Weinmordrache - Dieter Wölm - E-Book
Beschreibung

Im Fassweinkeller des Schlosses Aschaffenburg hängt zwischen zwei Weinfässern Emil Franke. Mit Blut haben seine Mörder die Zahl 7887 an eines der Weinfässer geschmiert. Sein Dackel Oskar sitzt bellend bei dem Toten und weicht nicht von dessen Seite. Kommissar Rotfux kümmert sich um den Dackel und dieser wird zum treuen Begleiter des Kommissars. Während Rotfux in alle Richtungen ermittelt, geschieht ein weiterer Mord in einem Weinkeller. Wieder ist die Zahl 7887 mit Blut an ein Weinfass geschmiert …

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Dieter Wölm

Weinmordrache

Kriminalroman

Impressum

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www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75  / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Benjamin Arnold

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Michael Kutsche / Fotolia.comund © inkevalentin / Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5356-4

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1. Kapitel

Die Salafisten trugen dunkle Vollbärte. Vier junge Männer in weißen Kaftanen, mit gehäkelten Gebetsmützen auf dem Kopf, hatten sich hinter ihrem Infotisch aufgestellt. Einer war etwas größer und kräftig gebaut. Die anderen nannten ihn Malik und schienen sich an ihm zu orientieren. Erwartungsvoll beobachteten sie die Passanten. Zwei fast mannshohe Plakatständer neben ihrem Infotisch zeigten den Koran. Darunter glänzte das Wort »LIES« in großen goldenen Buchstaben. Auf dem Tisch stapelte sich der Koran in zahlreichen Exemplaren zur kostenlosen Verteilung. Der rote Teppich vor dem Infostand in der Herstallstraße gab der Aktion etwas Feierliches.

Kommissar Rudolf Rotfux hatte direkt gegenüber, neben dem Eingang von »Peek & Cloppenburg«, Position bezogen. Er war froh, dass der Wetterbericht nicht stimmte. Eigentlich hätte es regnen sollen, aber nur einige weißgraue Wolken zogen über den ansonsten blauen Himmel. Neben der Säule, die sich links vom Eingang des Modehauses in die Höhe reckte, stand er etwas geschützt, für alle Fälle jedenfalls. Hinter ihm glänzte die breite Fensterfront, in der schon die neueste Herbstmode dekoriert war. Rotfux trug wie meistens einen gelben Pullover zu sportlichen Jeans. Mit seinen 45 Jahren sah er flott aus, einer der begehrtesten Junggesellen von Aschaffenburg. Seine rotbraunen Haare waren kurz geschnitten, seine braunen Augen musterten die Umgebung lebhaft, man sah ihm an, dass er viel Sport trieb. Nach mehreren spektakulären Fällen, die er in den letzten Jahren gelöst hatte, kannte man und mochte man ihn. So grüßten einige Passanten freundlich, die am Samstagvormittag durch die Fußgängerzone spazierten. Manche blieben kurz stehen, andere nickten ihm zu und gingen dann zielstrebig ihres Weges. Dass sie jetzt auch in Aschaffenburg den Koran verteilen müssen, dachte Rotfux. Reichte es nicht, wenn die Salafisten in Köln oder sonst wo aktiv waren? Mussten sie ausgerechnet nach Aschaffenburg kommen, wo bestimmt niemand auf sie wartete? Rotfux machte sich ernsthaft Sorgen über diese Entwicklungen. Seit 2015 immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen, war eine Radikalisierung der Muslime das Letzte, was das Land gebrauchen konnte.

Neben Rotfux stand der dicke Oberwiesner, den der Kommissar schon über 20 Jahre kannte. Sie waren sich bereits während ihrer Ausbildung begegnet. Wie üblich trug Oberwiesner ein kariertes Hemd zu seiner dunklen Stoffhose. Er sah aus wie der Wirt einer Gutsschenke, war aber einer der findigsten Köpfe im Team von Kommissar Rotfux. Besonders beim Außeneinsatz beeindruckte der Dreizentnermann durch seine stattliche Statur. Seine kurzen Stoppelhaare gaben ihm trotz seiner Behäbigkeit etwas Dynamisches.

»Das hat uns gerade noch gefehlt«, brummte er. »Ich hoffe, es gibt keine Ausschreitungen.«

»Wir können es nicht ändern«, murmelte Rotfux. »Das Bauordnungsamt der Stadt hat den Infotisch der Salafisten genehmigt. Ich weiß auch nicht, was die sich manchmal denken.« Sein rotbrauner Oberlippenbart tanzte beim Sprechen auf der Lippe. Er beobachtete die Szene interessiert.

In einiger Entfernung, vor der kleinen Filiale der Bäckerei Hench, waren zwei Polizisten in Uniform zu sehen, welche die Aktion ebenfalls im Auge hatten. Rotfux kannte sie von verschiedenen Einsätzen und wusste, dass sie vom Staatsschutz beauftragt waren. Der Kommissar fragte sich, ob es Zufall war, dass die Salafisten ihren Infotisch direkt vor dem Juwelier Vogel aufgebaut hatten, einem der angesehensten Juweliergeschäfte Aschaffenburgs. Die wertvollen Auslagen im Hintergrund und die Schriftzüge von Wellendorf, Breitling und Rolex vermittelten eine Atmosphäre von Wert und Wichtigkeit, die sie möglicherweise für ihre Aktion nutzen wollten. Viel los war nicht am späten Samstagvormittag. Die meisten Passanten machten einen weiten Bogen um den Stand, keiner betrat den roten Teppich, und die Salafisten schauten eher gelangweilt in die Runde. Ein gut aussehender großer Mann mit grauen Haaren kam mit seinem Rauhaardackel aus Richtung Herstallturm auf Rotfux zu. Er trug eine Kniebundhose und einen leichten graugrünen Trachtenjanker. Der Kommissar wusste, dass er ihn vom Weinkeller im Schloss kannte, er dort sogar Kellermeister war, konnte sich aber im Augenblick nicht an seinen Namen erinnern.

»Dass ihr das genehmigt habt«, begann der Kellermeister vorwurfsvoll.

»Wir haben den Infostand nicht genehmigt«, antwortete Rotfux.

»Wie? Er ist nicht genehmigt? Das darf doch wohl nicht wahr sein!«

»Doch, doch, er ist genehmigt, aber wir sind nicht zuständig. Darüber hat das Bauordnungsamt entschieden, Herr … äh …«

»Franke, Emil Franke, wir kennen uns vom Weinkeller im Schloss.«

»Ach ja, richtig, vom Weinkeller, jetzt fällt es mir wieder ein, Herr Franke.«

»Was die Herren vom Bauordnungsamt sich dabei denken? Genehmigen einen solchen Infostand, obwohl ganz klar ist, dass die Salafisten verfassungsfeindlich sind!«, schimpfte Franke.

Rotfux schwieg. Er wollte nicht noch Öl ins Feuer gießen. In der gläsernen Front von »s.Oliver« spiegelten sich die gegenüberliegenden Gebäude. Der Rauhaardackel von Emil Franke begann, unruhig zu werden und an den Schuhen von Kommissar Rotfux zu schnüffeln.

»Na, du riechst wohl den Hund meines Nachbarn.«

Der Rauhaardackel war hübsch, hatte diese dunkelbraunen glänzenden Augen, welche neugierig in alle Richtungen schauten. Die kleine schwarze Nasenspitze reckte er in die Höhe, und man sah, wie sie beim Schnüffeln vibrierte. Sein struppiger Bart erschien hellbeige und hob sich vom übrigen saufarbenen Fell ab, welches auf dem Rücken etwas dunkler war als am Rest des Körpers.

»Der hat immer was zu schnüffeln. Komm, Oskar, wir werden den Salafisten mal die Meinung geigen.«

Franke zog den Rauhaardackel mit zum Stand der Salafisten.

»Na? Wie laufen die Geschäfte? Schon ein paar Kämpfer für den IS geworben?«, sagte er laut und provozierend, sodass es Rotfux gut hören konnte.

»Mit dem IS haben wir nichts zu tun«, wehrte sich einer der Salafisten. »Wir sind Leute in der Tradition der Propheten. Wir verkünden die wahre Religion. Nimm dir den Koran und lies, mein Bruder.«

»Also dein Bruder bin ich noch lange nicht!«, empörte sich Emil Franke. »Ihr seid Halsabschneider! Verteilt den Koran, und in Wirklichkeit treibt ihr die jungen Leute in den Krieg. 600 sind aus Deutschland schon nach Syrien und in den Irak gezogen, 60 davon sollen bereits gefallen sein.«

Der Dackel Oskar begann zu bellen. Er merkte, dass sein Herrchen sich mächtig aufregte und diese Salafisten überhaupt nicht mochte. Er stellte den Schwanz auf und zog an der Leine in Richtung Infotisch.

»Ich sagte schon: Damit haben wir nichts zu tun«, wehrte sich der größte der Salafisten, den sie Malik nannten. »Wir verbreiten das Wort Gottes, sonst nichts.«

Sie waren offensichtlich geschult und ließen sich nicht so leicht provozieren. Eine junge Frau trat an den Stand und nahm den Koran interessiert in die Hand.

»Nimm ihn mit und lies, Schwester«, sagte Malik. »Lies über die wahre Religion.«

Die junge Frau blätterte in dem Buch. Sie war nicht gerade hübsch, etwas mollig und hatte kurze blonde Haare. Ihre kräftige Figur steckte in einem langen beigefarbenen Leinenkleid. Ihre blauen Augen musterten Franke unruhig, der sie interessiert beobachtete.

»Pass nur auf, dass sie dich nicht irgendwann schlagen oder dir die Hand abhacken. Die dürfen das«, sagte er provozierend.

»So ein Quatsch«, wehrte sich Malik, und auch sein Nachbar, den sie Dominik nannten, begann sich zu verteidigen: »Das sind doch Lügenmärchen, das spielt bei uns keine Rolle. Wer schlägt schon seine Frau?«

»Na ihr doch!«, brüllte Franke. »Ihr seid intolerant. Sprecht von der einzig wahren Religion. Alle anderen sollen ungläubig sein. Am Ende tötet ihr die anderen, schlagt ihnen die Köpfe ab. Man sollte diesen Infostand verbieten!«

Der Dackel bellte heftig. Kommissar Rotfux näherte sich vorsichtig.

»Deren Lehre widerspricht unserem Grundgesetz«, schimpfte Emil Franke. »Sie wollen einen Gottesstaat errichten, sie sind gegen die Gleichberechtigung, sie lehnen die von Menschen gemachten Gesetze ab und sind für Körperstrafen wie das Auspeitschen oder das Abhacken von Gliedmaßen. Das ist bei uns alles nicht erlaubt!«

»Herr Franke, das mag ja stimmen, aber der Stand ist genehmigt. Ich muss Sie bitten, Abstand zu halten. Gehen Sie am besten in Ruhe weiter. Wir behalten die Sache im Auge«, ermahnte ihn Rotfux.

Inzwischen war auch Klaus Zimmermann vor Ort, der Stadtredakteur des »Main-Echos«. Er war klein und rundlich, wirkte deshalb nicht sehr sportlich, war aber immer in Bewegung und hinter den neuesten Geschichten her. Seine fast schwarzen Augen funkelten hinter seiner schmalen Nickelbrille und suchten die Umgebung nach interessanten Motiven ab. Über der Schulter hatte er seine Kamera hängen und schon einige Fotos vom Stand der Salafisten aufgenommen. Rotfux kannte den Redakteur der örtlichen Tageszeitung und wusste, der würde eine packende Story aus den Ereignissen machen. Die junge Frau nahm einen Koran, steckte ihn in ihre Umhängetasche und verließ schweigend den Infostand.

»Der besorgen sie einen arabischen Hengst, dann zieht sie am Ende in den Jihad, und ihre Eltern suchen sie verzweifelt im türkisch-syrischen Grenzgebiet. Blond, blauäugig und korpulent, darauf stehen die! Und es fängt immer hier an, an solchen Ständen«, ereiferte sich Emil Franke.

Der Dackel bellte, als ob er den Worten seines Herrchens Nachdruck verleihen wollte.

»Du regst dich auf, mein Kleiner«, sagte Kommissar Rotfux, beugte sich zu Oskar herunter und hielt ihm vorsichtig die Hand hin. Der Dackel wurde ruhiger und sah ihn mit seinen dunkelbraunen Augen an. »Nun geh mit deinem Herrchen weiter. Du verstehst das doch nicht. Es ist besser für euch.«

Der Dackel begann, mit dem Schwanz zu wedeln.

»Der versteht mehr, als Sie denken«, bruddelte Emil Franke, zog aber endlich in Richtung Herstallturm ab.

Rotfux war erleichtert. Er genoss die friedliche Stimmung, die sich am Samstagvormittag in den malerischen Aschaffenburger Gassen ausbreitete. Wenn er frei hatte, besuchte er gern den Wochenmarkt beim Schloss, stand ein wenig Schlange bei seinem Käseverkäufer, der jeden Käse persönlich erklärte und liebevoll aufschnitt, kaufte Obst aus der Umgebung, ungespritzt und naturbelassen. Aber er hatte heute nicht frei. Diese Salafisten mit ihrem Stand hatten ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie störten sein beschauliches Aschaffenburg und hatten ihm zu einem Sondereinsatz verholfen, auf den er gern verzichtet hätte.

Wenig später hörte Rotfux etwas, das ihn zutiefst erschrecken ließ.

»Salafisten raus, Salafisten raus«, tönte es durch die Herstallstraße.

Aus Richtung Herstallturm näherte sich ein Demonstrationszug mit etwa 50 Teilnehmern. Rotfux telefonierte.

»Ja …, ein Demonstrationszug, circa 50 Leute, … ja, schickt Verstärkung …«

Rotfux winkte Oberwiesner und die beiden Polizisten zu sich.

»Solange es ruhig bleibt, halten wir uns zurück«, sagte er. »Ich habe Verstärkung angefordert. Es wird nicht lange dauern bis sie da ist.«

Die Demonstranten kamen näher. Emil Franke hatte sich in vorderster Front eingereiht und rief in voller Lautstärke: »Salafisten raus, Salafisten raus!«

Viele waren schwarz gekleidet, einige vermummt. Mehrere Plakate ragten zwischen den Köpfen in die Höhe. »Für Gleichberechtigung« war da zu lesen, »Nieder mit dem IS«, »Gegen Islamismus« und »Salafisten raus«. Die Plakate waren provisorisch gefertigt. Es sah nach einer spontanen Aktion aus. Mehrere Demonstranten trugen Schirme und Stöcke bei sich, die angesichts des guten Wetters eher wie Schlagwaffen wirkten. Schnell strömten Schaulustige aus allen Richtungen herbei.

Rotfux baute sich mit Oberwiesner und den beiden Polizisten vor dem roten Teppich des Infostandes auf, um die Demonstranten auf Abstand zu halten. Emil Franke stand ihnen entschlossen gegenüber. Er hatte die Führung des Demonstrationszuges übernommen und rief immer wieder »Salafisten raus!« Seinen Dackel Oskar trug er inzwischen auf dem Arm, vermutlich aus Angst, dass jemand im Eifer der Demonstration auf ihn treten könnte.

Die vier bärtigen jungen Männer hinter ihrem Stand verhielten sich ganz ruhig. Sie mussten entweder schon viel Erfahrung haben oder waren sehr gut für solche Situationen geschult. Malik machte nicht den Eindruck, aufgeben zu wollen. Im Gegenteil! Er rückte seine gehäkelte Gebetsmütze auf dem Kopf zurecht und richtete sich entschlossen hinter seinem Stand auf. Klaus Zimmermann, der Redakteur des »Main-Echos«, war mal hier und mal da zu sehen. Er schoss aus allen Richtungen Bilder für seinen Bericht. Bessere Bilder kann der gar nicht bekommen, dachte Kommissar Rotfux. Der Redakteur war immer zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Der hatte einfach einen guten Riecher für solche Ereignisse. Die Demonstranten schlossen den Kreis um den Infostand immer enger. Rotfux begann, sich unwohl zu fühlen. Zu dicht rückte ihm die aufgeregte Menge auf die Pelle. Er nahm sein Megafon: »Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger«, rief er. »Bei uns herrscht Demonstrationsrecht und Versammlungsfreiheit. Es ist ihr gutes Recht, hier zu sein. Ich muss Sie aber bitten, Abstand zu halten. Dieser Infostand ist vom Bauordnungsamt genehmigt. Es hat also alles seine Richtigkeit.«

»Die verarschen uns nach Strich und Faden«, rief ein Vermummter aus der Menge. »Zuerst verteilen sie den Koran, dann schlagen sie uns die Köpfe ab! Sie beanspruchen die Weltherrschaft, wollen Rom erobern und ganz Europa. Wollen einen Gottesstaat errichten.«

»Salafisten raus, Salafisten raus!«, brüllte die Menge. Im unteren Bereich der Herstallstraße drängten sich die Schaulustigen, und die Menschenmenge wuchs weiter rasch an.

Rotfux telefonierte: »Wo bleibt ihr? Es werden immer mehr … kommt am besten von der Landingstraße oder durch die Steingasse …«

»Die nutzen unsere Freiheit aus, und am Ende sind wir die Dummen!«, brüllte einer der Demonstranten. Emil Franke hatte immer noch seinen Dackel auf dem Arm, der inzwischen wieder bellte wie ein Weltmeister. Der Druck der Menge gegen den Infostand wurde heftiger. Rotfux merkte, dass sie nicht mehr lange standhalten konnten. Er und seine Kollegen standen inzwischen auf dem roten Teppich vor dem Infostand und wurden immer weiter Richtung Tisch gedrückt. Der dicke Oberwiesner saß mit seinem Hintern fast schon in den ausgelegten Koranbüchern.

»Ich glaube, es wäre besser, wenn Sie einpacken würden«, sagte Rotfux leise zum Anführer der Salafisten. »Wir können dem Druck nicht mehr lange standhalten.«

Die Reaktion kam prompt. »Wir stehen hier für die wahre Religion. Niemals werden wir weichen. Eher werden wir zum Märtyrer für unseren Herrn, als uns feige davonzustehlen!«

Rotfux ärgerte sich über sich selbst. Er hätte sich die Reaktion denken können. Der Tod als Märtyrer war für sie der direkte Weg ins Paradies. Das war keine Bedrohung für sie, sondern eine Chance. Er stemmte sich mit dem Hintern gegen den Infotisch, den die Salafisten von ihrer Seite abstützten. Eines der Plakate war durch die Menge schon umgerissen worden, in wenigen Augenblicken würde vermutlich der ganze Stand nach hinten kippen. Während die Demonstranten weiter »Salafisten raus, Salafisten raus« riefen, hörte Rotfux endlich die Sirenen von Polizeifahrzeugen. Gott sei Dank, dachte er, sie kommen. Er riss sein Megafon an den Mund.

»Bitte gehen Sie zurück!«, rief er. »Demonstrieren Sie, aber halten Sie bitte Abstand von uns und diesem Stand. Ich habe Verstärkung angefordert. Wer sich meiner Aufforderung widersetzt, wird festgenommen. Sie hören die Kollegen schon.«

Tatsächlich ertönte von der Einmündung der Steingasse die Sirene eines Polizeifahrzeuges, und man sah das Flackern des Blaulichtes.

»Bitte gehen Sie zurück!«, rief Rotfux nochmals. »Sie haben protestiert, jetzt muss es gut sein.«

»Okay Leute, ziehen wir ab!«, rief Emil Franke. Er schien zu begreifen, dass er sich nicht zu sehr mit der Polizei anlegen durfte. Vielleicht war es auch, weil er Rotfux kannte und dessen missliche Situation sah. »Aber kommt ja nicht wieder nach Aschaffenburg«, rief Franke in Richtung der Salafisten, »sonst machen wir euch platt!«

Endlich kam Bewegung in die Menge. Rotfux war froh und nickte Emil Franke freundlich zu. Vor allem die Schaulustigen begannen sich zu zerstreuen, bevor schließlich auch der Demonstrationszug durch die Steingasse in Richtung Schloss weiterzog. Die Verstärkung der Polizei bezog Position, und die Salafisten brachten ihren Stand wieder in Ordnung.

»Das war knapp«, seufzte Rotfux, der große dunkle Schweißflecke unter den Achselhöhlen hatte.

»Kann man wohl sagen«, brummte der dicke Oberwiesner, »aber hat zum Glück gerade noch hingehauen.«

2. Kapitel

Bereits am Montag erschien ein ausführlicher Bericht über den Infostand der Salafisten und die Demonstration in der Herstallstraße auf der Titelseite des »Main-Echos«.

»Salafisten provozieren Volkszorn«, lautete die Überschrift.

Minutiös wurde der Ablauf der Ereignisse beschrieben. Mehrere Bilder zeigten den Stand der Salafisten und die Demonstration. Kommissar Rotfux war der Held der Geschichte, da er im letzten Augenblick schlimmere Ausschreitungen verhindert hatte. Ein großes Bild zeigte Emil Franke, der mit den Salafisten diskutierte. Die ganze Woche hatten ihn die Kunden des Weingutes schon darauf angesprochen. Nun war Freitag, und er freute sich auf das Wochenende.

Seine Chefin, die Inhaberin des Weingutes, hatte das Büro im Erdgeschoss des Schlosses schon verlassen. Durch die Fenster sah Emil Franke in den Schlosshof, der still im Abendlicht lag. Das graue Kopfsteinpflaster schien sich von der Mühsal der Woche zu erholen, die Türme des Schlosses und der mächtige Bergfried fingen die letzten Sonnenstrahlen ein, die Hofbibliothek war schon längst geschlossen. Emil Franke war ganz allein. Er traf seine Vorbereitungen für ein Ereignis der besonderen Art. Mit dem Aufzug fuhr er nach unten zum Gewölbekeller, in dem sonst die Weinproben stattfanden. Sein Dackel Oskar war wie immer dabei. Wichtig stolzierte er in den Aufzug und wartete brav, bis sie unten ankamen und seine grauen Türen sich wieder öffneten. Heute ging es nicht um eine Weinprobe, heute erwartete sein Herrchen einen ganz besonderen Gast. Er stellte Kerzen auf die schweren Holztische des Gewölbekellers. Er warf den Heizlüfter an. Er verteilte einige Vasen mit roten Rosen auf den Tischen. Alles sollte perfekt sein, romantisch und gemütlich. Emil Franke sah auf die Uhr: kurz vor sieben. Gleich müsste sie da sein, würde oben läuten, er würde sie hereinbitten, nach unten führen in dieses Gewölbe, acht Meter unter der Erde, wo sie ganz für sich waren. Er holte den Knochenschinken, die Hausmacherwurst und den Käse aus dem Kühlschrank, stellte Brezeln und Bauernbrot auf den Tisch und trug einen seiner besten Weine auf, den St. Bernhardus von 2011, einen Spätburgunder der Spitzenklasse. Vier Jahre war er alt, im Barriquefass gereift, genau der Richtige für diesen Abend. Es läutete.

»Du bleibst brav hier und rührst nichts an«, sagte er zu Oskar.

Er huschte die Kellertreppe nach oben, an der Toilette vorbei, machte sich kurz frisch, durchquerte die Büro- und Lagerräume im Erdgeschoss, dann öffnete er die hölzerne Tür, durch die man von draußen in das Weingut gelangte.

»Hallo«, hauchte sie ihm entgegen.

Sie sah umwerfend aus. Ihre pechschwarzen Haare fielen ihr locker über die Schultern. Er war sich sicher, da war nichts gefärbt. Das war original italienische Klasse. Ihr voller Mund war rot geschminkt. Ihre dunklen Augen strahlten ihn an. Sie war fast einen Kopf kleiner als er, trug einen Korb über dem Arm, der mit einem Tuch abgedeckt war.

»Komm rein, ich freu mich sehr.«

Er zog sie herein, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und verschloss schnell die Tür. Niemand sollte sie sehen. Er drehte den Schlüssel zwei Mal um. Sie wollten ungestört sein.

»Was hast du in deinem Korb? Komm, gib her. Ich trage ihn.«

»Etwas zum Essen, aus dem Laden. Oder willst du verhungern?«

Sie lachte und zeigte ihre blendend weißen Zähne. In ihren hochhackigen Pumps sah sie sexy aus, und Emil Franke dachte einen Moment lang an etwas anderes als Essen.

»Das ist ja eine Überraschung«, sagte er, »ich habe auch eine Kleinigkeit vorbereitet. Komm, wir gehen nach unten.«

»Nach unten?«

»Ja, in den Gewölbekeller, da sind wir völlig ungestört …«

Sie zögerte.

»Ich weiß nicht …«

»Nun komm schon, hier oben könnte uns womöglich jemand beobachten. Vom Schlosshof kann man durch die Fenster schauen. Das willst du sicher nicht.«

»Ja schon, aber im Keller? Da ist es doch sicher kalt …«

Sie trug einen kurzen Rock, der ihre langen schlanken Beine zeigte, und darüber eine helle Bluse. Eine goldene Kette betonte ihren weiten Ausschnitt. Emil Franke musste sich beherrschen, um sie nicht zu sehr anzustarren.

»Nun komm schon, du wirst sehen, da unten ist es nicht kalt. Ich habe für alles gesorgt.«

Etwas widerwillig ließ sie sich von ihm quer durch die Büro- und Lagerräume des Erdgeschosses zum Aufzug bringen.

»Wir können auch die Wendeltreppe nehmen. Was ist dir lieber?«

»Ist schon okay, fahren wir.«

Als sie unten ankamen und vorbei an bis unter die Decke gestapelten Weinkisten den Gewölbekeller erreichten, schlug ihnen die warme Luft des Heizlüfters entgegen.

Sie lachte. »So meintest du das.«

»Na klar, frieren wollen wir doch nicht.«

Er hatte sie zwar schon im Schloss getroffen, wo er als Kellermeister für das Weingut arbeitete. Aber es war immer nur kurz gewesen, und sie hatten kein Licht angemacht und aufgepasst, dass sie niemand sah. Für ihn war das zwar kein Problem, denn seit seine Frau vor drei Jahren an Brustkrebs gestorben war, konnte er tun und lassen, was er wollte. Aber Martina Carelli war verheiratet, und sie mussten vorsichtig sein. Sie war die Mitinhaberin des italienischen Ladens in der Altstadt. Dort hatte er sie kennengelernt. Und Italiener machten bekanntlich kurzen Prozess, wenn sie eifersüchtig waren.

»Das hast du schön vorbereitet«, seufzte sie, als sie die Kerzen und die roten Rosen auf den Holztischen sah. Er stellte ihren Korb auf einem Stuhl ab und nahm sie in den Arm.

»Alles nur für dich«, flüsterte er. »Ich hoffe, es gefällt dir.«

Sie sagte nichts. Er spürte ihren warmen Körper und hatte das Gefühl, dass sie einfach die Geborgenheit in seinen Armen genoss. Mit seinen 58 Jahren war er deutlich älter als sie. Aber das schien sie nicht zu stören. Er wusste, dass sie in letzter Zeit einiges durchgemacht hatte. Sie war ihm zugefallen wie eine reife Frucht.

»Es geht so. Du weißt ja von meinen Problemen.«

»So schlimm?«

»Ach vergessen wir das am besten. Seit Francesco dieses blonde Flittchen hat, ist er nicht mehr wiederzuerkennen. Hat dieses neue BMW 6er Cabrio gekauft und treibt sich ständig in der Gegend rum. Seit gestern ist er wieder weg.«

»Oh, das tut mir leid für dich«, sagte Emil.

In Wirklichkeit war er ganz froh über die Entwicklung, denn sonst wäre sie ja nicht zu ihm gekommen. Er drückte sie fest an sich.

»Komm, lass uns gemütlich etwas essen«, sagte er, räumte ihren Korb aus und bedankte sich für den tollen Parmesankäse und die großen Mortadella-Scheiben, die sie mitgebracht hatte.

»Da werden wir heute Abend einmal richtig schlemmen!«

»Wo ist denn Oskar?«, sagte er plötzlich. »Und wo ist die Hausmacherwurst? Die lag doch da auf dem Teller …«

Martina lachte.

»Schau mal unter den Tisch. Ist auch zu viel verlangt, den Dackel hier die Wurst bewachen zu lassen.«

Sie mochte den kleinen Rauhaardackel, und das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Schuldbewusst mit einem umwerfenden Dackelblick, die Augen schräg nach oben gerichtet, kam er wedelnd unter dem Tisch hervor und begrüßte die Italienerin.

»Du bist ein Braver«, sagte sie und streichelte ihn hinter den Ohren.

»Brav würde ich das nicht gerade nennen«, lachte Emil, »zum Glück hast du auch etwas mitgebracht.«

Über zwei der Holzstühle hatte er eine Decke gehängt und Kissen daraufgelegt.

»Damit es warm und gemütlich ist«, sagte er und zog Martina zu sich.

Er schenkte den Wein ein und prostete ihr zu.

»Auf dich!«

»Auf uns!«

Oskar hatte sich inzwischen auf seinem Kuschelkissen unter dem Tisch zusammengerollt. Der Heizlüfter blies weiter warme Luft in den Gewölbekeller. Ich lass es schön warm werden, dachte Emil Franke. Sicher war das besser für seinen Plan. Martina Carelli war schön. Er beobachtete, wie sie mit ihren rot lackierten Fingernägeln das Brot und den Käse in den Mund schob. Er spürte ihre Hüfte links von sich, denn sie war ganz dicht zu ihm herangerückt. Er sah ihre langen Beine unter dem Tisch und legte seine Hand auf ihren Arm.

»Ich bin so froh, dass du gekommen bist.«

»Ich auch. Einmal alles vergessen, das brauche ich.«

Sie erzählte ihm, dass Francesco wirklich ein Scheißkerl sei. Seit er die Blonde kenne, die fast 20 Jahre jünger sei als er, habe er sie nicht mehr geliebt. Eine Wand habe er zwischen ihnen aufgebaut. Sein Geld verschleudere er mit dieser blonden Tussi. Dabei habe er sie früher geliebt, als sie noch in Kalabrien lebten oder später in Südtirol, bevor sie nach Deutschland kamen. Emil legte seinen Arm um sie, und sie ließ ihn gewähren. Sie war nur gut zehn Jahre jünger als er, aber fast konnte er Francesco verstehen. Eine jüngere Frau war auch für ihn reizvoll, zumal wenn sie so hübsch war wie Martina.

»Ach vergiss ihn doch einfach«, sagte er und schenkte von seinem Spätburgunder nach. Sie wurde zunehmend entspannter. Der Wein tat seine Wirkung. Die Kerzen auf dem Tisch flackerten. Die meterdicken Mauern des Gewölbekellers vermittelten Geborgenheit und Sicherheit.

»Mir wird es langsam heiß«, flüsterte sie. »Willst du nicht den Ofen ausschalten?«

Er antwortete nicht. Er beugte sich zu ihr und schlang seine Arme um sie. Sie wehrte sich nicht, sondern wendete ihm ihr Gesicht zu. Das war Wahnsinn. Er sah, wie sie ihm den Mund bot und ihn begehrte. Ihre Lippen fanden sich zu einem langen intensiven Kuss. Er war froh, dass er es noch konnte. Seit drei Jahren hatte er keine Frau mehr gehabt, aber jetzt war es ganz einfach.

»Ich habe mich so nach dir gesehnt«, flüsterte sie. »Du bist ein richtiger Mann. Ich habe in der Zeitung von deinem Protest gegen die Salafisten gelesen. Da muss man protestieren …«

Jetzt bloß keine Politik, dachte er. Er knöpfte langsam ihre Bluse auf und ließ seine Hand über ihre Brüste gleiten.

»Jaja, die Salafisten, das sind Schweine …«, sagte er.

Sie küsste ihn leidenschaftlich. Er war wirklich noch gut in Schuss, trieb täglich Sport, joggte einmal die Woche oder ging zum Schwimmen. So war er schlank geblieben und sah mit seinen vollen Haaren gut aus, auch wenn sie inzwischen grau geworden waren.

»Aber Francesco darf es nie wissen, der bringt uns sonst um«, flüsterte sie.

»Hier unten sieht uns niemand, hört uns niemand, hier unten sind wir ganz für uns.«

Sie erzählte ihm, dass sie in Süditalien Killer hatten, die so etwas erledigten.

»Für 3.000 Euro kannst du einen Mord buchen. Das weiß ich von Francesco. Manchmal sagt er solche Sachen.«

Aber Emil Franke war das im Augenblick ganz egal. Für sie würde ich sterben, dachte er.

»Wer soll hier von uns wissen?«

»Ich weiß nicht …«

Martina schien unruhig zu werden. Erzählte ihm von der Vergangenheit in Kalabrien, von der Mafia in San Luca, die ihren Einfluss bis nach Frankfurt ausgedehnt hatte.

»Ich habe Angst, dass Francesco mit drinsteckt.«

»Und wenn schon, das hat doch mit uns nichts zu tun.«

»Aber wir müssen uns wirklich in Acht nehmen.«

»Okay«, sagte er genervt, »wir schleichen jetzt nach oben und sehen nach, ob alles ruhig ist. Einverstanden?«

»Ja, das machen wir. Ich möchte ganz sicher sein.«

Sie zog ihre Pumps aus.

»Ich werde barfuß gehen, damit man uns nicht hört.«

»Und was machen wir mit dem Hund?«

»Ich glaube, der schläft.«

»Aber Wurst und Käse würde ich wegräumen, nicht dass er sich noch den Magen verdirbt«, sagte Martina. Sie schien den kleinen Kerl echt zu mögen.

Emil Franke trug die Sachen zum Kühlschrank.

»Okay, diesmal über die Wendeltreppe. Geh du voraus.«

Er sah ihre langen Beine vor sich über die Treppe nach oben gehen.

»Wir machen kein Licht an«, sagte er, als sie oben ankamen.

Sie schlichen durch das Erdgeschoss, vorbei an der Abfüllanlage und den Weinkisten und Kartons. Es war schon fast dunkel. Im Schlosshof war niemand. Alles still und ruhig. Der Bergfried thronte über allem und hielt wie seit Jahrhunderten seine Wacht. Emil Franke drückte die Klinke an der Eingangstür herunter.

»Fest verschlossen«, flüsterte er, »war ja klar.«

Sie drängte sich an ihn, umarmte ihn.

»Wir warten noch ein wenig«, flüsterte sie.

»Worauf willst du warten?«

»Ob doch jemand kommt …«

Es war nichts zu machen, sie wollte noch nicht zurück nach unten. Sie standen ganz still in einer dunklen Nische neben der Abfüllanlage, sie umarmten sich und küssten sich, und es kam ihm schon der Verdacht, dass dies ihre spezielle Masche war, um ihn auf die Folter zu spannen.

»Meinst du nicht, es reicht jetzt?«

»Es reicht nie … aber wir können jetzt gehen.«

Er sah sie vor sich wie einen schwarzhaarigen Engel aus dem Paradies. Er schlich hinter ihr die Wendeltreppe nach unten, umarmte sie, als sie endlich angekommen waren, und zerwühlte ihr die Haare.

»Du bist so schön!«

Sie stöhnte und ließ den Rock nach unten rutschen.

Darunter war – nichts.

Oh mein Gott, dachte er.

Er warf die Decke auf den Tisch und die Kissen darauf. Dann hob er Martina hoch und legte sie vorsichtig ab. Der Heizlüfter blies weiter warme Luft in den Gewölbekeller. Sie rekelte sich lasziv auf dem Tisch und ließ sich von ihm am ganzen Körper streicheln. Sie küssten sich leidenschaftlich. Ihr Stöhnen verlor sich in den meterdicken Kellermauern, der Heizlüfter summte leise vor sich hin, sie krallten sich in der Decke fest, bis sie endlich in sich zusammensanken und ganz ruhig aufeinander liegen blieben.

»Es war sehr schön«, seufzte sie. »Seit Monaten habe ich das vermisst.«

»Ich seit Jahren. Ich liebe dich. Trenn dich einfach von ihm. Lass uns zusammen sein.«

Sie strich ihm mit dem Zeigefinger über die Lippen, als wollte sie seinen Mund verschließen, und auch er wusste, dass das nicht möglich war.

»Oskar war ja super brav«, sagte sie, »der stört wirklich kein bisschen.«

»Der weiß eben, was sich gehört«, sagte er und gab ihr einen letzten langen Kuss.

3. Kapitel

Alexandra Bieber schaute durch die Tür des Vorzimmers zu Kommissar Rotfux herein. Er saß wie üblich im gelben Pulli hinter seinem breiten Schreibtisch und studierte einen Bericht des bayerischen Innenministeriums über Salafismus.

»Gerade kam ein Anruf vom Weingut im Schloss. Dort gibt es einen Toten«, unterbrach ihn seine Sekretärin, »der Kellermeister des Weingutes ist anscheinend ermordet worden.«

»Der Kellermeister des Weingutes?«

»Ja, das sagte Frau Kern. Sie ist die Inhaberin, war ganz aufgeregt, konnte kaum sprechen.«

»Ist das nicht dieser Herr Franke, den ich noch vor gut einer Woche bei der Demonstration gegen die Salafisten gesehen habe?«, murmelte Rotfux. »Mit seinem süßen Dackel, den er am Ende auf dem Arm trug?«

»Ich kann Frau Kern fragen.«

»Ach lassen Sie nur. Ich muss sowieso zu ihr. Sagen Sie bitte Oberwiesner und der Spurensicherung Bescheid. Die sollen gleich zum Tatort kommen.«

Alexandra Bieber arbeitete seit gut einem Jahr als Sekretärin für Kommissar Rotfux. Er mochte sie. Sie war absolut zuverlässig und immer voll auf Zack, egal was passierte. Sie war zehn Jahre jünger als er, sah gut aus, schwarze Haare, dunkelbraune Augen, war meist leger angezogen, steckte in engen Jeans mit Bluse oder Pulli, unkompliziert, freundlich, offen und mit einem strahlenden Lächeln. Hätte Rotfux nicht schon eine Freundin gehabt, hätte er fast auf dumme Gedanken kommen können.

»Ich fahr dann mal los«, sagte er.

»Ja, viel Erfolg!«

Rotfux nahm den Weg über die Willigisbrücke. Linker Hand glänzte der Main in der Morgensonne. Dahinter ragte das Schloss mit seinen mächtigen Türmen in die Höhe. Friedlich lag es da. Die Uferpromenade war um diese Zeit am Vormittag noch menschenleer. Nichts deutete darauf hin, dass hier ein schrecklicher Mord geschehen war. Rotfux stellte seinen Dienstwagen, einen silbernen VW-Passat mit Allrad, auf dem Schlossplatz ab. Über die gepflasterte Sandsteinbrücke gelangte er zum Hauptportal des Schlosses. Der linke Flügel des schweren hölzernen Tores war geschlossen und zeigte seine kunstvollen Ornamente. Der rechte stand offen und gab den Weg frei zum Schlosshof. Rotfux kannte das Weingut und ging schräg über den Hof zum sogenannten Stadtflügel, der dem Main abgewandt war. »Schlosskellerei Aschaffenburg. Bitte nach dem Klingeln etwas warten«, las er auf dem Schild neben der braunen hölzernen Tür des Weingutes. Kurz nachdem er geklingelt hatte, öffnete die Inhaberin.

»Rotfux, Kriminalpolizei Aschaffenburg.«

»Gut, dass Sie kommen. Kern, Christina Kern.«

»Sie sind die Inhaberin?«

»Ja, das Weingut gehört schon seit Generationen meiner Familie.«

Sie sah bleich aus, wirkte ängstlich und verschüchtert. Eine zierliche Person, der man gar nicht zugetraut hätte, dass sie ein Weingut leitete. Ihre mittelblonden Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihre braungrünen Augen sahen Rotfux unsicher an.

»Ist sonst noch jemand hier?«, fragte Rotfux.

»Nein, ich bin allein, habe ihn gefunden …«

»Wann war das?«

»Gegen neun Uhr. Wir öffnen um neun. Ich war kurz vorher da.«

»Und da haben Sie ihn gefunden?«

»Ja, sein Dackel bellte wie verrückt. Das kam mir komisch vor. Normal ist er so früh gar nicht da, vor allem am Montag nicht. Ich bin in den Keller gegangen, und da hing er, schrecklich!«

Aus Richtung des Kellers hörte man leises Bellen.

»Der bellt ja immer noch«, sagte Rotfux.

»Ja, der Dackel lässt sich nicht beruhigen. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Keller.«

Rotfux ging hinter ihr. Sie war schlank, trug ausgewaschene Jeans und darüber einen dunkelroten Pulli, der an Rotwein denken ließ. Rotfux erinnerte sich einen Moment lang an eine Weinprobe, die er im Gewölbekeller des Schlosses beim Kellermeister gehabt hatte. Keiner wusste besser über die Weine der Region Bescheid als er. Von den Böden der Region hatte er erzählt, von Urgestein, von Buntsandstein und Glimmerschiefer. Welche Sorten darauf am besten wuchsen, wusste er zu berichten. Er schwärmte von Silvaner, Riesling und Spätburgunder und von der besonderen Form der Bocksbeutelflasche. Lustig war er gewesen, hatte erzählt, dass das Schloss drei Geheimgänge hätte, einen zum Main, einen zu den Jesuiten und einen zum Orden der Englischen Fräulein. »Wozu sie diesen dritten Geheimgang wohl brauchten?«, hatte er unter dem Gelächter der Gäste gesagt.

»Ist der Tote Herr Franke?«, fragte Rotfux.

»Ja, kennen Sie Ihn?«

»Ich hatte mal eine Weinprobe bei ihm und habe ihn kürzlich mit seinem Dackel bei diesem Salafistenstand in der Herstallstraße gesehen. Ich weiß nicht, ob Sie das mitbekommen haben.«

»Doch, doch, war ja groß in der Zeitung. Herr Franke hat sich über den Krieg im Irak und diese Salafisten ziemlich aufgeregt.«

Sie erreichten den Aufzug und fuhren nach unten. Das Bellen des Dackels wurde lauter.

»Emil hängt im Fassweinkeller. Einfach schrecklich.«

»Waren Sie per Du mit ihm?«

»Ja, er arbeitete seit über 20 Jahren bei uns. Wir kannten uns schon lange.«

Sie gingen vorbei an großen Weinkisten und Kartons mit Flaschen, dann öffnete sich der Fasskeller vor ihnen. Links und rechts waren mannshohe Holzfässer zu sehen, in denen Rotfux die wertvollsten Weine des Gutes vermutete. Im vorderen Bereich waren die Weinfässer etwas kleiner, nach hinten wurden sie immer größer. Der Dackel Oskar kam bellend auf Rotfux zu, als ob er sich beschweren wollte, dass seinem Herrchen nicht schon längst geholfen wurde.

»Der lässt sich einfach nicht beruhigen«, sagte Christina Kern.

Rotfux ging in die Knie und hielt dem Dackel vorsichtig seine Hand hin. Aber der bellte weiter. Diesmal hatte der Kommissar kein Glück.

»Da hinten hängt der Tote.«

Rotfux sah es schon von Weitem. Zwischen den beiden größten Weinfässern in der rechten hinteren Ecke des Fasskellers hing Emil Franke, bestialisch zugerichtet. Die Täter hatten eine Bierbank über die großen Holzfässer mit den Nummern 29 und 30 gelegt und den Toten daran aufgehängt. Fast wie eine Kreuzigung sah es aus.

»Es müssen mindestens zwei gewesen sein«, murmelte Rotfux. »Alleine schafft das keiner.«

Der Tote sah entsetzlich aus, die Augen weit aufgerissen, den Mund wie zu einem Schrei geöffnet, die Hände seltsam verkrampft und ganz blutig. Ein säuerlicher Geruch ging von ihm aus. Selten hatte Rotfux etwas so Grausames gesehen. Sieht nach einem Racheakt aus oder einer Beziehungstat, dachte er.

»Ich glaube, es hat oben geläutet. Ich geh mal nachsehen«, sagte Christina Kern.

»Ja gut, das werden meine Kollegen sein.«

Rotfux war nicht feinfühlig, aber als er ganz allein bei diesem Toten im Weinkeller stand, wurde es ihm mulmig zumute. Die Holzfässer waren vorne blutrot umrandet. Auf den Zapfvorrichtungen standen Bocksbeutelflaschen mit weißen Kerzen. Gespenstisch wirkte die Szene, die sonst den Hintergrund für die Weinproben abgab. Auf das Fass mit der Nummer 29 war mit Blut die Zahl 7887 geschmiert. Was das wohl bedeutet?, dachte Rotfux. Er hatte schon so manches erlebt, aber dieser Mord war bestialisch.

Rotfux ging auf den Dackel zu und redete ganz ruhig mit ihm. »Du bist ja ein toller Hund. Wolltest dein Herrchen sicher verteidigen. Aber die Schweine haben dich hier angebunden. Wie scheußlich!«

Er streckte dem Dackel seine Hand hin, und diesmal beruhigte er sich.

»Siehst du, es geht doch. Wir sind fast schon Freunde.«

Er streichelte dem Dackel über den Rücken und kraulte ihn hinter den Ohren.

»Das wird schon wieder«, sagte er, »aber jetzt müssen wir uns erst mal um dein Herrchen kümmern.«

Im selben Augenblick schob sich der dicke Oberwiesner in den Keller. Er füllte fast den Platz zwischen den beiden Fassreihen aus. Der Dackel Oskar begann wieder zu bellen und zog an seiner Leine.

»Gerade hatte ich ihn ruhig«, brummte Rotfux enttäuscht. »Grüß dich, Otto. Ist ja eine schöne Bescherung!«

Oberwiesner sah sich den Toten an und schüttelte den Kopf.

»Unglaublich. Habe selten so etwas Scheußliches gesehen.«

Inzwischen waren auch Gerda Geiger und Peter Seidelmann von der Spurensicherung eingetroffen.

»Ihr wisst ja, was zu tun ist«, sagte Rotfux freundlich.

Er mochte seine Leute, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. So manchen Fall hatten sie gemeinsam gelöst. Er wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. Die Inhaberin der Kellerei, Christina Kern, stand etwas abseits und schien immer noch völlig ratlos zu sein.

»Kann ich Ihnen noch ein paar Fragen stellen, Frau Kern?«, fragte Rotfux.

»Ja natürlich, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

»Was ist übrigens mit dem Dackel? Können Sie den nehmen, Frau Kern?«

»Ich … äh, ich weiß nicht, ich muss arbeiten, und zu Hause stört er auch. Tut mir leid, das geht nicht, und ich hab’s auch nicht so mit Hunden.«

»Ist schon okay. War ja nur eine Frage.«

Rotfux band den Hund los und streckte ihm die Hand hin.

»Na, kommst du mal zu mir?«

Der Dackel sah ihn mit seinen dunklen Augen unschlüssig an und wusste offensichtlich nicht, was er machen sollte. Dann gab er sich einen Ruck und lief zu seinem Herrchen, das immer noch zwischen den beiden riesigen Fässern hing.

»Ist schon klar, du willst bei ihm bleiben«, sagte Rotfux. »Aber das geht leider nicht. Du störst bei der Arbeit oder veränderst womöglich irgendwelche Spuren. Komm!«

Er ging in die Knie, packte den Dackel und nahm ihn auf den Arm.

»So, wir gehen jetzt mit Frau Kern nach oben.«

Der dicke Oberwiesner und die beiden von der Spurensicherung konnten sich ein Lächeln nicht verkneifen. Sie wussten, dass ihr Chef ein gutes Herz hatte, und das schien momentan für diesen kleinen Rauhaardackel zu schlagen.

Nachdem der Dackel oben einen Sitzplatz gefunden hatte, ein blaues Sitzkissen unter einem Schreibtisch, konnte sich Rotfux wieder dem Fall widmen.

»Wann haben Sie Herrn Franke zum letzten Mal gesehen?«

»Am Freitagnachmittag, kurz nach vier. Wir schließen um vier. Da bin ich gegangen. Er wollte noch etwas aufräumen, blieb noch da.«

»Und am Samstag?«

»Da haben wir geschlossen.«

»Ah verstehe. Hat Herr Franke Verwandte? Wen können wir benachrichtigen?«

»Verwandtschaft? Nein. Seine Frau ist vor drei Jahren gestorben. Brustkrebs. War schlimm. Sonst weiß ich niemanden.«

Rotfux schluckte. Er sah den Dackel unter dem Schreibtisch. Das wird schwierig für dich, kleiner Kerl, dachte er.

»Gibt es Freunde, Bekannte, irgendjemand muss es doch geben?«

»Nicht, dass ich wüsste. Nach dem Tod seiner Frau lebte er ziemlich zurückgezogen, der Hund war sein ein und alles, aber sonst, keine Ahnung.«

»Wirklich nicht?«

»Vielleicht diese Italienerin vom Laden in der Altstadt, die war mal hier, hat ihn kurz besucht, aber ich weiß ihren Namen nicht.«

»Okay danke, das werden wir schon herausfinden.«

Rotfux war froh, wenigstens einen winzigen Anhaltspunkt gefunden zu haben.

»Hatte Herr Franke Feinde? Wurde er von jemandem bedroht?«

Christina Kern überlegte kurz. »Das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte sie. »Er kam mit allen gut aus, war bei den Kollegen beliebt, nein, ich wüsste wirklich nicht …«

»Und diese Salafisten-Geschichte? Wurde er vielleicht durch Salafisten bedroht? Ist Ihnen etwas aufgefallen, seit dieser Beitrag mit seinem Bild im ›Main-Echo‹ erschienen war?«

»Mir ist nichts aufgefallen. Es haben ihn ein paar Kunden darauf angesprochen, aber alle waren freundlich, lobten sein Engagement.«

»Noch mal zu seinem Dackel. Wissen Sie vielleicht jemanden, der ihn nehmen könnte? Gab es Hundefreunde, zu denen er Kontakt hatte?«

Auch dazu fiel Frau Kern nichts ein. Rotfux bedankte sich bei ihr. Anschließend ging er nochmals in den Keller, um nach Oberwiesner und den anderen zu sehen.

»Und, habt ihr schon Erkenntnisse?«

Der junge Seidelmann berichtete ganz eifrig: »Er ist vermutlich durch Stiche in die Brust getötet worden. Aber davor haben sie ihn gefoltert. Alle Finger sind gebrochen, und die Brustwarzen sind verkohlt.«

»So als ob sie ihre Zigaretten an ihm ausgedrückt haben«, ergänzte Oberwiesner. »Haben auch Zigarettenstummel gefunden.«

»Prima, die können wir für die DNA-Analyse gut gebrauchen, und sonst?«

»Im Kühlschrank neben dem Gewölbekeller sind Lebensmittel, darunter auch original italienische Mortadella und Parmesan-Käse.«

»Aha«, sagte Rotfux, »vielleicht ein Hinweis auf diese Italienerin?«

»Was meinst du?«, fragte Oberwiesner.

»Ach nichts. Frau Kern hat erwähnt, dass er möglicherweise mit der Inhaberin des italienischen Ladens in der Altstadt näher bekannt war. Die werde ich gleich anschließend befragen. Am besten kommst du mit, Otto.«

Rotfux regelte noch, dass der Hund zunächst ins Tierheim kam.

»Tut mir schrecklich leid für den armen Kerl, aber keiner scheint ihn aufnehmen zu wollen. Die werden hoffentlich schnell ein neues Zuhause für ihn finden.«

Zum italienischen Laden gingen sie zu Fuß, denn es waren nur wenige Schritte vom Schloss. Der dicke Oberwiesner watschelte behäbig neben Rotfux her. Er trug auch heute ein kariertes Hemd, und man hätte nicht unbedingt einen der fähigsten Kriminalisten Aschaffenburgs hinter seiner mächtigen Figur vermutet. Rotfux wirkte fast schmächtig im Vergleich zu ihm, in seinem gelben Pulli und den engen Jeans. Unterhalb des Schlosses lag der Main in der Sonne. Ein Kreuzfahrtschiff war Richtung Frankfurt unterwegs. Über den Schlossplatz und durch einige malerische Gassen mit romantischen Fachwerkhäusern erreichten sie bald den Laden. Eine schöne Altstadt hat Aschaffenburg, dachte Rotfux. Hier konnte man sich echt wohlfühlen. Kein Vergleich zu diesen gesichtslosen Betonklötzen, die es in vielen Städten gab! Das kleine Schaufenster zeigte verschiedene Sorten handgemachter Pasta, in der Theke lagen italienische Würste, Schinken und auch eine große, runde Mortadella. Daneben verschiedene Käse, auch Parmesan. Rotfux begrüßte die schwarzhaarige Frau hinter der Theke.

»Guten Tag, Rotfux, Kriminalpolizei.« Er hob seinen Ausweis in die Höhe. Auch Oberwiesner stellte sich vor.

»Sind Sie die Inhaberin des Ladens?«, fragte Rotfux.

»Ja, Martina Carelli. Warum? Ist etwas passiert?«

»Kennen Sie Herrn Franke vom Weingut im Schloss?«

»Weiß ich nicht. Wir haben so viele Kunden. Vielleicht hat er mal hier eingekauft.«

»Aber Sie sollen ihn besucht haben. Das hat uns seine Chefin erzählt.«

»Ich weiß nicht …, vielleicht war ich mal dort. Wir kaufen Wein vom Weingut.«

Rotfux war sich ziemlich sicher, dass sie log.

»Aber Sie müssen doch wissen, ob Sie ihn besucht haben. So was weiß man doch«, versuchte er, sie in die Enge zu treiben.

»Am besten nehmen wir sie mit aufs Revier. Vielleicht sagt sie uns dann die Wahrheit«, mischte sich Oberwiesner ein. Sie waren ein perfektes Team, und Oberwiesner merkte, dass man die Frau unter Druck setzen musste. Er baute sich in voller Größe vor ihrer Theke auf und sah ihr in die dunklen Augen: »Also Schätzchen, wir haben deine Mortadella in seinem Kühlschrank gefunden und auch deinen Parmesankäse. Wie kommt der dort hin?«

Rotfux merkte, wie sie unsicher wurde. Sie strich sich verlegen über ihre Schürze, ihre Augen flackerten unruhig, und es schien, fieberhaft hinter ihrer Stirn zu arbeiten.

»Er wird ihn hier gekauft haben, nehme ich an. Ich merke mir ja nicht, was jeder so kauft«, sagte sie.

Luder, dachte Rotfux.

Die Tür ging auf, und zwei Frauen mit Einkaufstaschen kamen in den Laden. Oberwiesner machte sich in der hintersten Ecke des Ladens ganz dünn. Rotfux trat beiseite und bat die beiden Frauen, ihre Einkäufe zu tätigen, er habe Zeit. Nachdem sie wieder gegangen waren, fuhr er mit seiner Befragung fort.

»Ist Ihr Mann da?«

»Nein, wieso?«

»Wir hätten ein paar Fragen an ihn. Er weiß doch sicher von ihren Besuchen bei Herrn Franke, oder?«

»Ich war ein oder zwei Mal kurz dort, kann sein, dass er es weiß, kann auch nicht sein. Aber was soll das überhaupt? Was wollen Sie von mir?«

Sie war jetzt unruhig und fahrig, und Rotfux hatte den Eindruck, dass sie im nächsten Augenblick zusammenklappen würde.

»Wo waren Sie am Wochenende?«

»Hier zu Hause. Am Samstag war ich im Laden wie üblich. Am Nachmittag habe ich mich ausgeruht. Am Sonntag habe ich es mir gemütlich gemacht, war nachmittags am Main.«

»Und das kann Ihr Mann bestätigen?«

»Nein, ich sagte doch schon, er ist nicht da. Er ist geschäftlich unterwegs. Ich weiß nicht genau, wo er ist. Aber nun möchte ich endlich wissen, warum Sie mich befragen. Ist etwas mit diesem Herrn Franke?«

»Herr Franke ist tot. Wir haben ihn ermordet im Weinkeller des Schlosses gefunden.«

Martina Carelli wurde kreidebleich. Sie taumelte. Otto Oberwiesner sprang hinter die Theke und fing sie auf, sonst wäre sie auf den Boden geknallt. Sie trugen Martina Carelli aus dem Laden in ein Nebenzimmer und legten sie auf die Couch.

»Füße hoch«, ordnete Rotfux an, »und Fenster auf.«

»Oh, mama mia«, stammelte Martina Carelli als sie wieder zu sich kam. »Er ist tot, ermordet, oh mama mia.«

»Sie kannten ihn also doch?«, fragte Rotfux.

»Ja, ich kannte ihn, aber mein Francesco darf es nie erfahren«, flüsterte sie, als ob die Wände Ohren hätten.

»Warum haben Sie uns dann belogen?«

»Ich hatte Angst. Francesco ist so eifersüchtig, und Italiener … Sie wissen schon.«

Fast tat sie Rotfux jetzt leid. Er sah, dass sie hübsch war, für ihr Alter jedenfalls. Eine attraktive Frau, mit der der ermordete Emil Franke befreundet war.

»Wann haben Sie Herrn Franke zum letzten Mal gesehen?«

»Ich war am Freitagabend bei ihm. Wir haben zusammen gegessen. Deshalb die Mortadella und der Parmesan in seinem Kühlschrank.«

»Nur gegessen?«

»Nun ja …«, murmelte sie verlegen. »Aber als ich gegangen bin, war er putzmunter. Mit dem Mord habe ich nichts zu tun.«

»Als Sie gegangen sind, wird ihr Mann gekommen sein, und der hat ihm das Licht ausgepustet«, brummte Oberwiesner. »Ist ja auch verständlich.«

»Nein, was sagen Sie da? Mein Mann ist doch gar nicht hier, und der kann es auch nicht gewusst haben. Er ist seit Donnerstag unterwegs, geschäftlich, wie er sagte.«

»Geschäftlich«, murmelte Rotfux. »Nun ja, wir werden sehen. Wenn Ihr Mann wieder auftaucht, geben Sie uns bitte sofort Bescheid. Wir müssen dringend mit ihm reden.«

Rotfux überreichte ihr sein Kärtchen. Sie hatte sich wieder etwas erholt und ging zurück in den Laden.

»Aber Sie verraten meinem Mann nichts, bitte«, flehte sie Rotfux beim Hinausgehen an.

Sie ergriff seine Hand und sah ihm verzweifelt in die Augen.

»Ist schon okay«, sagte er, »aber Sie müssen uns alles sagen, was Sie wissen.«

Auf dem Weg zurück zum Schloss unterhielt er sich mit Oberwiesner.

»Und? Was meinst du?«