Weiße Hunde - René Müller-Ferchland - E-Book

Weiße Hunde E-Book

René Müller-Ferchland

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Beschreibung

Ein Drogeriemarkt in Erfurt. Annerose, eine der älteren Mitarbeiterinnen, hat kaum Kontakt zu ihren Kolleginnen und wird von denen auch gemieden. Doch dann wird die junge Celine ihre Chefin – und ihr gelingt es, Anneroses Panzer nach und nach aufzubrechen. Endlich findet Annerose den Mut, ihre Geschichte aufzuarbeiten, und versucht herauszufinden, was damals, vor mehr als 40 Jahren in der der DDR, eigentlich geschehen ist. René Müller-Ferchland erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft und eines lange verdrängten Traumas einfühlsam und hoffnungsfroh.

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Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2024

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René Müller-Ferchland

Weiße Hunde

Roman

Jaron Verlag

RENÉ MÜLLER-FERCHLAND wurde 1984 in Magdeburg geboren und studierte Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Erfurt. Er hat für Kultur-, Wirtschafts- und Jugendmagazine gearbeitet und ist heute Vorstandsmitglied im Verband der Schriftstellerinnen und Schriftsteller Thüringen. Bisher erschienen von ihm die Romane Alle Wasser Stein (2019) und Niemanns Kinder (2021).

1. Auflage 2024

Jaron Verlag GmbH, Berlin

www.jaron-verlag.de

© 2024 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werks und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlags erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

Umschlaggestaltung: typografie.berlin, Berlin

Satz: Prill Partners|producing, Barcelona

Lithografie: Bild1Druck GmbH, Berlin

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

ISBN 978-3-95552-079-3

Für Tatjana Bleich Du fehlst mir

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Rattenfutter

Kalte Schnauze

Katzenpfoten

Junkies

Hühnersuppe

Lämmchen

Im Mai

Lichtpunkt

Ein Schloss

Weiße Hunde

Die Show

Am Zaun

Der verlorene Zahn

Ein Hundeleben

Blaumachen

Eden

Zimmer 0.04

Nach Hause

Rattenfutter

Endlich hat alles wieder seine Ordnung! Das fast deckenhohe und mehrere Meter breite Regal ist nun wieder von einem Ende bis zum anderen und von oben bis unten mit Tiernahrung gefüllt. Um für einen Moment diesen Anblick zu genießen, tritt Annerose ein paar Schritte zurück, stemmt ihre Hände in die Hüften und nickt.

Oben im Regal stehen fein säuberlich geordnet Nager- und Vogelfutter, darunter das Katzenfutter, sortiert nach Geschmacksrichtungen und Marken, und ganz unten das Hundefutter, das den meisten Platz im Regal beansprucht. Warum eigentlich? Abgesehen davon, dass die Futterdosen für Hunde ohnehin um einiges größer und schwerer sind als die für die anderen Tiere, liegt es wohl an der Nachfrage. Die meisten Leute halten eben einen Hund. Annerose mag Hunde nicht, aber Ekel lösen sie bei ihr nun auch nicht gerade aus, jedenfalls nicht so wie Ratten. Ihr Blick wandert noch einmal hoch zur obersten Regalebene, sie schüttelt den Kopf. Heute hat sie zum ersten Mal in vier Jahrzehnten, seit sie im Einzelhandel arbeitet, Rattenfutter einräumen müssen. Wer kommt denn nur auf die Idee, sich Ratten zu halten?

Sie lässt die Vielzahl der gespiegelten Dosen und Packungen auf sich wirken. ›Spiegeln‹, das hat sie vor gar nicht langer Zeit lernen müssen, nennt man das Nach-vorne-Drehen der Packungen, Dosen oder Gläser, das Dem-Kunden-das-Gesicht-Zuwenden der Ware. Damals hatte es so einen Begriff nicht gebraucht – Hauptsache, die Waren standen im Regal. Damals, das war im Konsum in der Dahlienstraße.

»Sag mal, ist was mit dem Regal?«

Da steht eine junge Frau und duzt sie einfach, obwohl sie sich erst vor einer halben Stunde kennengelernt haben. »Nein, es ist nichts mit dem Regal.«

»Weißt du, was du als Nächstes machen kannst?«

Annerose zieht ihre Augenbrauen zusammen. »Ja, weiß ich.«

Die blond gefärbte Mittzwanzigerin mit der ausgeprägten Kieferpartie, die nicht zu ihren eigentlich zarten Zügen, der kleinen Nase und der feinen Haut passen will, bleibt stehen, als würde sie abwarten, was Annerose als Nächstes tun wird. Für einen kurzen Augenblick scheint es, als wolle sie Annerose einfach nur ansehen. Annerose wendet sich irritiert ab und geht zum Verkaufstresen hinüber, greift nach einem Stapel Preisschilder. Sie erwischt ihn nicht richtig, sodass er herunterfällt und sich auf den ganzen Boden verteilt.

»Warte, ich helfe dir.«

»Nicht nötig.«

Die junge Frau steht immer noch neben ihr. Wie hieß die nochmal? Annerose will der Name partout nicht einfallen, dabei muss sie ihn erst vor fünfunddreißig Minuten, zu Beginn der abendlichen Schicht, gehört haben. Als die Neue neben ihr in die Hocke geht, würde sie sie am liebsten wegbeißen. »Ich hab doch gesagt: Nicht nötig! Ich mach das schon!« Annerose will nicht geschont werden. Sie will keine Hilfe von anderen bekommen. Es nagt noch immer an ihr, dass sie neuerdings zu denen gehört, die einen Teil der Schicht damit verbringen, Preisschilder zu stecken. Das tun nur die faulen Vorgesetzten oder die alten und langsamen Kollegen, die die anderen bei der richtigen Arbeit behindern.

Celine – so heißt ihre neue Vorgesetzte, die noch keine dreißig sein kann. Celine, welch ein bekloppter Name. Hat sie sich nicht einmal die Hände mit einer Seife gewaschen, die ›Celine‹ hieß?

Alle sollen schnell und gleichzeitig fehlerfrei arbeiten. Der Druck auf diejenigen, denen ohnehin nicht mehr die volle Leistungsfähigkeit zugetraut wird, ist noch größer. Annerose überprüft nicht nur deshalb mehr als gründlich die Übereinstimmung der Angaben auf den Produkten mit denen auf den jeweiligen Etiketten. Sie prüft einmal und ein zweites Mal. Ich habe immer akkurat und zügig gearbeitet. Immer. Also was wollen die von mir? Sie hofft, dass sie nicht durcheinanderkommt und nicht wieder alles herunterfällt. Und obgleich sie so viel wie möglich schaffen will, gleitet ihr Blick immer wieder unauffällig über ihre Armbanduhr. Der Minutenzeiger scheint stillzustehen, und der Stundenzeiger ist noch nicht einmal bei der Neun angelangt.

Damals, als sie mit ihrer Kollegin Heidrun im Konsum in der Dahlienstraße zusammengearbeitet hat, sind die Stunden einfach so vorbeigeflogen, erinnert sie sich, während der Stapel mit den Preisschildern nur unmerklich kleiner wird. Heute gibt es eine größere Auswahl an Tierfutter als seinerzeit an Konserven für die Menschen. Annerose schüttelt darüber schon nicht mal mehr den Kopf. Und Ratten hat man totgehauen.

Auch in der Babyartikel-Abteilung soll sie Preise stecken, was ihr überhaupt nicht gefällt. Immerhin muss sie in dieser Abteilung nicht einräumen, dann würde sie noch viel mehr Zeit verbringen müssen zwischen all den Windeln und Brei-Gläschen. Obwohl die Arbeit weniger beschwerlich wäre als in der Tiernahrungsabteilung, hat sie sich bisher immer davor drücken können.

Irgendwann ist es endlich so weit, und sie kann sich mit den ungeliebten Kollegen aus dem engen Personaleingang der Drogerie quetschen. Die anderen bleiben noch zusammen stehen und rauchen eine Zigarette – ein Ritual, bei dem Annerose nur selten mitmacht. Sie geht. Mit jedem Schritt, der sie von ihrer Arbeitsstelle und den anderen wegführt, wird sie ruhiger. Sie sieht sich noch einmal um und muss feststellen, dass die Neue mit dem bekloppten Namen zu ihr herüberschaut. Schnell dreht sich Annerose wieder weg und zündet sich im Gehen eine Zigarette an.

Es ist längst dunkel, als sich Annerose eine Stunde vor Mitternacht auf den Heimweg macht. Ein rauer, herbstlicher Wind schlägt ihr entgegen. Auf ihr Fertiggericht, das sie nur kurz aufzuwärmen braucht, freut sie sich nicht. Vor langer Zeit hat sie einmal ausgerechnet, dass es billiger ist als frisch zu kochen, wozu sie ohnehin nur selten Lust hat. Der Fernseher, der ihr heute wieder nur die langweilige Fortsetzung des Gestrigen präsentieren wird, ist auch keine Verlockung. Sie hebt den Blick kaum von der Straße. Überall wuchert Unkraut am Wegesrand.

Bis vor Kurzem erschien ihr die Zeit bis zur Rente noch unendlich. Sie sehnte sich so sehr danach, nicht mehr arbeiten gehen zu müssen. Da war auch die Hoffnung, dass nach dem Ende ihres Arbeitslebens noch irgendetwas Neues kommen könne. Nun, da ihr achtundfünfzigster Geburtstag bevorsteht, ändern sich ihre Gedanken langsam, und sie fragt sich beinahe ängstlich: Kann da wirklich noch etwas kommen?

Dass die Nachbarn über ihr schon wieder Gäste haben, schwant ihr schon, kurz nachdem sie den unansehnlichen Neubaublock betreten hat. Wie oft die Gäste haben! Wie kann man so oft Gäste haben? Es ist Annerose alles zu laut und zu viel, und sie denkt wie so oft daran, wie schön es wäre, ein kleines Häuschen irgendwo weitab von der Stadt zu haben. Sie steckt den Schlüssel in die Wohnungstür. In diesem Häuschen gäbe es nicht viel, nur sie und ein paar Möbel und Tiere. Während sie ihren Anorak auszieht, verharrt ihre Hand kurz an ihrem Schlüsselbein – an der Stelle, an die sich Leyka immer gekuschelt hat, wenn sie getragen wurde. Leyka, ihre geliebte getigerte Kätzin, die sich an sie geschmiegt hat, Leyka, die ihr vor vier Jahren und acht Monaten davongelaufen ist. Annerose hatte damals gerade erst begonnen, sie mit hinaus auf ihre Spaziergänge zu nehmen, und es war auch immer gut gegangen. Nie hätte sie gedacht, dass Leyka sich von ihr abwenden würde. Sie versucht, die schmerzvolle Erinnerung abzuschütteln und atmet tief ein. Wie ist die Luft hier doch abgestanden.

Jetzt hat sie aber doch Hunger. Heute Abend entscheidet sie sich für Roulade mit Rotkohl und Kartoffeln. In der Küche zieht sie die Folie von der Assiette ab und stellt sie in die Mikrowelle. In einer Zeitschrift wurde davon abgeraten, sich vor dem laufenden Gerät aufzuhalten, wegen der Strahlung. Annerose geht mit ihrem Gesicht ganz nah heran und betrachtet den sich drehenden Teller. Die gleichförmige Rotation fasziniert sie, lenkt sie ab für diese fünf Minuten, nach denen sie den Teller auf dieselbe Stelle stellt wie gestern und sich selbst auf die immer selbe Stelle auf ihrer Couch fallen lässt. Man richtet sich ein, ich habe es doch gut. Doch der Gleichförmigkeit, die sie oftmals beruhigt, kann sie heute nichts abgewinnen.

Sie lässt den Nachrichtensprecher ohne Ton reden, hält diesem Ausbruch aus dem ewig Gleichen aber nur kurz stand, denn es rumpelt über ihr. Wie kann man so oft Gäste haben? Annerose schaltet um und bleibt bei einem Spielfilm hängen. Wie immer wird sie sich, nachdem ein solcher Film ihren Kopf entleert hat, die Zähne putzen, sich in ihr ruhig gelegenes Schlafzimmer begeben und sich mit der Gewissheit ins Bett legen, dass sie doch noch einmal aufstehen wird. Zurück im Wohnzimmer wird sie sich eine Zigarette anzünden und nach oben lauschen, sich fragen, was die Nachbarn wohl reden. Irgendwann wird sie lachen müssen bei der Vorstellung, dass ihr jemand dabei zusieht, wie sie sich in ihr Bett legt, nur um Minuten später wieder aufzustehen und sich an derselben Stelle sitzend eine Zigarette anzuzünden. Beim zweiten Mal wird sie sich einen Obstler einschenken. Über ihr wird es dann hoffentlich leiser sein.

Anneroses Tage ziehen sich hin. Eigentlich könnte sie lange schlafen. Doch fast immer steht sie früh auf, deckt aufwendig ihren Frühstückstisch, isst kaum etwas und stellt dann alles wieder in den Kühlschrank zurück. Um die Mittagszeit sitzt sie oft in ihrem schlicht gehaltenen Wohnzimmer mit den weißen Wänden, den hellen Möbeln, die Fenster geschlossen, der Fernseher läuft. Manchmal ist er auch ausgeschaltet und Annerose starrt vor sich hin. Wenn ich jetzt noch meine Augen schließen würde, könnte man meinen, ich meditiere. Heute ist es ihr aber irgendwann zu still, sie steht entschlossen auf und beginnt, etwas zu putzen.

Am nächsten Abend, an dem sie wieder arbeiten muss, beachtet Annerose das Unkraut am Wegesrand kaum. Im Kopf ist sie schon bei der Arbeit. Zwar hält man sie im Drogeriemarkt für alt und langsam, aber sie hat bisher zumindest ihre Bastion, die Tiernahrungsabteilung, erfolgreich behaupten können. Dass diese Celine am Ende selbst nur Preise stecken und nicht richtig mit anpacken will, glaubt sie nicht. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen übrigens. Aber das sind dumme Puten, die die ganze Zeit über vollkommen belangloses Zeug reden und sich über alles und jeden ihr Maul zerreißen. Vielleicht halten sie auch nur diese Stille nicht aus, die sich trotz der seichten Einkaufsmusik nach und nach zwischen den endlosen Regalen ausbreitet. Es ist in jenen Stunden, wenn keine Kunden mehr da sind, so, als hätte man die Fische aus einem Aquarium herausgenommen: Das Wasser wird ganz ruhig, und alles, was bleibt, ist ein wunderschönes Geräusch. Sie mag es, wenn das kalte Ladenlicht von all den glänzenden Produkten widerstrahlt.

So, das Plansoll ist erfüllt. Richtig viel geschafft! Gerade als Annerose ihre Sachen aus dem Spind gegriffen hat und sich aufmachen will, nach Hause zu gehen, hält die Neue sie überraschend auf.

»Annerose, was ist mit dir?«

»Was soll sein mit mir?«

»Ich hab eben gefragt, ob alle am Ersten können!«

»Was ist am Ersten?«

»Na die Betriebsfeier!«

Annerose erinnert sich, dass sich die Mitarbeiter der Drogerie jedes Jahr noch weit vor Weihnachten für einen Umtrunk, vielleicht auch für ein Essen treffen. Zumindest hat sie davon gehört, hingegangen ist sie nie. Mit ihren Kollegen von der Spätschicht verbindet sie rein gar nichts. Und die Tagesbesetzung bleibt ohnehin lieber unter sich, vor allem die Verkäuferinnen und Verkäufer.

»Die kommt nicht, brauchst du gar nicht erst zu versuchen!«, ruft eine der Kolleginnen.

Damals hatte sie mit Heidrun und der anderen Kollegin auch eine kleine Weihnachtsfeier veranstaltet. Sie selbst hatte ein Schildchen mit der Aufschrift »Vorübergehend geschlossen« an die Tür gehängt und war dann mit den anderen beiden ausgegangen. Heute ist so etwas nicht mehr möglich – kein Geschäft ist bereit, Umsatzeinbußen in Kauf zu nehmen, nur weil die Mitarbeiter sich vergnügen wollen. Und die Kunden von heute haben dafür erst recht kein Verständnis. In manchen Betrieben kommen nie alle Mitarbeiter zusammen, weil immer irgendeine Schicht gearbeitet werden muss.

Annerose schüttelt den Kopf.

»Kommst du noch eine rauchen, Celine?«, schallt es vom Ausgang.

»Ja, gleich, geht schon mal.« Celine bleibt noch einen Moment stehen und legt Annerose ihre Hand auf die Schulter.

Annerose versucht nicht zusammenzuzucken. Sie geht neben Celine her, mit deren Hand auf ihrer Schulter, bis zum Personaleingang.

»Also, ich würd mich sehr freuen, wenn du kämst«, sagt Celine leise, als sei ihr gerade geäußerter Wunsch ein Geheimnis.

»Ich überleg’s mir«, antwortet Annerose und ist von sich selbst überrascht.

Dann ist er da, der erste Dezember. Die Feier wurde auf einen Tag gelegt, an dem die Regalauffüller regulär nicht arbeiten, um ihnen nicht freigeben zu müssen. Denn anders als Celine, die in Vollzeit arbeitet, sind die Auffüller nur an ein paar Abenden in der Woche in der Drogerie beschäftigt.

Annerose stellt auch an diesem Morgen alles fast genauso in den Kühlschrank zurück, wie sie es herausgeholt hat. Gegen Mittag sitzt sie da, schaut an die Wand, an der kein einziges Bild hängt. Es gibt durchaus Bilder in ihrer kleinen Wohnung, aber etwas in ihr weigert sich, eines an diese Wand zu hängen. Sie will sich endlich entscheiden, ob sie heute Abend zur Weihnachtsfeier gehen soll oder nicht. Dabei weiß sie genau, dass sie sich das bis zum letzten Moment offenhalten wird. Sie krallt ihre Finger ineinander. Diese Neue mit ihrer Idee, dass sie – Annerose – dahin kommen könnte … Es bringt einfach alles durcheinander. Sie versucht sich zu entspannen, zündet sich eine Zigarette an.

Sie hat heute noch keinen einzigen Menschen gesehen oder gesprochen. So vergehen meist ihre freien Tage, und so hat sie sogar schon einmal eine ganze Urlaubswoche verlebt: Sie redete mit niemandem ein einziges Wort. Ihre innere Stimme sagt ihr zwar, dass es so nicht sein sollte, dass dies kein Leben ist, doch sie hat sich längst daran gewöhnt und auch Gefallen daran gefunden. Sie stört niemanden und wird nicht gestört. Heutzutage kann man es sogar vermeiden, bei einem Menschen seinen Einkauf zu bezahlen. Damals im Konsum hat sich Annerose nicht vorstellen können, dass es mal so etwas wie Selbstscanner in Geschäften geben könnte, aber noch weniger, dass sie die selbst nutzen würde, obwohl ein paar Meter weiter ein leibhaftiger Kassierer sitzt.

Wie in ihren kontaktarmen Urlauben entscheidet sie sich auch heute dafür, ihr eigener Frisör zu sein, denn sie sieht nicht ein, nur wegen so einer Feier ihr ganzes Wochenbudget herzugeben. Sie trägt die dunkelbraune Tönung auf ihre grauen Haaransätze auf und macht sich daran, passende Kleidung auszusuchen, was ihr gar nicht so leicht fällt. Es soll so aussehen, als sei sie es gewohnt, abends auszugehen, als sei dieser Abend nichts Besonderes für sie – aber auch so, als sei die abends ausgehende Annerose von der arbeitenden Annerose verschieden, als hätten sie, die dummen Puten, nicht die leiseste Ahnung von ihr. Annerose überlegt. Wenn sie denn zur Feier ginge, wäre das hochgeschlossene Wollkleid in gedeckten Braun- und Rottönen, das sie sich Anfang des Jahres im Schlussverkauf gegönnt, aber noch nie getragen hat, eine gute Wahl.

Wie lange schon hat sie sich nicht mehr geschminkt? Wimperntusche und Lippenstift sind angetrocknet und nicht mehr brauchbar. Annerose verwirft diesen Einfall schnell. Sie hat sich immer schon wie ein Clown gefühlt, wenn sie versucht hat sich selbst zu schminken.

Der Abend rückt näher, Annerose sitzt im Wohnzimmer und raucht, der Fernseher ist aus, ihr Herz pocht. Im Restaurant würde ihr sicher ein außergewöhnliches, frisch gekochtes Essen – vielleicht etwas Italienisches oder etwas Vietnamesisches – serviert werden. Welch eine willkommene Abwechslung zu ihren Fertiggerichten! Aber würde sie vor Aufregung und Anspannung überhaupt einen Bissen herunterbekommen? Sie würde ein Assiettenessen aufsparen, aber dennoch würde alles durcheinanderkommen. Sie würde bis in die frühen Morgenstunden wachliegen, unbekannte Gerüche in der Nase, verstörende Gespräche im Ohr. Ich will da nicht hingehen. Was soll ich da? Sie hängt das Wollkleid wieder in den Schrank, wäscht ihr Haar aus, föhnt es trocken. Beim Blick in den Spiegel meint sie einen Moment lang, eine Hand auf ihrer Schulter zu sehen. Und schüttelt den Kopf. Was will die denn bloß von mir? Will die sich lustig machen?

Aber als sie vor der bescheidenen Auswahl an Fertiggerichten steht, kann sie sich nicht entscheiden. Nein, sie will sich nicht entscheiden. Das schmeckt doch alles gleich! In einem spontanen Anflug von Abenteuerlust, gemischt mit Trotz, zieht sie sich ihren Anorak über, greift nach der Einladung, auf der die Adresse des Restaurants geschrieben steht, und macht sich dann doch auf den Weg.

Vorsichtig nähert sich Annerose dem Stadtviertel, in dem sie schon lange nicht mehr gewesen ist. Alles mutet hier so mittelalterlich an. Bald biegt sie in die Straße mit dem Restaurant ein. Was verspreche ich mir eigentlich davon? Die Kolleginnen werden mich blöd anglotzen und … Ihre Überlegungen werden jäh unterbrochen, als sie den Namen des Restaurants liest: Schmor-Kontor. Sie sieht von dem Schild hinunter in die Fenster, die mit Gardinen verhängt sind. Sie sehen aus wie DDR-Gardinen. Das gibt’s doch nicht …

Am Eingang wird Annerose, wie vermutlich alle Mitarbeiter, überschwänglich vom Filialleiter begrüßt. Seit Jahren arbeitet sie nun in diesem Laden. Seit Jahren hat dieser Mann kein einziges Wort mit ihr gesprochen.

»Annerose! Wir sind hier!«, ruft Celine aus einer der holzverkleideten Ecken, in der unbequeme Bänke und Stühle aus hellem Buchenfurnier stehen. So eine ockerfarbene Tischdecke hatte ich doch auch, erinnert sich Annerose, als sie sich dem Tisch nähert.

»Schön, dass du da bist«, sagt Celine und berührt Annerose am Arm, ganz so, als wären sie alte Freundinnen. Obwohl Annerose sich immer noch fragt, was Celine von ihr will, erkennt sie in ihrem Blick etwas Ehrliches, Vertrauenswürdiges. Die anderen lächeln derweil bemüht.

»Jetzt setz dich doch!«

»Ich glaub, ihr hat’s die Sprache verschlagen«, lacht eine Kollegin.

Annerose nickt: »Das stimmt.«

»Gefällt es dir hier?«

Annerose setzt sich neben Celine, ihre Frage beantwortet sie nicht. Die anderen haben sich bereits Getränke bestellt, Limonade, manche schon Cocktails. Die bunt verzierten Gläser stammen aus DDR-Zeiten, ebenso die angegilbten Lampen und die geblümten Sitzkissen.

»›Grüne Wiese‹ heißt der – ziemlich süß!«, sagt eine der Kolleginnen.

»Alles okay?«, fragt Celine leise.

Annerose versucht zu lächeln und ist froh, als die Kellnerin kommt. »Ich nehm das auch.« Sie zeigt auf die Bowle, an der Celine nippt.

»Ist doch urig hier, oder? Das war eine meiner ersten Aufgaben vom Chef. Er sagte: ›Du suchst uns mal ’nen schönen Laden für unsere Betriebsfeier aus.‹«

Annerose sieht sich um. »Und wie bist du auf das hier gekommen?«

»Ich fand das originell. Und der Chef auch.«

»Na, weil ihr ausm Westen kommt!«, ruft eine der Frauen, und Annerose pflichtet ihr innerlich bei, dabei kann auch diese Kollegin die DDR nur als Kleinkind erlebt haben.

Die Frucht-Bowle schmeckt nicht wie früher, die Soljanka, die allen als Vorspeise serviert wird, schon eher. Als Hauptgang gibt es Falschen Hasen mit Leipziger Allerlei an Salzkartoffeln. Annerose will nur probieren, sich weder auf das Essen noch auf all die laut lachenden Kolleginnen einlassen. Langsam schneidet sie ein kleines Stück Braten ab und führt es zum Mund. Schmeckt das gut. Annerose vergisst alles um sich herum, sogar Celine, mit der sie sich vielleicht ganz gut unterhalten könnte. Sie sieht und hört sie nicht mehr. Stück für Stück des Fleisches, der Kartoffeln, des Gemüses, Happen für Happen verschlingt Annerose Erinnerungen – Erinnerungen ohne Bild, bis der Teller leer ist.

Als sie wieder zu sich kommt, blickt sie in viele amüsierte Gesichter. Das Blut schießt ihr ins Gesicht, sie schwitzt, ohne etwas dagegen tun zu können. »Entschuldigt mich!«, sagt sie leise, um rasch auf die Toilette zu verschwinden. Wie habe ich nur so die Kontrolle verlieren können? Sie steht unruhig vor dem Spiegel, durch ihren Groll auf sich selbst wird ihr noch wärmer, bis sich das Schwitzen gar nicht mehr abstellen lässt. Annerose atmet mehrfach tief durch, dann lässt sie kaltes Wasser über ihre Pulsadern rinnen.

Als sie zurück an den Tisch kommt, ist ihr immer noch warm, aber sie hat sich etwas beruhigt. Sie fürchtet, die anderen lachen sie aus, aber nein, sie lachen über etwas anderes. Eine der Kolleginnen prustet laut los: »Ja stimmt, das sieht hier genauso aus wie in dem Film!«

Annerose setzt sich und schaut auf die Uhr. Schnell bekommt sie mit, um welchen Film es geht. Den hat sie sogar gesehen, sie erinnert sich gut an den Abend, an die Nacht, in der sie häufiger als sonst wieder aus dem Bett aufgestanden war.

»Kennst du den auch?«

Annerose nickt.

Eine der Frauen lehnt sich nach vorne, starrt sie herausfordernd an und fragt: »Und, war es so?«

»Stimmt«, ruft eine andere. »Annerose war ja dabei.«

Sie hebt die Schultern. Was soll sie denen denn erzählen? Sie will denen nichts erzählen!

»Ich glaube, es war genau so.« Celine deutet mit ihrem Finger auf den sie umgebenden Raum.

Noch größeres Gelächter bricht am Tisch aus, als der Kalte Hund gebracht wird. »Absolut original, dieser Laden!«, sagt jemand und hält sich das Dessert vor die Augen, als wolle er dessen Echtheit prüfen.

Annerose erschrickt beim Anblick des Kuchens, so lange hat sie diese Süßspeise nicht mehr gesehen. Davon werde ich auf keinen Fall essen.

Auch die anderen Filme, über die die Kolleginnen sich auslassen, kennt sie. Ihr wird wieder sehr warm, als diese sich über die Mangelwirtschaft und die Überwachung in der DDR lustig machen. Einige schütteln sich sogar.

»Die Wände warn mit Zeitung tapeziert.«

»Na wir hatten doch nüscht!«

»Doch, hinter der Zeitung hatten wir Wanzen.«

»Und Bananen gab’s nur über Kontakte.«

»Kontakte nach drüben aber besser nich.«

Annerose, die ihre feucht gewordenen Handflächen an der Serviette abwischt, überlegt, ob sie jetzt schon wieder gehen kann. Ich war da, alle haben mich gesehen, ich hab am Essen teilgenommen und brauch mir jetzt nur irgendwas Belangloses auszudenken, um verschwinden zu können. Da spürt sie eine Hand auf ihrem Unterarm, es ist Celines Hand, ganz warm.

»Und, Annerose, war das wirklich so mit den … na ja, du weißt schon …« Und lachend raunt sie weiter: »… mit den Stasi-Leuten?«

Die dunkle Schokolade noch auf den Zähnen fragt eine Kollegin: »Standen die wirklich hinter jeder Ecke, grau in grau, und haben Notizen gemacht?«

Die Kellnerin schleicht sich an und imitiert einen Spitzel – woraufhin der ganze Tisch jault. Annerose tritt der Schweiß auf die Stirn. Sie will am liebsten ihre Hand so kräftig auf den Tisch schlagen, dass den dummen Puten und den Wessis der Kalte Hund im Hals stecken bleibt, doch sie ballt sie lediglich zu einer Faust. »Was nehmt ihr euch überhaupt raus?« Sie sieht in verwirrte Gesichter und will nichts weiter sagen, doch der Falsche Hase rumort in ihrem Bauch. »Es ist sowas von furchtbar hier!«

»Hey, du hättest doch nicht kommen müssen!«, faucht eine der Frauen.

»Wenn es Ihnen bei uns nicht gefällt …« Die Kellnerin zeigt zur Tür.

Annerose steht auf, zieht sich ihren Anorak an und läuft grußlos an den irritierten Kolleginnen und am Filialleiter vorbei, hinaus in den dunkelnden Herbstabend.

Kalte Schnauze

Annerose sieht sich selbst, von außen, von oben, als flöge sie wie eine dieser Drohnen über sich selbst. Sie beobachtet sich auf ihrer unverständlichen Flucht fort von der Betriebsfeier. Sie sieht, dass sie schnell läuft, dass sie ihren Anorak nicht geschlossen hat, dass sie noch nicht einmal die richtige Richtung – die nach Hause – einschlägt.

Aus dem Augenwinkel bemerkt sie jetzt, dass ihr jemand ein Stück weit folgt. Wahrscheinlich Celine, aber sie dreht sich nicht um, weil sie in diesem Moment mit niemandem sein will, noch nicht einmal mit sich selbst. Als sie ein Straßenschild streift, verliert sie beinahe das Gleichgewicht. Bald ist sie weit weg vom Schmor-Kontor.

Ich hätte da niemals hingehen dürfen. Wieder nur eine grässliche Erinnerung mehr. Da Annerose der Meinung ist, ohnehin kaum über positive Erinnerungen zu verfügen, möchte sie sich gleich da vorne auf die Straße legen, sich an den Bordstein schmiegen und einfach liegen bleiben. Doch plötzlich spürt sie wieder diese Berührung an der Schulter. Warum ist das passiert? Annerose macht ihren Anorak zu, sie möchte sich schützen vor all den Leuten um sie herum. Wie warm ihre Hand war. Wie kalt ich bin.

Die Straßen sind voller kaufwütiger Grimassen, an denen sie sich vorbeidrängen muss, bis sie endlich dem engen Gedränge entkommen ist und tief Luft holen kann. Es ist ein langer Weg nach Hause, auf dem sie immerzu innerlich flucht. Am liebsten würde ich ohne jede Erinnerung leben.

Zwei Tage später sitzt Annerose in der Mitte ihres kleinen Wohnzimmers und schaut an die leere Wand, noch länger als sonst. Sie versucht über den Abend in diesem Restaurant nachzudenken, denn da war ja noch etwas, das weiß sie, da war etwas, worüber sie weiter nachdenken müsste, doch es will ihr nicht mehr einfallen. Der Anblick der leeren Wand lässt ihre Gedanken angenehm abdriften. Wenn das Nichts in mir ein Etwas wäre, ein formloses Etwas, dann glitte es widerstandslos und angenehm über weiße, saubere, leichte, wie Fahnen dahinwehende Bahnen, die sich nie kreuzten, einfach dahin, solange ich wollte. Bis das Etwas, das eigentlich ein Nichts ist, irgendwo lautlos verschwände.

Die Türklingel reißt sie aus ihren Träumereien. Es ist nicht auszumachen, ob unten an der Haustür oder oben an der Wohnungstür jemand etwas von ihr will. Da sie niemals Pakete bekommt und sich auch kein Handwerker oder Hausmeister angemeldet hat, bleibt sie einfach reglos auf ihrem Stuhl sitzen. Doch es klingelt erneut und dann noch einmal. Endlich überwindet sie sich und schleicht zur Tür. Als sie durch den Spion niemanden sehen kann, atmet sie auf. Bis es ein viertes Mal klingelt.

»Ja?«, fragt sie so unwirsch wie möglich in die Gegensprechanlage.

»Hallo Annerose! Hier ist Celine!« Und nach einigen Sekunden: »Annerose? Bist du da?«

Was will die denn jetzt hier? Will sie etwa hinaufkommen? Annerose sieht sich nervös um. Es fällt ihr schwer einzuschätzen, wie ihre Wohnung auf jemand anderen wirken könnte.

»Annerose?«

»Ja.«

»Du, ich … hab deine Adresse aus der Personalabteilung bekommen. Ich weiß, das hätte ich nicht … Es war nur, weil ich dir sagen wollte, dass es mir leidtut, wie die Feier neulich für dich geendet hat. Ich hab da wohl doch ein doofes Restaurant ausgesucht, die Bedienung war sehr unfreundlich und … Ich bin jedenfalls auch bald gegangen.«

»Aha.« Annerose lehnt sich an die Tür.

»Aber das Essen war doch nicht schlecht.«

»Nein, war es nicht.«

»Das Beste hast du aber verpasst!«

»Celine, ich …«

»Diesen Kalten Hund … Der hat so gut geschmeckt!«

Und mit einem Mal riecht es in Anneroses kleinem Flur nach erloschener Kerze und abgestandener Atemluft. »Die Fenster müssen zu bleiben«, sagt eine lange nicht mehr gehörte Stimme zu ihr, »sonst kriegen wir das Zimmer nicht wieder warm.« Im Ofen glimmt wahrscheinlich das letzte Kehrblech Kohle, ahnt sie. Der Kuchen soll über Nacht in diesem Zimmer bleiben, das trotz der Heizversuche einem Kühlhaus gleicht, aber sie will nicht, dass er in ihrer Nähe steht, denn sie hat Zahnschmerzen und wird doch nichts davon essen können. Hätte ich mich doch nur auf die Straße gelegt, mich an den Bordstein geschmiegt. Sie hört wieder Celines Stimme aus der Gegensprechanlage, sie plappert und plappert, ihr muss kalt sein, da unten.

»… der hat mir so gut geschmeckt, dass ich mir das Rezept hab geben lassen, und dann habe ich ihn gleich selbst gemacht. Es hat mir leidgetan, dass du gar nichts mehr davon hast essen können im Restaurant, und deshalb hab ich ihn dabei, also einen Kalten Hund, und na ja … ich kann ihn hier abstellen, bei den Briefkästen, dann kannst du …«

Da summt es.

»Fünfter Stock.« Annerose stellt sich vor den Spiegel und kann sich die Frage, wann sie das letzte Mal Besuch hatte, auf die Schnelle nicht beantworten. Warum ist die denn so verlegen?

Celine steht rotbäckig vor ihr und hält ihr ein quaderförmiges Aluminiumbehältnis hin. Ihre Kieferpartie wirkt nicht mehr so auffällig wie vorgestern. Sie sieht hübsch aus in ihrem hellbraunen Poncho.

»Hallo!«, sagt Annerose trockener, als ihr lieb ist, und bittet Celine herein.

»Ich will dich gar nicht lange aufhalten«, antwortet die und geht, ohne abzulegen, durch den kurzen Flur ins Wohnzimmer.

Der Stuhl steht noch in der Mitte des Zimmers. Annerose ärgert sich sofort, dass sie ihn nicht weggestellt hat – als hätte sie ihn eben gar nicht gesehen, als sie noch einmal durchs Zimmer gegangen ist. So stehen sie für einen Moment wortlos da.

»Schön hast du’s hier.«

Annerose sieht sich um, während Celine umständlich ihren Poncho über den Kopf zieht.

»Wollen wir ein Stück essen?«

In der Küche überlegt Annerose krampfhaft, was sie tun oder sagen kann, um nicht von dem Kuchen essen zu müssen, aber es will ihr nichts einfallen, was nicht wie eine Beleidigung wirken würde. Celine hat sich auf den Stuhl mitten im Zimmer gesetzt. Als Annerose sie dort sieht, wünscht sie sich, sie wäre nie bei ihr aufgetaucht. Celine scheint etwas zu spüren. Sie steht so schnell auf, dass der Stuhl fast umkippt.

»Willst du eine Tasse Kaffee? Malzkaffee oder normalen? Tee hab ich auch …«

Dann sitzen sie da, trinken frisch aufgebrühten Kaffee, Celine zelebriert das Kuchenessen regelrecht, genießt ihr Stück in vollen Zügen, während Annerose nur hin und wieder ein Stück von der Schokolade abschabt. »Ich kenn das als Kalte Schnauze.«

»Kalte Schnauze?«

Annerose zuckt mit den Schultern und versucht ein Lächeln. Über den Namen hat sie sich nie Gedanken gemacht, so wie sie sich auch nie über die Bezeichnung Tote Oma für das Blutwurstgericht gewundert hat.

Dann schweigen sie wieder. Celine isst nun hastig. Als sie aufschaut, sieht Annerose sie mit großen Augen an. Den Moment, in dem sie hätte erklären können, dass sie den Kuchen aus bestimmten Gründen nicht essen kann, hat sie längst verpasst. Es hilft nichts, dieses junge Ding hat diesen Schokoladen-Keks-Brocken zusammengeklebt und hierhergeschleppt, sie kann ihn nicht unberührt stehen lassen. Also bricht sie ein Stück heraus und führt es zum Mund. Es schmeckt vollkommen fremd, stellt sie fast erleichtert fest. Vorsichtig dreht sie das Stück in ihrem Mund, befühlt es. Ist ihre Zunge etwa zu kalt? Die Schokolade will nicht zergehen.

»Und, schmeckt sie wie früher – die Kalte Schnauze?«

»Nein«, sagt Annerose ohne zu zögern und dreht das Stück noch einmal auf ihrer Zunge.

»Schade, das hatte ich so gehofft.«

Für einen kurzen Moment fragt sich Annerose, ob sich ein kleiner Teil von ihr nicht auch gewünscht hat, dass es so schmecken würde wie damals. Wie oft hatte sie sich auf die Kalte Schnauze gefreut, aber immer hieß es: »Du musst warten, bis sie ganz kalt ist.« Und wenn es dann endlich so weit war – meist erst am nächsten Tag, wenn nicht gerade Winter war und man den Kuchen nur für wenige Stunden in die Diele zu stellen brauchte –, verschlang sie zwar ihr Stück, aber es war nicht dasselbe, als wenn sie es unmittelbar nach der Zubereitung hätte essen dürfen. Annerose zerbeißt den Keks und denkt an die Kalte Schnauze, die sie für Durs gebacken hatte. Deshalb kann sie nichts sagen. Und während sie mühevoll ein mehr als dreißig Jahre altes Stück hinunterwürgt, weiß sie, dass sie Celine durch ihr Schweigen das Gefühl gibt, sie habe mit dem Kuchen irgendwas falsch gemacht.

»Schade, dass es nicht so schmeckt wie damals …«, wiederholt Celine, und Annerose wird wieder unbegreiflich heiß. Warum reitet sie darauf so herum? Warum betonst du noch einmal, dass es schade ist? Es bahnt sich ein Aufruhr in ihr an, der sich schwer zurückhalten lässt. Und da stürzt auch schon die Gegenfrage harsch aus ihrem Mund: »Wieso? Wieso soll es mir denn unbedingt so schmecken wie damals?«

Celine sieht sie erschrocken an: »Ich dachte …«

»Nichts schmeckt mehr wie damals. Und weißt du was? Es soll auch nicht schmecken wie damals! Was denkst du dir bloß?«

Celine steht hastig auf. »Ich hab’s nur gut gemeint.« Sie zieht unvermittelt ihren Poncho über, und Annerose, die sich schnell wieder beruhigt hat, sieht ihr nur wortlos zu. Dabei hatte sie ihr doch sagen wollen, dass er ihr gut steht, dass sie in dem Poncho hübsch aussieht.

»Auf Wiedersehen, Annerose.«

»Ja, bis morgen«, sagt sie leise.

Dann fällt die Tür ins Schloss.

In der Nacht liegt Annerose wieder lange wach. Warum ist mir das Gespräch nur so derart entglitten? Wie konnte ich Celine nur so verprellen? Annerose findet keine Antworten.

Was wollte sie hier, ihre Chefin? Vielleicht sieht Annerose jemandem ähnlich, und Celine hat ihre Nähe gesucht, weil sie sie wie ein Museumsstück an etwas Vergangenes erinnert? Aber Annerose hat ebenso wenig mit der Person zu tun, an die sie Celine möglicherweise erinnert, wie auch der Kuchen heute nicht mehr wie früher schmeckt – nie wieder so schmecken kann! Das muss Celine doch begreifen!

Nach einer Weile des Grübelns ergreift Annerose wie aus dem Nichts ein Jieper – nicht auf eine Zigarette, sondern auf Celines Kuchen. Im Dunkeln eilt sie in die Küche, wo sie die abgedeckte Backform vor sich hinstellt. Im fahlen Licht der Straßenlaternen, das in die kleine Küche fällt, entfernt sie vorsichtig die Alufolie, um zunächst die Schokoladendecke zu betrachten. Dann dreht sie die Form so zum Licht, dass sie den Querschnitt sehen und die Schichten zählen kann. Sonderbar, dieser Kuchen. Mit einem stumpfen Messer arbeitet sie umständlich und mit zittriger Hand ein neues, schmales Stück heraus und legt es vor sich auf den Teller. Sie bricht ein Stück ab, führt es zum Mund, befühlt es wieder vorsichtig mit der Zunge. Nichts! Sie schluckt das Stück, schneller als am Nachmittag, in der Hoffnung, es würde dann doch wieder so schmecken wie damals. Ein weiteres Stück – wieder eine Enttäuschung. Bald schlingt sie Happen für Happen in sich hinein, in der Erwartung, vielleicht doch eine Ecke zu erwischen, die so schmeckt wie damals. Sie denkt wieder an diese eine Kalte Schnauze, die letzte, die sie gebacken hat, und welche Mühe es gewesen war, diesen Kuchen zusammenzubekommen, nicht nur, was die Zutaten betraf. Für das Kokosfett hatte sie schon Tage zuvor durch die ganze Stadt fahren müssen. Sie hatte an jenem Tag sogar länger arbeiten müssen und war am Feierabend nach Hause gehetzt, damit der Kuchen bis zum Abend auch noch lange genug kühl stehen würde. Sie hatte sich so angestrengt, so geschwitzt und dem Abend so entgegengefiebert. Und dann war das Ganze, als Durs – auch noch viel zu spät – in die Küche trat, so ein Reinfall geworden. Er hatte den Kuchen auf dem Tisch gesehen, die Nase gerümpft und ihn nicht angerührt.

Annerose schüttelt den Kopf, sieht vor sich auf den Tisch und erblickt ein Schlachtfeld aus verschmierter Schokolade und Kekskrümeln. Ihre ganze Mundhöhle klebt von der süßen Masse, sie fährt mit der Zungenspitze bis zum Gaumen. Wie wohl die Kalte Schnauze geschmeckt hat, die ich für Durs gebacken habe?

Der Kuchen liegt Annerose schwer im Magen. Wieder im Bett überlegt sie, wie es morgen Abend auf der Arbeit sein würde, zwischen ihr und Celine. ›Was denkst du dir bloß?‹ Hätte sie sich diese Frage doch nur verkniffen. Schließlich dämmert sie doch irgendwann weg und schläft über der wohligen Vorstellung ein, dass sie Celine ihrerseits einmal am Arm berühren und ihr damit zeigen will, dass sie sich doch gefreut hat.