Beschreibung

Für das Verfassen von Haiku gibt es bei uns im Westen vielerlei Anleitungen, Empfehlungen, ja Rezepte. Sicherlich bleibt oft ein Ungenügen - die Texte widersprechen sich vielleicht, und man kann die Kompetenz der Ratgeber schlecht einschätzen. Wie wäre es, wenn man einen japanischen Haiku-Dichter zu Wort kommen ließe? Die vorliegende Übersetzung schafft erstmals Abhilfe. Ein Dichter kommt zu Wort. Seine wichtigen Lehrsätze, seine "goldenen Worte" (meigen) werden vorgestellt. Takahama Kyoshi (1874-1959), der wie kein anderer das Haiku aus seinen klassischen Traditionen in die Moderne transferierte, legt hier sein Glaubensbekenntnis zum Haiku ab. Was mag die Zauberformel dieser Kurzdichtung sein? (Professor Ekkehard May )

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Aus dem Japanischen auszugsweise übersetzt

von Takako von Zerssen

Herausgegeben von Stefan Wolfschütz

Mit einem Geleitwort von Ekkehard May

Inhaltsverzeichnis

Der Kosmos des Dichters

Geleitwort von Professor Ekkehard May

Vorwort

Takako von Zerssen / Stefan Wolfschütz

Ein Gedicht, das jahreszeitliche Themen voll ausschöpft

Seinen Stolz in den Haiku-typischen Rhythmus setzen

Einfach und klar schildern

Shasei

bedeutet entdecken und schildern

Vereinfachen und konkretisieren

Blumen und Vögel besingen

Das Haiku als Gruß

Takahama Kyoshi, um 1930

Der Kosmos des Dichters

Geleitwort von Professor Ekkehard May

Für das Verfassen von Haikus gibt es bei uns im Westen vielerlei Anleitungen, Empfehlungen, ja Rezepte. Sicherlich bleibt oft ein Ungenügen – die Texte widersprechen sich vielleicht, und man kann die Kompetenz der Ratgeber schlecht einschätzen. Wie wäre es, wenn man einen japanischen Haiku-Dichter zu Wort kommen ließe?

Die vorliegende Übersetzung schafft – für den deutschen Sprachraum auf jeden Fall – erstmals Abhilfe. Ein Dichter kommt zu Wort. Seine wichtigen Lehrsätze, seine „goldenen Worte“ (meigen) werden vorgestellt. Takahama Kyoshi (1874-1959), der wie kein anderer das Haiku aus seinen klassischen Traditionen in die Moderne transferierte, legt hier sein Glaubensbekenntnis zum Haiku ab. Was mag die Zauberformel dieser Kurzdichtung sein?

Sicher, der Text ist kein Lehrbuch der Dichtung, selber in dichterischer Sprache und deshalb nicht einfach geschrieben. Inahata Teiko, die Enkelin und legitime Hüterin der Tradition in der Schulrichtung der führenden Haiku-Zeitschrift Hototogisu, legt – in guter asiatischer, japanischer Tradition – die Worte des Meisters aus, ergänzt mit Beispielen und kommentiert.

Was den Dichtern bei uns zuallererst ins Stammbuch geschrieben werden sollte, ist Kyoshis Forderung nach größtmöglicher Einfachheit. Das zweite zentrale Anliegen des Dichters ist für uns im Westen schwerer zu verwirklichen, nämlich das vollständige Ausschöpfen der Assoziationskraft der Jahreszeitenwörter (kigo). Hierzu fehlt es bei uns (noch) an der Tradition und verbindlicher, gleichzeitig verbindender Konvention.

Aber etwas anderes macht den Text so faszinierend und lesenswert: Er gibt nicht nur Hinweise, was gut und schlecht im Haiku ist, sondern gewährt einen tiefen Einblick in die Philosophie, ja Psychologie des Dichters: Wie entsteht in ihm ein Bild, wie hält er das Bild fest, wie kann er seinen „kleinen Kosmos“, der mit dem großen Kosmos verbunden ist, mitteilbar machen?

Dem Dichter über die Schulter und in seinen Kopf geschaut, Denkprozesse, die nicht leicht in Worte gefasst werden können, vorstellbar machen, dazu dient dieser sehr japanische Text, den man vielleicht in vielen Passagen länger auf sich wirken lassen muss. Der Übersetzerin, Frau Takako von Zerssen, die seit Jahren in ihrem Münchner Haiku-Kreis segensreiche praktische Ver-mittlungstätigkeit ausübt, sei Dank, ebenso Herrn Stefan Wolfschütz für sein Engagement zur Veröffentlichung dieser Schrift. Vielleicht können einmal ähnliche Texte folgen.

Gelnhausen im März 2006

Vorwort

Takako von Zerssen / Stefan Wolfschütz

Im Frühjahr 2004 entstand bei einem Gespräch zwischen Takako von Zerssen und Stefan Wolfschütz in München die Idee, zentrale Teile der Haiku-Lehre von Takahama Kyoshi ins Deutsche zu übersetzen und als Buch herauszubringen. Takako von Zerssen erklärte sich bereit, die Übersetzungsarbeiten vorzunehmen und Stefan Wolfschütz widmete sich der Herausgabe dieser Schrift. Durch die Vermittlung Takako von Zerssens wurden dem Hamburger Haiku Verlag Bilder und Zeichnungen aus dem Leben Takahama Kyoshis vom Kyoshi-Museum in Ashiya zur Verfügung gestellt. Besonders dankbar sind wir für die farbigenKalligraphien, die jedem Kapitel vorangestellt wurden. Sie sind alle von Takahama Kyoshi angefertigt worden und bilden ein weiteres Zeugnis seines umfassenden künstlerischen Schaffens. Neben jeder Kalligraphie ist das auf dem Bild vorhandene Haiku in japanischer Lautschrift und deutscher Übersetzung niedergeschrieben.

Erstmals kann so im Deutschen die authentische Stimme einer berühmten Haiku-Dichterin und durch ihre Ausführungen auch die Stimme ihres Großvaters, des vielleicht einflussreichsten Haiku-Dichters im 20. Jahrhundert, die Stimme von Takahama Kyoshi, vernommen werden.

Takahama Kyoshi (1874 – 1959) begann seine dichterische Tätigkeit unter Masaoka Shiki im Jahre 1892. Bereits 1889 übernahm er die von Shiki ein Jahr zuvor gegründete Literaturzeitschrift „HOTOTOGISU“ (‚Der Kuckuck’). Mit der Grundidee, dem „Besingen der Blumen und Vögel“ (kachô fûei) und dem „Zeichnen nach der Natur“ (shasei), förderte Kyoshi die Modernisierung des Haiku in Japan. Aus seiner Schule gingen zahlreiche Dichter hervor, die zu dieser Entwicklung in Japan wesentlich beigetragen haben.

Familie Kyoshi 1952. Von links: Teiko (Inahata), Tatsuko (die zweitälteste Tochter Kyoshis und eine sehr bekannte Dichterin), Kyoshi, Toshiatsu Bôjô (Ehemann von Nakako), Nakako, Toshio (der älteste Sohn Kyoshis und dessen Nachfolger als Hototogisu Herausgeber, Vater von Teiko). Auf dem Schoß von Kyoshi die älteste Tochter von Nakako

Inahata Teiko (geboren 1931) ist die Enkelin von Takahama Kyoshi. Unter ihm und ihrem Vater Takahama Toshio (1900-1977) hat sie sich dem Studium des Haiku gewidmet. Nach dem Tod des Vaters übernahm sie 1979 die Herausgeberschaft der zur Zeit in Japan größten Haiku-Zeitschrift „HOTOTOGISU“. Seit 1982 ist sie Jurymitglied des „Asahi Haiku-Forums“ (Asahi haidan) der Zeitungsgesellschaft Asahi.

Sie gründete 1987 die japanische Gesellschaft für das traditionelle Haiku, deren Präsidentin sie seither ist. Von 1994 bis 1996 war sie Dozentin des „NHK Haiku-Forums“ des Bildungssenders der öffentlichen Fernsehanstalt NHK. 2002 errichtete sie das „Kyoshi Gedächtnismuseum“ (Kyoshi Kinen Bungakukan) in Ashiya / Kobe.

Takahama Kyoshi (Mitte) in der Kyoshi-Klause mit seinen Kindern. In der ersten Reihe, 2. v.l. ist Frau Kyoshi. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1952.

Die hier vorliegende Übersetzung beruht auf dem Werk „Haiku Jûnikagetsu – Shizen to tomoni ikiru Haiku („Zwölf Monate mit Haiku – Zwölf Monate mit der Natur leben“) von Inahata Teiko. Darin hat Inahata Teiko ausgehend von dem Buch „Takahama Kyoshi, Kyoshi Haiwa, Tôto Shobô, Tokyo 1958“ (Kyoshis Haiku-Gedanken) die Haiku-Lehre ihres Großvaters entfaltet. Darum ist der Aufbau durch die ersten sechs Kapitel stets der gleiche. Auf Grundlage der Worte Kyoshis legt Inahata Teiko dessen Gedanken aus. Im siebten Kapitel („Haiku als Gruß“) beschließen Worte von Kyoshi das Buch.

Szene eines Haiku-Studientreffens um 1940

Takahama Kyoshi hat wie kaum ein anderer die moderne japanische Haiku-Szene geprägt und dabei viele bedeutende Haiku-Dichterinnen und Dichter ausgebildet. Seine Neuinterpretation des klassischen Haiku-Weges hat entscheidend zur Kontinuität der Haiku-Traditon beigetragen. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass die Popularität des Haiku in der heutigen japanischen Gesellschaft mit ein Verdienst seiner Lehr- und Schreibtätigkeit ist.