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Heitere, manchmal auch bittere Geschichten zum Nachdenken über die Zeit, in der wir leben und darüber, mit welchem Unsinn wir sie hin und wieder verbringen. Sie verlangen nach Ruhe, um gelesen zu werden. Nach einem Samstagnachmittag im bequemen Sessel, nach einer Parkbank mit alten Bäumen außen herum oder einem Liegestuhl im Garten. Sie brauchen nur ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit, dann fangen ihre Figuren an zu leben. Marie Foucault, wie sie die Schokolade auf ihrer Zunge schmelzen lässt, Herr Karl, wie er sich in seinem Fernseher widerspiegelt und Paula Possen, wie sie sich kein Auto, sondern ein Fahrrad mit gemütlichen Reifen kauft. Sing Sang, wie er sich mit einem Eichhörnchen unterhält.
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Seitenzahl: 48
Veröffentlichungsjahr: 2016
Gewidmet sind diese Geschichten Sebastian, Caroline, Alexa, Kristina, Kris, Naomi, Lea, Oliver, Joseph, Mabinti und in der nächsten Generation, nach augenblicklichem Stand der Fortpflanzung und damit vorbehaltlich Ergänzung, Scarlett, Aaliyah und Roo.
„Das Glück meiner Untertanen ist wichtiger, als das Bruttosozialprodukt.“
Seine Majestät
Jigme Singye Wangchuk
Der vierte König von Bhutan
1970
1) Der Kanzler der anfängt zu denken
2) Der Brief des Willy Meyer an die Regierung
3) Der Vorsitzende und das Eichhörnchen
4) Herr Karl und sein Fernseher
5) Vater unser und Mutter Erde essen zu Abend
6) Der Aufsatz des Schülers Jürgen Fröhlich
7) Jack der Museumswärter
8) Der Minister und seine Putzfrau
9) Die Marktfrau Marie Foucault
10) Paula Possen kauft (k)ein Auto
11) Ein Sonntagmorgen in Oberengstirn
Vor vielen Jahren, als es in Deutschland noch Industrie gab und Strom aus Atomkraftwerken und die Menschen morgens in ein Büro fuhren, um eine Arbeit zu verrichten von der sie nicht genau wussten wofür sie eigentlich gut war, saßen der damalige Kanzler und sein Minister für die Wirtschaft auf dem Rücksitz ihrer Luxuslimousine. Sie waren gemeinsam unterwegs zu einer der vielen Konferenzen, von denen auch niemand so recht wusste, wem sie nutzen und die das Leben von Regierungsmitgliedern früher einmal so anstrengend gemacht haben.
„So geht das nicht weiter, Herr Wirtschaftsminister!“, sagte der Kanzler.
„Die Chinesen kaufen ein deutsches Unternehmen nach dem anderen. Wenn wir nichts dagegen unternehmen, sondern noch länger tatenlos zuschauen, dann ist unser Land bald eine chinesische Provinz.“
Der Wirtschaftsminister antwortete, ohne auch nur von den Akten aufzuschauen, die auf seinen Knien lagen.
„Ich denke das ist unser Land, wie Sie das nennen, bereits, Herr Kanzler und im Übrigen ist das eine gute Gelegenheit Sie darüber zu informieren, dass ich gestern einen Vertrag unterschrieben habe, der mich nach meiner Amtszeit als Minister zum Vorsitzenden des Industrierates macht.“
Dem Kanzler war die Bedeutung der Worte des Wirtschaftsministers vollkommen klar. In anderen Ländern Europas hatte die, von China großzügig finanzierte und als Industrierat bezeichnete, Institution immer mehr Einfluss gewonnen und schließlich die Regierung in der Machtausübung praktisch abgelöst. Was der Wirtschaftsminister ihm zu verstehen gab war, dass er auch nach Hause gehen könne. Was er ihm sagte war, dass seine Zeit dieses Land zu regieren abgelaufen sei.
Der Kanzler hörte sich ein wenig hilflos sagen:
„Aber…. aber…. das bedeutet doch dann das Ende unserer deutschen Kultur.“
Der Wirtschaftsminister antwortete darauf trocken:
„China interessiert sich nicht für die deutsche Kultur, Herr Kanzler, sondern nur für die deutsche Wirtschaft, unsere Industrie und unseren Markt. Außerdem, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, eine „deutsche Kultur“ haben wir erstens schon lange nicht mehr und es ist zweitens ein anrüchiger Begriff.“
Danach fiel kein Wort mehr zwischen den beiden.
Am Abend dieses Tages saß der Kanzler dann Zuhause in seinem Wohnzimmer. In der bequemen Ecke seines Sofas, mit einem Glas Rotwein in der Hand. Die Fenster standen offen und die Nacht senkte sich über das Land. Von draußen drang der Geruch des nahen Waldes in den Raum. Vor ihm flackerte eine Kerze auf dem Tisch. Gegen zehn Uhr rief er seine Sekretärin an. Er gab ihr auf alle Termine für den Rest der Woche abzusagen, was keine leichte Aufgabe war. Aber als Sekretärin des Kanzlers war sie späte Anrufe, genauso wie Kummer, gewohnt. Der Kanzler ging kurz danach zu Bett. In den folgenden Tagen machte der Kanzler viele Spaziergänge und saß in seinem Garten, mit einem Krug Wasser neben sich. Er dachte nach und so war alles, was er in diesen Tagen tat für ihn ungewohnt.
Am Montagmorgen erschien er, als ob nichts gewesen wäre, wieder in seinem Amt, seinem prächtigen Büro und löste zuerst einmal das Wirtschaftsministerium auf. Er war zur Auffassung gekommen, dass deutsches Steuergeld zu schade sei, um damit eine chinesische Personalvermittlungsagentur zu finanzieren. Damit waren jedenfalls einmal die Fronten geklärt. Danach hielt er eine Ansprache im Fernsehen und erklärte der Nation, dass er nachgedacht hätte und dabei zu einer Auffassung gekommen sei. Nicht nur seine Sekretärin, sondern das ganze Volk war allein schon davon sehr überrascht; noch mehr aber über das, was er sagte:
„Der Gedanke, dass unsere Heimat zu einem Vasallen Chinas wird, gefällt mir so überhaupt nicht. Aber die Gefahr, dass unser Deutschland das wird, ist sehr real.
Warum?
Der Grund dafür ist, dass wir eine Wirtschaft haben die gekauft werden kann und die zu kaufen sich für den Käufer lohnt.
Das kommt daher, weil wir fleißige Menschen mit Erfindungsreichtum sind. Vor lauter Fleiß und Erfinden haben wir sogar ein klein wenig vergessen zu leben. Die Arbeit ging in den vergangenen Jahren dem Leben immer vor. Das hatte zur Folge, dass unsere Wirtschaft zwar erfolgreich, unsere Kultur dagegen nicht mehr sonderlich ausgeprägt ist. Man könnte ohne Übertreibung sogar sagen, dass sie ein wenig verkümmert ist.
Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass die Chinesen denken wir hätten ja ohnehin nichts mehr zu verlieren, was wir nicht schon an die Vereinigten Staaten von Amerika verloren haben.
Falls ihr das auch so empfindet wie ich möchte ich Euch vorschlagen, dass wir uns dagegen wehren.
Wie?
Das erscheint mir einfach. Wir sollten ab sofort nichts mehr kaufen, was industriell hergestellt wird. Mein Gedankengang ist leicht zu verstehen. Anders als zum Beispiel eine Möbelfabrik können hunderttausend Schreiner nicht gekauft werden. Wenn wir also alle unsere Tische und Stühle wieder beim Schreiner machen lassen, unsere Hemden beim Schneider und unsere Schuhe beim Schuster, dann gibt es bald nichts mehr, was sich für die Chinesen zu kaufen lohnt.
