Wellenklang - Charly Winters - E-Book

Wellenklang E-Book

Charly Winters

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Beschreibung

Calissas Leben war vom ersten Moment an vorbestimmt. Sie soll eine Veritas Alpha werden, eine Kämpferin gegen die magische Übermacht, die das Reich Luana im Griff hat. Ihr erster Auftrag führt sie als Spionin ins Herz des magischen Landes - in die Hauptstadt Eranío, direkt ins Schloss der Königin. Als Assistentin des Bibliothekars soll sie dort Informationen sammeln, um den Veritas einen entscheidenden Vorteil im Krieg gegen die Magiebegabten zu verschaffen. Doch Marvis, der charmante Sohn des Bibliothekars, und seine beiden besten Freunde stellen schnell Calissas Weltbild auf den Kopf und zum ersten Mal in ihrem Leben hinterfragt sie ihre Überzeugungen. Ihr Leben nimmt eine drastische Wendung und sie merkt, dass Feinde auch in den eigenen Reihen auf einen Fehler von ihr warten. Calissa muss sich die Frage stellen, was sie vom Leben erwartet und wem ihre Loyalität wirklich gehört. Der Auftakt des vierteiligen High Fantasy Epos der Dorarius Chroniken.

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Seitenzahl: 608

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Nachdruck oder Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Verlages gestattet. Verwendung oder Verbreitung durch unautorisierte Dritte in allen gedruckten, audiovisuellen und akustischen Medien ist untersagt. Die Textrechte verbleiben beim Autor, dessen Einverständnis zur Veröffentlichung hier vorliegt. Für Satz- und Druckfehler keine Haftung.

 

 

 

Impressum

 

Charly Winters

»Wellenklang – Die Macht des Wassers«

 

edition winterwork | Carl-Zeiss-Str. 3 | 04451 Borsdorf

[email protected]

www.edition-winterwork.de

© 2025 edition winterwork

 

Alle Rechte vorbehalten.

Satz: edition winterwork

Umschlag: edition winterwork

 

Druck/E-BOOK: winterwork Borsdorf

ISBN Druck 978-3-98913-209-2

ISBN E-BOOK 978-3-98913-217-7

Charly Winters

 

 

Wellenklang

Die Macht des Wassers

 

 

 

 

 

 

 

 

edition winterwork

 

 

 

 

Für Charlotte

Für Ingeborg

Für Catherine

Für Linda

 

 

Der Sound von »Wellenklang«

1. Klergy, Valerie Broussard – Start a war

2. Bad Omens – Death of Peace and Mind

3. Ruelle – Game of Survival

4. Taylor Swift – I did something bad

5. Bad Omens – Like a Villain

6. Casper – Hinterland

7. Bad Omens – Never know

8. Bad Omens – Bad decisions

9. Bad Omens – Concrete Jungle

10. Lost Zone – Shadow of my Memory

11. Linkin Park – Lost

12. Naomi Jon – On our own

13. Bad Omens – The Grey

14. Plain White T's – Making a Memory

15. Electric Callboy – Supernova (Piano Version)

16. Naomi Jon – Cupids Arrow

17. Chinchilla – Little Girl Gone

18. Bad Omens – Miracle

19. Linkin Park – Numb

20. Linkin Park – What I've done

21. Taylor Swift – Don't blame me

22. Electric Callboy – Prism

23. Archer Marsh – Lights – Stripped

24. Gabrielle Aplin – Home

25. Florence & The Machine – You've got the Love

26. Taylor Swift – Vigilante Shit

27. 2WEI, Edda Hayes – Survivor

28. Bad Omens – Nowhere to go

29. I Prevail – Bow down

30. Flogging Molly – I ever leave this world alive

 

(Diese Lieder sind meine persönlichen Favoriten. Nicht jeder mag die Genres oder alle Songs. Doch jedes Mal, wenn ich die Kapitel lese, erklingen die Lieder in meinem Kopf. Durch sie habe ich Ideen für Szenen oder Settings bekommen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Reinhören.)

Mondsystem

In Luana gibt es zwei Monde: einen großen silberfarbenen namens Kauliano, dessen Zyklus achtundzwanzig Tage dauert. Ebenso den kleineren, blau schimmernden Mond namens Sairiani, dessen Mondphasen sich über vierzehn Tage erstrecken. Jeden Monat gibt es einen Doppelvollmond. Dieses Phänomen erhält seinen eigenen Mond­namen (siehe Tabelle). Somit bezeichnet der Mond auch den Monat.

 

Januar – Kalter Mond

Februar – Schneemond

März – Krähenmond

April – Windmond

Mai – Blumenmond

Juni – Sonnenmond

Juli – Bärenmond

August – Blitzmond

September – Erntemond

Oktober – Jägermond

November – Nebelmond

Dezember – Julmond

 

Glossar: Wichtige Personen und Orte in Luana

Charaktere (spoilerfrei)

Bewohner des Kessels

Calissa Ashwin

Anwärterin zur Veritas Alpha, Ziehtochter von Kioran Navrez

 

Kioran Navrez

General der Veritas Alpha

 

Josua Grimson

Anwärter zum Veritas Alpha, Partner von Calissa

 

Kjara Viatrice

Anwärterin zur Veritas Alpha, Zwillingsschwester von Eira

 

Eira Viatrice

Anwärterin zur Veritas Alpha, Zwillingsschwester von Kjara

 

Agnar Ironwood

Anwärter zum Veritas Alpha, Sohn des Schmiedes

 

Jonar Ironwood

Schmied der Veritas Alpha

 

Nilas Melwik

Anwärter zum Veritas Alpha

Tyron Azer

Ausbilder

 

Amarin, Belisar, Cassius, Deodatus, Elicius

Rat der Veritas Alpha

 

 

Bewohner Eraníos

Königin Alija

 

Prinzessin Liora

 

Marci Sarossi

Erster Berater der Königin, Bibliothekar

 

Marvis Sarossi

Sohn von Marci, Skyler mit Moritanermagie

 

Romion Dawoud

Freund von Faye und Marvis, Moritaner

 

Faye Venderra

Freundin von Romion und Marvis, Moritanerin

 

Toria Hellington

Partnerin von Marvis, Moritanerin

 

Reco Pollurs

Spion der Veritas Alpha

 

Orte

Luana

Königreich / Land in Dorarius

 

Eranío

Hauptstadt des Landes, Sitz der Königin,

Sitz der magischen Akademie Asterea

 

Wehdara

Stadt im Westen an der Küste

 

Rocerom

Stadt im Süden nahe des Gebirges

 

Lukonor

Stadt im Norden

 

Seload

Stadt im Osten

 

Pasima-Gebirge

Gebirge im Südosten des Landes

 

Kjitillen

Sitz der Veritas Alpha, Siedlung im Tal „Der Kessel“

 

Content Note

Diese Buch beinhaltet rein fiktionale Begebenheiten, enthält aber Themen in Zusammenhang mit mentaler Gesundheit und physischer Gewalt (u.a. Sterben von Menschen). Am Ende findest du die Themen möglicher Trigger aufgelistet.

Bitte sei achtsam beim Lesen. Wenn du dich unwohl fühlst, aus welchen Gründen auch immer, steht es dir frei das Buch abzubrechen.

 

Erstes Kapitel

Sonnenmond-Zyklus im Jahr 492

Kjitillen

Calissa

 

Die Faust des Gegners schlug gegen ihre ungeschützte Wange, die Kraft hinter dem Schlag ließ ihren Kopf herumwirbeln. Knochen knackten und Haut platzte auf, während ihr Mund sich mit metallisch schmeckendem Blut füllte.

Ein Knurren entwich durch ihre zusammengebissenen Zähne. Calissa Ashwin hatte sich nicht auf den Kampf konzentriert und dafür die Quittung bekommen.

Ein scharfes Zischen erklang hinter ihr, doch sie ignorierte die Zuschauenden. Stattdessen rief sie sich zur Ordnung und fasste ihren Gegner ins Visier, ehe sie reagierte. Sie schnellte vor, täuschte mit der linken Faust einen Angriff an, zog aber ihre rechte nach oben.

Doch das Glück war heute nicht auf ihrer Seite, denn er durchschaute die Finte, tauchte unter dem Schlag hinweg und rammte ihr mit voller Wucht ein Knie in die Eingeweide.

»Ist gut, ich ergebe mich.« Calissa keuchte atemlos und hob ihre Hände. Ein Schnauben war die Antwort und ihr Gegner verzog sich langsam von dem zertrampelten Kampfplatz.

»In einem richtigen Kampf hättest du keine Chance.« Er spie ihr die Worte im Vorbeigehen entgegen, hämisch und von oben herab. Mit einem tiefen Seufzer richtete sich Calissas Blick auf ihre bandagierten Hände, auf die Blut tropfte.

Ihr Gegner, Nilas Melwik, hatte recht. Sie hatte keine Chance in einem Kampf, geschweige denn, wenn es um Leben und Tod ging  – trotz des jahrelangen Trainings, durch das sie geprügelt wurde. An normalen Tagen konnte sie sich durchaus gegen Nilas behaupten, nur heute war bei ihr der Wurm drin. Immer wieder störten stechende Bauchkrämpfe ihre Konzentration und machten sie dadurch angreifbar.

Stöhnend wischte sie sich über ihre Lippe und erhob sich von dem staubigen Boden, als sich die Viatrice-Zwillinge mit einem Lächeln näherten.

»Melwik ist ein Idiot. Dass er dich so vorführen muss, nur um vor Ausbilder Azer gut dazustehen.« Eira, die Größere der beiden, verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Sie kniff die gelbgrünen Augen zusammen und beobachtete den Abgang ihres Kameraden. »Nimm es dir nicht zu Herzen. Josua wird bestimmt ein paar Worte mit ihm reden, damit er sich das nächste Mal benimmt.«

»Das glaubst du wohl selbst nicht«, schnaubte Calissa und zog ihre Augenbrauen nach oben.

Josua Grimson, ihr fester Partner, würde sicher nicht Melwik in die Mangel nehmen, sondern ihr wieder von dem täglichen Training abraten. Eine Diskussion, die sie seit einiger Zeit ständig führten.

Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen hielt Kjara, der andere Zwilling, ihr einen Eisbeutel entgegen. In der fahlen Sommersonne tröpfelte das Schmelzwasser auf den Boden und lenkte Calissas Gedanken weg von Josua. Dankbar presste sie den kalten Sack auf ihre Wunde, in der Hoffnung, dass sich kein dunkler Bluterguss bilden würde. Trotzdem blieb sie realistisch. Eine leichte Verfärbung ihrer Wange würde trotzdem spätestens morgen zu sehen sein.

Calissa kam nicht umhin, das Lächeln dankbar zu erwidern. Kjara war die Art Freundin, deren sonniges Gemüt selbst bei dem unangenehmsten Wetter oder den anstrengendsten Trainings für Freude sorgte. Eira hingegen war das Gegenteil ihrer Schwester. Nicht, dass sie immer wie ein Trauerkloß aussah, sie stellte nur seltener ihre Gefühle zur Schau und zeigte sich zurückhaltender, beinahe unsichtbar in ihrer Gruppe.

Trotz dieser Unterschiede standen sich die Zwillinge nah und ergänzten einander in vielen Lebenslagen. Calissa sah zwischen ihnen hin und her, den Eisbeutel fest auf ihre malträtierte Gesichtshälfte gepresst, und hörte Kjara dabei zu, wie sie über den verlorenen Kampf fachsimpelte. Das war ihre Art, mit Niederlagen umzugehen: darüber zu reden und zu analysieren. Dann brauchte Calissa in diesen Momenten auch nicht darüber nachzudenken, was alles auf dem Spiel stand. Wenn sie mit Kjara und Eira sprach, gab es in dieser Zeit keine Kämpfe, keine bevorstehenden Prüfungen und keine drohende Gefahr. Nur junge Frauen, die ihre Erfahrungen miteinander teilten.

Calissa musste ein Lachen unterdrücken, denn während Eira gerade eine besonders lustige Szene vom Vormittag nachahmte, kam ihr Ausbilder Tyron Azer mit schnellen Schritten auf sie zu. Sofort wandelte sich die Leichtigkeit in Achtsamkeit und alle drei Frauen salutierten vor dem Kämpfer.

»Viatrice, ihr geht. Du bleibst, Ashwin.«

Ohne weitere Worte zu verlieren, folgten die Zwillinge seinem Befehl und liefen eilig von dem Kampfplatz. Sie würden es nicht wagen, seinen Worten zu widersprechen, das wusste Calissa. Auch wenn es bedeutete, sie zurückzulassen.

In der Ferne sah Calissa am Rande des Feldes, wie Kjara und Eira Nilas einholten und auf ihn einredeten. Sie unterdrückte ein Seufzen. Lieber würde sie mit Nilas Melwik streiten, als hier zu stehen.

Tyron Azer hatte sie unterdessen fest ins Visier genommen, die hellbraunen Augen strahlten Härte aus und auf seinen Lippen lag selten ein Lächeln. Er hatte wegen der sommerlichen Temperaturen sein Oberteil während des Trainings ausgezogen, Bauchmuskeln zeichneten sich auf seiner dunkelbraunen Haut sichtbar ab.

Ein flaues Ziehen zog sich durch Calissas Magen. Sie hatte für einen Augenblick gehofft, den Tag ohne eine Ermahnung zu beenden, doch dieser Gedanke löste sich gerade in Luft auf. Was täte sie jetzt alles, um diesen Ort zu verlassen.

»Deine Leistungen waren heute unterirdisch.« Ohne Umschweife startete ihr Ausbilder das Gespräch, seine Stimme klang unnachgiebig. »Ich weiß, morgen ist die Abschlussprüfung und ihr seid alle nervös, aber das entschuldigt nicht das Nachlassen deiner Leistungen. Du musst morgen bei der Sache sein, wenn du den Veritas Alpha nutzen willst. Haben wir uns da verstanden?«

Calissa nickte ihrem Ausbilder zu, vermied aber den Augenkontakt. Das Grummeln in ihrem Magen verstärkte sich weiter, insbesondere bei dem Gedanken an die anstehende Prüfung. Denn egal, was auf sie zukam, sie durfte nicht versagen. Scheiterte sie, war sie sich ziemlich sicher, dass es ihr dann schwerer gemacht werden würde, einen Platz in den vordersten Reihen der Veritas zu ergattern. Und das durfte nicht passieren!

»Tut mir leid«, entschuldigte sich Calissa zähneknirschend. Sie hasste das rumorende schlechte Gewissen und konnte nicht verhindern, dass sie sich in ihrem Körper nicht mehr wohl fühlte. Eine Leere umfasste ihre Seele, fraß sie von innen heraus Stück für Stück auf und hinterließ den Gedanken, nicht gut genug zu sein.

Tyron massierte seinen Nasenrücken und kniff die Augen zusammen. »Du ... Geh jetzt besser.« Sein harscher Ton kribbelte unangenehm auf ihrer Haut. Calissa wollte die negativen Empfindungen am liebsten abschütteln, schaffte es aber nicht einmal, ihren Blick abzuwenden. Zu viel Respekt und Angst hatte sie vor dem Mann ihr gegenüber. Er sah sie wieder an, von oben herab, und hatte seine Arme vor der Brust verschränkt. »Ich werde Kioran informieren müssen. Du bist für heute entlassen.« Seine Worte hinterließen einen dicken Kloß in ihrem Hals, denn dass sie kurz vor Ende versagt hatte, würde Konsequenzen haben. Sie salutierte und sah zu, dass sie den Kampfplatz und die heutige Niederlage schnell hinter sich ließ.

Calissa flüchtete förmlich von dem Ort, wo sie jeden Tag trainierte, und rannte durch die engen Gassen der Siedlung, in der sie aufgewachsen war. Sie wollte im Augenblick nur weg und das unangenehme Ziehen in ihrem Bauch vergessen, das durch Tyron aufgekommen war.

Kleine, windschiefe Häuschen aus Holz oder Stein standen zu beiden Seiten des Weges dicht nebeneinander, um sie herum Gärten mit viel Grün. Der Kies unter ihren Stiefeln knirschte mit jedem Schritt, ab und zu kamen ihr Menschen entgegen, die sie mit einem Nicken grüßten oder stur ihren Weg fortsetzten.

Inmitten des großen Tals, das die Einheimischen Kessel nannten, erstreckte sich die Siedlung Kjitillen, in der Calissa groß geworden war. Die Menschen lebten hier in einer Gemeinschaft, jeder hatte seinen Platz und seine Aufgabe. Doch so beschaulich sich das Leben im Kessel anhörte, es war alles andere als friedlich.

Innerhalb dieser scheinbaren Idylle formte sich seit über zwei Jahrzehnten ein Widerstand, der in naher Zukunft ein Ziel hatte: die Macht der Magiebegabten im Land zu beenden.

Und diesem Widerstand wird Calissa angehören. Bald, wenn sie am morgigen Tag ihre finale Prüfung vor dem Rat der Veritas Alpha – vor den sogenannten Veritäern – abgelegt hatte.

Aber jetzt an das Morgen zu denken, dazu hatte Calissa keine Kraft. Langsam folgte sie den Wegen, vorbei an den umherlaufenden Menschen, und verdrängte alle Erlebnisse des Tages.

Nach einiger Zeit erreichte sie die Ausläufer der Siedlung. Ihr Weg führte sie zu den heißen Quellen, wo sie ihre übersäuerten Muskeln in dem warmen Thermalwasser beruhigen wollte. So würde am nächsten Tag nicht ihr Körper schmerzen.

 

Ruhe umgab sie, nur das Tropfen von Wasser auf Stein war zu hören. Leise echote es durch den Gang und begleitete ihre Schritte über das feuchte Gestein. An den Wänden hingen Fackeln, die den Weg beleuchteten, bis er breiter wurde und den Blick auf die Haupthöhle freigab.

Das Feuer tauchte die Umgebung in schummriges, goldenes Licht, und Dampf waberte vom plätschernden Wasser auf. Zweihundert Fuß maß das große Becken an diesem Ort. Man brauchte länger als man dachte, um einmal von vorn bis nach hinten zu schwimmen, doch selten kam Calissa dazu. Sie machte es sich lieber am seichten Rand bequem. Und sie liebte jeden Augenblick davon.

Das heiße Wasser lockerte beim Eintauchen ihre verkrampften Muskeln, der Geruch von Sole und Bergkräutern lag in der Luft. Calissa hatte das verschwitzte Hemd und die weite Trainingshose abgelegt und war nur mit einem Top und knappem Höschen hineingestiegen. Zwar waren die Temperaturen in den Höhlen jetzt im Sommer nicht viel angenehmer als im Tal, aber ihrem Körper und ihrer Seele tat dieser Ort gut.

Sofort breitete sich ein ruhiges, entspanntes Gefühl in ihrer Brust aus, die aufgewirbelten Gefühle und die stechenden Schmerzen in ihrem Unterleib verflüchtigten sich mit jedem Augenblick, den sie hier verweilte. Calissa schloss genießerisch ihre Augen und döste am Rand vor sich hin. Ja, so konnte man einen schlechten Trainingstag bedeutend besser ausklingen lassen, als jetzt schon in ihrer Hütte zu sitzen und auf die Prüfung zu warten!

Näherkommende Schritte, die von den steinernen Wänden hallten, zerstörten ihre Ruhe. Augenblicklich schlug ihr Herz höher, all ihre Nerven spannten sich an, als würde sich eine Gefahr ankündigen. Calissa fuhr hoch, sah sich um und riss ihre Augen auf, als sie erkannte, wer da gekommen war.

»Dachte ich mir, dass ich dich heute hier finde.«

Erleichtert ließ sie sich zurück in die warmen Quellen sinken und lächelte den Mann an, der gerade mit verschränkten Armen auf einer der steinernen Bänke Platz genommen hatte.

»Was führt dich zu mir, Vater?«, fragte Calissa, ehe sie mit leicht amüsiertem Unterton hinzufügte: »Oder bist du für mich jetzt General Navrez?«

Der stämmige, dunkelhäutige Mann, der ihr so viel bedeutete, grunzte ablehnend. Er hasste es, wenn sie ihn so nannte, das wusste sie ganz genau.

»Du weißt, dass die Zeit des leichten Trainings vorbei ist?« Ohne Umschweife kam er direkt zum Punkt. In seiner Frage lag eine deutliche Aufforderung, aber auch eine Warnung. Sie kannte Kioran gut genug, war sie doch von ihm aufgezogen worden und hatte so viele Jahre bei ihm gelebt. Calissa konnte sich ein Seufzen nicht verkneifen, behielt ihren Vater aber weiter im Blick.

»Wenn du mit mir darüber reden möchtest, warte bitte an meiner Hütte«, antwortete sie knapp. Sie verdrängte das Kribbeln auf ihrer Haut, das durch seinen stechenden Blick über ihren Körper zog. Selten redete sie in einem solch distanzierten Ton mit ihm. Es fiel ihr in diesem Moment auch nicht leicht, aber hier und jetzt wollte sie nicht mit ihm reden. »Ich hatte einen anstrengenden Tag und würde gern vor morgen meinen Muskeln etwas Ruhe gönnen.«

»Ich bin nicht den ganzen Weg hierhergekommen, um von dir weggeschickt zu werden.« Die dunkle Stimme von Kioran echote in der Höhle, mit verengten Augen schaute er auf sie hinab. In seinen hellgrünen Augen spiegelte sich das Flackern des Feuers und Calissa erwiderte seinen Blick mit hochgezogener Augenbraue. Diese Einschüchterungstaktik funktionierte bei ihr schon lange nicht mehr. Aber mit ihm streiten oder diskutieren wollte sie an diesem Ort nicht.

»Bitte, Kioran!« Sie appellierte an die väterlichen Gefühle, die er für sie hatte. »Ich weiß, worüber du mit mir sprechen möchtest, aber ich habe gerade keinen Kopf dafür. Bitte gib mir noch ein bisschen Zeit, diese Ruhe zu genießen.«

»Du hast eine Stunde, Calissa.« Er sprach die Worte nach einigen Wimpernschlägen langsam und bedacht aus, doch seine Hände waren zu Fäusten geballt. Er rang mit seiner Fassung. »Zwing mich bitte nicht, wieder herzukommen.«

»Danke«, sagte sie mit versöhnlichem Lächeln.

Kioran brummte eine unverständliche Antwort in seinen Bart und verließ fluchend die Höhle.

Calissa lehnte sich zurück. Sie hatte keine Lust, an diesem friedlichen Ort über ihre Pflichten zu reden. Insbesondere, da sie wusste, worauf das Gespräch hinauslaufen würde. Es war stets ein und dieselbe Leier.

In den letzten Wochen war Kioran pedantischer mit ihr gewesen, hatte häufiger geschimpft, wenn sie ihre Aufgaben nicht zu seiner vollsten Zufriedenheit erledigt oder im Training versagt hatte. Jede Diskussion endete im Streit und erst Tage später kam Kioran reumütig zu ihr, um sich zu entschuldigen. Er hasste es, sie so zu behandeln, das sagte er oft genug. Aber seine Integrität vor den Ratsmitgliedern musste bewahrt werden.

Denn Calissa war sein einziger wunder Punkt.

Obwohl Kioran nicht ihr leiblicher Vater war, zog er sie seit ihrem ersten Lebensjahr auf. Viele Jahre lang war er ihr Ansprechpartner gewesen, eine Art Vaterfigur, auf die sie sich verlassen konnte.

Er war mit ihr als Baby durch die Berge gereist, auf der Suche nach einem sicheren Leben, nachdem Magie ihre frühere Heimat zerstört hatte. Nur einmal hatte Kioran ihr die Geschichte erzählt, wie er sie fand und mitnahm. Dieses Gespräch hatten sie vor acht Jahren geführt, als sie sechzehn Jahre alt war. Calissa erinnerte sich noch genau an seine Worte.

»Ich war damals auf der Flucht in Richtung der Berge gewesen, als ich euren Hof passierte, die Mauern des einstigen Anwesens bis zu den Grundfesten zerstört. Nirgends gab es Anzeichen von Leben, bis ich einen Schrei hörte. Deinen Schrei. Verdreckt und eingewickelt in eine zerschlissene Decke fand ich dich unter umgestürzten Brettern. Du hattest ein paar kleinere Schrammen und hast geweint. Keine Eltern, keine Familie, niemand konnte für dich kleines Wesen mehr da sein. Die Magie zerstörte dein Heim, und die Schwere dieser Macht hatte in der Luft gelegen. Ich konnte dich nicht allein lassen, nicht in dieser verseuchten Welt.«

Der Gedanke an die Vergangenheit trieb ihr Tränen in die Augen. Sie erinnerte sich nicht an ihre Eltern, nahm aber ihre Abwesenheit und die Leere in sich wahr, als fehlte dort ein großer Teil ihrer Seele. Ein normales Leben blieb Calissa verwehrt. Wer wusste schon, wie es ausgesehen hätte, wenn ihre Eltern noch gelebt hätten? Vielleicht wäre sie früher oder später trotzdem hier gelandet, um für eine bessere Welt zu kämpfen. Vielleicht hatte das Schicksal es so gewollt?

Rigoros verbot sie sich, wegen der Erinnerung an ihre Eltern zu weinen, obwohl ihre Augen brannten. Diese Menschen waren tot. Und es gab nichts, was diese Leere füllen konnte.

Calissa sank tiefer in die heißen Quellen, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Obwohl die Hitze auf ihrer Haut an Schultern und Hals brannte, genoss sie die zarte Berührung des Wassers. Ihre langen Haare schwebten unterhalb der Oberfläche, die Strähnen tanzten um ihre Arme.

Aber es nützte nichts. Immer wieder zwang sie die Worte in ihrem Kopf weg von der Vergangenheit und dem Widerstand. Sie wollte sich auf die kommende Prüfung vorbereiten, doch die Gedanken waren miteinander verwoben. Es erinnerte sie unweigerlich daran, dass sie mit dem Bestehen ebendieser eine Widerstandskämpferin werden würde, eine Alpha. Es war ihr vorbestimmt, diesen Weg zu gehen, das spürte sie tief in ihrem Herzen.

Sie erinnerte sich an das Gespräch mit Kioran, als sie ihn anflehte, als Veritas aufgenommen zu werden, um sowohl Gutes zu erreichen als auch irgendwann gegen die Magie bestehen zu können.

Die Bewohner von Kjitillen sprachen oft mit Angst über die Magiebegabten, die ihre Macht missbrauchten und Menschen folterten. Etwas, das auch nicht spurlos an ihr vorübergegangen war. Die Sorge, diesen Leuten irgendwann einmal schutzlos gegenüberzustehen, hatte sich mit der Zeit leise in ihr Herz gepflanzt und war gewachsen. Bis sie selbst an das Schlechte in der Magie glaubte.

Auch Josua, ihr Partner, sprach oft über seine Zukunft bei den Veritas Alpha, davon, was er mit den verhassten Magienutzern anstellen würde. Er wurde von Geburt an auf seine Position in den Rängen vorbereitet und lebte die Regeln der Veritas-Gemeinschaft. Dazu zählte auch, dass das Kämpfen ursprünglich nur den Männern vorbehalten war. Doch Kioran hatte dieser Regel vor Jahrzehnten einen Strich durch die Rechnung gemacht und Frauen erlaubt, eine Alpha zu werden. So wie Calissa bald eine sein würde.

Und dieser Gedanke brachte unterschiedliche Gefühle in ihr zum Vorschein. Einerseits kribbelnde Vorfreude, der Gemeinschaft nützlich zu sein, aber auch beklemmende Sorge darüber, was die Zukunft für sie bereithielt. Calissa verdankte diesem Tal und den Bewohnern, insbesondere Kioran, sehr viel. Da konnte sie ihren Vater jetzt nicht auf der Zielgeraden enttäuschen!

In letzter Zeit waren ihre Kämpfe schwach und ihre Aufmerksamkeit nicht wirklich da, wo sie sein sollte. Und dafür machte sie allein Josua verantwortlich. Er hatte ihr drei Jahre lang eine Zukunft aufgezeigt, in der sie alles an seiner Seite erreichen konnte. Ihre Beziehung hatte stets darauf basiert, dass sie beide für eine bessere Welt kämpfen wollten. Seite an Seite.

Bis seine Ansichten sich komplett gewandelt hatten.

Vor etwa einem Mondzyklus war Josua zu dem Entschluss gekommen, dass seine Zukünftige keine Kämpfe austragen sollte. Dass Calissa gerade mal gut genug war, um Kinder in diese Welt zu setzen, und nicht, um für Ruhm und Ehre zu kämpfen.

Und mit dieser Entscheidung begann der Zerfall ihrer Beziehung.

Es hatte sich nichts an Calissas Willen oder an ihren Zielen geändert. Aber die ständigen Streitereien hinter verschlossenen Türen forderten viel Energie und zerrten an ihren strapazierten Nerven.

Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich Kioran mit ihr zusammensetzen wollte. Ob er als General der Veritas oder als ihr Vater mit ihr sprach, das Gespräch versprach aufwühlend zu werden.

Um die Gedanken an Kioran, Josua und ihre Zukunft endgültig abzuschütteln, tauchte Calissa in das warme Wasser ein. Nur die hallenden, weit entfernten Geräusche der Wassertropfen drangen zu ihr und langsam kehrte Ruhe in ihren Kopf. Die Quellen waren für sie jedes Mal der Ort, an dem sie neue Kraft schöpfen konnte und ihr Gleichgewicht wiederfand. Wo Calissa für eine kurze Zeit einfach nur sein konnte.

Als ihr die Luft ausging, brach sie keuchend durch die Wasseroberfläche. Es waren nur einige Augenblicke vergangen, doch es hatte gereicht, um einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen.

Schwerfällig verließ sie das natürliche Becken und zog sich an. Länger lohnte es sich nicht zu bleiben, denn das unvermeidliche Gespräch mit ihrem Vater würde so oder so stattfinden. Die Schwellungen des Kampfes waren zurückgegangen und ihr Körper fühlte sich nicht mehr so steif an wie noch vor einer Stunde. Als sie blinzelnd aus der Höhle kam, brauchte sie einen Moment, bis sich ihre Augen an das Licht gewöhnten. Einen Herzschlag lang verweilte Calissa im warmen Schein der Sommersonne, ehe sie sich auf den Weg zurück nach Hause machte.

 

Kioran erwartete sie vor ihrer Hütte. Schon von Weitem sah sie ihn, wie er fahrig auf und ab durch den wild bewachsenen Garten lief.

In dem Sommer, als sie das Häuschen am Rande von Kjitillen bezogen hatte, hatte sie versucht, Salbei, Tomaten und diverse andere Kräuter in ihrem Garten anzubauen. Es war bei dem Versuch geblieben, denn zur Pflege der Pflanzen fehlte ihr das Händchen. Einzig weiße Bergblumen und lange Gräser sprossen aus dem steinigen Untergrund, drei Büsche wuchsen am kleinen Zaun und eine breite Buche spendete Schatten. Es war nicht viel, aber trotzdem liebte sie diesen Fleck Natur.

Während sie näherkam, riss Kioran hier und da einige Gräser ab und ließ sie auf den Boden fallen. Es lag nicht in seiner Natur, besonders geduldig zu sein, das zeigte er hier deutlich.

Kaum war Calissa durch das kleine Gartentor getreten, zuckte sein Blick zu ihr, folgte ihrem Weg, bis sie auf einer Höhe waren. Mit einem Nicken schloss sie die Tür des kleinen Steinhauses auf und ließ ihren Vater zuerst eintreten.

Das Licht der Sonne fiel durch die Fenster im Inneren und verlieh dem dunklen Holzboden einen rotgoldenen Schimmer. Sonderlich groß war es nicht, aber es gehörte ihr, war ein Rückzugsort und gab ihr Sicherheit.

Eine schmale Küchenzeile befand sich links neben dem Eingang und ein kleiner Esstisch mit den zwei Holzstühlen stand an der rechten Wand, zwischen zwei kleineren Fenstern. Die meisten dieser Möbel hatte sein Vater mit Jonar, dem Schmied, für sie gezimmert. So auch das Bett, welches auf einer flachen Erhöhung gegenüber des Eingangs direkt unter einem Dachfenster stand. Dadurch hatte sie einen wunderschönen Ausblick in den nächtlichen Sternenhimmel, zumindest wenn keine Wolken am Himmel waren. Hinter einer Steinwand lag das Badezimmer.

»Ich vergesse immer wieder, dass du dich freiwillig für diese Behausung entschieden hast.« Kioran murmelte unbeeindruckt vor sich hin, sah sich mit gerümpfter Nase um und nahm seinen Stammplatz am Tisch ein. Kommentarlos ließ Calissa seine Worte in der Luft hängen. Es war nicht das erste Mal und auch nicht das letzte Mal, dass er seine Meinung auf diese Art und Weise kundtat.

Um nicht sofort seine Anklage zu hören, holte sie zwei Gläser aus dem Schrank, füllte sie mit kristallklarem Bergwasser, das aus einer Leitung gespeist wurde, und setzte sich schließlich ihrem Vater mit klopfendem Herzen gegenüber. Er trank einen großen Schluck, während Calissa abwartend ihre Hände ineinander faltete und sich ein Stück über den Tisch lehnte.

»Zu sagen, ich wäre enttäuscht von dir, wäre untertrieben«, erklärte er, nachdem er das Glas beinahe geleert hatte. Die warmen Temperaturen forderten ihren Tribut und auch Calissa griff nun zu ihrem Wasser. Zum Teil, um weiter Zeit zu schinden. »Wir hatten dieses Thema jetzt oft genug. Was mir Tyron von deinen Leistungen berichtet hat, noch dazu vor dem Veritas-Rat, bringt mich in ziemliche Schwierigkeiten.«

»Ich hatte heute einen schlechten Tag«, rechtfertigte sie sich halbherzig. »Die anderen funktionieren auch nicht jeden Tag. Das passiert.« Und es war die Wahrheit. Der Morgen hatte für sie schon angespannt begonnen, als sie feststellte, dass ihre Blutung in der Nacht gekommen war. Jedes Mal litt sie unter den stechenden Schmerzen in ihrem Unterleib. Aber trotzdem funktionierte sie.

»Calissa, es war nicht nur der heutige Tag oder dieses eine Training.« Kiorans Stimme wurde schroffer. »Du erbringst kaum mehr Leistungen, schaffst nur noch das Nötigste und suchst dir bei manchen Aufgaben sogar Hilfe. Generell ist das nicht schlimm.« Seine gerunzelte Stirn glättete sich mehr und der harte Glanz in seinen Augen wurde weicher. »Aber du hast in den letzten Monaten stark nachgelassen und das bereitet mir, in Anbetracht deiner Zukunft, schlaflose Nächte.«

Calissa fehlten die Worte, denn er traf mit seiner Andeutung durchaus einen Punkt. Sie hatte sich zurückgenommen, wenn auch unbewusst. Die Erkenntnis stach ihr ins Herz und ihr Magen zog sich grummelnd zusammen. Schuldbewusst fuhr sie mit ihrem Finger am Rand des Glases entlang und den Weg der Wassertropfen nach.

»Was willst du mir damit sagen?« Angst ließ ihre Stimme zittern, denn sie wollte die bittere Wahrheit nicht hören. Nicht von ihm. »Bin ich dir gerade nicht gut genug?« Calissa wusste, es war nicht das, was er gemeint hatte, aber seine Worte klammerten sich wie eiskalte Finger um ihre Brust. Es war nicht die Enttäuschung eines Vaters, er maß mit der eines Generals, der seine Kämpfer nach der Leistung beurteilte. Und dabei ließ er ihre Beziehung offensichtlich außen vor.

»Als Vater wirst du immer genug für mich sein.« Er hob entschuldigend seine Hände. »Aber ja, als General kann ich mit deinen Leistungen aktuell nicht zufrieden sein. Ich will nicht wieder mit dir streiten, kleiner Stern, bitte glaube mir das. Aber es hängt viel von der Zukunft ab. Wir sind kurz davor, einen Krieg zu beginnen.«

Betreten schwieg Calissa. Sie kam sich in diesem Moment so lächerlich vor, denn er hatte recht. Und er war nicht in der Position, sie in Watte einzupacken. Am Ende wollte sie das ja nicht einmal. Sie schüttelte leicht ihren Kopf, wollte die wirren Gefühle und Gedanken von sich stoßen.

»Du weißt, dass ich immer zu deinem Vorteil agieren werde?« Es war eine rhetorische Frage, denn Kioran sprach weiter: »Deshalb sage ich dir das. Deswegen bin ich heute als General hier, um dich an deine Pflichten zu erinnern. Aber ich bin auch als dein Vater hier, um dir wenigstens ein bisschen beizustehen. Du kannst immer mit mir reden, Calissa.«

»Mir ist bewusst, dass ich zurzeit nicht meine Bestleistungen zeigen kann«, gab sie kleinlaut zu. »Ich habe mich zu sehr von privaten Angelegenheiten ablenken lassen.«

Einige Augenblicke war es still, man hörte kaum das Summen der Natur von draußen, nur ihren stetigen Atem. Es hatte sie einige Kraft gekostet, die Tatsache anzuerkennen, geschweige denn die Worte überhaupt vor ihrem Vater auszusprechen. Insbesondere, da Calissa keine Ahnung hatte, wie er darauf reagieren würde.

»Vielleicht solltest du dich ehrlich fragen, ob die Beziehung zu Josua eine Zukunft hat. Ob ihr wirklich geeignet füreinander seid.« Kioran wusste, dass ihre privaten Angelegenheiten mit dem Veritas-Krieger zu tun hatten und traf nun mit seinen Worten genau den wunden Punkt. Seine Beobachtungs- und Auffassungsgabe waren erstaunlich, aber nicht umsonst hatte er es damit zum Kriegsgeneral der Veritas Alpha geschafft.

Calissa schnaubte trotzdem. Die Zweifel, die sie in letzter Zeit immer wieder heruntergeschluckt hatte, kamen leise flüsternd zurück in ihre Gedanken. Mit ihnen die Wut. Wut über sich selbst und über Kioran. Wie konnte er es wagen, ihre Gefühle infrage zu stellen? »Ich liebe ...«

»Ich weiß«, unterbrach er sie und sprach mit leiser Stimme weiter. »Ich zweifle das nicht an. Aber sei ehrlich zu dir, wie wahr sind diese Gefühle? Deine und seine? Wie soll eure Zukunft aussehen? Will er um deine Hand anhalten? Will er, dass du im Kessel bleibst und als Mutter seiner Kinder alles aufgibst? Oder will er unterstützend an deiner Seite stehen, wenn du Kämpfe bestreitest? Hat er vor, dein Partner zu sein, in jeglicher Hinsicht?« Er seufzte und sah ihr lange in die Augen, ehe er mit dunkler Stimme hinzufügte: »Liebe ist der Tod vom Frieden des Verstandes.«

Sie lehnte sich intuitiv zurück und ihr Blick fiel auf ihre im Schoß gefalteten Hände. Die Spannung wich aus ihrem Körper, als hätte jemand Luft aus ihr entlassen, und Leere umfing ihr Herz.

Nicht nur, weil er recht und sie in letzter Zeit häufiger an Josuas Gefühlen gezweifelt hatte. Es war die Art und Weise, wie Kioran ihr mitteilte, dass er die Veränderung ebenfalls sah.

Calissa schaute in die trüben, hellgrünen Augen, die aus dem faltigen Gesicht ihres Vaters herausstachen. Sie erzählten von dem Leid, das er in den vergangenen Jahren erfahren hatte, und sie sprachen von der Liebe zu ihr.

»Ich werde noch mal mit Josua reden. Er wollte ohnehin gleich herkommen.«

Kiorans halbherziges Lächeln ließ erahnen, dass er wusste, in welche Richtung dieses Gespräch gehen würde. Doch er sagte nichts dazu, was Calissa stumm und dankbar akzeptierte.

»Und ich verspreche, bei der Prüfung morgen werde ich mein Bestes geben. Ich kann ja nicht zulassen, dass du dich meiner schämst.« Der letzte Satz kam ihr mit einem kleinen Lachen über die Lippen und lockerte die angespannte Situation merklich auf. Mit einem Grinsen verflüchtigte sich auch der traurige Glanz in Kiorans Augen.

»Ich weiß das sehr zu schätzen, kleiner Stern.« Wieder nutzte er den Spitznamen, den er ihr vor vielen Jahren gegeben hatte. Lange Zeit hatte er sie nur bei ihrem Namen genannt, doch ihn jetzt wieder zu hören, wärmte Calissas Herz und berührte etwas tief in ihrer Seele. Es zeigte, dass ihre Beziehung trotz der Kämpfe, der Veritas-Angelegenheiten und der kommenden Prüfung nicht litt und er noch immer alles für ihr Wohl tat.

Sie schwiegen eine Weile, bis die Stille auf ihnen lastete. Kioran räusperte sich, erhob sich unbeholfen von seinem Stuhl, um sich zu verabschieden und ihr auf dem Weg nach draußen Glück für den morgigen Tag zu wünschen. Irritiert zog Calissa die Augenbrauen nach oben, ehe sie realisierte, was gerade geschah. Sie sprang auf und wollte ihm noch einen Abschiedsgruß hinterherrufen, doch Kioran war bereits weg.

An den Rahmen der Eingangstür gelehnt schaute sie ihrem Vater noch einen Augenblick hinterher, bis er auf den verschlungenen Wegen von Kjitillen nicht mehr zu sehen war. Sie seufzte. Das Gespräch war glimpflicher verlaufen, als sie gedacht hatte. Zumindest fühlte sich ihr Herz etwas leichter an.

Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen zog sie sich zurück, um wenigstens ihre Kleidung vor dem Gespräch mit Josua zu wechseln. Der Zufall hatte jedoch andere Pläne mit ihr. Gerade, als sie die Tür schließen wollte, näherte sich ein großer junger Mann mit schnellen Schritten ihrem Haus.

Ihr Herz stolperte und das flatternde Gefühl in ihrem Magen verschwand. Er kam schon? War die Zeit so schnell verflogen?

Jetzt mit Josua dieses eine Gespräch weiterzuführen, stand nicht auf der Liste von Dingen, die Calissa gerne machen wollte ... Aber es war notwendig. Und sei es nur, um die Antworten auf Kiorans Fragen herauszufinden.

Zweites Kapitel

Sonnenmond-Zyklus im Jahr 492

Kjitillen

Calissa

 

Ohne einen Augenblick zu verschwenden, zog Josua Calissa in seine Arme und legte seine Lippen mit einer brutalen Intensität auf ihre. Sein Kuss schmeckte bitter und schal und sie erkannte eine Note von dem herben Bier, das man häufig im Kessel trank.

Alles in ihr zog sich zusammen, in ihrer Kehle stieg ein Würgen hoch und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Josua bemerkte dabei gar nicht, dass sie den Kuss als unangenehm empfand. Im Gegenteil, er drückte sie rückwärts zurück in ihr Haus, dass sie kurz das Gleichgewicht verlor und nach hinten stolperte.

Mit aller Kraft schob Calissa ihn von sich und fuhr mit dem Handrücken über den Mund. Zu ihrem Bedauern hatte sich der Geschmack auf ihren Lippen abgesetzt.

»Was zum Kessel?«, fauchte sie.

Er nahm kaum Notiz von ihr, sondern überging ihre abwehrende Haltung. Stattdessen hob er sie hoch und wirbelte sie freudig durch den Raum.

„Verdammter Größenunterschied“, grummelte es in ihren Gedanken, als Calissa sich versuchte loszureißen.

„Der Rat hat mich erwählt. Mich, Calissa! Sie wollten mir am Abend vor den Prüfungen Glück wünschen.“

Seine Freude und seine Worte ließen sie stutzen und Calissa hob ihre Augenbrauen. Der Rat der Veritas hatte ihn erwählt? Was meinte er damit?

Josua machte erneut Anstalten, sie zu küssen, doch sie tauchte unter seiner Umarmung hinweg und wandte sich zu ihrem Tisch, was ihm ein Stöhnen entlockte.

»Trink erst mal einen Schluck Wasser und werd wieder nüchtern. Zähne putzen wäre auch eine Idee. Ich hasse es, wenn du dieses Gesöff von Bier trinkst, das weißt du«, fuhr sie ihn an und zeigte mit zitternden Händen auf eines der Gläser, die noch da standen. Josua ignorierte diese jedoch gekonnt und ließ sich stattdessen auf ihr Bett fallen.

»Jetzt entspann dich.« Er griff nach ihrem Arm und versuchte, sie zu sich zu ziehen, doch Calissa riss sich schnaubend von ihm los. Mit einem Schritt nach hinten brachte sie mehr Platz zwischen sich, denn seine Berührungen verursachten im Moment ein unangenehmes Kribbeln auf ihrer Haut. Noch mehr als seine Trinkereien hasste sie es, wenn er sie bedrängte. Zwar kam das selten vor und er schaffte es immer, rechtzeitig aufzuhören, doch es fühlte sich trotzdem falsch an. Respektlos.

Um ihre zitternden Hände zu kontrollieren, verschränkte Calissa die Arme vor ihrer Brust und baute sich, so gut es ging, vor ihm auf.

»Kannst du bitte gehen? Ich möchte heute lieber allein bleiben. Morgen ist die Prüfung und Kioran erwartet von mir Höchstleistungen.«

Josuas grüne Augen verdunkelten sich, vergessen war sein anzügliches Grinsen. Stattdessen entstellten Zornesfalten seine schönen Gesichtszüge.

»Bei Agrona, nicht schon wieder! Ich will nicht, dass du an dieser Prüfung teilnimmst! Ich will überhaupt nicht, dass du hier kämpfst, wie oft denn nur noch? Du wirst meine Frau, und da kann sich Kioran verbiegen, wie er will.«

Calissa zuckte vor seinen harschen Worten zurück. So aufgebracht hatte sie ihn noch nie erlebt. Er war zwar nicht begeistert gewesen, hatte gemurrt und diskutiert, aber dass er jetzt so ausrastete, war neu. Sein Geschrei ließ den ganzen Frust, der sich in den letzten Wochen angestaut hatte, in ihren Adern kochen. Was fiel ihm eigentlich ein? Immerhin ging es darum, wie sie ihre Zukunft gestaltete, nicht darum, wie er es sich vorstellte.

»Es ist meine Entscheidung, Josua! Finde. Dich. Damit. Ab!«, zischte sie und ihre Stimme wurde lauter. Was war aus ihrer liebevollen Beziehung geworden, in der sie einander respektiert und unterstützt hatten? »Du erwartest doch nicht im Ernst, dass ich nach all den Jahren, in denen ich Blut, Schweiß und Tränen vergossen habe, alles hinschmeiße, um hinter dir zu stehen und zuzuschauen?«

Schwankend erhob sich Josua von ihrem Bett und überbrückte den Abstand, den sie zwischen ihnen aufgebaut hatte, doch dieses Mal wich sie nicht zurück. Calissa hielt seinem bohrenden, eiskalten Blick stand und erwiderte ihn mit derselben Intensität.

»Du hast gefälligst nicht so mit mir zu reden!«, knurrte er. »Ich bin dein zukünftiger Ehemann, ich entscheide. Du hast mir Respekt entgegenzubringen!«

»Respekt erhält der, der mich genauso respektiert.«

Kaum hatte sie ihren Satz beendet, flog ihr Kopf herum und ein brennender Schmerz breitete sich auf ihrer Wange aus. Das Klingeln in ihren Ohren ließ Calissa für einen Wimpernschlag den Boden unter ihren Füßen verlieren und versetzte ihren Körper in einen Schockzustand. Mit großen Augen und leicht geöffnetem Mund, ihre Hand an der Wange haltend, sah sie Josua an.

Er hatte sie geschlagen.

In diesem Augenblick veränderte sich alles. Und Was sie jemals an Zuneigung für ihn empfunden hatte, verlor sich in dem Strudel der brennenden Wut. Ihr Körper zitterte und spannte sich an und ihr Herz pumpte schneller. Nie hätte sie gedacht, er würde die Hand gegen sie erheben. Er war kein einfacher Mensch, das stimmte, und in letzter Zeit war er mehr auf sein Ansehen erpicht gewesen als auf alles andere. Aber Josua war immer ehrbar gewesen und behandelte sie trotz aller Streitigkeiten respektvoll.

Mit seiner Ohrfeige, die auf ihrer so schon malträtierten Haut schmerzhaft kribbelte, warf er alles aus dem Fenster, was sie sich aufgebaut hatten. Seine Hand noch erhoben, zuckte er vor ihr zurück. Sein vor Wut verzogenes Gesicht glättete sich und ein Ausdruck der Reue blitzte in seinen dunkelgrünen Augen auf.

»Raus!« Calissas Stimme war so hart wie das ewige Eis der Berggipfel, kein Anflug von Unsicherheit schwankte mit ihr mit. Sich jetzt vor ihm die Blöße zu geben und einzuknicken, das verbot ihr ihr Stolz.

Als er nicht reagierte, zog Calissa ihn an seinem Arm durch den Raum. Dabei kämpfte sie gegen die Sterne, die vor ihren Augen tanzten, und gegen die wütenden Tränen, die sich anbahnten.

»Calissa, es ... es ...«, stotterte er und ließ sich von ihr mitreißen, ohne sich zu wehren. Bereute er vielleicht seine impulsive Tat? Doch das war ihr egal. Ob bewusst oder unbewusst. Er hatte sie geschlagen.

»Das wird nie wieder vorkommen, Grimson«, knurrte sie. Schwungvoll öffnete sie die Tür, sodass das Holz gegen die Wand knallte, und schubste ihn mit aller Kraft aus dem Haus. Ihr ganzer Körper zitterte, als sie in seine geweiteten Augen sah, und nur mit Mühe hielt sie das Schnauben zurück, das aus ihr herausbrechen wollte. Seine Reue konnte er sich schenken. Ihr Maß war voll. »Wir sind fertig miteinander. Diese Beziehung, dieses wir, das ist vorbei. Endgültig.«

Sie warf ihm die Tür mit Nachdruck vor der Nase zu, verriegelte sie und sank anschließend entkräftet zu Boden. Wie betäubt lehnte sie sich an das Holz, zog ihre Knie heran und legte ihren pochenden Kopf darauf ab. Sie brauchte einen Moment, um die Geschehnisse einzuordnen. Es war zu viel für ihre Nerven.

Josua hämmerte unterdessen gegen ihre Tür, bettelte um Verzeihung und darum, dass sie ihn anhörte. Doch sie wollte nichts von seinen Ausflüchten und Entschuldigungen wissen.

Warum war es so schnell zwischen ihnen eskaliert? Hatte es nur am Alkohol gelegen, dass er handgreiflich geworden war?

Calissa schluckte, doch der Kloß in ihrem Hals blieb und schnürte ihr die Luft ab. Ihr Herz brannte vor Zorn über den Menschen, den sie eigentlich liebte. Sie hatte alles für ihn getan, alles für ihn gegeben, aber er hatte es zerstört. Calissa wollte sich nicht weiter so behandeln lassen.

Ihre innere Taubheit wandelte sich in Groll, die Tränen, die sich in ihren Augen gebildet hatte, liefen nun ihre Wangen hinunter und hinterließen salzige Schlieren auf ihrer Haut.

Drei Jahre lang hatte Josua sie unterstützt und an ihrer Seite gestanden. Drei Jahre, in denen sie wunderschöne Zeiten miteinander erlebt, zusammen gelernt und gekämpft hatten. Mit ihm war sie stärker geworden, umgekehrt genauso. Und das hatte er einfach so zerstört. Nicht erst mit der körperlichen Gewalt, nein, der Zerfall ihrer Beziehung hatte bereits vor einiger Zeit begonnen.

Immer wieder dachte Calissa darüber nach, was genau dazu geführt haben könnte, dass Josua sich in den letzten Wochen so gewandelt hatte. Aber ... hatte er nicht bei seiner Ankunft erzählt, dass der Rat der Veritas ihn auserwählt hatte? Konnte es damit etwas zu tun haben?

Der Rat bildete die Spitze ihrer Gemeinschaft und kaum ein Bewohner wagte sich, gegen seine Mitglieder zu sprechen: Amarin, Belisar, Cassius, Deodatus und Elicius. Diese Männer regelten das Leben im Kessel, sie achteten darauf, dass Gesetze eingehalten wurden und waren für die Anfänge der Rebellenvereinigung, der Alphas, verantwortlich. Sie waren es auch, die Kioran damals zu ihrem Vollstrecker gemacht und ihn als einen Kämpfer eingesetzt hatten, der die Rebellion aufbauen und beginnen sollte.

Von diesen Männern bedacht zu werden, war eine große Ehre für jeden, daher konnte Calissa sich sehr gut vorstellen, wie gut Josua die Aufmerksamkeit dieser Männer gefiel. Er hatte immer wieder davon geredet, einen hohen Posten innerhalb der Veritas Alpha zu erhalten. Immerhin wollte er seinem Vater gerecht werden, der ein hochdekorierter Hauptmann war. Aber zu welchem Preis würde er aufsteigen?

Calissa schüttelte sich, um die Gedanken aus ihrem Kopf zu vertreiben. Sich jetzt über die Männer in ihrem Leben aufzuregen, brachte ihr gar nichts, aber aus einem ihr unerfindlichen Grund tat sie es trotzdem. Josua hatte gerade eindeutig bewiesen, dass ihm diese Beziehung nicht mehr wert war als ein Pfifferling. Kioran hatte ihr gezeigt, dass ihr Leben nicht in ihren Händen lag, und der Rat, bestehend aus diesen alten Männern, entschied ohnehin über die Köpfe der Bewohner und Krieger hinweg. Als wären diese Menschen nichts mehr als Marionetten in ihrem Theater, das sie inszenierten, um ihrem Feind zu schaden.

Dabei wollte sie doch nur Gutes in der Welt bewirken. Und ein Schritt in diese Richtung war es, die Magie zu bekämpfen. Diese Magiebegabten mussten reguliert werden, um ein Gleichgewicht herzustellen, dessen war sich Calissa sicher.

Und sie würde alles dafür tun.

Egal ob mit Josua an ihrer Seite oder nicht.

Egal, ob Kioran für sie Entscheidungen traf oder nicht.

Und egal, ob der Rat sie für geeignet hielt oder lieber weiter Männer bevorzugen wollte.

 

Müde schleppte sie sich irgendwann vom Boden in ihr Bett. Die Sonne war in der Zwischenzeit hinter den Bergen verschwunden, und mit ihr Josua, der nicht lange vor ihrer Tür gestanden hatte.

Calissa konnte sich vorstellen, dass er dachte, es sei unter seiner Würde, vor dem Haus auszuharren. Es könnte ihn ja jemand sehen und für schwach halten.

Ihre Gedanken kreisten, und selbst als sie in die Tiefen des Schlafes eintauchte, verfolgten sie die Erlebnisse in ihren Träumen. Ruhelos wälzte sie sich hin und her, ihr Herz hämmerte gegen die Brust, als würde sie rennen und verfolgt werden. Ihre Träume waren verzerrt, Schemen tauchten auf und verschwanden, ohne dass sie erkennen konnte, wer oder was es war.

Irgendwann gab sie den unruhigen Schlaf auf. Das Erste, was sie sah, nachdem sie ihre Augen grummelnd geöffnet hatte, war der dunkle Nachthimmel, den sie durch das große Dachfenster über dem Bett erkennen konnte.

Die unzähligen Sterne leuchteten hell am schwarzen Firmament und eine Welle der Ruhe schwappte über ihre aufbrausenden Gedanken.

In solchen Momente war sie dankbar für den Ausblick: um hinaus in den weiten Himmel zu schauen, sich in den Sternen zu verlieren und zu merken, wie klein sie im Vergleich zur großen Welt war.

Und dann nahm sie die Schönheit des endlosen Sternenhimmels wahr und wünschte sich mehr ...

Was eigentlich? Stirnrunzelnd wandte Calissa sich vom Himmel ab und schaute sich in der Dunkelheit ihres Hauses um.

Was wünschte sie sich mehr? Sie hatte hier ein beinahe sorgloses Leben. War es ein Abenteuer, das sie suchte? Nein, sie glaubte eher, dass es Liebe war, die ihr fehlte. Von Josua hatte sie immer gedacht, geliebt zu werden, aber sie lag damit falsch. Es konnte nicht richtig sein, dass ein Part immer zurückstecken musste, damit der andere glänzen konnte. War es normal, dass er ihr gegenüber aus der Haut gefahren war und sie hatte kleinhalten wollen?

Bei dem Gedanken schüttelte sie den Kopf. Unsinn, es war nicht normal.

Josua war nicht mehr der unterstützende Part in ihrer Beziehung, das hatte er heute unter Beweis gestellt. Seiner Meinung nach war Calissa keine Kämpferin, keine Veritas Alpha. Nur eine Frau, die seine Kinder gebären sollte.

Der Gedanke daran ließ sie sauer aufstoßen, ein Grunzen kam über ihre Lippen. Kioran hatte es gewusst und wollte sie vor dieser Situation schützen. Wie waren noch gleich seine Worte gewesen? Liebe ist der Tod des Friedens vom Verstand.

Ihr Blick schweifte zurück zum dunklen, sternenübersäten Nachthimmel. Die Namen der Sterne kannte sie nicht, doch sie gaben ihr stumm recht in ihren Überlegungen.

Der leuchtende Komet, der in diesem Augenblick über den Himmel fegte, bestätigte es ebenfalls.

Calissa riss die Augen auf. Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als würde der blau schimmernde Schweifstern über ihr stehen bleiben und auf sie hinabstrahlen. Die Welt hielt für einen Moment den Atem an, nur um diesem wundersamen Naturphänomen die Möglichkeit zu geben, aufzutauchen.

Über ihr. In dieser dunklen, schlaflosen Nacht, in der sie wach lag und grübelte, wenige Stunden vor ihrer alles entscheidenden Prüfung.

War das wirklich ein Zufall?

Calissa hatte zu viele Bücher und Geschichten über fremde Welten, Schicksale und dergleichen gelesen, um sich diese Frage nicht zu stellen.

Aber egal, was es war, für sie war es ein Zeichen. Ein Geschenk einer höheren Macht, vielleicht sogar von der Göttin Agrona, an die die Leute im Kessel so fanatisch glaubten.

Sie schüttelte ihren Kopf, denn sie glaubte nicht an diese Göttin. Nein, der Komet zeigte ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war. Dass ihre Entscheidung, an der Prüfung teilzunehmen, Erfolg versprach.

Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen, ihre Brust füllte sich mit einer wohltuenden Wärme, die alle negativen Gefühle und Gedanken von Josua wegschwemmte. Mit mehr Leichtigkeit in ihrem Herzen sank sie zurück in ihr Kissen.

 

Der nächste Morgen kam so sicher wie ihr nächster Atemzug. Lange bevor die ersten Sonnenstrahlen ihr Licht über die Berggipfel schickten, erwachte Calissa aus ihrem leichten Schlaf. Nach dem Erscheinen des Kometen war die restliche Nacht nicht besser verlaufen als davor. Sie hatte sich hin und her gewälzt, ein Szenario nach dem anderen lief in ihren Gedanken auf und ab, und immer wieder fragte sie sich, welche Prüfung sie erwarten würde. Aber keine Variante erschien ihr realistisch.

Mit steifen Gliedern stolperte sie aus ihrem Bett. Ihr Körper schmerzte und schwerfällig schleppte sich Calissa in das angrenzende Badezimmer. Nachdem sie sich frisch gemacht hatte, zog sie sich eine robuste, dunkelbraune Hose und ein dunkelblaues Leinenhemd an. Darüber legte sie sich ein schwarzes Mieder um, damit es nicht verrutschte. Ihre langen, glatten Haare, die im Sonnenlicht rotbraun wie Kastanien schimmerten, band sie sich zu einem hohen Zopf. Ihr Blick glitt wie von selbst zu einer größeren Spiegelscherbe, die an der Wand hing. Sie suchte ihr Gesicht nach Unregelmäßigkeiten ab, als wollte sie sicher gehen, dass sich in der Nacht nichts verändert hatte. In ihren dunkelblauen, mandelförmigen Augen spiegelte sich jedoch eine Emotion, die am Abend zuvor, als sie sich fürs Bett fertig gemacht hatte, nicht dagewesen war.

Entschlossenheit.

Ein Lächeln umspielte ihre schmalen Lippen. Mit neuem Selbstbewusstsein salutierte sie sich selbst zu, eine Angewohnheit, die sich über die vergangenen Jahre etabliert hatte. Sie würde ihr Versprechen Kioran gegenüber halten, das schwor sie sich.

 

Doch Calissas Entschlossenheit wurde mit jeder Minute, die verstrich, mehr gedämpft. Ruhelos wanderte sie auf und ab, knetete dabei immer wieder ihre Finger, ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt.

Bei der Verkündung hatte ihnen Tyron mitgeteilt, dass man sie für die Prüfung abholen würde. Aber wann und was passieren würde, das verriet man ihr nicht. Nicht einmal Kioran hatte ihr gegenüber sein Schweigen gebrochen.

Gänsehaut zog sich über ihre Arme, die kleinen Härchen stellten sich auf und sie unterdrückte ein Schütteln. Calissa hatte jegliche Szenarien in ihrem Kopf durchgespielt, aber was wirklich auf sie zukam, konnte sie nicht vorhersehen. Doch sie ahnte, dass die Prüfung alles verändern würde.

Ihre Gedanken wurden jäh von einem lauten Hämmern unterbrochen. Augenblicklich polterte ihr Herz in doppelter Geschwindigkeit gegen ihre Brust und ihre Hände wurden schwitzig vor Nervosität. War das der Beginn? Ehe sie auch nur einen Schritt auf die Eingangstür zu machen konnte, brach die Person davor gewalttätig ein.

»Deine Prüfung startet jetzt.«

Innerhalb eines Wimpernschlags hatte der vermummte Kämpfer sie mit seiner Körpergröße überwältigt, ihre Hände zusammengebunden und ihr einen Sack über den Kopf gestülpt. Bevor ihr bewusst wurde, was gerade geschah, zog der Veritas-Krieger sie mit sich.

Blindlings stolperte Calissa hinter ihm her, der feste Griff seiner rauen Hände brannte auf ihrer Haut. Sie versuchte sich erst von ihrem Angreifer loszureißen, unterließ das aussichtslose Unterfangen aber schnell. Die Ungewissheit, was als Nächstes passieren würde, trieb ihren Puls schneller in die Höhe und in ihrer Brust wurde es unangenehm eng. Sie musste Ruhe bewahren und sich nicht von ihren überschäumenden Gefühlen leiten lassen. Mit gleichmäßigen Atemzügen brachte sie ihren Puls wieder unter Kontrolle und schaffte es, ihren Fokus wiederzufinden.

»Wo bringst du mich hin?« Ihre Stimme klang atemlos und zitterte noch ein wenig, aber immerhin hörte sie sich nicht ängstlich an. Der Geruch von Erde kitzelte in ihrer Nase und der Boden veränderte sich unter ihren Füßen. Statt des knirschenden Kieses lief sie über festen Boden. Erde? Er brachte sie raus aus der Siedlung?

Er antwortete nicht auf ihre Frage, stattdessen zog der Alpha sie unbarmherzig weiter durch die Gegend. Am Ende hatte Calissa auch nichts anderes als Schweigen von ihm erwartet.

Nach und nach kamen zu dem intensiven Geruch nach Holz und Kräutern die Geräusche der Wälder dazu. Die Vögel zwitscherten laut in ihren Ohren und hießen den neuen Tag willkommen. Der Krieger hatte sie kurz nach Sonnenaufgang aus ihrem Haus gezogen, daran konnte sie sich erinnern. Wer wusste aber, wie lange er sie noch mit sich ziehen würde und wo er sie hinbrachte.

Insgeheim fragte sich Calissa, wie wohl Josua oder Agnar, der ebenfalls Mitglied ihrer Kadettentruppe war, abgeholt wurden. Immerhin waren sie für ihre körperliche Stärke und Überlegenheit gegenüber vielen Mitstreitern bekannt. Einfach so würde man sie nicht verschleppen können.

Ihre Gedanken fanden ein jähes Ende, als sie unvermittelt losgelassen wurde. Schwankend versuchte sie aufrecht stehen zu bleiben. Mit einem stolpernden Schritt nach vorn verhakte sie sich in einer Pflanze und verlor ihr Gleichgewicht. Noch immer gefangen in der Dunkelheit fühlte es sich an, als würde sie in eine leere Schlucht stürzen, ihr Magen rebellierte und ihre Ohren rauschten. Mit einem unangenehmen Aufprall landete sie auf dem harten Boden.

»Musste es so ruppig sein?« Mühevoll rappelte Calissa sich auf und löste mit einigen geübten Handgriffen die Fesseln um ihre Handgelenke.

Stand der Krieger noch in ihrer unmittelbaren Umgebung und wartete auf den perfekten Moment für einen Angriff? Oder würde sie dem Veritas-Rat gegenüberstehen?

Einige Herzschläge lang passierte gar nichts und ihr warmer Atem war neben dem lauen Sommerwind das Einzige, was sie hörte. Egal, wo man sie zurückgelassen hatte: Sie war allein.

Vorsichtig zog sie sich den schweren Jutesack vom Kopf und blinzelte gegen die Helligkeit an, die in ihren Augen stach.

Man hatte sie auf eine kleine Lichtung gebracht, irgendwo mitten im Kessel. Um sie herum befand sich keine Menschenseele, nur die raschelnden Blätter der Bäume und die hohen Farne waren Zeugen ihrer Anwesenheit.

Links von ihr war zwischen zwei Büschen ein Trampelpfad entstanden, der bezeugte, dass sie jemand hergebracht hatte und wieder gegangen war.

Und es war nicht die einzige Anomalie an diesem friedlichen Ort: In einem der Baumstämme steckte ein Dolch, der einen Pergamentbogen festgenagelt hielt. Neugierig erhob sie sich, ließ Beutel und Seil auf den Boden fallen und trat auf die Rotbuche mit der Nachricht zu. Ihr rechtes Knie schmerzte ein wenig durch den Sturz, vermutlich war sie auf einem Stein aufgekommen. Aber das zählte alles nichts, als sie den Dolch aus dem Holz zog und die Nachricht, die eindeutig von Kioran stammte, las:

 

Kadetten.

Eure Zeit als vollwertige Mitglieder der Veritas Alpha nähert sich in schnellen Schritten. Heute müsst ihr unter Beweis stellen, mit welchen Fähigkeiten ihr uns dienen könnt.

Eure Aufgabe wird folgende sein: Brecht in einen der zwei Außenposten des Kessels ein. Sucht dort nach Befehlsbüchern oder den Berichten der letzten zwei Monate. Bringt uns, eurem General und dem Rat der Veritas, Informationen, die normalerweise hinter Verschluss sind. Zeit habt ihr bis morgen zum Sonnenaufgang. Gefangennahme oder verlorene Kämpfe führen zum Ausscheiden.

Möge Agrona euch leiten.

Sie las die Zeilen ein weiteres Mal, um sicher zu sein, dass sie die Worte richtig verstanden hatte. Sie musste Informationen beschaffen, egal welcher Art? Wenn sie es richtig verstanden hatte, sollten sie nur aus den Berichten stammen?

Ihr Körper kribbelte vor Aufregung, sie faltete den Brief zusammen, um ihn in ihrer Hosentasche verschwinden zu lassen. Das war also ihre Prüfung. Fast hätte sie gelacht, weil sie sich die halbe Nacht Sorgen gemacht hatte. Es bestand eine kleine Chance, dass sie brillieren würde.

Auch den Dolch ließ sie in eine der Schlaufen an ihrem Hosenbund wandern, vielleicht würde sie ihn später noch benötigen. Das Seil, mit dem man ihre Hände verbunden hatte, steckte sie in den Jutebeutel, den sie sich an der anderen Seite ihres Hosenbundes anband.

In ihrem Kopf ratterte es unterdessen. Jegliche Informationen, die für ihre Aufgabe von Nutzen sein konnten, tauchten vor ihrem inneren Auge auf und langsam entwickelte sich ein Plan in ihren Gedanken.

Es gab im Kessel genau zwei Außenposten: Kjillar wurde unweit der Siedlung als strategischer Versammlungsort genutzt, Tensern befand sich einige Stunden von Kjitillen entfernt am Ende des Tals und galt als Übergang zum Gebirge.

Natürlich würde Calissa am schnellsten bei Kjillar sein, aber sie konnte sich gut vorstellen, dass dort die meisten Hindernisse und Gegner auf die Prüflinge warteten. Sie war sich auch ziemlich sicher, dass mindestens die Zwillinge und Nilas ihr Glück bei dem näheren Gebäude versuchen würden. Agnar und Josua konnte sie schwer einschätzen. Wäre es also sinnvoller, den langen Weg in Kauf zu nehmen, um möglichen Gefahren oder Mitstreitern zu entgehen?

Ihr Entschluss stand fest: Sie würde den Weg zum Außenposten Tensern einschlagen und darauf bauen, dass ihr Bauchgefühl sie richtig leitete. Jetzt musste sie nur noch herausfinden, wo sie sich genau befand.

Calissa schaute sich in dem Waldstück um. Der Trampelpfad zeigte ihr eine ungefähre Richtung, aus der sie gekommen sein könnte. Wenn sie darüber nachdachte, wie sie gefallen war und welche Schritte sie bisher getan hatte, schlussfolgerte Calissa, dass Kjitillen in ihrem Rücken liegen musste. Aber um ganz sicher zu sein, griff sie in einen der herunterhängenden Äste der Buche vor ihr und zog sich an ihm nach oben.

Das morgendliche Sonnenlicht bahnte sich seinen Weg durch das Geäst. In den Schatten der Bäume kribbelte Gänsehaut über ihren ganzen Körper und Calissa genoss die moderaten Temperaturen, die im Laufe des Tages deutlich steigen würden. Das abwechselnde Spiel zwischen Warm und Kalt lenkte sie dabei von der Tatsache ab, dass sie sich mit jedem Griff immer höher zog und der Boden außerhalb ihrer Reichweite war.

Sie hasste diese Höhe und das Gefühl, ihr ausgesetzt zu sein. Ein falscher Schritt oder Griff würde sie zurück nach unten befördern und aus eigener Erfahrung wusste sie, wie schmerzhaft das ausgehen konnte. Mühselig hatte sie sich in den vergangenen Jahren ihrer Angst und ihren Erinnerungen gestellt.

Mit sieben Jahren hatte sie sich von Agnar damals so sehr provozieren lassen, dass sie ihm in einem Anflug an kindlichem Leichtsinn erzählt hatte, sie wäre die beste Kletterin im ganzen Kessel. Er hatte ihr nicht geglaubt, sie ausgelacht und war zurück zu Josua gelaufen. Seine Reaktion hatte eine Wut in ihr entfacht, die in ihrem kleinen Körper nur so gelodert hatte. Schon damals wollte sie sich den anderen Jungs beweisen und war als Beweis für ihren Mut und ihre Fertigkeit auf eine jahrhundertealte Eiche geklettert. Calissa hatte es auch spielend leicht bis ganz nach oben geschafft. Dort oben konnte sie den fantastischen Ausblick über das weite Tal genießen, während ihr Herz vor Stolz und Aufregung geflattert hatte. Beim Abstieg wurde sie dann leichtsinniger und trat auf einen dünneren Ast, der ihr Gewicht nicht halten konnte. Sie fiel nur zwei Herzschläge lang, versuchte irgendeinen Ast zu greifen und schrie panisch. Der dumpfe Aufprall hallte noch immer in ihren Erinnerungen nach und ließ jetzt in der Gegenwart ihren Puls deutlich in die Höhe schießen.

Stur richtete Calissa ihren Blick nach oben, suchte sich immer einen Punkt, der ihr Sicherheitsnetz war. Ihre Hände waren schwitzig und die Enge in ihrer Brust erschwerte ihre Bewegungen. Nur mit Mühe schaffte sie es, die aufkommende Panikattacke wegzuatmen. Erst als sie es mit zitternden Fingern schaffte, sich in die breite Astgabel zu ziehen, in die sie sich hineinsetzen konnte, beruhigte sie sich.

Für einen Moment lehnte sie ihren Kopf an die raue Rinde des Stammes, kämpfte weiter um jeden Atemzug und gegen die weich gewordenen Glieder. Ihr würde jetzt nichts passieren, so wie auch damals alles glimpflich verlaufen war.

Den Sturz in ihrer Kindheit hatte sie wie durch ein Wunder überlebt. Ihre Rettung war der hohe Schnee gewesen, der den Fall abgebremst hatte. Einzig eine lange, gerade Narbe an ihrem rechten Unterarm hatte sie davongetragen. Ein spitzer Ast hatte ihr die Haut schmerzhaft aufgeschlitzt, als sie verzweifelt Halt finden wollte.

Nach und nach verebbten die Erinnerungen und mit ihr das beklemmende Gefühl in ihrer Brust. Keuchend fuhr sie sich über ihr angespanntes Gesicht und ließ endlich ihren Blick über ihre Umgebung wandern.

Um Calissa herum erstreckte sich der Wald, schräg über ihr brannte die Sonne am wolkenlosen Himmel hinab. Wenn sie sich richtig orientierte, hatte sie vorhin richtig gelegen: Kjitillen lag in ihrem Rücken und man hatte sie ein Stück westlich der Siedlung ausgesetzt.

»Also eine halbe Meile entfernt der Tore«, murmelte Calissa zu sich selbst und inspizierte ihre Umgebung genauer. Ein Stück vor ihr schlängelte sich der Hauptweg zwischen den Bäumen entlang und zog sich durch das Tal. Wenn sie ihm folgte, würde sie innerhalb von einem halben Tag an den Außenposten Tensern gelangen.

Ihr Körper kribbelte vor Aufregung und jeder Nerv war angespannt, als sie wieder herunterkletterte. Jeden Schritt prüfte sie eingehend, konnte es aber nicht schnell genug erwarten, wieder nach unten zu kommen. Erst, als sie endlich den harten Boden unter ihren Füßen spürte, stieß sie die angehaltene Luft aus. Mit langsamen Atemzügen beruhigte sich das Zittern ihrer Hände und der flatternde Herzschlag. Es brauchte einen Moment, bis ihre Gedanken ruhig und klar durch ihren Kopf flossen und die Anspannung hinter ihr lag.

Dass diese kleine Kletterei ihren Körper so sehr beeinträchtigte, hasste sie. Nichtsdestotrotz war Calissa stolz, dass sie gelernt hatte, richtig damit umzugehen, denn so konnte sie diese Befindlichkeiten hinter sich lassen. Mit neuer Kraft verließ sie schnellen Schrittes die Lichtung in Richtung Westen.

Es war das erste Mal, dass sich Calissa allein durch die Wildnis schlagen musste. Zu ihrer Ausbildung als Veritas hatte zwar gehört, ohne Hilfsmittel in der Natur zu überleben, aber da waren sie immer mindestens zu zweit losgezogen. Sonst hatte ein Großteil ihrer Zeit aus Nahkampftraining, Waffentraining oder Lernen bestanden.

Calissa seufzte bei den Gedanken an die letzten Jahre. Sie konnte dankbar sein, dass sie eine Veritas werden durfte, denn es hatte nicht immer so ausgesehen wie jetzt.