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Was macht einen Präsidenten zum Präsidenten, wenn niemand da ist, der ihn als Präsident anerkennt? Oktober 2024: Eigentlich wollte sich Donald Trump in wenigen Tagen in eine dritte Amtszeit wählen lassen, nachdem er seine zweite ergaunert hatte. Doch dann findet er sich nach einem missglückten Abschiebeflug auf einer einsamen tropischen Insel wieder – gemeinsam mit dem jungen Mexikaner Luis, auf dessen Rücken Trump Wahlkampf machen wollte. Luis ist ein unerschütterlicher Optimist, der fest an das Gute im Menschen glaubt. Selbst bei einem gnadenlosen Narzissten wie Donald Trump. Doch nach einer Woche allein mit Trump steht Luis' Weltbild kurz vor dem Einstürzen. Seine letzte Hoffnung: Er mischt dem Präsidenten heimlich Marihuana unter sein Essen...
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Alexander Laszlo
Wem gehört das Huhn?
Wie ich Donald Trump beinahe zu einem besseren Menschen gemacht hätte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
»Prolog«
»Die Ankündigung« Sonntag, 27.Oktober 2024. Noch 9 Tage bis zur Wahl.
»Unsere Ankunft in den USA« Anfang Oktober 2020.
»Santa Roca« 2020–2024.
»Die Falle schnappt zu« Dienstag, 29. Oktober 2024, 8:00 Uhr. Noch 7 Tage bis zur Wahl.
»In der Falle« Dienstag, 29. Oktober 2024, 10:00 Uhr. Noch 7 Tage bis zur Wahl.
»Meine letzten Minuten in den USA« Donnerstag, 31. Oktober 2024. Noch 5 Tage bis zur Wahl.
»Abflug und Absturz« Donnerstag, 31. Oktober 2024. Noch 5 Tage bis zur Wahl.
»Tag 1 auf der Insel« Donnerstag, 31. Oktober 2024. Noch 5 Tage bis zur Wahl.
»Tag 2 auf der Insel« Freitag, 01. November 2024. Noch 4 Tage bis zur Wahl.
»Tag 3 auf der Insel« Samstag, 02. November 2024. Noch 3 Tage bis zur Wahl.
»Tag 4 auf der Insel« Sonntag, 03.November 2024. Noch 2 Tage bis zur Wahl.
»Tag 5 auf der Insel« Montag, 04. November 2024. Noch 1 Tag bis zur Wahl.
»Tag 6 auf der Insel« Dienstag, 05. November 2024. Tag der Wahl.
»Tag 7 auf der Insel« Mittwoch, 06. November 2024. Tag 1 nach der Wahl.
»Im Oval Office« Sonntag, 22. Dezember 2024.
Impressum neobooks
»Entscheide Dich im Zweifel für das Richtige, dann kann Dir nichts geschehen.«
Wem gehört das Huhn?
Wie ich Donald Trump beinahe zu einem besseren Menschen gemacht hätte
Eine Utopie.
Alexander Laszlo
Mein Name ist Luis Olivares. Geboren wurde ich vor fünfunddreißig Jahren in Mexiko. Aber das glückliche Leben in meiner Heimat ist lange her. In diesem Augenblick befinde ich mich in den USA, in Washington D.C., im Weißen Haus, im Oval Office, umringt von Journalisten, die alle meinetwegen hier sind.
Ich warte auf den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, damit er mir die Hand reicht. Heute ist der 22. Dezember 2024. Doch die unglaubliche Geschichte, die mich hierhergeführt hat, beginnt zwei Monate zuvor, am 27. Oktober, einem Sonntag zehn Tage vor der Präsidentschaftswahl.
Covid scheint zu diesem Zeitpunkt völlig aus den Köpfen der Menschen verschwunden. Verdrängt, als hätte es diesen verheerenden Ausnahmezustand nie gegeben. Seit dem endgültigen Sieg über die Pandemie wächst die Wirtschaft unaufhaltsam im Rekordtempo, auch dank massiver Steuersenkungen durch den Präsidenten. Die Menschen haben wieder Arbeit, sie gehen raus und geben ihr Geld mit vollen Händen aus. Sie sind im Rausch der rastlosen Gegenwart, nach den bitteren Covidjahren fühlen sie sich endlich wieder frei. Und mittendrin in diesem Hoch: der Präsident. Und der heißt am 27. Oktober 2024 noch immer Donald Trump.
Sicher, er hatte die Wahl 2020 verloren, auch wenn er das bis heute bestreitet und seine Niederlage zur historischen Lüge erklärt hat, so wie die meisten Republikaner. Aber nach dem Sturm auf das Kapitol im Januar 2021 war der Versuch gescheitert, Trump wegen Amtsuntauglichkeit aus dem Präsidentenamt zu entfernen. Die Mehrheit der Republikaner in Senat und Kongress stand fest hinter ihm, sie tut es bis heute und verhindert eine echte Aufarbeitung der Geschehnisse. Donald Trump fühlte sich in jenen Tagen unbesiegbar, und wie sich schon kurze Zeit später zeigen sollte, war er es auch. Er hatte nach seiner Wahlniederlage sein Büro einfach nicht verlassen, er hatte sich einfach geweigert zu gehen, und es gab niemanden, der ihn vor die Tür gesetzt hätte. Und gegen alle Wahrscheinlichkeiten hat der Supreme Court ihn im Amt bestätigt. Die Richter wollten keinen Bürgerkrieg riskieren. Trump hatte also eine zweite Amtszeit angetreten, und damit war für ihn alles, was davor geschehen war, erledigt.
Er hat sich sofort ans Werk gemacht und schon im ersten Jahr seiner neuen Präsidentschaft mit Schützenhilfe seiner Partei und des Supreme Court die Verfassung geändert. Die Begrenzung auf zwei Amtszeiten für Präsidenten wurde aufgehoben. Und dann, nach drei weiteren Jahren im Amt, die Trump im Wesentlichen mit Golfspielen und der Wiedererlangung seines Twitteraccounts verbracht hatte, trat er 2024 erneut als Präsident an. Er will eine dritte Amtszeit, mindestens. Laut Verfassung könnte er auch bis an sein Lebensende Präsident sein. Und genau das ist es, was sein Ego will, und sonst nichts: an der Spitze stehen. Trump wollte nie gestalten, und er kümmert sich nicht um die Menschen. Er will einfach immer ganz oben sein, wo ihn jeder sehen kann.
Aber vor allem duldet er niemanden neben sich. Tatsächlich stehen seine Chancen auf den Wahlsieg keine zwei Wochen vor der Wahl gar nicht schlecht. Die Demokraten sind tief zerstritten. Sie haben Trumps Coup in seine zweite Amtszeit nie überwunden. Sie sind noch immer gespalten über den richtigen Umgang mit Trump. Ihr Präsidentschaftskandidat ist ein parteiinterner Kompromiss, aber er steht ohne klaren Kurs zwischen den Fronten, ist blass und schwach. Kurzum: Er ist eigentlich nicht der Rede wert. Und obendrein sieht er sich mit dem stärksten Wirtschaftswachstum der amerikanischen Geschichte konfrontiert, das sich Trump höchstpersönlich auf seine Fahnen schreibt. Die Menschen trauen dem demokratischen Kandidaten nicht zu, den Präsidenten aus dem Amt zu drängen.
Trumps Anhänger hingegen verherrlichen ihren Präsidenten. Und jeder Politiker, der in der Republikanischen Partei etwas werden oder bleiben will, steht in einer Reihe stramm hinter Donald Trump. Es sieht also so aus, als müsste Trump dieses Mal das Gesetz nicht brechen, um Präsident zu bleiben. Dennoch will er ganz sichergehen und hat für den Wahlkampf seinen Lieblingsfeind reaktiviert. Seit Wochen schwört er seine Anhänger auf eine in seinen Augen zu Unrecht in den Hintergrund gerückte Bedrohung ein, die trotz der amerikanischen Stärke nichts von ihrer Gefährlichkeit für die Freiheit aller echten Amerikaner verloren hat und die es unter seiner Führung mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt: Mexiko! Genauer gesagt Mexikaner, die in Amerika leben. Mexikaner wie ich, Luis Olivares.
Eben hatte ich die Mädchen ins Bett gebracht und war die kleine Stufe hinab zur Küche gestiegen, wo Rosalie auf mich wartete. Vor ihr auf dem Tisch lag ihr silbernes iPad. Sie machte einen tief besorgten Eindruck. Ich zog einen Stuhl heran und setzte mich dicht neben sie.
„Was ist los?“
„Trump gibt gleich eine Erklärung ab, live.“
Rosalie flüsterte. In ihrer Stimme lag so viel Unheil, dass mein Herz schwerer schlug.
„Warum besorgt dich das so?“
„Es ist so ein Gefühl, ein böses.“
Ich konnte es nicht sofort einordnen. Hatte ihr Gefühl etwas mit Donald Trump zu tun? Der meldete sich doch ständig zu Wort, was hatte das mit uns zu tun? Im Nachhinein kann ich nur sagen, es war wohl einfach Intuition gewesen. Ein großes Unheil war in unser Haus geschlichen, während ich im Kinderzimmer war und die Mädchen zugedeckt hatte. Und Rosalie hatte es sofort gespürt.
Ihre Hände zitterten, als sie das iPad hochhob. Ich nahm es ihr ab und stellte es vor uns auf den Tisch. Das Siegel des Präsidenten erschien auf dem Bildschirm, untermalt von der Nationalhymne. Eine Texteinblendung kündigte eine Rede des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika an. Dann erschien Donald Trump. Er saß hinter seinem Schreibtisch im Oval Office. Prominent hatte er darauf eine kleine US-Flagge drapiert, sodass die Zuschauer unwillkürlich auf diese schauen mussten. Seine Botschaft war klar: Wo ich bin, ist Amerika. Ich bin Amerika! Dann begann er zu sprechen.
„Amerikaner! Meine lieben, patriotischen Amerikaner! Ich spreche zu euch in der Stunde des Schicksals für unsere großartige Nation.
Seit ich im Amt bin, ist Amerika ein besseres Land geworden, ein stärkeres! Amerika ist so erfolgreich wie nie. Ich habe das China-Virus gestoppt. Die amerikanische Wirtschaft ist seit Jahren auf einem Rekordhoch und wird immer stärker, die Arbeitslosenzahlen so niedrig wie nie. Nie hatten mehr Frauen, Afroamerikaner und Latinos eine Arbeit, als unter meiner Führung. Ich habe internationale Abkommen beendet, die schlecht für Amerika waren, und ich habe neue ausgehandelt, die gut sind für unser Land. Ich habe den Ruf Amerikas in der Welt wiederhergestellt. Wir sind die großartigste Nation der Welt, wir sind von Gott berufen, diese Welt anzuführen und das Böse zu bekämpfen. Und niemand kann unser großartiges Land besser führen als ich.“
Trump fuhr gleich die ganz großen Geschütze auf. Andere gab es für ihn auch nicht mehr. Die Aussicht auf weitere Jahre als mächtigster Mann der Welt hatte sein narzisstisches Ego endgültig entfesselt. Er fuhr fort.
„Die Demokraten wollen euer Land verkaufen und euch verbieten, echte Amerikaner zu sein. Sie hassen Amerika und sind in Wahrheit linke Terroristen. Amerikaner! Ihr müsst euch entscheiden. Wollt ihr weiterhin die Freiheit und das stärkste Amerika, das es je gab, oder Chaos und Sozialismus?
Die Demokraten verachten amerikanische Traditionen und Werte. Vor allem aber verachten sie amerikanische Helden! Sie machen gemeinsame Sache mit den Feinden Amerikas! Und noch immer laden sie schlechte Menschen in unser Land ein, Tausende jeden Tag! Ihr wisst, von wem ich spreche. Mexikaner!
Millionen sind schon hier und Zehntausende in diesem Moment, in dem ich zu euch spreche, auf dem Weg zu uns. Sie kommen, um euch euer Land wegzunehmen. Dahinter stecken die Demokraten, finanziert und gesteuert von fremden Mächten, Feinden Amerikas, die es nicht ertragen können, dass wir die großartigste Nation der Welt sind. Amerika wird angegriffen. Jeden Tag kommen Menschen illegal in unser Land, euer Land. Sie spazieren einfach über die Grenze, sie laufen nachts durch eure Vorgärten. Sie holen sich, wonach ihnen ihr böser Geist steht. Sie morden, sie vergewaltigen, sie bringen Drogen und Gewalt! Doch damit ist jetzt ein für alle Mal Schluss!
Wählt mich am 5. November, mich, Donald John Trump, den großartigsten Mann für das großartigste Amt der Welt, und ich gebe euch ein Versprechen, nehmt mich beim Wort. Ihr wisst, dass ich mein Wort halte. In einem Jahr, in genau 365 Tagen, von Morgen an, wird kein einziger Mexikaner mehr in den USA leben, der nicht hierhergehört! Sie werden alle weg sein. Ich habe einen Plan, einen wunderschönen Plan, ihr werdet es sehen. Alle werden es sehen!“
Der bedrohliche Ton in seiner Stimme war selbst für Trumps Verhältnisse außergewöhnlich. Im ganzen Land würden sich Menschen in diesem Augenblick in ihrem Hass gegen Mexikaner bestätigt fühlen. Der mächtigste Mann der Welt erklärte gerade der Nation, dass es richtig ist, zu hassen. Hass ist gut für Amerika!
„Ich habe ein präsidiales Dekret erlassen, denn ich bin der Präsident. Meine Macht ist allumfassend. Es wird morgen Mittag in Kraft treten und wirft ein für alle Mal alle unrechtmäßigen Mexikaner aus unserem Land! Ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, vorbestraft oder nicht: Wer bis morgen Mittag, 12:00 Uhr keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis oder eine Einbürgerungsurkunde vorweisen kann, wird dahin zurückgeschickt, wo er herkam. Alle laufenden Asylverfahren werden von Mexiko aus weitergeführt. Wer freiwillig gehen will, soll das tun, eine Belohnung gibt es dafür nicht. In einem Jahr sind alle weg, so oder so.
Dieses Versprechen gebe ich Amerika! Und ich habe bewiesen, dass ich meine Versprechen halte. Wählt mich, und ich befreie Amerika von seinen Feinden! Und wenn ich sage, ich werde persönlich für Ordnung sorgen, dann meine ich es auch so. Ich mache es selbst, höchstpersönlich. Ja, ihr habt richtig gehört, stolze Amerikaner, ich mache es selbst. So machen wir das in Amerika. Wir nehmen die Dinge selbst in die Hand. Den ersten Mexikaner werde ich eigenhändig zurück nach Mexiko bringen. In einem Flugzeug. Nicht in einer großen Regierungsmaschine mit Dutzenden Menschen an Bord, sondern mit einem kleinen, schnellen Flugzeug! Einem Flugzeug MADE IN USA!“
Trump legte eine kurze Pause ein, um die Dramatik der folgenden Worte so groß wie möglich zu machen:
„Ich werde dieses Flugzeug selbst steuern!”
Er legte den Kopf in den Nacken und atmete tief ein. Der Präsident weidete sich an der Aufmerksamkeit seiner Zuschauer, auch wenn er sie nicht sehen konnte. Er spürte sie, da war ich mir sicher. Mit vorgeschobenem Kinn und geschürzten Lippen, die Arme vor der mächtigen Brust verschränkt, lehnte er sich zurück und fixierte die Kamera mit zusammengekniffenen Augen. Erneut atmete er tief ein, seine Nasenhöhlen blähten sich auf zu zwei schwarzen Löchern, die so groß und böse aussahen, als wären sie der Eingang zur wahrhaftigen Hölle.
„Niemand wird im Flugzeug sein außer mir und einem illegalen Mexikaner, irgendeinem. Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der großartigsten Nation auf der Welt, und als Präsident gehe ich voran, damit Amerika mir in eine großartige Zukunft folgen kann. In drei Tagen hebt die Maschine ab, und niemand kann sie stoppen.“
Er zog die kleine Flagge vom Rand des Schreibtisches zu sich heran und küsste sie mit seinen dünnen, bösen Lippen.
„Morgen wird ein großartiger Tag für Amerika sein. Morgen beginnt eine noch glorreichere Zukunft für Amerika.Jetzt ist die Zeit zu handeln. Und jeder echte Amerikaner kann etwas tun. Wählt mich am 5. November, und die Großartigkeit Amerikas wird unendlich werden! Gute Nacht, patriotische Amerikaner!“
Schock. Rosalie und ich blickten uns ungläubig an. „Was, wenn er es wahr macht? Was, wenn die Abschiebeliste schon in seiner Schublade liegt? Was, wenn es uns trifft?“ Rosalie war eine Kämpferin, aber in diesem Moment sah ich zum ersten Mal in meinem Leben echte Hilflosigkeit in ihren Augen.
Fünf Millionen Menschen würden betroffen sein. Menschen, von denen die meisten gute Menschen waren. So wie die meisten Menschen auf der Welt gut sind, und die bösen nicht wegen ihrer Staatsangehörigkeit bösartig. Jeder Mensch wird gut geboren, und wieviel davon im Laufe seines Lebens verloren geht, hängt davon ab, wie ein Mensch selbst behandelt wird.
Auch in einer anderen Hinsicht machte Trump einen großen Fehler. Und wenn er wirklich etwas von Wirtschaft verstehen würde, dann würde er das erkennen. Die vielen Millionen Mexikaner, die in den USA lebten, unter ganz unterschiedlichen Bedingungen, praktisch alle aber ohne permanente Aufenthaltserlaubnis, waren schon immer eine lebenswichtige Stütze für die amerikanische Wirtschaft. Viele amerikanische Handwerksbetriebe konnten überhaupt nur bestehen, weil sie auf die zahlreichen mexikanischen Arbeiter zurückgreifen konnten, die sie illegal beschäftigten. Das waren einfach Fakten, doch Fakten interessierten den Präsidenten nicht. Zumindest nicht die echten, was absurd genug war, denn Fakten waren nun mal Fakten, auch wenn es seit Donald Trumps Amtsübernahme vor acht Jahren auch alternative Fakten gab. Trump würde immer eine Erklärung parat haben, wenn Dinge nicht liefen, wie sie sollten. Und diese Erklärungen hatten eines gemeinsam: Die Verantwortung trug nie er, sondern es trugen sie immer die anderen. Die Fake News, die linksradikalen Demokraten oder fremde Nationen.
Obwohl Rosalie und ich nach acht Jahren der Präsidentschaft Trumps schon viel Menschenverachtendes vom ihm gehört hatten, spürten wir, dass es dieses Mal größer war. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass es ausgerechnet uns traf, bei eins zu fünf Millionen stand und nicht mal klar war, ob Trump damit überhaupt durchkommen würde, hatte Rosalie echte Angst. Ich nicht, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Ein Fehler, wie ich schon bald spüren sollte.
„Einen wird es also treffen, vorausgesetzt, das alles findet wirklich statt. Wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass es ausgerechnet uns trifft?“, versuchte ich Rosalie zu beruhigen. „Eins zu fünf Millionen, würde ich sagen. Da gewinnen wir eher im Lotto.“
„Richtig, eins zu fünf Millionen“, erwiderte Rosalie und fing heftig an zu weinen.
Trumps Ankündigung hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Nicht nur bei uns. Seit Wochen schon schlug er immer härtere Töne gegen die Mexikaner in den USA an, und viele seiner Anhänger hörten ebendiese Töne nur zu gerne. Acht Jahre Donald Trump hatten einen tiefen Graben durch Amerika gerissen. Er trennte Familien, Freunde und Arbeitskollegen in zwei Lager, die sich immer verbitterter gegenüberstanden. Aber bisher hatte es stets noch eine leise Hoffnung gegeben, diesen Graben eines Tages auch wieder überwinden zu können, sobald Donald Trump nicht mehr Präsident war. Doch mit seiner Ankündigung und der immer realistischer werdenden Möglichkeit, dass Trump die Wahl tatsächlich gewinnen konnte, hatte er den Graben in Zement gegossen und bis zum Rand mit Hass gefüllt. Die Zeit der Argumente und der Suche nach Gemeinsamkeiten war endgültig vorbei.
Mit einer einzigen Rede hatte Trump die Nation endgültig in für ihn oder gegen ihn geteilt, dazwischen gab es nichts mehr. Er ließ den Menschen keinen Raum, sich nicht der einen oder der anderen Seite anzuschließen. Er hatte die Nation am Nacken gepackt und hielt sie über den Abgrund. Jedem sollte klar sein, dass er jederzeit bereit war loszulassen. Aber meinte er es mit seiner Ankündigung wirklich ernst? Er konnte es nicht ernst meinen! Man würde in einer ganzen Woche nicht genügend Zeit finden, um all die Argumente aufzuzählen, die gegen diesen völlig irrsinnigen Plan sprachen. Und trotzdem erwarteten die Menschen, dass er ihn umsetzen würde. Die einen erwarteten es mit Freude, die anderen mit Angst. Wen würde es zuerst treffen? Das wussten nur die Menschen, die für den Präsidenten die Abschiebelisten erstellt hatten. Und auf denen standen ganz oben sicher nicht die bösen Menschen, die es unter Mexikanern wie unter allen anderen Menschen, Amerikanern zum Beispiel, natürlich gab. Auf diesen Listen standen diejenigen ganz oben, die ein vorbildliches Leben führten, von denen die Behörden wussten, wo sie waren und dass sie bei einer Abschiebung keinen Widerstand leisten würden. Menschen wie wir.
War der Plan überhaupt mit dem Gesetz vereinbar? Das war Trump ganz sicher egal. Und erst recht seinen Anhängern. Für sie war der Präsident der einzige Politiker, der tat, was getan werden musste. Und Trump wurde nicht müde, den Menschen zu erklären, dass er gar kein Politiker sei, sondern ein Manager, der Dealmaker, der das Beste für Amerika rausholte. Und nur für Amerika. Dass er sich und seine engste Familie auf Kosten der Steuerzahler persönlich bereicherte, störte seine Anhänger dabei ganz offensichtlich nicht. Der Präsident verfuhr hier wie in so vielen anderen Bereichen seiner Präsidentschaft: Er handelte. Ob und inwieweit dieses Handeln mit dem Gesetz in Einklang stand, sollten andere klären. Und wenn irgendein hawaiianischer Richter meinte, es sei mit der Verfassung nicht vereinbar, würde es eben der Supreme Court richten, den Trump für seine Zwecke auf dem Altar der christlichen Rechten geopfert hatte. Trump gab den Law-and-Order-Mann, der sich mit ernster Miene fotografieren ließ, wahlweise mit Bibel oder halbautomatischer Waffe in der Hand, immer aber mit einer Kirche im Hintergrund. Und wenigstens die Hälfte der Amerikaner liebte ihn dafür. Die größere Hälfte, wie Trump bei jeder Gelegenheit deutlich machte. Die andere Hälfte hasste oder fürchtete ihn. Oder beides gleichzeitig.
Doch Trumps Ankündigung war in der Welt. In drei Tagen sollte ein Flugzeug von einem Militärflugplatz im Süden Arizonas Richtung Mexiko starten, 70 Kilometer geradeaus bei schönem Wetter bis zur privaten Landebahn eines Geschäftsfreundes des Präsidenten. Niemand wusste, wer das war oder wo diese ominöse Landebahn sein sollte. Es gab Gerüchte, dass Trumps Maschine gar nicht nach Mexiko, sondern auf einen geheimen Militärstützpunkt, irgendwo außerhalb der Vereinigten Staaten, landen sollte. Und Trump selbst heizte die Gerüchte per Twitter nur zu gerne an.
„Die Menschen werden es sehen. Es ist eine wunderschöne Landebahn, sie ist perfekt.“ Mehr hatte er dazu nicht zu sagen.
In der Nacht von Trumps Ankündigung gab es sicher keinen Mexikaner in den USA, der ruhig schlief. Obwohl sicher kaum jemand ernsthaft daran glaubte, dass der Präsident diesen Plan wirklich in die Tat würde umsetzen können. Doch wenn Trump es wirklich ernst meinte, würde es morgen einen Mexikaner treffen. Irgendeinen.
Als ich mit Rosalie und den damals zweijährigen Mädchen im Oktober 2020 die USA erreichte, waren wir durch die Hölle gegangen. Wir waren einfach nur dankbar, mit dem Leben davongekommen zu sein. Doch was nun? Wir hatten unser gesamtes Leben von einem Moment auf den nächsten zurücklassen müssen. Unser gutes Leben. Und nun waren wir illegale Einwanderer! Doch für uns hatte es keine andere Möglichkeit gegeben, Mexiko zu verlassen, als durch einen illegalen Grenzübertritt.
Im Oktober 2020 waren wir keine wohlhabende mexikanische Familie mehr, die glücklich in ihrer Heimat lebte, sondern Asylbewerber in den USA, die das Land mit einem illegalen Grenzübertritt betreten hatten, was in den Augen von großen Teilen der Amerikaner so ziemlich das Schlimmste war, was man als Mexikaner Amerikanern antun konnte. Wir hatten genau das getan, wovor Trump seine Anhänger jeden Tag lautstark warnte. Damals wie heute. Wir waren zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt gekommen, aber wir hatten einfach keine Wahl gehabt. Wären wir in Mexiko geblieben, so wären Rosalie und ich jetzt tot und die Mädchen verschleppt.
Die ersten achtundvierzig Stunden in den USA verbrachten wir in einer Flüchtlingssammelstelle, wo wir als Familie zusammenbleiben durften, was nicht selbstverständlich war, wie ich im Nachhinein erfuhr. Hunderte Migrantenkinder waren bei der Einreise von ihren Eltern getrennt worden. Und viele blieben es sehr lang. Dutzende haben ihre Eltern gar nicht mehr wiedergesehen. In dieser Hinsicht hatten wir großes Glück. Direkt nach unserer Ankunft hatten wir den Beamten der Einwanderungsbehörde gegenüber zugegeben, dass wir ohne Visum in die USA eingereist waren. Nach den Gründen wurde in diesem Verhör nicht gefragt. Ein Haken in einem Formular war alles. Wir mussten Angaben zu unseren finanziellen und persönlichen Verhältnissen machen und schließlich unsere Pässe abgeben. Bis ein Beamter mit Entscheidungsgewalt Zeit für ein Interview mit uns hatte, waren wir zum tatenlosen Warten verurteilt.
In unseren ersten zwei Tagen in den USA waren wir, von kurzen Gängen zur Toilette abgesehen, die ganze Zeit über in einem großen fensterlosen Raum. Auch gegessen haben wir dort. Wir hatten Angst und wollten um jeden Preis zusammenbleiben. Der Raum war vielleicht dreißig Quadratmeter groß, und wir hatten ihn ganz für uns allein. Die Wände waren beige gestrichen, mit einem braunen Streifen auf Brusthöhe, der sich einmal um den ganzen Raum zog, nur unterbrochen von einer schweren grauen Metalltür mit Glaseinsatz, die aussah wie eine Gefängnistür. Und praktisch gesehen war sie das auch. Wir waren an diesem Ort gefangen, unfähig über unser eigenes Schicksal zu entscheiden. Auf dem Flur brannten vierundzwanzig Stunden am Tag grelle Neonlampen und warfen ihr kaltes Licht durch das Glas in der Tür auf den steinernen Fußboden in unserem Raum. Die Einrichtung bestand aus acht einfachen, schmalen Betten, einem Tisch, sechs Stühlen, zwei Schränken und einer Kommode mit etwas Spielzeug darin. Ich schaute mich um und fühlte nichts. Ich dachte an unser sonniges Haus und den großen Garten. Doch es war noch zu früh für Sehnsucht nach dem Verlorenen. Zu groß war in diesem Augenblick meine Angst vor unserer ungewissen Zukunft. Ich schüttelte den Kopf, um die Gedanken an die Heimat loszuwerden, und blickte zu Rosalie. Sie hatte Tränen in den Augen, aber sie bewahrte die Fassung vor den Mädchen. Für die waren die letzten Tage einfach ein großes Abenteuer gewesen, doch langsam schienen sie zu begreifen, dass dies nicht einfach nur ein Ausflug war.
Nach zwei quälend langen Tagen, in denen praktisch niemand mit uns gesprochen hatte, klopfte es am Morgen laut an der Tür. Eine kräftige afroamerikanische Frau in Zolluniform erschien. Sie war gekommen, um mich zu einem leitenden Beamten der Einwanderungsbehörde zu bringen. Aber nur mich. Rosalie und die Mädchen sollten zurückbleiben.
„Ohne meine Familie gehe ich nirgends hin. Wir werden uns nicht trennen“, protestierte ich, so energisch ich konnte, ohne dabei aggressiv zu sein.
„Beruhigen Sie sich und kommen Sie mit, Sie haben jetzt ein Interview, und wenn Sie zurückkommen, wird Ihre Familie genau hier sein. Ich verspreche es Ihnen. Doch auch wenn ich das nicht tun würde, haben Sie keine Wahl. Also gehen Sie den einfachen Weg und kommen Sie einfach mit. In zwei oder drei Stunden werden Sie wieder mit Ihrer Familie zusammen sein. Die wird in Ihrer Abwesenheit nirgends hingehen. Auch das verspreche ich Ihnen.“
Ich zweifelte nicht an ihren aufrichtigen Absichten, wohl aber an ihren Möglichkeiten, ihre Versprechen einzuhalten.
„Warum nur ich?“ Ich bemühte mich, ruhig zu bleiben. Doch die Narbe an meinem Kinn zeigte mir, dass ich es ganz und gar nicht war. Sie pochte. Ich habe mir diese Narbe als Kind beim Sturz aus dem Küchenfenster meiner Großeltern zugezogen, mit fünf Stichen musste sie genäht werden. An dieser Stelle ist mein Bart nie gewachsen, und immer wenn ich nervös bin, juckt sie.
„Das weiß ich nicht. Ich mache die Regeln hier nicht, ich führe sie aus. Aber glauben Sie mir, Einzelinterviews sind ganz normal. Davon abgesehen haben Sie auch keine Wahl. Das habe ich Ihnen doch gerade erklärt.“
Die Beamtin wurde ungeduldig.
„Sie kommen jetzt entweder mit, oder ich hole ein paar Kollegen, und wir bringen Sie zu Ihrem Interview.“
Dann machte sie einen Schritt auf mich zu, lächelte und legte ihre Hand aufmunternd auf meine Schulter.
„Denken Sie daran, Sie sind zu uns gekommen, Sie sind sozusagen freiwillig hier.“
Besorgt blickte ich zu Rosalie, die mit den Mädchen auf einem der Betten saß und ein Bilderbuch in ihrem Schoß hatte. Sie rang sich ein Lächeln ab und nickte mir aufmunternd zu. „Geh mit ihr, für die Mädchen ist das bestimmt besser so. Wir werden hier sein, wenn du zurückkommst.“ Eine Träne kullerte über ihre Wange und tropfte auf das Buch. Dann schloss sich die Tür hinter mir, und ich lief, die Beamtin dicht hinter mir, einen grauen Flur entlang. In einem Punkt hatte sie ganz und gar nicht recht. Ich war nicht freiwillig hier, wir waren nicht freiwillig hier. Sicher, wir waren aus eigenem Antrieb in die USA gekommen und hatten dabei die Grenze illegal überquert, aber wenn wir eine Wahl gehabt hätten, wären wir in unserer Heimat geblieben. Doch hätten wir das getan, dann wären wir jetzt wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Ich hoffte, dass auch der Beamte der Einwanderungsbehörde, der mich zu dem Interview erwartete, dies einsehen würde.
Ich war nicht mit meiner Familie in die USA gekommen, weil wir hier ein besseres Leben suchten. Unser Leben in Mexiko war perfekt. Nein, wir waren hier, weil wir keine andere Wahl gehabt hatten. Leider hatte das zu diesem Zeitpunkt, nach achtundvierzig Stunden in den USA, noch niemanden interessiert. Im Umgang mit den amerikanischen Behörden hatten wir schnell gelernt, dass man als Flüchtling erst mal nur ein Flüchtling ist. Ein Fall, eine Nummer. Solange bis irgendjemand dir zuhört. Erst dann wirst du wieder von einer Nummer zu einem Menschen. Wenn du Glück hast.
„Wir sind da.“ Die Worte der Beamtin holten mich aus meinen Gedanken zurück in die Realität. Wir standen vor einer braunen Holztür, auf der in schwarzen Lettern ein Name prangte. William Brown. Ich weiß nicht mehr, warum, aber der Name gab mir Zuversicht. „Warten Sie hier, gehen Sie nicht weg.“ Die Beamtin klopfte kurz an der Tür und verschwand dann in Mr. Browns Büro. Nach wenigen Sekunden öffnete sie die Tür von innen. „Kommen Sie, Mr. Brown erwartet Sie jetzt.“ Mit diesen Worten verschwand sie, und ich betrat das Büro.
Mr. Brown saß hinter seinem breiten Schreibtisch und begrüßte mich höflich, während er auf einen Stuhl vor seinem Tisch deutete. „Mr. Olivares. Bitte setzen Sie sich. Willkommen in den USA.“ Ich setzte mich.
Browns Gesicht schmückten ein beachtlicher dunkler Schnauzer und eine dicke schwarze Hornbrille. Sein angegrautes Haar lockte sich über den Ohren. Er stand auf, ging um den Schreibtisch herum, gab mir die Hand und fixierte mich mit seinen funkelnden grünen Augen. Ich wollte aufstehen, aber da hatte Brown schon meine Hand ergriffen. Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, warum, aber William Browns Händedruck machte mir Mut. Es fühlte sich an, als ströme positive Energie durch ihn hindurch direkt in mich hinein. Er lächelte, löste seinen Händedruck und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.
Vor dem Tisch waren zwei Holzstühle mit dünnen Kissen, an der Seite stand ein braunes Ledersofa, eingerahmt von zwei Pflanzen in goldenen Töpfen. An der Wand hing ein großes Bild, ein Foto, wie ich bei genauer Betrachtung feststellte. Darauf war eine Palme vor blauem Meer. Es fesselte mich. Das Bild gab nicht preis, wo diese Palme stand, denn es war nur der obere Teil sichtbar. Stand sie auf einer einsamen Insel oder an einer vielbefahrenen Strandpromenade? Man konnte es nicht sagen, aber beides war möglich. Hinter der Palme erstreckte sich scheinbar endlos dunkelblaues Wasser, das in der Sonne glitzerte. Dieses Bild strahlte eine große Ruhe aus und aus irgendeinem Grund auch Hoffnung.
„Ich habe dieses Foto selbst gemacht.” Ich hörte Brown zu, aber ich sah ihn nicht an, mein Blick verweilte auf dem Bild. „Vor der mexikanischen Küste, ganz unten im Süden der Baja California. Früher habe ich oft Urlaub dort gemacht. Angeln, das ist meine Leidenschaft. Aber in den letzten Jahren war ich nicht mehr dort.“
„Meine Heimat“, murmelte ich leise. Brown hörte mich nicht.
„Wenn Sie ganz genau hinschauen, sehen Sie da ganz hinten, ganz klein, dunkle Schatten im Wasser. Das sind Wale, sie ziehen um diese Jahreszeit nach Süden, um in der Antarktis ihre Jungen zu gebären. Die Reise ihres Lebens.“ Brown drehte sich zu mir um. „Lassen Sie uns jetzt mit dem Interview beginnen. Der Verlauf dieses Gesprächs wird darüber entscheiden, wie es für Sie und Ihre Familie weitergeht.“
Mit einer geübten Handbewegung hob er eine Akte von seinem Schreibtisch. Er zog das rote Gummi zur Seite, mit dem die Akte verschlossen war, und holte eine einzelne Seite heraus. Darauf stand alles, was wir im ersten Verhör zu Protokoll gegeben hatten. Viel war das nicht.
„Viel steht hier nicht“, begann Brown das Interview mit ruhiger Stimme. „Aber hier ganz oben steht: Illegal in die USA eingereist. Sie haben die Grenze zu Fuß am helllichten Tag überquert, einfach so. Ist das soweit korrekt?“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte oder vielmehr, wie. Mr. Browns Worte waren klar und deutlich und obendrein wahr.
„Ja, das ist korrekt“, antwortete ich unsicher.
„In Ordnung. Ich lese hier außerdem, dass Sie über größere Geldmengen verfügen. Auch auf amerikanischen Konten, ist das korrekt?“
„Das ist korrekt.“
„Woher stammt dieses Geld?“ Mr. Brown sah mich über den Rand seiner schwarzen Hornbrille ernst an.
„Erspartes. Für die Kinder und für unseren Ruhestand. Wir haben dafür hart gearbeitet. In Mexiko besaß ich einen eigenen Betrieb und meine Frau auch. Dieses Geld haben wir legal erwirtschaftet.“
„Ich habe nichts anderes behauptet, und ich habe auch erst mal keinen Grund, Ihnen nicht zu glauben. Wissen Sie, die wenigsten Menschen, die mir hier gegenübersitzen, verfügen über solche Mittel. Aus wirtschaftlicher Not sind Sie also vermutlich nicht in die USA gekommen.“
„Nein.“
„Aber das bedeutet nicht automatisch, dass Sie nicht in schlechter Absicht in die USA gekommen sind.“
„Glauben Sie, ich habe freiwillig ein glückliches Leben in Mexiko zurückgelassen?“
„Es kommt nicht darauf an, was ich glaube, sondern was ich weiß. Über Sie. Das ist bisher nicht viel. Seien Sie versichert. Die Vereinigten Staaten sind ein starkes Land, und es wird Menschen, die etwas Böses im Schilde führen, daran hindern. Aber auf der anderen Seite hilft dieses Land Menschen, die Hilfe brauchen. Menschen, die wirklich Hilfe brauchen.“ Brown ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er seine Arbeit ernst nahm. „Erzählen Sie mir Ihre Geschichte. Und denken Sie immer daran, die Wahrheit ist immer die Wahrheit, und sie bleibt es auch. Die Wahrheit kann niemand ändern. Auch wenn sie nicht immer sofort ans Licht kommt, so bleibt sie doch die Wahrheit. Erzählen Sie mir, warum Sie mit Ihrer Familie in die USA gekommen sind. Beginnen Sie einfach ganz von vorne.“
„Von ganz vorne?“, entgegnete ich verunsichert.
„Fangen Sie einfach an, wo Sie wollen. Ich habe Zeit. Alle Zeit der Welt. Na ja, vielleicht nicht alle.“ Brown lächelte und blickte auf die Uhr an der Wand „Aber genügend. Erzählen Sie einfach.“
Ich setzte mich aufrecht in meinem Stuhl und begann zu erzählen.
„Mein Name ist Luis Olivares. Ein ganz normaler Name für einen ganz normalen Menschen. Und auch der allergrößte Teil meines Lebens ist normal verlaufen, damit meine ich so, wie ich es mir vorgenommen hatte. Geboren wurde ich vor fünfunddreißig Jahren in einem kleinen Dorf im Süden der Baja California. Ich habe dort eine sehr glückliche Kindheit verbracht. Auch wenn ich keine Geschwister hatte, so habe ich mich nie allein gefühlt. Mit meinen Freunden habe ich viel Zeit in der Natur verbracht. Als ich sechs Jahre alt war, sind meine Eltern in die Nähe einer Stadt gezogen, die in den Jahren zuvor immer mehr Touristen angezogen hatte und wirtschaftliche Chancen versprach. Sie heißt Los Santos und war früher einmal ein verschlafener Küstenort mit einem wunderschönen Strand, einem kleinen Hafen und einer Handvoll Hotels.
Mein Vater hatte Geld von seinem Großvater geerbt und in Los Santos einen Fischereibetrieb gegründet. Sein ganzes Leben schon hatte er als Fischer auf unzähligen Kuttern gearbeitet, nun war er sein eigener Chef. Und er arbeitete hart für seine Familie. Er hat zwei Kutter gekauft und zehn Männer beschäftigt. Mit siebzehn habe ich eine Lehre bei ihm begonnen. So bin auch ich Fischer geworden. Mit neunzehn habe ich meine Jugendliebe Rosalie geheiratet, die bei ihrer Großtante lebte, ihre Eltern waren früh gestorben.“
Ich wollte Brown ein Foto von Rosalie auf meinem Handy zeigen, doch der schaute nur kurz hin und forderte mich mit einer Handbewegung auf weiterzuerzählen.
„Mein Vater besaß also zwei Kutter und beschäftigte zehn Angestellte. Im Hafen hatte er eine große Halle gebaut, in der seine Leute den Fang verarbeiteten. Der Betrieb lief gut, die Netze waren immer voll. Er hätte noch ein oder zwei weitere Kutter anschaffen können, die Nachfrage nach Fisch wurde immer größer, als mit den Jahren die Stadt und die ganze Region immer touristischer wurde. Ein Großhändler wollte sogar seinen ganzen Fang abnehmen, aber mein Vater zog es vor, auch weiterhin direkt an Restaurants und Hotels zu liefern. Er hatte sich einen Namen gemacht, und viele Restaurantbetreiber waren über die Jahre so etwas wie Freunde für ihn geworden. Das war ihm wichtiger als noch mehr Profit. Er war zufrieden mit den Dingen, wie sie waren. Die Zeit mit seiner Familie war für ihn kostbarer als Geld. Es fehlte uns an nichts, wozu brauchten wir also mehr, hat er gesagt. Ich habe das schon damals anders gesehen, aber im Betrieb meines alten Herrn hatte ich nicht viel zu melden. In der Lehre hat er mich hart rangenommen, die anderen Männer, raue, aber herzliche Kerle, hatten manchmal richtig Mitleid mit mir. Geschenkt habe ich nichts bekommen. Aber es war eine gute Zeit mit guten Menschen, in der ich gelernt habe, hart und ehrlich zu arbeiten.
Mit meinen Eltern lebte ich auf einer kleinen Ranch oberhalb von Los Santos. Meine Mutter hatte hinter dem Haus kleine Felder, auf denen sie Obst und Gemüse anbaute. Ringsherum war nichts als Sand, Steine und Kakteen und vor uns der mächtige Pazifische Ozean, den man von unserer Terrasse aus sehen konnte. Von der Hauptstraße schlängelte sich eine schmale Schotterpiste zu unserem Grundstück, jede Autofahrt verursachte eine riesige Staubwolke, die man schon von Weitem sah. Die Zeit verging, rückblickend eine glückliche, wundervolle Zeit.“
Ich geriet ins Träumen und schüttelte mich kurz, bevor ich mich versicherte, dass Brown noch zuhörte. Er tat es.
„Wir hatten wirklich Glück mit dem Leben, das uns zuteil geworden war. Aber dann ist das Glück von einem Tag auf den nächsten verschwunden. Meine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Ein Wagen hat sie überholt, dabei von der Straße gedrängt. Der Fahrer ist einfach weitergefahren. Man hat ihn nie erwischt.
Da war ich zweiundzwanzig und musste plötzlich das gesamte Leben meiner Eltern übernehmen. Ich war von einem Tag auf den nächsten ein Unternehmer geworden und trug die Verantwortung für die zehn Angestellten meines Vaters und deren Familien. Rosalie ist zu mir auf die Ranch gezogen und wir beschlossen, die eigentlich schon fest geplante Familiengründung erst mal zu verschieben.
Drei Jahre warteten wir, dann wurde Rosalie mit Ana und Teresa schwanger. Die Mädchen wurden geboren, und Rosalie arbeitete auf der Ranch und kümmerte sich dort um die Kinder. So konnte sie arbeiten und gleichzeitig für Ana und Teresa da sein. Sie hat den Gemüseanbau meiner Mutter um eine Zucht für Orchideen und seltene Kakteen erweitert. Beides haben wir zur Dekoration an die Hotels verkauft, von denen es immer mehr gab. Die Nachfrage wuchs ständig und damit unser Geschäft. Wir haben ein großes Gewächshaus hinter dem Haus gebaut, dann ein zweites, in denen Rosalie ganz besonders empfindliche und wertvolle Orchideen züchtete. Das Geld wuchs bei uns praktisch aus der Erde. Wir mussten es nur ernten. Auch die Fischerei lief gut. Sehr gut sogar. Die Nachfrage stieg mit der Zahl an Touristen, die jetzt hier Urlaub machten. Als ich ein Kind war, gab es gerade mal eine Handvoll Hotels, und die Gäste waren vor allem amerikanische Rentner, die hier den Winter verbrachten.
Doch dann hatten einige Reiseveranstalter das Potenzial von Los Santos entdeckt und begonnen, es in den USA massiv zu bewerben. Immer mehr Besucher kamen, und die Urlaubssaison wurde immer länger, bis die Menschen hier praktisch das ganze Jahr über Urlaub machten. Irgendwann sah man immer seltener entspannte Rentner, dann gar nicht mehr. Die Gäste kamen noch immer aus den Vereinigten Staaten, aber sie wurden immer jünger und waren nicht an einem ruhigen und entspannten Urlaub interessiert. Es wurden immer mehr Hotels gebaut, größere Hotels, mehr Restaurants, was zunächst gut für mein Geschäft war, mehr Bars, Supermärkte und mehr Verkehr. Die Stadt wuchs ständig und wurde innerhalb weniger Jahre voll, laut und rücksichtslos.
Auch unser Leben änderte sich, und ehrlich gesagt empfand ich das anfangs als etwas Positives, denn unsere Geschäfte liefen besser denn je. Alles war bezahlt, und auch die Ranch gehörte uns, wir konnten das meiste Geld also zurücklegen. Aber anders als mein Vater habe ich auch weiter in den Betrieb investiert. Ich charterte einen weiteren Kutter und drei Mann Besatzung. So oft es ging, fuhren alle Kutter raus aufs Meer und kamen jedes Mal mit vollen Netzen zurück. Die Hälfte des Fangs verkaufte ich nun an den Großhändler, die andere Hälfte, mit den besonders schönen Fischen, lieferte ich noch immer persönlich an verschiedene Restaurants. Während ich im Lieferwagen in der Stadt unterwegs war, den frischen Fisch auslieferte und die Kontakte pflegte, waren die Kutter draußen. Fast Tag und Nacht ging das so. Das Geschäft brummte. Ich hatte mich anstecken lassen vom Goldrausch in der Stadt. Vier Jahre lang habe ich praktisch nur gearbeitet. Auch die Gärtnerei machte gute Gewinne. In wenigen Jahren sind wir sehr wohlhabend geworden, nicht nur für mexikanische Verhältnisse. Einen großen Teil haben wir für die Ausbildungen unsere Töchter und unsere Altersvorsorge auf amerikanischen Konten fest angelegt.“
Ich deutete auf die Akte auf dem Tisch. Brown nickte.
„Los Santos war also nicht mehr der Ort meiner Kindheit und Jugend. Statt amerikanischer Pensionäre kamen nun Zahnärzte, Anwälte, Bänker. Doch das brave und angepasste Leben, das sie in den USA lebten, das brachten sie nicht mit. Bei uns entledigten sie sich all ihrer Hemmungen, ihrer Moral und vor allem ihres Geldes. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis davon die organisierte Kriminalität angezogen wurde. Prostitution und Drogen waren das Geschäft. Vor allem Kokain. Sehr gutes und sehr teures Kokain. Und immer mehr Touristen bedeutete immer mehr Kokain.
Die kleine Kommunalverwaltung war mit dem rasanten Tempo, in dem Los Santos gewachsen war, völlig überfordert. Neue Leute zogen ins Rathaus, und die brachten wiederum ihre Leute mit. Schnell war der alte, verschlafene Verwaltungsapparat ausgetauscht gegen junge und hungrige Beamte. Vor allem aber korrupte Beamte. Die Drogenbanden machten ihre Geschäfte, und die Beamten kassierten mit. Baugenehmigungen und Restaurantkonzessionen wurden im Rekordtempo erteilt, immer begleitet von üppigen Schmiergeldern. Sogar ein großes Kasino eröffnete mit einer Sondergenehmigung. Die ehemals so friedliche Stadt wusch das schwarze Drogengeld blendend weiß. Die Korruption war offensichtlich. Jeder wusste es, doch jeder schien zu profitieren. Auch wir, obwohl wir uns so gut es ging aus dem Treiben in der Stadt raushielten. Unsere Ranch war eine Oase des Friedens und der Ruhe, hoch oben über der Stadt. Hier fühlten wir uns sicher und unerreichbar vor dem schmutzigen Griff der Stadt. Doch diese Ruhe war trügerisch und nicht von Dauer. Mit etwas Abstand frage ich mich nun, warum ich uns für unantastbar hielt.“
Ich blickte auf die Uhr an der Wand. Es war bereits eine volle Stunde vergangen, seit ich Browns Büro betreten hatte. Ich holte tief Luft und drückte den Rücken durch.
„Ok“, sagte ich energisch und atmete kräftig aus, „ich versuche es nun wirklich kurz zu machen.“
Brown hob die Augenbrauen und räumte mit seinen Händen einen imaginären Weg frei, damit ich meine Geschichte in Ruhe weitererzählen konnte.
„Wir haben also profitiert, ohne dass sich für uns persönlich zunächst viel geändert hatte. Doch das änderte sich von einem auf den nächsten Tag. Zuerst sind zwei Mitarbeiter vom Gewerbeamt bei mir im Hafen aufgetaucht. Junge Typen in Anzügen. Ich hatte eben die letzte Kiste mit Fisch in den Transporter geladen, Schwertfisch, ich erinnere mich genau, und wollte gerade los.
Sie wollten sich mal mein Geschäft anschauen, sagten die beiden in einem Tonfall, der mir sofort klarmachte, dass es hier um etwas ganz anderes ging. Ich war inzwischen einer der größten Fischlieferanten der ganzen Region, und das hatte offenbar Begehrlichkeiten geweckt, ohne dass ich dies bemerkt hatte. Offiziell wollten die Männer die Einhaltung der Hygienevorschriften kontrollieren. Offiziell. Zunächst gaben sie sich Mühe, nicht direkt den wahren Grund ihres Besuches anzusprechen, aber dann dauerte ihnen ihr eigenes Spielchen selbst zu lang, und sie redeten Klartext. Schmiergeld. Darum ging es. Oder vielmehr, denn es gab ja keine Gegenleistung, blanke Erpressung. Entweder sie verdienen mit an meinem Geschäft, oder die Verwaltung würde mir Probleme bereiten.
Mit ein paar besonders schönen Fischen konnte ich den ersten Versuch noch abwiegeln und die Männer loswerden. Aber nach ein paar Tagen kamen sie zurück. Und sie kamen nicht allein. Zwei finstere, muskelbepackte Typen folgten ihnen, einer hielt einen Pitbull nur mit Mühe an seiner Leine. Mein Herz blieb fast stehen. Das würde nicht gut ausgehen, und so war es. Diese beiden Typen gehörten der größten Drogenbande an, die in der Stadt mittlerweile das Sagen hatte. Und dass sie von Offiziellen der Stadt begleitet wurden, war eine klare Botschaft. Das Gesetz hatte die Seiten gewechselt. Und ich hatte ein riesiges Problem, denn es ging ihnen gar nicht um Schutzgeld. Zumindest nicht um Schutzgeld allein.
Ab sofort sollte ich nicht mehr nur Fisch transportieren, sondern auch Kokain, das auf diese Weise unauffällig über die ganze Stadt verteilt werden sollte. Ich verstand überhaupt nicht, warum solch eine Tarnung überhaupt notwendig war, schließlich hatte es den Anschein, als stünden die gesamte Polizei und alle Mitarbeiter der Stadtverwaltung auf der Lohnliste der Kriminellen. Doch anscheinend gab es doch noch ein paar letzte aufrichtige Beamte, an denen vorbei es zumindest einer gewissen Tarnung der Drogengeschäfte bedurfte. Und das Risiko, erwischt zu werden, lag bei mir. Doch diese bösen Menschen wollten noch mehr. In den Gewächshäusern auf unserem Grundstück sollte von nun an Marihuana angepflanzt werden. Schon in ein paar Tagen würden die ersten Pflanzen geliefert. Ich war geschockt und hilflos.
Eine Woche verging, doch nichts geschah. Dann noch eine Woche, in der wir weder von den korrupten Behördenmitarbeitern noch von den Kriminellen etwas hörten. Aber wir wussten, dass sich das jeden Tag ändern konnte. Und so hatten wir längst einen Entschluss gefasst, auch wenn der unser Leben auf den Kopf stellen würde. Wir wollten alles verkaufen! Die Fischerei, die Gärtnerei und nicht zuletzt auch mein Elternhaus, so schwer mir das auch fiel. Aber an solch einem Ort konnten wir nicht mehr leben, und auf gar keinen Fall sollten unsere Mädchen hier aufwachsen.
So rasch es möglich war, leiteten wir alles in die Wege. Die Fischerei mit dem gesamten Kundenstamm übernahm ein Konkurrent, und meine Mitarbeiter behielten ihre Arbeit. Die Ranch verkauften wir mitsamt der Gärtnerei an unsere Bank. In der boomenden Stadt war unser Grundstück begehrt und für beide Seiten ein gutes Geschäft. Innerhalb weniger Tage hatten wir unser gesamtes bisheriges Leben aufgelöst. Aber wir hatten zu wenig Zeit und zu viel Angst, ihm nachzutrauern. Wo sollten wir jetzt hin? Innerhalb einer Woche mussten wir die Ranch verlassen haben. Wir entschlossen uns, in der Baja California zu bleiben, und hatten die Hoffnung, dass es einhundert Kilometer weiter nördlich möglich war, ein neues Leben aufzubauen, ohne in der Reichweite des alten zu sein.“
„Was ist dann geschehen?“ Mr. Brown nahm einen Schluck Wasser aus einer Kaffeetasse.
„Was dann passiert ist, fragen Sie …“, ich stockte. Was ich nun erzählen musste, brachte mein Herz schon beim Gedanken daran fast zum Stehen, und ich wusste nicht so recht, wo ich beginnen sollte, also begann ich mittendrin.
„In der Küche sind sie über sie hergefallen.“ Ich bemühte mich, stark zu bleiben und nicht in Tränen auszubrechen.
„Hergefallen?“ Brown zog sich mit einer raschen Handbewegung die Brille von der Nase.
„Rosalie war mit Ana und Teresa allein auf der Ranch, als plötzlich vier Männer aufgetaucht sind, einer von ihnen war sogar Polizist, zumindest trug er eine Polizeiuniform. Sie sind mit einem kleinen Lastwagen gekommen und hatten die ersten Marihuanapflanzen dabei, die wir für sie anbauen sollten. Ohne Vorwarnung standen sie plötzlich vor dem Haus. Zwei haben angefangen, die Pflanzen abzuladen, die anderen beiden aber haben bemerkt, dass Rosalie allein war und sie sofort ins Haus gedrängt. Einer von ihnen war der Polizist. Der andere ein dicker, widerlicher Kerl.“
Ich holte tief Luft.
„Das waren Tiere. Nach Schweiß stinkende, wilde Tiere. In der Küche sind sie über sie hergefallen, sie haben Rosalie vergewaltigt, ich meine, sie haben es versucht, sie haben ihre Kleider zerrissen, Rosalie hat sie angefleht. Und die ganze Zeit über hatte sie Angst, dass die Mädchen plötzlich im Zimmer stehen würden. Doch die Männer ließen sich nicht von ihrem Plan abbringen. Sie haben Rosalie mit einem Messer bedroht. Der Polizist war ein brutaler Sadist. Der Dicke hat Rosalie dann auf die Knie gezwungen, sie musste ...“
„Ist gut, ist gut!“ Brown stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch auf und nahm einen weiteren Schluck aus seiner Tasse. „Sie müssen nicht jedes Detail erzählen. Versuchen Sie, ganz nüchtern zu erzählen, was passiert ist. Wie gesagt, Sie müssen nicht jedes Detail erzählen.“
„Doch, ich muss. Es geht nicht anders. Denn wenn in unserer Akte später steht, meine Frau sei eine Mörderin, dann müssen Sie wissen, dass sie es nicht ist. Stellen Sie sich die Situation genau vor, denn genau so war es.“
Ich blickte Brown eindringlich an.
„Rosalie kniet auf dem Küchenboden, zitternd, flehend, doch der sadistische Polizist lacht nur. Mit seinen gelben Zähnen lacht er immer lauter, dann holt er seinen verschwitzten Schwanz aus der Hose und hält ihn drohend in der Hand wie eine Waffe. Der Dicke hat das Messer in der Hand, er leckt es ab, fuchtelt damit vor Rosalies Gesicht rum.
Dann macht er einen Schritt vorwärts, doch er rutscht auf dem Teppich aus. Er stolpert, taumelt und fällt schließlich vornüber. Mit der vollen Wucht seines schweren Körpers knallt sein Kopf auf die Glasplatte vom Wohnzimmertisch. Blut spritzt, er bleibt sofort regungslos liegen. Das Messer liegt auf dem Boden. Rosalie erkennt ihre Chance, sie will fliehen, aber der Polizist lässt sie nicht. Er packt sie am Bein, sie fällt hin, er zieht sie zu sich heran. Wieder lacht er, immer lauter, immer lauter. Rosalie reißt sich los, will wegrennen, aber er tritt ihr die Beine weg und sie fällt erneut zu Boden, direkt auf den Dicken, er bremst ihren Sturz. Von Adrenalin gepeitscht greift sie das Messer. Der Polizist stürmt auf sie zu. Sie hebt das Messer und rammt es ihm in die Brust. Er schreit auf, ist jetzt völlig außer sich und greift Rosalie weiter an. Aber sie ist im Überlebensmodus. Immer und immer wieder rammt sie das Messer in seine Brust und seine Arme, bis sie es der Bestie schließlich mit der allerletzten Kraft in den Hals rammt und er zu Boden sinkt. Blut schießt im Takt des Pulses aus seinem Hals. Dann hört sein Herz auf zu schlagen, das Blut spritzt nun nicht mehr, sondern quillt dick und dunkel aus seinen Wunden und verteilt sich auf dem Teppich.“
„Wo waren Ihre Kinder?“
„
