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Nach "70 Tage Pandemie" begibt sich die Ich-Erzählerin Hendrike wegen der vielen Fragen ihrer Freunde nach dem weiteren Verlauf erneut in die Pandemie-Simulation. Ihre Hoffnung, dass sich dort alles wieder normalisiert haben könnte, löst sich schon in den ersten Tagen auf. Wie im ersten Teil entstehen in der Protagonistin durch immer wieder neue Begebenheiten im Privaten wie im Öffentlichen viele Sinnfragen. Auf der Suche nach deren Beantwortung schlägt sie sich durch den Corona-, Pardon: Rocona-Pandemiesommer.
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2020
Weitere 70 Tage Pandemie
–
Wie der Irrsinn weiterging und ich trotzdem nicht verrückt wurde
© 2020 Hendrike Piper
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-17174-9
Hardcover:
978-3-347-17175-6
e-Book:
978-3-347-17176-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Prolog
Tag 90
Tag 91
Tag 92
Tag 93
Tag 94
Tag 95
Tag 96
Tag 97
Tag 98
Tag 99
Tag 100
Tag 101
Tag 102
Tag 103
Tag 104
Tag 105
Tag 106
Tag 107
Tag 108
Tag 109
Tag 110
Tag 111
Tag 112
Tag 113
Tag 114
Tag 115
Tag 116
Tag 117
Tag 118
Tag 119
Tag 120
Tag 121
Tag 125
Tag 128
Tag 129
Tag 134
Tag 135
Tag 136
Tag 137
Tag 138
Tag 142
Tag 145
Tag 148
Tag 150
Tag 151
Tag 152
Tag 153
Tag 155
Tag 157
Tag 159
Tag 161
Tag 164
Tag 165
Tag 168
Tag 169
Tag 170
Tag 171
Tag 173
Tag 175
Tag 180
Tag 181
Tag 182
Tag 183
Tag 186
Tag 188
Tag 189
Tag 190
Tag 192
Tag 194
Tag 195
Tag 200
Synopsis
Für Euch alle!
Bitte werdet lauter!
Liebe Leserinnen und Leser!
Als ich mit „70 Tage Pandemie“ mein erstes Buch beendet habe, war ich neben unermesslich stolz darauf auch ziemlich erleichtert darüber, endlich alle sich mir aufdrängenden Worte aufs Papier gebannt zu haben und einen Schlussstrich ziehen zu können.
Doch dann, nur wenige Tage, nachdem das Buchpaketchen verschnürt war, lag ich wieder abends wach, bestürmt von Gedanken, die zu Wörtern, die zu Sätzen wurden. Ich begann, wie schon die Wochen und Monate zuvor, mir Luft zu verschaffen, indem ich alles in einem auf meinem Nachttisch liegenden Notizblock festhielt.
Nach einer Woche fanden sich hierin bereits 20 Punkte – mir wurde klar, dass ich entgegen meiner eigenen Hoffnung doch noch nicht alles zur Pandemie und allem, was dazugehört, gesagt hatte, was ich wollte. Innerlich etwas seufzend begann ich wieder zu schreiben.
Im Gegensatz zum ersten Buch ging mir dieses nicht so leicht von der Hand. Immer wieder unterbrachen Phasen der Resignation, aber auch der anderweitigen Ablenkung den Schreibfluss. Kraft und Mut fand ich immer wieder durch verschiedene Feedbacks zu meinem ersten Werk – mein Dank gilt den betreffenden LeserInnen!
Jetzt, im September 2020, ist es endlich soweit und weitere 70 Tage sind durchlebt und festgehalten.
Ich wünsche Euch allen viel Spaß damit – und mir selber (und uns allen), dass es keinen dritten Teil geben muss!
Eure Hendrike
Tag 90
Vorsichtig schaue ich mich in dieser mir wie altbekannten, nun aber nach der Pause doch wieder neuen Welt um und suche auf altbewährte Weise erstmal Hilfe und Infos über WhatsUpp, Internet und Tageszeitung. Ich erfahre, dass es seit meinem Weggang hier vor etwa 3 Wochen weitere sogenannte Lockerungen gegeben habe, die Fallzahlen trotzdem weitestgehend niedrig geblieben und die nächsten Schritte zur Rückkehr in die (neue? alte? Wer wird denn so oberkritisch sein?) Normalität geplant sind. So ist auch mein erster Eindruck, als ich abends durch die Straßen meiner Stadt schlendere. Voll sind jene, voll mit lachenden, gelösten Menschen, die beieinandersitzen, zusammen essen und trinken -und sich oft sogar auch umarmen. Ich bin verdutzt: War das alles nur ein böser Traum und meine Skepsis am Ende meiner ersten Zeit hier gänzlich unberechtigt? Hat in der Dauer meiner Abwesenheit tatsächlich eine differenzierte Debatte über Sinn- und Unsinn des Ganzen statt- und man nun gemeinsam zu einem guten angemessenen Umgang mit Rocona gefunden?
Interessiert lausche ich, im Licht der untergehenden Sonne einen Drink in einem Café schlürfend, den Gesprächen meiner Nebensitzer. In den meisten jener dreht sich doch noch alles um das Thema Nr.1. Über den Lockdown – ich freue mich schmunzelnd, dass sich dieser von mir damals favorisierte Begriff wohl im Volksmund durchgesetzt hat – wird nun in einer Art ehrfürchtiger Vergangenheitsform geredet: „damals im Lockdown“. Ich fühle mich an Formulierungen wie „damals im Krieg“ erinnert und muss mich kurz kneifen um mich zu vergewissern, dass ich das wirklich so gehört habe.
Ich meine, was war denn „damals im Lockdown“ für die meisten von uns? Krankheit, Tod, Verderben? Mitnichten! Vielmehr: Kurzarbeit, Langeweile, Panikmache, ABM. Und das, was mir in dieser Phase zu schaffen gemacht hat, nämlich ein zunehmendes Zweifeln am Sinn und der Richtigkeit des Herunterfahrens des Lebens an sich – davon reden die am Nebentisch bestimmt nicht, mit ihrem „damals im Lockdown“.
Nee, da am Nachbartisch geht es um deutlich profaneres: Wer mit wem und dass man damals sein Lieblingsshampoo wegen Lieferschwierigkeiten nicht bekommen habe.
Oh Mann! Dabei sollte ich doch vielleicht eigentlich froh sein – heißt die Tatsache, dass sich Menschen wieder in solcher Inbrunst über diese Nebensächlichkeiten des Lebens austauschen können, nicht doch auch, dass sie aus der Falle der Rocona-Angst entkommen sind?
Ich werde es wohl erfahren.
Tag 92
Heute fahren wir erstmal in Urlaub!
Sensationellerweise hat nämlich nicht nur unsere Regierung pünktlich zu Pfingsten die Wiedereröffnung von Ferienwohnungen und Hotels zugelassen, sondern auch unser Lieblingshotel im Schwarzwald Nägel mit Köpfen gemacht und sogar just heute mit dem ersten Tag, wo DAS wieder erlaubt ist, Schwimmbad und Sauna wieder freigegeben. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, wir freuen uns riesig – und ignorieren das kleine mulmige Gefühl angesichts der sich über mehrere Computerseiten erstreckenden „Hinweise zu hygienischen Maßnahmen in Zeiten der Rocona-Pandemie“ auf der Hotel-Homepage.
Während der Hinfahrt staune ich wieder mal über den blauen Himmel. Worauf ich anspiele, ist diesmal nicht das anhaltend gute Wetter, sondern die Abwesenheit von Flugzeugen. Seit Beginn des Lockdowns ist der Luftraum so gut wie frei von denen, Kunststück, es darf ja keiner irgendwohin. Und die paar „Ernteflieger“, mit denen sie osteuropäische Helferlinge nach Deutschland karren, weil sich trotz einiger freiwilliger deutscher Aushilfen gezeigt hat, dass diese zu so einer harten Arbeit nicht im Stande sind (na so was!), fallen nicht wirklich ins Gewicht.
Das (also der Mangel an Flugzeugen am Himmel) ist übrigens angeblich auch der Grund für die mangelnde Qualität der Wettervorhersage derzeit: Ohne die Daten der fliegenden Luftverschmutzer sei eine „präzise Vorhersage“ schwierig. Naja. Als ob die meteorologischen Weissagungen vorher immer so korrekt und akkurat gewesen wären!
Tag 93
Die Normalität hier ist einfach herrlich! Zwar ist beim morgendlichen Frühstücks- und beim abendlichen Salatbuffet Maskenpflicht angesagt, dafür wird man aber mehr als entschädigt, wenn man beim Anstellen für die Bäckereiprodukte (die dürfen dank der Regierungsauflagen nun (seit heute! Gestern ging’s noch!) nicht mehr vom Buffet geholt, sondern müssen einzeln und natürlich von behandschuhter Hand ausgegeben werden) den empörten Worten der Brötchen verteilenden Seniorchefin lauschen darf.
„Einen Schwachsinn“ findet sie die ganzen Auflagen und in ihrem ganzen langen Leben als Hotelbesitzerin habe sie so eine Gängelei noch nicht erlebt. Spricht’s und steht dabei mit ihren sicher über 80 Jahren mitten drin, Risikogruppe hin oder her. Die hat keine Angst und lässt sich auch nicht so schnell etwas sagen. Ich merke, wie mir die Alte, die ich bislang nach den vergangenen Urlauben eher als Typus „Hausdrachen“ eingeschätzt habe, richtig sympathisch wird. Dann aber explodiert mir halb der Smoothie-Macher (weil mich Kind Nr. 2 beim Bedienen desselben mit einem dringenden Müsli-Bedürfnis von der Seite angesprochen hat, naja, manche Dinge sind im Urlaub halt auch nicht anders als zu Hause) und mich trifft der Alten vernichtender Blick, als ich dieses Vorkommnis kleinlaut einer Bedienung melde. „Gescheite Rocona-Einstellung“ oder nicht: Meine Freundin wird diese Matriarchin wohl nie.
Auch im restlichen Hotel halten sich die Rocona-Einschränkungen in Grenzen. Es ist schlichtweg eine Wonne, nach über drei Monaten Verzicht wieder schwimmen zu dürfen. In den Saunen hängen die Schilder, wie viele Personen für welche Sauna zugelassen sind, unpraktischerweise so an der Eingangstür, dass man diese erst öffnen muss um zu eruieren, wie viele denn nun schon drin sitzen. Andererseits: Vielleicht ist das aber auch grade Absicht! Es passiert uns nämlich mehr als einmal, dass wir als Paar beim prüfenden Hineinschauen von einem schon drinsitzenden und schwitzenden Paar großzügig hineingewunken werden – in die „Dreier-Sauna“! Damit brechen wir natürlich alle Vier die aufgestellte Regel, können uns aber alle als klardenkende Menschen ausrechnen, dass die potentielle Infektionsgefahr (sollte hier irgendeiner krank sein! Was nicht das Fall ist!) bei drei Saunabenutzern aus drei unterschiedlichen Haushalten (was erlaubt wäre) höher wäre als bei vier Menschen aus zwei Haushalten.
Ja, ich weiß, liebe Leser Ihr da draußen außerhalb der Simulation, das klingt alles völlig schwachsinnig, kleinkariert, übertrieben usw. – aber genau das ist die Realität hier in diesem Film, in dem ich mich befinde, in den ich mich erneut hineinbegeben habe, um Euch zu berichten, wie es weitergeht.
Und in dieser hiesigen Realität ist es einfach nur total wohltuend, in diesem Hotel von offensichtlich normal denkenden nicht angstgesteuerten Menschen umgeben zu sein, die ganz von alleine zu o.a. Schlussfolgerungen kommen können.
Tag 94
Während wir durch die Natur wandern, überlege ich wieder mal, wie es so weit kommen konnte. Wie Menschen auf der ganzen Welt (so glauben es zumindest die Programmierer) kopflos vor Angst und Panik ihren gesunden Menschenverstand über Bord schmeißen konnten, willig ihre Freiheit und Rechte abgegeben haben – und diejenigen gängeln, die nicht damit einverstanden sind.
Und mir kommen Gedanken, die ich ganz zu Beginn meines ersten Ausfluges hierher schon einmal hatte, aber irgendwie wieder aus dem Sinn verloren habe. Basis dieser Überlegungen ist eine alte mir im Kopf gebliebene Universitäts-Folie im Fach Psychiatrie. Es ging um (und jetzt hoffe ich die richtigen Worte zu benutzen und bitte meine ehemaligen Professoren um Verzeihung, falls nicht!) das allgemeine psychische Anspannungslevel (einer Person), was in einer parallel zur x-Achse verlaufenen Geraden aufgetragen war. Weiterhin aufgetragen war eine zweite, weiter oben liegende und ebenfalls parallel zur x-Achse verlaufene Gerade, diese symbolisierte die Schwelle, ab der eine (Angst-) Erkrankung ausbricht. Als drittes kam dann ein Stress-Ereignis hinzu, welches das Anspannungslevel um einen bestimmten Wert (auf der y-Achse) nach oben verschiebt (aus der ersten Gerade also sozusagen eine nach oben gehende Kurve machte). Was man sehen konnte (und sollte, da eben das das Lernziel der Folie war) war, dass je höher das basale Anspannungslevel ist, desto geringer der Stressauslöser sein muss, um zur Erkrankung zu führen. Oder andersherum, bei niedrigem basalen Anspannungsniveaus selbst große Stressoren zu keiner Erkrankung führen, weil die Schwelle hierfür nicht überschritten wird.
Ja, soviel zur Theorie - und was hat das nun alles mit Rocona zu tun? Stellen wir uns mal eine Gesellschaft vor, die seit Jahrzehnten weder Krieg noch Hunger oder irgendwelche bedrohlichen politischen Unruhen kennt – so eine, wie wir hier in Deutschland haben. Wird eine solche Gesellschaft nicht – in Unkenntnis wirklicher Gefahren, die zu identifizieren und damit umzugehen sie in Zeiten des Überflusses verlernt hat – ihre Sensoren für Bedrohungen hochgefahren und gespitzt haben? Damit ihr auch wirklich nicht das kleinste bisschen potentielle Gefährdung entgeht? Weil wir als Säugetiere doch irgendwo aus unserer steinzeitlichen evolutionären Prägung im Hinterkopf haben, dass es eine Gefahr geben muss, dass das zum Leben immer dazugehörte. Also wurden in den letzten Jahren, Jahrzehnten mit den ultrafeinen Detektoren des erhöhten Anspannungslevels jede Menge vermeintlicher Gefahren identifiziert: Von Mikroplastik über Hormone im Trinkwasser, Strahlung aus Mobilfunkmasten, Weizen, Histamin und Lactose über verunreinigte Innenräume, Aluminium in Impfstoffen und so weiter und so fort. Bei einigen Menschen reichten schon diese Stressoren, um sie krank zu machen, krank vor Angst.
[Kleine Anmerkung für alle, die jetzt empört aufschreien, weil auch sie ein oder mehrere Dinge meiner kleinen Aufzählung gefährlich finden: Trotz all dieser vermeintlich totbringenden Faktoren werden wir (als Gesellschaft) jedes Jahr älter, jedes Jahr gesünder älter.]
Die meisten sind jedoch bis vor kurzem trotz erhöhtem Anspannungslevel gesund geblieben. Jetzt aber kommt Rocona als Stressereignis – und das Anspannungslevel aller sich vorher schon im Wohlstandsneurotizismus befindlicher Menschen schießt durch die Decke und in den krankmachenden Bereich. Denn da sterben ja wirklich welche dran (klar, ist ja auch ein Virus, da passiert so was), manchmal sogar auch unter 80-Jährige, das könnte ja auch mich treffen, oh Gott, oh Gott.
Zu meiner Idee, meiner These passt, dass die meisten über 80-Jährigen, von denen manche noch einen Krieg, alle zumindest weniger pralle Zeiten als die heutigen erlebt haben, sowie auch zugewanderte Menschen, die in ihrem Leben größere Bedrohungen erlebt haben als ein Grippevirus, das man nicht so nennen darf, weitaus entspannter bzgl. Rocona und allem drum herum sind als der Rest.
Weil das aber nicht so sein darf, sperrt man diese „senilen Gefährder“ (natürlich zu ihrer eigenen Sicherheit) in ihre Zimmer ein, wenn sie den Fehler machen, sich im Altenheim mit einem „Ich hab den Krieg überlebt, also werde ich auch das noch überleben – und wenn nicht, dann ist es auch nicht so schlimm. Aber meinen Nachmittagsspaziergang an
