirektors, Professor Doktor Wolfgang Brahms.
»Versuche schon eine halbe Stunde, den Kollegen Streiter zu erreichen. Er nimmt nicht ab«, platzte es aus ihr heraus.
Brahms schaute auf. »Aber das GPS-Signal in der Kiste müssten Sie doch empfangen?«
»Ja, tue ich.«
»Und?«
»Nach Plan. Sie sind auf der vorgesehenen Strecke und befinden sich jetzt kurz hinter Linz.«
»Na, passt doch. Sonst irgendwelche Auffälligkeiten?«
»Nein, sie haben die geplanten Zeiten ungefähr eingehalten.«
»Und was beunruhigt Sie dann?«
»Na ja, ich hab mit dem Kollegen Streiter ausgemacht, dass ich ihn im Laufe des Vormittags anrufe.«
»Vielleicht ist sein Smartphone ja ausgeschaltet oder der Akku ist leer. In der Aufregung heute Nacht hat er möglicherweise vergessen, ihn aufzuladen.«
»Hmm«, schnaubte Mercator, die noch nicht vollständig beruhigt schien.
»Und die Erschütterungssensoren? Was zeigen die an?«
»Geht so. Am Anfang gleich nach dem Losfahren gab’s mal einige Ausschläge, die noch innerhalb der Toleranzgrenzen lagen, aber sonst ist alles okay. Trotzdem macht mich jede Erschütterung verrückt. Hoffentlich passiert dem Exponat nichts. Wir hätten diese Leihgabe nie zulassen sollen. Es war ein Fehler.«
»Jetzt fangen Sie wieder damit an«, brummte Brahms ungehalten. »Wir haben das doch ausgiebig diskutiert und selbst Streiter als zuständiger Sammlungsleiter hat keine Bedenken gehabt. Schließlich ist das auch nicht schlimmer als das, was wir der Flasche beim kommenden Umbau zugemutet hätten. Staub, Erschütterungen und das Hin-und-her-Geräume wären für das Exponat auch nicht gerade von Vorteil gewesen. So macht es ein Jahr Urlaub, und wenn es zurückkommt, zieht es in neue saubere Räumlichkeiten ein.«
Mercator blieb wortlos stehen. Man sah ihr an, dass sie nicht restlos beruhigt war.
»Denken Sie nur, welche Vorkehrungen wir getroffen haben. Den luftgefederten Spezialtransporter, die Kiste, eine Maßanfertigung, die nach den neusten Erkenntnissen schockabsorbierend konstruiert wurde. Und das ganze Polstermaterial. Am Ende war sie so groß wie eine Waschmaschine. Da kann nichts schiefgehen. Und wenn sie in zweieinhalb Stunden in Wien angekommen sind, wird sich Kollege Streiter bestimmt sofort melden.«
»Ihr Wort in Gottes Ohr«, erwiderte Mercator und verließ mit skeptischem Blick den Raum.
Ludwigshafen, Montag, 15. Juli 2024, 12.18 Uhr
»Da Sie mich das sowieso gleich fragen werden, hier meine ersten Erkenntnisse. Das ausführliche Gutachten folgt wie immer, wenn dieser Patient auf dem Tisch gelegen hat. Das wird beim derzeitigen Aufkommen an echten oder vermeintlichen Hitzetoten nicht vor Freitag passieren können.« Wie immer sprach Schmolliger-Backhaus mit dem für sie charakteristischen Singsang aus gelangweilter Gutachterstimme und leichtem rheinhessischen Dialekteinschlag.
»Hmm«, brummte Achill missgelaunt. Er hatte es nach jahrelanger Erfahrung mit ihr und ihrer eselsgleichen Sturheit aufgegeben, sie um eine Beschleunigung der Vorgänge zu bitten. »Okay, dann schießen Sie mal los«, sagte er stattdessen und fügte sich in sein Schicksal, warten zu müssen.
»Also, der Herr hat wohl schon seit acht bis zwölf Stunden im Wasser gelegen. Da ich auf den ersten Blick keine äußeren Verletzungen gefunden habe und aufgrund dieses sogenannten Schaumpilzes …« Sie wies mit dem Kugelschreiber in ihrer Hand auf eine weißliche Schaumansammlung zwischen den Lippen des Toten. »… tippe ich auf Ertrinken als Todesursache.«
Achill nickte stumm. Wenn Schmoba schon mal auskunftsfreudig war, wollte er sie auf keinen Fall bremsen.
»Dieser Schaumpilz ist ein typisches Zeichen für die Aspiration – also das Einatmen von Wasser, das sich dann mit Bronchialsekret vermischt. Fakt ist, dass er definitiv nicht postmortal in den Rhein gelangt ist. Das Fehlen von Tierfraß ist ein sicheres Zeichen, dass er mehr oder weniger ohne größere Liegezeiten an anderen Strandabschnitten hier angespült wurde. Er hat nur leichte Treibspuren an der Hand – also abrasive Verletzungen durch Kontakte mit spitzen Steinen oder Ähnlichem.« Sie wies mit ihrem Kugelschreiber auf eine Schramme an der schrumpeligen Haut der Hand. »Fazit: Er hat wohl eine gute Reise bis hierher gehabt.«
»Gibt es Spuren von Fremdeinwirkung?«
»Jedenfalls keine, die ich im bekleideten Zustand sehen kann. Ich werde natürlich den Bauchbereich, an dem man oft Druckstellen von Geländern oder Ähnlichem findet, untersuchen. Ich werde auch einen intensiven Blick auf den Rücken werfen. Möglicherweise gibt es ja Hämatome, die zeigen, dass er gestoßen worden ist. Abwehrspuren an den Händen sehe ich keine. Auch die Nägel sind auf den ersten Blick nicht im Einsatz gewesen.« Schmolliger-Backhaus schmunzelte über ihre ungewohnt flapsige Bemerkung.
»Hmm. Sonst irgendwelche Auffälligkeiten?«, unternahm Achill einen weiteren Versuch.
»Na ja, da ist das da.« Sie wies mit dem Kugelschreiber auf die rechte Wange des Toten.
»Und was ist da?«
Schmollinger-Backhaus lachte. »Na ja, für den Laien schwer zu erkennen, aber die rechte Wange ist nicht ganz so blass wie die linke. In den Kapillargefäßen scheint es Einblutungen gegeben zu geben. Ich tippe darauf, dass er aus größerer Höhe mit der Wange auf die Wasseroberfläche aufgeschlagen ist.«
»Sie meinen, er ist von einer Brücke gesprungen?«
Schmollinger-Backhaus lächelte gönnerhaft. »Das haben Sie gesagt. Ob Brücke oder sonst was Erhöhtes, ob gesprungen oder gestoßen, das müssen schon Sie rausfinden.«
In diesem Augenblick nahm Achill das leise Wummern eines Außenborders wahr, der ein Schlauchboot der Wasserschutzpolizei gegen die Strömung in stabiler Position parallel zum Ufer hielt. Als er aufblickte, winkte ihnen der Kommandant der dreiköpfigen, mit blauen Schwimmwesten ausgestatteten Bootsbesatzung zu sich. »Hallo Frank, man hat uns gesagt, ihr sucht die Waffe von dem da?« Er wies auf die Wasserleiche zu Achills Füßen.
»Ach Oliver, du bist’s. Hallo. Ich hab noch nicht verinnerlicht, dass du vom Betrug zur Wasserschutzpolizei gewechselt bist.«
»Ist ja auch erst ein Jahr her«, sagte der Beamte im Boot nachsichtig lächelnd.
»Ganz recht. Er trägt ein leeres Holster. Soll ich eine Hundertschaft alarmieren und den Uferbereich absperren?«
»Nicht nötig, die Strömung hier reicht nicht aus, um eine Waffe hochzuspülen. Wenn sie hier irgendwo aus dem Holster gerutscht ist, liegt sie noch im Wasser zwischen den Ufersteinen. Befindet sie sich im tiefen Wasser, geht ohne Taucher sowieso nichts. Das wäre dann wie die berüchtigte Suche nach der Nadel im Heuhaufen und fast mit Sicherheit erfolglos.«
»Verstehe.«
»Ich schlage vor, wir fahren den Uferbereich langsam mit dem Boot ab und einer von euch flankiert uns vom Ufer her. Dabei müssten wir sie finden, wenn sie im Uferwasser liegt.«
»Okay, klingt nach einem guten Plan. Danke, Oliver«, sagte Achill und wandte sich ab, um einen der Streifenkollegen zu bitten, die Wasserschutzpolizei von Land her zu unterstützen.
Während Achill am Ufer auf die Ergebnisse der Suche der Wasserschutzpolizei wartete, hatte sich Bertling in den Dienstwagen zurückgezogen und nutzte die Wartezeit zum Recherchieren. Sie wollte herausfinden, zu welcher Sicherheitsfirma der Tote gehört hatte. Dazu hatte sie das Logo auf der Brust des Uniformhemdes des Ertrunkenen mit dem Tablet abfotografiert. Es war eine sitzende Frau mit einer Art Kugel in der Hand. Sie versuchte nun mit der Bildersuchfunktion, den Namen der Firma zu ermitteln.
Zuerst fand sie heraus, dass das Logo die Securitas zeigte. Eine Personifikation der Sicherheit in der römischen Mythologie. Wenig später fand sie das zugehörige Sicherheitsunternehmen. Es war die Inter Securitas Protect SE, die dieses Logo führte. Per Mail richtete sie eine förmliche, eilbedürftige Anfrage an die Zentrale in Wuppertal, ob ein Paul Sedlaczek auf deren Gehaltsliste stand und wo er derzeit eingesetzt wurde.
Ludwigshafen/Speyer, Montag, 15. Juli 2024, 15.00 Uhr
Dieses Mal verzichtete die sonst so höfliche Susanne Mercator aufs Klopfen und stürmte einfach so ins Büro von Professor Brahms.
»Wir konnten das GPS-Signal bis ans Kunsthistorische Museum verfolgen, dann war es verschwunden«, platzte es aus ihr heraus, während rote Flecken auf ihrem Hals zum Vorschein kamen. »Er geht noch immer nicht ans Handy«, schob sie hektisch nach.
»Das ist doch alles erklärbar. Die Kiste ist ins Untergeschoss des Kunsthistorischen Museums verbracht worden, durch das alte Gemäuer kommt kein GPS-Signal durch. Und Kollege Streiter hat alle Hände voll damit zu tun, den Transport zu überwachen und das Personal dort zu instruieren. Er hat einfach andere Sorgen, als zu telefonieren«, versuchte Brahms, seine Mitarbeiterin zu beruhigen.
Mercators Unterlippe begann zu vibrieren. Die sonst so gelassene Frau drohte die Fassung zu verlieren. »Die Museumsleitung in Wien hat mich angerufen, der Transporter ist überfällig und die Sicherheitsfirma kann den Fahrer auch nicht erreichen.«
Sie zückte ein Taschentuch und verbarg ihre tränennassen Augen dahinter.
*
Die Antwort der Inter Securitas Protect SE kam überraschend schnell in Bertlings Eingangspostfach an. »Ein Paul Sedlacek ist weder bei uns beschäftigt noch uns bekannt.«
Auch Achills Suche nach der Dienstwaffe des Wachmanns gemeinsam mit der Wasserschutzpolizei war vergeblich. Und dies, obwohl man sich letztlich doch entschieden hatte, zusätzlich die Taucher der Bereitschaftspolizei für die etwas tieferen Uferbereiche einzusetzen. Er hoffte nur inständig, dass sie nicht schon im Besitz eines der Badegäste war.
*
Der Nebel im Gehirn von Doktor Bastian Streiters lichtete sich allmählich. Doch er wusste noch immer nicht, was ihn in diese Lage gebracht hatte, wo er sich befand und wie viel Zeit inzwischen vergangen war.
Dafür hatte er mittlerweile Klarheit darüber, dass man seine Hände mit breiten, stabilen Plastikbändern gefesselt hatte. Die Fesseln waren so eng, dass sich seine Finger schon taub anfühlten. Sie ließen kein Abstreifen oder Zerreißen zu. Nach nur wenigen Versuchen waren seine Handgelenke wundgerieben.
Die gute Nachricht war, dass er eine Plastikflasche mit Wasser gefunden hatte, die schlechte, dass er sie aufgrund der gefesselten Hände nur mit Mühe und unter Schmerzen zum Mund führen und durch den Knebel nur tropfenweise davon trinken konnte.
Noch einen beunruhigenden Umstand hatte er herausgefunden. Seine schmerzhaft verdrehte Körperhaltung und die Hitze rührten daher, dass man ihn zusammen mit einem weiteren leblosen, aber warmen Körper auf engstem Raum eingepfercht hatte.
Allein was die Art seines engen Gefängnisses anging, tappte er im Dunkeln. Es fühlte sich an wie eine glatte Kunststoffwanne. Dazu meinte er, unterschwellig einen Geruch nach Tier wahrzunehmen. Er war sich aber unsicher, ob es nicht ihre eigenen Ausdünstungen waren, die mittlerweile ein unangenehmes Stadium erreicht hatten.
Aufgrund der zwischenzeitlich massiv gestiegenen Temperatur tippte er – was die Tageszeit anging – auf Nachmittag.
Die drängendste Frage, die ihn beschäftigte, war: Wie sollte er je ohne fremde Hilfe hier rauskommen und wie lange würden er und sein unbekannter Leidensgenosse unter diesen Umständen überleben?
*
Als der Endfünfziger mit seinem Bericht fertig war, wartete er auf die Reaktion der beiden anderen im Raum.
»Ganz schöne Scheiße«, meinte die junge Frau neben ihm. »So hab ich mir das nicht vorgestellt. Ich will nichts mit Mord zu tun haben, das war nicht ausgemacht.«
»Das haben wir alle nicht gewollt«, konterte der weitaus ältere Mann daneben.
»Dem Richter wird das egal sein«, erwiderte sie mürrisch.
»Kinder, Kinder, was soll der Pessimismus? Wir haben, was wir wollten, und das ist das Wichtigste«, versuchte der Endfünfziger die anderen zu beruhigen.
»Aber zu welchem Preis?«, beharrte die junge Frau.
»Übertreib’s nicht. Bis es zum Richter geht, müssten sie uns erst haben. Und das wird nicht geschehen. Und selbst dann wird nichts an euch hängen bleiben.«
»Du verstehst mich falsch. Dein Plan ist gut, aber er fordert sehr viel von uns. Dagegen wirkt die Asche, die wir dafür kriegen, wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Vor allem wenn man bedenkt, was unser Ziel war.«
»Beruhigt euch. Das wird schon werden. Und wer sagt euch, dass etwas, das vier Millionen wert ist, auch vier Millionen einbringt?«
Die junge Frau schüttelte verständnislos den Kopf. »Was soll das heißen? Vertraust du meiner Idee der langfristigen Maximierung nicht?«
»Abwarten«, erwiderte der Endfünfziger. »Abgerechnet wird am Schluss. Und wer sagt euch, dass ihr den ganzen Plan kennt?«
Ludwigshafen/Speyer/Wien, Montag, 15. Juli 2024, 15.20 Uhr
Der Beamte der Polizeiinspektion Speyer wirkte genervt, als Professor Brahms in Begleitung von Doktor Mercator das Verschwinden des Werttransporters anzeigte.
»Und um was geht es jetzt eigentlich: Autodiebstahl oder Ladendiebstahl?«, fragte er treuherzig.
»Ladendiebstahl«, wiederholte Mercator sichtlich erregt. »Wie kommen Sie denn darauf?«
»Na ja, haben Sie nicht gesagt, es ginge um eine Flasche Wein?«
»Es ist der älteste Wein nördlich der Alpen und ein Exponat von höchster Wichtigkeit für unser Haus. Der Wert liegt im Bereich mehrerer Millionen Euro«, versuchte Professor Brahms, die Situation aufzuklären.
»Es geht nicht nur darum. Unser Kollege Herr Doktor Streiter saß mit im Wagen«, fügte Mercator mit besorgter Miene hinzu.
»Ah, Sie meinen, er hat mit dem Verschwinden etwas zu tun?«
»Nein, er ist das Opfer einer Straftat«, bemerkte Brahms, der zunehmend ungehalten wurde.
»Und wo soll das Ganze passiert sein?«, fragte der Beamte.
»In Wien.«
»In Wien?«
»Ja doch.«
»In Wien, in Österreich?«
»Welches Wien sonst?«
Der Beamte schüttelte den Kopf. »Ja, dann müssen Sie sich an die dortige Polizei wenden.«
*
»Scherer hat gesagt, die Polizei wurde um 9.45 Uhr wegen der Leiche am Kiesstrand alarmiert. Wenn man unterstellt, dass dies auch der Zeitpunkt war, zu dem sie angetrieben wurde, und wenn Schmoba mit ihren acht bis zwölf Stunden Abstand zum Todeszeitpunkt recht hat, dann war sie frühestens seit 21.45 Uhr im Wasser. Unterstellt man weiter, dass sie, ohne irgendwo festzustecken, durchgängig von der Strömung des Flusses mitgeschwemmt wurde, dann kann sie bei einer Fließgeschwindigkeit von durchschnittlich sechs Kilometern pro Stunde maximal 72 Kilometer getrieben worden sein«, führte Bertling mit dem Tablet-PC und geöffneter Landkarten-App vor sich auf dem Schreibtisch aus.
»Und wie kommst du auf die sechs Kilometer Fließgeschwindigkeit?«, fragte Achill.
»Die hab ich von deinem Freund Oliver von der Wasserschutzpolizei. Er meinte aber auch, dass Treibgut oft irgendwo hängen bleibt und erst wieder durch die Wellen eines vorbeifahrenden Schiffes freikommt.«
»Verstehe. Also sind die 72 Kilometer das absolute Maximum.«
»Ja, das wäre ungefähr so irgendwo in der Gegend vom elsässischen Lauterburg oder vom badischen Rheinstetten. Berücksichtigt man ferner, dass der Wachmann aus großer Höhe auf die Wasseroberfläche gefallen ist, könnte dies von einer der Rheinbrücken von dort bis Ludwigshafen passiert sein. Das wären die in Karlsruhe, Germersheim und die beiden Speyerer Brücken.«
»Machst du es dir da nicht zu einfach?«, widersprach Achill. »Was ist, wenn er von einem Ladekran oder von einem Kreuzfahrtschiff gefallen ist?«
»Hab ich mir auch überlegt. Aber Lastkräne gibt es nicht direkt am Flussufer. Dann müsste er in einen Hafen gestürzt und von dort in den Fluss abgetrieben worden sein. Das halte ich für unrealistisch.«
»Es würde aber zu der Wachmannuniform passen«, insistierte Achill.
»Dann wären da noch die Flusskreuzfahrtschiffe. Da sind zu dieser Jahreszeit einige auf diesem Flussabschnitt unterwegs. Aber erstens sind die nicht sonderlich hoch. Und zweitens hab ich noch nie gehört, dass die Wachleute an Bord haben«, fuhr Bertling fort.
»Aber wenn doch, ließe es sich schnell feststellen, ob ein Wachmann fehlt. So viele Reedereien sind das nicht, die in der letzten Nacht auf diesem Flussabschnitt ihre Schiffe angelegt haben oder dort rumgeschippert sind. Ich werde Oliver bitten, die mal anzufunken, das müsste recht schnell gehen.«
»Okay. Und ich werde bei den örtlichen Polizeiinspektionen und der Autobahnpolizei anfragen, ob es auf den Brücken irgendwelche Auffälligkeiten gegeben hat.«
*
Die kleine Delegation des Museums hatte sich schon vor einiger Zeit verabschiedet. Noch immer standen die beiden Streifenpolizisten zusammen und debattierten.
»Das musst du dir mal vorstellen, da fährt ein Wagen von Speyer nach Wien, verschwindet dort vom GPS und niemand darin geht ans Handy. Und dann kommt man zu uns? Demnächst sollen wir wohl auch noch Handtaschendiebstähle in Wien aufklären?«
Der andere Kollege lachte. »Für Mallorca melde ich mich freiwillig.«
»Typisch für diese vergeistigten Wissenschaftler. Wahrscheinlich hat der andere das Handy aus und geht deshalb nicht ran. Wenn wir von jedem angerufen werden würden, der gerade jemanden nicht erreicht …« Wieder schüttelte er den Kopf.
In diesem Augenblick trat der Leiter der Speyerer Polizeiinspektion auf sie zu.
»Hab gerade ’nen Anruf von so einem Stadtrat reingekriegt. Sein Auto wurde gestern gestohlen und ist heute wieder aufgetaucht.«
»Und wer hat den Diebstahl aufgenommen?«
»Niemand.«
»Wieso niemand? War es ihm egal, dass sein Auto weg war?«
»Nein, aber der Ort des Abhandenkommens war wohl das Problem. Der Wagen stand auf dem Parkplatz des Speyerer Bordells.«
Die Streifenpolizisten grölten. »Der feine Stadtrat hat also Speyers neustes Flatrate-Bordell ausprobiert und sich dabei den Wagen klauen lassen.«
»Ich erwarte absolute Diskretion, meine Herren«, mahnte der Inspektionsleiter. »Und jetzt los. Schrival heißt der Mann. Er steht bei seinem Wagen, hat wohl Angst, ihn aufzuschließen.«
Die beiden trollten sich wortlos und schüttelten im Hinausgehen die Köpfe.
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Im Kunsthistorischen Museum in Wien hatte man unterdessen zur Krisensitzung geladen. Um den Tisch saßen der Projektleiter für die Leihgabe sowie der Sicherheitschef, ein vierschrötiger Mann, den man so gar nicht in einem Museum vermutet hätte. Daneben der Vertreter des Werttransportunternehmens, Anton Swoboda, der aufgrund seines starken Akzents seine tschechischen Wurzeln kaum leugnen konnte.
»Die Deitsch’n sogn, sie hätt’n den Transpurta bis hierher verfoigt und ihr Begleita vom Museum tät si ned am Tölefon möd’n«, sagte der Sicherheitschef mit vorwurfsvollem Gesicht zum Transportverantwortlichen.
»Stimmt, Kolläge. Wir haben Signal bis hier Museum verfolgt. Mecht sagen, Ware ist angäkommen.«
Der Projektleiter schüttelte empört den Kopf, überließ es aber dem Sicherheitschef zu intervenieren.
»Nix iis a’kumma. Ka Transpurta, ka Woar.«
»Signal is aber hier. Siehst du, Kolläge.« Er hielt dem Mann sein Smartphone entgegen. Auf einem Satellitenbild zuckte eine tropfenförmige rote Markierung über dem Museumsgebäude. »Bewägt sich.«
»Jo, glaum’S, mir spazier’n mit der oiden Weinflosch’n durchs Museum?«, entgegnete der Sicherheitschef empört.
Der Mann von der Transportfirma zuckte mit den Schultern, schwieg aber. Offensichtlich hatte er keine Lust, den Unmut des Sicherheitschefs auf sich zu ziehen.
»Fong ma no amoi gonz von vurn o«, begann der Sicherheitschef sichtlich um Fassung bemüht. »Mir hom an GPS-Senda am Transpurta und mir hom an in der Kist’n mit da Flosch’n.«
Der Mann von der Transportfirma nickte.
»Und warum iis do nur a Tropferl? Schleicht Ihr Transpurta a durch unsa Museum?«
Auf das Gesicht des Angesprochenen legte sich eine rötliche Färbung. »Da is a kleines technisches Probläm, Kolläge. Mecht sagen, Signal von Wagen is kaputt. Aber nicht schlimm, wir haben Signal aus Kiste. Is Back-up, oder wie sagt man bei eich: ›besser hält, doppelt genäht‹.«
»Un mir zoi’n des Glump. Seit wann isses denn hie? Und seit wann geht da Foahra ned ons Handy?«
»Seit Bricke iber Rhein bei Speyer.«
»Oiso vo Onfang o?«
»Aber erste zwei Kilomäter is gegangen.«
Nun beugte sich der Projektleiter, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, angriffslustig nach vorne. »Entweder Sie übergeb’n mir in der nächst’n halb’n Stund das Exponat oder i wend mi an die Polizei. Basta.«
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Unterdessen war die Temperatur in Bastian Streiters Gefängnis ins Unerträgliche gestiegen. Sein schweißnasser Körper klebte förmlich an der Kunststoffwanne. Die beiden Wasserflaschen waren längst leer. In dem beschränkten Maße, wie es seine gefesselten Hände und die Enge zuließen, hatte er auch das Gesicht des Mannes neben sich mit Wasser besprengt, mehr ging nicht. Er war immer noch bewusstlos. Mittlerweile wuchs bei Streiter die Ungewissheit, ob er sich dessen flache Atemzüge nur einbildete und ob das, was er wahrnahm, dessen Körperwärme oder sein eigener überhitzter Körper war, der sie abstrahlte.
Am Anfang hatte er versucht, zu schreien oder durch Klopfen auf sich aufmerksam zu machen. Es war vergeblich, wobei er durch den Knebel sowieso nur zu einem heiseren Stöhnen fähig war. Auch das Treten und Stoßen an die Wanne wirkte eher gedämpft und es war fraglich, ob es außerhalb dieses Gefängnisses zu hören war.
Ludwigshafen/Speyer/Wien, Montag, 15. Juli 2024, 15.50 Uhr
Der Sicherheitschef hatte die vergangene halbe Stunde genutzt, um das Museum mit der GPS-App, die er gleich auf mehreren Smartphones seiner Kollegen installieren ließ, zu durchforsten.
Sie wurden fündig.
Mit niedergeschlagenem Gesichtsausdruck erstattete er Meldung bei seinem Kollegen, dem Projektleiter. »Herr Magister …«, begann er stockend. »… mir san fündig g’word’n.«
Die Züge des Angesprochenen schienen sich etwas zu entspannen, entglitten jedoch beim nächsten Satz in einen Ausdruck höchster Enttäuschung.
»Wir ham den GPS-Sender in an Einkaufsackl im Gepäcknetz am Rollstui aner ölteren Besucherin g’fund’n.«
Der Sicherheitschef schluckte.
Der Projektleiter schlug mit der flachen Hand auf die Platte des antiken Tisches vor ihnen. Mit kreisenden Handbewegungen forderte er den Kollegen auf, endlich die weiteren Details preiszugeben.
»Sie gibt an, a junge Frau hätt ihr bei der Trepp’n g’holf’n und ihr dobei des Sackl zug’steckt.«
»Und wie hat sie ausg’schaut?«, fragte der Projektleiter.
»No jo, so um die ochtzig, graue Lock’n …«
»Wolln’S mi verarschen, die junge Frau natürlich!«
»No jo, Jeans und a dunkles Leiberl, blau, schworz oder grün. Sie wär groß g’wes’n, aber die Oide gibt an, dass sie sich dabei auch täusch’n könnt. Ihr Hoa wor mittellang, rötlich oder oachkatzerlbraun.«
Der Projektleiter schüttelte frustriert den Kopf. »Und die Kameras?«
»… ham die Übergab ned festg’holt’n. Mir ham der Dame die Aufnahmen der relevanten Kameras zeigt, sie hat die Frau nirgends wiedererkannt.«
»Jo, sauba, jetzt steh ma vor den Deitschen do wie die Deppen«, verfiel nun auch der Projektleiter in Wiener Slang.
»No jo, wenn des GPS vom Transporter scho auf der Rheinbrück’n ausg’falln is, samma eh raus. Soll’n si do die Deitsch’n drum kimmern.«
Der Projektleiter verzog ärgerlich das Gesicht. »Was nützt’s. Mir san allan für den sicheren Transport verantwortlich. Mir haften, egal wo’s passiert is.«
*
»Dein Oliver von der Wasserschutzpolizei hat sich zurückgemeldet«, sagte Bertling, nachdem sie ihr Handy vom Ohr genommen hatte.
»Und?«
»Nichts. Wie erwartet, gab es keine Sicherheitsleute auf den Kreuzfahrtschiffen, die den fraglichen Flussabschnitt befahren haben. Es fehlt auch sonst niemand von den Passagieren und der Crew.«
»Mhm«, brummte Achill.
»Er hat auch bestätigt, dass es außer den Rheinbrücken auf diesem Abschnitt keine über den Fluss ragenden, höheren Bauwerke gibt.«
»Mist. Und hat es auf den Brücken Auffälligkeiten gegeben?«
»Nein, bei den zuständigen Inspektionen sind keine Meldungen eingegangen.«
*
Die Streifenwagenbesatzung fuhr langsam auf den etwas versteckten Parkplatz nahe dem Bordell. Um diese Zeit waren wenige Autos dort abgestellt.
»Wohl noch keine Stoßzeit«, ätzte einer der Polizisten.
Sein Kollege lachte. Offensichtlich erheiterte sie die Aussicht, gleich einen sich bis in die Knochen schämenden Stadtrat zu treffen.
»Da vorn, das ist er, und der in der Ecke stehende blaue Pkw scheint sein Auto zu sein.«
Langsam fuhren sie mit dem Streifenwagen auf den Mann zu, parkten unweit von ihm und stiegen aus.
»Bernhard Schrival«, stellte sich der Mann mit geröteten Wangen vor. Seine Augen sprangen dabei unstet zwischen den Streifenpolizisten, seinem Wagen und der Parkplatzeinfahrt hin und her. Offensichtlich befürchtete er, dass weitere ankommende Besucher, die ihn kannten, seine Blamage noch vergrößerten.
Die Polizisten begrüßten ihn mit Handschlag und stellten sich mit Namen und Dienstgrad vor.
»Also, ich hab ihn gestern hier so gegen 22 Uhr geparkt, und als ich um 23 Uhr wiedergekommen bin, war er weg«, begann Schrival.
»Und wo waren Sie in der fraglichen Stunde?«, fragte der erste Polizist. Sein Kollege konnte sich dabei ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
»Da«, sagte Schrival heiser und wies mit einer fast unmerklichen Geste Richtung Bordell.
»Also im Bordell«, stellte der Polizist klar und machte sich auf einem Blöckchen eine Notiz.
Schrival nickte mit auf den Boden gesenktem Blick.
»Kann es sein, dass die Dame, die Sie besucht haben, mit der zeitweisen Entwendung etwas zu tun hat?«
»Nein, sie war ja die ganze Zeit bei mir«, antwortete Schrival treuherzig.
Nun mussten beide Polizisten grinsen.
»Und warum haben Sie den Diebstahl nicht gestern gleich zur Anzeige gebracht?«
»Na ja, ich war in Panik, meine Frau … ich brauchte Zeit zum Nachdenken.«
»Aha. Und warum sind Sie heute hierher zurückgekommen? War ja nicht unbedingt zu erwarten, dass Ihr Wagen wieder da sein würde.«
»Ich hab mir heute ausgemalt, dass das so eine Erpressernummer sein könnte. Der Wagen ist alt und für einen Dieb nicht gerade das Gelbe vom Ei. Dachte, man hat ihn vielleicht nur versteckt und gibt ihn mir, wenn ich ein paar Tausender zahle, zurück. Verstehen Sie, ich bin Stadtrat und würde einiges tun, um das hier geheimzuhalten.«
»Und warum haben Sie uns gerufen? Es scheint sich ja, warum auch immer, nun alles zum Guten zu wenden. Warum sind Sie nicht eingestiegen und einfach weggefahren?«
Schrival räusperte sich. Wieder färbten sich seine Wangen rot. »Na ja, da war dieses Geräusch.«
»Ein Geräusch? Wo?«
»Im Wagen«, erwiderte Schrival mit brüchiger Stimme.
»Was für ein Geräusch?«
»Na, so ein Klopfen im Kofferraum.«
»Und das sagen Sie erst jetzt«, brauste der erste Beamte auf. »Und Sie haben nicht nachgesehen?«
»Nein.«
Die Polizisten schüttelten synchron die Köpfe.
»Aber Sie haben doch einen Schlüssel?«
»Ja, klar.« Schrival griff in seine Hosentasche, beförderte einen Schlüsselbund ans Tageslicht und reichte ihn den Polizisten.
Die beiden gingen auf den Kofferraum zu. Schrival zog sich ängstlich zurück. Einer der Polizisten steckte den Schlüssel ins Schloss. Sein Kollege fingerte – wohl unschlüssig darüber, ob er seine Dienstwaffe ziehen sollte – am Pistolenholster herum.
Der Kofferraumdeckel schwang auf und die Augen des Beamten weiteten sich. »Ach du Scheiße!«, entfuhr es ihm.
*
»Und jetzt?«, fragte Mercator mit banger Miene Professor Brahms, nachdem sie vorhin ergebnislos von den Speyerer Polizeibeamten abgefertigt worden waren.
»Na ja, vielleicht hatten sie ja recht …«, antwortete er unschlüssig, »… und es ist wirklich Sache der Wiener Polizei? Was sollen die hier auch tun, wenn in Österreich ein Werttransporter verschwindet?«
»Ja schon, aber dafür gibt’s doch Europol.«
»Ich denke, bis man die einschalten kann, muss erst mal zweifelsfrei feststehen, dass der Wagen wirklich verschwunden ist.«
Mercator schüttelte verärgert den Kopf. »Was soll noch passieren, außer dass wir jeglichen Kontakt verloren haben und der Transporter nicht an seinem Ziel angekommen ist?«
Brahms schluckte. »Sie haben recht. Ich rufe noch mal in Wien an.«
Ludwigshafen/Speyer, Montag, 15. Juli 2024, 16.45 Uhr
Schrival sah, wie der Beamte in den offenen Kofferraum griff. Er vernahm daraus ein leises Stöhnen. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.
Nun ging alles sehr schnell.
»Mach sie los!«, befahl der Beamte seinem Kollegen. Dann riss er das Funkgerät vom Einsatzgürtel und kontaktierte die Leitstelle. »Zwei gefesselte männliche Personen mittleren Alters im Kofferraum des verdächtigen Fahrzeugs. Der eine ist bei sich, wirkt aber geschwächt, der andere ist bewusstlos mit schwachem Puls. Wir brauchen zwei RKW und am besten einen RTH, Verstärkung und die KT. Standort: Parkplatz am Bordell, Gewerbegebiet Süd in Speyer. Beeilung!«
In der Zwischenzeit hatte sein Kollege bei einem der beiden Männer die um die Handgelenke gelegten Kabelbinder und den Stoffknebel entfernt. »Sind Sie verletzt? Zwei Rettungswagen und ein Hubschrauber sind unterwegs.«
*
Es war nicht so einfach gewesen, den verantwortlichen Projektleiter des Kunsthistorischen Museums in Wien an die Strippe zu bekommen. Brahms hatte den Eindruck, dass dort heilloses Chaos herrschte und man sich nicht gerade darum riss, mit ihm zu telefonieren.
»Herr Professor Brahms, ich habe eine zugegebenermaßen etwas beunruhigende Nachricht für Sie. Der Transport mit Ihrer Weinflasch’n ist bei uns nicht angekommen. Jedenfalls nicht vollständig.«
»Nicht vollständig?«, schrie Brahms, dessen Geduld mittlerweile erschöpft war.
»Na jo, äh, wir haben hier zwar den GPS-Sender und den Erschütterungssensor, aber …«
»Und wer hat Ihnen den gebracht?«
»Die beiden Elektronikteile war’n im Gepäcknetz des Rollstuhls einer älteren Dame.«
»Was?«, schrie Brahms. Er sprang von seinem Schreibtischstuhl auf und tigerte rastlos durchs Büro. »Und die historische Weinflasche hat wohl zur Marschverpflegung dieser älteren Dame gehört«, tobte er.
Auch Mercator, die von einem der Besucherstühle dem Gespräch gefolgt war, erhob sich.
»Nein, keine Sorge, es gibt keine Erkenntnisse, dass dem Exponat etwas zugestoßen sein könnte.«
»Wie bitte? Unser Kollege ist mitsamt dem Exponat verschwunden und Sie sagen, es gibt keine Erkenntnisse, dass dem Exponat etwas zugestoßen sein könnte. Was ist das dann?«
»Äh, ich verstehe Ihre Aufregung. Wir warten ja auch auf entsprechende Neuigkeiten.«
»Wie? Sie warten? Und die Polizei?«
»Da wir Anlass zur Vermutung haben, dass der Transporter schon in Deutschland, sagen wir, vom rechten Weg abgekommen ist, sehen wir die Verantwortung eher bei Ihnen und der deutschen Polizei.«
»Und woher nehmen Sie diese Vermutung?«
»Der Verantwortliche des Transportunternehmens hat uns mitgeteilt, dass der Kontakt zu dem im Wog’n verbauten GPS-Sender, seit er über Ihre Rheinbrück’n g’fahrn is, weg war.«
Brahms’ Gesicht hatte eine unnatürlich rote Farbe angenommen, mit ausladenden Schritten preschte er ziellos durchs Büro.
»Und das sagen Sie mir jetzt. Etwas mehr als zwölf Stunden später?«
»Na ja, wir hatten ja noch den Sender in der Kist’n und der war auf der richtigen Route unterwegs.«
*
Nur 25 Minuten später glich der Parkplatz hinter dem Bordell einem Ameisenhaufen. So wie es aussah, hatten die Sexarbeiterinnen heute wohl einen freien Abend. Hier würde sich aufgrund der Polizeipräsenz kein Freier mehr hertrauen.
Blaulichter zuckten, am spektakulärsten aber war die Landung des Rettungshubschraubers gleich nebenan auf einer Rasenfläche.
Der eine unfreiwillige Passagier des Stadtrat-Pkws war einigermaßen wohlauf. Er war zwar dehydriert, hatte von der Sedierung starke Kopfschmerzen und wunde Handgelenke von den Fesseln. Trotzdem zog er es vor, mit wackligen Beinen aufzustehen und sich auf die Schwelle des Rettungswagens zu setzen. Hier wurde er von Kriminalhauptkommissar Bernd Scherer vom Kriminaldauerdienst befragt.
»Ich sage Ihnen doch, ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie ich in diesen Kofferraum gekommen bin. Auch über den anderen Herrn kann ich keine Angaben machen.« Er wies auf seinen Kofferraumgenossen, dem es weit schlechter ging als ihm und um den sich auf einer Bahre gleich mehrere Notärzte bemühten.
»Okay, Herr Doktor Streiter, das reicht für den Moment. Hoffen wir, dass Ihre Erinnerung in den nächsten Tagen wiederkommt. Wir lassen Sie nun ins Diakonissenkrankenhaus bringen, dort werden Sie gründlich untersucht und es wird alles dokumentiert. Ich werde umgehend Ihre Frau verständigen. Morgen wird eine Kollegin oder ein Kollege von mir zu einer ausführlichen Befragung zu Ihnen kommen.«
Auf Scherers Wink hin kamen zwei Sanitäter und halfen Streiter in den Wagen, wo man ihn auf die Liege packte und sicherte.
Scherer hingehen ging hinüber zu dem Bewusstlosen.
»Und, was ist mit ihm?«, fragte er einen der Notärzte.
»Na ja, dasselbe wie mit dem anderen, nur dass die Sedierung noch anhält. Entweder hat er mehr von dem Mittel abbekommen oder es schlägt bei ihm besser an. Dazu kommt die Dehydrierung. Dagegen hat er jetzt das hier …« Er wies auf eine Infusionsflasche mit Kochsalzlösung. »Seine Vitalfunktionen sind an sich ganz gut. Ich bin optimistisch, dass er wieder zu sich kommt. Wir schaffen ihn jetzt ins Krankenhaus.«
»Moment noch«, sagte Scherer und ging dem kleinen Tross hinterher. Er blieb neben der Liege stehen und seine Finger strichen über das Logo auf der Uniformjacke des Bewusstlosen – eine sitzende Frau mit einer Art Kugel in der Hand. Er war sich sicher, dass er das heute schon einmal gesehen hatte. Nur mit dem Unterschied, dass dieses Mal – wohl, weil es sich um die Jacke und nicht das Hemd darunter handelte – noch der Firmenname »Inter Securitas Protect SE Austria« dabeistand. Er hob die rechte Seite der Jacke an und entdeckte den aufgestickten Namen des Mannes »Hermann Haschek« auf dem Hemd.
Er schoss schnell zwei Handyfotos, bedeutete den Sanitätern, dass er fertig war, und rief Achill an.
Ludwigshafen/Speyer, Montag, 15. Juli 2024, 17.25 Uhr
Achill hatte es sich nicht nehmen lassen, nach Speyer zu kommen. Nur wenige Augenblicke danach kam ein Transporter der Spurensicherung auf den Parkplatz gerollt. Die Männer stiegen aus, vergewisserten sich bei Scherer, dass der Wagen mit dem geöffneten Kofferraum der richtige war, und begannen, ihr Equipment auszuladen.
Obwohl ihm Scherer die Fotos der Uniformjacke und des Hemds des Bewusstlosen schon gemailt hatte, ließ er sie sich noch mal von ihm zeigen. »Und du meinst, es war die gleiche Uniform wie die heute Morgen am Rheinufer?«
»Definitiv.«
Mit dem Zeigefinger deutete Achill auf die Stelle des Handybildes, an der der Firmenname mit dem Zusatz Austria stand. »Das erklärt, warum der deutsche Ableger dieser Firma den Toten vom Rheinufer nicht gekannt hat.«
»Der Wache der beiden aus dem Kofferraum, ein gewisser Doktor Streiter, hat etwas von einem Werttransport nach Österreich erzählt. Er sei ein Angestellter des Museums, der den Transport zu begleiten hatte. An das, was unterwegs passiert ist, kann er sich jedoch nicht erinnern.«
»Stopp! Ich denke, ich kann da was dazu beitragen«, mischte sich einer der beiden Streifenpolizisten ein.
Achill und Scherer fuhren herum.
»Und was?«, fragte Achill.
»Vorhin, so kurz nach drei, war der Direktor des Museums bei uns auf der Wache. Sie vermissen einen Transporter mit einer antiken Weinflasche, die auf dem Weg nach Wien war.«
»Und was haben Sie unternommen?«, schnarrte Achill.
»Nichts, da ist die Wiener Polizei zuständig.«
»Aha, und für das da wohl auch.«
»Nein, aber er hat gemeint, der Transporter wäre in Wien verschwunden.«
»Na ja, so allmählich wird ja ein Schuh draus.«
In diesem Augenblick vernahmen sie aufgeregtes Gezeter zwischen dem Stadtrat und dem zweiten Streifenpolizisten, der die Aufgabe hatte, ihn nicht aus den Augen zu lassen.
»Ich möchte jetzt gehen«, wiederholte Schrival nun zum zweiten Mal, während ihn der Polizist am Arm festhielt.
»Sie können dann gehen, wenn ich mit Ihnen fertig bin und die Kollegen der Spurensicherung Sie erkennungsdienstlich erfasst haben. Schließlich müssen wir Ihre Fingerabdrücke im Wagen von denen der Täter unterscheiden können«, mischte sich Achill mit barscher Stimme ein.
Schrival verstummte.
»Wird der Wagen noch von anderen Personen außer Ihnen gefahren?«
»Ja, von meiner Frau«, sagte Schrival mit gesenktem Blick.
»Dann brauchen wir auch Fingerabdrücke von ihr.«
Schrival schluckte. »Aber doch nicht hier …«
»Wenn Sie kooperativ sind, bringt Sie einer der Kollegen nachher nach Hause und erledigt das. Ihr Auto wird nach Ludwigshafen überführt werden müssen. Dort wird man sich intensiv kriminaltechnisch damit befassen.«
»Kollege Achill, kommen Sie mal bitte«, rief einer der Spurensicherer, der dabei war, Schrivals Kofferraum mit einer UV-Licht-Lampe auszuleuchten.
Achill und Scherer stellten sich an die Seite des jungen Mannes.
»Hier.« Er wies mit dem Zeigefinger in die Kunststoffwanne im Kofferraum. Dort waren im Licht der Lampe wolkenförmige Flecken zu sehen, die fast den kompletten Boden und Teile der Wände bedeckten.
»Das ist Blut«, sagte der Beamte zu Achill und Scherer, die mit ihren Blicken seinem Fingerzeig gefolgt waren.
»Aber von den beiden hat niemand geblutet«, meinte Scherer.
»Für frisches Blut bräuchten wir auch keine Lampe«, erwiderte der junge Spurensicherer.
Scherer schüttelte verärgert den Kopf. »Klugscheißer.«
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Im Präsidium nahm Bertling auf Basis der Fotos der Wachmann-Uniform Kontakt mit der österreichischen Niederlassung der Sicherheitsfirma auf. Als sie die Namen der beiden Wachleute nannte, leitete man sie direkt an den zuständigen Abteilungsleiter weiter.
»Swoboda, Anton Swoboda«, meldete sich ihr Gegenüber mit unüberhörbarem tschechischem Akzent.
»Kriminaloberkommissarin Verena Bertling, Polizeipräsidium Rheinpfalz. Wir haben heute zwei Ihrer Mitarbeiter gefunden«, leitete Bertling etwas unsicher ein. Sie wusste nicht, ob sie mit der Todesnachricht mit der Tür ins Haus fallen sollte.
»Frau von Zentrale hat gesagt, Kolläge Haschek und Kolläge Sedlacek. Mecht sagen, das freit mich.«
Bertling räusperte sich. »Leider muss ich Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass wir Herrn Sedlacek nur noch tot aus dem Rhein bergen konnten.«
