Weltfühlung - Milda Pretzell - E-Book

Weltfühlung E-Book

Milda Pretzell

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Beschreibung

Sie ist da! Die verloren geglaubte Magie des Alltags. Sie flüstert, sie zwitschert, zupft am Ärmel und hüpft freudig als ungeduldiges magisches Schäfchen zwischen den Buchseiten hin und her. Milda Pretzell verknüpft die verlegten Fäden des Lebens und webt Geschichten daraus. Ihr Erstlingsroman "Weltfühlung" bringt den Geschmack von Walderdbeeren zurück und den Duft von Apfelkuchen mit Zimt. Erleichtert können wir, hungrig nach neuen Wahrnehmungen und Gefühlen, das Buch nach der letzten Seite zuklappen: Wir spüren wieder, dass wir leben, dass wir fühlen und dass wir teilhaben an der Fülle.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 108

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Weltfühlung

Milda Pretzell

Weltfühlung

Für Kinder, die wir einst waren

Für Magie des Alltags

Für Mitgefühl

Vorwort

Im Zentrum der Welt ist nicht nichts, sondern ein mit allem verbundenes Herz

„Jeder Mensch ist ein Künstler“, hat Joseph Beuys proklamiert.

Genauso können wir sagen: „Jeder Mensch ist ein Held.“

Denn sind nicht alle Menschen ausgezogen, um glücklich(er) zu werden? Um einen Schatz zu finden, ein Heilmittel, und dann wieder nach zu Hause finden?

Für Milda Pretzell stimmt auch diese Aussage: „Jeder Mensch hat einen inneren Poeten in sich“, denn diese Autorin hat eine einzigartige Art und Weise, das Leben zu betrachten, und sie findet Worte, die uns so zart und doch so eindringlich berühren wie ein Windhauch.

Die Reise, auf die uns das Buch mitnimmt, ist voller Herausforderungen und Versuchungen, voller Gefahren und auch voller Belohnungen, die unaussprechlich sind. Es ist genial, wie das Geflecht, der blaue Faden, der sich durch das Buch zieht, im letzten Kapitel aufgebauscht und vollendet wird wie Leinen, das in der Sonne trocknet.

Milda Pretzell gelingt mit ihrem Buch etwas Außerordentliches: Sie entfaltet Seite für Seite einen hypnotischen Sog in eine längst vergessene „Weltfühlung“ hinein, die zeitlos, tiefgründig und bewegend ist.

Sie zieht uns Leserinnen und Leser in den Heldinnenweg einer hochempathischen Mutter von Zwillingen, den wir so nicht erwartet hätten. Sie lässt einen lyrischen Klang ertönen im Alltag einer Mutter, in den sie Szenen bettet, die wohl jede Mutter schon einmal erlebt hat: „Dein Kinderwagen steht im Weg. Die Kinder plärren, du kannst sie wohl nicht beruhigen. Du bist eine Rabenmutter“, und vieles mehr.

Ganz unvermutet finden wir uns gemeinsam mit der Protagonistin Laima, der Name entspringt der litauischen Mythologie, Laima gilt als Glücks- und Schicksalsgöttin, was ihren göttlichen Heldinnenweg nicht vor den Unbilden und dem Unglück einer zunehmend kinder- und liebesfeindlichen Gesellschaft bewahrt.

Die Autorin stammt aus Litauen und sie bringt das Geheimnisvolle und Magische in die deutsche Sprache zurück. Sie zieht uns in eine Weltwahrnehmung, die ihre Leserinnen und Leser verändert aus dem Buch hervorgehen lässt.

Mythische Bilder einer Urkraft, einer schon vergessenen Natur und Natürlichkeit wirken ebenso wie Begegnungen mit einem blauen Schaf und einer urzeitlichen Drachin.

Wer sich auf das Buch einlässt, hat sich für die „blaue Kapsel“ entschieden, denn das Bewusstsein der Leserinnen und Leser wird erweitert und transparenter, am Ende werden wir die Welt mit anderen Augen erblicken: mit ruhigen, durchströmten, liebenden Augen.

Monika Stolina im Juni 2021

Die Fäden des Lebens

Es ist ein Pfad zurück zu dir,

Es ist ein Pfad nach Hause.

Es will eigenhändig gewebt werden

Wie ein Teppich

Aus aufgehobenen Fäden,

Die aufs Neue geknüpft werden,

Aus Uralten Träumen gesponnen,

Aus den Momenten,

Die in der Gegenwart erblühen.

Und diese Fäden,

Einst gerissen,

Verloren,

Gar vor einem Raub versteckt,

Dürfen sich zeigen.

Sie winden sich wie bunte Regenwürmer nach einem Sommerregen

Auf den Gehwegen des Alltags

Und flehen dich an,

Endlich aufgehoben zu werden;

Eilen verspielt herbei

Als süßlich kühler Wind des Vorfrühlings.

Und in den Sackgassen der Verzweiflung

Lassen sie sich als wärmende Wolle ertasten

In den dunkelsten Versenkungen der Trauer,

Die uns umarmt auf ihrem Schoß

Und in die Stille hineinwiegt,

Bis die Tränen sich endlich trauen

Zu fließen – die einst gerissenen Fäden

In ihrer untröstlich brennenden Sehnsucht erstarrt.

Endlich,

Oh, endlich

Wieder verknüpft zu werden!

Und atmen,

Damit die Wärme des Lebens sie pulsierend durchströmt.

Dieser Pfad ist wohlwollend und sanft zu den heimkehrenden Füßen, ist weder perfekt noch vergleichbar, eine Vorlage dafür hat es niemals gegeben und diese Landschaft ist frei von Beurteilungen. Ein Flickenteppich, mit Händen nackter Herzlichkeit gewebt in kindlicher Freude. Eigenmächtig. Dort, am wilden Fluss, unter der Trauerweide sitzt eine alte Frau und singt für dich das Uralte Lied, das dich schützt und begleitet, wie ein wärmender Stern. In den Bäumen, den Knospen und Steinen, in all dem, das deine Sinne in Stille berührt, da weilen die Ahninnen und beschenken dich mit Ahnungen, so möge dein Herz im Rhythmus der Erde pulsieren und singen.

Lass uns diese Fäden borgen, Anknüpfen,

Weben und gehen,

Dort, zu Hause,

Entfachen wir das Heilige Feuer.

Die Glut schlummert,

Von der Asche behütet.

Lass uns aufbrechen.

Unterwegs sammeln wir trockenes Holz

Heiliger Wälder.

Die Fäden in sich aufspüren

Es war ein dunkler Winterabend. Um den zwanzigsten Dezember herum nahm der Tag erneut den Abschied von der verzweifelten Mutter und übergab sie der Obhut des abendlichen Dunkelblaus, das sogar den vereisten, zertrampelten Schnee mit Behaglichkeit beschenkte. Nun stand diese erschöpfte Frau, namens Laima, vor dem Schlafzimmerfenster und starrte mit leerem Blick in ein Nichts hinaus. Auf ihrem Arm hielt sie ihre neugeborene Zwillingstochter, die zweite schlief im provisorisch umgebauten Familienbett.

Laima weinte heimlich, nur wenige Tränen glitten über die Landschaften ihres müden Gesichts. Ein Wind kam auf und trieb schwere, dunkle Wolken, wie eine träge Schafherde, verdeckte alle Sterne und kam als Schneeregen herunter. Dieser klopfte an die Fensterscheibe, so beharrlich, als ob die Mächte der Natur herüberzukommen versuchten, um die junge Mutter zu stärken.

Jetzt fühlte sie sich besonders verletzlich und schwach wegen ihrer Zartheit, wegen all des Feinen bis Grässlichen, das sie zu durchdringen schien. Jedes abwertende Wort, jeder mit Widerhaken besetzte Blick verletzte sie zutiefst. Ihr Leben war längst zu einer fremden, lauten Stadt geworden, in der Laima gewohnt war, sich, dicht an den Mauern entlang, an den staubigen Häuserfassaden vorbeizuschleichen. Die großen Straßen und Plätze mied sie, um ja nicht aufzufallen in ihrer Absonderlichkeit. In den zermürbten Sackgassen dieser Stadt half sie den Trägsten, den am lautesten fordernden Faulen, versuchte nützlich zu sein. Doch in Wirklichkeit hatte sie Angst, diese Stadtmauern zu verlassen, denn außerhalb würde jemand entdecken, dass sie nichts taugte. So versuchte sie allen, vor denen sie eigentlich weglaufen wollte, zu helfen. Endlich richtig werden das wollte sie, dann würde man sie freundlich behandeln.

Nun hatte sie eins nicht bedacht, sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Säuglinge … manchmal … weinen würden. Und wenn ihre Kinder weinten, gar schrien, fühlte sie sich in ihrem Versteck der nützlichen Unscheinbarkeit … verraten. Da wurden ihre Kinder zu Sirenen, zu blinkenden Lichtergirlanden, zu Leuchttürmen im zähen Nebel der Hoffnung, unbeachtet zu werden. Und dann kamen sie: die Ratschläge, die Nörgelexperten, die Besserwissenden.

Und Laima war überfordert in ihrer Entscheidung, für wen sie sich zuerst bessern sollte, damit diese Nötigung endlich aufhörte.

Dann diese Ohnmacht, gefangen zu sein, in einer Sachgasse mit Ratschlägen verprügelt zu werden, gar von unbekannten Eindringlingen:

„Lass das Kind doch mal weinen! Das kräftigt die Lunge.“

„Die muss lernen, allein zu sein, sonst wird sie zum Tyrannen.“

„Wenn sie sich daran gewöhnt, herumgetragen zu werden!“

„Du musst diesen Machtkampf gewinnen.“

„Mir hat’s nicht geschadet.“

„Eine Mutter muss lernen, zu unterscheiden, ob das Kind was braucht, wenn es schreit, oder ob es nur Macht ausübt.“

„Die checken das schnell, dass du nach ihrer Pfeife tanzt.“

„Zwillinge? Die sollen getrennt sein, sich eigenständig entwickeln.“

Sie fühlte sich an einen Marktplatz geschleift, sobald ein Tag aufbrach, erbarmungslos dorthin gezerrt, geschubst, mit Ratschlägen zugeschüttet.

So wünschte Laima sich, an jenem Abend, dieser Sturm möge Pulverschnee bringen, alle Straßen und Zufahrten zuwehen, damit Ruhe einkehren könnte, diese poetische Stille, wenn man keine Angst haben musste, ertappt und berichtigt zu werden. Die Stille, in der das eigene Herz den Rhythmus des Tages vorgab, der gehetzte Atem sich selbst einholen konnte.

Sie wollte unbedingt dem Visier dieser Leute entkommen, die mit Worten allein morden konnten. Ein vor Spott und Verachtung triefendes Buch über die sogenannten Helikoptermütter hatte sie auch schon gelesen. Tödlich, tödlich fühlten sich die Worte an, solche Tiraden würde sie nicht überleben, dachte sie.

Und erst die Fragen, ob sie ihre Kinder überhaupt lieben könne, nach einem Kaiserschnitt. Dazu schwieg Laima und grübelte, es könnte was dran sein, sie war schließlich noch nie gut genug gewesen.

Am nächsten Abend schaukelte Papa die Kleinen in den Schlaf und Laima probierte, zur Ruhe zu kommen, mit einer roten dampfenden Teetasse auf dem Schoß, einer brennenden Kerze auf dem Esstisch.

„Schau, dass es dir gut geht. Wenn es dir gut geht, geht es den Kindern gut, geht es uns allen gut“, hörte sie ihren Mann sagen, wie durch eine verdichtete Nebelwand.

Die Stille tat ihr gut, so schaute sie erwartungsvoll aus dem Fenster gen Westen, dorthin, wo die hundertjährige Buche ihre kahlen Äste im restlichen Abendorange zögerlich ausstreckte, bis es doch hinter dem Horizont in einem Wald versank. Nur ein paar Augenblicke später war die Welt dunkelblau und begann zu fließen, wie ein geheimnisvoll tiefer Wildfluss. Und im Haus fühlte es sich plötzlich stachelig an, voller Gezerre und Rastlosigkeit, überall lagen Träume herum, die in Erfüllung gegangen waren, doch zu sperrig, zu quirlig, zu wild und unkämmbar wie übergroße sonderbare Tiere mit zotteligem Fell und grellen Schuppen, und Laima wusste es nicht, womit sie diese füttern sollte.

Hätte sie es geahnt, wie es wirklich ist, Mutter zu sein, hätte sie es nicht gewagt. Es fing bereits damit an, als das Wunder in ihrem Schoß die Form einer Kugel annahm. Um sie herum entstand ein öffentlicher Platz, wie ein Rathaus, in das Leute ein und ausgingen. Sie grabschten nach ihrem Bauch und fragten, was man so eben fragt, wenn man nach etwas Zeitvertrieb Ausschau hält.

Und als die Zwillingstöchter da waren, kam ihr das eigene Leben vor wie das Ausgeliefertsein in einem namenlosen Bahnhof dieser fremden Stadt, mit Gleisen, zu denen sie durch Zurufe geleitet wurde. Die Schilder an den Gleisen wechselten die Zahlen, deren Reihenfolge war schleierhaft. Vorbeieilende Menschen schubsten sie, schoben sie beiseite. Laima drückte ihre weinenden Töchter an sich und probierte, sie vor der erbarmungslosen Zugluft des Beäugtwerdens zu schützen. Manchmal wurde ihr schwindelig und die klappende und zischende Menge verwandelte sich in einen aufgescheuchten Taubenschwarm, der über sie hinwegflog, ziellos herumkreiste und mit matschigen Ratschlägen kackte. Eines Tages fühlte sie sich so zugeschissen, dass sie zusammenbrach.

Als Laima über diese Bilder zu sich kam, stand sie bereits am Fenster und schaute dem Schneesturm zu, der immer stärker und selbstbewusster wurde, bis er in den Ästen der Buche wie das wildeste Orchester tobte. Laima ging ins Schlafzimmer und blieb in der Tür staunend stehen. So, als ob sie ihre Liebsten das erste Mal zu sehen bekäme: Ihr Mann schlief zwischen den zwei Babys und die beiden Katzen am Fußende – viel Platz war nicht da, aber es war genug und es war stimmig so. Laima näherte sich ganz leise diesem schlafenden Wunder an und roch an den ersten Locken ihrer Tochter, sie atmete diesen kostbarsten Duft der Erde ein und die Staudämme hinter ihren Augen brachen: Sie weinte los und schaute aus dem Fenster, die Nacht war hell. Laimas Tränen fühlten sich mit dem ruhigen Schnee so vertraut. Ganz behutsam streichelte sie die Tränen von der Wange und ging nach draußen und in sich.

Der frische Schnee, den ihre müden Füße betraten, war still und einladend, wie ein riesiger Bogen Aquarellpapier, knirschte unter ihren Füßen und lud in die Nacht ein. Der Mondschein ließ die weiße Schneekraft erahnen, so zuckte die Hoffnung zusammen und streckte ihre verkrampften Fühler aus: Mit diesem neuen Blatt, das ich jetzt betrete, werde ich alles besser machen, endlich richtig sein, ich strenge mich nur ein bisschen mehr an – und diesmal schaffe ich das.

Laima betrachtete ihren eigenen Schatten – langgezogen, verzerrt, zerbrechlich, haltlos, schräg war er – und schaute zur beinahe kugelrunden, sanft leuchtenden Kugel hinauf.

„La Luna“, lächelte eine Erinnerung auf Laimas Lippen. Schon als Kind hatte sie es geliebt, ihrer ureigenen Weltfühlung passende Worte zu schenken, und „La Luna“ war für sie eine gütige Frau, die sie Abend für Abend begleitete, egal, wohin sie durch die samtige Dunkelheit wanderte: Sie war immer dabei.

„Ist sie zu- oder abnehmend?“, fragte sich Laima und nahm sich vor, ihre „La Luna“ abends wieder zu beobachten. Sie betrat die verschwiegene Wiese mit grob gestutzten Obstbäumen, die ihre Wunden und Knospen dem Winter zeigend schliefen, und blieb vor einer verlassenen Scheune stehen: das verwitterte Holz, die bei den letzten Stürmen angehobenen Ziegelsteine waren nicht begradigt, die paar Fenster zugenagelt, das Tor jedoch offen, morsch und verkeilt. Im Inneren waren Konturen ausrangierter Geräte zu erahnen, es roch nach Kälte, Verlassenheit und einem wilden Tier. Auf ihren Spaziergängen mied Laima diese Scheune, ihre Beine umgingen sie selbstständig, wie in Trance, doch heute wollte sie sich herantrauen und war überrascht von den Gemeinsamkeiten. So streichelte sie die Tür wie eine alte Vertraute, küsste sie, hauchte sie mit ihrem warmen Atem an und entfernte sich – in Gedanken versunken – wie vom Grab eines Seelenverwandten, dessen Tagebücher sie einst auf einem Speicher eines verlassenen Hauses entdeckt und gelesen hätte.

Laima fühlte sich endlich verstanden, und das Mitgefühl, das sie für die Scheune empfand, berührte sie selbst und ließ zum ersten Mal spüren, wie wohltuend es ist, in sich selbst zu atmen – in einen warmen, lebenden Raum.

Eine bauschige Wolkendecke legte sich auf den Horizont und der eisig zarte Wind zupfte von ihrem Saum kleine Stücke ab, formte daraus Schäfchen