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Ein schillerndes Abenteuer, das die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischt und unserer Realität einen Spiegel vorhält. Pi, eine junge Anarchistin, löst unwissentlich die Apokalypse aus. Nun streift sie auf der Suche nach ihrem Kater durch eine erstarrte Metropole inmitten eines vermüllten Planeten. Als immer mehr Unerklärliches geschieht, beginnt sie zu begreifen, dass neben ihrer Welt noch andere existieren und dass sie die Türen zu ihnen öffnen kann. Währenddessen zieht auf Mo, einer verborgenen, farbenprächtigen Welt voller erstaunlicher Wesen, Unheil auf. Niemand spürt das so wie der Außenseiter Alani. Er wagt es, unerhörte Fragen zu stellen, die ihn auf eine gefährliche Reise schicken. Sein Weg führt ihn an die Grenzen der bekannten Welt und darüber hinaus und vor allem zu sich selbst.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2020
Drachenfliege
Michael Nußbaumer »WELTÜBERGANG«
1. Auflage, Dezember 2020 Periplaneta Berlin, Edition Drachenfliege
© 2020 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.at
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags. Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat: Swantje Niemannn Cover: Nicole Altenhoff Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-95996-190-5 epub ISBN: 978-3-95996-191-2
Drachenfliege
Das Leben und dazu eine Katze,
das ergibt eine unglaubliche Summe, ich schwör’s euch!
Rainer Maria Rilke
Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.
Arthur Schopenhauer
I am rooted, but I flow.
Virginia Woolf
Lassen wir unsere Vorstellung reisen, vorbei an Namen wie Saturn oder Jupiter, hinter die Nebel von Andromeda, wo sich die Kleine Bärin und das Sternbild des buckligen Drachen ihr kosmisches „Gute Nacht“ zuflüstern. Stellen wir uns vor, es gäbe dort eine Welt, die ein bisschen so ist wie unsere und ein wenig anders. Sagen wir, sie erlebte nach einer langen, wechselhaften Geschichte einen Großen Waffengang, der aus Sicht der Konzerne alles in allem unprofitabel war und diese dazu brachte, die Staaten aufzulösen und offen die Macht – Pardon! – die Verantwortung zu übernehmen.
Kaum angekommen auf diesem Planeten, unternehmen wir einen großen Sprung in der Zeit: Achtzig Jahre nach der Übernahme durch die Multis herrscht ein friedloser Frieden in dieser durchkontrollierten und doch unüberschaubaren Welt, einem Knäuel aus abgeschotteten Luxus-Gebilden der Reichen und Wohn- und Arbeitswaben für die geschrumpfte globale Mittelschicht, durchmischt mit unbewohnbaren Wüsten und trostlosen Gigaslums, angefüllt mit Besitzlosen.
Riesige Firmenimperien reißen den Stoff des Lebens wieder und wieder auseinander und setzen ihn neu zusammen zu virtuellen Kartenhäusern, die in digitale Himmel reichen und sich hie und da zu granitenen Festungen verdichten. Es ist eine glatt geschliffene Welt, in der schwer Halt und kaum wirkliche Nahrung für Leib und Seele zu finden ist, weder innerhalb noch außerhalb der Festungen. Zahllose Netze sind gespannt, doch es ist fraglich, ob sie den Fall der Welt aufhalten können. Das Ächzen dieses Planeten wird übertönt von Lärm aus Farben und Formen und den blinkenden Logos der großen Marken.
Die Nationalstaaten, die unerschütterlich schienen, sind verschwunden, nicht aber die Grenzen. Es sind sogar mehr geworden und die Regeln ihres Überschreitens undurchsichtiger. Sie zeigen dir, wer du bist auf diesem bunten Müllplaneten, können dich aufhalten, erniedrigen und dich durch bloßes Überschreiten in einen rechtlosen Niemand verwandeln. Zu welchem Konzern ein Mensch gehört und auf welcher Ebene der internen Hierarchie sein Platz ist, reguliert den Grad seiner Teilhabe, seines Eingeschlossenseins und ihres Ausgeschlossenseins. Eine Stelle an der Spitze der Pyramide raubt einem den Atem und ein Platz an der Basis drückt eine nieder. Je „selbständiger“ jemand ist, desto größer wird seine Abhängigkeit. Die Menschen allerdings, die nirgends dazugehören, sind beinahe verloren. Gespenster, schon zu Lebzeiten.
Ausbeuten, sich selbst und andere, ausgebeutet werden, Freibeuter sein, Beute sein, volle und leere Beutel, das macht das Leben in dieser Welt aus – „Alle Beute für unsere Leute“ ist einer der entlarvenden Motivationssprüche mega!!!zacs. Bei mega!!!zac handelt es sich um das größte Industrie-Dienstleistungs-Landwirtschafts-Bildungs-Polizei-und-Verbrechens-Konglomerat von Yat*an, der wuchernden Gigapolis im Nordosten eines seiner Schönheit beraubten Kontinents.
Im Grunde ist das alles aber nicht von allzu großer Bedeutung, denn das Leben auf diesem geschäftigen Planeten endete vor wenigen Minuten – immer von jetzt an gerechnet –, als ein falscher Impuls einer illegalen Waschmaschine eine Kettenreaktion auslöste, die zur Aktivierung des ultimativen Sicherheitssystems führte. Dieses beinah liebevoll Schwarze Flunder genannte Wunderwerk verdunkelte den Himmel und brachte alles fleischliche Leben in der Welt zur Erstarrung.
Fast alles.
So’ophi war etwas Besonderes. Nicht nur wohnte sie als eine der wenigen sogenannten Verlorenen oder auch Freien – je nach Blickwinkel – in einer Kommune in der südlichen Randzone von Yat*an. Nicht nur hatte sie die Waschmaschine bedient, die dieses verhängnisvolle Unglück ausgelöst hatte. Zu allem Überfluss war sie nun das einzige lebende Wesen aus Fleisch und Blut auf dieser ganzen weiten Welt.
Außerdem war heute ihr siebzehnter Geburtstag. Zumindest ungefähr, denn sie hatte sich diesen Tag – den 14.03.64 nach der Übernahme – selbst ausgewählt. So’ophi war ein Findelkind, entdeckt vom alten Weda unten am Fluss, eingehüllt in eine Decke, auf die ihr Name gestickt war. Als Weda sie fand und aufnahm, war sie vielleicht ein halbes Jahr alt, gut genährt und gesund. Ein beinah unheimlich ruhiges Kind mit einem auffallenden dunklen Mal auf der linken Wange.
Sie wuchs in einem alten verwinkelten Backsteinhaus heran, einer Dorf genannten Gemeinschaft, die zu den dürftigen Parallelstrukturen der Maaki, einer Art Widerstandsgruppe, gehörte und mehr schlecht als recht im kargen Raum zwischen den Firmenimperien überlebte. Das Mädchen wurde selbstverständlicher Teil des Dorfes. So’ophi blieb gern für sich und schloss keine engen Freundschaften. Misstrauisch war sie, nachtragend und leicht zu erzürnen. Keine besonders einladende Mischung.
Wenn sie in der Freien Schule der Maaki auftauchte, setzte sie sich abseits, kaute an den Spitzen ihrer zerzausten Haare und beschäftigte sich mit einer ihrer Basteleien. Mit ihrem Findelvater Weda verband sie dennoch ein herzliches Verhältnis. Auch er war ein Mensch, der Abstand wahrte. Seine Vergangenheit war ein Geheimnis. Er war einer der Ältesten des Dorfes und es kursierten Gerüchte, dass er vor seinem Eintritt in die Maaki weit oben in den Hierarchien von mega!!!zac beschäftigt gewesen war. Er liebte So’ophi wie sein eigenes Kind, von dem es hieß, es sei in der anderen Welt geblieben. Der Einzige aber, den das Mädchen dauerhaft in ihrer Nähe duldete, war Lu, ihr Kater, der die Welt ebenso misstrauisch beäugte wie seine menschliche Gefährtin.
An ihrem zehnten Geburtstag wurde So’ophi ein Dorfname angeboten: Pi. Pi, die Königin der irrationalen Zahlen, das Rätsel ohne Ende. π, das Tor. Der Buchstabe stand auch für die Peripherie, das Zuhause der Maaki. Sie nahm ihn an.
Pi weinte nicht vor den anderen, nie. Manchmal glaubte Sinza, ihre Zimmernachbarin, eine Frau voll Elan und überquellender Herzlichkeit, aus ihrer Kammer Schluchzen zu hören. Dann strich sie ihr beim Frühstück übers Haar, blickte ihr in die Augen. So’ophi erwiderte den Blick, fest und klar. Deutete ein Kopfschütteln an und blieb stumm. Sinza respektierte das.
Sie war ein Mädchen, das Unglück kannte, aber auch das Glück des Findens und Gefundenwerdens. Eine junge Frau, schnell erwachsen geworden, vielleicht vor der Zeit.
Kurz bevor sie die Einschalttaste der Waschmaschine im muffigen Keller des besetzten Hauses betätigte, verschwand ihr Ebenbild auf unerklärliche Weise vom Spiegelfenster der Waschtrommel. Unmittelbar darauf fiel sie in eine Art Ohnmacht, und als sie wieder daraus erwachte, war ihr Kater Lu nicht mehr da. Lu, der immer bei ihr gewesen war.
Jenseits dieser Welt aus Müll steht eine alte Frau in ihrem Garten und zetert, gepeinigt durch einen jähen Schmerz, der ihre arthritischen Gelenke durchzuckt. Ärger und Schmerz reichen weit über sie hinaus: Im ganzen Land verfärbt sich der Himmel. Ein Unwetter zieht auf und Wolkentürme verfinstern den Horizont. Unheil dräut.
In Mo, der Gegenwelt, liegen die Dinge anders. Der Duft eines fast unermesslich großen Waldes durchströmt diese Welt, die arm an technischen Errungenschaften und reich an eigenartigen Wesen ist: Hier wuseln winzige Lupullen unermüdlich über den Waldboden und formen nervös fiepend immer neu angeordnete Laubhaufen. Dort stehen oder liegen riesenhafte Har’as wie Berge aus Urzeiten. Ihre Bewegungen sind für die anderen Wesen auf Mo unmerklich langsam, vergleichbar dem Kontinentaldrift. So sieht niemand ihr sanftes Erschauern, wenn sich die zauberhaften Mandarinen auf ihnen entschälen, um sich leidenschaftlich und saftsprühend zu lieben. Grau wie Felsblöcke sind die Har’as und niemand weiß, ob ihr Herz aus Stein ist oder aus warmem Fleisch. Mo ist eine Welt voller Überraschungen.
Die Launen der alten Frau sind eng mit dem Wetter verbunden: Die Hochs werden mit ihrem sinkenden Blutdruck zu Tiefs und steigt ihre Stimmung, mildert sich das Klima und verziehen sich die Wolken. Ist diese fluchende, humpelnde, mürrische Frau, die gerade ihre Blumen gießt, die Göttin von Mo? Oder verkörpert sie passiv, ohne sich dessen bewusst zu sein, den Zustand dieser Welt? Aus ihrem Verhalten dürfen wir schließen, dass sie sich als wütende Dulderin empfindet und von den archaischen Zusammenhängen wenig weiß oder jedenfalls wenig hält.
Gewiss ist eines: Diese fruchtbare Welt liegt auf dem gleichen Planeten wie jene Welt aus Müll, die sich „die Welt“ nennt und für die einzige hält. Obgleich manche Menschen etwas von diesem Ort ahnen, ja, wissen, ist Mo verborgen. Aber es will gefunden werden.
Von Müll aus betrachtet, liegt Mo immer gerade um die nächste Ecke, wie morgen von heute aus gesehen. So verblasst dieses nahferne Land beim Suchen wie ein Traum, der im Aufwachen entschwindet. Mo schwingt in einem anderen Rhythmus, bewegt sich zu einer anderen Musik, ihre Wellen haben eine andere Länge als die der Schwesterwelt der Schwarzen Flunder. Doch sind diese beiden gegensätzlichen Welten auf eigentümliche Weise miteinander verbunden. Jedes Ereignis findet eine Entsprechung auf der anderen Seite in einer Art verzerrten Spiegelung. Das bedeutet, dass der todbringende Fisch, die lebensfeindliche Waffe am Himmel Mülls, auch Mo verändert hat. Wenn auch nicht sofort und nicht überall auf die gleiche Weise. Die Zeit auf Mo ist nicht geordnet, nicht in einer Linie aufgefädelt, sie springt ruckartig und fließt gemächlich vor sich hin. Die Uhren, so es welche gäbe, würden hier anders gehen.
Die Auswirkungen von Mülls Erstarren waren dennoch einschneidend:
Jedes dritte Blatt auf allen Bäumen wurde grau und fiel herab, ein unvermittelter Ascheregen an einem friedvollen Sonnennachmittag.
Eine beliebte Melodie geriet in Vergessenheit.
Die Lupullen wurden noch nervöser.
Ein Liebesbrief ging verloren.
Die Har’as hielten den Atem an.
Ein Kind vergaß seinen Namen.
Die Mandarinen entdeckten die Scham.
Ein Schmetterling blieb in seinem Kokon gefangen.
Die alte Frau überkam ein schrecklicher Gichtanfall.
Der Frieden zerbrach.
Ein Sturm begann.
Alani saß seit einer Weile auf dem Fuß eines Har’as. In seinem Innern formte er unablässig eine einzige Frage an den Riesen und er war fest entschlossen, sich ebenfalls nicht zu rühren, bis er eine Antwort erhielt.
Mo ist eine buntscheckige Welt und die Herkunft eines Wesens wird in Flecken und Farben erzählt. Alani stammte vom Fleck der Lasol, der Gelben, was sich auch in seiner Hautfärbung widerspiegelte. Die Lasol waren Nomaden aus dem milden Osten, leichtlebig, kunstsinnig und ausschließlich von Sonnenstrahlen lebend. Groß werden – als reif gesehen zu werden, auch als Partner in Frage zu kommen – war, anders als in anderen Flecken, nicht schwer bei den Lasol. Die Initiation bestand darin, sich selbst eine Herausforderung zu wählen und diese zu meistern. Viele wählten Aufgaben, deren Bewältigung ihnen Freude machte und leichtfiel: Sie drückten sich in einem öffentlichen Tanz aus, zeigten ihr Verständnis der Welt in einer Naturskulptur oder trugen ein Gedicht vor, das ihrem Wesen entsprach. Sie wurden wohlwollend aufgenommen und glitten sanft in die Welt der Erwachsenen.
Alani hingegen fühlte sich sehr klein und wollte deswegen sehr groß werden. So wählte er eine Aufgabe, die jenseits seiner Grenzen lag, und begab sich zu dem Steinriesen, auf dem er nun saß. Schon in seiner Jugend nannten manche Angehörige seines Fleckens Alani den Dunklen – und bei den sonnenverliebten Gelben war das kein wohlklingender Name. Niemand außer seiner Mutter Naloni wusste, wer sein Vater war und sie hütete das Geheimnis seiner Herkunft streng, auch vor ihrem Sohn. „Dein Vater ist aus einer anderen Welt und er kommt nicht wieder zurück“, war alles, was er ihr entlocken konnte.
Nalonis Verschlossenheit stieß bei den Gelben auf Unverständnis. Ihren Sohn tauchte sie in eine ängstliche Liebe, die ihn ebenso nährte wie hemmte. Alani trank wie alle Gelben von der Kraft der Sonne, doch konnte sie nur mit geschlossenen Augen aufnehmen, wodurch er nie ganz satt wurde. Alani, der Dunkle, lebte mit dem Gefühl, nicht genug zu haben, zu bekommen, zu sein. Alles, was die anderen scheinbar von Geburt an wussten, musste er mühsam und ungeschickt erlernen. Seine Skulpturen blieben Andeutungen, seine Tänze uneingelöste Versprechen und sein einziges Gedicht war zu ernst und zu schwer, um Gefallen zu finden. Er gehörte nicht ganz dazu – alles, was er tat und empfand, erschien ihm halb, lächerlich und kaum der Rede wert. Er kannte Glücksmomente – aber zuverlässig verdüsterte sich seine Stimmung wieder. Etwas „stimmte“ nicht mit ihm.
Seine Sehnsucht nach einem Leben an der Sonne hatte ihm den verzweifelten Mut geschenkt, die große Frage zu finden, die er dem Har’a nun hartnäckig stellte: „Was geschieht, wenn die alte Frau stirbt?“
Dass ihr Tod die Sonne verdunkeln könnte, war die unausgesprochene Angst des Fleckens der Lichttrinkenden und Alani stellte sich ihr auf dem linken großen Zeh des urzeitlichen Wesens sitzend, sofern er die Physiognomie des Har’a richtig verstand. Seine Frage war ein Steigen und Senken, immer weiter. Hinab, Stufe um Stufe, Schritt um Schritt in die Finsternis und Kälte. Hinauf? Er vermochte es nicht zu sagen. Er folgte der Frage, Atemzug um Atemzug. Stehen bleiben? Gehen. Die Frage verwandelte sich dabei, verwandelte ihn. Was ist Tod, was ist Leben? Der Nebel verdichtete sich. Lichtete sich? Was ist Licht? Was Finsternis?
Und endlich hörte er: Wer fragt da?
Die Antwort warf ihn um, buchstäblich. Er purzelte ins Gras und blieb benommen liegen.
Wie sein Bewusstsein verlassen auch wir Alani für eine Weile, um dem Windhauch zu folgen, der diese Geschichten mit sich trägt. Wir huschen diesem kühnen Lüftchen nach, vernehmen in ihm das Wispern von Stimmen. Mäuschengleich klettern wir durch einen engen Spalt in der Rinde eines mächtigen Baumes in einem entlegenen Winkel unserer Fantasie, rutschen hinab und landen in einer kleinen Höhle unter dem knorrigen Ungetüm. Dort stoßen wir auf zwei Erdzwerge, denen schrecklich langweilig ist, da der Winter kein Ende nehmen will.
Zmar, der wurzeligere der beiden, hat es eben geschafft, wieder in den Schlaf zu kriechen, als ihn ein unsanftes Rütteln in den harzig duftenden Raum zurückholt.
„Ich kann nicht schlafen“, jammert Imgi, der wuseligere des Duos.
Zmar seufzt tief und spürt den Wunsch, seinen Mitbewohner für immer zum Schweigen zu bringen. Doch wir müssen nicht um den hageren Imgi fürchten, denn in Wahrheit sind sich die beiden zugetan. Nur eben dauert der Winter an und der Raum ist karg bemessen. So eng leben sie aufeinander, dass sie kaum mehr wissen, wo der eine aufhört und der andere anfängt. Selbst bei ihren Namen sind sie sich nicht mehr sicher – ist nicht dieser Buchstabe von hier nach dort gerutscht? Hieß es nicht anfangs Imar und Zmgi? Zmri und Imga?
„Hol mich doch der doppelköpfige Federfuchser!“, brummt Zmar versuchsweise. „Ich kann uns beide kaum mehr auseinanderhalten. Tut mir jetzt mein Knie weh oder ist es deins?“
Imgi indes ist damit beschäftigt, seine Zehennägel zu betrachten. „Ich glaube, jetzt habe ich endlich gesehen, wie sie wachsen“, murmelt er versunken. „Es beginnt links, dehnt sich dann höckerig nach oben. Die rechte Seite folgt, sobald ihr die Spannung unangenehm wird.“ Er kratzt sich am unbehaarten Schädel. „Kann aber auch sein, dass ich mir das alles nur einbilde. Ich sollte wohl einen Strich machen, dann sehe ich es besser. Hast du vielleicht noch etwas Bohnenkreide?“
„Kaum. Die haben wir verwendet, um die Wintertage zu zählen. Und sie ist uns ausgegangen bei dreihundertvierzehn.“
Seufzend zündet der rundliche Zmar die Pilzsaftlampe an und mustert seinen dürren Baumgemeinschaftsgenossen. „Aber wir könnten ein Spiel spielen. Eines kenne ich noch, ein einziges. Ich habe es früher oft gespielt, doch eine Zeit lang hat es sich vor mir versteckt. Jetzt ist es wieder da.“
Imgis Gesichtszüge, die an einen nackten Maulwurf erinnern, erhellen sich und er gießt sich einen großzügigen Schluck Gammeltraubensaft in die Kehle. Erwartungsvoll gurgelnd beobachtet er, wie Zmar aus einer Truhe in einer dunklen Ecke ein verstaubtes Kästchen hervorzieht und es vorsichtig auf den Wackelstein in der Mitte ihrer Behausung legt.
„Es hat einen sehr langen Namen, an den ich mich nicht mehr recht erinnere. Hm.“ Behutsam bläst Zmar den Staub von der Abdeckung und setzt sich ächzend auf eine Wurzel. „Ah ja, so heißt es: ‚Ein Riss geht durch die Welt. Dieser Riss ist die Welt. Geh vom Anfang ganz bis zum Schluss. Koste Verdruss, als sei es Genuss. Für zwei Spielende. Achtung! Nur donnerstags zu spielen.‘“ Zmar hält inne. „Welchen Wochentag haben wir?“
Imgi blickt ihn an, grinst und saugt tief Luft in seine Lungen. Er hustet. „Donnerstag, ganz sicher. Freitags duftest du nicht ganz so schlimm und die anderen Tage kommen sehr selten vor.“
Zmar ignoriert ihn. „Es ist ein Risiko, gewiss. Andererseits werden wir sowieso langsam verrückt. Wieso die Sache nicht beschleunigen?“ Mit theatralischer Geste zeigt er auf das unscheinbare Kästchen. „Nimm das Spielfeld und falte es auf. Ja, es ist ein Kreis, zumindest im Moment. Gib mir die Beschreibung!“
Fasziniert beobachten die beiden, wie sich das Spiel vor ihnen entfaltet, gelassen, aber unaufhaltsam. Kärtchen mischen sich von allein und sammeln sich in Stapeln, das Feld wölbt sich zu einer Halbkugel und lässt zärtlich gemalte, doch verwaschene Bilder erkennen. Durch die Mitte schlängelt sich ein Spalt, bodenlos und finster.
Imgi hat die Beschreibung gefunden, bläst den Staub weg, hustet erneut und liest vor: „Lassen wir unsere Vorstellung reisen, vorbei an Namen wie Saturn oder Jupiter, hinter die Nebel von Andromeda, wo sich die Kleine Bärin und das Sternbild des buckligen Drachen ihr kosmisches ‘Gute Nacht‘ zuflüstern. Stellen wir uns vor, es gäbe dort eine Welt, die ein bisschen so ist wie unsere und ein wenig anders. Sagen wir, sie erlebte nach einer langen, wechselhaften Geschichte einen Großen Waffengang, der aus Sicht der Konzerne alles in allem unprofitabel war und diese dazu brachte, die Staaten aufzulösen und offen die Macht – Pardon! – die Verantwortung zu übernehmen.“
Zmar lauscht, nickt manchmal zustimmend, streicht sich übers Doppelkinn, schüttelt dann überrascht den Kopf: „Es hat sich verändert, schon wieder. Es beginnt bereits! Wir sind schon mittendrin. Nun kommt die Zeit der Entscheidungen. Wähle, mein waghalsiger Freund, in welcher Welt willst du starten? Welche Figur zieht mit dir? Müll, das habe ich mir gedacht, dass dich das lockt. Dann ist es Pi. Ein guter Name. Welche Kräfte hat sie, welche Schwächen? Was muss sie lösen und wen muss sie finden?“ Das Licht der Pilzsaftlampe strahlt heller als gewöhnlich, die Schatten der beiden Erdzwerge flackern unruhig und malen vielerlei Gestalten an die Wände. Zmar atmet tief durch und macht es sich auf dem Boden bequem. „Eine Katze und ein Kind muss sie suchen? Viel Glück kann ich da nur wünschen.“ Er lacht glucksend. „Nimm dir eine der Karten aus dem Stapel. Am besten die Erste, die an deinen dünnen Fingern kleben bleibt. Lies das Wort, das auf ihr steht. Lass es in dich sinken. Schau auf das Bild von Pi und lass deinen Geist vom Zügel! Hottpott! Und jetzt erzähl!“
So’ophi schüttelte sich und sah sich benommen in dem mit allerhand Gerümpel und Elektroschrott vollgestopften Kellerraum um. Bin ich eingeschlafen? Wie kann das sein?
An der Waschmaschine lehnend, atmete sie tief durch. Der muffige Geruch des Kellers war angenehm vertraut. Hier unten verbrachte sie halbe Nächte, in denen sie das, was sie als Finderin aufstöberte, als Erfinderin verwertete. Die fixe Pi, wie sie Weda manchmal nannte, hatte zwar schon so manches angestellt, war aber noch nie in ihrem Leben angestellt gewesen und wurde von keinem der zahllosen Personalbüros in der Gigapolis in Evidenz gehalten. Und das wollte sie auch nicht ändern. Pi trug auf andere Weise zum Überleben ihrer Gemeinschaft – des Dorfes – bei.
Auf ihren ganz persönlichen Beutezügen auf den Geländen der großen Firmen von Yat*an – mega!!!zac, Fatrenic, Sigolr und Maičer – entwendete sie Produkte mit den charakteristischen Logos der Konzerne. Hier, in ihrer kleinen Waschküchenwerkstatt, nahm sie die Schriftzüge, Bilder und Plaketten behutsam ab, um sie auf neue Art miteinander zu verbinden, mit Leim, Klebstoff, Schrauben, Fäden oder mit der Hitze ihrer kleinen Lötlampe. Anschließend befestigte sie das neue Logo wieder auf der Ware und bot sie auf den Straßen Yat*ans oder im N.E.T.Z. zum Verkauf an. Pi nannte diesen höchst befriedigenden Vorgang Fusionskunst und seine Wirkung auf die Mittelschicht der Angestellten und Teilzeitausgebeuteten war immer wieder erstaunlich. Für die Mehrheit dieser Menschen war ein Gebilde, das mit mega!!trenic oder Fatzac geziert war oder gar mit MeSiic!! warb, ein Skandal, der die eigene Identität erschütterte. Die Sicherheit ihrer Existenzen gründete auf der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Firmen-Familie und diese stand unverbrüchlich fest. Fusionen, Aufkäufe, feindliche Übernahmen wurden vorsichtig, über Jahre hinweg, vollzogen. Mensch und Marke erhielten Zeit, sich anzupassen, bis alles so schien, als wäre es nie anders gewesen. In den Zonen wiederum, den assoziierten Gebieten, den Flecken nackter Ausbeutung, hätte das alles niemanden gejuckt. Hier waren die Gesichter der Konzerne höhnische Fratzen ohne gütige Seite.
Ein echter Verkaufsschlager war Fusionskunst in den Chefetagen der Firmen. Leitungskräfte konnten mit dem Kauf dieser Werke zeigen, dass sie flexibel und zynisch genug waren, die eigene Identität nicht vollständig an die Corporate Identity „ihres“ Unternehmens zu binden – ab einer gewissen Stufe war Illoyalität ein Zeichen von Reife. So verwertete Pi ihre Fähigkeiten im halblegalen Bereich, im schwindenden Raum jenseits betrieblicher Kontrolle, wo ja ohnehin ihr Zuhause lag, und verdiente hier und da eine hübsche Summe Yat*ors.
Ihr abgenutztes Werkzeug lag in Reichweite, in ihrem Blickfeld standen der Holzsessel mit den hübschen Schnörkeln und ein halb zusammengebasteltes Kunstwerk. Doch die Vertrautheit war aus diesen Gegenständen gewichen. Kalt, fremd und bedrohlich bauten sie sich vor ihr auf. Sie hörte kein Katzenschnurren, keine Musik aus den Wohnräumen, nur ihren keuchenden Atem.
Da fuhr eine heftige Erschütterung über den Boden in ihre Knochen, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall. Danach herrschte wieder diese beängstigende Stille. Pi zwang sich, aufzustehen. Schritt für Schritt schleppte sie sich zur schweren Holztür, öffnete sie mit klammen Fingern und stieg mit wackeligen Knien die abgewetzten Stufen hinauf. Hatten die Sicherheitskräfte eines Konzerns mit Betäubungsmitteln und „Einsammeltrupps“ das Dorf überfallen?
An der letzten Stufe angekommen, brachte So’ophi es nicht über sich, die Tür nach oben zu öffnen. Kalt lag die Klinke in ihrer rechten Hand. Kein Laut war zu hören, das ewige Stimmengewirr des Dorfes war Schweigen gewichen. Mit der linken Hand fischte sie nach einem kleinen Schraubenzieher in ihrer Hosentasche, der Karikatur einer Waffe. Soll ich die Tür mit einem Ruck öffnen oder ganz langsam? Pi hatte ausreichend Erfahrungen mit Sicherheitsleuten gesammelt, dass ihr kalter Schweiß ausbrach. Die Angst ist eine gefährliche Krankheit. Vom Putzlappen am Treppengeländer stieg modriger Geruch in ihre Nase.
Sie stieß die Tür auf. Einfallendes Licht blendete sie. Schmerzhaft schlug ihr Herz gegen ihre Rippen. Hilflos fuchtelte sie mit dem Schraubenzieher in die Stille hinein.
Das Bild, das sich ihr zeigte, war erstaunlich gewöhnlich. Die schmuddelige Couch, der Tisch mit den eingebrannten Zigarettenflecken, die klapperigen Gemeinschaftsschränke, ein penibel sauber gehaltener Boden. Sinza hatte wohl doch einen Putztrupp zusammengebracht. Da stand sie ja, ans Fenster gelehnt, mit dem Arm nach draußen deutend! Die Geste wirkte seltsam, unecht. Pi wollte sie rufen, aber brachte keinen Ton hervor. Sinza verharrte weiter reglos, mit ausgestrecktem Arm. Pi löste sich von der Tür, ging quietschende Schritte auf die ältere Frau zu. Ihr Blick folgte der erfrorenen Geste zum durch Rauchschwaden verdunkelten Fenster.
Nun begann Pi zu rennen. Die Schwaden zogen wie finstere Wolken nach oben. Sinza war weiter schockerstarrt, nein, mehr als das. Pi löste ihren Blick vom Fenster, wagte, sich der alten Frau zu nähern, sie zu berühren. Kalte Haut wie Wachs, Pupillen ohne Leben. Kein Atem hob den Brustkorb. So’ophi kannte den Tod – gestorben wurde genug im Dorf. Der Mangel, die Hoffnungslosigkeit und die ungesunden Lebensbedingungen auf diesem gepeinigten Planeten … Doch nie hatten Tote im Wohnzimmer gestanden und versucht, ihr etwas zu zeigen.
Sie fühlte sich in einen ihrer nächtlichen Alpträume versetzt, in denen sie durch ein Geisterhaus voller schattenhafter Gestalten wanderte, nicht tot, aber auch nicht lebendig. Pi löste sich von Sinza, ging weiter im Takt ihrer pochenden Schläfen, ein monotones Summen in ihrem Kopf. Im Gang stieß sie auf Ro und Solva, im Kuss erstarrt, auf Handarin, der ein Telefon ans Ohr presste und hochkonzentriert mit leeren Augen lauschte. Pi ging weiter. In ihr war kein Platz für Entsetzen, für Angst, für Trauer, nur ein kleines Staunen, ein Schaudern, das ihre Haut in gleichmäßigen Wellen überströmte, angenehm eigentlich. Nur das Summen in ihrem Kopf schwoll stetig an. Sie ging durch das Haus, registrierte alles penibel, empfindungslos. Ging wie unter einer Kuppel aus geschliffenem Glas, das alles vergrößerte.
In der Küche fand sie Weda, der angesetzt hatte, eine Zwiebel zu schneiden, ein lautloses Pfeifen auf den Lippen. Da löste sich ihre Betäubung. Der Schrecken fand einen Weg in ihren Körper, als Zittern, dann als Schütteln, schließlich als Krämpfe. Noch immer entwand sich ihr kein Schrei, doch sie stürzte zum Fenster, öffnete es mit einem Willensakt. Luft! Sie gewahrte den tiefschwarzen Himmel, die Feuersäulen an allen Ecken und den beißenden Rauch wie von einer überdimensionierten Müllverbrennungsanlage, der sogar den üblichen Gestank von Yat*an überdeckte. Die Stille wich dem Knacken von verbrennendem Holz, dem Knistern von schmorendem Plastik. Das Entsetzen füllte sie jetzt ganz aus, schlug über dem Mädchen zusammen. Die Knie knickten ihr weg und das Blut wich ihr aus dem Kopf, nicht genug für eine Ohnmacht, nur für ein Zusammensinken.
Pi saß am Boden, zu Wedas Füßen, starrte auf seine alten fleckigen Schuhe, die gewohnten viereckigen Fliesen, so oft von ihr gescheuert. In einer Fuge klebte ein Zwiebelring. Eine Ader in ihrer Schläfe pochte hart, alle Farben hatten einen Rotstich. Der Schraubenzieher rollte über den Boden. Das Mädchen konnte keinen Gedanken fassen, kein Rahmen fand sich für ihr Erleben. Die Form der Welt war zerbrochen.
Irgendwann später saß sie auf ihrer Matratze in ihrem Zimmer, wusste kaum mehr, wie sie hierher gekommen war. Blickte auf die Piratinnenflagge an der Tür, ein verwegen grinsender Mädchenkopf hinter gekreuzten Fäusten. In der Ecke standen ein paar Kisten mit Kleidung, Werkzeug, Krimskrams. Ansonsten war ihr Rückzugsraum karg eingerichtet. Hinter sich auf dem Fensterbrett wusste sie einige ihrer Lieblingskunstwerke. Pi zog den Vorhang zu, sperrte den schweren dunklen Himmel aus.
Lange brütete sie dumpf vor sich hin, umklammerte und wiegte sich selbst. Das ist ein Traum, ein böser Traum! Mit der flachen Hand schlug sie sich hart ins Gesicht. Es tat richtig weh. Ich will aufwachen! Sie wandte den Kopf zu der Fotomontage an der Wand, die sie und ihren Kater Lu in einem Fantasiedschungel aus Eisenteilen zeigte. Lu war extrem vergrößert, Pi nutzte ihn auf dem Bild als Reittier, darunter stand in ihrer schönsten Schrift: „Das Raubtier und die Räuberin.“
„Lu!“ Nichts regte sich, kein Trippeln, kein Maunzen. Zumindest ist Lu weg! Keine leblose Salzsäule, sondern verschwunden. Und was verschwunden ist, kann ich wiederfinden!
Pi hüllte sich in ihre Kapuzenjacke, schnappte den Beutezugbeutel und machte sich auf den Weg nach draußen.
Alani lag im Gras und starrte in die Wolken. Der Har’a ragte ungerührt empor und warf einen Schatten auf ihn, den Dunklen vom Fleck der Gelben. Alanis Geist fühlte sich übervoll an, über jedes vernünftige Maß geweitet. Sich selbst hatte er durch das Bestehen dieser besonderen Herausforderung finden wollen – nun fühlte er sich erst recht verloren, überwältigt von einer fremdartigen Sicht auf die Welt. Beharrlich hatte er seine Frage gestellt: Was geschieht, wenn die Alte stirbt?
Erst schien ihn der Har’a nicht zu beachten, dann kam Antwort um Antwort, die ihn Stufe um Stufe empor führte, bis er das ganze Land überblickte. Selbst die riesenhaften Har’as waren zu Kieselsteinchen geschrumpft, die über die Flecken von Mo rollten, Gelbe und Blaue und Rote wurden von hier oben zu Lupullen, hin und her wuselnd, emsig damit beschäftigt, von hier nach da zu hasten und von da nach hier. Unbedeutendes Treiben, ein Spiel unter der Sonne, nicht mehr als ein Moment in der Ewigkeit. Leben war nicht mehr als ein Tropfen Blut, der zu Boden fiel.
Alani hatte die Antworten vergessen, sie schienen ihm belanglos. Warum überhaupt etwas tun?
Warum nicht warten, bis dieser Tag zu Ende ging, bis eine Nacht begann, auf die ein weiterer Tag folgte, der ein Ende haben würde, das der Anfang einer neuen Nacht war und immer so weiter, bis der Tropfen Blut, der er war, am Boden ankam? Alani hatte den weiten Blick des Har’a geschenkt bekommen – und es ließ ihn beinahe zerbersten. Ewigkeit eingesperrt in Vergänglichkeit.
Die Wolken lichteten sich, die Sonne kam stärker zum Vorschein. Alani richtete sich auf, atmete tief durch. Er konnte hier sitzen bleiben, überwältigt von seiner Bedeutungslosigkeit, bis ihn die Blumen überwucherten. Aber er spürte die warme Sonne auf der Haut, hörte das sanfte Klopfen der Brombeersträucher in seinem Ohr und das erfüllte ihn mit Frieden.
Er könnte sein Leben unter diesem großen Himmel mit mehr Leichtigkeit leben! Gut, unter den Lichtwesen würde er ein Schwermütiger bleiben, einer der immer auf der Suche war, während die anderen das Leben einfach nahmen, wie es sich ihnen darbot. Aber brauchte ihn das so zu bekümmern? Jeder Tropfen, der auf die Erde fällt, ist anders. Und jeder fällt aus dem gleichen Himmel! Und vielleicht war ja das die Antwort des grauen Riesen gewesen – sich nicht zu viele Sorgen zu machen über Dinge, die nicht zu ändern waren?
Alani stand auf und ging langsam in Richtung des Lagerplatzes der Lasol. Er freute sich auf die Seinen – er hatte niemandem von seinem Vorhaben erzählt und vielleicht würde die hübsche Alada ja schon nach ihm Ausschau halten? Er nahm sich vor, ihr seine Zuneigung deutlicher zu zeigen, was seinen Herzschlag beschleunigte.
Vielleicht war sein Anderssein in ihren Augen gar kein Makel? Vielleicht sah sie etwas in ihm, das er selbst erst ganz langsam anerkennen konnte? Alani war sich nicht sicher, ob er die Initiation bestanden hatte. Die Antworten des Har’as konnte er nicht wiedergeben, auch wenn er ahnte, dass sie in ihm lagen und ihre Wirkung entfalteten. Sollte das nicht genügen, konnte er immer noch tanzen. Alani schmunzelte und beschleunigte seinen Schritt.
Doch der Lagerplatz lag verlassen da, ohne Spur und Nachricht. Das war mehr als ungewöhnlich, das war noch nie geschehen. Die Lasol lebten frei – und sie lebten gebunden. Sie schauten aufeinander und ließen niemanden zurück. Bislang.
Alanis Stimmung schlug blitzartig um. Sein Leben, das er sich eben noch in hellen Farben ausgemalt hatte, wurde pechschwarz und bitterkalt. Alle Bosheit, zu der er fähig war, richtete er gegen sich selbst. Natürlich hatten sie ihn verlassen! Es konnte gar nicht anders sein. Sie hatten die Gelegenheit genutzt und sich davongemacht. Er bedeutete niemandem auch nur das Geringste, er war eine Last, sogar für seine Mutter.
Beinahe lustvoll zertrat er die zarten Blumen, die in seinem Herzen aufgeblüht waren. Die Einsichten des Har’a, dass sein Leben nur ein Augenblick in der Unendlichkeit war, boten ihm keinen Trost. Er hatte genug von seinen ewigen Versuchen, sich seine Lage schön zu reden, zu glauben, dass Alada oder irgendjemand sonst seine Liebe erwidern könnte, dass er sich schließlich als wertvoller Teil seines Fleckens empfinden würde. Das Leben belehrte ihn ja doch stets eines Schlechteren! Alani gab auf, stellte seinem Selbsthass nichts mehr entgegen. Er hatte es versucht, hatte all seinen Mut zusammengenommen, um endlich dazuzugehören, hatte sich einer schweren Prüfung gestellt, die er vielleicht nicht bestanden, aber doch überlebt hatte. Doch etwas in ihm hatte nur auf diesen Verrat gewartet. Er war der Dunkle, und der Dunkle wusste längst, was zu tun war.
Alani hielt sein Gesicht der Sonne entgegen, lieferte seine verwundbaren Augen ihrer Gewalt aus. Verbrennen wollte er all die angesammelten Bilder, die ihn kränkten und erniedrigten. Tränen flossen über seine Wangen und färbten sich allmählich rot, während die Welt sich schwärzte. Er schrie all seine Verzweiflung und seinen Schmerz in dieses dichter werdende Schwarz. Geblendet rannte er in den naheliegenden Wald wie in ein offenes Messer. Die Seinen wollten ihn nicht und nun wollte er sich auch nicht mehr. Alani stürzte sich mit blutenden Augen in den unermesslichen Wald von Mo, in der Hoffnung, für immer darin zu verschwinden.
Der Wald von Mo bot Stellen, die mit den Untiefen von Ozeanen spielend mithalten konnten. Wenige Landwesen hatten ihn bislang betreten und unbeschadet wieder verlassen und für Lichtwesen wie die Lasol war er das sichere Ende. Nach wenigen Metern schon drang kein lebensspendender Sonnenstrahl mehr durch das lückenlose Blätterdach. Dichtes Gestrüpp überwucherte den Boden, keine Wege waren in diese Wildnis geschlagen. Alani nahm sich vor zu rennen, bis er fiel, dann liegenzubleiben, bis er starb. Er erwartete, jeden Moment an einem Baum zu zerschellen oder von einem gnädigen Ast aufgespießt zu werden. Endlich ein Ende der Qualen, des Wechsels von Hochgefühl und Demütigung, endlich Nacht!
Doch der Wald nahm ihn auf und stellte ihm nichts entgegen. Er lief immer weiter in dieses Wesen hinein, bis er den Eindruck hatte, im Dunkel zu schweben. In der Tiefe dieses grünen Ozeans umschloss ihn ein unverhofftes Glück. Äste strichen ihm zärtlich über das Gesicht, Blätter wisperten tröstlich. Statt des Todes erwartete ihn ein Wunderland und eine leise Melodie, die ihn leitete. Alanis Todessehnsucht verwandelte sich in ein Gefühl des Aufgehobenseins, süß wie das Leuchten des Abendrots. Er tauchte ein in die gnädige Dunkelheit und trank und trank.
Versank.
Anderswann und anderswo erwachte er mit schmerzenden Gliedern und geschwollenen Augen. Seine Haut war von Dornen zerschunden und hinter seinen Lidern tanzten schwarze und rote Schatten. In seinen Händen lag etwas – eine Pflanze? Ängstlich öffnete er die Augen. Er sah! Und zuckte zusammen, denn über sich gewahrte er ein verschwommenes Gesicht.
„Na, aufgewacht, Lichtwesen?“, brummte eine tiefe Stimme, warm und beruhigend.
„Wo bin ich?“
„Am südlichen Rand des Waldes. Nahe von Noi, meiner Siedlung. Wir sind Vogelwesen, Säher und Ernter.“
Alani richtete sich auf. „Ernter?“
Das mächtige Wesen spannte einen Flügelarm. „All das, was du vor dir siehst, sind unsere Felder. Hatui-Pflanzen, die uns nähren. Noch sind sie nicht reif.“
Gewaltige grüne Stängel, an denen verschlossene Fruchtköpfe baumelten, bewegten sich vor Alanis schmerzenden Augen. Dieses Land war dem Lasol fremd, doch er hatte schon von ihm gehört. So habe ich den Wald von Osten durchtaucht bis in den Süden! Ist das überhaupt möglich?
„Wie hat es dich hierher verschlagen?“ Das Gesicht des Vogelwesens, des Noi-Ni, konnte Alani noch immer nicht im Detail erkennen, doch die Stimme gefiel ihm, weckte sein Vertrauen.
„Das ist eine lange Geschichte, die ich kaum verstehe. Ich war im Wald und habe ihn durchtaucht.“
Der Noi-Ni pfiff durch die Zähne. „Erstaunlich. Und von dort hast du dieses Kraut?“
Da fiel dem Lasol die Pflanze in seinen Händen wieder ein. Rau und stachelig. In der Sonne ging sie auf und gebar eine violette Blüte. „Anscheinend. Brauchst du es? Ich glaube, es will zu dir.“
Seit dieser Begegnung waren viele Sonnen erschienen und vergangen. Alani ließ sich an dieser Stelle nieder, dicht am Wald. Nanoi half ihm, eine kleine Hütte aus Randholz und Hatui-Fasern zu zimmern. Seine gefiederte Bekanntschaft war ihm dankbar, denn ein Tee aus dem seltsamen Kraut hatte den gelähmten rechten Flügelarm seines Sohnes geheilt.
Aus dem Lichtwesen im Schatten, dem Dunklen, wurde ein geachteter Nachbar der Siedlung Noi. Sein neuer Name lautete Waldtaucher, denn wenn er einen Ruf verspürte, tauchte er ein in das grüne Land, gab sich ihm hin. Immer wieder spülte es ihn an derselben Stelle an Land und in seinen Händen lagen ein Kraut, ein Stein, Beeren oder Früchte, die Heilung brachten für ein leidendes Wesen, Heilung von Schmerz und Krankheit, von Kummer, Wahn und Traurigkeit. Das betreffende Wesen kam von sich aus zu Alanis Hütte, Ruf folgte auf Ruf, das war Gesetz. Nur für ihn selbst schien kein Kraut gewachsen.
Der Waldtaucher war ein Geschöpf voll Sorge, dass der seelische Schmerz ihn erneut überwältigen könnte. Er tauchte tief in den Wald ein, aber bei sich selbst blieb er an der Oberfläche, rührte seine Vergangenheit nicht an. Der Har’a, die Alte, „seine“ Lasol – er wollte nichts mehr von ihnen wissen. Sein Ruf verbreitete sich weit über die Länder Mos, doch er hielt sich verschlossen.
Aber das Leben findet einen Weg zu dir, wie sorgsam du dich auch zu verbergen versuchst.
Die Sonne stand trüb an einem Himmel von gleichmäßigem Schwarz und tauchte die vertraute Gegend in ein schmutziges Licht. Pi saß auf den bröckeligen Stufen vor dem Haupteingang des Dorfes
