Weite Sicht - Thorsten Pilz - E-Book
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Weite Sicht E-Book

Thorsten Pilz

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Beschreibung

Vier Frauen, vier Leben: Charlotte, die alles in Frage stellt, woran sie so lange glaubte. Gesine, die Hilfe braucht und nicht weiß, wie sie darum bitten soll. Sabine, die einsam ist und sich nicht damit abfindet. Und die Dänin Bente, der Freigeist, die Unruhestifterin, die fürchtet, nicht mehr genug Zeit zu haben für das, was sie noch vorhat. Nach vielen Jahren taucht Bente plötzlich wieder in Hamburg auf und wirbelt Charlottes Leben durcheinander. Mit ihrem Humor, ihrer Begeisterung für die Schriftstellerin Karen Blixen und ihrer Abenteuerlust. Vier Frauen, vier Leben. Und doch ist das, was ihnen die Sicht auf Neues verstellt, nur mit vereinten Kräften zur Seite zu schieben.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumWidmungTAG 0TAG 1TAG 2TAG 5TAG 6TAG 7TAG 8TAG 9TAG 13TAG 15TAG 19TAG 20TAG 21TAG 22TAG 23TAG 24TAG 25TAG 26TAG 28TAG 29TAG 30TAG 31TAG 32TAG 34TAG 35TAG 36TAG 37TAG 38TAG 41TAG 42TAG 43TAG 44TAG 45TAG 46TAG 47TAG 48TAG 63TAG 71TAG 84TAG 85TAG 97TAG 103TAG 131TAG 140TAG 152TAG 189TAG 242Danke

Über dieses Buch

Ehe, zwei Kinder, ein Haus an der Elbe. Und dann erfährt Charlotte nach dem Tod ihres Mannes, dass Friedrich jahrelang ein Verhältnis mit ihrer Schwester hatte. Ihrer Kulturstiftung vermacht er sein Vermögen, Charlotte bleibt allein das große Haus. Dann kommt Bente. Dänin, Freigeist, Unruhestifterin. Anfang der 70er-Jahre, kurz vor dem Abitur war sie mit ihren Eltern nach Hamburg gekommen und hatte Charlottes Leben durcheinandergewirbelt. Mit ihrem Humor, ihrer Begeisterung für die Schriftstellerin Karen Blixen und ihrer Abenteuerlust. Nun meldet sie sich erneut bei Charlotte. Und diese merkt, dass das Leben immer neue Wendungen nimmt, egal wie viel Zeit einem noch bleibt …

Über den Autor

Thorsten Pilz (Jahrgang 1969) ist Redakteur beim NDR in Hamburg. Seine Liebe zu Dänemark begann in Sommerurlauben an der jütländischen Westküste mit Softeis, Pølser und scheinbar endlosen Sandstränden. WEITE SICHT ist sein erster Roman.

L ü b b e

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Die zitierten Textauszüge stammen aus»Peter und Rosa« von Tania Blixen.Übertragung aus dem Dänischen von Thyra Dohrenburg

Copyright © 2023 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Katharina Rottenbacher, Berlin

Umschlaggestaltung: © Barbara Thoben

Umschlagmotiv: © T.S. Harris/Bridgeman Images

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-4224-5

luebbe.de

lesejury.de

Für meine Mutter, Brigitte, Käte, Gerlinde, Eleonore, Marianne, Barbara, Heike und all die anderen

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Auf dem Bildschirm flimmerten bunte Diagramme und Sinuskurven. So wie die Aktienkurse, die Friedrich früher, als es nicht gut um sein Depot stand, mit einer Mischung aus Spannung, Sorge und leichtem Grusel auf dem Computer verfolgt hatte: grüne abgeflachte Kurven, blaue durchgezogene Linien, Nullwachstum. Dazu, wie zur akustischen Bestätigung, ein hoher Pfeifton. Alarm. Zumindest das war anders, dachte Charlotte.

Sie starrte auf den grauen Respirator, der beständig versucht hatte, Luft in Friedrichs schwache Lunge zu pumpen. Ein letztes Mal streichelte Charlotte seine Hand. Langsam versuchte sie aufzustehen, aber ihre Beine hingen wie Eisenstangen an ihr und folgten nur widerwillig ihrem Befehl. Vorsichtig schob sie den Stuhl beiseite, auf dem sie die letzten sieben Stunden steif verharrt hatte. Sieben Stunden, in denen sie immer wieder in Friedrichs Gesicht geschaut hatte, seinem Atem gefolgt war. Ein Atem, der langsam zu einem schnarrenden Rasseln geworden und schließlich ganz verstummt war. Sieben Stunden, in denen das gemeinsame Leben sich ihrer zu vergewissern schien. Zumindest fühlte es sich für Charlotte so an. Als würde Friedrich sie bitten oder gar ermahnen, die gemeinsamen Jahre nicht zu vergessen.

Fünfzig gemeinsame Jahre.

Fast ein ganzes Leben.

Charlotte atmete tief aus. Als sie den Luftzug spürte, kam es ihr so vor, als würde sie jetzt erst wieder selbstständig atmen. Als habe sie es nicht übers Herz gebracht, dem sterbenden Friedrich ihr eigenes Weiterleben entgegenzuhalten.

»Mein Beileid, Frau Holtgreve.«

Ohne eine Reaktion abzuwarten, schaltete die Ärztin das Beatmungsgerät ab, löste die Schläuche und entsorgte die Spritzen. Bevor sie das Zimmer verließ, drehte sie sich noch einmal um.

»Lassen Sie sich gerne Zeit.« Leise schloss sie die Tür hinter sich.

»Lass dir Zeit.« Mit diesen Worten hatte ihre Mutter Charlotte und die beiden anderen Kinder Johannes und Gesine immer beruhigt. Wenn Dinge nicht so vorangingen, wie sie sollten, berufliche Erfolge auf sich warten ließen, Liebesgeschichten unglücklich endeten. »Lass dir Zeit.«

Hier, im dreizehnten Stock des Altonaer Krankenhauses, hatte Charlotte einen guten Blick auf die Hafenanlagen, die vom Sonnenuntergang dieses Sommerabends in ein orange-blaues Licht getaucht wurden. Was wohl in den vielen Containern steckte und wohin diese dann schließlich gebracht würden – immer wieder fragte sie sich das, wenn sie in der Nähe des Hafens war. Als Kind hatte sie ihren Vater stundenlang bekniet, mit ihr die Containerbrücken zu beobachten. Einfach so. »›Kräne gucken‹ konntest du lange vor ›Mama‹ oder ›Papa‹ sagen«, sagte ihr Vater und lachte. Immer wenn er nach Hause gehen wollte, waren Charlotte neue Fragen eingefallen: Wieso bleiben Bananen so lange grün? Was passiert, wenn man über den Äquator fährt? Ihr Vater hatte auf alle Fragen Antworten gehabt. Ob sie richtig oder falsch gewesen waren, spielte für sie keine Rolle. Hauptsache, sie konnte weiter den Kränen dabei zusehen, wie diese, einer geheimen Choreografie folgend, elegant und effizient zugleich ihre Arbeit verrichteten. »Lass dir Zeit«, flüsterte Charlotte und sah ihr müdes Gesicht schemenhaft in der offenbar länger nicht geputzten Fensterscheibe. Mit einem leisen Knacken öffnete sich hinter ihr die Zimmertür.

»Mutter …« Franziskas Stimme beendete die Stille. »Es tut mir so leid.« Langsam drehte sich Charlotte zu ihr um.

Franziska blieb vor dem Bett stehen und gab ihrem toten Vater einen Kuss auf die Stirn. Dann konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Es war kein lautes Schluchzen. Ein kaum wahrnehmbares Wimmern war Franziskas Art, Abschied zu nehmen.

Charlotte betrachtete ihre Tochter vom Fenster aus. Die mittellangen schwarzen Haare zum Pferdeschwanz zusammengerafft, der dank Pilates und Intervallfasten makellose dreiundvierzigjährige Körper steckte in einem dunkelblauen Kostüm. Charlotte vermutete Chanel oder Prada. Dazu passende beige Pumps. Perfekt platziertes Understatement. Kontrolliert, wachsam. Charlotte mochte Franziskas Energie, ihren Optimismus, ihr Selbstbewusstsein. Letzteres auf jeden Fall ein Erbstück ihres Vaters. Sie war Friedrichs Liebling gewesen, immer schon. Der Zweitgeborenen, seinem Mädchen, ließer vieles durchgehen. Wenn sie sich zum gemeinschaftlichen Abendessen nicht abmeldete, nahm er das ohne jede Diskussion hin. Als sie mit ihren Freundinnen nach Südfrankreich trampen wollte, fand Friedrich das trotz ihrer fünfzehn Jahre originell. Charlotte war erst beruhigt, als Franziska das Geld für ein Bahnticket von ihr angenommen hatte. Das Kind soll seine Erfahrungen machen, hatte Friedrich immer gesagt. Er sei da schließlich nicht anders gewesen.

Matthias war anders. Gleich nach einem mittelmäßigen Abitur ließ er Hamburg hinter sich. Reiste in den Oman und nach Tansania, studierte in München und Aix-en-Provence. Hauptsache, weit weg von zu Hause. Weg von einem Vater, dem er es noch nie recht machen konnte. Schon als Kind nicht, wenn Matthias bei Dauerregen Stunden im Garten verbrachte, um die Geschwindigkeit von Schnecken zu untersuchen, oder später, als er seinen Vater in selbst gestrickten Pullovern und mit selbst geschnittenen Haaren überraschte. Matthias bot Friedrich immer wieder die perfekte Angriffsfläche für Sticheleien, Streit und Wutausbrüche. Am Anfang hatte er darunter gelitten, hielt dagegen. Irgendwann war es ihm egal. Für seinen Vater war das die größtmögliche Provokation. Matthias empfand es damals als Triumph. Ein Triumph, der jedoch selbst in seinen Augen über die Jahre immer schaler geworden war.

»Ich dachte, er sei auf dem Wege der Besserung?« Franziska schaute ihre Mutter mit glasigen Augen an. Charlotte schüttelte den Kopf, ging auf sie zu und strich ihr sanft über den Kopf. So verharrten sie kurz, bis Franziska ihren Stuhl vom Bett abrückte und sich selbst durchs Haar fuhr, so als habe Charlotte die Dinge dort oben gerade durcheinandergebracht.

»Matthias habe ich noch nicht erreicht. Versuchst du es heute Abend, bitte?« Die Frage ihrer Tochter kam Charlotte wie ein Befehl vor. Sie nickte kurz. Franziska hatte sich wieder im Griff oder versuchte es zumindest. Charlotte sah, wie sie mit zitternden Fingern ihr Handy aus der Handtasche zog.

»Fünf Anrufe in Abwesenheit. Ich muss mal kurz …«

Sie schnäuzte in ihr Taschentuch und rauschte aus dem Krankenzimmer. Charlotte kam sich plötzlich verloren vor, hier zwischen Stille und Tod. Ein letztes Mal streichelte sie Friedrichs inzwischen kühle Wange, bedankte sich beim Personal und verließ die Station. Im Fahrstuhl fiel ihr noch einmal der Satz der Ärztin ein.

»Lassen Sie sich Zeit.«

Als Charlotte ihr Fahrrad aufschloss, musste sie an den Tod ihrer Mutter denken. In einem Pflegeheim war Anna gestorben, unweit des alten Pfarrhauses. Eines Morgens war sie nicht mehr aufgewacht. Sie habe nicht gelitten, war sich der Arzt sicher. Sechsundneunzig lange Jahre hatte Anna Klindworth gelebt. Wenn sie nur ein paar der guten Gene ihrer Mutter geerbt hätte, überschlug Charlotte im Kopf, blieben ihr noch zwanzig Jahre, vielleicht ein paar mehr.

Zum ersten Mal an diesem Tag kamen ihr die Tränen. Charlotte war sich nicht sicher, worüber sie weinte. Über Friedrichs Tod, die Erinnerungen an ihre Mutter oder über die verrinnende Zeit, die ihr noch blieb. Zwei Mädchen, die gerade singend neben Charlotte ihre Fahrräder abschlossen, holten sie in die Gegenwart zurück. Die beiden schauten sie an und verstummten abrupt. Erst als sie sich einige Meter entfernt hatten, sangen sie weiter. Charlotte blickte ihnen hinterher, holte ihr Handy hervor und wählte Matthias’ Nummer.

»Friedrich ist tot.«

Am anderen Ende blieb es still. Lediglich das aufgeregte Summen von Fliegen oder anderen Insekten drang an ihr Ohr.

»Matthias, dein Vater ist tot.«

Charlotte hörte ein leises Schnaufen, als würde ihr Matthias auf diese Weise mitteilen, dass sie gerade störe. Sie fragte sich, ob er den Schreibtisch verlassen hatte und vor das kleine provisorische Container-Büro aus dunkelgrünem Wellblech getreten war, um den Anruf entgegenzunehmen. Als müsse er Forschungsergebnisse und Familienangelegenheiten strikt voneinander trennen. Vor zwei Monaten hatte Matthias ihr Bilder aus Peru geschickt, sodass Charlotte jetzt einen kleinen Eindruck von seinem Leben auf der anderen Hälfte der Welt hatte. Was sie auf den Fotos gesehen hatte, war ihr unfassbar trostlos vorgekommen. Die schroffe Landschaft voller Sand und Stein, die spärliche Vegetation, ihr Sohn in offenbar viel zu weit gewordenen Hosen, sein Blick, wie er verloren in die Sonne blinzelte.

»Wie geht es dir, Mutter?«, fragte er schließlich mit tonloser Stimme.

»Gestern hatte er einen dritten Herzinfarkt. Davon hat er sich nicht mehr erholt. Dabei war er eigentlich auf dem Weg der Besserung. Aber offenbar war es doch zu viel für sein Herz.« Charlotte presste die Lippen zusammen. Sie spürte, würde sie weiterreden, kämen ihr die Tränen. Das wollte sie nicht, nicht am Telefon.

»Das wäre dann das erste Mal, dass sein Herz überfordert gewesen wäre.«

Charlotte wünschte sich, ihm wäre etwas anderes eingefallen. Etwas Tröstendes, wenn schon nicht für seinen Vater, dann wenigstens für sie. Aber so einfach war das nicht.

»Weiß Franziska schon Bescheid?«, fragte er schließlich.

»Ja, sie war im Krankenhaus.«

»Gut.«

Charlotte atmete tief ein, so als brauche sie für die nächsten Worte einen Vorrat an Luft.

»Kommst du?«

Sie spürte, wie ihre Stimme zu kippen drohte, und ärgerte sich. Sie musste diese Frage stellen, egal, wie seine Antwort ausfiel.

»Natürlich komme ich, Mutter. Ich schreib dir, wann ich in Hamburg lande.«

»Danke«, sagte Charlotte mit leiser Stimme und legte auf.

Erschöpft kam sie in der Walderseestraße an. Vermutlich kurz hinter der Autobahnbrücke war sie durch Glasscherben gefahren. Sie hatte keine Ahnung, wo genau es passiert war. Immerhin war sie froh, auf Unannehmlichkeiten dieser Art vorbereitet zu sein. Seit ihrer Schulzeit hatte sie neben einer kleinen Luftpumpe stets ein paar Gummiflicken in der Tasche. Sie brauchte lediglich eine Wasserquelle, um das Loch im Schlauch ausfindig zu machen und abzudichten. »Das ist doch Kinderkram, dass du das immer mit dir rumschleppst«, hatte Friedrich sich lustig gemacht. Bis er auf einer Fahrradtour durch die verregneten schottischen Highlands einmal sehr von Charlottes Kinderkram profitiert hatte und beide noch gerade vor Anbruch der Dunkelheit rechtzeitig in ihrer Unterkunft angekommen waren.

Während Charlotte das braune Gartentor öffnete, um das Fahrrad hinter dem Haus abzustellen, fiel ihr ein, dass das Flickzeug ihr bereits lange vor den schottischen Highlands – und vor Friedrich – gute Dienste geleistet hatte: an einem sonnigen Tag, ähnlich warm wie heute, in Klampenborg, direkt am Öresund, vor mehr als fünfzig Jahren.

Charlotte schloss die massive Eingangstür hinter sich und legte den Schlüssel in die kleine Glasschale auf der Kommode. Sie horchte in das dunkle Haus hinein. Still, dachte sie, war es hier schon lange. Als müsste sie diesen Gedanken schnell vertreiben, ging sie durch den langen Flur, durchquerte erst Wohn- und Esszimmer, dann die Bibliothek und öffnete schließlich die Tür hinaus in den Garten. Sie ließ sich auf die rot gestrichene Bank unter der alten Linde fallen und spürte, wie die Abendsonne sie immer noch wärmte, auch wenn inzwischen ein leichter Wind vom Wasser aufgezogen war. Kurz erreichten sie Gedanken über die bevorstehende Beerdigung, dringende Telefonate, einige unerledigte Rechnungen auf Friedrichs Schreibtisch, den tropfenden Wasserhahn in der Gästetoilette. Da saß sie also in ihrer schwarzen Kombination. 173 cm, schlank mit guten Haltungsnoten, einem passablen Nervenkostüm und leicht erhöhten Cholesterinwerten: Charlotte Holtgreve, geborene Klindworth, 71 Jahre alt, Pastorentochter, Oberstudienrätin im Ruhestand, 48 Jahre verheiratet, 2 Kinder, 2 Enkelkinder.

»Lass dir Zeit.« Sie flüsterte das Mantra ihrer Kindheit, als traue sie ihm selbst nicht so ganz.

Charlotte stellte den Wasserkocher an, füllte den Filter mit einigen Blättern schwarzen Tees und schnitt eine Zitrone auf. Ein, zwei Spritzer genügten ihr. »Danach ist jede Müdigkeit wie weggeflogen«, hatte sie ihrer Freundin Sabine oft erklärt. »Ach, weißt du«, hatte diese geantwortet, »manchmal bin ich einfach gerne müde.« Lächelnd blickte Charlotte aus dem Küchenfenster auf die Walderseestraße. Gepflegte Vorgärten, noch prachtvollere Grünanlagen hinter den Häusern. Auf dem Fußgängerweg schob eine junge Frau einen Kinderwagen, ein Mann ging eine Runde mit seinem Hund. Vorstadtidylle, seit mehr als vierzig Jahren. Nach dem Tod von Friedrichs Eltern waren sie hier eingezogen. Friedrich hatte gestrahlt, als Charlotte endlich ihren Widerstand aufgegeben hatte. In der Wohnung unweit der Landungsbrücken hatte er sich nie wohl gefühlt. Trotz der hundertzwanzig Quadratmeter war sie ihm nicht geräumig genug. Die Nachbarschaft nannte er »zwielichtig« und fand diesen Ausdruck noch höflich gewählt. Charlotte dagegen mochte das laute, quirlige Viertel. Hier probierte sie zum ersten Mal die süßen portugiesischen Küchlein aus Blätterteig und entdeckte Piri Piri, mit denen sie fortan gerne ihre Fleischgerichte bedachte. Vergiftete, fand Friedrich. Veredelte, sagte Charlotte. Die verwinkelten Straßen erinnerten sie an die Gegend rund um die Christophoruskirche in Altona, wo sie aufgewachsen war. Von hier aus konnte sie zu Fuß zu der Schule gehen, an der sie als Referendarin arbeitete. Matthias war in der Nähe, im alten Hafenkrankenhaus, auf die Welt gekommen.

»Der arme Wurm, die Gegend ist doch nichts für Kinder«, klagten die Schwiegereltern.

Als Charlotte zwei Jahre später erneut schwanger war, gab sie ihren Widerstand auf. Innerhalb weniger Wochen waren Friedrichs Eltern gestorben. Hans an einem schweren Schlaganfall, Marie an gebrochenem Herzen. Ein Leben ohne ihren Mann war ihr wohl unerträglich gewesen. Charlotte hatte Friedrich noch nie so verschlossen und niedergeschlagen erlebt wie in jener Zeit. Nachts wachte er schweißgebadet auf, manchmal weinte er sogar, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Die Trauer über den Tod seiner Eltern, die ungewisse Zukunft der Reederei, die nun in seinen Händen lag, berührten ihn mehr, als er zugeben wollte. Viele Monate sah Charlotte ihn durch sein fest gefügtes Leben taumeln. Sie wusste, dass es Friedrichs Herzenswunsch war, in das Haus seiner Eltern zurückzukehren. Dorthin zurück, wo er zu dem wurde, der er war.

»Lass uns hier leben«, hatte sie irgendwann beiläufig zu Friedrich gesagt, als sie gerade das Schlafzimmer seiner Eltern ausräumten. Friedrich hatte den Karton mit den alten Blusen seiner Mutter wieder auf den Boden gestellt, Charlotte an sich gezogen und sie umarmt.

»Danke«, flüsterte er und ließ seinen Tränen freien Lauf.

Ein lautes Scheppern riss Charlotte aus ihren Gedanken. Sie erschrak. Die offene Terrassentür. Dann war es still. Auf Zehenspitzen verließ sie die Küche.

»Scheiße. Der schöne Mantel.«

Charlotte entspannte sich. Gesine, sagte sie leise zu sich. Im Esszimmer saß ihre Schwester auf dem Boden und betrachtete den eingerissenen Stoff.

»Hast du deinen Schlüssel vergessen?«

Gesine schaute sie verwundert an.

»Du bist ja da.« Sie versuchte aufzustehen, rutschte aber auf ihrem Mantel aus und fiel erneut hin.

»Aua …« Sie sah ihre Schwester an, während sie sich das Knie massierte. »Wie geht es Friedrich? Du warst doch bei ihm.«

Charlotte schluckte und schüttelte den Kopf. Mit einem Satz war Gesine auf den Beinen und steuerte auf ihre Schwester zu. Doch dann hielt irgendetwas ihre Arme zurück. Als erhielte sie die dringende Botschaft, ihre Schwester nicht zu umarmen. Nicht jetzt, kam es Charlotte vor. Wie so oft. Stattdessen atmete sie den typischen Duft ihrer Schwester ein: Jil Sander, das Parfum, und Tangueray, der Gin.

»Was ist passiert, es ging ihm doch besser«, flüsterte Gesine mit belegter Stimme direkt in Charlottes Ohr.

»Ich mach uns einen Tee, den wollte ich sowieso gerade aufsetzen«, entschied sie und ging zurück in die Küche.

»Lieber einen Rotwein«, rief ihr Gesine nach.

Dramatisch drapiert lag sie im Sessel, als Charlotte Tee und Rotwein auf den Tisch stellte. Ihr Rock war hochgerutscht, am rechten Oberschenkel glänzten drei faustgroße blaue Flecken. Charlotte betrachtete ihre Schwester. Sechs Jahre jünger als sie, dunkelblonde gelockte Haare, die wenigen Kilo Übergewicht in feine Stoffe gesteckt, war Gesine immer noch eine Erscheinung. Auch wenn es momentan nicht den Eindruck machte.

»Er ist friedlich eingeschlafen.«

Charlotte wunderte sich selbst über ihren Tonfall, der besser in eine Nachrichtensendung gepasst hätte als in dieses Wohnzimmer. Gesine straffte ihren Körper und zog Rock und Bluse zurecht. Dann begann sie zu weinen.

»Ich habe ihn so gemocht, Charlotte. Er war …« Sie versteckte ihr Gesicht in ihren Händen.

Jede andere Person hätte Charlotte in einem solchen Moment in den Arm genommen und versucht zu trösten. Gesine hingegen hatte sich den körperlichen Zuwendungen ihrer älteren Schwester nie besonders zugänglich erwiesen. Egal, worum es ging. Fiel Gesine als Kind vom Pferd, durften alle sie streicheln und aufmuntern, hatte sie Liebeskummer, genoss sie jede Aufmerksamkeit. Nur Charlottes schwesterlicher Umarmung und Aufmunterung entzog sie sich. Auch später hielt sie körperlichen Abstand, sobald sie nur den geringsten Anlass sah, dass Charlotte sie trösten wollte. Einmal hatte sie Johannes gefragt, ob er sich einen Reim darauf machen könne, warum Gesine sich eher vom Briefträger als von ihr trösten lassen würde. Ihr Bruder hatte gelächelt und Charlotte so lange umarmt, dass es ihr schon unangenehm war. Schlauer wurde sie dadurch auch nicht.

Charlotte entschied sich, erst einmal abzuwarten, und rutschte in ihrem Sessel wieder nach hinten.

»Was hast du da?« Sie zeigte auf Gesines Oberschenkel.

»Du meinst … ach so … ich habe auf der Kellertreppe die letzten fünf Stufen auf einmal genommen.« Gesine versuchte ein Lächeln. »Vielleicht sollte man nicht versuchen, auf High Heels den Sonntagsbraten zu transportieren. Immerhin, die Lammschulter war dann zart.«

»Ah …« Charlotte stand auf. Gesines Ausführungen über Kellertreppen und Lammschultern hatten dafür gesorgt, dass ihr Magen sich meldete. Als sie mit Käse und Brot ins Wohnzimmer zurückkehrte, war Gesine eingeschlafen. Charlotte holte eine Decke aus der schweren Holztruhe neben dem Kamin und deckte Gesine damit zu.

»Utsira: Süd 6 bis 7, vorübergehend abnehmend 5 und westdrehend, See 4 Meter. Viking: Süd 6 bis 7, vorübergehend etwas abnehmend und westdrehend, später Süd um 8, orkanartige Böen, zeitweise diesig, See 5 Meter. Skagerrak: Südwest 5 bis 6, zeitweise etwas abnehmend, See 3 Meter. Sie hörten den Seewetterbericht.«

Sorgfältig trug Sabine Lührs die letzten Ziffern in ihr Büchlein ein und schaltete das Radio aus. Die Straßenlaterne vor dem Fenster schickte ein wenig Licht in ihre Küche. Der Seewetterbericht, kurz nach Mitternacht. Sabines allabendliches Ritual. Sie legte das kleine Heft mit den fernen Orten und den vielen Zahlen zurück in die grüne Dose aus Emaille, dann kamen ihr die Tränen. Der Grund dafür lag auf der Anrichte. Der Brief ihres Vermieters. Kündigung wegen Eigenbedarfs. Ein paar schmale, juristisch abgesicherte Zeilen. Mit der Bitte um Verständnis. Und den besten Grüßen. Sabine konnte es nicht fassen.

»Mein Jan …« Sie flüsterte die Worte ins Dunkel und ihre Augen füllten sich erneut. Mehr als zwanzig Jahre war ihr Mann jetzt tot, für Sabine aber blieb er das Zentrum ihres Lebens, der Gravitationspunkt ihrer Welt, einer in Rotklinker gefassten Welt auf fünfundfünfzig Quadratmetern. Wann immer es ein Problem gab, fragte sie den unsichtbaren Jan, was jetzt zu tun war. Wann immer sie nicht weiterwusste, hoffte sie auf seinen Beistand. Hilfe von ihrem Engel. Ein Engel mit breiter Brust und zarter Seele.

In ihrer Verzweiflung hatte sie Charlotte anrufen wollen. Doch dann fiel ihr ein, dass sie sicherlich bei Friedrich im Krankenhaus war. Ausgeschlossen also, sie jetzt mit ihren Angelegenheiten zu behelligen. Also meldete sie sich bei Johannes, Charlottes Bruder.

»Ich komme sofort«, sagte er mit leiser Stimme. Dreißig Minuten später saß er neben ihr auf dem weißen Küchenstuhl.

»Das wird schon, mach dir keine Sorgen. Willst du nicht noch einmal mit deinem Vermieter reden? Ihr kennt euch doch so lange.«

Er nahm Sabines Hand und streichelte sie sanft. Nun betrachteten sie gemeinsam beides, das kalt verfasste Kündigungsschreiben und das Foto von Jan, das über dem Tisch hing, Sabines Lieblingsbild. Jan, wie er nach seiner letzten Fahrt breitbeinig an der Reling stand, seinen tätowierten Oberarm leicht nach vorne geschoben. Mit beiden Händen klammerte er sich an das kalte Stahl, so als sei er damit verwachsen, während ihm am Kai eine strahlende Sabine zuwinkte. Wenn man ganz genau hinschaut, dachte Johannes, blieb Jans Gesichtsausdruck allerdings merkwürdig verschwommen. Freude, Gleichgültigkeit, Sorge, alles konnte man darin sehen. Aber das spielte an diesem Mittag, der in den Nachmittag überging und vom Abend abgelöst wurde, keine Rolle. Gegen 22 Uhr machte sich Johannes schließlich auf den Weg. Durch seinen Kopf schwirrten bereits mögliche Lösungen für das plötzlich aufgetretene Problem. Irgendwann hatte Charlotte angerufen und beide über Friedrichs Tod informiert. Johannes wusste, dass seine Schwester die nächsten Stunden für sich brauchte. Er würde sie morgen zu einem Spaziergang abholen. Dann war Zeit genug.

Gleich halb eins. Sabine wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht und holte aus dem Eisfach die Flasche mit dem Aquavit. Das erste Glas trank sie auf Jan, das zweite aufs Leben. So wie immer.

Bernhard hatte Gesine irgendwann unsanft ins Auto geschoben. Obwohl beide nur fünfhundert Meter entfernt wohnten, war an einen Ausnüchterungsspaziergang nicht mehr zu denken. Bernhards starrer Blick kommentierte Gesines körperlichen Zustand ausreichend. Charlotte schaute den beiden hinterher, schloss die Haustür und ging zurück ins Wohnzimmer. Auf dem anthrazitfarbenen Teppich schimmerte ihr etwas Grünliches entgegen, ein schlichter goldener Ring mit eingefasstem Smaragd. Eine Rarität, mutmaßte Charlotte. Bernhard musste ihn Gesine erst kürzlich geschenkt haben. Sie jedenfalls hatte den Ring noch nie an ihrer Schwester gesehen. Jetzt entdeckte sie eine Gravur. »Auf ewig« stand dort in geschwungener Schrift. Offenbar hatte Bernhard doch Sinn für Romantik. Charlotte legte den Ring auf das Sideboard. Dann fiel ihr Blick auf ihre rechte Hand und den goldenen, schmalen Ehering. Friedrich hatte seinen, nachdem er ihn zweimal verloren hatte, nicht mehr ersetzen lassen. Sie hingegen trug noch das Original. Der Ring gehörte schließlich zu ihr und ihrem Leben. Wie Friedrich. Ein kalter Schauer erfasste sie. Langsam setzte Charlotte einen Fuß vor den anderen und zog sich am Geländer in den ersten Stock. Die in Öl gefasste Ahnengalerie der Holtgreves an der Wand verfolgte ihren schleppenden Gang ohne jedes Mitleid. Charlotte war dankbar für das Knarzen des alten Holzes. Es hallte lauter als ihr Schluchzen.

Sie zögerte, bevor sie den Türgriff hinunterdrückte. Hier war sie also wieder: Friedrichs Zimmer, sein Refugium, Sperrgebiet für sie, seit vielen Jahren. Die Bettdecke: noch halb zurückgeschlagen. Auf der Kommode neben der Tür: eine Vase mit vertrockneten Rosen. Die Luft im Zimmer: abgestanden.

Das letzte Mal hatte sie das Zimmer vor einer Woche betreten, als ein dumpfes Geräusch sie früh am Morgen weckte. Sie fand Friedrich vor seinem Bett, zusammengekrümmt, nur noch schwach atmend. Sie rief den Notarzt, verstaute ein paar Dinge in einer kleinen Reisetasche und fuhr mit ihm ins Krankenhaus.

Charlotte überlegte kurz, das Fenster zu öffnen, die Rosen zu entsorgen und das Bett zu machen. Aber sie spürte, wie ihr die Tränen erneut über die Wangen liefen, schloss die Tür und ging auf das Zimmer am Ende des Flurs zu.

Die kleine Lampe, die sie an das Geländer gesteckt hatte, erleuchtete den Balkon. Charlotte griff nach Zigaretten und Streichhölzern. Beides hatte sie in einem der Blumenkästen versteckt, in die sie die Clematis gepflanzt hatte. Obwohl sie davon ausgegangen war, dass Friedrich auch ihr Zimmer noch nicht einmal mehr heimlich aufsuchte, war sie vorsichtig geblieben. Rauchen galt für ihn als proletarisches Laster und hatte deshalb in seinem Haus nichts zu suchen. Selbst wenn sie Gäste hatten, ließ er sich nicht erweichen. Wenn dann doch einmal jemand seiner Sucht nachgeben musste, wurde er von Friedrich auf die Terrasse geschickt, auch im Winter.

Der Rauch füllte ihre Lunge. Tak-tak-tak. Aufdringlich wie ein Presslufthammer berührte ihre linke Fußspitze immer wieder den Boden. Tak-tak-tak. Sie drehte sich um, ihre Augen schwirrten durchs Zimmer, blieben an dem Aquarell mit Seerosen hängen, das über ihrem Bett hing, flogen weiter zu der grauen Kommode, auf die sie nachlässig ihr Nachthemd geworfen hatte. Aber ihre Augen fanden nicht, was Charlotte plötzlich suchte. Also stand sie auf, ging ins Zimmer, riss die Schubladen der Kommode auf. Hier lag ihre schwarze Stola nicht. Sie atmete tief aus, dann steuerte sie auf den Kleiderschrank zu. Doch auch in der oberen Kiste mit den Schals und Mützen suchte sie vergebens. Sie spürte, wie ihr Schweißperlen übers Gesicht liefen, da, wo vorher Tränen gewesen waren. Dann ertastete ihre Hand etwas Rechteckiges. Es fühlte sich an wie ein Schuhkarton, nur größer. Ihre Schatzkammer. So hatte sie die Kiste immer genannt. Vor Jahrzehnten hatte darin eine silberfarbene Tischlampe für die Bibliothek gesteckt. Dekorativ zwar, aber letztlich unbrauchbar, das matte Licht erleuchtete nur den eigenen Radius. Charlotte hatte die Lampe irgendwann entsorgt, den mit rotem Samt bespannten Karton aber behalten. Schnell nahm sie den Deckel ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ganz oben fand sie alte Reiseprospekte aus Australien, dazu nie verschickte Postkarten von der Oper in Sydney und dem Great Barrier Reef. Fünfzehn oder zwanzig Jahre mochte das her sein. Die letzte gemeinsame Reise mit Friedrich. Charlotte entdeckte selbst gemalte Bilder von Franziska und Matthias’ alten gelben Wollschal. Sie wickelte ihn lose um ihren Hals und lächelte. Vielleicht freute Matthias sich darüber, wenn er jetzt kam. Sie grub tiefer und hielt plötzlich einen Stadtplan von Kopenhagen in der Hand. Aus den frühen Siebzigerjahren. Ihr Besuch bei den Frederiksens. Bei Bente. Das Wiedersehen. Charlotte spürte ein leichtes Ziehen in der Brust. Ein Ziehen, von dem sie nicht wusste, ob es schmerzte oder befreite. Oder beides. Ganz unten im Karton fand sie schließlich ein Buch. »Kamingeschichten« von Tania Blixen. Bentes Abschiedsgeschenk. Aber das wussten beide damals noch nicht.

»Lies mal, ist toll. Du magst doch gut erzählte Geschichten.« Charlotte hatte Bentes Stimme plötzlich wieder im Ohr, als sie ihr das Buch kurz vor den Sommerferien in die Hand gedrückt hatte. Im Freibad, unter dem Ahornbaum. Nach den Ferien war Bente nicht mehr in die Schule gekommen.

Charlotte stellte den Karton auf den Balkonboden. Aus ihrer Hose kramte sie ein Taschentuch hervor und wischte über den Staubfilm, der das Taschenbuch bedeckte. Die kleine Lampe drehte sie so, dass ihr Licht auf die Kamingeschichten fiel.

Reisen!

Tanzen!

Leben!

Bente

Charlotte hatte die Widmung längst vergessen, wie so vieles, was damals passiert war. Bevor sie sich entschieden hatte, mit Friedrich zu leben.

Fünfzig gemeinsame Jahre.

Fast ein ganzes Leben.

Charlotte zog den gelben Schal ein wenig enger und begann zu lesen.

TAG 1

Charlotte spürte die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht, das Wasser plätscherte sanft gegen das Kajak. Sonst war es um sie herum still. Ein paar Jogger liefen bereits am Ufer entlang und nutzten die Gunst der kühlen, frühen Stunde. Eine Entenfamilie zog an ihr vorbei. Ein neugieriges Junges kam sogar ganz nah an das Boot heran, drehte dann aber wieder ab. Charlotte ließ die rechte Hand durch das Wasser ziehen, langsam, immer vor und zurück. Dann legte sie die kühlen Finger auf ihr Gesicht und atmete tief aus.

Bereits um kurz nach halb sechs hatte sie ihr Auto vor dem Ruderclub an der Alster geparkt. Dreimal hatte sie versucht, Schlaf zu finden, vergeblich. So viele Geschichten hatten sie wach gehalten. Geschichten aus ihrem Leben, Geschichten aus Bentes Buch. Wahre, erfundene. Irgendwann hatte sie sich schließlich auf den Weg gemacht. Sie wusste, dass sie im Sommer selbst um diese Uhrzeit nicht die Erste sein würde.

»Moin, Charlotte. Na, auch aussem Bett gefallen?«, brummte ihr Jörn Wuhlisch entgegen.

Sein Bedürfnis nach Small Talk war morgens nur in Spurenelementen vorhanden, wusste sie und war ihm an diesem Morgen dafür besonders dankbar. Wuhlisch ging in den Schuppen und kam wenig später mit Charlottes rotem Kajak und einem Doppelpaddel zurück.

»Brauchst du Hilfe?«

»Danke dir, geht schon.«

Im Vereinsheim tauschte Charlotte Rock und Bluse gegen eine kurze Hose und ein weites T-Shirt. Darüber zog sie sich noch einen wärmenden Kapuzenpulli, ließ dann das Kajak ins Wasser gleiten und setzte sich hinein. Nach ein paar kräftigen Schlägen drosselte sie das Tempo und ließ sich treiben. Vereinzelte Ruderer zogen ihre Bahnen, in der Ferne sah sie noch ein paar weitere Boote. Ansonsten hatte sie die große Wasserfläche für sich. Seit Friedrichs erstem Herzinfarkt war Charlotte nicht mehr hier gewesen. Jetzt merkte sie, wie sehr ihr diese morgendlichen Ausflüge gefehlt hatten. Sie schipperte ein paar Minuten weiter und bog dann in einen schmalen Arm der Alster ab. Hier war niemand. Sie holte das Paddel aus dem Wasser und ließ sich treiben.

Wieder flogen die Gedanken in ihrem Kopf hin und her. Von einer gerissenen Perlenkette in einer der Geschichten, die sie gestern auf ihrem Balkon gelesen hatte, hin zu Friedrichs immer leiser werdendem Atem. Von Gesines goldenem Ring auf dem Teppich in ihrem Salon zu dem alten Pfarrhaus unweit der Elbe, in dem sie aufgewachsen war. Irgendwann hatte ihre Mutter die Tonkübel rund um die Kirche mit Winterjasmin bepflanzt. So haben wir es auch im Winter hell, hatte Anna ihren Kindern erklärt. Und genauso war es Charlotte immer vorgekommen. Die gelben Blüten sah sie auch an grauen Wintertagen, lange bevor sie den Kirchplatz betreten hatte. Hier bist du zu Hause, schienen sie ihr zu sagen und leiteten sie sicher zurück. Sie fragte sich, wer oder was sie künftig sicher nach Hause bringen würde, jetzt, wo Friedrich nicht mehr lebte und sie vor ihrem eigenen Haus keinen Winterjasmin gepflanzt hatte. Und was Zuhause überhaupt von jetzt an für sie bedeuten würde. Charlotte spürte, wie schwer ihr Kopf plötzlich wurde, griff nach dem Paddel und machte ein paar Schläge. Das Wasser spritzte rechts und links vom Boot, ein paar Tropfen kühlten ihr Gesicht.

In der elften Klasse hatte sie einen Sommerkurs belegt und sich anschließend ihr erstes Kajak gekauft. Zunächst hatte sie jede freie Minute auf dem Wasser verbracht. Als sie dann irgendwann selbst unterrichtete, hatte sie es geschafft, ein Mal pro Woche vor der Arbeit aufs Wasser zu gehen. Friedrich kümmerte sich an diesen Tagen um Matthias und Franziska. Obwohl sie wusste, dass er dieser Abmachung ohne jede Begeisterung nachkam, stellte er sie nie infrage. Diese Stunden gehörten ihr. Entspannt und fröhlich kam sie anschließend in die Schule und fühlte sich in der Lage, allen Widrigkeiten, die der Tag möglicherweise mit sich bringen würde, zu trotzen. Auch nach ihrer Pensionierung hielt Charlotte daran fest, steigerte die wöchentliche Dosis sogar. Im Sommer war sie fast täglich hier unterwegs. Manchmal begleitete sie eine Freundin, manchmal verabredete sie sich mit Johannes. Auch er hatte hier eine Kiste deponiert, wie er sein Kajak immer nannte. Aber die meiste Zeit war sie allein unterwegs.

Charlotte spürte, wie sie ruhiger wurde. Sie paddelte ein wenig weiter, fuhr durch einen Tunnel und bog noch zweimal ab. Sie war bereits weit Richtung Osten vorangekommen, hier war die Alster nicht viel mehr als ein schmaler Kanal. Auf dem Radweg neben dem Ufer sah sie Kinder in kurzen Hosen und mit Ranzen und Männer in Anzug und mit Fahrradhelm. Auf dem Weg in die Schule oder ins Büro.

Charlotte strich sich über den Oberarm. Gut für Muskeln und Nerven, antwortete sie stets auf die Frage, warum sie so gern auf dem Wasser war. Was die Nerven anging, war sie sich an diesem Morgen nicht ganz sicher.

Ein dumpfer Stoß riss sie aus ihren Gedanken. Ihr Kajak war gegen die Böschung getrieben und hatte sich in den tiefen Zweigen eines Baumes verkantet. Charlotte nahm das Paddel, um sich vom Ufer abzustoßen. Doch die Zweige gaben nicht nach und schoben sie zurück. Sie setzte sich aufrecht hin, versuchte die Balance zu halten und brach mit beiden Händen ein paar Äste ab. Langsam glitten sie ins Wasser. Erneut nahm sie das Paddel, um voranzukommen. Diesmal funktionierte es. Ein Mal drehte sich das Kajak noch um die eigene Achse, dann hatte Charlotte auch ihren Oberkörper wieder ins Lot gebracht. Sie entspannte sich. Gleichmäßig lief das Paddel jetzt durch das Wasser.

TAG 2

»Se lige her, schau, hier.«

Mogens schob mit der linken Hand die Zeitung über den Tisch. In der rechten hielt er den Kaffeebecher. Er schaute Bente erwartungsvoll an. Unsicher, ob sie ihn überhaupt gehört hatte.

Bente starrte auf ihr Handy. Las Textnachrichten, tippte mit beiden Daumen ihre Antworten. Ihre Finger tanzten über die glatte Oberfläche. Mogens lächelte und fragte sich, wer von den beiden eigentlich der Digital Native war. Er, der siebenundzwanzigjährige Medizinstudent, oder seine zweiundsiebzig Jahre alte Tante.

»Alles okay?« Keine Reaktion.

»Bente, er du okay?«Mogens’ tiefe Stimme zeigte nun Wirkung. Bente blickte auf und nickte.

»Schlechte Nachrichten?«

Bente schüttelte den Kopf.

»Sind die Ergebnisse da?«

»Sie brauchen noch mehr Untersuchungen. Ich soll noch mal nach Kopenhagen kommen«, antwortete Bente und sah wieder auf das Display.

»Aha, okay. Wann?«

»Snart. Bald.« Bente legte ihr Handy auf den Küchentisch. »So, was war nun mit der Zeitung?«

Mogens stellte seinen Becher in die Spüle. »Vi ses senere. Bis später.« Als er sich zum Gehen wandte, erinnerte er sich daran, dass er seiner Tante noch eine Antwort schuldig war. »Ich glaube, den kanntest du, oder?«

Mogens verließ die Küche. Wenige Sekunden später hörte Bente, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel. Sie überflog die kurze Meldung im Wirtschaftsteil.

»Hamburger Reeder Friedrich Holtgreve gestorben … Komplikationen nach Herzinfarkt … 76 Jahre … Wirtschaftssenator würdigt Lebensleistung …«

Bente legte die Zeitung aus der Hand und ging ins Arbeitszimmer. Sie öffnete die unterste Schublade des Schreibtisches. Als sie sich hinhockte, spürte sie ein Ziehen im Rücken.

»For Pokker da også, Mist.« Sie hatten heute Morgen vergessen, ihre Übungen zu machen. Ihr einstmals zäher Körper kannte keine Gnade mehr. Ganz unten in der Schublade fand sie schließlich, wonach sie gesucht hatte. Das Fotoalbum. Hamburg 1970.

Charlotte stand vor dem zweistöckigen Haus, dessen eine Seiten- und die komplette Rückfront vollständig verglast waren. »Schneewittchens Sarg« nannte Gesine es manchmal im Scherz, wenn Bernhard es nicht hörte. Hier hatte sich sein Architektenherz schließlich einmal ganz ausleben können. Das Haus war inmitten der Backsteinvillen im Stindeweg auf alle Fälle ein Blickfang. Egal, wie man dazu stand.

Charlotte umfasste den Ring in ihrer Jackentasche und klingelte. Nichts geschah. Sie sah auf die Uhr. Gesine war zwar keine Frühaufsteherin wie sie, aber um halb zehn dann normalerweise doch schon auf den Beinen. Andererseits hatte Charlotte ihren Besuch nicht angekündigt, was sie gewöhnlich immer tat. Sie brachte andere ungern in Verlegenheit und, das war ihr mindestens genauso wichtig, sich selbst auch nicht. Charlotte klingelte erneut. Wieder nichts. Sie überlegte gerade, Gesine eine Nachricht zu schicken, als aus dem Haus ein ohrenbetäubender Lärm drang: auf Beton fallendes Glas, versetzt mit durchdringenden Schreien. Charlotte wurde unruhig. Was ging da vor? Sie klingelte noch mal und war kurz davor, die Polizei zu rufen, als Bernhard die Tür aufriss, Charlotte anstarrte und an ihr vorbei zum Auto rannte. Auf dem schmalen Fußweg drehte er sich noch einmal um, hielt kurz inne, so als würde Charlottes überraschendes Auftauchen ihn zwingen, sich zusammenzureißen, und brüllte dann der in der Haustür erschienenen Gesine entgegen: »Ich hoffe, das ist dir eine Lehre! Komm endlich zur Besinnung, du … du …«

Bernhards Gesicht war rot vor Wut. Doch die Explosion blieb aus. Er stieg in seinen Wagen und fuhr davon. Einige Sekunden herrschte Stille, die beiden Schwestern schauten sich an, dann ergriff Charlotte die Initiative, bugsierte Gesine ins Haus und schloss die Tür. Charlotte kam es vor, als stünden sie beide in einem Meer aus zerborstenem Glas und Porzellan.

»Was ist passiert?«

Langsam löste sich Gesine aus ihrem Schockzustand und zuckte mit den Schultern. Charlotte signalisierte ihr mit einer hochgezogenen Augenbraue, dass sie sich mit dieser Antwort nicht zufriedengeben würde. Mit den Füßen schob sie notdürftig die Scherben zur Seite, bahnte sich den Weg zu ihrer Schwester und parkte sie schließlich im Wohnzimmer. Hier sah es kaum besser aus. Immerhin, das Sofa schienen Gesine und Bernhard verschont zu haben. Charlotte drückte sie in die Kissen und setzte sich daneben.

»Mir war dieses Geschirr schon lange über.« Gesines alter Trick, wenn es unangenehm wurde: Ironie.