Wem die Stunde Schule schlägt - D. - G. Vosz - E-Book

Wem die Stunde Schule schlägt E-Book

D. - G. Vosz

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Beschreibung

Über sechs Jahre lang war es seine Mutter, zu der er aufschaute, die ihn als easycare Baby bezeichnete und bei der er schnell mit seinem recht lauten Mundwerk die Worte NEIN oder ICH WILL lernte. Dann wurde er eingeschult. Hier stellte sich erstmals die Frage, warum einem als Baby das Laufen und Sprechen beigebracht wurde, während man nun in der Schule ruhig und stillzusitzen hatte. Dennoch fing er an, seine eigenen Sinne für die Welt zu öffnen, dem Schulleben ein wenig Spaß zu geben, den Unterricht einfach durch ein paar Streiche aufzupeppen. Einen gut gelungenen Streich auszuführen ist schon eine besondere Kunst und erweckt eine besondere Begeisterung. Eine Begeisterung die auch seine engsten Freunde übersprang, sodass man sich zu viert auf den Pfad der Untugend begab. Schnell geriet man ins Visier der Pauker und so musste man seine Possen von jemand anders durchführen lassen und wer kam da am besten infrage, als der Musterschüler aus der ersten Reihe? Frei nach der Devise: Streiche machen ist lustig, besonders wenn es ein anderer für dich tut.

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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis:

In einer doch so unscheinbaren Zeit der Nostalgie, kam er als easycare Baby zur Welt

Schon früh kam er hinter das Geheimnis, was sein Handeln beeinflusste: die Ausrede

Irgendwann kam das Gefühl, etwas vertan zu haben, wovon alle redeten und die meisten es bereits taten

Der Spielplatz war die Operationsbasis für alle möglichen Sachen und eignete sich auch für das Turteln mit Mädchen

Sport war unattraktiv, lieber saß man auf der Reservebank und schaute den Mädchen beim Schwitzen zu

Montags war Werkunterricht, mit der Lizenz, selbst Entworfenes herzustellen und nach China-Art zu sprengen

Eine schriftliche Verwarnung in Form eines blauen Briefes sorgte zunächst für Unmut

Wenn man versucht seinen Lehrer zu verkuppeln, geht das meistens in die Hose

Eine Heiratsanzeige sollte die Zukunft des Paukers in eine ganz andere Bahn lenken

Locker angebrachte Türklinken können eine Freistunde herbeizaubern

Stinkbomben hieß das Zauberwort, um eine Klassenarbeit zu boykottieren

Dann trat Wilma in den Fokus, ein tugendhaftes Wesen mit einer Brille wie Kompottschalen

Mit Sunkist kann man eine berüchtigte hypothetische Entleerung der vesica urinaria reproduzieren

Auf einer eingeseiften Schultafel, bringt keine Kreide etwas zu Protokoll

Wieder trat Wilma in den Mittelpunkt, bot ihm einen Olivenzweig an, dem er mit Pistolen entgegentrat

Sein Klassenbucheintrag war länger als die Straße, in der er wohnte und nur durch ein Revirement konnte ein neues Blatt aufgeschlagen werden

1. In einer doch so unscheinbaren Zeit der Nostalgie kam er als easycare Baby zur Welt

Die Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts prägten so manchen Menschen. Der Wiederaufbau der zerstörten Stadtkerne wurde rekonstruktiv durchgeführt, die Bundesrepublik Deutschland wurde gegründet, das Wirtschaftswunder blühte voll auf, die Fünftagewoche ließ mehr Raum für Freizeitaktivitäten und mit der Einführung der D-Mark existierte eine vertrauenswürdige Währung.

Man widmete sich wieder persönlichen Dingen und versuchte die Erinnerung an die entbehrungsreichen Kriegsjahre, an die Lebensmittelmarkenindustrie und an die bis dato nicht funktionierende Wirtschaft bis zur Währungsunion zu vergessen.

Frauen versuchten wieder weiblicher zu wirken, schöner auszusehen, attraktiver zu sein, wobei der Pariser Modedesigner Christian Dior mit seiner ersten Modekollektion "New Look", die Ära der Modewelt mit Glanz und Glamour stark beeinflusste. Schmale knielange Taillenschnitte, figurbetonte Oberteile und weit ausgestellte Röcke waren das Markenzeichen und machten unter anderem ein ideales Waist-to-Hip Ratio.

Dazu dann der Petticoat, ein gerüschter, versteifter Unterrock, der das Swing-Kleid in ein luftiges Volumen versetzte. Das Musthave der Fünfziger, das die Rockabilly-Zeit und später den Twist prägte.

Wenn man aber nicht gerade das Tanzbein schwang, dann zwängte man sich auch schon mal in enge Kleider und Röcke, um die Kurven ohne Scham in Szene zu setzen. Bleistiftröcke, mit eng anliegenden Blusen oder stark taillierten Kostümen gaben der Mode damit eine neue Lebensphilosophie.

Entsprachen die weiblichen Formen allerdings nicht dem Ideal der Attraktivität, wurden Busen, Po und Hüften in manchen Kleidungsstücken besonders hervorgehoben und durch Mieder und Polsterungen ideal modelliert.

Es war die Zeit, wo der Lippenstift mit Drehmechanismus in jede Damen-Handtasche gehörte, so, wie Nieten an jeder Jeans.

Während Vorbilder wie die Sexbomben Marilyn Monroe, die verschämt bewundert wurde und Brigitte Bardot, die den Teenies die einstige Jugendlichkeit vorspielte, machte Audrey Hepburn die Caprihose zum Trend, eine elegant geschnittene, schmale bis unters Knie reichende Dreiviertelhose, meist mit umgekrempeltem Saum.

Selbst Frisuren versuchte man von bekannten Schauspielerinnen zu kopieren, wie zum Beispiel die geschickt eingedrehte Haartolle, leicht gewellt und hinten am Kopf mit Haarnadeln zusammengesteckt oder die toupierten Hochfrisuren mit viel Volumen.

Besonders schön war auch die seitliche Tolle, welche sanft ums Gesicht fiel und wo die Seitenpartie mit einem zusätzlichen Haarschmuck verziert wurde oder der klassische Pony, der gerade geschnitten über den Augenbrauen verlief.

Dann noch das Bandana, ein dreieckiges Halstuch, das zu einem Haarband gefaltet wurde und man dann um den Kopf trug. Bei vielen Frisuren wurde es so gebunden, dass sich der Knoten oben oder seitlich am Kopf befand.

Die Herrenmode blieb dagegen eher konventionell. Während Rock 'n' Roll für viele ein neues Lebensgefühl bedeutete, war, passend zu knappen Jeans, Lederjacke und Karohemden und die Frisur von Elvis Presley das Vorbild der gegenwärtigen männlichen Haartracht.

Auch die Stoffindustrie boomte. Neue Stoffe wurden erfunden, die leicht zu bügeln, wenn nicht sogar bügelfrei waren. Nylon- und Perlonhemden galten dann als der letzte Schrei und ließen die Männerwelt - im wahrsten Sinne der Worte - schwitzen.

Der Wohlstand wurde wichtiger als alles andere und zeigte sich nicht nur in der Mode, sondern auch in der Urlaubsstimmung, was dementsprechend auch demonstriert wurde.

Man fuhr nicht mehr in heimische Gefilde, man fuhr ins Ausland, ganz besonders nach Italien. Neue unbekannte Gerichte wie Spaghetti und Pizza riefen und mit Dolce Vita, Gelato, Sole, Lido und Mare im Visier sowie auch Rudolph Schuricke mit seinen Capri Fischern im Ohr, machte man sich bereit, für die schönsten Tage im Jahr.

Schnell noch Geld wechseln, schnell noch die Blumen gießen und dann schnell los. Schnell, schnell, schnell hieß es, dabei ging es doch nur in die Ferien. Kein Feldwebel rief: Marsch, Marsch, doch Deutsche sind die Schnelligkeit gewohnt, denn wer frisch gehetzt ist, braucht einfach mehr Erholung und so ging es dann mit dem Auto über die Alpen.

Der Anspruch vor Ort war nicht groß. Man wünschte sich fließendes Wasser auf den Zimmern, wenn's geht, kalt und auch warm.

Viele konnten sich nur einen Campingurlaub leisten, zogen mit Zelt und Wohnwagen los und überschwemmten die Campingplätze von Rimini bis Napoli. Die Korbflasche Chianti, die sich zu Hause gut als Kerzenständer auf dem Tisch machte, wurde schnell zum Symbol für Bella Italia.

Meistens wurden die Urlaubssuchenden, auf den Reisen zu den mit Zaun und Geranien versehenen Zeltplätzen an der Adria, von ihrem Bulli begleitet. Ein Kleinbus mit großem VW Emblem, Kulleraugen als Scheinwerfer, geteilter Frontscheibe, nostalgischen Fahrtrichtungswinkern und einen 26 PS starken Motor, mit dem eine Höchstgeschwindigkeit von nahezu 75 km/h erreicht werden konnte.

Da größtenteils der Bulli nicht mal über ein eingebautes Autoradio verfügte, hielt die Ehefrau dafür ein Kofferradio auf dem Schoß und war ständig damit beschäftigt, den Sender so im Empfang zu halten, dass man die Verkehrsmeldungen halbwegs verstehen konnte. Zwar war der Empfang unterwegs recht bescheiden, besonders dann, wenn man eine kurvenreiche und vor allem bergige Strecke fuhr. Aber was man nicht genau verstand, wurde erraten und so fuhr man einfach immer der Nase nach.

Erst in den sechziger Jahren kam der Pauschaltourismus auf, wo es dann unter anderem auch Flugreisen nach Mallorca gab. Bis dato war das Fliegen einfach zu teuer.

Es war auch die Zeit, wo die Moral bewacht wurde, wo die Prüderie erst langsam ihr Ende fand; wo Abtreibungen noch verboten waren und mit Gefängnis oder Zuchthaus betraft wurden; wo ungewollte Schwangerschaften ein ernsthaftes Problem darstellten. Mädchen, die noch zur Schule gingen, wurden deswegen von der Schule verwiesen. Auch die Homosexualität war noch strafbar, sowie die Unzucht, der sexuelle Kontakt zwischen unverheirateten Personen.

Eine Mutter, die ihren erwachsenen Sohn in der elterlichen Wohnung Geschlechtsverkehrs mit seiner Freundin oder Verlobten gestattete, konnte mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft werden. Untermietern war es verboten, nach 22:00 Uhr Besuch von Personen des anderen Geschlechts zu haben und unverheiratet zusammen zu leben, war fast unmöglich.

Die Fünfzigerjahre waren eine spannungsgeladene und facettenreiche Zeit. Auf der einen Seite Aufbruch und Fortschritt, auf der anderen Seite Nostalgie und Prüderie. Eine Zeit, wo die DDR und BRD ihren Namen bekam, wo Königin Elisabeth II den Thron bestieg, wo der Toast Hawaii populär wurde, wo die Erstaufgabe des Playboys erschien, wo der Hula-Hoop-Reifen seine Wiedergeburt erlebte, wo aus dem Tante-Emma-Laden die Albrecht KG wurde und wo die Vespa Einzug fand, ein Fahrzeug, das nicht einem unbequemen und lauten Motorrad ähnelte, sondern auf den ersten Blick Klasse und Eleganz ausstrahlte.

James Dean, mit dem Symbolcharakter als jugendlicher Rebell und auch Marlon Brando, als gesellschaftlicher Außenseiter, waren diejenigen, die gegen die Generation der Erwachsenen rebellierten.

Halbstarke ließen wie Elvis die Hüften kreisen, tanzten zu den, von den Eltern als Negermusik diffamierten, Rock 'n' Roll. Jungs trugen Bluejeans – auch Nieten- oder Texashose genannt -, Lederjacke und Elvis Tolle; Mädchen hingegen Pferdeschwanz, Petticoat, Stöckelschuhe mit Pfennigabsätzen, Lidstrich, roten Nagellack und roten Lippenstift.

In dieser doch so unscheinbaren Zeit der Nostalgie, des Brezelkäfers, der Weltmeisterschaft, des Generations-Konfliktes zwischen Jeans, Coca-Cola, Partys und der Einführung von Fußgängerzonen, der Kontroverse zwischen Sissi und Bill Haley, sowie zwischen Bundespräsidenten und dem Millionsten vom Band gelaufenem VW-Käfer, erblickte ein Junge unverletzt, als glückliches Ereignis und als typisches Einzelkind im Sternzeichen Zwilling, das Licht der Welt.

Seine Mutter war damals gerade mal dreiunddreißig, als er geboren wurde und sie beschrieb ihn als das Easy-care Baby, als ein gelassenes, genügsames, geduldiges, pflegeleichtes Geschöpf. Ein Baby, das man getrost zur Unterhaltung vor einem Fernseher setzen konnte, wobei das Programm egal wäre, da selbst Testbilder für ihn äußerst amüsant wirkten.

Seinen Vater hatte er eigentlich nie so richtig kennengelernt. Als dieser ihn das erste Mal sah, sprach seine Mutter:

»Guck mal wie süüüüüß. Ganz der Papa…, aber das macht nichts.«

»Ganz der Papa …, aha«, meinte der Vater daraufhin leicht mit dem Kopf schüttelnd.

»Ja, das ist jetzt Mamis kleiner Ledernacken, nicht wahr du kleiner süßer Fratz du?«

Daraufhin spitze sie den Mund und faselte in einer für jedes Baby unverständlichen Sabberplapperei:

»Ja heiteitei, dutzi-dutzi, ussemusse daiii daiiida.«

Doch plötzlich erstarrte sie, öffnete weit ihre Augen, hob die Brauen und sprach mit überraschender Stimme:

»Oh my God! Hast du das gehört? Er hat Gugudada gesagt. Ja genau, das ist der liebe Papa. Und nun sag mal Mami …, Ma-a-a-mi …, Ma-a-a-a-a-mi. Ja kuckuck, heiteitei, ach haddu nur ein Pups gemacht, ja toll haste das gemacht.«

Sie hatten ihn den Namen Gerhard gegeben. Ein Name der Kraft, Härte und Entschlossenheit ausdrückte, verbunden mit Reichweite, Durchschlagskraft und Zielgenauigkeit. Später nannten sie ihn nur noch Gerd. Ein brummiger Kosename, wortkarg, einsilbig und mit nur einem Selbstlaut.

Eigentlich sah er aus, wie man sich halt ein Baby vorstellte: lieb, nett und einfach niedlich …, na ja eigentlich. Vielmehr war er eher klein, winzig, zerknautscht, mit großem Kopf, keinem Hals, kurzen Beinen und tiefblauen Augen, eben babyhaft und ab und zu auch mal brüllend.

Sein Gugudada blickte ihn immer noch an und sofort ging Mamis Ledernacken davon aus, dass Gugudada ihn ins Herz geschlossen hatte, dass er fortan wie eine junge Pflanze behandelt wird, dass man ihn hegt und pflegt.

Es muss die innere Stimme gewesen sein, die sich plötzlich bei Gugudada meldete und ihm eine wichtige Botschaft offerierte, worauf er meinte:

»Äh … ich gehe mal eben kurz an der Ecke Zigaretten holen.«

»Mach das«, antwortete die Mama, »bleib aber nicht so lange weg, wir wollen gleich Essen.«

»Okay!« Daraufhin verschwand er.

Zwei Stunden saß die Mutter nun da und hielt das Kind in der Armbeuge, bis sie von einer Eingebung überrascht wurde und den Ledernacken fragte:

»Papa ist schon ganz schön lange zum Zigaretten holen unterwegs, nicht wahr mein kleiner süßer Fratz«, doch dann stutzte sie, holte tief Luft, überlegte und bemerkte plötzlich:

»Moment mal …, der raucht doch gar nicht.«

Ja er verschwand einfach und niemand hatte ihn daraufhin wiedergesehen. In seiner Eile hatte er total vergessen, seine neue Adresse bekannt zugeben. So hatte er sich von bestehenden Bindungen und auferlegten Verpflichtungen gelöst, sich förmlich in Rauch aufgelöst. Vielleicht hat er sich auch nur in der vollmondheiteren Nacht beim Zigaretten holen verlaufen oder steht vor einem Wasserfall und wartet, bis er aufhört. Der Arme! Ja so was soll es alles schon gegeben haben.

Als Säugling, Baby oder auch Kleinkind, hat man kein Mitspracherecht bei dem werdenden Zerfall einer elterlichen Beziehung. Meistens liegt es daran, dass man sich sprachlich an den partnerschaftlichen Problemen kommunikativ nicht beteiligen kann. Zwar entwickeln Babys ihre eigene Sprache, die sich auf wäääää-, uäääää- und bähhhhh-Lauten beschränken, jedoch eher einer Kommunikation unter Gleichgesinnten dient und somit nur mühsam von den eigenen Eltern und auch anderen Erwachsenen übersetzt werden kann.

Fortan übernahm somit die Mutter auch die Vaterrolle und sie nahm es mit der Erziehung ziemlich genau. Nur Strenge lag ihr nicht so. Eine solche Veränderung hat natürlich seinen Vorteil, denn zukünftig braucht unser kleiner Hosenscheißer nur noch einen zu manipulieren, um seinen Willen durchzusetzen.

Ein Vorteil, von dem er glaubte, er würde ihm in der Zukunft viel Nutzen bringen. Besser wäre es aber gewesen, wenn sie sich auf dem normalen Wege getrennt hätten, jeder in seiner eigenen Wohnung leben würde und am besten nicht miteinander sprechen täten. Dann könnte man sie gegeneinander ausspielen, frei nach der Devise: Aber bei Papa darf ich das.

Na ja man kann nicht alles haben und so fing er erst mal an, herzhaft seinen ersten Appell von der Brust zu blöken:

»Bähhhhh, wähhhhh, ähhhhh, häuähhhh«, was so viel heißen könnte, wie: »Eins will ich mal gleich klarstellen, ich trinke keine Milch, ich esse keinen Spinat, trage keine kurzen Hosen und werde vor Mitternacht nicht ins Bett gehen.«

In dieser Zeit, wo die Erziehung noch mit harter Hand, mit Teppichklopfern, Gürteln, Rohrstock oder sonst was Greifbarem durchgeführt wurde, wuchs er in dem Klima einer konformistischen, angepassten, linientreuen Enge, einem materiell und finanziell orientierten Haushalt auf, wurde nicht sehr groß, hatte aber komprimierte und perfekt ausgeprägte Fälle von Mumps und Masern. Er entwickelte sich als neugieriges, anpassungsfähiges, kommunikatives, schlagfertiges und erfinderisches Kind, dass nach dem Akt der Zeugung von einem Klapperstorch gebracht wurde.

Jeder Anordnung seiner Mutter widersetzte er sich, spielte grundsätzlich mit Sachen, die ihm nicht gehörten, und hüpfte in seiner Sonntagshose und in seinen neuen Schuhen zu gerne durch jede knöcheltiefe Pfütze.

Manchmal, wenn er ein Papierschiffchen auf große Fahrt schicken wollte, nahm er einen Schuh und schöpfte damit eine Pfütze leer, um zugleich eine größere mit dem gelbbraunen Brackwasser zu füllen.

Eine daraufhin zu verabreichende Ohrfeige entpuppte sich meistens mit einem Wettrennen um den Esszimmertisch.

Lesen und Schreiben lernte er in der Schule. Mit Lehrern von gestern und Methoden von vorgestern wurden er und seine Mitschüler auf die Probleme von Morgen und auf die noch viel grausamere Zeit nach der Schule vorbereitet.

Klassenlehrerin war Käthe Otto, Fräulein Käthe Otto. Eine veraltete Form der Anrede für eine unverheiratete, kinderlose Frau, die sich bisher mit dem männlichen Körperbau so gut wie keine Erfahrung angeeignet hatte. Meist sind es solche Mädels, bei denen es recht ruhig im Hause zugeht, die häufig sehr lange bei den Eltern wohnen und sich gerne zu Weihnachten einen Hund schenken lassen.

Fräulein Otto war zuständig für Deutsch, Musik und Religion, mindestens fünfzig Jahre alt und trug immer Schwarz bis Grau. Ihr Schminkkasten schien nur aus weißem Puder und schwarzen Eyeliner zu bestehen. Das ergraute Haar trug sie als Dutt, einem Haarknoten, der mit einem Gumminetz zusammengehalten wurde und so ihre Strenge unterstrich.

In der Hand hielt sie meistens einen Rohrstock wie eine Waffe, bereit dieses konkurrenzlose Werkzeug sofort einzusetzen, um widerspenstigen und ungehorsamen Kindern Benehmen beizuspringen. Ein Instrument, das zum einen als Zeigestock genutzt werden konnte, zum anderen aber auch um Kinder etwas rein- oder auch rauszuprügeln. Eine Rohrstockerziehung, auf die jede Domina heute viel Wert legen würde, um Kunden zu züchten und dessen Willen zu brechen.

Schulleiter und Sportpädagoge war Herr Werner Bölker, etwas jünger, mit ausgeprägten Charakterfalten, weißem Nylonhemd, schmaler Krawatte und einem dunklen Anzug, den er jeden Tag trug, wahrscheinlich auch beim Schlafen. Später unterrichtete er auch in Geschichte.

Auf der Nase trug er meistens eine Brille, wenn er sie nicht gerade zuvor auf die Stirn geschoben hatte und nach ihr suchte. Sie war mehr ein Paradestück, als ein Zweckgegenstand. Zum Durchsehen war sie ebenso nützlich wie ein Paar gusseiserne Ofenringe eines Kohlenherdes.

Dann war da noch Herr Walter Dase, der Erdkunde-, Rechnen- und Werklehrer, wobei der Werkunterricht nur den Jungen vorbehalten war. Die Mädchen hingegen hatten Unterricht in Nadel- und Hausarbeit. Heute heißen die Fächer Geografie, Mathematik und Arbeitslehre bzw. Designerpädagogik.

Unter den dreizehn Jungen und elf Mädchen in der Klasse fühlte Gerd sich wohl und fand neue Freunde, zumindest glaubte er es anfangs.

2. Schon früh kam er hinter das Geheimnis, was sein Handeln beeinflusste: die Ausrede

Es war der schönste Moment für alle Beteiligten, als Gerhard in die Obhut der Schule gelegt wurde, damit sich der Wunsch nach dem Finden des eigenen Weges einsetzte, der Tag der Einschulung.

Damals hatte man ihn mit einer Art Lockmittel oder auch Bestechungsgeld, einem kegelförmigen Gebilde mit allerlei Überraschungen und Leckereien gefüllt, ermutigt, fortan jeden Tag die Schule zu besuchen. Dieses köderhafte Fangmittel war nicht nur bunt und mit Krepppapier verschlossen, sondern auch durch ihre Form und Größe, unhandlich zu tragen. Aber wie heißt es doch so schön: je größer die Schultüte, desto fülliger der Inhalt!

Erst beim späteren Plündern der Tüte merkte man dann den Schwindel. Anstatt von den erhofften Schokoriegeln, Gummibärchen, Brausepulver, Nappo, Kirschlutscher und vielleicht einigen Spielautos, Kartenspielen und so weiter, findet man mindestens die Hälfte des Inhaltes mit Stiften, Radiergummis, Lineal und Schulheften gefüllt. Schürft man weiter bis in die Spitze der Tüte, greift man ins Leere beziehungsweise in zusammengeknülltes Zeitungspapier.

An diesem besonderen Tag, wo er eingeschult wurde, sah er nicht nur geschniegelt und gestriegelt aus, nein er durfte noch zusätzlich einen Ranzen tragen. Ein mächtiger, anmutender, eindrucksvoller Behälter aus Leder, der nicht nur als sportliche Betätigung, sondern für den zukünftigen Transport von Schulbüchern bedacht war und der einem größer vorkam, als man selber war.

Die Schule selbst war zweigeteilt. Für die Kindsköpfe, also für diejenigen, die noch von Oma und Opa in die Wangen gekniffen wurden, gab es Klassenräume in einer parkähnlichen Anlage mit leicht versetzt zueinanderstehenden Klassenräumen und einem kleinen Schulhof mit einem Goldfischteich und zwei Obstbäumen.

Für die, die nicht mehr so richtig als Grundschüler bezeichnet wurden, die bereits die schultypischen Verhaltensweisen aufwiesen, wie zum Beispiel unregelmäßige Schulbesuche, Charakterentwicklung, Trägheit, Müdigkeit, Vergessen von Hausaufgaben, die hatten ihre Lehrräume in dem dreistöckigen Hauptgebäude mit dem großen eingezäunten Schulhof, dem direkten Zugang zur abseitsstehenden Turnhalle und der dahinterliegenden versteckten Notausgangstür zur angrenzenden längsseits liegenden Hauptstraße.

Auch als Erstklässler hatte man die Kindsköpfe bezeichnet, was aber in keiner Weise mit den Fahrgästen der ersten Klasse in der Bahn oder in den Zügen zu tun hatte.

Sein Weg zur Schule war recht kurz und ständig von den Blicken seiner Mutter begleitet, sobald er das Haus verließ.

Nein er konnte nicht behaupten, dass seine Liebe zur Schule proportional mit der Entfernung zu ihr wuchs, nein das konnte er beileibe nicht, denn er wohnte genau vis-à-vis von diesem Ozean der Weisheiten.

Von seinem Zimmer aus hatte er einen direkten Blick auf den Schulhof, wo in regelmäßigen Abständen, die Pausenglocke laut kreischende Kinder anlockte.

So nahe an der Schule zu wohnen hat natürlich einige Vorteile, aber auch genügend Nachteile. Man wird zwar durch das Geläut der Schulglocke regiert, braucht aber erst beim Ertönen des ersten Gongschlags das Haus zu verlassen und landete dann immer noch rechtzeitig im Klassenzimmer, bevor der Nachhall verstummte.

Zum anderen steht man aber auch unter Kontrolle, die Schule wirklich zu besuchen. Fehlte man, wird sofort ein Klassenkamerad geschickt, um nachzufragen, wo man denn bliebe. So wurde Gerd zwangsläufig zu einem Schüler erzogen, der niemals dem Unterricht fern blieb, der niemals die Penne so richtig schwänzen konnte.

Doch so ein Tag der Einschulung kann auch sehr lehrreich sein, besonders dann, wenn sich die Angst in den Augen des Kindes in Neugierde verwandelte und man sich vor lauter Freude auf dem Weg ins Klassenzimmer gar nicht mehr umdreht.

Natürlich kann es vorkommen, dass man nach der Einschulung etwas größenwahnsinnig wird und dass man dann auf den Standpunkt steht: Ich bin jetzt groß, ich kann mir alles erlauben.

Es war noch die Zeit, wo selbst die Erstklässler, oder auch liebevoll Stifte genannt, allein zur Schule trotteten, während heute Mütter als Chauffeur angeheuert werden, um ihre Blagen in der Schule anzuliefern. So ging auch Gerd täglich seinen Weg über die Straße, mit dem scharfen Blicken seiner Mutter im Nacken.

Längst war das Zuckertütenfest in Vergessenheit geraten. Man hatte sich an das Stadium des Schüler-Seins in diesem Bildungs-Bunker gewöhnt und sich für allerlei Dinge begeistern lassen. Ja der IQ einer Treppenstufe führte fortan nach oben.

Das jährliche Ereignis einer jeden Schule ist die Versetzung, eine Deportation, die über das Schicksal eines jeden Schülers entscheiden kann. Es gab zwar noch keine Zeugnisse, dafür aber eine Art Analyse für die spätere Lebensentwicklung. Man musste auf einer bedruckten Abbildung bei einem Personenzug Fenster einzeichnen oder Tiere positionieren, wie zum Beispiel Vögel in einen Baum setzen, Rehe in den Wald und Hasen auf die Wiese.

Eine Hürde, die von jedem Schüler mit Leichtigkeit genommen wurde und so trafen sie sich alle in der zweiten Klasse wieder.

Hier wurde das Schönschreibheft eingeführt um eine schöne, gleichmäßige Handschrift zu erlernen. Es war ein Heft, dessen Seiten wie Notenblätter aussahen, allerdings aber nicht von Musik zeugten.

Geschrieben wurde mit einem Bleistift, ein Instrument, dass man ständig anspitzen musste und dessen Schrift man mit einem damals schon entwickelten Hightech Gerät wieder entfernen konnte, mit einem Radiergummi.

Nachdem nun der Ersteinzug in die zweite Klasse erfolgreich geschafft wurde, Gerd allerdings nie verstand, warum man ihn als Baby das Laufen und das Sprechen beibrachte, während er nun in der Schule ruhig und stillzusitzen hatte, fing er an, seine Sinne für die Welt selber zu öffnen.

Wie bereits erwähnt, fühlt sich Gerd im Walhalla der Müßiggänger als Großer, als Großer mit Stöckelschuhen und gerade jetzt in der zweiten Klasse sogar als ganz Starker. So zog es ihn immer wieder in den Unterrichtspausen auf den großen Schulhof zu den Jungs der Oberstufe.

Tommy, ein Schüler der achten Klasse, war da so sein Vorbild, so wie er einmal werden wollte, kompromisslos, lässig mit harter Schale und einem weichen Kern. Als Macho, Aufschneider, Patriarch hatte Tommy das Sagen bei seinen Freunden.

Eigentlich war er ein Großmaul, aber irgendwie auch wiederum ein Männlichkeitsprotz. Meistens trug er eine Lederjacke, so eine Motorradjacke mit einigen Macken und reichlich Patina. Sie sah alt aus. Kein Wunder, er hatte sie von seinem Vater erhalten, der sie wiederum von seinem Vater erhielt. Eine Opa-Vater-Sohn-Jacke also.

Zu seinem letzten Geburtstag hatte er zwar ein gebrauchtes, aber immerhin ein fahrbereites Motorfahrrad von seinen Eltern geschenkt bekommen, ein Mofa, das man zur damaligen Zeit noch führerscheinfrei fahren durfte.

Mit diesem Gefährt holte er jeden Tag seine Freundin, ein Mädchen aus einer Klasse unter ihm, von Zuhause ab und fuhr dann knatternd mit ihr zur Schule. Wenn er vor ihr stand, hatte er immer die Eigenart, mit dem Zeigefinger den Ausschnitt ihres Kleides hervorzuziehen, um dann hineinzulugen. Doch was war darin zu sehen?

In der großen Pause verkroch er sich meistens mit seinen Freunden in der äußersten Ecke des Schulhofes, um dort heimlich eine zu rauchen. Dabei stand einer Schmiere, um sofort anzuschlagen, wenn sich die Schulaufsicht näherte. Gerd wusste genau, hier trifft man ihn, sein Vorbild, sein Visionär, sein Halluzinator.

»Gib mir auch mal einen Zug«, forderte er und meinte damit eine Zigarette.

»Mensch mach die Schotten dicht Kleiner«, zeterte Tommy. »Siehst du denn nicht, dass ich beschäftigt bin?«

Dabei zog er kräftig an seiner Zigarette, sodass die Glut sichtbar rot wurde, zog wiedermal den Ausschnitt des Kleides seiner Freundin hervor und pustete diesmal den Qualm hinein. Wie Nebel, der sich aus dem Erdboden emporragte, stieg der undurchsichtige weiße Rauch aus dem offenherzigen Ausschnitt hervor. Alle fingen an zu lachen, fanden es amüsierend und untermalten ihre Freunde mit epileptischen körperlichen Zuckungen. Mann, was war das für ein Brüller. Nur einer verstand die Aktion nicht, was aber wohl eher am Alter lag oder gar am falschen Schulhof?

»Aber ich wollte doch nur …«, machte sich Gerd bemerkbar, wurde aber sofort von Tommy in die Schranken gewiesen:

»Was machst du eigentlich hier?«, sprach er. »Kinder gehören hier nicht auf diesen Schulhof. Geh rüber auf deinen Schulhof oder lieber gleich in den Kindergarten. Also mach ne' Fliege.«

»Ich dachte …«

»Du denkst? Du kannst ja noch gar nicht denken, für dich denken doch noch andere. Also zisch ab. Ich kann kleine Pisser nicht gebrauchen.«

Enttäuscht fiel Gerd in sich zusammen und stand verzweifelt da. Er hatte tatsächlich gehofft, dass er zu denen gehören würde, zu denen, die ihm um Nasenlängen voraus waren.

Zum Zigarettenbesorgen, da hatte man ihn gestern noch gebraucht und wie er dann sagte:

»Dann gib mir Geld«, bekam er nur zu Antwort:

»Setzt es auf meine Rechnung« und Gerd war so dumm und tat es.

Eine Schachtel Zigaretten mit zwölf Stück kostete eine Mark. Man konnte sie auch einzeln kaufen, mindestens aber drei Stück für dreißig Pfennige, und da Tommy kein Geld hatte, ging Gerd zu Oma und ließ sich ein paar Groschen für Murmeln geben, die er dann daraufhin in einem Spiel angeblich verlor.

Murmeln auch Katzenaugen genannt, waren Glaskugeln, mit denen man überall im Freien spielen konnte, allein oder mit mehreren. Ein Loch im Boden oder eine Hauswand reichte aus, um die Spieler zu kreativen Ideen zu bewegen.

Nun aber wurde ihm von Tommy etwas deutlich klargemacht, was er nie für möglich gehalten hätte. Er war für ihn ein kleiner Pisser geworden.

»Bölker kommt«, rief Bennie plötzlich. Er stand angelehnt an einen der Pfeiler, die eine Überdachung stützten, unter der man vom hinteren Ausgang des Schulgebäudes über einen Verbindungsflur regengeschützt zur Sporthalle kommen konnte.

Sofort wurden die Zigaretten auf den Boden geworfen, mit einer Drehbewegung elegant ausgetwistet und mit einem Fußtritt ins Gebüsch geschossen. Tommy legte seinen Arm um seine Ische und ging dann lächelnd an der Hofaufsicht vorbei. Seine Kumpels folgten ihm mit ebenfalls lächelnder Miene.

»Guten Morgen Herr Bölker«, begrüßten sie im Canon die Schulaufsicht, wobei die erwiderte:

»Guten Morgen Jungs«, ihnen dabei allerdings etwas misstrauisch hinterherschaute.

Gerd stand immer noch da und ließ sich die Worte von Tommy durch den Kopf gehen.

Hatte er das wirklich ernst gemeint, mit Kindergarten und das er ein kleiner Pisser sei? Doch nach einigen Augenblicken hatte er seine Gedanken so weit geordnet, dass sie nicht mehr durcheinander schwirrten, wie ein Schwarm wild gewordenen Bienen.

Ab sofort ist Schluss mit der Möchtegerntuerei, von nun an wird er seinen eigenen Weg gehen, seine eigenen Muskeln spielen lassen. Das zumindest dachte er sich. Dennoch saß der Kummer über die Abfuhr von Tommy tief.

Plötzlich bemerkte die Schulaufsicht ihn, kam auf ihn zu und stellte ihn zu Rede.

»Was treibst du dich hier herum?«

»Äh … ich?«

»Ja ist hier noch jemand?«

Gerd schaute nach links, schaute nach rechts, hinter sich, schüttelte dann mit dem Kopf und meinte:

»Nein.«

»Also, los raus mit der Wahrheit, na los! Soll ich dir helfen, den Mund aufzumachen? Was treibst du dich hier auf diesen Schulhof herum? Antworte!«

»Nichts!«, wurde widerlegt.

Herr Bölker war ein passionierter Nichtraucher. Er rümpfte seine Nase und schon nahm er den Rauch von Zigaretten wahr, der noch in der Luft lag. Zugleich blickte er zu Boden und sah dort die breiten Löschbahnen aus halb verkohlten Tabakresten.

»Hast du geraucht?«, wollte der Inquisitor wissen.

»Wieso?«

»Hier wurde doch geraucht, das riecht man doch.«

»Aber nicht ich«, wurde beteuert.

»Dann hauch mich mal an und komm mir nicht mit irgendwelchen Ausreden.«

Mit einem süffisanten Grinsen hauchte er der Schulaufsicht seinen feuchten Atem ins Gesicht und wartete auf das Urteil, wobei Lehrer nicht zu der Sorte Menschen gehörten, die eine Fehleinschätzung eingestehen. Gedanken umschlossen fragte Gerd sich, was wohl Tommy an seiner Stelle tun würde, um seinem Gegenüber selber Schrecken einzuflößen. Wahrscheinlich würde er nicht lange überlegen, wie mächtig sein Gegner sei und wie schwach und unbedeutend er selber ist.

Im selben Augenblick ertönte die Schulklingel. Ein Zeichen, das die große Pause damit ihr Ende fand. Erwartungsvoll stand Gerd immer noch da und wartete darauf, dass der Geruchsinspektor ihn doch des Rauchens bezichtigte. Doch das Ergebnis werden wir wohl nie erfahren, man hörte nur noch:

»Mach, das du in deine Klasse kommst«, worauf Gerd seine Beine in die Hand nahm und flugs verschwand.

Für die kommende Zeit wurde der große Schulhof erst mal gemieden. Er verabredete sich nach der Schule mit den einen und anderen Jungen seiner Klasse und bildete so mit Gunnar, Willi Wacker und Manfred eine unverbrüchliche Freundschaft.

Das Quartett verstand sich gut, eigentlich sogar sehr gut. Sie hatten gleiche Interessen und gleiche Ideen, wie zum Beispiel sich immer mal wieder mit Streichen und Intrigen zu beschäftigen und zur Belustigung der Klasse, sich auch mal aufmüpfig gegenüber den Lehrern zu verhalten.

Tage später, es war mal wieder die Pausenglocke, die den Lernunterricht unterbrach und man sich vom Strebern oder auch von Löcher in die Luft starren, erholen konnte.

Gemeinsam mit Willi Wacker schlenderte Gerd durch die parkähnliche Anlage des kleinen Schulhofes und kamen am Teich vorbei, wo die beiden davorstehenden Bänke grundsätzlich immer von Mädels belegt wurden.

Sie kicherten entweder über jeden Mist oder sie starrten regungslos in den Teich, suchten womöglich nach dem Frosch, der sie zum Küssen auffordern soll.

Im weiteren Verlauf des Weges kommt man dann an zwei Obstbäumen vorbei, die seitlich den Weg begrenzten. Im Geäst des einen Baumes hatte sich die Doppelseite einer Tageszeitung verhangen, bestimmt vom Wind hineingeweht.

Die beiden Jungs standen davor, blickten hinauf, sahen die Zeitung, aber auch gleichzeitig die fleischig, runden und lecker aussehenden Äpfel. Schon lief ihnen das Wasser im Munde zusammen. Allerdings befanden sich nur noch in den oberen Regionen des Baumes einige dieser aromatisch schmeckenden rundlichen Früchte mit dem Kerngehäuse. Womöglich wurde der untere Bereich bereits durch Eigeninitiative der Schulleitung, abpflückt, um die Schüler nicht in die Versuchung zu bringen, an dieser süßen Frucht der Erkenntnis zu naschen.

Plötzlich trafen sich die Blicke der Beiden und Gerd hielt seine Sternstunde für gekommen. Daraufhin meinte er:

»Na wie sieht's aus, heute mal einen Obsttag einlegen?«

»Was, wie, was meinst du?«, entgegnete Willi engstirnig.

»Ob du auch einen Apfel haben möchtest.«

»Wie …, willst du da Äpfel vom Baum holen?«

»Na klar Apfel! Birnen hängen da ja nicht.«

»Ne?«

»Nein!«

»Na ja eigentlich schon, aber es geht nicht.«

»Was geht nicht? Mach einfach eine Räuberleiter, halt die Augen auf und sag Bescheid, wenn die Aufsicht kommt. Alles andere mach ich.«

»Mensch bist du verrückt.«

»Los mach schon«, forderte Gerd und Willi tat unentschlossen wie befohlen.