Wellenlängen - Martina Weyreter - E-Book

Wellenlängen E-Book

Martina Weyreter

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Beschreibung

Es kann mit einem Lied im Radio beginnen, einem Duft, einer Begegnung, Beobachtung - plötzlich ist die Idee im Kopf und will aufs Papier. Aber in welcher Form? Kurzgeschichte? Gedicht? Fiktiver Social-Media-Chat? Alles ist möglich, solange die Welle der Fabulierlust trägt. Ob ironisch gebrochen, todernst, romantisch, dramatisch, sozialkritisch, magisch, realistisch, phantastisch: In dieser Anthologie zelebrieren fünf Autor:innen die Vielfalt der verschiedensten Textgattungen. Eine Einladung zum Blättern, Stöbern, Sich-Festlesen.

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Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

VORWORT

E

INE

B

USHALTESTELLE IM

N

IRGENDWO

Sylta Purrnhagen: Warten auf Godot

Walburga Müller: Hochzeitswein

Martina Weyreter: Du bist nicht 21

Marty Kaffanke-Fuchs: Das geblümte Kleid

D

IE

W

AHRSAGERIN

Martina Weyreter: Syrena

Martina Weyreter: Syrena ist auf Facebook

Walburga Müller: Frau Krass lässt den Mantel an

Marty Kaffanke-Fuchs: Pizza Diavolo

Sylta Purrnhagen: Simsalabim

M

ÄRCHEN

Walburga Müller: Wolfsmärchen

Sylta Purrnhagen: Mara und die kleine Meerjungfrau

Martina Weyreter: Die zertanzten Schuhe

Marty Kaffanke-Fuchs: Der geheime Garten

F

RITZ

H

UTH

Eine Nacht in Ägypten

Landung auf Alpha Centauri

Eine Annonce und die Folgen

Wachstums-Impuls

Spätsommer

M

ARTY

K

AFFANKE

-F

UCHS

Ein Maskenball

Das Kompliment

Abendmusik

Besuch bei einem fast Hundertjährigen

Strandimpressionen

W

ALBURGA

M

ÜLLER

Liebgedrückt

Mr. Alright

Tabuzone

Zur Demo geht’s ein anderes Mal

Liebe in Zeiten von Corona

S

YLTA

P

URRNHAGEN

Balkon zum Hinterhof

Der Künstler und ich

Eiskalt

Auf der Schiene

Warum

Zum Abitreffen

Die Straße

Infiziert

M

ARTINA

W

EYRETER

Londoner Kuriositäten

Tatort ist im Ersten

Wir werden gelebt haben

DIE AUTORINNEN UND AUTOREN

VORWORT

von Claudia Brendler, Leiterin der Schreibwerkstatt kurzum

Die vorliegende Anthologie Wellenlängen ist nicht nur eine Sammlung unterschiedlichster Textgattungen von klassischen Kurzgeschichten über literarisierte Erinnerungen bis zu Geschichtenzyklen, sondern auch eine Einladung: Einfach einmal hineinspähen durch die geöffnete Tür der Schreibwerkstatt kurzum, ein wenig näher treten, und ... Moment. Eine Schreib-Werkstatt? Wie kommen diese beiden Wörter eigentlich zusammen? Hat eine Werkstatt nicht eher mit Schrauben zu tun, mit Sägen, Hobeln, einem Handwerkskasten voller Werkzeuge? Und Literatur eher mit hehrem Wirken als mit emsigem Werkeln?

Lange Zeit war die Vorstellung literarischen Schaffens hierzulande mit dem Bild des Elfenbeinturms verknüpft; dem Schreibprozess haftete der Nimbus des Geheimnisvollen und Genialischen an. Man schrieb zurückgezogen, mit dem Blick zur weißen Wand wie Günter Grass oder eingehüllt in Melancholie wie Ingeborg Bachmann. War die Inspiration dem Dichter hold, kam er schließlich mit dem fertigen Roman oder der Gedichtsammlung wieder hervor. Von Handwerk, Methodik oder gar einem berufsorientierten Studiengang war keine Rede – der deutsche Königsweg zur Literatur bestand bis in die neunziger Jahre hinein zumeist aus einem abgebrochenen Germanistikstudium und den verschiedensten Jobs vom Taxifahrer bis zur Kellnerin, was gleichermaßen dem Erwerb des Lebensunterhaltes und der zum Schreiben notwendigen Lebenserfahrung diente. Im englischsprachigen Raum dagegen wurde Creative Writing längst akademisch und praktisch an Universitäten und in Workshops gelehrt. Nach dem Vorbild dieser Workshops entstanden in den siebziger Jahren auch hierzulande die ersten Werkstätten für Schreibwillige: Orte der Kommunikation und Kritik, Stätten der Begegnung, Konfrontation, Diskussion, Orte des Lernens und Lehrens. Unter Anleitung wurden die nötigen Werkzeuge bereitgelegt, geölt und geschliffen, der literarische Handwerkskasten vervollständigt. Das Modell fand Anklang und Verbreitung, bis endlich auch Universitäten und Institute Studiengänge für Kreatives Schreiben auf den Lehrplan setzten. Selbstverständlich existiert das solistische oder gar solipsistische Schreiben im stillen Kämmerlein noch genauso wie früher, denn Rückzug gehört notwendig zum literarischen Schaffen – ergänzt durch Austausch, stetige Weiterentwicklung und Inspiration durch die Ideen der Gruppe. Eine Gruppe wie kurzum, die bereits seit mehr als zehn Jahren in relativ konstanter Besetzung besteht, kommt im Lauf der Arbeit immer wieder auf eine gemeinsame Wellenlänge. Und so liegt ein Schwerpunkt dieser Anthologie auf Verknüpfung und Berührung: Wie lassen sich eigenständige Geschichten schaffen, die dennoch einen gemeinsamen Ursprung oder Zusammenhang haben?

Eine Kunst-Fotografie, die eine Autorin mitbrachte, löste verschiedene literarische Interpretationen der abgebildeten Situation aus. Eine Bushaltestelle im Nirgendwo, eine Frau, stehend, vor der Bank. Welches Land? Welche Zeit? All das wurde nicht verraten, sondern erfühlt, erschrieben, und heraus kamen vier Geschichten, die vier verschiedene Schicksale beschreiben, stilistisch sehr unterschiedlich sind und dabei trotzdem auf einer Frequenz schwingen.

Einen anderen Berührungspunkt besitzen die Texte um die Wahrsagerin Syrena. Ausgehend vom Ursprungstext, einer Geschichte von Martina Weyreter, nahmen sich Sylta Purrnhagen, Marty Kaffanke-Fuchs und Walburga Müller jeweils eine Nebenfigur vor und gaben ihr ein Schicksal, ähnlich wie in einer modernen Netflix-Serie. So erscheinen die Figuren immer wieder in einem neuen Licht.

Der Berührungspunkt des dritten Zyklus ist die Gattung Märchen. Form, Erzählweise, Symbolik und die dahinterstehende moralische Botschaft knüpfen an alte kollektive Erfahrungen an. Und genau jene tiefe, archaische Verbundenheit war der Anreiz, sich diese Literaturgattung noch einmal vorzunehmen und, angelehnt an alte Vorbilder und Figuren, Märchen neu und anders zu erzählen.

Außer den kollektiv inspirierten Werken sind über die Jahre Kurzgeschichten, Lyriksammlungen, autobiographische Werke, ganze Romane entstanden, es wurden Preise gewonnen und Lesungen veranstaltet. Die Autor:innen haben immer mehr zu ihrem individuellen Stil gefunden und sind dennoch vielseitig geblieben. Vielleicht ist genau das einer der großen Vorteile einer solchen Werkstatt: Man sieht über den eigenen stilistischen Tellerrand hinaus, wagt sich, angespornt durch das Beispiel der anderen, in neue, noch unerschlossene Bereiche oder entschließt sich zum Genre-Mix. Es kommt durchaus vor, dass sich eine gefährliche, aber hervorragend gemeisterte Landung auf dem Planeten Alpha Centauri, wie es bei Fritz Huth der Fall ist, nicht als Science Fiction, sondern als philosophischer Report einer Lebenskrise entpuppt, die nicht ins große Draußen, sondern ins Innere einer Beziehung führt. Schreibend lassen sich eben immerzu neue Welten erschaffen. Und in diese Welten wollen wir die Leserinnen und Leser einladen, nun, da die Tür zur Werkstatt weit offen steht und Licht hineinfällt.

EINE BUSHALTESTELLE IM NIRGENDWO

WARTEN AUF GODOT

Sylta Purrnhagen

Die Frau steht vor der Bank und wartet. Sie trägt ein geblümtes Kleid, über der Schulter eine geräumige Tasche. Sie ist nicht mehr jung, etwas füllig, die noch dunklen lockigen Haare hat sie am Hinterkopf zusammengesteckt.

Hinter ihr und der Bank erstreckt sich flaches Land, landschaftliche Öde bis zum Horizont, grau in grau, kein einziger grüner Grashalm, nur Geröll und Betonreste.

Die Bank ist schmutzig, hat schon bessere Zeiten gesehen. Sie war durchaus einmal ein Prunkstück, gefertigt aus schwarzem Gusseisen mit einer Sitzfläche aus Holz, die Dachträger mit filigranen Ornamenten versehen. Das Wellblech darüber allerdings, das die Wartenden vor Sonne und Regen schützen sollte, ist teilweise zerstört, zerstört wie das Land. Als die Straße neu gebaut war, hatte der Präsident, der – wie man sagt – Kunstsinn besitzt, an allen Haltestellen derartige Bänke aufstellen lassen. Etliche Male hat sie auf dieser Bank gesessen und auf den Bus gewartet.

Die Frau fasst nach ihrer Tasche, befühlt den Inhalt. Sie ertastet die wenigen Habseligkeiten, die sie bei sich hatte, bevor die Bomben fielen. Als die politische Lage sich in diesem Teil des Landes zuspitzte, hat sie stets ihr erspartes Geld und wichtige Papiere bei sich getragen. Bisher war ihr Dorf verschont geblieben. Doch nun ist alles anders.

Gestern hat die Frau ihren Sohn besucht, der in den Bergen mit seinen fünf Ziegen in einem kleinen Steinhaus lebt und Käse produziert, den er auf dem Markt verkauft. Sie haben auf der Bank vor dem Häuschen gesessen, als die Rebellen über ihr Dorf herfielen, Handgranaten warfen und wild um sich schossen. Wie erstarrt mussten Mutter und Sohn zusehen, wie der Ort unten im Tal in Schutt und Asche zerfiel. Lange haben sie überlegt, was zu tun sei und schließlich beschlossen, am nächsten Tag zu versuchen, an die Küste zu kommen. Dort würden sie das Fährschiff besteigen, um irgendwo in Europa darauf zu warten, dass wieder Frieden einkehre in ihr Land. Die meisten jüngeren Mitglieder der Familie sind diesen Schritt bereits gegangen.

Heute morgen hat der Sohn seine Ziegen auf den kleinen Transporter gehoben und ist in das zerstörte Dorf gefahren. Ich werde die Ziegen verkaufen und sehen, was aus deinem Haus noch zu retten ist, hat er gesagt. Sie solle zur Hauptstraße laufen und dort auf ihn warten.

So steht sie also hier an der ruinierten Straße und wartet. Sie weiß nicht mehr, wie lange schon. Wie gerne würde sie sich setzen, doch sie denkt an ihr Kleid, das beschmutzt werden könnte. Ein Neues wird es so bald nicht geben.

Die Frau seufzt. Warten auf Godot, denkt sie. Sie kennt das Theaterstück von Samuel Beckett, hat es vor Jahren mit ihrem Mann in der Hauptstadt gesehen. Bei der Erinnerung an den Verstorbenen fliegt ein Lächeln über ihr Gesicht und sie schaut mit neuer Zuversicht in die Ferne.

Sicher wird er bald kommen – der Sohn…

HOCHZEITSWEIN

Walburga Müller

Es ist noch früh am Morgen. Die beiden Frauen haben das Dorf hinter sich gelassen und treten aus dem Schatten der letzten Häuser heraus. Vor ihnen liegt eine flache, öde Ebene, bedeckt mit Kies und Steinen. Hier läuft man auf der Straße, Bürgersteige gibt es nicht. Und die wenigsten Menschen in dieser Gegend besitzen ein Auto.

Eine der Frauen trägt ein gemustertes Sommerkleid und weiße, flache Schuhe. Die schwarze Tasche rutscht ihr immer wieder von der Schulter. Die andere, etwas jüngere Frau hat über ihrer weißen Bluse eine Kamera umgehängt. Es ist eine neue Kamera und die silberne Metallumrandung blitzt auf, wenn die Sonne durch den wolkenverhangenen, schwülen Himmel scheint.

Die ältere Frau bleibt stehen und blickt zurück zu ihrer Begleiterin. Sie scheint etwas gesehen zu haben, bückt sich, fokussiert ihre Kamera auf etwas, das auf dem Boden krabbelt, richtet sich auf, geht einen Schritt weiter und verlangsamt ihn wieder.

„Rosa, wenn wir in diesem Schneckentempo gehen, verpassen wir den Bus. Du scheinst es nicht eilig zu haben, in die Stadt zu kommen.“

„Ich komme.“ Die Angesprochene wird nicht schneller, als sie auf die wartende Frau zugeht und bleibt stehen, als sie sie erreicht.

„Was ist los? Lass uns weitergehen.“

„Maria, ich muss dir etwas sagen. Ich kann Carlos nicht heiraten.“

„Was?“

„Ich kann deinen Bruder nicht heiraten, ich liebe ihn nicht.“

Maria schaut ihre Schwägerin entgeistert an. „Aber Carlos und du, ihr kennt euch doch schon ewig. Carlos weiß ganz genau, was du dir wünschst, er hat dir sogar diese Kamera geschenkt, wieso willst du ihn jetzt plötzlich nicht mehr…“

„Ich werde sie ihm zurückgeben.“

„Er hat dich immer geliebt, immer! Weißt du das eigentlich? Schon, bevor du dich für José – Gott hab ihn selig – entschieden hast. Und jetzt…“

„Ja, ich habe José geliebt, nicht Carlos, und deshalb kann ich ihn nicht heiraten.“

„Und wann ist dir das eingefallen? Du hast ihn sogar schon geküsst! Vor Zeugen! An dem Abend, als du den Wein geholt hast. Den guten. Aus dem Keller.“

„Ja, ich weiß, aber ich war…“

„Wir haben immer gesagt, wenn es einen besonderen Anlass gibt, dann hol den guten! Und du musst doch noch wissen, was du gesagt hast. Schaut mal, das ist der Hochzeitswein. Ja, genau, das sagtest du, Hochzeitswein. Und dann hast du…“

„Ja, ich weiß doch. Ich war beschwipst. Keine Ahnung, warum ich das gesagt habe. Das ist mir rausgerutscht und da bist du schon aufgesprungen und hast uns beglückwünscht und Carlos umarmt und gestrahlt.“

„Aber du hast doch die Flasche geöffnet und eingeschenkt. Und wie du dann zu Carlos getänzelt bist und ihm das Glas gereicht hast und dabei hast du ihn geküsst. Oder etwa nicht?“

„Ja, wir haben uns geküsst, aber ich hatte auch wirklich ein bisschen viel getrunken. Und du warst so eifrig. Als hättest du alles geplant.“

„Jetzt bin ich auch noch schuld. Rosa, das ist deine Chance. Wie willst du denn als Witwe weiterleben? Meinst du, du findest in deinem Alter noch einen anderen Mann? Schau mich an, ich kann mir noch nicht mal neue Schuhe leisten.“ Es soll scherzhaft klingen, aber die Stimme zittert. „Bei Carlos bist du gut aufgehoben, er liebt dich und ich glaube..“, Maria zögert und fährt fort: „Er hat die ganzen Jahre auf dich gewartet.“

„Wie meinst du das – er hat auf mich gewartet. Maria, du willst doch nicht sagen, dein Bruder hat nie geheiratet, weil er auf mich ge-war-tet hat?“

Rosa schüttelt ungläubig den Kopf und fasst ihre Schwägerin an den Schultern.

„Ich weiß, du willst, dass Carlos glücklich wird. Du hast dich immer um deine Brüder gekümmert und gesorgt, und, ja es muss schrecklich für dich sein, aber Carlos und ich..wir würden nicht glücklich werden. Er ist immer nur ein guter Freund gewesen, mehr nicht.“

Maria reißt sich los.

„Und warum sind wir unterwegs in die Stadt? Wir wollten zum Schneider, dein Kleid anpassen und Carlos möchte einen neuen Anzug. Er wartet schon auf uns. Wozu das alles noch?“ Der Zorn in ihrer Stimme ist unüberhörbar.

Da sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen, setzen sie ihren Weg fort, schweigend und jede in ihre Gedanken versunken. So erreichen sie schließlich die Bushaltestelle. Die schwarzen Eisenträger, kunstvoll verziert mit Schwungbögen und Ornamenten, stellen einen bizarren Gegensatz zu der kargen Landschaft dar. Das Wellblechdach ist in der Mitte abgebrochen und dient nur noch zur Hälfte als Schattenspender.

Maria betrachtet kurz die Holzbank, die unter dem Dach steht, holt ein Tuch aus ihrer Tasche und wischt die Bank ab. Dann erst setzt sie sich hin. Unruhig spielt sie mit den Trägern ihrer Tasche und wagt nicht, Rosa anzuschauen, die ihr amüsiert zugesehen hat.

„Ich bin dir nicht böse, falls du das denkst“, fährt Maria fort, „aber ich verstehe es nicht. Für Carlos wäre es doch auch gut, wenn er nicht allein wäre und jemand hätte, der für ihn da ist.“

„Wie meinst du das?“ In Rosa keimt ein Verdacht auf. Maria, José und Carlos. Die drei Geschwister haben früh die Mutter verloren und Maria übernahm wie selbstverständlich die Mutterrolle. Sorgte für ihre jüngeren Brüder. Es war sicher nicht einfach für sie, den Überblick zu behalten und sich mit den Aufgaben im Haus vertraut zu machen. Doch damals, bei Rosas Hochzeit mit José, war sie längst in ihre Aufgaben hineingewachsen. Freute sich, wenn ihr etwas besonders gut gelang. Und behielt das Sagen, als sie alle vier zusammen in dem großen Haus wohnten. Rosa respektierte sie, half ihr, so gut es ging.

In dem Jahr, als José starb und beide Frauen um den Ehemann und Bruder trauerten, vollzog sich eine Veränderung bei Maria. Immer öfter saß sie auf der Bank vor dem Haus, ließ die Arbeit ruhen und sah in die Ferne über die öde Landschaft hinweg. Manchmal hatte sie eine Zeitschrift dabei, Reisemagazine aus alten Beständen, die der Kioskbesitzer aus dem Dorf für sie zurückhielt. Und einmal hatte sie es sogar versäumt, das Abendessen vorzubereiten, so weit war sie mit ihren Gedanken entfernt.

Auch jetzt schaut Maria über die Straße hinweg zum Horizont, ein endloses Bild aus Steinen und Kies. Ein leises Motorengeräusch ist zu hören, das die Stille durchbricht. Es ist ein Flugzeug, das von dem kleinen Regionalflughafen gestartet ist und in Kürze in dem grauen Himmel verschwinden wird.

Rosa folgt Marias Blick und schlagartig wird ihr klar, was ihre Schwägerin vorhat.

„ Maria, woran denkst du?“

„Wieso fragst du? Nichts.“

„Doch! Weißt du was? Es geht dir gar nicht darum, dass ich versorgt bin, sondern du willst, dass dein Bruder eine Frau bekommt, damit du…damit du wegkommst. Du willst verreisen, gib es doch zu!“

„Und wenn es so wäre? Er war letzte Woche beim Arzt, seine Zähne sind sehr schlecht. Und nicht nur das. Seit einiger Zeit humpelt er, weil er Schmerzen hat. Wahrscheinlich die Hüfte. Wer weiß, was als nächstes kommt. Mein ganzes Leben lang habe ich mich um ihn gekümmert, jetzt möchte ich auch mal etwas für mich tun.“ Maria schaut sie herausfordernd an.

Rosa fängt an zu lachen. „Alleine?“

„Was alleine.“

„Willst du alleine verreisen? Du warst noch nie weiter weg als von hier bis zur Stadt.“

Rosa hält ihre Kamera vor die Augen. „Steh auf, ich mache ein Foto von dir. Das schenken wir dann Carlos. Und dann verreisen wir zusammen.“

„Ich weiß nicht, was soll das jetzt? Bleibst du dabei, dass du Carlos nicht heiraten willst?“

„Wir finden schon eine Lösung für ihn. Komm, steh auf.“

Maria erhebt sich, hängt die Tasche um die Schulter.

„ Komm, lächel etwas, ja so ist es gut.“ Rosa geht einen Schritt zurück, während sie das Zoom einstellt und auf den Auslöser drückt.

„Vorsicht!“, ruft Maria und ihre Schwägerin bleibt ruckartig stehen, als ein Auto hinter ihrem Rücken hupend vorbeifährt.

„Du stehst ja halb auf der Straße.“

„Sonst bekomme ich dich nicht in voller Größe drauf, komm, noch mal lächeln“, erwidert Rosa und geht noch einen Schritt zurück, schaut durch den Sucher und drückt ein zweites Mal auf den Auslöser. Klick. Die Kamera spult zurück und Rosa entnimmt ihr die Filmrolle.

Wieder ein Hupton, diesmal lang und dröhnend. Rosa springt instinktiv einen Schritt nach vorne, die Kamera fällt ihr aus der Hand, rollt auf die Straße und wird von den Rädern des heranfahrenden Busses zermalmt, der erst nach einigen Metern zum Stehen kommt. Rosa schreit auf. Das, was einmal ihre Kamera war, bedeckt wie schwarzglänzendes Konfetti den Asphalt. Die Splitter des Objektivs sind bis zur Bushaltestelle geflogen, vor der Maria noch steht, die wie erstarrt der Szene zugeschaut hat. Vorsichtig, damit sie nicht in die Scherben tritt, geht sie auf die Straße zu Rosa, die verstört über den schwarzen Teppich aus Metall schaut und in ihrer Hand die Filmrolle fest umklammert hält. Behutsam nimmt Maria das Teil aus ihrer Hand.

„Die schöne Kamera! Das war knapp, Rosa. Aber wenigstens ist die Filmrolle heil geblieben. Was meinst du: Ob Carlos sich über das Foto freuen wird, wenn wir auf großer Reise sind?“ Sie hakt ihre Schwägerin unter und steigt mit ihr in den Bus.

DU BIST NICHT 21

Martina Weyreter

Viktor hörte noch, wie die Tür des Seminarraums hinter ihm zufiel. Dann rannte er die Treppe hinunter. Wie hätte er auch jetzt noch der Professorin zuhören können, die über deutsche Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts referierte? Wahrscheinlich hatten Alex und Ercan das Foto sogar gesehen, obwohl er, Viktor, das Handy sofort herumgedreht hatte. Wahrscheinlich wussten alle Bescheid: der Vibrationsalarm mitten im Seminar, der die vielen strebsamen Gedanken im Raum zerrissen hatte, und seine Reaktion, der schnelle Blick unter den Tisch, das Zusammenzucken, das Aufspringen, Tasche greifen, Bücher, Stifte, das Durchquetschen zwischen den Stühlen, die Flucht. Bei dem Bild hatte als Absender der Name Lena gestanden, und er hatte doch allen von Lena erzählt. Von ihrem Profil bei der Online-Partnerbörse für armenische Frauen, die nach Deutschland wollten. Und von den vielen langen Chats über Tausende von Kilometern hinweg, auf Armenisch und auf Deutsch, denn Lena studierte ebenfalls Germanistik, konnte sogar sehr gut Deutsch. Viktor wollte immer eine Freundin aus seiner alten Heimat, eine, die seine Vergangenheit teilte. Keine von den Tussis mit Stroh im Hirn, die sich in Deutschland nur ein bequemes Leben machen und sonst nichts tun wollten. Und sie sah auch noch toll aus, lange braune Haare, schlank und ein süßes Lächeln.

Immer weiter, unten zum Hauptausgang raus, über den Campus. Was würde er denen antworten auf ihre Fragen? Den Termin mit Dr. Schneider um 14 Uhr musste er trotz allem einhalten, konnte nicht einfach nach Hause. Hinter einem Baum setzte er sich schließlich ins Gras. Die Sonne schien schon recht warm; er sah andere Studis über den Campus gehen, lachend und sich unterhaltend, ohne Sorgen, Nachrichten in ihre Handys tippend. Nahm am Rande das Klingeln von Fahrrädern wahr, das alltägliche Surren der Heckenschneider und Rasenmäher, die das weitläufige Gelände in Ordnung hielten. Erst jetzt schaute er das Bild, das Lena geschickt hatte, genauer an. Es zeigte eine Frau mittleren Alters, die an einer Bushaltestelle mit marodem Wellblechdach wartete, inmitten einer kargen armenischen Landschaft.

Warum suchte er sich nicht einfach hier vor Ort eine Freundin? In den Seminaren oder in der Mensa waren doch viele nette Mädels. Mehr als eine davon hatte bereits zu verstehen gegeben, dass sie ihn nicht von der Bettkante stoßen würde. Aber darum ging es nicht. Die wussten ja nicht mal, wo Armenien lag.

Erst gestern Abend hatte er wieder zwei Stunden lang mit Lena gechattet. Sie wohnte in einem Dorf nicht weit von Jerewan und erzählte oft von ihren Eltern, die als Landarbeiter kaum Geld verdienten und wollten, dass sie, Lena, es einmal besser haben sollte. Trotzdem musste sie in den Semesterferien in der Fabrik schuften, um sich ihr Studium irgendwie zu finanzieren. Gestern hatte sie im Garten die ersten Aprikosen geerntet und ihm Bilder davon geschickt, armenische Aprikosen, die Nationalfrucht! Viktor hatte Heimweh bekommen bei diesem Anblick, so süß und saftig, und sich im Supermarkt Aprikosen gekauft, aber die hatten nichts von dem Duft und der Zartheit, die er von daheim kannte. Er scrollte nach unten, um die Aprikosen noch einmal sehen zu können. Und noch weiter nach unten, zu dem Gedicht von Rilke, das Lena ihm am Wochenende geschickt hatte:

Ist Zeit nichts? Auf einmal kommt doch durch sie dein Wunder. Daß diese Arme, gestern dir selber fast lästig, einem, den du nicht kennst, plötzlich Heimat versprechen, die er nicht kannte. Heimat und Zukunft.

Lena war immer noch online. Er wusste, dass sie auf eine Antwort wartete. Ja, wahrscheinlich war alles ein Fehler und er hatte sich umsonst aufgeregt, sie hatte einfach ein falsches Foto angeklickt und versehentlich verschickt, das war wirklich lustig, denn es konnte jedem passieren. Er grinste erleichtert bei diesem Gedanken. Lena hatte den gleichen Humor wie er. Wie hatten sie beide gelacht, als er ihr die Cartoons geschickt hatte, die Angela Merkel aufs Korn nahmen? Ganz klar, er würde auch dieses Spielchen mitspielen.

Du bist nicht 21? tippte er schließlich ein, gefolgt von drei Smileys.

In fünf Minuten war das Seminar zu Ende, dann würden Alex und die anderen rauskommen und versuchen, ihn zu finden. Er sollte sich besser schon mal ein paar gute Antworten überlegen. Nicht dass jemand noch anfinge, Geschichten herumzuerzählen.

Jetzt kamen einige Studis mit prall gefüllten Tabletts aus der Mensa und suchten sich schattige Plätzchen auf der Wiese für ihr Mittagessen. Da war niemand, den er kannte, und trotzdem fühlte er sich beobachtet. Es gab schon wieder Spaghetti Bolognese, Nudeln hingen über die Tellerränder, daneben randvolle Schüsselchen mit Griesbrei und Kirschquark. Die durchsichtigen Bibliothekstragetaschen landeten im Gras, Rapmusik tönte aus einem Handy. Ein Pärchen tauschte Küsse aus.

Viktor wandte den Blick ab und gähnte. Er hatte sich in den letzten Wochen angewöhnt, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen, damit er noch mit Lena chatten konnte, bevor sie in die Fabrik musste. In Armenien war es ja dann schon acht. Abends auch drei Stunden früher zu Bett zu gehen fiel ihm leider sehr viel schwerer.

Da, das musste ja kommen, eine SMS von Alex. He Alder, was’n los mit dir? las Viktor. Lena würde nie so formulieren, die hatte ihren Schreibstil von anderen Vorbildern. Trotzdem war sie es auch, die ihm geraten hatte, sich möglichst viele deutsche Freunde zu suchen und an Wochenenden alles Sehenswerte in und um Frankfurt anzuschauen und zu genießen, denn das helfe gegen das Heimweh, das sich manchmal um sein Herz legte wie ein Mantel aus Eis.

Lena hatte immer Antworten für ihn, sie überblickte Dinge im Leben, die ihm wie undurchdringliche Mauern schienen, und hatte Ideen, auf die er nie gekommen wäre. Sie war die Traumfrau, und deshalb hatte er Katrin heute morgen nach dem Kolloquium von ihr erzählt und ihr sein Lieblingsbild von Lena gezeigt, auf dem ihre braunen Haare im Wind wehten und ihre Augen träumend in die Ferne blickten. Aber bei genauerem Hinschauen hatte Katrin nur gelacht und gesagt: Das ist Kim Kardashian.

Was, wer soll denn das sein, nein nein, das ist Lena, vielleicht sieht sie ja jemandem ähnlich, und klar könnte man sie sich im Fernsehen vorstellen.

Nein, das ist Kim Kardashian, und zwar so, wie sie vor ungefähr 15 Jahren aussah. Katrins Freundinnen nickten: Inzwischen kämpft die ja auch schon mit den Falten.

Blöde Kühe, hatte Viktor gedacht, aber dann vorsichtshalber auf dem Klo Kim Kardashian gegoogelt, von der er noch nie gehört hatte, und ja, das war sie. Nur deshalb hatte er Lena in der kurzen Pause vor dem Literaturseminar geschrieben: Das bist nicht du auf dem Foto? Wie dumm von ihm. Er wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen, wünschte, es wäre nie passiert. Die Antwort kam dann wortlos: Nur das Bild von einer Frau, die seine Mutter hätte sein können, auf den Bus wartend und offensichtlich froh gelaunt trotz der einsamen Landschaft, die sie umgab.

Das Vibrieren des Handys riss ihn aus seinen Gedanken. Eine Nachricht von Lena, wieder ohne Worte, denn diesmal schickte sie nur eine Zahl: 58. Viktor zuckte zusammen, als er sie las. Dann wurde er wütend. Seine Daumen zitterten, während er tippte und tippte und sich vertippte, aber nicht wie sonst zurückging, um seine Fehler zu korrigieren. Welchen Sinn hätte das jetzt noch gehabt?

Warum magst du denn Kim Kardashian nicht? fragte Lena zurück. Die finde ich toll. Kommt aus den USA, ist aber armenischer Abstammung. Vor ein paar Jahren war sie sogar zu Besuch hier und hat sich für die internationale Anerkennung des Völkermords an den Armeniern stark gemacht.

Das Display verschwamm vor Viktors nassen Augen, immer wieder musste er das Gerät an seiner Jeans trocken wischen. Er sah nicht mehr die Schimpfwörter und Flüche, die er in dem gerundeten, eleganten Schriftbild seiner Muttersprache ausstieß; er wollte nichts hören von Lenas Busfahrt nach Jerewan zum Shoppen, als ihre Freundin und Begleiterin sie in ihrem besten stadtfeinen Kleid fotografiert hatte. Und ja, sie habe tatsächlich Germanistik studiert, damals in den Achtzigern. Keine Lüge. Zwei Semester sogar in der DDR, in Leipzig, bevor die engen armenischen Familienbande sie bewogen, nach Hause zurückzukehren und den Lebensunterhalt für ihre Eltern und jüngeren Geschwister mitzuverdienen. Aber sie vermisse Deutschland sehr. Wahrscheinlich sehe Leipzig heute ganz anders aus. Irgendwann, wenn sich um ihre alten Eltern nur noch Gott kümmern müsse, und wenn sie das Geld zusammengespart habe, würde sie gerne wiederkommen. Ich weiß, es wird klappen.

Längst verlangte der Akku nach einer Aufladung, Viktor wusste, es blieb keine Zeit mehr für sinnlose Worte. So schickte er nur einen Smiley und einen Daumen, der nach oben zeigte.

„Mann, hier bist du! Wir haben dich überall gesucht!“

Viktor erschrak, als Alex und Ercan aus dem Nichts plötzlich vor ihm standen.

„Zoff mit deiner Lena, was? Oh je, sieh dich mal an. Was war denn das für eine komische alte Schnepfe auf dem Bild, das sie dir geschickt hat?“

In diesem Moment vibrierte das Handy wieder, und Viktor las, statt zu antworten, die sorgfältig ausgewählten Zeilen Rilkes:

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort, siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher, aber wie klein auch, noch ein letztes Gehöft von Gefühl. Erkennst du's? Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem

Absturz blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.

Er lächelte und stand auf. Schnell holte er das Bild von der Bushaltestelle wieder aufs Display zurück und hielt es Alex vor die Nase, der erstaunt einen Schritt zurück trat.

„Das ist meine TANTE Lena! Und stellt euch vor, sie will mich besuchen kommen!“

DAS GEBLÜMTE KLEID

Marty Kaffanke-Fuchs

Wieder und wieder betrachtete sie das Bild, das die Kollegin von der Schreibwerkstatt ihr als Anregung für eine Geschichte geschickt hatte. Als Anregung von außen, weil ihr in den letzten Wochen einfach nichts einfallen wollte, worüber sie schreiben könnte. Zu besetzt waren ihre Gedanken von der Situation, in der sie sich gerade befand, zu gebunden ihre seelischen und körperlichen Kräfte, ihrem Mann beizustehen, der schon monatelang an dieser schweren Krankheit litt. Und die er tapfer aushielt, weil er doch noch auf ein wenig Aufschub hoffte, bevor sich die Tür endgültig hinter ihm schließen würde. Oder das große Tor öffnen? Sie wusste in all der Zeit nicht, wie er wirklich zu dieser Frage stand. Er lebte im Hier und Jetzt, ertrug tapfer seine zunehmenden Beschwerden, genoss jede kleine Alltagsfreude – sei es ein Telefonanruf, eine Begegnung mit bekannten Gesichtern auf der Straße, eine schöne Musik im Radio, das Betrachten der Fotos seiner Enkel, ein gutes, von ihr zubereitetes Essen, von dem er nur immer kleiner werdende Portionen zu sich nehmen konnte. So sollte es für ihn noch eine Weile weitergehen, so wünschte er es sich – in dieser wohltuenden freundlichen Normalität seiner eng gewordenen Welt.

Und sie hatte das zu respektieren, als lebten sie in ganz gewöhnlichen Zeiten. Dass er bald (wie bald?) nicht mehr da sein würde, war kein Thema ihrer Erörterungen. Keine Verfügungen seinerseits, das wirklich Notwendige war ja lange erledigt, keine Hinweise für die Zeit „danach“. Wenn sie nach bestimmten Bankvorgängen fragte oder sich Passwörter nennen ließ, gab er Auskunft – ach ja, ich hatte im Herbst zwei neue Sommerreifen bestellt, die aufgezogen werden müssen, wenn die Winterreifen gewechselt werden, sagte er beiläufig. So balancierte sie auf einem Grad zwischen Alltäglichem und Existenziellem, das ihr Denken beherrschte und ihre Gefühle in ständiger Anspannung hielt, über das sie aber nicht sprechen durfte.

Wenn eine Freundin ihr Beispiele ihres eigenen Schreibens schickte – Gedichte, kleine autobiografische Analysen – las sie diese mit großem Interesse, flüchtete sich in die Texte wie auf kleine Inseln in einem aufgewühlten Meer, gab Hinweise, machte Vorschläge zu Änderungen. Aber selber schreiben? Etwa zu diesem Foto von der lächelnden Frau im geblümten Sonntagskleid unter dem maroden Dach eines Buswartehäuschens? Da regte sich nichts. Mit Deutungen über die ausgetrocknete Landschaft und das zerfetzte Dach der Haltestelle wollte sie sich nicht befassen. Vor allem die Verbindung zu dem Lächeln der Frau blieb ihr verschlossen. So lag das Bild lange unkommentiert auf ihrem Schreibtisch.

Dann nahmen die Dinge schneller als erwartet ihren weiteren Verlauf. Neue MRTs und Untersuchungen wurden notwendig. Ihr Mann musste ins Krankenhaus, der Aufenthalt dort zog sich hin, sein Zustand verschlechterte sich täglich, es zeichnete sich ab, dass er nicht mehr zurück nach Hause kommen würde. Nun folgten tägliche Besuche ins entfernte Krankenhaus, mit nervigen Fahrten auf der meist überfüllten Autobahn, die sie zusätzlich anspannten. Die aufblühenden Sträucher und Hecken in der Landschaft, die grünen Saaten nahm sie nicht wahr. Die Stunden im Krankenhaus und der Klinikalltag wurden zu ihrem neuen Tagesrhythmus. Sie aß seine Klinikmahlzeiten, von denen er selbst nur noch winzige Mengen vertragen konnte, reizloses Kartoffelpüree, weiße Soßen, Apfelmus. Mit den winzigen Knöpfen seines MP3-Players kam er nicht mehr zurecht, so verzichtete er weitgehend auf Musik, auch das Fernsehen interessierte ihn nicht mehr. Aber er nahm aufmerksam das Glockengeläut der beiden nahen Kirchen durch den offenen Fensterspalt wahr und den Gesang der Vögel im engen Geviert des Klinikgartens. Die aufgrünenden Girlanden der Trauerweide, die bis zu seinem Fenster hinaufreichten, freuten und berührten ihn. Auge und Ohr waren geschärft für diese zarten Reize, denen er sich willig hingab. Die Angehörigen des italienischen Schneiders im Nachbarbett begrüßten ihn inzwischen wie ihren eigenen Verwandten. Das freute ihn und er strahlte Maria, der Tochter, jedes Mal entgegen, wenn er sie erblickte. Auch jeden sonstigen Besuch, und sei es nur für Minuten, empfing er als Geschenk.

Aber womit konnte sie ihn sonst noch erfreuen? Ein kleines Eis aus der Cafeteria, tiefgefrorene Erdbeeren von zu Hause, ein eigenes Gedicht aus ihrer Sammlung, das sie ihm vortrug? Dann fiel ihr Blick zu Hause wieder einmal auf das Blatt auf ihrem Schreibtisch. Die ältere Frau darauf, nicht viel jünger als sie, in ihrem geblümten Kleid, dem offenen Blick und einem erwartungsvollen Lächeln. Was bewegte sie, während sie auf den Bus wartete? In einer verheerten Umgebung, von der sie offenbar keine Notiz nahm? Wohin aber war sie unterwegs mit ihrer Handtasche – und zu wem?

Dann kam ihr die Inspiration:

Sie verbannte den Wintermantel auf den hintersten Haken, zog ein helles Kostüm und leichte Schuhe an, frisierte sich sorgfältig, schminkte sich ein wenig, schnitt im Garten ein paar knospende Forsythienzweige ab und machte sich durch den dichten Verkehr auf, als würde sie zu einem Treffen mit ihrem Mann fahren wie in der Anfangszeit ihrer Beziehung.

Als sie lächelnd durch das Krankenzimmer auf ihn zuging, leuchteten seine Augen: Wie schön du dich heute gemacht hast!

DIE WAHRSAGERIN

SYRENA

Martina Weyreter

Der Tod lag in Position eins. Die Liebenden in Position fünf. Der Turm auf zehn. Feuerzungen schlugen aus den schwarzen Mauerluken, die Fenster blind, und Gesteinsbrocken polterten auf die Erde. Syrena war, als könne sie das dumpfe Aufschlagen hören. Es sah nicht gut aus für Theo. Sei vorsichtig, hörte sie sich jetzt sagen, diese Frau, deine Verabredung morgen, da sehe ich wenig Chancen.

Sie sah, wie Theos Mundwinkel nach unten sackten und sein blasses Gesicht noch ein wenig blasser wurde. Na ja, sagte er, schade, und starrte für eine Weile auf den Boden, bevor er mit seinen viel zu langen Armen nach dem Rucksack griff und umständlich den Fünfzig-Euro-Schein herauszog. Syrena stand auf und ging zur Tür. Danke nochmal fürs Hertragen, sagte sie mit Blick auf die Kisten, die sich im Flur stapelten. Theo nickte hastig und lächelte: gerne wieder.

Als er weg war, öffnete sie eine der Kisten und nahm einen Packen Flyer heraus. Sie waren gut geworden; in seinem Beruf als Drucker taugte dieser Theo wahrscheinlich mehr als in der Liebe. Syrena, die mystische Künderin von der Insel des Odysseus, kennt deine Zukunft. Höre ihre Offenbarungen. Darunter Telefonnummer und Webadresse. Keine Preise natürlich, die wollten die Leute gar nicht wissen. Stattdessen das leicht verschwommene Bild eines Fabelwesens, einer schönen Frau mit Flügeln, die aussah, als ob sie engelsgleich singen konnte. Ein durch und durch gelungenes Design, das Geschäft würde brummen. Nicht einmal der, der sie gedruckt hatte, konnte ja offenbar widerstehen.

Syrena trank schnell eine Tasse Kaffee, dann war es bereits Zeit für den nächsten Termin. Sie wischte ein paar Kekskrümel von ihrem schwarzen Gewand, dessen Stoff so weich floss wie die Wellen an einem griechischen Strand, und zog den dicken schwarzen Lidstrich nach. Einmal rasch die Haare kämmen, bis sie üppig über die Schultern kaskadierten. Aufrecht drehte sie sich vor dem großen Standspiegel mit Ebenholzrahmen, einem Familienerbstück. Eine echte Sirene. Genau so mussten die ausgesehen haben. Es klingelte an der Tür.

Diesmal waren es die Zehn der Kelche und die Drei der Münzen. Sie ließ die Kundin noch einmal mischen und legte einige weitere Karten aus, darunter die Sonne. Ihre Fotoausstellung wird ein voller Erfolg, hörte sie sich sagen. Sie werden Auftragsarbeiten reinkriegen, warten Sie es ab. Es kam nicht oft vor, dass die Karten eine so klare Aussage machten. Wirklich?, hauchte die rothaarige Dickmadam Mitte 50. Die kam in den letzten Monaten immer mal wieder. Aus Weißrussland oder so stammte die, hatte auch schon ein paar ihrer Freundinnen auf Empfehlung vorbeigeschickt. In diesen Ländern glaubten ja alle an solche Dinge. Da konnte man problemlos einen Hunderter verlangen.

Am nächsten Morgen regnete es. Ein zu schnell fahrendes Auto spritzte Schlamm auf Syrenas Jeans. Sie hasste die Termine bei der Arbeitsagentur. Und jetzt auch noch der Knaller: Die nette Frau Friedberger, die sonst für sie zuständig war, war in eine andere Dienststelle versetzt worden; jetzt saß da eine Frau Krass, die durch eine randlose Brille Syrenas Akten musterte und dabei ihre spitze Nase rümpfte.

„Müller, Birgit“, sagte sie langsam, jede Silbe einzeln rollend, und sah Syrena an.

„Doktor Müller.“

„Müller, Birgit, 33 Jahre, Altgriechische Philologie auf Lehramt, Promotion zu Homers Odyssee mit Schwerpunkt Sire….“ An dieser Stelle brach sie in Gelächter aus. „Tatü, tata, tatü, tata, was?“

Birgit starrte Frau Krass mit einem Blick an, als ziele sie mit einem Schwert auf sie. Das war nicht komisch. Und Sirenen keine harmlosen, friedlichen Geschöpfe.

„Und die Postdoc-Stelle leider nur befristet. Seit einem Jahr Hartz IV. Also, Frau Müller, machen Sie sich keine Sorgen, das kriegen wir hin, mit Büroarbeit sind Sie ja vertraut, bei Lohmann & Co. brauchen sie immer Bürokräfte, und…“ Bla, bla, bla. „Da bringen wir Sie ganz fix unter, tatü, tata, sozusagen, gell?“

Birgit kannte das schon. Wäre Frau Krass keine Frau, dann müsste sie für ihre Dummheit bezahlen. Stattdessen wieder mal ein Vorstellungstermin in einer Firma für Autoteile, Bleistifte, Wurstwaren oder was auch immer. Sie würde Syrena sein, wenn sie hinginge in ihrem langen schwarzen Gewand, und im Gespräch ganz nebenbei ein paar unheilvolle Prophezeiungen über die Zukunft des Unternehmens einflechten. Das zog immer. Die würden es gar nicht erwarten können, sie hinauszukomplimentieren.

Theo rief am nächsten Tag an und erzählte unter Tränen, wie sein großes Date in die Hose gegangen war. Was könne er nur tun, um doch noch irgendwann das Glück in der Liebe zu finden? Geh mal zur Psychotherapie, dachte Syrena, oder zum Kraftsport. Kopf hoch, Schultern zurück, Brust raus. Und wechsle ab und zu deine Socken.

„Die Karten wissen es“, sagte sie stattdessen, „komm nach Feierabend zu mir.“

Gut sah das Bild aber auch heute nicht aus. Die Farbe Rot dominierte, überall durchstochene Herzen und bluttriefende Sonnen, dick und sämig tropfte es, und dann die Zehn der Schwerter, die den Körper eines einsamen Wandersmannes durchbohrten, der in einer Schneewüste lag. In einer roten Lache rann das Leben aus seinem schon bleichen Leib.

Man muss das positiv sehen, sagte Syrena, es kann auch die Chance auf einen Neuanfang bedeuten. Schlimmer war, dass Theo kein Geld dabei hatte. Vielleicht morgen, sagte er, doch sie hatte eine andere Idee. Er würde seine Schuld ableisten, er würde die Flyer für sie austragen, sie in Buchhandlungen und Supermärkten an Pinnwände heften und in der ganzen Stadt an Laternenmasten kleben und U-Bahnhöfe damit auskleiden. Der dachte wohl, er käme hier gratis davon.

Wann denn das alles, fragte Theo, ich muss doch arbeiten, soll ich etwa nachts noch rumfahren, aber Syrena drückte ihm wortlos eine der Kisten in die Hand, die er erst zwei Tage zuvor gebracht hatte. Es begann soeben zu schneien und der Wind zog an, genau wie auf der Karte mit dem Wandersmann.

Am nächsten Morgen lag die Stadt unter einer weißen Decke. Wütend stapfte Birgit nach Hause; ihr schwarzes Gewand schleifte im Schnee, und Feuchtigkeit zog langsam durch den Seidenstoff ihre Beine hinauf. Diese Vorstellungsgespräche waren das Letzte, aber man musste hingehen, damit einem der Staat weiterhin die Miete bezahlte. Sie hatte sich als Sirene vorgestellt, nicht als Verwaltungskraft. Im alten Griechenland habe jeder Geschäftsmann zunächst auf ein gutes Omen gewartet, bevor er einen Deal tätigte, hatte sie dem schnurrbärtigen Personalmanager erklärt, und die Firma Lohmann & Co. dürfe sich glücklich schätzen, so unverhofft die Beratung einer Sirene auf ihre Seite zu bekommen. Aber der hatte direkt Frau Krass angerufen und sich lauthals beschwert, sie sei ja zwar nur von der Arbeitsagentur, aber sie möge doch bitte keine kompletten Psychopathen mehr schicken. Die wollen dich fertigmachen, dachte Syrena und blieb stehen, um den Saum ihres Gewandes auszuwringen. Aber Sirenen sind unsterblich. Auch wenn die bei Lohmann & Co. keine Ahnung von so etwas haben.