Wellen meines Lebens - Iris Ducht - E-Book

Wellen meines Lebens E-Book

Iris Ducht

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Beschreibung

Es ist eine besondere Biografie. Neben den Erzählungen über Kindheit und Heranwachsen im Norden der ehemaligen DDR, Erleben der Wende, über gesundheitliche und partnerschaftliche Probleme, nimmt die Tierliebe der Autorin, die ihren beruflichen Werdegang bestimmt, einen großen Raum ein. Somit erfährt der Leser hautnah viel Interessantes im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als selbstständige Reitlehrerin auf den verschiedensten Reiterhöfen, über die unterschiedlichen Pferderassen, über Turniergeschehen und viele Begebenheiten im Zusammenhang mit ihrem Wirken. Pferdeliebhaber unter den Lesenden dürften besonders Gefallen an diesem Buch finden.

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Seitenzahl: 638

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-021-1

ISBN e-book: 978-3-99131-022-8

Lektorat: Marie Schulz-Jungkenn

Umschlagfoto: Iris Ducht, Mykhailo Polenok, Fewerton, Chansom Pantip | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Teil I

Ein weiterer Lebensabschnitt beginnt nun. Ich schaue aus dem Fenster am Heiligabend des Jahres 2020 und erinnere mich an die vergangene Zeit. Das Jahr 2020 war auch für mich ein Horrorjahr. Musste ich doch wegen der weltweiten Corona-Pandemie, die auch an mir nicht vorbeiging, meine langjährige Laufbahn als Reitlehrerin beenden. Auch meine Rückenprobleme traten nun schon längere Zeit ganz massiv auf. Darum gab ich dann nach 18,5 Jahren meine selbstständige Tätigkeit leider endgültig auf.

Deshalb beschloss ich dann, meine ereignisreiche Lebensgeschichte einfach der Nachwelt mal aufzuschreiben und viele nicht so schöne Abschnitte im Nachhinein zu verarbeiten und mich auch an die schönen Momente in meinem Leben zurückzuerinnern.

Mein Leben war den Tieren gewidmet, aber nun sind diese Abschnitte endgültig vorbei, denn meine Gesundheit lässt die schwere Arbeit mit den Tieren nicht mehr zu. Die Schmerzen verlangen immer höhere Dosen an Tabletten, und das kann ich nicht bis ins Unendliche machen. Darum habe ich schweren Herzens beschlossen, alles noch einmal an mir vorüberziehen zu lassen.

1. Kapitel - Meine Kindheit

Als Erstgeborene erblickte ich Ende der 50er-Jahre in einer Villa, in der sich der Frauenarzt eine Praxis eingerichtet hatte, mit viel Verspätung das Licht der Welt. Meine Mutter war noch ziemlich jung und die Geburt war nicht einfach.

Meine Eltern hatten sich auf der Werft kennengelernt. Mein Vater arbeitete im Schiffbau und meine Mutter war Lehrling zur Industriekauffrau. Sie hatte gerade ausgelernt, als ich unterwegs war. Meine Oma (mütterlicherseits) war davon gar nicht begeistert und ließ meine Mutter das auch spüren. Mein Vater war 9Jahre älter als meine Mutter, alleine das war schon ein Streitpunkt. Die Mutter meines Vaters war streng evangelisch und sehr konservativ. Sie hatte in ihrem Wohnort bereits eine Frau für meinen Vater auserkoren, die dieser aber nicht liebte. Schon deshalb war meine Oma (väterlicherseits) auch nicht so gut auf meine Mutter zu sprechen. Mein Vater setzte seinen Willen durch und blieb bei meiner Mutter und brach dafür sogar die Beziehung zu seiner Mutter für einige Zeit ab.

Als ich dann endlich da war, musste ich sofort in die Kinderklinik, da meine Eltern eine Blutgruppenunverträglichkeit hatten und ich die sogenannte Neugeborenengelbsucht hatte. In der Kinderklinik wurde dann ein Blutaustausch bei mir vorgenommen, und dann war alles gut.

Zur Beobachtung musste ich einige Zeit in der Kinderklinik bleiben. Aber ich durfte besucht werden. Meine Oma (mütterlicherseits) hatte sich inzwischen mit meiner Anwesenheit abgefunden und begann, ein sehr enges Verhältnis zu mir zu entwickeln. Sie gab mir den Kosenamen „Kathinka Rosenrot“ und nannte mich die ganze Kindheit über auch immer so. Wenn sie mich in der Kinderklinik besuchten, brauchten sie sich nicht lange nach meinem Bettchen zu erkundigen. Meine Oma sagte immer: „… da, wo das lauteste Gebrüll herkommt, da ist sie. Unser Baby wird wohl mal eine Lehrerin.“ Wie recht sie damit haben sollte. Sie liebte mich abgöttisch und zog mich dann auch bis Schulbeginn auf. Auch für mich war sie zeitlebens mehr meine Bezugsperson als meine Mutter.

Bis zu meinem 6.Lebensjahr lebte ich meistens bei ihr. Sie bewohnte eine 2-Raumwohnung mit Küche, Speisekammer, Flur und einem schmalen Bad in einem Altbau. In dem Haus wohnten noch weitere 7Familien, immer 2Familien auf einer Etage. Die Wohnungen waren sehr hoch, hatten aber auch schon Etagenheizung, welche von der Küche aus beheizt wurden. Gegenüber der Wohnung befand sich eine Schule und man konnte aus dem Fenster immer das Treiben auf dem Schulhof in den Pausen beobachten. In der Straße befanden sich auch noch ein Bäcker, bei dem es sehr schöne frische Brötchen gab, ein Schuster und ein Schneider. Auch war sie verkehrsmäßig nicht sehr stark belebt. Im Keller befand sich außer den Kellerräumen auch eine Waschküche. Da wurde einmal im Monat der Kessel angeheizt und große Wäsche gewaschen. Das war immer eine körperlich anstrengende Angelegenheit, die sich dann auch über den ganzen Tag hinzog. Besonders schmutzige Wäsche wurde am Waschbrett noch mit der Wurzelbürste extra geschrubbt. Aufgehängt wurde dann auf dem Hof, auf dem man auch in einer Sandkiste spielen konnte als Kind. Später wurde dann die Wäsche zur Wäscherei, ein paar Straßen weiter, gebracht und sie von dort schrankfertig wieder abgeholt, als die Arbeit für meine Oma zu schwer wurde. Auf dem Weg zur Werft, wenn wir meinen Opa von der Arbeit abholten, kamen wir an einer Reinigung vorbei. Da wurden Anzüge, Kostüme, Hemden und Blusen gereinigt. Das Bad meiner Oma verfügte zwar über eine Badewanne, aber die Möglichkeiten der Wäschetrocknung waren begrenzt. Auch später war ich oft am Wochenende bei ihr oder besuchte sie. Sie konnte wunderbar kochen, backen und nähen. Für die Faschingsfeiern im Kindergarten nähte sie mir immer sehr schöne Kostüme, für die es so manches Mal eine Auszeichnung für das schönste Kostüm gab. Hatte sie doch in der Kriegszeit bei reichen Leuten als Hausmädchen gearbeitet. Einen Beruf hatte sie nicht erlernt, sie war dann Hausfrau, als mein Opa aus dem Krieg kam. Wir machten oft Spaziergänge, Ausflüge in die nähere Umgebung, machten Dampferfahrten auf der Warnow, holten meinen Opa von der Arbeit ab (er war auch Industriekaufmann und arbeitete im Büro auf der Werft).

Meine Oma hatte vor dem Mauerbau eine Freundin aus dem Haus, deren Tochter etwa gleichaltrig mit meiner Mutter war. Als die Mauer dann 1961 erbaut wurde und niemand mehr in den Westen kam, ging die Freundin noch legal mit ihrer Familie dorthin und sie ließen sich in Köln nieder. Jedes Jahr bekamen wir ein Weihnachtspäckchen aus Köln mit duftenden Süßigkeiten, abgelegten, aber sehr schönen Klamotten und einigen Sachen, die es bei uns im Osten nicht gab, z. B. Apfelsinen und Bananen. Meine Oma und später auch meine Mutter hielten lange noch Briefkontakt zu der Familie.

Im Haushalt meiner Oma gab es ein Radio mit integriertem Plattenspieler. Ich kann mich an viele schöne Stunden erinnern, in denen wir Märchen hörten, oder auch an die kuscheligen Abende, an denen ich länger aufbleiben durfte, und meine Oma und ich auf der Couch gemeinsam die Abendsendungen verfolgten. Das waren dann Sendungen wie „Ein Kessel Buntes“ und Ähnliches. Kriminalfilme durfte ich in dem Alter noch nicht anschauen. Aber auch die Wochenendnachmittagssendungen, wie „Professor Flimmrich“ oder „Meister Nadelöhr“ mit „Pittiplatsch“ und „Schnatterinchen“ waren sehr beliebt bei uns Kindern. Da lernte man auch die vielen russischen Volksmärchen oder die Märchen der Gebrüder Grimm kennen. Da ich sehr gerne las, bekam ich zu Geburtstagen, Weihnachten und anderen Anlässen sehr häufig diese Märchen auch in Bücherform geschenkt. Das waren dann meine Dauerbrenner, und ich behandelte diese Bücher sehr lange Zeit meines Lebens als sehr wertvolles Eigentum.

Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Auch wenn meine Großeltern wenig Geld hatten. Sie hatten den Krieg überlebt und waren sehr bestrebt, mir ein schönes Leben zu bieten. Mein Opa war im 2.Weltkrieg in Leningrad im Kessel eingeschlossen gewesen. Seine Beine waren erfroren, sodass das linke Bein bis zum Knie amputiert war und das rechte keine Zehen mehr hatte. Er musste ein Holzbein tragen oder an Krücken gehen. Die Schwester meiner Mutter war 1943 an Lebensmittelvergiftung gestorben mit ½Jahr. So hatte ich aus mütterlicher Verwandtschaft keine Tanten oder Onkel. Mein Opa starb schon früh mit 55Jahren am 3.Herzinfarkt. Das war ein herber Verlust für uns alle. Meine Oma verstarb mit 61 Jahren an Organversagen nach einer Lungenembolie, nachdem sie schon ein Jahr lang gelähmt und ans Bett gefesselt war. Es war für mich das schlimmste Erlebnis meiner Kindheit und Jugendzeit. Bei der Verwandtschaft meines Vaters sah es schon anders aus. Sein Vater starb bereits mit 25 Jahren an Lungenentzündung. Meine Oma war mit 4Kindern, mein Vater war der älteste Sohn und musste schon teilweise die Vaterstelle für seine 3 kleinen Brüder ersetzen, aus Schlesien, dem heutigen Polen, geflüchtet. Unterwegs hatten sie sich sogar einmal verloren. Der Hunger und die Frage, wo kommen wir für die nächste Nacht unter, waren immer präsent. Oft gab es Kohlsuppe, Rote Beete oder gefundene Kartoffeln. Da mein Vater, und auch später seine Brüder, genau in die Kriegszeit hineingeboren wurden, und meine Oma immer mit den 4Kindern auf der Flucht war, war die Kindheit meines Vaters von Not, Hunger und Entbehrungen geprägt. Er arbeitete überall, wo es möglich war, bei den Russen, bei den Polen, aber vor den Deutschen sind sie geflohen. Da Russen und auch Polen nach dem Krieg nicht gut auf die Deutschen zu sprechen waren, haben sie diese natürlich nicht gut behandelt und schwere Arbeit machen lassen. Sie haben aber zum Glück eingesehen, dass nicht alle Deutschen Kriegsverbrecher waren. Mein Vater hat sich nie der Hitlerjugend angeschlossen, ist nie einer Partei beigetreten in seinem Leben. Als die Familie endlich nach dem Krieg sesshaft wurde, strandete sie in Warin. Später schloss er sich der Kampfgruppe an, weshalb er keinen Wehrdienst abzuleisten brauchte. Er fuhr dort alle möglichen großen Autos, die bei Kriegszwecken zum Einsatz gekommen wären. Mein Vater fing eine Lehre in Wismar an, arbeitete aber nebenbei noch beim Bauern, um den Familienunterhalt mitzufinanzieren, denn meine Oma war häufig krank und konnte nur Hausarbeiten machen (Nähen, Flicken für andere). Nach der Lehre im Schiffbau begann mein Vater ein Studium, welches lange dauerte. Da hatte er meine Mutter schon kennengelernt. Mein Vater war sehr ehrgeizig und willensstark, was ich wohl von ihm geerbt habe.

Da meine Oma (mütterlicherseits) sehr konservativ war, durfte mein Vater mit meiner Mutter nur bis 19.00Uhr was unternehmen, als sie sich kennenlernten. Kinobesuche mussten abgebrochen werden, damit meine Mutter pünktlich zu Hause sein konnte. Kaffeenachmittage oder kleinere Ausflüge wurden nur mit den Eltern zusammen unternommen. Meine Oma schikanierte die beiden auch manchmal ganz schön, aber sie wollte sehen, ob mein Vater es mit meiner Mutter ernst meinte. Aber mein Vater hielt durch. Sie heirateten, als meine Mutter mit mir im 3.Monat war. Dafür verkaufte er sogar sein geliebtes Motorrad, um die Hochzeit zu finanzieren.

Meine Oma väterlicherseits hatte sich dann auch mit meiner Mutter an der Seite meines

Vaters abgefunden. Sie bestand aber darauf, dass ich evangelisch getauft wurde. Das passierte dann auch bald nach meiner Geburt. Ich bin aber nie zur Kirche gegangen. Meine Eltern traten auch Anfang der 70er-Jahre aus der Kirche aus. Meine Eltern waren 44 Jahre verheiratet. Mein Vater pflegte meine Mutter, die sich 1 Jahr lang mit dem Bauchspeicheldrüsenkrebs quälte, bis zu ihrem Ende, zu Hause. Sie wurde nur 60 Jahre alt.

Meine Oma väterlicherseits hatte auch mit den harten Entbehrungen des Krieges zu kämpfen und starb mit 66 Jahren an Leberkrebs, nachdem sie noch ein paar schöne Jahre im Altenheim hatte, wo wir sie auch häufig besuchten.

Episoden aus meiner Kindheit

Die Werft, auf der mein Vater arbeitete, hatte auch für die Kinder ihrer Beschäftigten Kindergartenplätze. Meine Oma wohnte in der Nähe des Kindergartens und brachte mich morgens hin und holte mich nachmittags ab. Einen Sommer organisierte die Werft für unsere Gruppe ein Ferienlager für eine Woche in einem Waldcamp in der Müritz-Gegend. Wir wohnten in Bungalows, wanderten und spielten viel, badeten im See. Das erste Mal, dass wir so jung für längere Zeit von der Familie getrennt waren. Alle Kinder steckten das nicht so gut weg und bekamen Heimweh. Das Problem war jedoch, dass wir uns zum Ende der Zeit mit der Ruhr, einer sehr ansteckenden Durchfallerkrankung, infizierten. Das hieß, dass weitere 2 Wochen im Kindergarten in Quarantäne verbracht werden mussten und wir nicht zu unseren Familien nach Hause durften. Das verschlimmerte die Zeit für die Kinder, die Heimweh hatten, noch zusätzlich. Nur vom Fenster aus konnten wir mit den außerhalb des Zaunes stehenden Eltern und Großeltern sprechen. Das Abschlussfest im Kindergarten war auch eine große Sache. Mit einigen Kindern kam ich gemeinsam in eine Klasse, aber von anderen Freunden fiel der Abschied dann doch schwer.

Mit kleinen Schultüten und einem schönen Abschiedskaffeekränzchen gemeinsam mit unseren Eltern endete hier der erste Lebensabschnitt.

1961 bezogen meine Eltern ihre gemeinsame Wohnung im Neubaugebiet unserer Stadt. Der Wohnungsbau expandierte gerade. Da auch damals schon Arbeitskräftemangel herrschte, mussten die neuen Wohnungsbesitzer sogenannte Aufbaustunden leisten. Die fanden im Hafen statt. Es ging darum, Steine, die aus Norwegen und Schweden per Schiff herangebracht wurden, aufzutürmen als Küstenschutz. Diese Arbeit war nicht leicht. Unsere Wohnung bestand aus 2,5 Zimmern, Flur, Bad, Balkon und Küche. Auch beim Hausbau mussten Eigenleistungen erbracht werden. Das Haus bestand aus 4 Eingängen mit je 8 Mietparteien. Wer in welchem Stockwerk eine Wohnung bekam, wurde ausgelost. Meine Eltern bekamen eine Innenwohnung in der 4. Etage. Große Kellerräume, ein Trockenraum und 2 Trockenböden ergänzten die Räumlichkeiten der Häuser. Zu Beginn waren im Kinder- und Wohnzimmer noch Kachelöfen, später rüstete mein Vater neben vielen anderen Mitbewohnern dann auf Gasheizungen um in jedem Zimmer. In der Küche und im Bad sorgten Durchlauferhitzer für Wärme und warmes Wasser. Da das Kinderzimmer das kleinste Zimmer war, befanden sich als Mobiliar ein Kleiderschrank, 2 Stühle, 1 Schreibschrank und ein Doppelstockbett darin. Ich schlief oben, meine Schwester unten. Einen Fahrstuhl gab es nicht, so war es für meine Mutter auch nicht so einfach, Kinderwagen, Einkäufe oder Wäsche die 4 Stockwerke immer nach oben zu tragen. Aber man war froh, dass man eine Wohnung bekommen hatte. Zwischen uns Kindern sowie den Erwachsenen in einem Aufgang herrschte ein sehr freundliches und einvernehmliches Verhältnis. Einer half dem anderen und es herrschte ein freundlicher Ton. Die Schule, welche meine Schwester und ich 10 Jahre lang besuchten, war nur 300 m von unserem Haus entfernt und wir waren immer schnell wieder zu Hause nach Unterrichtsende. Hinter dem Haus hatten wir Rasen- und Spielplatzflächen mit Sandkasten, Rutsche und Klettermöglichkeiten. Viele Bänke drum herum luden die Eltern dann zum Verweilen und Zuschauen ein. Kurz, es war alles sehr kinderfreundlich arrangiert.

Meine Eltern unternahmen in der Urlaubszeit viel mit uns Kindern gemeinsam.

Wir fuhren meistens in den Süden in die Berge, Thüringen oder Harz. Dort wohnten wir dann bei Familien oder in Ferienheimen. Es war anfangs recht urig mit der Unterbringung. In einem Bauernhaus wurden wir in der oberen Etage untergebracht, ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklo auf dem Hof. Das Wasser zum Waschen wurde in einem Krug mit einer Waschschüssel gebracht und musste dann in den Ausguss, der in der Küche war, ausgekippt werden nach Benutzung. Ich hatte bei den Reisen immer meine Puppe dabei. Wir mussten eine steile Stiege hinauf zu unserem Zimmer. Beim Hinuntergehen stolperte ich und überschlug mich mehrfach mit meiner Puppe im Arm. Aber es war nichts passiert, und ich landete unten auf meinen Füßen. Es sah gefährlicher aus, als es dann war.

Bei einem anderen Urlaub wollte ich meinen Eltern auf einem Spielplatz das sogenannte „Schweinebammeln“ zeigen an einer Reckstange. Dabei hängt man kopfüber, ohne sich festzuhalten, an den Knien. Das galt damals als eine Mutprobe. Nicht jeder beherrschte diese Übung. Dabei rutschte ich ab und fiel genau auf die Nase, die dann entsprechend aussah. Da ich auch schon als Kind sehr eitel war, ärgerte mich mein Aussehen natürlich sehr. Wir fuhren trotzdem ins Freibad des Urlaubsortes. Ich legte eine Zeitung über mein Gesicht, damit mich keiner sehen sollte. Da kam dann ein kleiner Junge in meine Nähe und fragte meinen Vater, was ich denn hätte, weshalb ich mich mit einer Zeitung zudeckte. Der frotzelte und sagte, dass ich auf die Nase gefallen bin. Dann fragte der Junge, ob er das mal sehen könnte, wie ich denn aussah. Wütend sagte ich, dass er schnellstens verschwinden sollte. Mein Vater lachte bloß und sagte, dass alles bald wieder heil sei und ich mich mal nicht so haben sollte. Der Tag war dann für mich gelaufen. Ins Wasser zum Baden ging ich dieser Tage natürlich nicht.

Auch im Winter unternahmen wir viel. Als die Seen zugefroren waren, fuhren wir Schlittschuhe. Einmal war meine Schwester eingebrochen im Eis und wurde dann im Anschluss krank. Ich bekam dann eine harte Strafe, weil ich nicht gut genug auf sie aufgepasst hatte. Aber sie machte sowieso nie, was ich ihr sagte. Darum vertrugen wir uns auch nicht immer gut. Da sie sowieso immer kränklich war, wurde sie immer bevorzugt von meiner Mutter. Ich war dann immer die Böse.

Beim Rodeln beteiligte sich dann die ganze Familie. In einer leicht hügeligen Gegend in unserer Umgebung konnte man wunderbar rodeln. Wir hatten 2 Schlitten. Meine Mutter und ich saßen auf einem und mein Vater hatte auf dem anderen meine Schwester vor sich.

Wir rodelten einen Berg runter. Plötzlich musste meine Mutter sich entscheiden, ob wir zwischen einer Eiche und einer Buche mitten durch oder daran vorbei rodeln sollten. Aber das Lenken des Schlittens erfolgte zu spät. Wir fuhren gegen die Buche. Ich hatte mein Bein zwischen Schlitten und Baum und meine Mutter knallte mit dem Kopf gegen den Baum, sodass sie eine große Platzwunde über dem Auge hatte, welches dann auch gleich noch zuschwoll. Wir fuhren dann sofort zum Arzt. Am meisten weinte meine Schwester, weil wir so aussahen und sie so viel Mitleid mit uns hatte. Meiner Mutter wurde die Platzwunde genäht. Mein Bein wurde geröntgt. Es war nichts gebrochen, aber nach diesem Unfall hatte ich mein Leben lang mit einer Beinlängenungleichheit zu tun. Späteres Einlagentragen half auch nichts, mein Bein war nicht mehr mit gewachsen. Starke Schmerzen, später auch Rückenschmerzen sollten mich dann mein ganzes Leben begleiten. Das war da aber noch nicht abzusehen. Meine Mutter ging dann die nächste Woche mit einem blauen Auge zur Arbeit. Es war Rosenmontag. Die Kollegen lästerten über ihr Auge. Meine Mutter gab zu, das die Färbung echt war und nicht geschminkt für den Anlass. Da sagte dann keiner mehr etwas.

Meine Eltern und ich waren im Winterurlaub und wollten uns mal im Skilaufen versuchen.

Meine Schwester war bei meinen Großeltern in der Zeit.

Nachdem der Trabant uns die vereisten und schneebedeckten Straßen mit Schneeketten hochgewuchtet hatte, richteten wir uns im Heim ein. Nächsten Tag sollte es dann losgehen. Wir liehen uns Skier aus und ließen uns beraten. Es sollte ein „Langlauf“ durch die wunderschönen Wälder werden. Meine Eltern kamen ganz gut mit den Dingern zurecht. Aber als ich dann hinterher auch auf den Skiern loslaufen wollte, nachdem ich die Ski-Stöcke sortiert hatte, sah ich nicht, dass ich mit dem rechten Ski hinten über Kreuz auf dem linken stand. Als ich dann losgehen wollte, fiel ich um. Ich lag auf dem Rücken wie ein Maikäfer und fuchtelte mit den Stöcken in der Luft herum. Meine Eltern drehten sich um und konnten sich vor Lachen kaum einkriegen, wie ich so dalag. Dann kamen sie und stellten mich wieder auf die Beine. Für mich war aber der Tag gelaufen. Niemals in meinem Leben bekam mich jemand wieder auf Skier. Das war aber auch keine Kunst, denn die Winter wurden in Zukunft sowieso immer rarer, sodass man gar keine Gelegenheit mehr zum richtigen Skilaufen bekam bei uns im Norden. Zudem bekam ich in dem Urlaub am nächsten Tag auch noch die Windpocken. Wir mussten alle in Quarantäne. Aber meine Eltern wollten sich den Urlaub nicht verderben lassen. Kurzerhand fuhren sie mit mir die über 600 km wieder nach Hause, tauschten mich gegen meine Schwester um und fuhren wieder zurück zum Urlaubsort. Ich verbrachte die Zeit der Krankheit dann bei meinen Großeltern.

Auch als mein Opa noch lebte, unternahmen wir viel in der Natur gemeinsam mit den Großeltern. Wir rückten alle eng zusammen, sodass wir dann auch zu 6 Personen in den 600er Trabant hineinpassten. Der Kofferraum war auch groß genug, um noch Campingtisch und 4 Stühlen Platz zu gewähren. Kuchen hatte meine Oma gebacken, Kaffee und Getränke für uns Kinder hatte meine Mutter bereitgestellt. Meine Eltern hatten ein neues Hobby entdeckt, das Zelten. Nachdem die Diskussion meiner Eltern zugunsten meines Vaters ausgefallen war, nämlich, ob von der Jahresendprämie nun eine neue Anbauwand oder ein Campinganhänger gekauft werden sollte, starteten wir mit der ganzen Familie in den Wald. Mein Vater hatte den Trabant mit einer Anhängerzugvorrichtung und der dazugehörigen E-Steckdose versehen lassen.

Nun wollten wir einen Probeaufbau des Zeltes machen, um uns auf den künftigen Campingplatzbesuchen dann nicht zu blamieren. Mit rotem Nagellack zur Kennzeichnung zusammengehöriger Stangen und Elemente und ganz viel Optimismus und Tatendrang ausgerüstet, fuhren wir dann alle los. Der nächste Wald war nicht weit. Der Trabant musste nun ja uns 6 Personen befördern und den Zeltanhänger auch noch ziehen. Da wollten wir ihm keine weite Strecke zumuten, um nicht einen Achsenbruch oder Federbruch zu riskieren.

Der Start gestaltete sich schon mal schwierig beim Einsteigen. Mein Opa hatte zu tun, sein Holzbein ins Auto zu kriegen, und musste sich mit dem Ellenbogen schwer auf die Lehne des Vordersitzes stützen. Natürlich hatte ich meine Finger dazwischen und stimmte dann ein Geschrei an, als er sie mir zerquetschte. Aber das war noch gar nichts. Jeder hatte dann im Wald eine Aufgabe, die Zeltstangen an die richtige Stelle zu bringen, die mein Vater nach Gebrauchsanweisung bestimmte. Das wechselte öfters, da die zusammengehörigen Stangen nicht gleich zusammenpassten. Das nervte dann auch schon mit der Zeit.

Der Kaffee musste auf einem kleinen Gaskocher, mit einer Propangasflasche betrieben, noch erwärmt werden, dafür war meine Oma zuständig. Es fiel dann auf, dass keine Streichhölzer vorhanden waren. (Wir waren alle Nichtraucher.) Mein Vater schickte mich los, um jemanden von den Spaziergängern, die auf dem Hauptweg waren, um Streichhölzer zu bitten. Aber der Erste, den ich traf, war der Förster. In meinem jugendlichen Leichtsinn fragte ich den dann auch. Es war ein heißer Tag. Die Waldbrandgefahr war dementsprechend hoch, sodass man mit offenem Feuer im Wald sowieso nicht hantieren durfte. Der Förster begleitete mich erst mal zu unserer Familie. Mein Vater bekam dann eine ausführliche Belehrung im Umgang mit Feuer. Wir kamen von einer Strafe noch glimpflich ab. Auf den Zeltplätzen ging der Aufbau dank der Kennzeichnung mit dem roten Nagellack auch ziemlich schnell vonstatten, was natürlich bei Regen sehr von Vorteil war.

Mein Vater studierte weiterhin noch ein paar Jahre nach meiner Geburt. Meine Schwester wurde 3,4Jahre später geboren. Da sie viel krank war, hatte meine Mutter genug mit ihr zu tun und war froh, nur 1 Kind versorgen zu müssen. Ich hatte aber während meine Kindheit auch nicht viel zu lachen. Jede Krankheit fing bei mir mit Mittelohrentzündung an. Wir waren schon Stammgast in der Hals-Nasen-Ohrenklinik-Klinik. Nur machte meine Oma immer den Fehler, mir vor dem Klinikbesuch Schmerzzäpfchen zu geben. Als deren Wirkung dann einsetzte und wir in der Klinik waren, ging es mir gut und ich fing an zu singen. Meiner Oma war es dann sehr peinlich, mich noch beim Arzt vorzustellen. Aber die sahen ja dann auch, wie schlecht es mir ohne Zäpfchen ging. Das hörte aber zeitlebens ab dem 12. Lebensjahr auf, als mir die Trommelfelle durchstochen wurden. Nur konnte ich ab dem Zeitpunkt nie mehr Wasser in den Ohren haben, da ich dann für ½Stunde später komplett taub war.

Eine Episode möchte ich noch schildern. Meine Schwester, damals 3 Jahre alt, erkrankte an Scharlach. Sie sollte eine Spritze bekommen. Ich war auch mit zum Arzt gekommen. Da ich sehr neugierig war, wollte ich unbedingt mit ins Sprechzimmer und zuschauen. Aber als die Ärztin dann auch mit einer Spritze zur Prophylaxe auf mich zukam, hatte der Spaß doch ein Ende. Zeitlebens hatte ich Angst vor Spritzen und ging nie mehr mit zum Arzt.

Dann fuhren wir mal mit der Straßenbahn. Als Kind wird man ja zur Ordnung und Ehrlichkeit erzogen. Meine Mutter hatte einen Sitzplatz. Meine Schwester und ich saßen auf ihrem Schoß. Da meine Schwester quengelte, gab meine Mutter ihr einen Keks. Als wir dann ausstiegen, fiel der Keks runter. Meine Mutter schob ihn mit dem Fuß unter die Sitzbank, da keine Zeit mehr war, ihn aufzuheben. Sonst wäre die Bahn wieder angefahren und wir hätten die Station verpasst. Zur Ordnung erzogen, verstand ich diese Handlungsweise meiner Mutter nun gar nicht und brachte das auch lautstark zum Ausdruck. Die Bahn war voll und meine Mutter völlig blamiert.

Mit meiner Schwester verstand ich mich selten gut. Ich fühlte mich von Anfang an weniger geliebt und beachtet. Darum hatte ich wohl auch so eine enge Bindung zu meiner Oma. Oft verpetzte meine Schwester mich oder ich bekam Strafen, da ich ja die Ältere war und auf sie aufpassen musste. Sie machte aber auch nicht immer das, was ich ihr sagte. So kam es, dass ich auch oft um Anerkennung bei meinen Eltern ringen musste. Mit 11 Jahren wusch ich häufig Wäsche, bügelte oder saugte Staub, damit meine Mutter, die viel arbeitete, Zeit für uns hatte und was mit uns unternehmen konnte. Klar bemerkte meine Mutter meine Aktivitäten im Haushalt und lobte mich auch dafür, aber das war es dann auch.

Meine Liebe zu Tieren kam bei mir schon sehr früh zum Vorschein. Mit 5Jahren bekam ich zum Geburtstag einen Puppenwagen mit Puppe geschenkt. Ich durfte bei schönem Wetter auch draußen damit fahren. Unserer Wohnung gegenüber auf der Straße lag ein großer Findling, unter dem sich gerne mal Eidechsen und Frösche versteckten. Eines Tages fingen wir so eine Kröte. Ich setzte meine Puppe in die Ecke an der Haustür und legte den Frosch in den Wagen und fuhr ihn spazieren. Als meine Mutter von der Arbeit kam, freute sie sich über mein Spiel mit dem Puppenwagen und wollte gern auch mein Püppchen im Wagen sehen. Aber als sie dann das Kissen zurückzog und den Frosch sah, überkam sie das blanke Entsetzen, denn sie mochte Reptilien ganz und gar nicht. Sofort war mein Ausflug mit Frosch vorbei, und ich musste ihn wieder ins Gras setzen.

Einen Vorfall mit einer Eidechse gab es dann noch. Ich war noch etwas jünger. Wir fuhren mit dem Trabant nach Warin, meine andere Oma besuchen. In einer Streichholzschachtel hatte ich eine Eidechse gefangen, die ich mitnahm. Vorsorglich hatte ich Luftlöcher in die Streichholzschachtel gestanzt. Aber ich wollte dann doch mal sehen, ob es ihr gut ging. Ich hatte dem Tier auch 2 gefangene Fliegen mit hineingelegt. Nur hatte ich zu dem Zeitpunkt etwas Streit mit meiner Schwester im Auto. Das nervte meine Eltern schon eine ganze Weile. Als ich mich dann nach einer Ermahnung meines Vaters zurückzog, spielte meine Schwester ihren Trumpf aus und erwähnte die Eidechse. Meine Mutter glaubte an einen schlechten Scherz, aber als sie die Eidechse sehen wollte, rastete sie bei dem Anblick total aus. Mein Vater sollte anhalten, das ging aber wegen des Halteverbotes nicht. Voller Angst steuerten wir dann den nächsten Wald an, wo ich die Eidechse aussetzen musste. Meine Schwester lachte schadenfroh in sich hinein. Ich heulte wie ein Wasserfall um das Leben der Eidechse.

Aber als wir dann bei meiner Oma angekommen waren, nahm ich mich junger Katzen an. Als wir wieder heimfuhren, vergewisserte sich meine Mutter ganz genau, ob ich nicht eine Katze versteckt hatte. Hatte ich aber nicht, damit nicht noch ein weiteres Tier sein Zuhause verlor.

Haustiere durften wir nicht halten.

Mit 7Jahren kam ich dann zur Schule. Da diese ganz in der Nähe unserer Wohnung war, konnte ich immer „Schlüsselkind“ sein und brauchte nie in den Hort zu gehen. Ich konnte nach der Schule immer gleich nach Hause gehen. Mittagessen wurde in der Schulspeisung angeboten.

Lecker war das nicht immer, darum ließ ich auch die eine oder andere Essensmarke heimlich verfallen.

Von den Fächern haben mir Werken, Sport, Deutsch und später Sprachen und Naturwissenschaften viel Spaß gemacht. Ich war sehr wissensdurstig und ehrgeizig. Schon früh habe ich schnell das Lesen gelernt, weil ich gerne Bücher alleine und schnell lesen wollte. Wir hatten eine schuleigene Bibliothek, in der ich Stammgast war.

Erst waren Märchen meine Welt, später kamen dann Indianerbücher, wie die 3 dicken Bände von „Liselotte Welskopf-Henrich“ hinzu. Zur gleichen Zeit wurden von der „DEFA“ nach diesen Buchvorlagen auch Indianerfilme gedreht. Ich ließ natürlich keinen Kinobesuch aus, als die Filme erschienen. Als ich dann später auch im „Westfernsehen“ die Lederstrumpffilme mit Pierre Brice sah, erkannte ich erst, wie viel wahre Geschichte in den Ostverfilmungen mit dem Hauptdarsteller Gojko Mitic war. Sehr viel später im Leben lernte ich sogar den Schauspieler noch kennen bei einer Veranstaltung, in der er über seine Karriere sprach und Fragen der Zuschauer beantwortete. Das war für mich ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Denn er erzählte auch, dass sehr viel der Geschichten nah an der Realität waren, was ihm echte Indianer der heutigen Zeit bei seinem Besuch in Kanada bestätigt hatten. Die Lederstrumpferzählungen von Karl May waren zum größten Teil erfunden, da dieser selbst nie in Indianergebieten gewesen war.

Von Beginn an hatte ich immer gute Zeugnisse und gute Beurteilungen. Ich war nicht die beste Schülerin, sondern immer gutes Mittelmaß.

Da mein Vater seinen Hobbys großen Anteil seiner Zeit schenkte und auch die ganze Familie daran teilhaben ließ, genossen wir auch sonst eine umfangreiche Erziehung, die uns später im Leben viel nützte. Mein Vater reparierte gerne Autos. Unseren 1. Trabant bekamen wir, wie schon erwähnt, 1962 nach 8-jähriger Wartezeit. Es war ein 600 Modell. Ersatzteile waren noch relativ gut zu bekommen in der ersten Zeit, später dann nicht mehr, sodass man dann schon viel improvisieren musste. Ich musste viel mithelfen in der Garage, da nicht alle Arbeiten und Reparaturen allein gemacht werden konnten. So verstand ich schon recht früh, wie man Räder wechselte, einen Wagen hochhob, Zündkerzen wechselte und einen defekten Keilriemen mittels einer Damenstrumpfhose ersetzte. Das machte mir auch viel Spaß, denn vom Kochen und Backen und sonstiger Hausarbeit hielt ich nicht sehr viel.

Ein weiteres Hobby meines Vaters war das Reparieren von Fernsehern, Radios und Tonbandgeräten. Wenn zur Probe manchmal4 oder mehr Fernseher das Staubsaugen im Wohnzimmer behinderten, fand meine Mutter das nicht mehr so toll. Aber eine „Hand wäscht die andere“ war damals das Motto und mache aus „Schei… Bonbons“. Westfernsehen oder feindliche Sender mit Musik im Radio zu hören, war damals streng verboten. Keiner wusste genau, ob er von der Stasi bespitzelt wurde. Später erfuhr ich, dass sogar Eheleute oder beste Freunde sich heimlich bespitzelt hatten und der eine vom anderen das nicht wusste. Meine Mutter arbeitete zu der Zeit beim FDGB als Sachbearbeiterin unter Harry Tisch. Zur Wendezeit erfuhr ich, dass gerade der ein ganz gefährlicher Verräter war. Ich nehme mal an, dass auch meine Eltern bespitzelt wurden. Einmal bekam ich so am Rande mit, dass die Kölner Freundin meiner Oma kurz vor der Wende einen Ausflug nach Berlin machte. Da ein Treffen oder überhaupt der Kontakt mit westdeutschen Menschen streng verboten war, wollten meine Eltern nach langen Jahren ein Wiedersehen auf diese Art und Weise organisieren. Aber die Stasi erfuhr, wie auch immer, davon, und unterband es. Mein Vater war in der Konstruktion im Schiffbau auf der Werft beschäftigt und musste die Jungfernfahrt der ersten Fähre nach Schweden mitmachen. Meine Mutter durfte auch mit, aber beide durften natürlich nicht von Bord, da Schweden auch kapitalistisches Ausland war. Mein Vater musste dann während der Fahrt schauen, ob die Technik funktionierte im Klima- und Kältebereich.

Meine Mutter bekam aber von der Reise nicht viel mit, da sie von Beginn der Reise an sehr seekrank war.

Mein Vater war auch ein großer Freund der Volksmusik. Er hatte in seiner Jugendzeit in der Kirche Waldhorn geblasen. Das Instrument war aber während des Krieges bei der Flucht verloren gegangen. Dann hatte er sich auf Blockflöte und Mandoline spezialisiert. Alles nur für den Hausgebrauch und zu Zeiten nach seinem Studium, denn vorher war natürlich nie Zeit für solche Dinge. In der ersten Klasse kamen Leute vom Konservatorium und warben um talentierte Kinder in den Schulen zum Besuch der Musikschule. Bereits in der 1. Klasse nahm ich am Blockflötenunterricht teil. Ich beherrschte das Instrument auch ganz gut. Die Auswahl der zu erlernenden Instrumente belief sich auf Geige, Trompete und Akkordeon. Geige und Trompete kamen allein wegen der Lautstärke nicht infrage, aber Akkordeon war eine Option. Wir besprachen das zu Hause im Familienrat. Gitarre wäre mein Wunsch gewesen, aber die Kurse waren voll.

So absolvierte ich ein halbes Jahr Probezeit und wurde dann auch zur Aufnahmeprüfung zugelassen.

Ich war 8Jahre alt. Mein Vater oder auch meine Mutter begleiteten mich immer zur Musikstunde. Das Konservatorium befand sich am anderen Ende unserer Stadt und man musste mit dem Bus von Endstation zur Endstation fahren. Ein Instrument bekam ich zum Üben für zu Hause ausgeliehen. Meinen Vater konnte ich immer mit guten Leistungen und mit neu eingeübten Musikstücken auf dem Akkordeon begeistern. Davon hing auch zum größten Teil später ab, ob ich mit den anderen Kindern des Hauses zum Spielen raus durfte oder später nachmittags mit meiner Freundin zur Disco gehen durfte. Da ich in der Theorie in der Musikschule auch das Notenlesen und nach Noten spielen erlernt hatte, bekam ich häufig zu Weihnachten oder zum Geburtstag Notenhefte von meinem Vater geschenkt, woraus er mir dann die Lieder aussuchte, die ich in einer Woche neben den Übungssachen der Musikschule können musste. Da ich da sehr ehrgeizig war, strengte ich mich mächtig an, um an den Samstagen alles fehlerfrei vorspielen zu können.

Noch ein weiterer Vorfall fällt mir gerade ein:

Es war die Weihnachtszeit und meine Schwester und ich hatten zu Weihnachten Gleitschuhe bekommen. Jedes Jahr zur Winterzeit wurde auf dem Wäscheplatz auf dem Hof eine Eisbahn hergestellt. Dort konnten wir Kinder dann Schlittschuh laufen, damit wir nicht auf die Teiche gehen sollten und da einbrechen konnten. Durch Unachtsamkeit rutschte ich aus und fiel auf mein linkes Handgelenk. Nächster Tag war die Aufnahmeprüfung in der Musikschule. Meine Eltern wollten mit mir zum Arzt. Aber instinktiv fühlte ich, dass mit dem Handgelenk doch was Ernsteres passiert war. Ich wollte nicht zum Arzt, weil ich dann die Prüfung verpasst hätte und alle Arbeit umsonst gewesen wäre. Also gaben meine Eltern nach. Am nächsten Tag waren die Schmerzen noch stärker geworden und das Handgelenk geschwollen. Ich zog schnell etwas Langärmeliges an, um das zu vertuschen. Dann absolvierte ich die Prüfung und bestand. Danach flossen aber doch die Tränen und meine Eltern fuhren mit mir zur Notaufnahme. Die Röntgenaufnahmen bestätigten, dass das Handgelenk angebrochen war.

Zur nächsten Unterrichtsstunde fuhr mein Vater mit mir mit einer Gipsschiene hin. Mein Lehrer fiel aus allen Wolken und fragte, was los sei. Und als er dann erfuhr, dass ich zur Prüfung mit angebrochenem Handgelenk gespielt hatte, bewunderte er meinen Willen und meinen Ehrgeiz.

Ich erlernte dann 6 Jahre lang das Akkordeonspiel an der Musikschule. An vielen Auftritten, Prüfungen und Vorspielen war ich immer mit Begeisterung dabei. Aber die Zeit war auch kein Zuckerschlecken. Ich hatte einen sehr strengen Lehrer der alten Schule, der sehr viel verlangte. Häufig liefen auch die Tränen, wenn er meine Finger auf die Tasten drückte, dass es schmerzte, wenn was nicht so schnell klappte. Meine Abschlussprüfung absolvierte ich in der Aula der Universität zu Rostock. Die theoretischen Prüfungen (Notenlehre, Komponisten der Epochen usw.) waren der praktischen Prüfung schon vorausgegangen und von mir mit Bravour bestanden worden. Es war eine wundervolle Akustik in der Aula. Wir Prüflinge waren alle sehr aufgeregt, denn der Saal war voll. Es durften neben den Eltern und Lehrern auch weitere Verwandte und Gäste dabei sein. Ich hatte 2 klassische Titel von Bach, meinem Lieblingskomponisten, zu spielen. Durch Vorhandensein von 13 Registern im Diskant und 5 Registern im Bass konnte man ein Akkordeon den Klängen einer Orgel angleichen. Und dazu noch das klassische „Präludium“ und die dazugehörige „Fuge“ von J. S. Bach waren ein wahrer Ohrenschmaus. Ich musste die beiden Werke auswendig spielen. Aber ich bekam super Kritiken für meinen Vortrag und schloss die 6 Jahre Grundausbildung mit der Note „Gut“ ab, was alle sehr stolz machte.

Als ich dann aber in der 8. Klasse doch schon mal meinen Berufswunsch in Erwägung zog, wo ich doch keine Verwendung für das Akkordeonspielen hatte, wurde ich Mitglied im gemischten Orchester der Deutschen Post für 2 Jahre. Das Orchester bestand aus Amateurmusikern mit Instrumenten wie Geige, Fagott, Trompete, Bass, Akkordeons, Oboen, Klarinetten und Gitarren.

Wir spielten verschiedene Genres, Volksmusik, klassische Musik, und vieles mehr. Wir hatten Auftritte auf Volksfesten, aber auch in Konzerthallen oder Open Air. Es war eine schöne Zeit. Als ich dann meine Lehre in der Landwirtschaft begann, beendete ich die Mitgliedschaft im Orchester. Ich hatte mir aber auch einen kleinen Vorteil während der Orchestermitgliedschaft geschaffen. Ich konnte kostenlos von einem der Mitglieder das Gitarre spielen erlernen. Später in der Lehrzeit ergänzte ich diese Kenntnisse und Fähigkeiten noch, kaufte mir eine gebrauchte eigene Gitarre, und wir Lehrlinge gründeten eine Musikgruppe.

Mein Vater hatte mit meinem Besuch der Musikschule eigentlich das Ziel verfolgt, dass ich mal berufsmäßig in der Branche als Musikpädagogin arbeiten sollte. Aber dazu hätte man studieren müssen, und das war nicht möglich. Meine Mutter hätte mich gerne im Büro gesehen. Aber das kam für mich gar nicht infrage. Ich wollte was mit Tieren machen und wo ich viel körperliche Bewegung hätte.

In der Schule war Deutsch eines meiner Lieblingsfächer, besonders das Aufsatzschreiben. Immer nach den Ferien mussten wir unsere besten Erlebnisse niederschreiben. Ich schrieb immer ganze Romane. Manche wurden dann vor der Klasse vorgelesen. Einige waren auch richtige Lachnummern, wenn mir in der knappen Zeit die richtigen Wörter und Begriffe nicht sofort einfielen. Ich hielt mich dann nicht lange an der Wortsuche auf, sondern versuchte, den Begriff so verständlich wie möglich zu machen und bildlich darzustellen. So war ich in den Ferien bei meiner Tante zu Besuch gewesen. Sie besaß einen Zwergpudel, mit dem ich auch spazieren gehen durfte. Nun fiel mir der Begriff „Zwergpudel“ nicht gleich ein. Kurzerhand nannte ich das Tier dann „Kurzbeinpudel“. Das war natürlich total peinlich, weil sich die ganze Klasse darüber köstlich amüsierte, Aber jeder wusste, was gemeint war.

Als wir älter wurden, war der Puppenwagen überflüssig. Und da man, um „Westfernsehen“ sehen zu können, eine Antenne brauchte, die aber nicht sichtbar sein durfte, baute mein Vater kurzerhand aus dem Aluminiumgestänge des Puppenwagens eine Antenne. Da wir im oberen Stockwerk eines Mehrfamilienneubaus wohnten und der Trockenboden über uns war, war es nicht schwer, auch die Kabelverbindungen zwischen Fernseher und Antenne zu installieren. Auf dem Boden hatten wir auch eine Tischtennisplatte aufgestellt, an der wir uns häufig sportlich betätigten. Das Rollschuhlaufen auf dem Boden fanden die Hausbewohner wegen der Lärmbelästigung dann aber nicht so toll. Tischtennisspielen war aber angebracht.

Wir hatten sehr viel Spaß dabei. Wenn es geregnet hatte, verbrachten wir unsere Wochenenden auch mit Kartenspielen. Mein Vater war leidenschaftlicher Skat-Freund. Oft hatte er bei Skatturnieren mit seinen Kollegen den Sonntagsbraten oder eine leckere ungarische Salami gewonnen. Meine Mutter hatte das Skatspiel so leidlich auch gelernt. Ich fand auch großen Spaß daran und lernte es schon mit 12 Jahren. Später brachte ich es dann auch meinem Sohn bei. Wir räumten bei den Skatturnieren, an denen wir mit der ganzen Familie teilnahmen, dann häufig die Preise ab. Auch meine Partner später waren leidenschaftliche Skatspieler.

Was auch sehr lehrreich fürs Leben war, wir spielten mit kleinen Autos Vorfahrtsituationen mit der ganzen Familie durch. Mein Vater und ich hatten aus Papier einige Schilder und Straßenzüge gebastelt. Meine Schwester bastelte Bäume oder Häuser dazu.

Dann bauten wir das alles auf dem Tisch auf, konstruierten bekannte Straßenzüge unserer Umgebung und lernten dann, wer mit seinem Auto wann fahren durfte. Auch das machte einen Riesenspaß und half mir später beim Erwerb der Fahrerlaubnis viel weiter. Als Radfahrer mussten wir ja auch schon früh Straßensituationen und Vorfahrtsregeln kennen, wollten wir am regen Straßenverkehr teilnehmen.

Gegenüber unserer Wohnung stand ein Hochhaus mit vielen 1-Raumwohnungen, meistens von allein stehenden älteren Frauen bewohnt. Das Hochhaus mit 11 Stockwerken hatte zur Westseite eine schöne glatte große Betonplattform. Diese eignete sich sehr gut zum Rollschuhfahren, was wir auch viel nutzten. Wir waren auch als Stadtkinder viel an der frischen Luft und wussten uns immer zu beschäftigen. Auch das sogenannte „Brummern“ war auf dieser Plattform sehr gut möglich. Dabei bringt man einen pyramidenförmigen Holzkreisel mit der Spitze zum Boden zum Drehen und hält ihn mit einer kurzen Lederpeitsche in Drehbewegung. Wessen Kreisel sich am längsten drehte, der war Sieger. Oder „Gummitwist“ war auch ein beliebter Zeitvertreib.

Zu Geburtstagen oder auch zur Faschingszeit organisierten unsere Eltern für alle Kinder der Hausgemeinschaft Feste im Trockenraum. Vorher gingen wir Flaschen, Gläser und Altpapier sammeln und machten diese an den wöchentlichen Sammelstellen zu Geld, um Girlanden, Ballons und Naschwerk zu bezahlen. Unsere Eltern steuerten dann Kinderbowle, Musik, Gesellschaftsspiele und Gebäck zu. Beim Altstoffsammeln war der Höhepunkt das Fahren mit dem Fahrstuhl im Hochhaus. Die alten Menschen freuten sich über die Abholung der Sachen und öffneten uns bereitwillig die sonst verschlossenen Flurtüren, um ins Hochhaus hineinzukommen.

Ab der 6. Klasse wurde uns in der Schule eine Zusatzausbildung zum Kampfrichter in der Leichtathletik angeboten. Jedes Jahr kämpften die besten Sportlerinnen und Sportler aller Altersklassen in den Rubriken der Leichtathletik um beste Ergebnisse in der „Kinder- und Jugendspartakiade“, die jährlich bis zum Landesvergleich ausgetragen wurde im hiesigen „Ostseestadion“.

Dazu mussten wir die Regeln in den verschiedenen Disziplinen erlernen. Dazu gehörten Langlauf, Sprint, Staffellauf, Weit- und Hochsprung, Dreisprung und Kugelstoßen. Zuerst wurden wir als Anfänger nur zu Hilfsarbeiten, wie Harken, Abmessen der Entfernungen und Einstellen der Sprunglatten, eingesetzt. Wir sollten Erfahrungen sammeln, um dann später auch die verantwortungsvolleren Aufgaben, wie Listenschreiben, Zeitnehmen und Meldetätigkeiten, zu übernehmen. Bei jedem Einsatz bekamen wir auch ein wenig Geld. Am meisten gab es bei der dreitägigen Spartakiade. Ich gewann viele Einblicke auch bei den Qualifikationswettkämpfen und sah bald, was für einen Willen und Ehrgeiz es bedurfte, um große Leistungen zu erzielen. Aber auch traurige Momente gab es, wenn erstrebte Ziele nicht erreicht wurden, oder es bei Übertreten der Linien z. B. beim Weitsprung zum Ausscheiden kam. Da flossen schon mal die Tränen. Der Zusammenhalt und der Teamgeist der einzelnen Mannschaften und Riegen beeindruckten mich dabei immer sehr.

Mit dem Kampfrichtergeld erfüllte ich mir zusätzlich mit dem Taschengeld so manchen Wunsch.

Als ich 12 Jahre alt war, zog in unserer Nachbarschaft eine Familie mit einem Baby ein. Meine Freundin aus dem Haus und ich freundeten uns mit der jungen Mutter an und fragten, ob wir das Baby nachmittags abwechselnd oder zusammen ausfahren dürften. Sie hatte nichts dagegen. Als das Baby dann älter wurde, spielten wir viel mit ihm, brachten ihm das Sprechen bei und hatten viel Spaß miteinander.

Wir haben jetzt Anfang Januar 2021. Der Jahreswechsel war sehr einsam. Sämtliche Veranstaltungen fielen aus. Die Gaststätten und Restaurants sind schon eine ganze Weile geschlossen. Wir befinden uns nun schon 9Monate in dieser Pandemie und es wird immer schlimmer. Viele Menschen infizieren sich, alte Menschen sterben an der „Covid19“ Pandemie. Meine Familie und Verwandtschaft ist zum Glück bis jetzt noch verschont geblieben. Aber die Angst geht um. Man soll sich von jedem fernhalten und man muss Masken tragen, was die Atmung sehr behindert. Aber heute habe ich wieder gute Einfälle, was man aus der Jugendzeit so berichten könnte. Und dann schreite ich zur Tat.

2. Kapitel - Meine Jugendzeit

In der 8. Klasse war wieder so ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich hatte 2 beste Freundinnen in der Klasse. Ansonsten war ich eher ein Einzelgänger. Die Leistungen beider Mädchen reichten leider nicht dazu, den Abschluss der 10.Klasse zu schaffen. Sie gingen von der 8. Klasse ab und begannen ihre Lehre. Die eine wurde Verkäuferin. Die andere Freundin erlernte den Beruf einer Schneiderin. In unserer Freizeit unternahmen wir viel gemeinsam während der gemeinsamen Schulzeit. Kinobesuche, Besuche im Wellenbad, Radtouren und Stadtbummel waren angesagt.

Unweit unserer Wohnungen, man musste nur ein paar Stationen mit dem Bus fahren, gab es Gaststätten, die Nachmittags Discomusik und Tanz von 14.00 Uhr bis 17.30 Uhr für Jugendliche ab 14 Jahren anboten, das sogenannte „Ferkelrennen“. Es wurden 60 % Ostmusik und 40 % Westmusik gespielt vom Band. (Manchmal auch umgekehrt) Da waren wir an den Wochenenden meistens Stammgast. Alkohol gab es auch in kleinen Mengen, aber da wurde gut aufgepasst, dass keiner zu viel trank.

Wir waren ein Superdreiergespann. Zu Diskos in der Schule und auch in der Freizeit waren wir dann immer auch auf Jungen-Suche und freuten uns, wenn mal eine leichte Freundschaft sich anbahnte. Wir konnten über alles reden und hielten auch gut zusammen in allen anderen Situationen. In geheimer Zeichensprache half ich ihnen bei Klassenarbeiten, wenn sie mal was nicht wussten.

Nun war ich allein und am Boden zerstört als ich erfuhr, dass alle beide die Schule verließen.

Die Zeit meiner Pubertät begann, und ich wurde immer zickiger und unleidlicher.

Auch war ich mit meiner Figur so gar nicht einverstanden. Zu der Zeit gastierten auch häufig Zirkusse in unserer Stadt. Ich ließ keine Vorstellung aus und verfolgte die Vorstellung, beruflich beim Zirkus mitzumachen, als Tierpfleger und Mädchen für alles im Hintergrund.

Dazu wollte ich erst mal hart an mir arbeiten und abnehmen. So baute ich mich auf und lief jeden Abend mehr Runden und in schnellerem Tempo auf dem Sportplatz. Zusätzlich stachelten mich die Fernsehsendungen „Jockey Monika“, welche nach den Romanen über ein Mädchen, welches zu DDR-Zeiten Jockey werden wollte (von der Autorin Sieglinde Dick geschrieben, die das alles wirklich durchgemacht hatte) nachempfunden waren, an.

Beharrlichkeit, Disziplin und Durchhaltevermögen wurden dann zu meinen grundsätzlichen Charaktereigenschaften in dieser Zeit, die mich auch weiter mein ganzes Leben begleiten sollten. Die Bücher von der Autorin „Sieglinde Dick“ (3 an der Zahl) las ich sehr häufig durch, um mich immer wieder zu motivieren. Aber auch der harte Musikunterricht bei meinem Akkordeon-Lehrer trug zur Festigung meiner künftigen Charaktereigenschaften bei. Die Hartnäckigkeit meines Vaters bei den Schulübungen tat ihr Übriges. Meine Eltern rieten mir aber doch ab von meinem Zirkusvorhaben, wofür ich ihnen im Nachhinein dann auch dankbar war.

In der 8. Klasse hatten wir Jugendweihe. Im Vorfeld mussten wir allerhand Jugendstunden absolvieren. Da ging es dann vorrangig um Aufbau der sozialistischen Jugend nach den Lehren von Marx, Engels und Lenin. Aber auch einen Besuch im KZ Dachau, einen Besuch in der Sternwarte, Besuche an anderen lehrreichen Orten und Museen waren Inhalte dieser Stunden. Auch verschiedene Betriebsbesichtigungen machten wir, um uns für das weitere Leben und unsere Berufswahl zu orientieren. Im UTP (Unterrichtstag in der sozialistischen Produktion) bekamen wir im Überseehafen in den verschiedenen Abteilungen Kenntnisse und Fähigkeiten in den Bereichen des Tischlerns, Drehens, der Mechanik und der Kfz-Branche vermittelt. Trotzdem wir nur Hilfsarbeiten machen durften, waren das doch auch Hilfen für das spätere Leben, und es hat Spaß gemacht, dort zu arbeiten alle 14Tage.

Die feierliche Abhandlung der Jugendweihe fand dann im Volkstheater statt. Vorher galt es aber, passende Kleidung für diesen Tag zu besorgen. Ich ging mit meiner Mutter in die Stadt. Wir kauften ein gelbes Kleid mit Flügelärmeln. Zu der Zeit war Mini der letzte Schrei. Das Kleid konnte nicht kurz genug sein. Dazu sollten es dann Plateau-Sandaletten sein. Der Festakt fand an einem 5. Mai statt. Als wir nacheinander aufgerufen wurden, um die Blumen und ein Buch in Empfang zu nehmen, mussten wir eine kleine Treppe hochgehen. Ich stolperte und fiel meinem Vordermann fast in die Hacken. Alle konnten meine Unterwäsche sehen, es wurde natürlich viel fotografiert. Das war mir sehr peinlich. Gott sei Dank verletzte ich mich nicht noch. Und es hatten auch nicht allzu viele mitbekommen. Ich durfte bei den Feierlichkeiten zu Hause mit der Verwandtschaft auch das erste Mal meinen Freund Michael mitbringen in die Wohnung. Wir hatten aufgrund der vielen Gäste die Wohnung aus- und umgeräumt, um genügend Platz zu schaffen für alle Gäste. Die Sache startete zur Kaffeezeit. Wir hatten viel Kuchen gebacken, meine Oma hatte auch jede Menge Torten und andere Leckereien mitgebracht. Im Kinderzimmer tanzten wir dann zu „Abba“ – und„Beatles-Songs“, die zu der Zeit gerade angesagt waren. Unter den Geschenken waren auch ein neuer Plattenspieler und einige Platten gewesen, die dann auch gleich zum Einsatz kamen. Meine Freundinnen hatten auch ihre Freunde mitbringen dürfen, sodass wir 4Teenager-Paare waren. Da wurde auch schon mal eng aneinander getanzt und geknutscht. Das machte den Tag dann auch unvergesslich. Später, als die Lehrzeit begann, verloren Michael und ich uns leider aus den Augen. Jeder ging in eine andere Branche. Da verlief sich alles. Ich sollte ihn aber weit später unter anderen Umständen doch noch einmal wieder treffen.

Während der Jugendstunden wurden für Schüler auch Tanzstunden in einer Tanzschule angeboten. Ich nahm auch daran teil. Es konnte nicht verkehrt sein, richtig auch die Standardtänze zu beherrschen. Es machte viel Spaß. Der Abschlussball mit Eltern war dann ein besonderes Highlight. Wunderbare Kleidung in einem wunderbar herrlich ausgestatteten Ballsaal mit himmlischer gastronomischer Versorgung und Live-Kapelle waren zu einem bleibenden Erlebnis in meinem Leben geworden. Später habe ich mich beim Ansehen der Fotos in den Alben köstlich amüsiert über die Frisuren und die hölzernen Schritte. Zeit meines Lebens habe ich wahnsinnig gerne getanzt, aber natürlich in einem anderen Stil als wie bei der Tanzschule.

Ich hatte mich bei den Treffen meiner Eltern mit einer polnischen Familie mit deren gleichaltrigen Sohn angefreundet. Meine Eltern hatten diese Familie auf einem Trip nach Polen kennengelernt. Es hatte sich dann eine langjährige Freundschaft beider Familien entwickelt. Gegenseitige Besuche und das bessere Kennenlernen der Länder und der Sitten erfreuten uns jedes Jahr auf das Neue. Zdislaw, wie der Sohn der Familie hieß, und ich unterhielten uns meistens auf Russisch. Aber da wir uns auch weiterhin schrieben, versuchten wir es auf Polnisch von mir bzw. auf Deutsch von ihm durchzuführen. Mit meiner Berufsentscheidung war ich auch noch nicht im Reinen.

Mein Vater hätte mich, wie schon erwähnt, gerne als Musikpädagogin gesehen, doch dafür hätte man Abitur gebraucht. Zum Abitur gehörten Englischkenntnisse. Wir waren an unserer Schule ein sehr starker Schülerjahrgang. Es gab nur eine Englischlehrerin an der Schule. Auch die Plätze zur weiterführenden Schule waren rar. Darum wurde ausgesucht, wessen Eltern in der Partei waren oder sonstig der Schule zugewandt waren. Wie sind die Leistungen der Schüler? Wie haben diese sich in das außerschulische Leben eingebracht? Usw. Da konnte ich natürlich nicht mithalten. Im Punkt Leistung schon, aber nicht in den anderen Punkten. Ich hatte auch diverse Abzeichen für gutes Wissen, war „Jung-“ und „Thälmann-Pionier“ und „FDJler“ gewesen. Aber trotzdem war Politik nie so mein Ding und auch nicht Sache meiner Eltern gewesen. Russisch mussten sowieso alle ab der 5. Klasse lernen, was mir auch sehr viel Spaß machte. Aber Englisch hätte ich auch schon gerne gelernt, da es schon immer eine Weltsprache war und ist. Aber ich wurde nicht auserkoren. Zudem wusste ich sowieso nicht, was ich werden wollte, und da war mir auch alles egal.

Ich hatte nur den einen Wunsch, auch ab der 8. Klasse die Schule zu verlassen. Aber meine Eltern waren strikt dagegen. Dann nahm ich die Sache selbst in die Hand. Wenn die Eltern schon nicht erlaubten, die Schule zu verlassen, sollten es die Lehrer machen. Ich benahm mich sehr schlecht, machte keine Hausaufgaben mehr, betrog ganz offensichtlich bei den Klassenarbeiten, sodass ich immer schlechtere Noten bekam. Ich störte den Unterricht, wo es nur ging, alles mit dem Ziel, dass die Lehrer mich von der Schule verweisen würden. Aber nichts geschah, im 1. Halbjahr der 9. Klasse war ich versetzungsgefährdet. Ich sah mein Ziel schon näher kommen, Verkäuferin wollte ich dann auch werden. Aber stattdessen tauchte die Direktorin bei uns zu Hause auf und unterhielt sich mit meinen Eltern, was wohl mit mir los sei. Da schlug die Bombe ein. Denn schlechte Arbeiten hatte ich mit einer gefälschten Unterschrift meiner Mutter zurückgegeben, was den Lehrern gar nicht auffiel. Meine Eltern wurden von der Direktorin also vor vollendete Tatsachen gestellt und fielen aus allen Wolken. Das hagelte erst mal eine gehörige Tracht Prügel von meinem Vater und 4 Wochen Stubenarrest und Strafarbeit, bis meine Leistungen wieder normal waren. Das traf mich sehr hart.

Als es dann nichts mit dem Englischlernen wurde, wurde uns als Alternative Französisch angeboten. Ich hatte schon immer Spaß am Sprachenerlernen. So lernte ich für die nächsten 2 Jahre Französisch. Nach einer langen Diskussion mit meiner Mutter willigte ich dann doch ein, den 10-Klassenabschluss zu machen, was mir (allein unter Wölfen, denn ich wurde zusehends gemobbt) sehr schwerfiel.

Ich lernte mit 15 Jahren bei einem Heimgang von der Orchesterprobe durch die Innenstadt einen jungen Mann kennen. Seinem Aussehen nach war er Ausländer. Wir standen beide um einen Zeitungskiosk herum und betrachteten uns die Zeitungen. Der Kiosk hatte schon geschlossen. Ich dachte, wenn er jetzt ein Nordafrikaner war, die sprachen doch auch Französisch. Dann ist das Französischlernen am Ende doch nicht so nutzlos und man kann sich in Aussprache und Grammatik vervollkommnen. Also sprach ich ihn auf Französisch an. Er freute sich sehr darüber und antwortete mir auch, was ich bei den wenigen Kenntnissen bis dahin natürlich nicht verstand. Russisch konnte er gar nicht, aber etwas gebrochen Deutsch. Er war Student und stammte aus Algerien. Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann brachte er mich zum Bus. Wir verabredeten uns dann für ein neues Treffen. Ich glaubte nicht, dass er kommen würde. Aber er erschien zum verabredeten Zeitpunkt. So kamen wir uns immer näher. Er unterstützte mich tatsächlich bei meinem Französischlernen. Wir gingen viel spazieren, und er erzählte mir einiges von sich. Ich verliebte mich in ihn. Er war verständnisvoll, aufmerksam und wie ein Vertrauter trotz des Altersunterschiedes von 8 Jahren.

Natürlich konnte ich meinen Eltern so was nicht sagen, es musste alles geheim bleiben. Denn die jungen Mädchen, die sich mit Ausländern herumtrieben, waren in den Augen der Erwachsenen Nutten und Prostituierte, die sich nur Kinder andrehen ließen und dann verlassen wurden, wenn die Studienzeit vorbei war und die Männer wieder in ihre Länder zurückkehrten. Das konnte ich natürlich nicht riskieren, denn auch meine Eltern würden nicht anders denken. Aber er war nicht so. In der heutigen Zeit würde ich so was nicht mehr machen. Nach einiger Zeit lud er mich zu sich in seine Unterkunft ein, denn es wurde Winter und zum Spazierengehen zu kalt. Aufgeregt und mit der Perücke meiner Mutter, einer Brille und Klamotten, die ich selten anhatte, verkleidet, fuhr ich mit dem Bus in die besagte Unterkunft. Dort hausten in Baracken viele der ausländischen Studenten zusammen. Eine visuelle Privatsphäre gab es nur durch 1x3 m mit Stoffbahnen geteilten und mit einem Bett, einem Kleiderständer und einem Nachttisch versehenen Abteilen. Hören konnte man alles. Und ich hörte auch Gestöhne und Liebesgeflüster aus den anderen Abteilen, wo denn wirklich der Prostitution gefrönt wurde. Zum größten Teil wurde Arabisch oder Französisch gesprochen. Manchmal auch gebrochen Deutsch. Ein bisschen mulmig war mir schon. Würde Mohammed, wie er hieß, nun auch die Chance nutzen und über mich herfallen, um vor den anderen was zu erzählen zu haben? Aber nichts dergleichen geschah. Ich hatte aus Protest schon mit 12 Jahren heimlich das Rauchen angefangen, nur sporadisch erst mal. Mohammed rauchte die „Karo“ ohne Filter. Die stanken fürchterlich und waren auch nicht meine Marke. Aber wir rauchten sie dann beide. Die Zeit mit ihm war wunderschön, weil mir das Zusammensein mit ihm das gab, was ich bei meinen Eltern nicht hatte. Er war immer vernünftig, und nie hat er mich angerührt. Klar haben wir uns auch geküsst, aber das kam dann von mir aus. Er sagte mir eines Tages, dass ich wissen sollte, dass er mit einer Nutte ab und an schlief. Ich war erst mal geschockt. Aber er sagte, ich sei minderjährig, und er bekäme großen Ärger, wenn wir miteinander schlafen würden, so gerne er es wolle. Und ich hätte auch nichts dagegen gehabt, aber die Angst vor meinen Eltern war dann doch zu groß. Er versprach mir dann, wenn ich 18 wäre und sein Studium zu Ende wäre, würden wir beide nach Algerien gehen und heiraten. Viele Fotos seiner Familie und seiner Heimat hatte er mir schon gezeigt. Ich glaubte daran und hatte dann auch wieder ein Ziel vor Augen, an das ich mich klammern konnte. Als ich die Beichte mit der Nutte verdaut hatte, hatte ich dann auch nichts mehr dagegen, denn Männer müssen ihrer Hormone wegen wohl Umgang mit Sexualpartnern haben. So viel Ahnung hatte ich damals noch nicht vom anderen Geschlecht, denn Aufklärung hatte ich bis dato nur in der Schule erfahren. Bei uns zu Hause war dieses Thema tabu.

Mit Mohammed schrieb ich mich unterdessen schon auf Französisch. Ich angelte seine Briefe immer mit einer Fahrradspeiche aus dem Briefkasten, damit sie ja nicht meinen Eltern in die Hände fielen. Das Französisch diente auch der Sicherheit, falls es doch mal sein sollte.