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Ein Paar, ein Jahr, ein Land. Desirée und Daniel Tischner, verheiratet und längst angekommen im seriösen Berufsalltag, beschließen aus diesem auszubrechen und ein Jahr in Kanada zu verbringen. Für den Aufenthalt im Land des Ahornsirups gilt es, möglichst wenig zu „worken“ und dafür umso mehr zu „traveln“. Auf dem Roadtrip vom maritimen Nova Scotia an der Ostküste bis nach Vancouver Island ganz im Westen erleben die beiden Abenteuer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Hundeschlittenfahren im Yukon, Glühwein verkaufen in Vancouver, Elchjagd im Chilcotin, und viele weitere mehr. Von ihren Erlebnissen berichten die beiden augenzwinkernd mit einer gesunden Prise Selbstironie. Begleiten Sie das Pärchen auf einer einzigartigen Reise durch ein unfassbar großes Land, in dem kein Tag ist wie der andere und einem der Grizzly stets im Nacken sitzt.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Desirée und Daniel Tischner
WENIG WORK, VIEL TRAVEL
Ein Jahr quer durch Kanada
IMPRESSUM
WENIG WORK, VIEL TRAVEL
Ein Jahr quer durch Kanada
Desirée und Daniel Tischner
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar
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Der Inhalt des Werkes wurde sorgfältig recherchiert, ist jedoch teilweise der Subjektivität unterworfen und bleibt ohne Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität.
Redaktion und Lektorat: Christine Walter
1. digitale Auflage:
Zeilenwert GmbH 2016
Bildnachweis:
Alle Fotos stammen von Desirée und Daniel Tischner
ISBN: 978-3-944921-52-5
Hergestellt in Deutschland
www.360grad-medien.de
Cover
Titel
Impressum
Wieso, weshalb, warum und wer wir eigentlich sind
Erste Schritte in Nova Scotia (Desirée)
Parlez-vous québécois? (Desirée)
Viel Work, wenig Travel – Willkommen in der Villa Kunterbunt (Desirée)
Schiffbruch im Algonquin Provincial Park (Desirée)
Summer in the City (Desirée)
Von Toronto nach Boston – campend durch New England (Daniel)
Trans-Canada Highway – einmal quer durch Kanada (Daniel)
Love Boat reloaded – mit dem Schiff nach Alaska (Desirée)
Wiedersehen in Jasper (Daniel)
Into the Wild – Abenteuerland Nimpo Lake (Daniel)
Reiseblues (Desirée)
Ärger mit Uncle Sam (Desirée)
Advent, Advent, der Weihnachtsmarkt brennt (Desirée)
Reif für die Insel (Desirée)
Roadtrip durch die Rockies – (m)ein Traum in Weiß (Daniel)
The Yukon – Von Nordlichtern und Schlittenhunden (Daniel)
Endlich Zeit für Vancouver (Desirée)
Goodbye und Auf Wiedersehen!
Dieses Buch berichtet von unserem bisher größten Abenteuer, einer einjährigen Reise durch Kanada, zu der wir wahnwitziger Weise (oder auch nicht) mitten aus unserem so seriösen, arbeitnehmenden und gemütlichen Dreißigerleben heraus aufgebrochen sind. Das Vorhaben schlich sich langsam und fast unbewusst in unsere Köpfe, reifte über einige emotionale Debatten und wurde dann schließlich spontan innerhalb eines Tages beschlossen. Verschiedene Faktoren gaben am Ende den Ausschlag, dass Komfortzonenliebhaber Daniel dem ausdauernden Werben der latent fernwehmütigen Desi nachgab und nach einigem Grübeln das finale „Wir machen’s!“ hervorbrachte. Die noch nicht nach Wunsch verlaufene Familienplanung, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, der Wunsch nach einem Tapetenwechsel, und vor allem auch die Feststellung, dass DAS doch jetzt im Leben noch nicht alles gewesen sein kann - es stand fest: Wir wollten ein Jahr lang die Verpflichtungen, die unser Alltag für gewöhnlich so mit sich bringt, hinter uns lassen, wir wollten frei sein und reisen und an all den Orten länger verweilen, an denen es uns gut gefällt. Wir wollten von Tag zu Tag entscheiden, was wir machen, wo wir hinwollen und uns mal nur nach unserem eigenen Rhythmus richten. Neues probieren, erleben und ganz bewusst im Hier und Jetzt leben!
Sicherlich stellt sich nun manch Einem die Frage, weshalb unsere Wahl hinsichtlich des Reiseziels auf Kanada gefallen ist, wo doch Weltreisen eigentlich geradezu prädestiniert sind für Aussteiger auf Zeit, wie wir es werden wollten. Nun, zum einen haben wir beide jeweils eine schon länger bestehende Verbindung zu diesem riesigen Land, geprägt durch Familienurlaube in Desis Kindheit und familiärer Bande bei Daniel, und haben darüber hinaus auch schon bei zwei gemeinsamen Urlaubsreisen festgestellt, dass man eigentlich viel mehr Zeit benötigt, um all die verschiedenen Facetten des Landes kennen zu lernen, oder zumindest ein paar mehr, als es eine zweiwöchige Reise zulässt. Zum anderen ist Kanada das einzige Land, in dem man auch als Über-Dreißigjähriger noch ein „Work&Travel“-Visum beantragen kann (bis 35 Jahre, um genau zu sein) und wir wollten die Möglichkeit haben, Geld zu verdienen, sollten uns die Ersparnisse ausgehen oder uns gar langweilig werden. Vor allem darf man mit dem Visum aber auch ein ganzes Jahr lang im Land bleiben, als Tourist dagegen nur sechs Monate. Für uns stand daher von Anfang an fest, dass es sich, wenn wir denn so eine Auszeit ernsthaft in Betracht ziehen, nur um ein „Kanadajahr“ handeln kann. Die unglaubliche Größe und Weite des Landes, der unvergleichlich gelassene „Canadian Way of Life“ und die atemberaubenden Naturschönheiten, all das war es, was wir am eigenen Leib erfahren wollten.
Als wir dann relativ schnell unsere Familien und Freunde über diese Pläne informierten, hätten die Reaktionen unterschiedlicher nicht ausfallen können. Von fast ekstatischer Begeisterung (insbesondere von Leuten, die so eine Erfahrung schon selbst einmal gemacht haben) bis hin zu sorgenvoll eingetrübten Mienen an der Grenze zum Unverständnis war jede Gefühlsregung vertreten. Wie oft mussten wir in den Monaten vor der Abreise erläutern, was wir vorhaben, und, was scheinbar noch viel wichtiger für die meisten war, was wir mit unseren Jobs, unserer Mietwohnung und unseren Autos machen und wie das denn dann alles nach unserer Rückkehr werden soll. Wobei, diesbezüglich war da ja noch die große Angst, dass wir gar nicht mehr wiederkommen, dass wir für immer auswandern. Auch hier mussten wir viel Überzeugungs- und Erklärungsarbeit leisten. Wir wurden damit konfrontiert, wie ungewöhnlich es für Außenstehende sein kann, dass man, obwohl mit beiden Beinen fest im (Berufs-)Leben stehend und mit wundervollen Familien und Freunden gesegnet, einfach mal ausbrechen will, um dem Leben und der Welt mehr, oder zumindest andere Seiten, zu entlocken. Akzeptiert werden Auslandsaufenthalte dieser Art bei Abiturienten, Studenten oder Schülern, bei Ü-Dreißigern hingegen mutet es ungewöhnlich an und ist von daher für Viele auf Anhieb nicht nachvollziehbar. Doch all die Bedenken, die uns gegenüber geäußert wurden, haben unseren Entschluss nur noch weiter gefestigt – wir wollen nach Kanada!
Außer der mentalen Betreuung unserer Lieben hatten wir in den knapp acht Monaten, die zwischen Entscheidung und Abreise lagen, aber auch noch viele andere Themen auf unserer Agenda: Wo wollen wir starten, was wollen wir alles sehen, wie viel wollen wir vorab schon planen? Als erste Maßnahme wurde ziemlich fix der Flug nach Halifax in Nova Scotia gebucht. Preislich das günstigste Angebot und zudem nur gute sechs Stunden Flugzeit entfernt, perfekt! Und schon war damit auch die Idee geboren, einmal vom Osten Kanadas bis ganz in den wilden Westen zu reisen. Nahezu im gleichen Atemzug zogen wir unsere beruflichen Vorgesetzten, zu denen wir glücklicherweise ein sehr vertrauensvolles Verhältnis pflegten, ins Vertrauen, es musste einfach gleich von der Seele und die weitere Vorgehensweise besprochen werden. Daniel beschloss, sich von seinem Unternehmen, bei dem er seine komplette bisherige Laufbahn verbracht hatte, zu trennen und sich nach der Reise beruflich neu zu orientieren. Desi bekam glücklicherweise das Angebot, ein Jahr unbezahlten Urlaub zu nehmen und hatte so die Möglichkeit, nach unserer Reise an ihren alten Arbeitsplatz zurück zu kehren. Zumindest hinsichtlich unserer finanziellen Absicherung nach dem etwas längeren Urlaub konnten wir unsere Lieben somit schon mal einigermaßen besänftigen.
Als nächster und erster richtig greifbarer Meilenstein nach der Flugbuchung stand uns der Visaprozess bevor. Wir hatten für Kanada, das Land, in dem wir uns überwiegend aufhalten wollten, das Working Holiday Visum beantragt, gemeinhin unter „Work&Travel“ bekannt. Der Prozess ist eigentlich nicht sehr schwierig, alles läuft online ab, es muss jedoch ein ganzer Wust an Formularen ausgefüllt und verschiedene Dokumente besorgt werden und es müssen mehrere Schritte durchlaufen werden, bis man letztendlich, und wenn alles glatt läuft, das Einladungsschreiben der kanadischen Regierung in den Händen hält. Dieses Work&Travel-Visum ist sehr begehrt, die Plätze begrenzt und es gilt, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Desi, als ausgebildete Planungs- und Reiseexpertin, nahm sich des gesamten Prozesses exzessiv an und so fühlten wir uns wie kleine Lottogewinner, als wir nach langem Bangen Anfang Februar 2014 endlich unseren Invitation Letter ausdrucken konnten, der es uns erlaubte, nach Ankunft in Kanada die Arbeitsgenehmigung zu beantragen. Jetzt wurde auf einmal alles furchtbar ernst und konkret. Eine Reiseversicherung musste her, neues Reisegepäck auch und Schritt für Schritt haben wir unser deutsches Leben zurückgefahren. Die letzten Wochen und Monate bestanden aus weiterer mentaler Betreuung unserer Familien, Vorfreude, Respekt, Probe packen und vor allem daraus, Versicherungen, Telefone, Internet, Fernsehen, Kleiderschränke, Autos, usw. in Deutschland wahlweise zu kündigen, abzumelden, auszumisten oder stillzulegen. Zur Unterstützung unseres strikten finanziellen Sparprogramms wurde außerdem über verschiedene Internetbörsen und regionale Flohmärkte alles nicht Niet- und Nagelfeste aus dem Hausstand verhökert. Unsere Wohnung selbst haben wir nach Abwiegen aller Pros und Kontras jedoch nicht gekündigt oder untervermietet, hauptsächlich, damit wir jederzeit wieder in unserem Nest hätten Zuflucht suchen können, sollte etwas unsere Pläne durchkreuzen. Eine kleine Abschiedsparty wollte natürlich auch noch organisiert werden und ehe wir uns versahen, stand dann auf einmal, nach einigen Tränchen und viel mehr Umarmungen, tatsächlich der 18. Mai 2014 vor der Tür, gemeinsam mit dem Taxi, das uns zum Flughafen bringen sollte …
Jetzt gehts los!
An der Küste des Kejimkujik National Park
„Welcome to Canada!“ Die kanadische Grenzbeamtin schiebt uns unsere Pässe über den Schalter und wir können unser Glück gar nicht richtig fassen. Wir haben das Working-Holiday-Visum und dürfen uns jetzt ein komplettes Jahr in Kanada aufhalten und dabei sogar ganz legal arbeiten, sofern wir das möchten bzw. müssen. Wie genial ist das, bitte schön? Wir fühlen uns so frei wie selten in unserem Leben, erleichtert und rundum glücklich. Jetzt kann es losgehen!
Welcome to Canada
Gemeinsam mit meinen Eltern, die schon öfter in Nova Scotia waren und wieder Urlaub gebrauchen können, sind wir vor wenigen Stunden in Frankfurt abgeflogen, nachdem wir mit Daniels Familie zum Abschied gemütlich zusammen gefrühstückt hatten. Der Flug war unspektakulär kurz, wir aber natürlich voller Aufregung und Vorfreude, auch wenn diese ganze Geschichte derzeit noch eher wie ein zweiwöchiger Familienurlaub anmutet. Ist es im Prinzip auch, mit dem Unterschied, dass meine Eltern in vierzehn Tagen nach Hause fliegen, wir aber weiterreisen werden. Nach Ankunft am Flughafen in Halifax mussten wir also zunächst bei der Einwanderungsbehörde vorstellig werden. Wir haben uns zwar bekanntlich schon vor einigen Monaten per Onlineverfahren das Einladungsschreiben der Regierung gesichert, das endgültige Visum wird jedoch erst vor Ort erteilt. Die Entscheidung, ob und wie lange wir im Land bleiben dürfen, obliegt also letztendlich der Einwanderungsbehörde. Wir legten ganz brav der Grenzbeamtin unsere Pässe und das Einladungsschreiben vor und beantworteten ihre strengen Fragen nach bestem Wissen und Gewissen. Insbesondere interessierte Sergeant Cole alles rund um das Thema geplante Arbeit: Wo wollen wir arbeiten? Wie lange wollen wir arbeiten? Wo genau wollen wir arbeiten? Welche Provinz? Welche Stadt? Was arbeiten wir in Deutschland? Wichtige Fragen für Kanada, momentan völlig zweitrangig für uns. Zwischendurch klickte sie immer wieder fast schon unbeteiligt auf ihrer Maus herum und wir konnten nicht so recht deuten, was es damit auf sich haben sollte. Doch plötzlich verschwand sie im Hinterstübchen und kam kurz darauf mit zwei Ausdrucken zurück, die sie uns flugs in die Pässe tackerte. Kurz erläuterte sie uns noch die Konditionen des Visums und wies uns auf den Passus hin, dass wir nicht berechtigt sind, in jeglicher Art von Erotikgewerbe (Stripclub, Massagestudio, Escortservice, etc.) zu arbeiten. Daniel entfuhr ein spontanes „Damn!“ und endlich war das Eis mit der Authority gebrochen und sie hieß uns im Land der Ahornblätter, Elche und Bären herzlich willkommen.
Jetzt holen wir erst einmal beschwingt unsere Koffer ab und treffen in der Ankunftshalle wieder auf meine Eltern, die die Einreiseprozedur als reguläre Touristen natürlich schneller hinter sich bringen konnten. Per Mietwagen geht es in ein Hotel in der Stadt. Heute können wir nicht viel mehr machen als anstoßen, etwas Leckeres essen und glücklich ins Bett fallen.
Halifax, wie auch das restliche Nova Scotia, begrüßt uns kalt und regnerisch. Nach einem sehr langen und kalten Winter hat der Frühling auch Mitte Mai noch nicht so recht Einzug halten können. Wir sparen uns also jegliches Sightseeing und brechen am nächsten Tag zu unserem vorab gemieteten Ferienhaus an der South Shore auf. Dort werden wir am ruhig gelegenen Minamkeak Lake nahe der Stadt Bridgewater unsere erste Kanadazeit verbringen und Ausflüge in die nähere Umgebung unternehmen.
Das Ferienhaus am Minamkeak Lake
In den ersten Tagen stehen jedoch erst einmal einige organisatorische Punkte auf dem Programm. Der größte davon ist sicherlich der Autokauf, denn wir wollen in diesem Jahr sehr viel hin- und herreisen und mobil sein. Kanada ohne Auto? Guter Witz! Über Facebook hatten wir im Vorfeld schon Kontakt mit einem jungen Paar aus Deutschland aufgenommen, das treffenderweise vorhat, sein eigenes Work & Travel-Jahr Mitte bis Ende Mai in Nova Scotia zu beenden und diesen Abschluss mit dem Verkauf seines Autos zu krönen. Bei dem guten Stück handelt es sich um einen weißen Ford Explorer, Baujahr 2000, ausgestattet mit zwei Schlafsäcken und vielen bunten Aufklebern. Der Preis sowie die Beschreibung klangen ansprechend und bereits von Deutschland aus vereinbarten wir einen Treffpunkt für Probefahrt und, im besten Fall, Übergabe bzw. Kaufabwicklung. So begibt es sich, dass wir uns an einem, mal wieder, regnerischen Morgen in Bridgewater auf dem Supermarktplatz mit Andy und Julia treffen. Beide machen einen freundlichen Eindruck, das Auto, was ja viel wichtiger ist, ebenso. Wir verbinden die Probefahrt nützlicherweise gleich mit der Fahrt zur Zulassungsstelle und wie es so oft im Leben der Fall ist, nimmt alles irgendwie ganz unkompliziert seinen Lauf.
Unser Kennzeichen!
Die Verkäufer, wie auch wir, haben alle erforderlichen Dokumente dabei, die Dame in der Zulassungsstelle ist sehr kundenfreundlich. Bevor wir jedoch unsere Kennzeichen erhalten, müssen wir zunächst noch die Versicherung abschließen. Zu viert hüpfen wir also wieder ins Auto und fahren zur Versicherungsgesellschaft, die ich schon aus Deutschland kontaktiert hatte. Gesetzlich vorgeschrieben ist hier in Nova Scotia nur die Haftpflichtversicherung und die ist für Ausländer, die durch das ganze Land und auch noch durch die USA reisen möchten, leider vergleichsweise unverschämt hoch. Viel später in unserem Reisejahr erfahren wir diesbezüglich aber eine schöne Überraschung, was wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht erahnen. Zurück in der Zulassungsstelle können wir dann den Autokauf perfekt machen und sind mächtig stolz, als wir unser Nova-Scotia-Kennzeichen in den Händen halten. Die Verkäufer schauen uns ganz ungläubig an, als wir ihnen die Scheine in die Hand drücken. In diesem Moment werde ich kurz stutzig - gibt es vielleicht doch eine Macke am Auto, die wir übersehen haben? Scheinbar haben sie nicht damit gerechnet, dass sie den geforderten Preis erzielen. Mist! Wieso haben wir nicht gehandelt? Weil wir so froh waren, gleich einen fahrbaren Untersatz zu finden und keine Lust hatten, weiter zu suchen. Deswegen wahrscheinlich …
Auf eine gute Zusammenarbeit
Umgehend erfährt unser neuer Freund seine erste Belastungsprobe, denn wir müssen Andy und Julia ins gut eine Stunde entfernte Halifax zurückfahren. Auf dem Rückweg verirren wir uns natürlich prompt das erste Mal und beschließen, dass dringend ein Navi her muss. Als wir es am späten Nachmittag unversehrt zurück ins Ferienhaus schaffen, empfangen uns dort meine Eltern schon mit einem prickelnden Kaltgetränk, um standesgemäß auf den Familienzuwachs (definitiv ein Wunschkind!) anzustoßen. In den nächsten Tagen werden wir unseren neuen Freund noch in eine Werkstatt für einen gesetzlich vorgeschriebenen Safety Check bringen müssen und dann ist unser Schätzchen aber fit for the road!
Fast sind wir nun schon so ganz richtig in Kanada angekommen. Wir wollen aber in den ersten Tagen die weitere notwendige Bürokratie hinter uns bringen, damit wir im Anschluss noch ein paar Tage entspannten Urlaub gemeinsam mit meinen Eltern verbringen können. So haben wir zeitnah einen Termin bei der ortsansässigen Bank ausgemacht, um ein Konto zu eröffnen. Eigentlich ist das ein Kinderspiel, aber wir werden nicht zum letzten Mal an die Grenzen unserer eigentlich sehr soliden Englischkenntnisse gebracht. Die Bankensprache wie „pre-authorized debit, direct deposit, wire transfer, your debit card has a tap-function, the fee for May will be pro-rated …“ klingt für uns recht Chinesisch, aber unsere Bankberaterin Sheryl (man ist hier gleich per Du) erklärt uns geduldig alle Vertragsdetails und irgendwie ist dann doch alles ganz einfach und nach einer Stunde ist das Konto eröffnet, halten wir unsere EC-Karten in der Hand (die hier Debit Cards heißen), haben unsere Pin selbst ausgewählt und die ersten Loonies (so wird insbesondere die 1-Dollar-Münze auch genannt) auf unser Konto eingezahlt. Als Daniel ein paar Tage später dem Bankangestellten vom Empfangsschalter im Supermarkt zufällig wieder begegnet, wird er gegrüßt wie ein alter Bekannter. That’s Canada!
Beim kanadischen Pendant des Bürgeramts beantragen wir unsere Sozialversicherungsnummer, was auch wieder total unkompliziert und entspannt abläuft. Es scheint so, als würde jeder hier auf uns warten. Die Nummer, die hier nur SIN genannt wird, benötigen wir, wenn wir mal gegen Geld arbeiten wollen. Aber das scheint alles noch ganz weit entfernt, immerhin – wir sind nun vorbereitet.
In den nächsten Tagen können wir dann einfach nur Touristen sein. Meine Eltern waren schon mehrmals hier und freuen sich, uns ihre Lieblingsplätze zeigen zu können. Es ist schön, mal nichts selbst planen zu müssen und einfach nur hinterher zu dackeln. Im Laufe dieses Reisejahres wird uns noch manch ein graues Haar wegen der weiteren Reiseplanung wachsen, aber auch dies wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.
Fischerdorf an der South Shore
Unser Ferienhaus befindet sich an der South Shore Nova Scotias, die der meistbesuchte Küstenabschnitt der Provinz ist. Pittoreske Fischerdörfer, weiße Sandstrände und gestreifte Leuchttürme prägen das maritime Bild, das sich uns hier bietet. Unser erster Ausflug führt uns zur bekannten Peggy‘s Cove – bei Regen potenzieller Schauplatz für Horrorstreifen, im Sonnenschein ideale Kulisse für Rosamunde-Pilcher – Filme. Grund genug, uns dort, im Rahmen einer Fahrt entlang der Leuchtturmroute, mal umzusehen. Das Fischerdorf, ca. 45 Kilometer von Halifax entfernt, gilt als eines der beliebtesten Ausflugsziele Kanadas. Glücklicherweise startet die Saison hier aber erst ab Juni, so dass momentan nicht viel los ist und wir von Busladungen verschont bleiben. Schön und malerisch ist es allemal, wir verweilen für einen kurzen Foto- und Besichtigungsstopp, decken uns im einzigen Shop am Platz mit frisch gebackenen Cookies ein und fahren weiter entlang der Leuchtturmroute, so wird der Highway 3 auch genannt, in Richtung Chester.
Das Städtchen gilt gemeinsam mit Mahone Bay und Lunenburg als Aushängeschild der South Shore, insbesondere im Sommer werden hier zahlreiche Besucher angelockt. Die Hauptstraße von Chester besteht aus einem Restaurant, einem Café, einem Theater, einer Bank und einem Souvenirladen, den wir natürlich umgehend heimsuchen, die ersten Postkarten wollen schließlich geschrieben werden. Im Prinzip war es das schon, es ist noch deutlich Vorsaison, somit spielt sich hier derzeit nicht so viel ab. Direkt an der Waterfront lockt jedoch ein weiteres pubähnliches Restaurant, das wir zum Lunch aufsuchen. Es ist draußen zwar frisch, aber sonnig, und so ergattern wir einen Tisch auf der Terrasse direkt am Wasser. Laut Daniel gibt es hier die allerbeste Seafood Chowder der Welt oder zumindest Kanadas.
Peggy’s Cove
Seafood Chowder im Rope Loft, Chester
Weiter südlich gelangt man nach Mahone Bay. Auch hier spielt sich das Leben quasi nur auf einer Straße ab. Aber die Anzahl der kleinen individuellen Lädchen, die zum Bummeln einladen, ist schon etwas größer als beim zuvor besuchten Nachbarn. Im Sommer wimmelt es angeblich nur von Touristen, insbesondere, wenn im Spätsommer das alljährliche Piratenfestival stattfindet und die Stadt in eine andere Zeit versetzt. Kann man sich im Moment kaum vorstellen, so verschlafen wie es hier ist.
Unser letzter Stopp für heute ist Lunenburg: die historische Altstadt ist UNESCO-Weltkulturerbestätte, dazu auch noch die einzige der Region. Den besten Blick darauf hat man vom gegenüberliegenden Golfplatz. Wie auch in den anderen Orten herrscht in der „Altstadt“ ein ganz besonderes maritimes Flair, die Menschen sind super freundlich und man fühlt sich sofort wohl und will wiederkommen. Doch gibt es an der South Shore nicht nur reizvolle Städte, auch die Natur hat einiges zu bieten. Und so führt uns unser nächster Ausflug zu „The Ovens“. Es handelt sich hierbei um einen sogenannten Natural Park direkt am Meer, zu dem man über eine kurvenreiche Straße gelangt. Mir wird auf der Fahrt etwas übel (meine Mutter vermutet in Verbindung mit meinem derzeit sehr gesunden Appetit schon eine Schwangerschaft), nachdem wir angekommen sind und ich ein paar Mal ein- und ausgeatmet habe, legt sich das zum Glück aber schnell und ich kann gemeinsam mit den anderen die Schönheit des Parks genießen. Wir laufen entlang der Klippen auf dem Sea Cave Trail, wobei wir immer wieder steile Wege zu kleinen Höhlen und Steinbalkonen hinunterklettern und so hautnah mitbekommen, wie sich die Wellen ihren Weg bahnen und der Atlantik wild an den Felsen bricht. Leider ist bei unserem Besuch gerade Ebbe, so dass wir das Schauspiel nicht in vollem Umfang miterleben können. Aber dennoch ist die ganze Geschichte recht eindrucksvoll. Wunderschöne Natur, herrliche Stille und außer uns keine Menschenseele weit und breit zu sehen – so haben wir uns Kanada vorgestellt!
Lunenburg hält sich bedeckt
Die frische Luft macht hungrig, weshalb wir per Fähre zur „La Have Bakery“ weiterfahren. Die sehr süße kleine Bäckerei mit angeschlossenem Café im gleichnamigen Ort bietet appetitliche Sandwiches und erlesene Cookies an. Im Anschluss steht ein gemütlicher Spaziergang am Rissers Beach auf dem Programm, bevor wir zurück in unser Ferienhaus kehren, um den Tag ausklingen zu lassen.
Das Ferienhaus befindet sich, wie bereits geschrieben, am Minamkeak Lake und ist nur durch eine holprige Schotterstraße zu erreichen. Höhepunkt ist die Zufahrt von der Straße zum Haus, die extrem steil verläuft, so dass ängstliche Personen das Gefühl bekommen könnten, sie fahren direkt in den See weiter, sollten die Bremsen mal versagen. Das Häuschen selbst ist recht geräumig und schnell leben wir uns dort ein. Die Lage bietet herrliche Ruhe, genau das Richtige, um in Kanada anzukommen. Bei trockenem Wetter sitzen wir gerne mit einem Glas Wein auf der Terrasse, bei ungemütlicher Wetterlage verziehen wir uns auf die Couch. Daniel und ich beweisen uns schnell als richtige Kanadier und schnappen uns zum Sonnenuntergang ein paar Mal das zum Haus gehörige Kanu, um es auf dem See auszufahren oder sammeln Feuerholz im Wald.
Während unserer Zeit in Nova Scotia bekommen wir auch einen ersten Eindruck der kanadischen Radiolandschaft, wir empfangen hier im Ferienhaus nämlich nur zwei Sender, die ihren Hörern gerne auch mal mehrere Stunden lang Bingo als Programm bieten, was sehr eintönig werden kann, wenn der Moderator die gezogene Zahl ansagt und dann eine halbe Minute ohne Sprechen verstreichen lässt, in der die Hörer die Gelegenheit haben, ihre Bingokarten auf die entsprechende Zahl zu prüfen und womöglich, im Fall einer vollen Zahlenreihe, beim Sender anzurufen.
Rissers Beach
Wir fahren auch noch mal zurück nach Halifax und möchten dort eigentlich gerne ein bisschen herumbummeln. Aber die Stadt präsentiert sich mal wieder von ihrer regenreichsten Seite, so dass sich unser Ausflug auf den Besuch des Pier-21-Museums beschränkt, was uns jedoch total begeistert. Der Pier 21 am Hafen von Halifax war von 1928 bis 1971 zentrale Anlaufstelle für Einwanderer, die hier mit dem Schiff aus aller Herren Länder ankamen. Quasi das Ellis Island Kanadas. Die Dauerausstellung des Museums verleiht einen umfassenden Eindruck, wie das damals alles ablief, insbesondere durch die vielen persönlichen Berichte von Einwanderern, die in kurzen Videos ihre Sicht auf die Geschehnisse und Erlebnisse am Pier darstellen. Das Ganze wird neben der kurzweiligen Präsentation durch persönliche Erinnerungsstücke abgerundet. Unser Highlight jedoch ist ein sehr stimmungsvoller 20-minütiger Film, der Immigranten porträtiert, die erst in den letzten Jahren nach Kanada kamen. In kurzen Bildern stellen sich die einzelnen Personen vor und beschreiben ihre Reise nach Kanada, das Einleben und den Alltag. Jede Person hat ihre eigene Geschichte und untermalt mit der richtigen Musik hat der Film tatsächlich Gänsehautfaktor. Auch wenn es sich bei uns nur um eine kleine und temporäre „Einwanderung“ handelt, so finden wir uns dennoch teilweise in den einzelnen Personen wieder und können ihre Hoffnungen, Ängste und Freuden teilen. Mir entweicht beim Zuschauen spontan ein Tränchen der Rührung. Der Besuch hinterlässt auf jeden Fall einen bleibenden und vor allem prägenden Eindruck.
Sonnenuntergang am Minamkeak Lake
Einen weiteren Höhepunkt unseres Aufenthalts im maritimen Nova Scotia stellt unsere Wanderung im Kejimkujik National Park Seaside Adjunct dar. Es gibt im Landesinneren den Kejimkujik National Park und an der Küste eben dessen Erweiterung. Die Sonne bahnt sich gerade ihren Weg durch die Wolken, als wir ankommen, und frohen Mutes wandern wir entlang des Haupttrails los. Wir erleben eine himmlische, nahezu unberührte Landschaft. Durch Buschland geraten wir an die felsige Küste, haben einen Ausblick auf herrliche, weiße Sandstrände, erspähen, wie erhofft, die auf einem Felsen sonnenbadenden Robben, stapfen über viele Steine, die von abertausenden kleinen schwarzen Spinnen bevölkert sind, und uns läuft sogar ein Stachelschwein über den Weg, welches allerdings umgehend bei unserem Anblick Reißaus nimmt. Wir sind anschließend ziemlich geschafft und fallen im Örtchen Summerville Beach zur Cocktailhour ein, bevor wir es uns am Abend im Häuschen gemütlich machen, bei einer Kartenrunde und unserem lieb gewonnen Radioprogramm: Bingo Wednesday.
So vergehen unsere ersten zwei Wochen in Kanada wie im Flug und es kribbelt schon langsam in unseren Fingern: Wir wollen „on the road“, neue Abenteuer erleben und verborgene Orte entdecken. In wenigen Tagen heißt es daher: „Bye bye parents, hello roadtrip!“
Blick auf Montréal
Eine letzte Umarmung, ein letzter Kuss und schon sitzen Daniel und ich in unserem Auto und starten in den ersten Roadtrip dieses Reisejahres. Es geht heute 520 Kilometer nach Fredericton, die Hauptstadt der Nachbarprovinz New Brunswick. Da uns die Hotelauswahl dort nicht wirklich überzeugen konnte und wir ohnehin dieses Jahr ganz viel Neues ausprobieren möchten, haben wir uns für eine Nacht Couchsurfing entschieden. Denn wenn man ein Jahr reist, kann man sich leider nicht jede Nacht ein luxuriöses Hotelbett leisten, und so lernen wir zusätzlich schnell Land und Leute kennen – denken wir zumindest. Couchsurfen wurde ins Leben gerufen, um über jegliche Grenzen hinweg den kulturellen Austausch und den gegenseitigen Respekt zu fördern und die Welt enger zusammenwachsen zu lassen. Und günstig ist es vor allem auch. Das Konzept sieht vor, dass man fremden Menschen seine „Couch“ kostenfrei zur Übernachtung zur Verfügung stellt und sich daraus vielleicht der ein oder andere nette Plausch entwickelt. Was haben die Anbieter der Couch davon? Nun, vielleicht sind sie einfach nur nett und lernen gerne neue Menschen kennen. Aber heutzutage, und vor allem als kritischer Deutscher, macht einen eine solche Offenheit wohl eher skeptisch. Der Erfolg des Netzwerks spricht allerdings für sich und durch ein Bewertungs- und Verifizierungssystem werden Risiken auch weitestgehend ausgeschlossen.
Couchpremiere
Über die Internetplattform haben wir Jenna gefunden, eine Mitzwanzigerin, die gemeinsam mit ihrem Mitbewohner Adam die Couch in ihrem Wohnzimmer zur Verfügung stellt. Wir sind aufgeregt, insbesondere natürlich ich, denn ich mache mir im Vorfeld mal wieder viel zu viele Gedanken: Wo werden wir parken? Wie läuft das Couchsurfen ab? Sind wir zu irgendetwas verpflichtet? Werden wir den ganzen Abend am Küchentisch zusammen sitzen und uns Anekdoten aus unserer Kindheit erzählen? Das Gedankenkarussell dreht sich pausenlos. Wir kommen viel früher als mit Jenna vereinbart in Fredericton an und entschließen uns daher, ein wenig die Stadt zu erkunden. Haut uns erst einmal nicht so vom Hocker, aber wir genießen die Wärme, die uns in den letzten zwei Wochen gefehlt hat. Es mutet fast schon sommerlich an. Als es endlich Zeit ist, schnappen wir unsere Koffer und machen uns auf dem Weg zu Jenna. Sie wohnt direkt in der Innenstadt, die Türen sind unverschlossen und auf einmal stehen wir schon mitten in ihrer Küche. Rote Haare und Sommersprossen, wie eine Irin sieht sie aus, die Jenna, und wie sich im anschließenden, sehr kurzen Gespräch herausstellt, hat sie tatsächlich irische Wurzeln und will diesen Sommer couchsurfend durch das Land ihrer Vorfahren reisen. Sie heißt uns willkommen und zeigt uns erst einmal unsere Schlafgelegenheit für diese Nacht. Es handelt sich um ein Klappsofa, das in ein Futon umgewandelt werden kann. Sieht glücklicherweise alles ganz nett und sauber aus und wir nehmen in der Küche Platz. Wie uns Jenna schnell mitteilt, wurde es in der vorhergehenden Nacht wohl etwas länger und deswegen ist sie sehr müde. Dementsprechend schleppend kommt das Gespräch dann auch nur in Gang. Höflich werden ein paar Sätze gewechselt, aber der Funken springt, glaube ich, auf beiden Seiten nicht über. Es ist nicht zu übersehen, dass sie an diesem Tag eigentlich gar keine Lust auf Couchsurfer hat. Sie deutet zwar kurz an, dass wir die Flasche Sekt, die wir als kleines Dankeschön mitgebracht haben, zusammen köpfen könnten, es kommt jedoch irgendwie nicht dazu. Ich glaube, das war eher so eine rhetorische Sache. Auch ist sie zu müde, um mit uns noch ein wenig um die Häuser zu ziehen, gibt uns aber freundlich Auskunft zu Sehenswürdigkeiten und guten Bars sowie Cafés in der Stadt. Bevor wir die Wohnung zu einem erneuten Streifzug verlassen, lernen wir noch ihren Mitbewohner Adam kennen, der scheinbar noch viel weniger Lust auf Couchsurfer hat, denn er sagt kurz Hallo und dann gleich wieder Tschüss und macht sich auf den Weg zu seiner Freundin, wo er auch die Nacht verbringen wird. Leicht ernüchtert unternehmen wir noch einen kleinen Spaziergang. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Nach zwei Wochen in Nova Scotia, wo uns wirklich nur Herzlichkeit entgegengebracht wurde, fühle ich mich zum ersten Mal etwas niedergeschlagen. Natürlich bin ich nicht davon ausgegangen, dass ich meine neue beste Freundin in Fredericton kennenlerne. Aber ich fühle mich ohnehin schon unwohl, weil wir ohne Gegenleistung bei jemandem Fremden übernachten und dann kommt jetzt noch das Gefühl hinzu, dass man gar nicht richtig erwünscht ist. Wahrscheinlich mache ich mir aber nur wieder zu viele Gedanken. Die Stadt macht auf den zweiten Blick auf jeden Fall einen viel charmanteren Eindruck, insbesondere aufgrund der vielen viktorianischen Wohnhäuser, die das Stadtbild prägen. Wir kehren in die Wohnung zurück, bekommen von Jenna netterweise noch eine Schale frischer Erdbeeren und versuchen, zur Ruhe zu kommen. Die Nacht ist warm, unruhig und unbequem. Früh kommen wir wieder in die Gänge, um gemeinsam mit Jenna, die zur Arbeit muss, die Wohnung zu verlassen. Wir schütteln einander die Hände und schon ist unser erstes Couchsurfingerlebnis vorbei. Hat nicht weh getan, brauche ich aber in der nächsten Zeit auch erst einmal nicht mehr. Es kommt mir vor, als stünden wir in Jennas Schuld, was natürlich totaler Blödsinn ist. Oder? In dieser Hinsicht bin ich irgendwie so ganz korrekt Deutsch, oder vielleicht auch total spießig? Möglicherweise beides. Aber für weiteres Grübeln ist jetzt keine Zeit.
Die Stimmung zwischen Daniel und mir ist etwas angespannt. Wir wollen noch in einen Park laufen, den Jenna empfohlen hat, der Weg stellt sich aber als viel zu weit per Fuß heraus. Schließlich müssen wir heute noch etwa sechseinhalb Stunden fahren. Kaum, dass wir dann endlich im Auto sitzen und wieder auf der Straße sind, entspannen wir merklich und freuen uns auf unser nächstes Ziel: die 590 Kilometer entfernte Stadt Québec in der gleichnamigen Provinz. Heute durchfahren wir auch die erste Zeitzone unseres Auslandsjahres – wie aufregend! Québec ist die Provinz Kanadas, in der Französisch als Hauptsprache gilt. Obwohl das Französisch, was hier gesprochen wird, nicht viel mit dem zu tun hat, was wir Europäer, oder gar die Franzosen, kennen. Dennoch gibt es eine Gemeinsamkeit: Ähnlich wie unsere westlichen Nachbarn sind die Québécois sehr stolz auf ihre Sprache und mögen gar nicht so gerne Englisch sprechen, zumindest sagt man ihnen dies nach. Als wir das westliche New Brunswick durchfahren, gehen die Ortsnamen langsam ins Französische über und auch die englischen Radiosender gehen einer nach dem anderen im Rauschen unter. Irgendwie strange. In Québec versuchen wir uns an einer neuen Übernachtungsmöglichkeit: Über die Internetplattform AirBnB, auf der Privatleute einzelne Räume oder ihre komplette Wohnung vermieten, haben wir ein Zimmer bei der Frankokanadierin Sandrine und ihrem mexikanischen Freund Enrique gebucht. Die beiden leben in einem ehemaligen Arbeiterviertel am Rande der Innenstadt. Dank unseres Navigationsgeräts, das wir in Nova Scotia gekauft haben, finden wir die Wohnung relativ schnell und verfahren uns lediglich einmal.
Notre maison
Auch hier kommen wir wieder zu früh an und haben noch zwei Stunden, bis Sandrine vom Arbeiten nach Hause kommt. Wir sind gespannt, was uns erwartet, insbesondere nach unserer letzten Nacht, und spazieren erst einmal auf gut Glück in Richtung Innenstadt. Québec City gefällt uns sehr gut. Man könnte sich tatsächlich in Frankreich wähnen. Alles wirkt sehr europäisch und vor allem übersichtlich. Schnell erreichen wir die Rue Saint Jean, die bekannt ist für ihre leckeren Restaurants und kleinen Läden und gleichzeitig als das Herz des Künstlerviertels St. Jean Baptiste gilt. Eher zufällig passieren wir das Restaurant L’Hobbit, welches uns von Daniels Cousin Rob, der in Boston lebt, empfohlen
