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Drei Geschichten aus Divoisia. Eine geheimnisvolle Macht treibt die Menschen aus ihrer Heimat in den Westen. Als die Erde zu beben beginnt, ist die Menschheit gezwungen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Erlebe, ob Ayva, Rayko und Loth sich im Chaos der zerbrechenden Welt behaupten können. Drei Autoren. Drei Geschichten. Eine Welt.
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Seitenzahl: 93
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Drei Geschichten aus der Welt »Divoisia«
Mitwirkende
Florian Harloff
Isa Rückemann
Philip Beierbach
Michael Liebhauser
Grausame Königin
Laura Schiereck
Geheimnisvoller Fremder
Oliver Alraun
Freie Ketzerin
Jessica Arndt
»Ich kann nicht mehr. Ich habe es versucht, Freund, doch ich bin gescheitert. Ich wollte meinem Volk Sicherheit schenken, doch die Angst ist stärker, als ich es je sein könnte. Ihr habt uns so oft geholfen… Wo seid ihr in dieser Zeit, in der wir nicht gegen Könige kämpfen, keine Schlachten schlagen oder Monster besiegen müssen? Wo seid ihr, wenn wir gegen etwas bestehen müssen, das wir nicht bekämpfen können? Warum lasst ihr uns jetzt im Stich?«
– aus den Schriften Fürst Lôrath Aramêus Elvîrssons, kurz vor seinem Tod in einem Brief an Rêhdi Îdrinsson
Laura Schiereck
»Wie eine Trommel.«
Ayva öffnet die Augen, hält dann jedoch inne. »Hm?«
»Es fühlt sich an wie eine große Trommel in der Brust.« Nôra reckt ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Ihre Augen sind geschlossen und die Brise lässt ihr Haar im Wind tanzen. Ayva mustert ihre Schwester schweigend. Nôra sieht sie an und ein feines Lächeln legt sich auf ihre Lippen, als sie sieht, dass ihre Schwester noch immer nicht versteht.
»Deine Frage von heute morgen«, sagt Nôra. Das Lächeln bleibt auf ihren Zügen, doch ihre Augen sind müde. Sie sind schon so lange müde. »Du hast gefragt, wie es sich bei mir anfühlt. Die Angst.«
»Und du hast bis jetzt darüber nachgedacht?« Ayva lächelt nun auch. Feine Steine graben sich in ihre Handinnenflächen, als sie sich auf die Mauer vor sich stützt. Nôra zuckt mit den Schultern.
»Wie fühlt es sich denn bei dir an?«
Ayva schluckt trocken. Es gibt in dieser und auch in keiner anderen Stadt ihres Landes einen Menschen, der nicht täglich damit kämpft. Sie alle spüren die Angst. Sie liegt schwer in der Brust und im Bauch und wenn man gehen muss in den Füßen. Sie raubt einem den Atem. Manchmal wird sie ganz leicht. Dann legt sie sich wie ein Schleier über die Augen und macht sie blind.
»Wie ein Fels an meinem Herzen«, antwortet Ayva und löst den Blick von ihrer Schwester, um ihn über die Docks gleiten zu lassen. Obwohl schon so viele geflohen waren, liegen noch immer ein Dutzend Boote in Vêhmenhâven. Doch wie lange noch? Wie lange würden sie der Anordnung ihres Fürsten Folge leisten und hier bleiben, wenn sie genau so gut der Angst nachgeben und fliehen könnten? Was hält sie hier? Der Gedanke daran, was geschieht, wenn sie ihre Treue über Bord werfen und fliehen würden? Es wäre so einfach. Sie könnten einfach eines der Schiffe nehmen. Sie müssten nicht einmal durch den Westwald, der in diesen Tagen so gefährlich ist.
»Komm. Die Köchin wartet«, fordert Nôra sie auf. Sie reißt sie aus ihren düsteren Gedanken und nimmt ihre Hand. Ayva drückt sie leicht. Seit sie denken kann, ist diese Angst da. Sie hatte sie immer begleitet, doch in den letzten Wochen war es schlimmer geworden. Wie eine Welle aus dunklem Wasser begräbt sie die Menschen unter sich. Manche reden von Geistern der Natur, die ihnen so mitteilen, dass sie versagt haben und dass dieses Land nun ohne Menschen leben will. Andere behaupten, dass es ein göttliches Zeichen sei, das ihnen eine neue Heimat verspricht.
»Bald hast du die Sorge ja nicht mehr«, sagt Ayva und Nôra verharrt.
Die Angst frisst sich wie eine Krankheit in jene hinein, die ihr ausgesetzt sind. Es ist egal, wie weit man flüchtet. Vollkommen egal.
Ihre Amme hatte ihnen damals Märchen von einer grausamen Königin erzählt, die ihr Volk folterte und hungern ließ. Sie verbreitete Angst und Schrecken, stahl den Menschen was sie liebten und vergiftete ihre Herzen, so dass sie nach und nach alle daran starben. So ist die große Angst. Sie raubt einem den Atem, den Appetit und dann schleichend, ganz langsam, raubt sie einem das Leben selbst.
»Du bist wütend«, stellt Nôra fest. Ihre fein geschwungenen Brauen berühren sich beinahe in der Mitte. Tiefe Falten ziehen sich durch ihre Stirn. »Was soll ich denn tun?«
»Bin ich nicht«, streitet Ayva ab. Sie schüttelt den Kopf, lässt dann die Hand ihrer Schwester los. »Vater befiehlt es. Was sollst du schon machen?«
»Du bist wütend auf ihn, weil er mich in Sicherheit wissen will?«
Die Ruhe ist vorbei. Das Lächeln ist verflogen und nicht einmal mehr die Erinnerung daran hängt in der Luft. Ayvas Blick verfinstert sich. Ihre Augen funkeln aufgebracht. Die beiden Frauen starren sich an. »Du weißt, dass er dich nur gehen lässt, weil…«
»Ja. Natürlich«, unterbricht Nôra sie. Sie richtet sich auf, schnappt sich den Korb von der niedrigen Mauer und geht in Richtung Burg. »Das Kind. Ich weiß.«
»Fürst Antûr Aramêus Lôrathsson von Vêhmenhâven.«
Die Stimme des Dieners hallt durch den Raum. Starr steht er an der Tür und öffnet sie. Ayva und ihre Geschwister erheben sich, als ihr Vater den Raum betritt. Ihr Blick huscht einen Moment zu Nôra. Sie versucht im Gesicht ihrer Schwester etwas zu finden, das ihr eine Entschuldigung erleichtern würde, doch sie sieht nicht mal zu ihr hinüber. Stur blickt sie ihrem Vater entgegen, beugt dann vor ihm ihr Haupt und lächelt höflich.
»Wie geht es deinem Kind, Tochter?«, fragt der weißhaarige Mann und wartet geduldig, bis Nôra sich wieder aufgerichtet hat.
»Sehr gut, Vater. Ich bin voller Energie und er ist es auch.«
Er nickt und geht einen Stuhl weiter. Darauf sitzt Ayvas Mutter. Sie erhebt sich nicht, nimmt stattdessen einen Handkuss des Fürsten entgegen und sieht ihm dann zu, wie er sich auf dem Platz neben ihr niederlässt. Den Raum erfüllt leises Quietschen, als seine Kinder die Stühle an den Tisch schieben und sich hinsetzen.
Fünf. Fünf seiner Nachkommen sind noch hier. Die anderen fünf hatte er bereits fortgeschickt und nun würde Nôra folgen. Ayva presst die Lippen aufeinander. Die Diener bringen das Essen. Es sind nur noch zwei. Einer war vor wenigen Tagen verschwunden. Zwei mit den Köchinnen vor wenigen Wochen. Die Burg, die ohnehin schon so groß und leer wirkte, ist nun beinahe ausgestorben.
»Ayva, Kind. Ist alles in Ordnung?« Die Fürstin sucht nach dem Blick ihrer Tochter, doch Ayva nickt nur knapp. Ihr Vater beginnt mit Mîrlon zu sprechen, seinem Ältesten. Dieser berichtet leise, dass einige Bauern fortgegangen waren und wie viel Land nun unbearbeitet bleiben würde. Nôra wendet sich ihrer Mutter zu. Noch immer weicht sie Ayvas Blicken hartnäckig aus. Als der letzte Teller serviert wird und die Fürstin sich räuspert, kehrt in der Halle augenblicklich Ruhe ein.
»Wir danken den Göttlichen für das Essen und unsere Gesundheit«, spricht sie und sieht jedem ihrer Kinder ins Gesicht. »Und für die Gesundheit all jener, die wir bald wiedersehen.«
Ayva würde gerne schnauben, um ihrem Unmut Luft zu machen, doch sie hält sich verbissen an die Etikette. Stattdessen murmelt sie einen Dank und greift nach der Gabel. Nicht einmal ihre Mutter glaubt daran, dass die Angst irgendwann wieder gehen würde. Alle fliehen nacheinander. Wer es sich leisten kann, fährt mit den Booten gen Westen, aber das einfache Volk muss den Landweg durch den Westwald wagen.
»Ayva.« Wäre es nicht die Stimme ihres Vaters gewesen, hätte sie den Bissen wohl noch gegessen, doch so legt sie das Besteck beiseite und sieht ihn an.
»Ja, Vater?«
»Ich habe gute Nachrichten für dich.«
Ayvas Magen verkrampft sich. Ihre Hand sinkt unter den Tisch und ballt sich zur Faust.
»Ich sprach heute mit einem Mann, mit dem ich gedenke, dich zu vermählen.« Ein Klirren erfüllt den Raum, als die Gabel ihrer Mutter zu Boden fällt. Sogleich eilt ein Diener herbei, um sie aufzuheben, doch sie winkt ab.
»Sein Name ist Haldîr Ârnonsson.«
Nicht einmal ihre jüngsten Geschwister wagen die aufkommende Stille zu brechen. Ayva spürt sie. Die Welle. Sie spült eiskalt durch den Raum und prasselt hart gegen den Felsen in ihrer Brust.
»Wer..?«, fragt sie mit rauer Stimme.
»Du kennst ihn sicher aus einigen Erzählungen.«
»Ist das nicht…« Nôras Blick huscht nun doch zu ihrer Schwester. Mitleid liegt darin. Sorge. Und Angst. Ständig Angst. »Vater, wird er sie nicht..?«
Die Fürstin starrt ihren Gatten fassungslos an. Doch dieser sieht weiterhin nur zu seiner Tochter.
»Er hat in der Vergangenheit viele Dinge getan, die uns das Leben schwer gemacht haben.«
»Er hat Vêhmenhâvens Bürger überfallen und ermordet.« Nun mischt auch Mîrlon sich ein. Sein Vater wendet sich ihm zu.
»Zweifelst du meine Entscheidung an?«
»Nein… Vater, sorgst du dich nicht um sie? Traust du seinem Wort?« Mîrlons Blick huscht zu seiner Schwester, wird jedoch sogleich wieder von seinem Vater in Beschlag genommen.
»Traust du dem Befehl deines Fürsten?«, donnert er seinem Ältesten entgegen.
»Du hast mich verkauft«, keucht Ayva zwischen den Worten ihrer Familie. Schlagartig wird es still.
Haldîr. Der Räuberkaiser. Derjenige, der sie so viele Schiffe gekostet hatte. Der Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Angst auszunutzen, statt sie zu bekämpfen. Er ist es, der den Westwald zu einem solch gefährlichen Ort gemacht und jene überfallen hatte, die voller Furcht geflüchtet waren. Der Fürst steht auf.
»Ich verkaufe niemanden«, sagt er. Seine Stimme ist ruhig, doch die Hand mit der er sich am Tisch festhält zittert. »Wir haben Frieden vereinbart. Ihr seid keine Kinder des niederen Adels - ihr seid meine Kinder. Die Kinder des Fürsten.« Sein Blick ist hart wie der Stein neben ihrem Herzen. »Ayva. Du lebst nicht für dich - du lebst für dein Volk. Ich habe mehr von dir erwartet.«
Eindringlich sieht er sie an. Ernste, blaugraue Augen, in denen seine wallende Aufregung die Panik vor sich hertreibt. Sie ersticken Ayva, ertränken sie in ihren eigenen Gefühlen. Sie richtet sich auf.
»Entschuldigt mich, Vater«, sagt sie. Die Wellen verschlucken all das, was sie ihm gerne gesagt hätte. Mit hängenden Schultern verlässt sie den Raum.
Als die Tür sich quietschend öffnet, wischt Ayva sich über die Wangen. Ein Schluchzen dringt aus ihrer Kehle und das Geräusch vermischt sich mit dem der Schritte. Nôra setzt sich zu ihr auf das Bett und streckt eine Hand nach ihr aus. Vorsichtig umschließen die Finger ihrer Schwester ihre eigenen.
»Es tut mir so leid«, flüstert sie. Ayva schüttelt den Kopf.
»Mir tut es leid«, antwortet sie mit von Tränen erstickter Stimme. »Ich wollte dir nichts unterstellen. Ich…« Nôra unterbricht ihre Schwester, indem sie sie in die Arme schließt. Schweigend verharren die beiden.
»Vater hat Recht«, sagt Ayva dann. »Er tut das nicht für sich.«
»Natürlich nicht. Wenn es nach ihm ginge, würde er Haldîr am nächsten Galgen aufknüpfen«, antwortet Nôra und streicht eine Träne aus ihrem Gesicht. Ayva war nie aufgefallen, wie sehr sie ihrer Mutter glich. Ihre Augen strahlen dieselbe Wärme aus. Schon bedauert sie ihr Verhalten am Esstisch.
»Ich habe Angst«, flüstert sie und presst ihre Lippen aufeinander. »Ich… habe Angst vor ihm.« Nôra nickt.
»Und ich habe Angst um dich. Aber er wird dir nichts tun. Er will dieses Bündnis doch auch.« Ihre Schwester versucht sich an einem aufmunternden Lächeln.
