Weißkittelphobie - Aenne Dornbusch - E-Book

Weißkittelphobie E-Book

Aenne Dornbusch

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Beschreibung

"Da helfen keine Pillen!", ahnt Aenne - und weil die kleinen, bunten Kügelchen auf Dauer keine Lösung sind, unternimmt sie alles, um ihre chronischen Schmerzen endlich loszuwerden. Für die junge Frau beginnt eine langjährige Odyssee zu Ärzten, Therapeuten und wundersamen Heilern. Oder solchen, die sich dafür halten... Aber wird ihr Traum von Schmerzfreiheit auch in Erfüllung gehen? "Weißkittelphobie" beruht auf einer wahren Geschichte. Aenne Dornbusch erzählt diese unglaubliche Story trotz aller Tragik mit einer gewissen Portion Humor und Ironie.

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Seitenzahl: 95

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Aenne Dornbusch

Weißkittelphobie

XXL Leseprobe

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Nur ein harmloses Schleudertrauma

Onkel Kelly und das teure Kügelchen

Wer hat denn sowas angeordnet?

Neuer Arzt, neues Glück?

Gott sei Dank, kein Wolkenkratzer!

No way!

Alle schlechten Dinge sind drei

Atmen, einfach wegatmen

Frisch gegooglet

Aua, das tut weh!

Ab, auf die Couch!

Übersinnliche Sitzungen

Impressum neobooks

Nur ein harmloses Schleudertrauma

Ein Verkehrsunfall ist im Grunde genommen so überflüssig wie ein Kropf.Kein Mensch braucht einen, aber manche haben halt doch einen.

Kismet, sagt der Araber. Schicksal, nennt es der Europäer. Zufall nennt es der Ungläubige. Mist, sagen die meisten, denen so etwas passiert. Für mich galt letztere Variante. Doch es kam noch schlimmer – einfacher Mist wäre da glatt untertrieben. Pech? Ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist. In jedem Fall ist es so, dass einem ein winziger Moment, eine Sekunde nur, das ganze restliche Leben durcheinanderwirbeln kann.

Bei mir, Aenne Dornbusch, war es jedenfalls so…

Doch beginnen wir von vorne, wir schreiben das Jahr 1995: Ich war Ende zwanzig und saß als Beifahrerin in einem stattlichen Geländewagen mit Stern. Gerade erst war das Gefährt komplett restauriert worden. Jetzt sah er wieder aus wie neu! Und musste natürlich einmal ausgefahren werden… Es sollte eine harmlose, abendliche Spritztour werden, die neuen Sitze und der neue Lack mussten ja endlich eingeweiht werden. Dieser Wagen war ein bisschen wie ein „Panzer“. Ich habe dieses Auto immer gerne gefahren, es machte Geräusche wie ein kleiner Traktor, es ruckelte und man hatte das sichere Gefühl, tatsächlich einen Motor unter dem Hintern zu haben. Solide, deutsche Wertarbeit mit ordentlicher Knautschzone, was sich später als wahrer Glücksfall herausstellen sollte.

Bei Glatteis und unter zu hoher Geschwindigkeit hatte uns ein anderes Auto frontal gerammt, es flog sozusagen direkt in unseren Wagen hinein. Beide Autos waren Schrott, im Endeffekt. Von dem anderen Wagen war allerdings nicht mehr viel übrig, es wurde beim Aufprall wie eine Ziehharmonika zusammengequetscht. Die Fahrerin hatte die Straßenverhältnisse wohl falsch eingeschätzt und wollte wahrscheinlich nur schnell nach Hause. Zu schnell – so nahm man an. Ein verheerender Fehler, bei dieser Witterung einen LKW bergab zu überholen.

Ich war im Moment des Aufpralls nur sauer, stinksauer. Wie konnte man bei diesem Glatteis auch noch einen Laster überholen? Auf abschüssiger Straße – und dann noch vor einer Kurve? Wir hatten keinerlei Chance auszuweichen, das Auto raste einfach so ungebremst in uns hinein. Alles spielte sich in absoluter Zeitlupe ab - und ich fühlte mich wie in einem Film. Man nimmt alles anders wahr, ist in einem vollkommen veränderten Zustand. Die Zeit steht still und rast gleichzeitig mit einem wahnsinnigen Tempo dahin. Im ersten Moment wusste ich nicht einmal, ob ich vielleicht schon tot war – Luft bekam ich jedenfalls keine mehr. Meine Lungen fühlten sich an, als seien sie komplett zusammengequetscht. Dann stieg ich wie ferngesteuert aus und ging in die eiskalte Nacht. Doch im Grunde genommen spürte ich gar nichts. Keine Kälte, keine Schmerzen, kein Gefühl.

Die Insassen des anderen Fahrzeugs waren tot. Kein schönes Ende für einen fröhlichen Abend, kamen sie doch gerade von einer Musikveranstaltung… Was wir aber erst später erfahren haben.

Ich hatte „nur“ Brandwunden am Hals, von dem Sicherheitsgurt, der auf einige Meter Länge ausgedehnt worden war und sich mit rasender Geschwindigkeit in die Haut gefressen hatte – sonst konnte man auf den ersten Blick jedoch nichts feststellen. Ich verbrachte also einige Zeit im Rettungswagen – wie lange, weiß ich nicht mehr, denn das Zeitgefühl war mir abhanden gekommen. Für einen Krankenhausaufenthalt sah bei mir niemand eine Veranlassung. Und irgendwann meinte der Notarzt, wir könnten jetzt gehen. Also wurden wir von einem netten Autofahrer, der als Erster an der Unfallstelle eingetroffen war, freundlicherweise direkt nach Hause gefahren. Mein Freund in seine Wohnung, ich in meine. Aber von einer Guten Nacht konnte keine Rede sein.

Was Schüttelfrost genau ist, wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Nach dieser Nacht aber kannte ich mich damit aus: Denn es schüttelte nicht nur meinen Körper ordentlich durch, nein, ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass mein ganzes Metallbett mit durchgerüttelt wurde. Es kam mir vor, als würde das Bett unter mir hüpfen, so hat es gewackelt. Das Ganze musste wohl über mehrere Stunden gegangen sein. Und ich konnte nichts dagegen tun, es lief völlig automatisch ab und ohne mein bewusstes Zutun. Stoppen konnte man hier nichts mehr.

Dann entdeckte ich, dass meine Zunge blutete. Sie war wohl gerissen, weil ich mir beim Aufprall heftig darauf gebissen hatte. Noch mehr Blut kam ebenfalls zum Vorschein, als ich auf die Toilette ging. Von Gehen kann man jedoch nicht sprechen, jede kleinste Bewegung war ein Kraftakt, ein schmerzhafter. Alles ging nur millimeterweise, was immer ich auch versuchte. Irgendwann am frühen Morgen wurde mir klar: Ich muss ins Krankenhaus! So easy, wie es im ersten Moment wohl ausgesehen hatte, war die Sache anscheinend doch nicht.

Irgendwie konnte ich mich auch noch dumpf an die Worte des Notarztes erinnern: „Doch, SIE haben auch was abbekommen. Sie merken es nur jetzt noch nicht…“ Tja, da hat er wohl absolut recht gehabt.

Ich landete in einem der nächstgelegenen Krankenhäuser, der diensthabende Arzt war ein „entfernter Bekannter“ von mir – und alleine deshalb vertraute ich ihm. Was sich hinterher als nicht ganz glücklich herausstellen sollte. Aber in dem Moment dachte ich, ich sei in den besten Händen.

Diese Hände, die mich behandelten, waren die eines ausgebildeten Chirurgen. Aber auch die eines begeisterten Chiropraktikers. Das sogenannte Einrenken von angeblich verschobenen oder ausgerenkten Wirbeln war sozusagen seine Leidenschaft – und ein jeder, der ihm begegnete, wurde, wenn irgend möglich, erst einmal eingerenkt. Die meisten Leute fühlten sich nach dieser Prozedur, die ja nur Bruchteile von Sekunden dauerte, wie neugeboren. Angeblich konnte man fast alles damit beeinflussen. Mitte der neunziger Jahre war man noch der Ansicht, dass es eine gute Sache ist, das Einrenken.

So wurde diese Methode auch bei mir, der frisch Verunglückten mit dem akuten Schleudertrauma, angewandt. Und zwar mehrfach. Im Abstand von wenigen Tagen. Heute hat man da eine andere Einstellung gewonnen und setzt zunehmend auf sanftere Methoden. Aber damals war von Osteopathie oder ähnlichen Therapien noch keine Rede.

„Du hast Glück gehabt, das ist nur ein Schleudertrauma, nix Dramatisches – und die Prellungen gehen auch bald wieder weg. Stationäre Aufnahme nicht nötig. Halskrause oder andere Ruhigstellungen sind ebenso überflüssig“, sagte mein Duzfreund in der Notaufnahme. Das würde man heute nicht mehr machen. Die Muskulatur müsste sich sofort wieder aufbauen und nicht lahmgelegt werden. Schonverhalten unerwünscht.

Ich konnte mich jedoch kaum bewegen, selbst das Atmen tat mir weh. Jedes noch so kleine Steinchen, das auf der Straße lag, merkte ich im ganzen schmerzenden Körper, wenn ich als Beifahrerin unterwegs war – auf meinen unzähligen Fahrten zum Arzt.

Was, außer Schonverhalten, hätte ich auch sonst gekonnt?

Aber ich glaubte dem Mann in Weiß, denn er hatte ja studiert, war mir sicherlich wohlgesonnen und meinte es doch nur gut. Doch es wurde nicht gut…

Für die nächsten Wochen war ich außer Gefecht – und natürlich vom Hausarzt krankgeschrieben. Es hatte sich nach einiger Zeit dann noch ein Bruch im Sprungbein dazugesellt, den ich nach dem Unfall erst einmal komplett außen vorgelassen haben musste, denn die anderen Schmerzen waren so heftig, dass ich die untere Etage wohl glatt vergessen hatte… Aber ich bekam Krücken, denn ich sollte den rechten Fuß nicht belasten. Zudem hatte ich mir – beim Versuch, als Beifahrerin beim Aufprall MITZUBREMSEN, den Fuß so dermaßen durchgetreten, dass ich eine Cortison-Spritze in die Ferse bekommen musste und nicht mehr auftreten konnte. Na prima. Mein damaliger Chef und meine Sekretariats-Vertretung in der Firma waren „begeistert“!

Aber ich versuchte, das Ganze nicht zu dramatisieren. Im Prinzip hatte ich ja wirklich wahnsinniges Glück gehabt. Viele Unfallopfer sind erheblich schwerer verletzt, müssen wochenlang in Krankenhäusern liegen oder unzählige Operationen über sich ergehen lassen. Von bleibenden Schäden ganz zu schweigen. Oder all die Menschen, die bei einem Unfall ihr Leben verlieren. Ich hatte es ja hautnah mitbekommen.

Also, machte ich mir klar: Es handelt sich doch nur um ein harmloses Schleudertrauma. Eine Überdehnung der Halswirbelsäule, weil der Kopf bei so einem Aufprall heftig nach vorne geschleudert wird. Und der Kopf ist nicht gerade leicht und kann sich selbst auch nicht halten. Die arme Wirbelsäule muss das alles mitmachen und wird in Bruchteilen von Sekunden in die Länge gezogen.

Und, wie ich später erfahren sollte, ist der Beifahrer ganz besonders betroffen bei dieser Art von Verletzung. Denn er hat nichts zum Abstützen, zum Festhalten. Im Gegensatz zum Fahrer, dem dazu noch das Lenkrad bleibt. So werden auf der Beifahrerseite unglaubliche Kräfte frei. Und da kommt der Hals wieder ins Spiel, auf welchem der Kopf bekanntlich sitzt. Er muss das Ganze nämlich aushalten. Und diese Schwerstarbeit im unverhofften Zustand eines Autounfalls ist eine Sache, die per se zum Scheitern verurteilt ist. Das kann so ein einzelner Hals nicht leisten, das ist unter Umständen zuviel für ihn…

Onkel Kelly und das teure Kügelchen

Genug Tabletten genommen, entschied ich eines Tages - denn ich hatte die Nase voll. Es musste etwas ANDERES her. Und da in meiner Familie schon über viele Jahrzehnte mit der Klassischen Homöopathie unglaubliche Heilungen passiert sind, wo die sogenannte Schulmedizin nichts mehr ausrichten konnte, entschied ich mich für diesen Weg.

Ich wusste auch schon, wo ich fündig werden sollte: Ich kannte ein Ehepaar, das sich ganz dieser Heilweise von Samuel Hahnemann verschrieben hatte. Dazu muss man wissen, dass der Grundsatz dieser Heilmethode den Satz „Gleiches mit Gleichem heilen“ im Schilde führt. Man könnte auch sagen, was den Gesunden krank macht, kann den Kranken auch wieder gesund machen. Hahnemann selbst hat dies schon vor über 200 Jahren an sich selbst getestet. Mit Chinin, einem Stoff, der malaria-ähnliche Symptome hervorbringt, wenn ihn ein Gesunder zu sich nimmt. Gibt man jedoch einem Malaria-Erkrankten Chinin, so soll er genesen. So die Theorie. Natürlich grob vereinfacht, sehr grob. Denn die Heilweise stützt sich auch wesentlich auf das Verdünnen, das sogenannte Potenzieren von allen Stoffen, die zur Heilung eingesetzt werden können. Und genutzt werden kann alles: Alles, was in der Natur vorkommt, inklusive erkranktem Gewebe, inklusive ekliger Dinge, über die man nicht gerne nachdenken möchte. Eine wissenschaftliche Beweislage ist auch heute noch sehr dünn, es wird heftig gestritten den Fachrichtungen. Aber die Homöopathie ist mittlerweile eine Erfahrungsmedizin. Und viele Anwender, die sie auch bei Tieren erfolgreich eingesetzt haben, können bestätigen, dass ein Placebo-Effekt, der ja nur auf Glaube und Einbildung beruht, hier absolut ausgeschlossen ist.

Dieser Lehre folgte auch das ungleiche Paar, ich kannte die beiden noch aus meiner Jugend. Aber eben nur vom Sehen. Oft hatte ich sie in der Pizzeria meines Heimatortes beobachtet, wo sie praktisch die ganze Gästeschar kostenlos und aus reiner Nächstenliebe beraten haben. Der Familienvater und Homöopath war ein recht uriger Typ, er trug einen brustlangen Bart und war etwas übergewichtig, was ihn gemütlich und ruhig erscheinen ließ. Seine Frau, ebenfalls vom gleichen Berufsstand, war eine eher blasse Gestalt, die immer einen Cowboyhut trug, solange ich sie kannte. Sie hatten Kinder wie die Orgelpfeifen. Für mich waren sie so etwas wie eine zweite Kelly-Family. Nur, dass sie sich nicht mit Musik beschäftigten – sondern mit der Heilkunde Hahnemanns. Mittlerweile, so wusste ich, waren sie mit ihrer Praxis in die nächste Großstadt umgezogen.