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Ava ist eine junge Frau mit einem klaren Plan im Leben. Ihr Traum ist es, als Creative Director in einer namhaften Agentur zu arbeiten und mit ihrer grossen Liebe Henry eine Zukunft aufzubauen. Doch das Leben hat einen anderen Plan für Ava. Durch Zufall lernt sie den Freigeist Santi kennen. Die Begegnung weckt längst vergessene Träume in ihr. Sie beschliesst auf Weltreise zu gehen, bereist unzählige Länder, lernt wunderbare Menschen und atemberaubende Orte kennen. Doch dann ändert sich ihr Leben schlagartig. Eine Pandemie befällt die Welt und Avas Leben steht plötzlich Kopf. Sie verliert sich immer mehr in einem Strudel aus unausgesprochenen Gefühlen. Wird Ava den Mut finden, sich ihnen zu stellen?
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Über die Autorin:
Saskia Roth, Jahrgang 1992, wohnhaft in Zürich. Schon seit frühster Kindheit interessierte sie sich für die Welt um sie herum. Nachdem Studium und ein paar aufregenden Jahren im Marketing machte sie sich auf zur Weltreise. Bereiste wundervolle Orte rund um den Globus und lernte sich und die Welt ein Stück besser kennen. Neben dem Reisen zählt das Schreiben von Geschichten und die Musik zu ihren größten Leidenschaften.
DAS LEBEN
DER VERRAT
EINE UNVERHOFFTE BEGEGNUNG
DIE ENTSCHEIDUNG
DIE PLANUNG
NUR NOCH WENIGE WOCHEN
DAS ABENTEUER BEGINNT
01. OKTOBER.2019
KAPSTADT
ENTLANG DER GARDENROUTE
CHINA ON A SHOESTRING
DAS LAND DER AUFGEHENDEN SONNE
VIETNAM
DAS INSELKIND IN MIR
SINGAPUR
EIN NEUER KONTINENT
NEUSEELAND – SÜDINSEL
NEUSEELAND – NORDINSEL
HOLA BUENOS AIRES
UND PLÖTZLICH PLATZT DIE SEIFENBLASE
DIE RETTUNG
DAS LÜGENGEBILDE
DIE REISE GEHT WEITER
DAS HERZ TANZT IM DREI - VIERTEL-TAKT
QUER DURCH EUROPA
EIN NEUES LEBEN
DAS LIED DER MELANCHOLIE
VERPISST EUCH DÄMONEN
DER WANDEL
Die Blicke der zahlreichen Menschen in der Kirche waren auf uns gerichtet. Leises Flüstern aus der vierten Reihe war zu vernehmen. Die Wände und die verzierten Beiglasfenster der Kirche erzeugten einen ehrwürdigen Moment. Mein Herz pochte leicht vor Aufregung und ich spürte, wie mich meine Gedanken an einen anderen Ort führten wie so oft, wenn die Aufregung an mir nagte. Ich dachte an den Moment zurück, ich war gerade mal vier Jahre alt, als der Sand das erste Mal meine Füße kitzelte und mir die Meeresbrise um die Nase wehte. Es war ein ganz normaler Tag im Juli, als meine Eltern und ich ans Meer fuhren. Für mich war dieser Tag besonders. Denn es war das erste Mal, dass ich mich verliebte. Es war kein Mensch, der mein Herz zum Brennen brachte. Es war der blaue Riese mit seinen unbändigen Wellen, der mich an diesem Tag das erste Mal begrüßte. Das feuchte Nass auf meiner Haut fühlte sich an wie eine wohlig warme Umarmung. Dies war durchaus, einer der glücklichsten Momente meiner Kindheit. Ich versuchte mich wieder ins hier und jetzt zu holen und suchte nach den Gesichtern meiner Mutter und meines Freundes. Sie waren hier nur für mich, saßen auf den Kirchenbänken und schauten dem Treiben gebannt zu.
»Ava Black«, hörte ich meinen Namen vom Rednerpult aus dem Mund eines fülligen Mannes mittleren Alters. Er blickte mich mit weichen Augen und einem leichten Lächeln im Gesicht an. Sein Anzug passte genau und dass wenige Haar auf seinem Haupt war zu einem Mittelscheitel frisiert. Ich spürte, wie sich meine Füße in Richtung Rednerpult bewegten. Begleitet durch Applaus, der sich in den Mauern der Kirche vervielfachte. Am Rednerpult angekommen, schüttelte ich die Hand des Mannes und nahm mein Diplom entgegen. Nach drei harten Jahren des Studierens hatte ich es endlich geschafft. Das langersehnte Diplom, welches mir neue Türen öffnen sollte. Ich nickte dem Mann nochmals zu und begab mich zurück zu meinen Kommilitonen. Mit diesem Abend neigte sich eine Ära meines Lebens dem Ende zu. Ich war mir sicher, am kommenden Montag würde sich mein Leben vollständig ändern. Doch nun war es Zeit zu feiern. Nach der Diplomübergabe begab ich mich zu meiner Mutter und meinem Freund, die mir beide mit einem strahlenden Lächeln gratulierten. »Das hast du toll gemacht, meine Süße«, sagte meine Mutter stolz. Sie schenkte mir einen Kuss auf die Wange und umarmte mich innig. Ich lächelte, denn ich wusste, dass die Diplomübergabe für sie fast wichtiger war als für mich selbst. Den mit diesem Diplom war ich meinen Traumjob nun einen Schritt näher. »Deine Mutter hat recht Schatz, wir sind beide richtig stolz auf dich«, fügte mein Freund lächelnd an. Ich griff nach seinem schwarzen Hemd und zog ihn an mich, um ihm einen Kuss zu geben. Er wusste gar nicht, wie glücklich ich war, dass er heute anwesend war. Selbstverständlich war das nun mal nicht. Seit zwei Jahren führten Henry und ich eine Fernbeziehung. Wir lernten uns vor zweieinhalb Jahren auf einem Straßenfest kennen. Damals versuchte ich an einem der aufgestellten Pop-ups Bars einen Drink zu ergattern, was sich zunächst als sehr schwierig herausstellte. Und dann drängte sich auch noch ein Mann mit breiter Schulter, eingehüllt in einer blauen Jeansjacke neben mich. Sein Oberkörper lehnte er nach vorne an die Bar, sodass ich sein Gesicht nicht erkennen konnte. Wie unhöflich dieser Typ doch war, dachte ich. Ich tippte ihm auf die Schulter und schnauzte ihn mit den Worten:
»Hey Blödmann, stell dich hinten an!«, an. Kaum waren die Worte aus meinem Mund entflohen, schauten mich zwei glänzende grau-grüne Augen an. Sie begutachteten mich von oben bis unten und er fing an zu lächeln. »Hätte ich gewusst, dass du so durstig bist, hätte ich mich natürlich hinter dich gestellt«, sagte er amüsiert. Sein Blick änderte sich dabei nicht. Er musterte mich und fügte dann an: »Also, schöne Unbekannte mit den unglaublichsten grünen Augen, die ich je gesehen habe, wenn ich es schaffe, uns beiden einen Drink zu bestellen, darf ich dann mehr von dir erfahren?« Ich willigte ein und spürte, wie sich eine leichte Gänsehaut durch meine Körper zog. Natürlich, wie konnte es auch anders sein, schaffte er es, zwei Drinks zu bestellen und wir setzten uns auf eine Mauer gegenüber der Bar und schauten dem Treiben der Menschenmenge zu. »Ich bin Henry«, stellte er sich vor. »Ava«, antwortete ich und schaute ihm tief in seine wunderschönen Augen. Wir redeten und lachten stundenlang. Alles um uns herum verschwamm, und ich konnte mich nur noch auf sein männliches, leicht kantiges Gesicht konzentrieren. Henry sah unglaublich aus. Seine vollen Lippen und sein lockiges braunes Haar mit seinem einfachen, aber klassischem Stil faszinierten mich. Hinzu kam, dass er unglaublich witzig und wortgewandt war. Wir beide spürten, wie sich in dieser kurzen Zeit etwas entwickelte. Ein kleines Feuer war entfacht. An diesem Abend tauschten wir Nummern aus und schrieben die nächsten Tage immer wieder miteinander. Da ich mich gerade in der Prüfungsphase des Semesters befand, war es für uns nicht möglich, uns so schnell zu daten. Die Zeit bis zu unserem ersten Date fühlte sich wie eine halbe Ewigkeit an und dann, ja, dann war der Tag unseres Dates. Wir spazierten durch die Stadt, kauften uns einen Kaffee und setzten uns wieder auf die Mauer, an der wir uns kennengelernt hatten. Kitschiger hätte es nicht sein können, doch genau an dieser Stelle kam es auch zu unserem ersten Kuss und ein paar Tage später waren wir offiziell ein Paar. Noch nie war ich mit einem Mann so glücklich wie mit Henry. Er verkörperte meinen Traummann und auch ich war die Frau, nach der er so lange gesucht hatte. Das Schicksal hingegen meinte es nicht allzu gut mit uns. Eines Abends, wir waren gerade drei Monate zusammen, erzählte mir Henry von einem einmaligen Job-Angebot. Nur war dieses in Berlin. Über 600 km würden uns trennen, sollte er es annehmen. Natürlich war ich erst mal geschockt, verzweifelt und gleichzeitig voller Liebe für Henry. Ich wusste, dass es für ihn eine einmalige Chance war. Wie hätte ich ihm diese nehmen sollen. Wir redeten an diesem Abend lange miteinander und entschieden uns dafür, erst einmal eine Fernbeziehung zu führen. Wir waren uns sicher, keine Distanz würde uns auseinanderbringen und es sollte auch nicht für immer sein. Drei Monate später zog Henry nach Berlin.
Nun war er hier bei mir, wenn auch nur für drei Tage. Die Distanz, so fand ich, brachte uns auch nicht auseinander. Im Gegenteil, ich fühlte mich ihm so nah. Jedes Mal, wenn wir uns sahen, war da diese riesige Vorfreude und man genoss bei jedem Besuch die Zeit zu Zweit.
Nach der Diplomübergabe verlagerte sich die Party in ein Zunfthaus aus dem 16. Jahrhundert. In einem Saal tischten die Angestellten ein reichliches Buffet mit kleinen Kanapees in verschiedenen Sorten auf. Der Saal war riesig, die Decke gute fünf Meter hoch, der Boden aus hochwertigem Parkett und an den Wänden hingen verschiedene goldgerahmte Bilder. Meist handelte es sich um berühmte Persönlichkeiten aus der Stadtgeschichte, die ich nicht kannte. Wir unterhielten uns mit den anderen Gästen, tranken ein Glas Prosecco und ließen uns vom Fotografen für die Website der Uni fotografieren. Nach zwei Stunden des höflichen Gesprächsaustausches, verabschiedeten Henry und ich uns von meiner Mutter und meinen Kommilitonen und machten uns auf den Weg zu unserem Platz. Mittlerweile war es schon fast zur Tradition geworden, wenn Henry hier war, zu der Mauer zu gehen, etwas zu trinken und einfach zu reden. »Ich bin so stolz auf dich, Ava!«
Henry lächelte mich an. »Sag mal, wirst du deinen Chef am Montag wegen der Beförderung zur Creative Director ansprechen?«, fragte er mich. Ich nickte und lächelte dabei. »Natürlich wirst du das, wie sollen sie auch Nein sagen. Du hast es verdient, meine Schöne.« Henry wusste immer, wie er mich ermutigen konnte. War ich mir mit einer Sache nicht sicher, war er das letzte Puzzleteil, das mich vorantrieb. Und dass, obwohl wir eigentlich sehr verschieden tickten. Henry ist der klassische Karrieretyp.
Seit der Zeit nach dem Master-Studium arbeitete er stetig daran, die Chefposition zu erreichen, von der er träumte. Henry besitzt diese seltene Art von Ehrgeiz. Von zu Hause aus wurde ihm vieles in den Schoss gelegt, aber auch sehr viel erwartet. Seine Eltern waren beide Anwälte. Er war seit seiner Kindheit gewohnt, sein Bestes zu geben. Aufgeben oder sich mit weniger zufriedenzugeben, das kannte er nicht. Seine Eltern bezahlten ihm die besten Privatschulen und auch ein Studium in den USA wollten sie ihm ermöglichen. Doch das lehnte er damals stolz ab. Für ihn war es jedoch wichtig, alles aus eigenem Antrieb zu schaffen und für seine Wünsche hart zu kämpfen, es seiner Familie zu beweisen und vor allem sich selbst. Dafür, so sagte er einmal, wäre er auch bereit, über Grenzen zu gehen und knallhart mit sich selbst zu sein. Während der Studienzeit arbeitete er jeweils bis spätnachts als Barkeeper oder Türsteher in einem Club und am Tag besuchte er die Universität. Henry war bei allem, was er tat, stets kontrolliert. Arbeitet bis spätnachts und meldet sich nie krank. Doch bei mir, da ließ er sich fallen. War liebevoll und ließ seine verletzliche Seite zu. Und ich? Ich war das Gegenteil, verträumt, kreativ und neugierig. Mir ging es nicht darum, eine Position auf dem obersten Treppchen der Karriere-Leiter zu ergattern. Lieber wollte ich einen Job, der mich glücklich machte und in dem ich mich kreativ ausleben durfte. Genau so gab es aber für mich weit wichtigere Dinge, das Leben selbst und glücklich zu sein, war für mich tausendmal erstrebenswerter.
Ich lächelte und schmiegte mich an Henry. Wir genossen das ganze Wochenende zusammen, bis zu dem schmerzhaften Zeitpunkt, an dem ich ihn an den Flughafen begleitete und mich von ihm verabschieden musste. So schön jedes Wiedersehen auch war, ihm jedes Mal tschüss zu sagen und zu sehen wie er hinter dem Abflugbereich verschwand, zerriss mich innerlich. Doch wir hatten uns dafür entschieden. Zwei Jahre sollte es maximal so weitergehen. Bis dahin zählte ich die Tage und versuchte, mir einen Namen in der Werbebranche zu machen, damit es kein Problem war, in Berlin eine geeignete Werbeagentur zu finden oder als Freelancerin zu arbeiten.
Am nächsten Tag öffnete ich gut gelaunt meine Augen und machte mich hübsch für die Arbeit. Heute war ein besonderer Tag, deshalb zog ich meine weiße Satinbluse, die schwarze Anzugshose und meine neuen schwarzen Lederboots an. Im Gesicht legte ich ein zartes Tages-Make-up auf, trug rosafarbenen Lipgloss und frisierte mein braunes Haar zu einem Dutt. Ich schaute in den Spiegel und war mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Ich lächelte und sagte zu meinem Spiegelbild: »Heute ist mein Tag!« Ich schloss die Wohnungstür hinter mir und machte mich auf den Weg zu meinem Arbeitgeber Adex. Die berühmteste Werbeagentur des Landes. Wenn du dir hier einen Namen in der Branche verschaffen kannst, dann hast du es geschafft. Das war auch mein Ziel! Seit nun bald vier Jahren arbeitete ich für Adex als Werbeassistentin und half hie und da auch schon als Creative Director aus. Vor ein paar Monaten wurde die Stelle als Creative Director bei Adex frei. Natürlich hatte ich mich sofort auf die Stelle beworben. Stan, mein jetziger Chef und Inhaber von Adex sicherte mir die Stelle praktisch schon zu. Die Bedingung war allerdings, dass ich mein Studium in Kommunikation mit Bravour bestand. Nun ja, das hatte ich erreicht, und heute war nun unser Gespräch bezüglich der Beförderung. Sollte Stan Wort halten, würde es keine große Sache werden und davon ging ich aus. Ich betrat die Eingangshalle von Adex, welches in einem roten, futuristischen Design eingerichtet war. Rot war die Lieblingsfarbe von Stan. Sowohl das Logo, ein schwungvolles goldenes A, auf rotem Hintergrund als auch Teile der Wände und des Mobiliars, waren in verschiedenen Rottönen gehalten. Es hatte durchaus Stil. Betrat man die Agentur, sah man als erstes das goldene Logo an der roten Wand. Davor saß Carla, die Empfangsdame, an ihrem Tisch und begrüßte alle, die eintraten mit einem fröhlichen Lächeln. Ich begrüßte sie mit einem freundlichen Winken, dass Carla mit einem Lächeln erwiderte. Carla gehörte praktisch schon zum Inventar von Adex und war immer für ein Schwätzchen zu haben. Man konnte sagen, sie war die gute Seele hier. Ich drückte den Knopf im Aufzug und wählte die Nummer 5. Ohne Umschweife erreichte ich die oberste Etage und lief in Richtung von Stans Büro. In meiner Magengegend breitete sich plötzlich das Gefühl von Nervosität aus. Warum war ich nur so nervös? Es gab keinen Grund, der gegen mich sprechen würde, dachte ich. Ich atmete kurz durch, strich meine Hosen glatt und klopfte an das Vorzimmer von Stan.
Helen, die Assistentin von Stan, öffnete mir die Tür und zeigte auf einen der freien roten Stühle. »Stan ist noch in einer Besprechung, aber er ist gleich für dich da«, erzählte sie mir mit ihrer fast schon pipsigen Stimme. Ich nickte und setzte mich auf einen der freien Stühle. Helen widmete sich wieder ihrem Computer, tippte eifrig in ihre Tastatur und würdigte mich keines weiteren Blicks. Ich schaute mich im Vorzimmer um.
Helens Tisch war ordentlich aufgeräumt. An den Wänden hingen ein paar Auszeichnungen, die Adex in den letzten Jahren gewonnen hatte, und es roch nach Kaffee. Das Benzin jeder guten Werbeagentur. Vor mir auf dem kleinen Salontisch lagen ein paar Magazine mit Berichten über Adex. Ich fiel in einen Tagtraum und stellte mir vor, wie ich mein zukünftiges Büro einrichten würde. Auf jeden Fall eine gemütliche Lounge für Meetings mit Kunden und Mitarbeitern. Ein paar tolle Zitatbilder an den Wänden von Holstee und eine riesige Wohnzimmerpflanze. Gemütlich und dennoch elegant. Würde ich die Tür jeweils schließen oder eine Open-In-Strategie fahren? Durch das ruckartige Öffnen einer Tür wurde ich schlagartig aus meinem Tagtraum herausgerissen. Es war Stans Tür, die sich nun geöffnet hatte. Aus der Tür traten Ludwig und Stan. Ludwig arbeitete seit ein paar Monaten als Sales Consultant bei Adex. Er gehörte zu den Typen, die mit Labern und Umgarnen alles kriegen konnten, wonach sie lechzten. Zudem war Ludwig mit seinem naturblonden Haar, seiner kräftigen Statur und seinem Lächeln wie aus einer Zahnpasta-Werbung ein absoluter Hingucker. Was man von seinem Charakter hingegen nicht wirklich behaupten konnte. Ludwig war egoistisch, faul und wusste ganz genau, wie er seinen Charme einsetzen musste, damit er seine Ziele erreichte. Das wusste ich, da ich in dieser kurzen Zeit, nennen wir es das Vergnügen hatte, mit ihm zusammenzuarbeiten. Was sie wohl für eine Besprechung hatten?, fragte ich mich. Stan schien mich noch nicht gesehen zu haben, denn seine Blicke, gehörten immer noch Ludwig. »Das Gespräch war sehr erfreulich Ludwig, schick mir deine Ideen zur Gestaltung des Büros einfach per Mail«, sagte Stan freundlich zu ihm. Ludwig nickte und schaute mich kurz an, bevor er aus dem Vorzimmer verschwand. Nun entdeckte auch Stan mich, jedoch verfinsterte sich seine Miene leicht. »Ah Ava, schön dich zu sehen«, begrüßte er mich freundlich und zeigte mit einer leichten Handbewegung, dass ich ihm ins Büro folgen sollte. Noch immer klang der letzte Satz mit der Gestaltung des Büros in meinen Ohren. Ich fragte mich, wozu Ludwig ein eigenes Büro benötigte? Normalerweise war er mehrheitlich beim Kunden und wenn er im Büro war, quatschte er gerne mit den Ladys aus der Buchhaltung. Ich versuchte die Gedanken zu verdrängen, lächelte Stan zu und folgte ihm ins Büro. In Stans Büro hingen ein paar Auszeichnungen, Fotos von seiner Familie und Bilder von seinen Ironman-Wettkämpfen. Stan war mit seinen 45 Jahren fitter als manch zwanzigjähriger. Sein Kopf war kahlrasiert, sein Gesicht hart wie sein Kampfgeist und auf seiner Stirn bildeten sich ein paar Falten. War Stan nicht mit seiner Arbeit beschäftigt, dann war er am Joggen, Radfahren oder Schwimmen. Seit fünf Jahren verpasste er keinen einzigen Ironman. Er war durch und durch eine Sportskanone und wünschte sich das auch von seinen Mitarbeitern. Ich konnte nicht mal aufzählen, wie viele Mails ich von ihm bekam, mit der Aufforderung, am nächsten Ironman teilzunehmen. Ich lehnte es jeweils freundlich ab. Ich bin zwar nicht unsportlich, aber als Sportskanone würde ich mich nun auch nicht bezeichnen. Meist ließen sich dennoch ein, zwei Mitarbeiter finden, die sich für den Sport begeistern konnten. Und auch wenn der einzige Grund war, die eigenen Karriereoptionen zu erhöhen. Wenn ich mich recht erinnerte, war auch Ludwig seit ein paar Wochen in Stans Sportgruppe. Ich setzte mich auf den Stuhl am runden dunkelroten Tisch und suchte nach Stans Blick. »Du hast also dein Studium erfolgreich abgeschlossen, herzlichen Glückwunsch Ava.« Stan setzte sich mir gegenüber und musterte mich. Ich fragte mich, ob ihm wohl aufgefallen ist, dass ich mich besonders schick gemacht hatte. »Danke Stan, ich bin so froh, endlich das Diplom in den Händen halten zu können«, erzählte ich freudig. Stan lächelte. Freudig fuhr ich fort: »Ich muss dir aber ehrlich sagen, ich konnte es kaum abwarten, bis es Montag wurde und ich endlich hier sitzen darf, um mit dir über meine Zukunft als Creative Director sprechen zu können. Stan, ich verspreche dir, ich werde die beste Creative Director sein, die du je hattest.« Sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht, was mich ehrlich gesagt ein wenig irritierte. Ich dachte, er würde sich genauso freuen wie ich mich. Stan räusperte sich.
»Ava, ich weiß deine Arbeit für unser Unternehmen sehr zu schätzen. Du bist eine wirklich gute Werbeassistentin. Aber Creative Director ist dann schon eine andere Hausnummer«, sagte er ernst. Meine Augen weiteten sich. Was wollte Stan damit sagen? Ich beugte mich leicht vor und schaute Stan direkt in seine haselnussbraunen Augen. Meine Stimme zitterte vor Aufregung. »Mir ist bewusst, dass die Arbeit als Creative Director einiges mehr von mir fordert. Doch ich habe bereits als Creative Director ausgeholfen. Ich liebe diesen Job. Zudem hast du mir gesagt, sobald ich mein Studium abgeschlossen habe, erhalte ich die Chance auf die Position.« Stan stand auf und stützte beide Hände auf dem Tisch ab. Seine Sorgenfalten standen nun stärker hervor. »Genau Ava, ich habe dir gesagt, du bekommst die Chance auf die Position. Nicht, dass du sie kriegst.
Es ist nun so, dass ich jemanden gefunden habe, den ich für qualifizierter und engagierter ansehe als dich. Es tut mir leid, Ava, aber die Stelle als Creative Director ist bereits besetzt.« Die Worte besetzt, qualifizierter und engagierter, hallten durch den Raum. Ich schaute Stan ungläubig an. War das wirklich sein Ernst? Wen hatte er denn anderes ausgewählt? Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen! »Ludwig!«, sagte ich laut. Natürlich deshalb auch das Büro, dachte ich. Stan schaute mich irritiert an. »Ludwig hat die Stelle erhalten, nicht wahr?«, sagte ich mit wütender Stimme. Stan nickte gelassen. »Ludwig ist die perfekte Besetzung für die Stelle. Er verfügt über die geeigneten Qualifikationen«, entgegnete er mir. »Oh ja, die Qualifikationen kann ich mir vorstellen«, rutschte es mir heraus. In meinen Gedanken spielte ich tausend Gründe durch. Bestimmt bevorzugte er Ludwig, weil er in seiner Sportgruppe war. Das verbindet und so jemand hat Ausdauer, waren sicher schlagfertige Gründe für ihn. Stan schaute mich entgeistert an. »Ava sei nicht lächerlich«, entgegnete er mir trocken. »Du bist eine wirklich gute Werbeassistentin, und ich möchte ungern auf dich verzichten.« Der Raum füllte sich mit einer drückenden Stille und ich konnte hören wie das Blut durch meinen Kopf sauste. Ich versuchte das Gesagte zu sammeln. War das eine Drohung? Wollte er mich kündigen, wenn ich nicht weiterhin als Werbeassistentin für ihn arbeiten möchte? Ich schaute Stan entgeistert an. Mir wurde heiß und kalt. Wie konnte mir Stan das bloß antun. Alle wussten, dass Ludwig weder über das nötige Know-how noch die Kreativität verfügte, die man für diesen Job benötigte. Niemals hätte ich gedacht, dass mich Stan hintergeht und denkt, ich wäre nicht gut genug für den Job. Mein Herz pochte so stark, dass ich das Gefühl hatte, es würde mir gleich aus der Brust springen. In meinem Kopf drängten sich nach wie vor die Worte und die selbstgefällige Stimme von Ludwig, bis sie sich vermischten und so laut wurden, dass ich keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen konnte. »Ich muss hier raus!«, schrie ich und verließ ohne ein Wort von Stan abzuwarten, sein Büro. »Ist alles in Ordnung, Herzchen?«, hörte ich Carla fragen, als ich am Empfang vorbeilief. Ich ignorierte sie und lief mit schnellen Schritten aus der Agentur und blieb erst stehen, als die Stimmen aus meinem Kopf verschwanden und sich mein pochendes Herz beruhigte.
Die Tränen liefen ohne Halt über meine Wangen. Ich kramte mein Handy aus der Tasche hervor, um Henry anzurufen. Ich brauchte jetzt seinen Trost. Es klingelte. Nach einiger Zeit meldete sich bloß die Combox. Verdammt Henry, warum bist du nie erreichbar!, dachte ich genervt. Nach Hause gehen wollte ich nicht. Ich musste mit jemanden reden. In der Nähe der Agentur lag das kleine Café namens Misdihei. Seit ein paar Wochen die Arbeitsstelle meiner Freundin aus Schulzeiten.
»Paula!«, drang es aus meiner Kehle, als ich das Café betrat. Paula lächelte mir freundlich zu. »Ava, schön dich zu sehen«, begrüßte sie mich. »Setzt dich, ich bin gleich bei dir.« Ich setzte mich an einen kleinen Tisch in der linken Ecke des Cafés. Das Café war im französischen Stil eingerichtet. Nicht modern, dafür umso gemütlicher. Es roch nach süßlichem Gebäck und frischgebrautem Kaffee. Paula stellte mir einen Cappuccino und ein Stück Schokoladenkuchen vor die Nase und setzte sich neben mich. Ich lächelte kurz, als ich den Schokoladenkuchen sah. Ich erinnerte mich an den Moment zurück, als Paula damals von ihrer Schwangerschaft erfuhr und weinerlich zusammenbrach. Ein Kind war nun wirklich das letzte was sie damals wollte. Sie hatte kein Geld und fühlte sich auch nicht bereit, sich um ein Kind zu kümmern. Um sie abzulenken, kaufte ich ihr damals eine riesige Wiener Sachertorte. In der Verpackung war ein Zitat von Anna Sacher, der Erfinderin der Sachertorte, beigelegt: »Wenn es im Herzen schmerzt, braucht der Mensch viel Süßes.« Von da an schenkten wir uns immer ein Stück Kuchen oder Torte, wenn es uns nicht gut ging.
Mit einem besorgten Blick schaute sie mich an. Eine schwarze Locke fiel ihr ins Gesicht und die viel zu große Brille verdeckte die leichten Sommersprossen auf ihrer Nase. Ihr rotes Rüschenkleid ließ ihre haselnussbraunen Augen besonders strahlen. Paula war das schönste Mädchen das ich kannte. Nach unserer Schulzeit war sie drauf und dran, ein erfolgreiches Model zu werden, doch dann wurde sie unerwartet schwanger. Sie blieb hier und arbeitete fortan als Kellnerin in Cafés. »Süße, was ist denn los? Alles in Ordnung mit Henry?«, fragte sie und tätschelte mit ihrer Hand meinen Arm. »Mit Henry ist alles in Ordnung Paula«, entgegnete ich ihr. »Was dann?«, fragte sie weiter. »Ich hatte heute ein Gespräch mit meinem Chef bezüglich der Beförderung. Die Stelle wurde einem riesigen Deppen zugeteilt, und ich darf bloß weiterhin die kleine Werbeassistentin spielen.« Paulas Augen weiteten sich und sie richtete mit einem Finger ihre Brille. »Ach Süße, das tut mir so leid, du hast dir die Stelle so gewünscht. Kann man da wirklich nichts machen?«
Ich schüttelte den Kopf und stocherte mit der Gabel im Kuchen herum. Die Krümel des Kuchens verteilten sich langsam auf dem Teller. Paula atmete laut aus. »Was willst du jetzt machen?«, fragte sie mich.
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich werde auf keinen Fall für Adex weiterhin als Werbeassistentin arbeiten. Das Problem ist bloß, wenn ich Adex verlasse, werde ich praktisch keine Chance erhalten, doch noch als Creative Director arbeiten zu können.« Paula nickte verständnisvoll. »Gibt es denn keine anderen Agenturen?«, fragte sie mich. »Doch schon, jedoch nicht mit dem gleichen Einfluss. Wenn du es bei Adex geschafft hast, dann schaffst du es überall«, entgegnete ich ihr. Paula nickte.
In diesem Moment betraten zwei Männer das Café und setzten sich zwei Tische weiter weg von mir. Einer von den beiden hatte einen riesigen orangen Rucksack dabei. Er trug langes schwarzes Haar, einen zerzausten Bart, war von der Sonne braun gebrannt und seine Arme waren voller Tattoos. Im Grunde sah er wie ein typischer Backpacker aus und dennoch konnte ich meinen Blick fast nicht von ihm abwenden. Ich war wie hypnotisiert. Der zweite Typ hatte helle Haut, trug ein seidenes blaues Hemd, eine schwarze Anzugshose und einen gleichmäßigen blonden Millimeterhaarschnitt. Unterschiedlicher konnten die beiden Männer nicht sein. Aus irgendeinem Grund hatten die beiden Männer meine volle Aufmerksamkeit, sodass ich anfing, sie zu beobachten, wie sich die beiden Männer angeregt unterhielten und lachten. Das Lachen des Backpackers war offen und herzlich. Solch ein Lachen konnte doch nur einem glücklichen Menschen gehören, dachte ich. Ob er es wohl war?
Von Paula nahm ich erst wieder Notiz als sie sagte: »Süße, ich muss kurz die anderen Gäste bedienen, ich bin gleich wieder für dich da.« Ich nickte gedankenversunken, nahm einen Schluck des Cappuccinos und schaute weiterhin den beiden Männern zu. Der Backpacker-Typ saß in meiner Richtung und schaute mich immer wieder an. Ich spürte, wie ich um die Wangen rot wurde. Er muss wohl bemerkt haben, dass ich sie beobachtete. Wie peinlich, dachte ich. Eigentlich wusste ich selber nicht, warum ich immer wieder in seine Richtung sah. Schließlich hatte ich Besseres zu tun. Ich musste mir klar werden, wie meine berufliche Situation in Zukunft aussehen sollte. Ich seufzte und schaute wieder hinüber zu den beiden Männern. Der Mann im Hemd schaute auf sein Handy, sagte etwas, dass ich nicht verstehen konnte, verabschiedete sich von seiner Begleitung und verließ das Café. Auch der Backpacker-Typ stand von seinem Platz auf. Doch anstatt das Café zu verlassen, lief er zu mir und blieb vor mir stehen. »Darf ich mich setzen?«, fragte er mit einem breiten Grinsen. Seine eisblauen Augen fesselten mich. Ich nickte automatisch. Der Mann ließ sich auf dem Stuhl, der noch vor einigen Minuten von Paula besetzt war, nieder.
»Ich habe gesehen, dass du mich und meinen Bruder die ganze Zeit beobachtet hast und da dachte ich, es wäre eine schöne Gelegenheit, mich zu dir zu gesellen. Ich bin Santi«, stellte er sich vor. »Ava«, hauchte ich. Was war bloß los mit mir? Es war ein wildfremder Mann, mehr nicht. Warum war ich dann so nervös? »Schöner Name Ava«, sagte Santi freudig. Noch immer konnte ich seinen hypnotisierenden Augen nicht entfliehen. Ich spürte wie er mich musterte. »Dass du mich und meinen Bruder beobachtet hast, ist ja kein Geheimnis. Aber sag mir lieber, warum du so traurig aussiehst?« Nun schaute Santi mich bedrückt an. War es so offensichtlich?, dachte ich. Oh Gott, was ist, wenn mein Make-up verlaufen ist und ich sitze nun hier mit schwarzen Flecken von der Wimperntusche im Gesicht. Das wäre ja richtig peinlich. Instinktiv fasste ich in meine Tasche und kramte den kleinen Taschenspiegel hervor, um mein Gesicht, einen kurzen Augenblick zu begutachten. Doch da war nichts. Es saß alles noch perfekt wie am Morgen. Santi fing an zu lachen. »Keine Sorge, du siehst hübsch aus Ava.« Ich wurde rot wie eine Tomate und lächelte verlegen. Wenn man es mir nicht direkt ansah, woher wusste er denn, dass es mir nicht gut ging oder war Santi bloß ein begnadeter Empathist? Als könnte Santi meine Gedanken lesen, sagte er: »Man sieht es dir nicht an, aber ich kann spüren, dass du verletzt bist. Ist quasi eine Gabe von mir.« Santi lächelte. Eigentlich war mir nicht nach Reden zumute. Zumindest nicht mit einem Fremden. Doch irgendwie fühlte es sich bei Santi richtig an. Ich erzählte ihm von meinem Morgen, vom Gespräch mit Stan und von der geschlossenen Tür, vor der ich stand. Santi hörte mir interessiert und verständnisvoll zu. »Das ist wirklich eine große und einschneidende Entscheidung, die du bald treffen musst, Ava«, sagte er. »Ich weiß nicht, ob es dir hilft, aber mir ging es vor einem Jahr nicht viel anders als dir.« Ich schaute Santi verblüfft an. »Wie meinst du das?«, fragte ich ihn. Santi guckte nachdenklich.
»Nun, vor gut einem Jahr sah ich noch aus wie mein Bruder. Der Businessanzug gehörte zur Grundausstattung in meinem Kleiderschrank. Ich arbeitete für ein großes Versicherungsunternehmen und befand mich auf der Karriereleiter hoch in die Chefetage. Und das ganz ohne Koks«, zwinkerte er. Ich kicherte. »Was ist dann passiert?«, fragte ich interessiert. »Meine Chefs verlangten immer mehr und mehr von mir.
Ich stand kurz vor einem Burnout. Da wurde mir klar, das kann nicht mein Leben sein und ich ging quasi von einem auf den anderen Tag auf Reisen.« Wow, was für eine Veränderung, dachte ich. »Das heißt, du warst jetzt ein Jahr auf Reisen?«, fragte ich neugierig. Santi nickte und fing an, von seiner Reise zu erzählen. Er erzählte mir, dass er innerhalb einer Woche seinen Job und sein WG-Zimmer kündigte, ein paar Sachen packte und mit dem Bus nach Tschechien fuhr. Von da aus ging es weiter mit dem Bus durch die Slowakei, die Ukraine nach Russland und von da aus nach Asien. In Thailand besuchte er eine Englisch-Schule und unterrichtete für ein paar Wochen Englisch. Nicht weil er das Geld brauchte, sondern weil er es einfach konnte. In Bangkok lernte er zwei Australier kennen, erlebte mit ihnen die wildesten Partys und lernte auf einem Schiff das Tauchen. Als die beiden den Nachhauseweg antreten wollten, entschloss sich Santi dazu, die beiden nach Brisbane Australien zu begleiten. Er wohnte für vier Monaten mit den beiden zusammen und lebte ein typisches Aussieleben, lernte surfen und besuchte die Sehenswürdigkeiten Australiens. Eines Abends in einer Bar lernte Santi einen kleinen Mexikaner namens Luis kennen, der ebenfalls die Welt bereiste. An diesem Abend entstand eine richtige Männerfreundschaft, obwohl Luis nur ein paar Brocken Englisch und Santi kein Spanisch sprach. Doch Santi meinte: »Die Liebe und die Freundschaft kennen keine unterschiedlichen Sprachen, denn sie ist universell. Wenn es passt, dann passt es einfach.« Ich schmunzelte. Santi begleitete Luis nach Südamerika. Sie reisten durch die Länder bis in Luis Heimatland Mexico. Die meiste Zeit verbrachten sie auf Holbox. Eine kleine Insel vor Yucatán. »Als ich auf Holbox am Strand saß und den Sonnenuntergang genoss, war für mich klar, hier will ich leben. Mit Luis zusammen eröffnete ich vor einem Monat eine Strandbar«, erzählte er verträumt. »Wie toll!«, kreischte ich heraus. Eine Strandbar, das wünscht sich doch fast jeder, dachte ich. Vor ein paar Jahren war ich selbst in Mexico im Urlaub und hatte die Insel Holbox besucht. Wirklich ein kleines Paradies auf Erden. Innerlich beneidete ich Santi für seinen Mut. »Weißt du Ava, es war die beste Entscheidung meines Lebens auf Reisen zu gehen. Die Strandbar, die Mexikaner, die Freundschaft zu Luis, all das macht mich unendlich glücklich.« Santis Augen funkelten. Ich seufzte. »Und, warum bist du jetzt wieder hier?«, wollte ich wissen. Santi schaute mich ernst an. »Das Leben in Europa holte mich ein. Ich muss noch ein paar bürokratische Angelegenheiten regeln. Zudem wollte ich auch mal wieder meine Familie besuchen.« Ich nickte. »Ich wäre gerne so mutig wie du Santi. Du hast gemerkt, dass dich die aktuelle Situation krank und unglücklich macht und hast sie geändert. Du wurdest beschenkt mit der Schönheit der Erde und neuen Freunden, wie wunderbar!«
Santi lächelte und nahm meine Hand in seine. »Ach Ava, das kannst du doch auch«, sagte er. »Auf Reisen gehen?«, fragte ich ungläubig. Santi schüttelte den Kopf. »Nun es muss nicht das Reisen sein. Es sei denn, es macht dich glücklich. Doch sei gewarnt, das Reisen ist nicht die Antwort auf deine Fragen, sondern nur du selbst. Aber manchmal hilft es, aus dem Alltag herauszubrechen.« Ich nickte gedankenverloren.
Santi erzählte mir noch einige Minuten weitere Geschichten seiner Reise, bevor wir die Nummern tauschten und er sich von mir verabschiedete. »Sag mal kanntest du den Mann?«, fragte mich Paula, nachdem Santi das Café verlassen hatte. Ich schüttelte den Kopf und erzählte ihr von Santi. »Erstaunlich«, meinte Paula nach einer Weile. »Vielleicht hat er recht, und du solltest wirklich für ein paar Tagen die Stadt verlassen.« Ich überlegte kurz und sagte dann: »Ich könnte zu Henry nach Berlin gehen.« Paula zuckte mit den Schultern und meinte: »Egal was du machst, es wird das Richtige sein.« Ich lächelte, drückte meine Freundin und verabschiedete mich von ihr. Die nächsten Tage meldete ich mich bei Adex krank und flog zu Henry nach Berlin. Santi hatte recht, ich sollte das tun, was mich glücklich machte und das war nun mal Henry.
Als Henry mich vom Flughafen Tegel abholte, lag eine eigenartige Stimmung in der Luft. Ich wusste, dass er nichts vom Krankfeiern hielt und er nicht zu den spontansten Menschen gehörte. Schließlich hatte ich ihm erst gestern Abend erzählt, dass ich für ein paar Tage nach Berlin kommen würde. Den Grund meines Besuchs hatte ich ihm verschwiegen. In seiner Wohnung setzten wir uns auf sein weinrotes samtiges Sofa. Er goss mir ohne ein Wort zu sagen, Ice-Tea in ein Glas und reichte es mir. Seine Miene war noch immer leicht grimmig. Ich kuschelte mich an ihn und seine Gesichtszüge wurden augenblicklich weicher. »Tut mir leid, dass ich am Flughafen so schlecht gelaunt war. Ich war bloß überrascht über den kurzfristigen Besuch. Du weißt ja, ich mag es nicht, meine Termine umzulegen«, sagte Henry. Ich gab ihm einen kleinen Kuss auf die Lippen und zog an seinem T-Shirt herum. Ich erzählte Henry vom Gespräch mit Stan und der fehlenden Beförderung. Die Begegnung mit Santi ließ ich fürs Erste außen vor. Es würde sich in den kommenden Tagen sicher ein Moment finden lassen, um auch über dieses Thema zu sprechen.
»Du hast einen besseren Arbeitgeber verdient«, sagte Henry liebevoll. Ich war froh, bei Henry zu sein. Seine Nähe tat mir unheimlich gut und ich konnte einfach abschalten. Ich wollte nicht mehr über meine berufliche Zukunft nachdenken, sondern einfach die Tage mit Henry genießen. Um mehr Zeit mit mir verbringen zu können, verschob er ein paar seiner Kundentermine auf die darauffolgende Woche.
In den Tagen spazierten wir die Museumsinsel entlang, genossen eine leckere Pizza bei unserem Lieblingsitaliener und liebten uns jeden Abend. Am zweitletzten Abend erzählte ich Henry von meiner Begegnung mit Santi, doch sein Interesse dafür war nicht wirklich groß. Henry meinte bloß: »Ava, eine Weltenbummlerin bist du doch gar nicht. Aber wenn du eine Veränderung brauchst, dann zieh doch einfach zu mir nach Berlin. Du findest hier bestimmt auch eine tolle Anstellung.« Natürlich war es ein schöner Gedanke, mit Henry zusammenzuziehen. Aber irgendwie fühlte ich mich noch nicht bereit dafür. Vielleicht war es auch der Gedanke, dass es sich mehr nach einer Flucht als nach einem Leben anfühlte. Zudem wusste Henry nicht, dass ich vor meinem Studium den Traum vom Reisen hatte, diesen jedoch für meinen Traumjob begrub. Doch seit meiner Begegnung mit Santi war dieser Traum stärker denn je. Ich versuchte die Gedanken zu vertreiben und genoss die letzten Stunden mit Henry, bevor es für mich zurück in meine Heimat ging. Eine Entscheidung musste dringend her doch nach wie vor hatte ich außer einem riesigen Fragezeichen keine Lösung im Kopf.
Am Montag setzte ich das erste Mal seit dem Gespräch mit Stan einen Fuß in die Agentur. Carla winkte mir wie immer freundlich zu. Auf dem Weg zu meinem Schreibtisch schauten mich die anderen Mitarbeiter bemitleidend an. Es musste sich wohl bereits herumgesprochen haben, dass ich den Job nicht erhalten hatte. Doch keiner traute sich, nur ein Wort zu sagen. Ich setzte mich an meinen Arbeitsplatz und fing an, die liegen gebliebenen E-Mails abzuarbeiten. Noch immer hatte ich keine Ahnung, wie es für mich weitergehen sollte. Was hatte ich denn groß für Optionen? In einer weniger namhaften Agentur den gleichen Job auszuüben oder doch bei Adex zu bleiben und zu hoffen, dass Ludwig den Job an die Wand fuhr. Insgeheim wünschte ich mir das Zweite und fing an zu kichern. In diesem Moment, wie konnte es auch anders sein, betrat Ludwig das Büro. Ich versuchte ihn so gut es ging zu ignorieren, doch sein herbes Aftershave betäubte bereits meine Nase. Jeder Fluchtversuch war ausgeschlossen, denn Ludwig stand nun hinter mir und tippte mit seinem Zeigefinger auf meine rechte Schulter. Ich drehte mich um und schaute in sein lächelndes Gesicht. »Ava Liebes, ich habe eine Aufgabe für dich«, sagte er schrill. Seine bloße Anwesenheit ließ mich schneller atmen.
»Du hast ja schon mal die Meetings mit den Kunden durchgeführt, kannst du bitte eine Präsentation vorbereiten und mir die wichtigsten Schritte aufschreiben?«, sagte er als wäre es selbstverständlich, dass ich seine Arbeit für ihn erledige. Ich schaute ihn genervt an, stieß einen leichten Seufzer aus und sagte: »Ludwig, das sind deine Aufgaben, welche man als Creative Director wahrnehmen muss, nicht meine.« Sein Gesicht verzog sich zu einer wütenden Grimasse.
»Du tust, was ich dir sage, ich bin dein Boss oder willst du deinen Job verlieren?!«, zischte er. Ich wusste ja von Anfang an, dass er nicht für den Job geeignet war. Doch dass Ludwig mir jetzt auch noch versuchte zu drohen, war einfach nur lächerlich. Obwohl Ludwig einen guten Kopf grösser war als ich, stand ich auf, schaute ihm direkt in die Augen und tippte mit meinem Zeigefinger auf seine Brust. »Ich werde deine Arbeit nicht für dich erledigen. Du bist bloß ein schleimiger Schwätzer«, zischte ich. Der Streit eskalierte und Mitarbeiter aus dem Büro nebenan versammelten sich im Türrahmen, um zu erfahren, was hier nun los war. Unsere Stimmen wurden immer lauter. Ludwigs Kopf rauchte mittlerweile rot vor Wut. Die ganze Situation fühlte sich an wie ein mentaler Boxkampf. Als wir beide gerade zum letzten Schlag ausholen wollten, schrie jemand aus der Richtung des Türrahmens: »Es reicht!« Verdutzt drehten sich Ludwig und ich zur Stimme um. Es war Stan, der die Szene beobachtet hatte und uns nun zornig anschaute. Endlich!, dachte ich. Nun würde Stan realisieren, dass Ludwig für die Stelle nicht geeignet war und er würde die ganze Sache nochmals überdenken und sich bei mir entschuldigen. Doch irgendwie muss es einen Riss im Zeit-Raum-Kontinuum geben. Statt uns beide ins Büro zu zitieren, nannte Stan bloß meinen Namen und ich folgte ihm in sein Büro. Im Büro angekommen schaute mich Stan noch immer zornig an.
»Ava, was ist mit dir bloß los?! Zuerst meldest du dich krank nach unserem Gespräch und jetzt willst du die Arbeiten nicht erledigen, die dir von deinem Vorgesetzten übergeben werden. Solch eine Unprofessionalität dulde ich nicht.« Ich öffnete meinen Mund und wollte Stan gerade die Situation erklären, doch anstatt mich anzuhören, sagte er bloß: »Ich will nichts hören, ok. Hiermit gibt es eine Verwarnung. Nochmals solch eine Fehlleistung und ich muss dich kündigen.« Ich schaute Stan entgeistert an und spürte, wie sich eine Wut in der Magengegend ausbreitete. »Stan, das ist nicht fair! Du glaubst ich bin nicht geeignet für den Job als Creative Director aber soll nun Ludwigs Arbeit erledigen, dass kann es doch nicht sein!«, kreischte ich lauter als gewollt. Stan nickte und schaute mich mit versteinerter Miene an. »Wie ich sehe, willst du deinen Fehler nicht einsehen Ava. Es tut mir leid, aber so kann ich dich hier nicht weiterbeschäftigen«, sagte Stan theatralisch. In diesem Moment blieb die Welt für eine Sekunde stehen. Hatte ich das gerade richtig gehört? Stan feuerte mich? Ich nickte ungläubig, schaute Stan böse in die Augen und verließ ohne ein weiteres Wort zu sagen, sein Büro und Adex. Es würde das letzte Mal sein, dass ich Adex von innen sah.
Traurig und noch vom Schock gelähmt schlenderte ich die Altstadt entlang. Ich war nun also meinen Job los. Mit diesem Satz kam auch die Existenzangst. Es schauderte mich am ganzen Körper. Doch dann dachte ich an Santi. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt. Sollte ich das vielleicht auch tun? Alles hinter mir lassen und meinen eigenen Weg gehen? Ich lief in Richtung des Hauptbahnhofes und überlegte mir, ob es doch eine Option sein könnte, zu Henry nach Berlin zu ziehen. In diesem Moment fiel mir im Augenwinkel ein riesiges, buntes Werbeplakat auf. Man sah ein kleines Küstenstädtchen mit farbigen Häusern, direkt am Meer gelegen. Am Horizont sah man, wie die Sonne unterging. Darüber in weißer Schrift der Slogan »Hören Sie auf zu träumen, leben Sie jetzt!« Ich dachte an Santis Bar. Ob ich die Bar jemals in meinem Leben sehen würde? Wann war ich eigentlich das letzte Mal richtig im Urlaub? Das muss schon Jahre her sein. Reisen und die Welt sehen. Ja, mich selbst spüren. Wie gut sich dieser Gedanke anfühlte.
Die Worte kreisten die nächsten Tage immer wieder in meinem Kopf herum. Zwei Wochen später besuchte Henry mich in unserer Heimat und wir kochten zusammen Penne à la Pesto Rosso, Henrys Lieblingsessen. Nach dem Essen gönnten wir uns ein Glas Wein und kuschelten auf dem Sofa. Mein Kopf lag auf Henrys Brust und er erzählte mir von seiner Arbeit. Wie viel er momentan zu tun hatte und über die neuen Projekte. »Wenn es so weiterläuft, dauert es nicht mehr lange, bis es zur Beförderung kommt«, meinte er stolz. Seine Worte fielen für mich in den Hintergrund. Ich starrte gedankenversunken auf mein Weinglas, als ich Henry in seiner Erzählung plötzlich unterbrach. »Ich glaube, ich gehe auf Weltreise.« Henry schaute mich verblüfft an. »Wie, was meinst du damit? Warum willst du reisen gehen?« Ich wippte mein Weinglas hin und her. »Reisen war immer schon ein Traum von mir und irgendwie fühlt es sich jetzt gerade richtig an.« Henrys Blick verdunkelte sich. »Liegt das an diesem Typen, den du im Café kennengelernt hast?«, fragte Henry mit eifersüchtigem Unterton. Ich schüttelte den Kopf. »Nein natürlich nicht. Mir ist klar geworden, dass es endlich mal um mich gehen muss. Ich brauche einfach einen neuen Blickwinkel und will mich lebendig fühlen.« Henry stand nervös vom Sofa auf und musterte mich. »Dich lebendig fühlen.« Sein Kopf wippte leicht hin und her.
»Ava, was soll der Quatsch. Nur weil du jetzt deinen Traumjob nicht erhalten hast, willst du fliehen? Und überhaupt, was ist mit mir?
Ich muss auf dich verzichten, nur weil du das Gefühl hast, du musst einem Pseudotraum nachrennen?!« Eine Erklärung ließ Henry an diesem Abend nicht mehr zu. Er verschwand einfach ins Schlafzimmer, schloss die Tür ruckartig hinter sich und ließ mich alleine mit meinen Gedanken und Gefühlen. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Warum will er mich denn nicht verstehen? Ja, ich hatte Henry nie von meinem Traum erzählt, weil es kein Thema war. Doch nun war es so. Natürlich war es viel verlangt. Doch ich unterstützte ihn ja auch bei seinen Träumen. Nie hatte ich ein schlechtes Wort darüber verloren, als er für seine Karriere nach Berlin zog. Wenn man jemanden liebt, ist es dann nicht das höchste, diesen Menschen glücklich zu sehen, egal welche Konsequenzen oder Herausforderungen es mit sich bringt? Ich brauchte Rat. Ich öffnete die Haustür und klingelte bei meiner Nachbarin Daria. Sie war nicht nur meine Nachbarin, sondern auch eine gute Freundin von mir. Wir kannten uns seit vier Jahren. Daria war ein paar Jahre älter als ich und arbeitete als Anwältin für Privatrecht. Daria war der Inbegriff für Weiblichkeit und Feminismus. Sie hatte keine Probleme, sich in einer Männerdomäne zu behaupten und wurde von jedem geschätzt. Wann immer ich in meinem Leben nicht mehr weiter wusste, Daria wusste die Antwort. Und nun brauchte ich sie mehr denn je. Daria öffnete in ihren gemütlichen blauen Einteiler die Haustür, eine blonde Haarsträhne klebte an ihrem rundlichen Gesicht. Sie lächelte mich herzlich an. »Hallo Ava, ist alles in Ordnung?«, fragte sie besorgt.
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich brauche deinen Rat«, entgegnete ich.
Wir setzten uns mit einem heißen Glas Tee an den Küchentisch.
Ich erzählte Daria von den letzten Wochen, meiner Kündigung bei Adex, von der Begegnung mit Santi, meinem Wunsch nach der Weltreise und der Reaktion von Henry. Daria hörte gebannt zu. »Ach Ava, das muss alles sehr viel für dich sein, fing sie an. Ich kann Henrys Reaktion jedoch verstehen, er liebt dich und hat einfach Angst. Aber wenn es wirklich dein großer Traum ist, dann solltest du gehen. Ich meine, wenn es die wahre Liebe zwischen euch beiden ist, werdet ihr die Zeit überstehen und zusammen daran wachsen. Und wenn du nicht gehst, wirst du es vielleicht irgendwann bereuen.« Ich nickte gedankenversunken. Wie so oft hatte Daria recht. Doch es war einfacher gesagt, die richtige Entscheidung zu treffen, als es dann wirklich zu tun. Daria umarmte mich und kurz darauf verabschiedeten wir uns. »Danke Daria für dein offenes Ohr«, sagte ich. Daria lächelte und meinte: »Du wirst schon die richtige Entscheidung treffen.« Die Haustür schloss sich hinter mir und ich machte mich auf den Weg zu meiner Wohnung. Vor meiner eigenen Haustür blieb ich stehen. Konnte ich wirklich von Henry verlangen, mich reisen zu lassen? Das Risiko einzugehen, dass wir uns mehrere Monate nicht sehen würden und vielleicht sogar unsere Beziehung aufs Spiel setzten? Andererseits hatte ich ihn auch gehen lassen. Er wollte nach Berlin für seine Karriere oder wie Henry immer so schön sagt, für unsere Zukunft. Im Grunde haben wir ja schon eine Fernbeziehung, bald wären es einfach ein paar tausende von Kilometer mehr als zuvor und auch das bestimmt nicht für immer.
