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Was nutzt einem Selbstakzeptanz, wenn man dennoch nicht geliebt wird? Die Frage stellt sich Marina (33), insbesondere bei dem Gedanken an Sebastian. Und während sie überlegt, ob es seine Bindungsangst oder sein Desinteresse ist, verachtet sie sich selbst – diesmal für ihre Ungeduld und Sehnsucht. Ganz nebenbei erfährt sie, was wahre Freundschaft bedeutet und worum es im Leben wirklich geht. Bisher hat Marina versucht, alles richtig zu machen. In einem schwindelerregenden Tempo wollte sie sich anpassen, optimieren, Fehler korrigieren und wachsen. Das Ziel? Eine langweilige, aber immerhin schöne Illusion von einem Leben mit Happy End. Doch irgendetwas ist diesmal anders, leichter, und sie erkennt die Schönheit im Scheitern. "Meine Bücher sind keine Fachbücher, sondern Romane. Der Fokus liegt auf der Selbstakzeptanz & auf der Akzeptanz. Genau wie in der Personzentrierten Beratung erkläre ich Dir nicht, was Du tun musst und wie es geht, sondern meine Bücher laden Dich ein, an der Seite von Marina (der Protagonistin) durch vertieftes Verstehen zu akzeptieren. Marina zweifelt an sich als Mama, als Frau, Freundin, ... und leidet beruflich am "Hochstapler-Syndrom", sie ist unsicher-ambivalent gebunden, vermutlich hochsensibel, passt sich an, glaubt Liebe sei so etwas wie Anerkennung für die man kämpfen muss, etwas unsicheres und anstrengendes. Sie geht Beziehungen ein, beendet diese oder wird verlassen und hat mit einem Kindheitstrauma zu kämpfen. Und doch wirkt sie nach außen hin fröhlich, stark, extrovertiert und unabhängig. Sie versucht es allen Recht zu machen, setzt keine Grenzen und ärgert sich über sich selbst. Im ersten Teil "Das Herz denkt nicht, es fühlt", geht es vor allem darum sich selbst zu verstehen, vertieft zu verstehen - emotional und nicht nur rational á la "eigentlich weiß ich es ja!" Im zweiten Teil steht die Selbstakzeptanz und die Akzeptanz im Vordergrund. Genau wie bei Fürsorge und Selbstfürsorge oder Liebe und Selbstliebe gibt es hier einen entscheidenen Unterschied: Wenn ich mich akzeptiere, verändere ich mich. Wenn ich Andere oder Gegebenheiten akzeptiere, verändert sich meine Einstellung, nicht jedoch mein Gegenüber oder die Umstände. "Wenn das Herz denkt" beschreibt die Schattenseiten der Hoffnung, die eine Illusion nährt und uns hindert loszulassen. Mit dabei Lasse, Marinas Sohn und Linda, Marinas Insel. Sie sorgen für Unterhaltung & Leichtigkeit sorgen und das Gedankenkarusell versuchen zu stoppen."
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Seitenzahl: 502
Veröffentlichungsjahr: 2022
Jennifer C. Angersbach
Wenn das Herz denkt
Roman
Ein Roman über den Wunsch, jemanden zu retten, und über die Hoffnung, die eine Illusion nährt und uns daran hindert, loszulassen
Das Buch
Was nutzt einem Selbstakzeptanz, wenn man dennoch nicht geliebt wird? Die Frage stellt sich Marina (33), insbesondere bei dem Gedanken an Sebastian. Und während sie überlegt, ob es seine Bindungsangst oder sein Desinteresse ist, verachtet sie sich selbst – diesmal für ihre Ungeduld und Sehnsucht. Ganz nebenbei erfährt sie, was wahre Freundschaft bedeutet und worum es im Leben wirklich geht.
Bisher hat Marina versucht, alles richtig zu machen. In einem schwindelerregenden Tempo wollte sie sich anpassen, optimieren, Fehler korrigieren und wachsen. Das Ziel? Eine langweilige, aber immerhin schöne Illusion von einem Leben mit Happy End. Doch irgendetwas ist diesmal anders, leichter, und sie erkennt die Schönheit im Scheitern.
Die Autorin
Jennifer Angersbach, geboren am 23. Dezember 1985, lebt mit ihrem Sohn in Unna. Sie studierte Germanistik und Erziehungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, arbeitete zunächst im sozialen Bereich und parallel absolvierte sie eine Weiterbildung zur Personzentrierten Beraterin.
Nachdem sie ihre Erfahrung als Leitung verschiedener Beratungsstellen intensiviert hatte, eröffnete sie ihre eigene Praxis für Paartherapie und Personzentrierte Beratung.
Sie ist zwar keine bekannte Influencerin, aber in den Sozialen Medien als Lieblingssternenstaub aktiv.
Ihr zweiter Roman ist eine behutsame Konfrontation mit der Kehrseite der Hoffnung, die uns Kraft gibt, für eine Illusion zu kämpfen, aber gleichzeitig verhindert, die Gegenwart zu genießen und das Leben mit all seiner Vielfalt zu leben.
Wenn ich an Wachstum denke, denke ich an den Löwenzahn, der voller leichter Samen ist, auf der Suche nach fruchtbarem Boden; der sich ausbreitet, sogar durch Asphalt wachsen kann; der viele Nährstoffe braucht, bedürftig ist und doch überall wächst; der ansteckend ist, fliegen kann, blüht; der die Gartenarbeit anstrengend macht. Dort, wohin der Wind ihn trägt, wächst er, hinterlässt Spuren.
Er ist nicht einsam und doch allein, er braucht keine Bienen, und doch bildet er Blütenstaub. Er lässt sich fallen und tragen – verliert sich jedoch niemals selbst.
Dieses Buch ist erneut Dir gewidmet, Fin-Michel, vielleicht eher Deinem erwachsenen Ich. Ich wünsche mir, dass Du Dich auf dieser Welt ausbreitest und wächst wie der Löwenzahn, Spuren hinterlässt, wie auch immer diese aussehen mögen – in meinem Leben hast Du bereits einige davon hinterlassen und es so viel bunter, intensiver und schöner gemacht …
Wenn das Herz denkt ist der zweite Roman der Reihe: Verstehen, Akzeptieren, Verändern.
Der erste Teil »Das Herz denkt nicht, es fühlt« erschien 2021. Die Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden.
Impressum
Copyright © 2022 Jennifer C. Angersbach
Am Kastanienhof 70, 59423 Unna
Autorin: Jennifer Angersbach, www.jennifer-angersbach.de
Umschlaggestaltung: Constanze Kramer, coverboutique.de und Jennifer Angersbach
Bildnachweis ©Jacob_09 – shutterstock.com
Korrektorat & Lektorat: Michèle Gries, federrauschen.de
Buchsatz: Constanze Kramer, coverboutique.de
Verlagslabel: Lieblingssternenstaub
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH
Halenreie 40 – 44, 22359 Hamburg, Germany
ISBN Softcover: 978-3-347-75116-3
ISBN Hardcover: 978-3-347-75120-0
E-Book: 978-3-347-75121-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
»Du bist liebenswert, auch wenn Du Dich selbst nicht liebst.«
Lieblingssternenstaub
Prolog
»Ich setze erneut Kaffee auf, dusche, während er durchläuft, vermutlich, um mich irgendwie von diesen Gedanken zu befreien. Dann beginne ich, bewaffnet mit Kaffee, das Manuskript zu lesen, sie hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, unsere Namen zu ändern.«
Marina macht eine kurze Pause, schmunzelt und fährt fort. Ich bin noch unsicher, warum es ihr so wichtig ist, mir diesen Text vorzulesen, und ich fühle mich nicht nur geschmeichelt, sondern auch etwas unwohl, dass ich in ihrer Geschichte eine so große Rolle spiele. Sie hat sogar einige Posts von mir in ihrem Roman untergebracht, natürlich nach Absprache. Es sind die letzten Seiten ihres Buches, heute hatte sie zwei Exemplare dabei, eins für mich und eins scheint das Ihre zu sein, es ist bereits jetzt, wenige Tage nach dem Druck, ziemlich abgegriffen.
»Ich steige aus, gehe zur Haustür, klingele. Es dauert ewig, doch plötzlich höre ich etwas, und dann öffnet Marina mir, bewaffnet mit einer Kaffeetasse, zerzausten Haaren und schön wie immer, die Tür. Sie lächelt, als sie mich sieht, dann stellt sie ihre Tasse auf die Garderobe, breitet ihre Arme aus und nimmt mich in den Arm. Bisher ist es immer andersherum gewesen.«
Ich stimme Thomas zu, es ist wirklich befremdlich, dass Marina die Namen nicht geändert hat, und auch ihr scheint nun aufzufallen, wie kurios das ist – insbesondere, wenn sie es selbst laut vorliest, denn sie schmunzelt und schaut mich kurz an, bevor sie weiterliest.
»Als wir die Umarmung lösen, hebe ich den Umschlag hoch und sage grinsend: »Die Danksagung hat mich berührt!«
Marina lacht und zuckt mit den Schultern. »Welche Danksagung?« Dann schwindet das Lachen, sie schaut zu Boden und sagt: »Ach, du meinst meinen Brief?«
Diese Zeilen von ihr zu hören, ist aber nicht nur befremdlich. Im Gegenteil: Da es ihre Geschichte ist, liest sie die Zeilen mit einer so greifbaren und echten Emotionalität vor, dass ich mich kaum auf den Text konzentrieren muss, um den Inhalt zu verstehen.
Ich grinse sie an. »Nee, dein Buch, ich komme ganz schön gut weg!«
Jetzt lacht sie wieder. Sie wirkt erleichtert.
»Aber ich kann nicht dein Lektor sein, ich bin befangen«, erkläre ich vorsichtig, aus Angst, sie noch mehr zu enttäuschen, wenn ich meine Absage zu hart formuliere.
Doch sie lacht nur, keine Spur von Enttäuschung, und sagt: »Komm erst mal rein! Kaffee?«
»Klar!«
Während sie in die Küche geht, bleibe ich stehen und schaue mich um. Auch wenn die Räume hier ganz anders aufgeteilt sind, stehen überall dieselben, altbekannten Möbel, sogar die Bilder und Leinwände sind gleich geblieben. Das beruhigt mich irgendwie. Dann reicht sie mir einen Kaffee und geht vor in den Garten. Wir setzen uns an den Metalltisch auf der Terrasse, der Garten sieht ähnlich ungepflegt aus wie der Vorgarten, nur, dass hier deutlich mehr wächst und wuchert, eine kleine Oase, sofern man es mag.
Ich stelle meinen Kaffee ab und ziehe das Manuskript hervor. »Ich kann zwar nicht dein Lektor sein, aber ich habe mittlerweile ganz gute Kontakte, und …« Wie formuliere ich es jetzt? War es eigennützig, egoistisch? Ich atme einmal ein und aus, bevor ich fortfahre. »Ich wäre gerne Teil der Geschichte, als Autor.«
Nun schaut sie mich irritiert an, ihre Augen zusammengekniffen, schüttelt sie vorsichtig mit dem Kopf. »Als Autor? Ich verstehe nicht …«
»Marina, ich … Du hast immer gesagt, dein Leben sei eine Soap und leider kein Netflix Original. Ich … wir, also, mein Agent … Was hältst du von einer Serie?«
Sie starrt mich ungläubig und mit großen Augen an. »Wie meinst du das?«
»Ich habe doch kürzlich ein Skript als Drehbuch verkauft. Gestern habe ich dein Buch komplett gelesen und es gibt rein marketingtechnisch schon viel her, der Inhalt, die Themen, die Zielgruppe! Eine Mischung aus Sex and the City und This is Us schwebt mir vor. Und ich könnte dich unterstützen? Bei meinem Agenten ein gutes Wort einlegen? Was sagst du?« Ich schließe meinen Vorschlag feierlich ab und schaue sie erwartungsvoll an.
Sie schüttelt vorsichtig mit dem Kopf. »Thomas, was ist passiert? Ich … versuchst du, mir zu imponieren? So kenne ich dich gar nicht …«
Ich fühle mich unwohl und irgendwie auch ertappt, es stimmt, ich habe alles gelesen und sogar Texte geschrieben und mir Gedanken gemacht, wie ich diesen Wunsch, dass ihr Leben keine Soap, sondern ein Netflix Original wird, erfüllen könnte. Ich weiß nicht, ob ich irgendwas wiedergutmachen wollte, ja, vielleicht. Ich nicke. »Ja, vermutlich versuche ich das …«, gestehe ich ihr.
Sie lächelt mich an: »Ich fühle mich geschmeichelt! Aber ich habe mein Leben lang versucht, Aufmerksamkeit zu bekommen, wollte im Mittelpunkt stehen oder auf Platz eins sein, egal bei wem. Hauptsache, es drehte sich um mich. Ich habe sogar ’neSchauspielausbildung gemacht!« Sie lacht und schüttelt amüsiert den Kopf. »Dieses Buch. Ist mein Buch. Ich wollte immer eins schreiben und mir fehlte immer das richtige Ende. Ich fühle mich geehrt, aber dieses Buch, das habe ich für mich geschrieben, für mich und auch ein bisschen für dich. Ich möchte es nicht veröffentlichen. Weder im Verlag, noch als Netflixserie. Ich brauche keine Validierung mehr von außen, nicht für diese Geschichte, nicht für mich, mein Dasein. Ich bin angekommen, bei mir. Und das war immer das Ziel, das Ende.«
Marina schaut noch eine Weile auf ihr Buch, dann blickt sie hoch, schaut mich an, schüttelt ihren Kopf und sagt: »Wie heuchlerisch!«
Sie presst die Lippen aufeinander und mich überkommt Traurigkeit, doch dann habe ich einen anderen Gedanken und stelle ihr diesen zur Verfügung. »Fühlst du dich wie eine Heuchlerin oder wolltest du dich nur zuerst abwerten, aus Sorge, dass ich das sonst tue?«
Marina muss schmunzeln, dann zuckt sie mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Wie lange komme ich jetzt her? Über ein Jahr, oder? Und irgendwie fühlte ich mich in diesem Jahr so gut, ich dachte, ich würde mich endlich selbst lieben, ich dachte, jetzt, da ich den Missbrauch aufgearbeitet habe, dieses Buch geschrieben habe, mich mit mir versöhnt habe, ich dachte, dann bin ich glücklich.« Marina schaut auf den Boden und sackt in sich zusammen. »Aber ich bin nur müde und erschöpft.« Marina hebt den Blick wieder und ihre Augen werden feucht.
»Erschöpft und traurig«, sage ich und merke, wie meine eigene Stimme bricht. Ich spüre diesen Kloß im Hals, diese Schwere auf meiner Brust und merke, wie nah mir ihre Geschichte geht und wie gerne ich ihr helfen würde. Ein Gefühl, das ich schon lange nicht mehr gespürt habe. Das Schöne an dem Personzentrierten Ansatz ist eben, dass ich die Verantwortung ganz und gar bei den Menschen lasse, die zu mir kommen. Ich helfe nicht, ich begleite. Ich versuche nicht, als Jenni durch die Welt der Menschen zu laufen, sondern in ihren Schuhen durch ihre Welt zu laufen, wie Carl Rogers es eben formulierte. Ich sage nicht, was jemand tun soll, sondern höre zu und helfe lediglich beim Verstehen, sodass die Menschen, die zu mir kommen, selbst den Weg finden, der für sie richtig ist. Meine Verantwortung liegt in der Bereitschaft, mitzufühlen, verstehen zu wollen, offen und flexibel zu sein und gleichzeitig Gefühle oder auch Zusammenhänge zur Verfügung zu stellen, die für das Gegenüber noch nicht greifbar sind. Doch irgendwas an Marinas Geschichte oder ihrer Art erinnert mich an meine eigene Sehnsucht, der Sehnsucht danach, gerettet zu werden. Ich merke, wie gut ich ihre Welt kenne, und frage mich, ob ich gerade wirklich in ihren Schuhen herumlaufe, oder doch in meinen eigenen?
»Du wünschst dir jemanden, der dich rettet, oder?«, biete ich zaghaft an. Meine Nachfrage am Ende ist ein klares Signal dafür, dass ich unsicher bin, mich verantwortlich fühle. Ich würde ihr gerne diese Verantwortung zurückgeben, ihr vertrauen, und ihr genau dadurch die Möglichkeit einer korrigierenden Erfahrung bieten. Und ihr nicht erneut, wie Thomas, oder auch Sebastian, das Gefühl vermitteln, dass sie »die Kleine« ist. Indem ich mich verantwortlich fühle, weil ich ihr nicht zutraue, dass sie es selbst schafft. Womöglich, weil ich meine Themen auf sie projiziere.
Bei diesen Worten schluchzt Marina auf, sie zieht die Knie an die Brust, umklammert sie fest und nickt. »Als ich meinem Papa von dem Missbrauch erzählt habe, hat er einfach nur gefragt, ob ich drüber reden will und ob er irgendwas hätte tun können.« Marina schüttelt ungläubig mit dem Kopf, dann kneift sie ihre Augen zusammen und stellt die Füße wieder auf den Boden. »Ja! Verdammt!«, schreit sie laut. »Du hättest mich sehen können! Ich habe dieses Gedicht geschrieben, und du? Du hast mich gebeten, aus dem ›Ich wurde missbraucht, vom eigenen Vater‹ ein ›Sie wurde missbraucht, vom eigenen Vater‹ zu machen, anstatt mal zu fragen, warum ich überhaupt in der Ich-Perspektive schreibe. Du hättest mich aufklären können! Du hättest fragen können, warum ich mich wochenlang nicht gewaschen habe!«
Marina ist außer sich vor Wut, vor Enttäuschung und spielt auf all die Situationen an, die wir in unseren Sitzungen nach und nach thematisiert haben. Situationen, kleine Hilferufe, die sie als junges Mädchen ausgesandt hatte und die für sie bisher in keiner Verbindung zum Missbrauch gestanden hatten und doch so laut und deutlich gewesen waren, gemessen an ihren damaligen Möglichkeiten. Bisher verharrte sie oft auf dem Stand, dass sie selbst schuld sei, oder aber, selbst wenn nicht, es ja niemand hätte verhindern können, denn es habe ja niemand von den Übergriffen des Nachbarn gewusst.
Ihre Wut ist nun gänzlich in Enttäuschung umgeschlagen und sie fügt leise hinzu: »Du könntest wenigstens jetzt, heute, sagen, dass du zu ihm fahren und ihn verprügeln willst.«
»Und die Tatsache, dass dein Papa das nicht getan hat, macht dich so unendlich traurig.«
»Traurig und …« Marina hält kurz inne, schaut nachdenklich an mir vorbei. »Es fühlt sich einfach so an, als sei das alles nicht so schlimm. Die Welt dreht sich einfach weiter.« Dann wendet sie sich mir zu und fragt: »Müsste sie nicht stillstehen? Müsste er nicht wenigstens jetzt sein kleines Mädchen beschützen wollen?«
»Bist du denn sein kleines Mädchen?«, frage ich vorsichtig, und während ich den Satz ausspreche, merke ich, dass ich zu weit gehe. Denn genau das war ja das Problem: Marina verachtete sich für ihre schwachen Anteile, für ihre Bedürftigkeit, und versuchte mit aller Macht, diese, aus ihrer Sicht, erbärmlichen Anteile abzulegen. Der Preis dafür: Niemand sah und sieht ihre Not, nicht mal sie selbst. Und ich? Ich möchte ihr sagen, dass sie doch nun groß ist, dass sie so viel erreicht und geschafft hat, dass sie stark ist. Dabei würde ich sie doch genau darin bestärken, wie erstrebenswert Stärke ist. Also füge ich rasch hinzu: »Es tut mir leid, ich merke, wie sehr mich deine Geschichte berührt und wie bemerkenswert ich deinen Weg finde und wie schwer es mir jetzt gerade fällt, dich so verzweifelt und traurig zu sehen.«
Marina lacht erleichtert auf. »Dann geht es dir ja wie mir, und wenn ich eins gelernt habe, hier bei dir, dann ist es, wie wichtig es ist, seine vermeintlichen Fehler und Schwächen anzunehmen, statt sie verstecken zu wollen. Danke also, dass du mir das auf dieser Meta-Ebene vor Augen führst und sozusagen als Vorbild dienst.«
Ich muss schmunzeln und bin dankbar für ihr Verständnis. Marina spricht weiter. »Ich habe bei der Frage kurz abgewägt, ob du mich provozieren oder konfrontieren willst. Beides hat in mir den Wunsch ausgelöst, zu sagen, dass ich eben auch ein kleines Mädchen bin, und so sehr es mich manchmal nervt, wenn mein Papa mir das Gefühl gibt, dass er besser weiß, was gut für mich ist, so sehr sehnt sich ein Teil von mir danach, beschützt zu werden. Und wenn er dann zu mir kommt und Bilder, die mit Heftzwecken an der Wand hängen, gerade und mit Schrauben aufhängt, mir beim Tragen und Entsorgen von Sperrmüll hilft oder seinem Enkel, Lasse, viel zugewandter begegnet, als ich es gerade kann, dann ist da so eine unglaublich große Dankbarkeit, die gleichzeitig gemischt ist mit einem kleinen, eher unangenehmen Gefühl von: Tut mir leid, dass ich«, ihre Stimme bricht ab und eine Träne kullert über ihre Wange, »das nicht alleine kann und dir zur Last falle.«
Ihre Worte berühren mich, auch meine Augen werden feucht, ich atme einmal tief ein und frage: »Wie geht es dir denn jetzt, zum Ende der Sitzung?«
Marina lächelt. »Ich bin erleichtert. Erleichtert, weil das mal rausdurfte, also, auch die Enttäuschung und die Wut, die sich gegen das Verhalten meines Papas richten. Und ich glaube, das war alles, was ich brauchte, es musste einfach mal gehört werden, nicht zwingend von ihm.« Marina schaut nun an mir vorbei, sie überlegt, als würde sie noch mal prüfen, ob das so stimmt. Dann schaut sie mich wieder an, grinst noch breiter als vorher und fügt hinzu: »Und ich bin erleichtert, weil ich einfach sein darf, und es gibt so viele Sitzungen, bei denen ich vorher Sorge habe, dass dein Verständnis und deine Akzeptanz heute oder für dieses und jenes aufgebraucht sind, es eben Grenzen gibt. Und dann gehe ich jedes Mal nicht nur mit deiner Akzeptanz und deinem Verständnis hier raus, sondern vor allem mit meiner eigenen Akzeptanz und dem befreienden Gefühl, mich selbst zu verstehen.«
Ich strahle nun selbst wie ein Honigkuchenpferd, genau das ist das Ziel. Ob und wie gut mir das immer gelingt, das weiß ich gar nicht, aber es tut unglaublich gut, dass sie mir eine so wertschätzende Dankbarkeit entgegenbringt. Dennoch frage ich, wie immer am Ende: »Möchtest du wiederkommen?«
»Gerne wieder in sechs Wochen.«
Wir vereinbaren einen Termin und verabschieden uns. Als sie weg ist, bin ich noch immer berührt von unserer Sitzung und merke, wie ich plötzlich mit dem Kopf schüttele bei dem Gedanken daran, wie rasch es Marina gelungen ist, sich von dem Gefühl der Enttäuschung und der Verzweiflung zu befreien. Gerade die Thematik mit ihrem Papa sitzt so tief, er ist immer für sie da gewesen, ist es noch heute – außer beim Missbrauch. Er hätte sie »retten« können, hat es jedoch nicht getan, und zuvor ist da immer diese Grenze gewesen, die es Marina nicht ermöglicht hat, wütend, enttäuscht zu sein, weil sie immer wieder gesagt hat, dass er davon ja auch nichts gewusst habe. Ihr ist es bisher zuwider gewesen, wenn ihr Papa zu sehr in den Fokus ihrer Enttäuschung gerückt ist, und sie hat sich immer schützend vor ihn gestellt und der kleinen Marina den Rücken zugewandt. Der kleinen Marina, die dennoch gerne hätte gerettet werden wollen. Die sich so sehr danach gesehnt hatte, beschützt zu werden, aber für die niemand diese Aufgabe übernommen hatte.
Ich finde es bemerkenswert, wie gut diese Personzentrierte Haltung für Marina funktioniert, unsere Sitzungen könnten fast aus ’nem Lehrbuch stammen. Und wieder einmal überkommt mich diese Dankbarkeit und Demut dafür, dass ich einen so sinngebenden und erfüllenden Beruf habe, von und bei dem ich selbst so viel lernen darf – auch über mich.
»Opfer zu sein, ist keine Haltung.«
Lieblingssternenstaub
Es ist ein warmer Sommertag im August, seit meiner ersten Sitzung bei Jenni ist nun ein Jahr vergangen, ich bin umgezogen, habe ein Buch geschrieben und Thomas kehrte zurück in mein Leben – aber nur kurz. Er überzeugte mich, das Buch zu veröffentlichen, und stellte mir seine Texte zur Verfügung. »Als Ghostwriter ist das auch kein Urheberrechtsproblem«, meinte er. Ich bin unsicher, ob er das tat, um sich zu schützen oder um mir zu gefallen. Vielleicht brauchte er auch einfach selbst so etwas wie einen sauberen Abschluss?
Jetzt sitze ich in meinem Auto, der erste Probedruck meines Romans liegt auf dem Beifahrersitz. Ja, ich bin stolz. Ja, ich glaube, ich mag mich sogar. Und dennoch fehlt etwas.
Den Missbrauch habe ich zur Anzeige gebracht. Kurz danach habe ich »Das Herz denkt nicht, es fühlt« veröffentlicht. Und überhaupt war ich sehr im Aktionsmodus im vergangenen Jahr. Zu lange fühlte ich mich ausgeliefert, hatte das Gefühl, andere träfen für mich die Entscheidungen. Ich wollte mir wohl selbst beweisen, dass ich auch alles alleine schaffen kann.
Zu Jenni gehe ich immer noch alle sechs Wochen. Die Gespräche tun mir gut, meistens jedenfalls. Mir fällt es noch immer schwer, mein »Jammern« auszuhalten. Gleichzeitig habe ich erkannt, dass es nicht mein »Jammern« ist, das mich stört, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich so viele Gründe zum »Jammern« habe.
Mir war lange nicht klar, wie groß die Auswirkungen der Erfahrungen in der Kindheit und Jugend waren und sind. Und es klingt ziemlich krass, aber mir kam in einer Sitzung mal der Gedanke, dass ich froh bin, missbraucht worden zu sein. Dadurch habe ich wenigstens einen gesellschaftlich akzeptierten Grund für meinen geringen Selbstwert, die zum Teil destruktiven Muster und meine Schutzstrategien. Immerhin schäme ich mich nicht mehr für diesen oder auch andere Gedanken oder Taten vergangener Tage.
Je mehr ich bei Jenni exploriert habe, desto mehr habe ich erkannt, wie viel einfach schief gelaufen ist. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut daran, dass ich mir die Hände als kleines Mädchen so oft gewaschen habe, dass ich blutete. Ich erinnere mich auch an den Grund: Im Sandkasten am Sportplatz fand ich eine Spritze, ich stach mich zwar nicht, aber fasste sie an. Ich zeigte sie meiner drei Jahre älteren Freundin und sie erschrak fürchterlich, sprach von Drogen und Aids, ich hatte keine Ahnung, was das alles bedeutete, aber ich hatte so große Angst vor dem Tod, dass ich versuchte, ihn mir von den Händen zu waschen. Meine Eltern waren zu dem Zeitpunkt noch nicht getrennt, also muss ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Die Diagnose des Arztes, dass mir einfach nur Liebe fehlte, erschreckt mich noch heute. Ich bin unsicher, ob es Liebe war, die mir fehlte, oder einfach Aufmerksamkeit. Warum hatte ich bereits im Alter von vier oder fünf Jahren so große Angst davor, meine Eltern zu belasten? Ihnen zu erzählen, was mir Schlimmes widerfahren war? Sie hätten mich trösten oder beruhigen können, doch dazu kam es nie. Und der Missbrauch fand viel später statt.
Ich starte den Motor und fahre nach Hause. Dort erwartet mich ein riesiger Kübel mit Lavendel und einer Dankeskarte von Linda: »Wie schön, dass es Dich gibt!« Ich schmunzele und schicke ihr direkt ein Selfie, prompt kommen übertrieben viele Herzsmileys zurück und die Frage:
Inseln wir heute?
Klar! Ist immerhin 5 Tage her!!!
Meine mittlerweile beste Freundin Linda und ich haben ein Ritual, seit ich in ihre Nachbarschaft gezogen bin: Wir »inseln«. Das heißt bei uns, dass wir uns auf unsere kleine Insel im Alltag zurückziehen, wir gehen spazieren oder setzen uns irgendwo hin und reden über den Tag, über unsere Erlebnisse, über Situationen mit unseren Jungs, über die Arbeit, oder wir träumen, von book-a-friend.de und unserem Institut, wo Menschen in Krisen zwischen verschiedenen psychologischen Interventionen im Welpenraum kuscheln, mit uns und Lindas Hunden spazieren oder ein Faultier ausleihen können.
Ich schließe meine Tür auf und schaue währenddessen durch das milchige Glas, damit ich sehe, ob hinter dem Briefschlitz ein gelber Umschlag liegt. Seit der Anzeige bezüglich des Missbrauchs rechne ich fast täglich damit, dass ein Schreiben der Staatsanwaltschaft kommt, und irgendwie glaube ich, der Umschlag davon müsste gelb sein, wie bei einer Anzeige. Spannend, welche Repräsentationen ich im Kopf habe, vielleicht liegt das daran, dass ich tatsächlich einmal einen gelben Umschlag bekommen habe. Ich bin damals viel zu schnell gefahren, das Auto lief noch auf den Namen meines Papas. Er war stinksauer und erklärte mir sehr eindringlich, dass er den Umschlag gar nicht öffnen müsse, sondern ganz genau wisse, was sich darin verberge, aufgrund des gelben Umschlags. Vermutlich hat sich das einfach eingebrannt.
An dem Tag, als ich zur Polizei ging, um Anzeige zu erstatten, zitterte ich am ganzen Körper. Ich öffnete die Glastür des Polizeipräsidiums, ging zum Schalter und sagte einfach: »Ich möchte Anzeige erstatten, wegen Kindesmissbrauchs.«
Das Lächeln der Dame verschwand, sie schüttelte ganz leicht ihren Kopf, als sei sie unsicher, ob sie mich richtig verstanden habe. Ich schaute sie weiter an und fixierte ihren Blick, denn ich wusste nicht, ob ich diesen Satz noch mal so klar über meine Lippen bringen könnte. Dann atmete sie ein, brach wieder ab, atmete erneut ein und fragte stammelnd: »Und Sie, also, wer ist …«
Mein Herz schlug mir bis zum Halse. Mich verließ der Mut, aber nun fühlte ich mich dazu gezwungen, etwas zu sagen. »Ich bin das Opfer«, stieß ich hervor, bevor meine Nase kribbelte und meine Augen feucht wurden. Am liebsten hätte ich mich direkt an Ort und Stelle übergeben und das Präsidium verlassen. Stattdessen setzte ich mich auf einen der drei zusammenhängenden, orangefarbenen Plastikstühle, nachdem die Empfangsdame mich gebeten hatte, dort Platz zu nehmen.
Erst als ich, wie gewohnt in Wartesituationen, mein Smartphone zur Hand nahm, bemerkte ich den Angstschweiß. Das Zittern meiner Hände erlaubte mir weder das Scrollen durch Instagram noch das Verfassen einer Nachricht oder das Spielen in irgendeiner App. Ich beobachtete das Treiben hinter der Glasfront, irgendwann kam ein Polizeibeamter zur Empfangsdame, sie deutete auf mich, er schaute in meine Richtung, ich lächelte unbeholfen, er wandte sich wieder der Dame zu und erklärte ihr irgendetwas, woraufhin sie zum Telefonhörer griff. Ich kann, ehrlich gesagt, nicht rekonstruieren, wie lange ich dort gewartet habe.
Irgendwann öffnete eine Frau die Glastür auf der rechten Seite des Empfangs, sie lächelte mir zu. »Frau Neumann?«
Ich stand auf, folgte ihr durch verschiedene Flure und Treppenhäuser, dabei kam ich mir vor wie eine Schwerverbrecherin. Als wir in ihrem Büro Platz nahmen, stellte sie Unmengen an Fragen. Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Ich fühlte mich wie bei einem Verhör und bemerkte selbst, wie viele Widersprüche es in meiner Geschichte gab und auch, wie wenig konkret meine Erinnerungen waren. Als ich diese Gedanken mit der Polizeibeamtin teilte und fragte, ob ich einfach alles rückgängig machen könnte, machte sie eine wegwischende Handbewegung, schüttelte den Kopf und erklärte mir, dass es nun ohnehin Sache der Staatsanwaltschaft und völlig normal sei, dass ich auf manche Fragen nach so langer Zeit nicht konkret antworten könne. Irgendwann bemerkte ich die Wanduhr, erschrak, ich musste Lasse, meinen Sohn, bald abholen. Ich traute mich während des gesamten Gesprächs nicht, mein Smartphone aus der Tasche zu holen, auch das zeigte, wie sehr ich mich als Schuldige fühlte. Als ich fragte, ob es okay sei, das Telefon kurz zu bedienen, lächelte die Polizeibeamtin und nickte. Für mich wirkte es jedoch eher wie ein Auslachen.
Vermutlich war es das auch. Manche Menschen vergessen anscheinend, wie sensibel oder angespannt man manchmal ist. Rational ist und war mir klar, dass es kein Verhör war, aber emotional verspüre ich selbst jetzt, während ich diese Zeilen einige Zeit später schreibe, denselben Druck auf der Brust wie damals. Das Atmen fällt mir schwer und ich bin froh, wenn ich gleich endlich eine Pause machen kann. Das Herz denkt nicht, es fühlt. Genau so. Und in dieser Situation hätte ich mir in der Tat mehr Einfühlungsvermögen von der Dame gewünscht, mehr Fürsorge. Immerhin hätte ihr doch klar sein müssen, dass ich gerade mehr oder weniger das erste Mal über einen Missbrauch sprach und bisher noch nie Fragen dazu hatte beantworten müssen.
Als ich diese Situation später mit Jenni aufarbeitete, erlaubte sie mir durch ihre Wut, auch wütend zu sein. Jenni sprach von »Fahrlässigkeit« und von »Retraumatisierung«, und als sie mich fragte, warum ich überhaupt zur Polizei gegangen sei, kamen mir – mal wieder – die Tränen, weil mir bewusst wurde, wie sehr ich mich, auch heute noch, vom Außen beeinflussen lasse und wie wenig ich mir vertraue. Ich dachte, ich müsste zur Polizei gehen, ich dachte, das wäre der richtige Weg, mir wurde suggeriert, dass es irgendwie auch meine Verantwortung wäre, dass er eine Strafe bekäme. Und als mir durch das Aussprechen bewusst wurde, dass ich mal wieder in die Falle der »Verantwortung« getappt war, war ich enttäuscht von mir selbst, ich fühlte mich furchtbar dumm, denn ich dachte, ich sei schon deutlich weiter in meinem Prozess der »Selbstliebe« – was auch immer das ist.
Aber zurück ins Heute. Heute schimmert kein gelber Umschlag durch die Glasscheibe. Es ist, nach fast acht Jahren in Steuerklasse zwei, oder besser gesagt, als Alleinerziehende, ein komisches Gefühl, nach Hause zu kommen und nichts als Stille zu hören. So sehr ich mich auf freie Zeit ohne mein mittlerweile großes Bündel an Bedürfnissen freue – sobald er weg ist, fühle ich mich wie der kleine Tiger von Janosch, der keine Kartoffeln geschält, keine Zwiebeln geputzt und die Stube nicht gefegt hat, weil er wieder mal so einsam gewesen ist. Während ich jedes Mal, bevor Lasse abgeholt wird, am Morgen noch voller Vorfreude die To-dos durchgehe, denen ich mich später in aller Ruhe widmen kann, laufe ich, sobald das Auto seines Papas Paul wegfährt, ziellos durch die Wohnung und mache erst mal nichts.
Heute hatte ich zum Glück den Termin bei Jenni, der zumindest etwas Struktur in diesen Tag gebracht hat. Aber jetzt könnte ich direkt wieder ins Bett, um mich währenddessen darüber zu ärgern, dass ich – obwohl ich nun die Zeit und Kapazitäten habe – keine meiner wichtigen Aufgaben erledige. Ich denke an das Meme »Wenn du die Wahl hast, das Bad zu putzen oder die Wäsche aufzuhängen, welche Serie guckst du?« und schmunzele.
So langsam könnte ich auch etwas essen. Mein aktuell neues Lieblingsrezept besteht aus Tiefkühlgemüse, Tiefkühlkartoffelspalten und Crème fraîche. Alles wird einfach mit ein paar Zwiebeln in eine Pfanne geschüttet und abschließend mit einem Teelöffel Senf, ein bisschen Salz, Pfeffer und ein paar Kräutern vermischt. Simpel, sättigend und auch gar nicht so ungesund für Fast Food, gemessen an Aufwand und Dauer.
Ich finde alles bis auf Crème fraîche, also muss ich mich wohl doch einer meiner Aufgaben widmen: dem Einkauf. Die Schuhe habe ich noch an, also schnappe ich mir den Korb, in dem die Geldbörse bereitliegt, und laufe zum Edeka. Eigentlich tut es ganz gut, draußen zu sein, die Sonne scheint und die Gärten sind bunt, bis auf meinen, der ist grün: Das Ziergras hat den Vorgarten erobert und dadurch wirkt er eher wie ein Stück Feld. Keine Übertreibung! Wenn der Wind weht, bewegen sich die langen Halme wie Wellen. Eigentlich schön, wenn mich meine Nachbarin nicht regelmäßig darauf aufmerksam machen würde, dass der Wind über lange Sicht dafür sorgt, dass die Grassamen bald auch aus ihrem Vorgarten eine Wiese machen und sie sich bereits mehrfach bei meinem Vermieter beschwert habe, der zum Glück ähnlich gelassen und pragmatisch ist wie ich. Kurz vor meinem Einzug hatte er noch zwei Bäume im Vorgarten fällen lassen, die Wurzeln wurden nicht entfernt, und er meinte nur: »Och, so ein bisschen verwunschen ist doch ganz hübsch, irgendwer muss ja die Steingärten der Nachbarschaft ausgleichen.« Also bin ich nur froh, dass sie ihre Beschwerden anscheinend auf uns beide aufteilt. Aber vermutlich sollte ich, einfach um meiner selbst willen, trotzdem etwas ändern.
Am Edeka-Parkplatz angekommen entdecke ich ein Auto, und noch bevor ich weiß, wessen Fahrzeug das ist, schlägt mein Herz schneller. Plötzlich kommt mir das Lied Great Expectations von The Gaslight Anthem in den Sinn.
Sebastian.
Die letzte Liebesgeschichte in meinem Leben. Wir haben uns vor einem Jahr getrennt. Es fühlt sich an, als habe er mich verlassen, dabei war ich es ja, die mehr wollte, als er zu geben bereit war. Wir hatten eine gute Zeit zusammen, es fühlte sich an, als sei er mein Retter, dabei erfüllte er lediglich die vermeintlichen Konditionen eines Beschützers: groß, muskulös, gebildet, im Leben stehend, unabhängig und das Gefühl vermittelnd, dass ihn nichts aus der Bahn werfen könne. Also der ideale Mann, um einem kleinen, schwachen Mädchen den Weg aus dem dunklen Wald namens Leben zur hellen Lichtung zu weisen.
Irgendwie hat er mich auch gerettet, aber eben nicht auf die Art, die ich mir gewünscht habe. Um in der Metapher zu bleiben: Statt mir den Weg zur hellen Lichtung zu weisen, nahm er mich jedes zweite Wochenende mit zur Lichtung, wir hatten Spaß, es war unbeschwert bis zum Montag. Dann wurde ich wieder allein im dunklen Wald zurückgelassen, war auf mich selbst gestellt und musste all die Aufgaben, die das Leben für mich bereithielt, allein bewältigen.
Bis zu dem Tag, als ich ihm sagte, dass ich gerne mit ihm zusammenziehen wollte und sich bedingt durch seine Ablehnung und Enttäuschung dieses Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefert-Seins ausbreitete und plötzlich ein nie da gewesenes Ausmaß annahm. Meine Reaktion war so unverhältnismäßig, gemessen an dem, was passiert war. Zumindest oberflächlich. Im Inneren erlebte ich die Summe jeder Erfahrung, in der ich ausgeliefert gewesen und abgelehnt worden war.
Das Trauma. Mittlerweile habe ich Worte dafür und werde nicht mehr von den Schuldgefühlen begleitet, gelähmt und erdrückt. Ich habe verstanden, dass Gefühle nur größer werden und irgendwann einen Weg nach draußen finden, je mehr wir versuchen, sie zu unterdrücken. Gefühle sind wie Nudelwasser: Macht man den Deckel drauf, um Energie zu sparen, hört man ganz plötzlich ein Zischen und der ganze Herd ist versaut. Im schlimmsten Fall verbrennt man sich auch noch am Deckel, beim Versuch, ihn abzunehmen, und gibt dann dem Nudelwasser die Schuld (okay, eigentlich nicht, aber es passt hier so gut zur Analogie). Noch immer starre ich, während all dieser Erinnerungen und Gedanken, das Auto an.
»Hey«, höre ich Sebastian sagen, da steht er vor mir. Gutaussehend wie damals.
Ich lächele. »Ich dachte, du hasst Supermärkte, in denen du dich nicht auskennst?« Ich bin froh, dass mir dieser Fakt gerade noch eingefallen ist, eine seiner Monk-Attitüden, und auch darüber, dass es sich ziemlich cool angehört hat – deutlich cooler, als ich mich gerade fühle. Ja, Deckel drauf, bloß keine Energie verschwenden und die Gefühle unterdrücken.
Er grinst, vermutlich ist er, aus welchem Grund auch immer, erfreut, mich wiederzusehen, denn eigentlich mochte er es nie, wenn ich ihn aufzog mit seiner Monk-Art. »Deswegen bin ich auch durch die halbe Stadt zum nächsten Edeka gefahren, weil meiner ’nen Wasserschaden hat und der Rewe keine Option ist.«
»Und? Kamst Du klar?« Was soll er darauf antworten? Doofe Frage. Aber wir haben uns seit der besagten Trennung nicht mehr gesehen. Er hatte mir einen Brief hinterlassen, in dem er mir erklärt hatte, dass es an ihm liege, er mich nicht verletzen wolle, aber er einfach nicht gut genug für mich sei, zusammen mit ein paar Dingen (Haarbürste, Deo und ’ner Unterhose) und meinem Auto, im Tausch für sein Fahrrad, mit dem ich damals nach Hause bin, nachdem er alles andere als euphorisch auf meine Überraschung des zum Verkauf stehenden Hauses reagiert hatte, in das ich mit ihm und Lasse zusammen hatte einziehen wollen.
»Nicht wirklich. Insbesondere die Obstwaage war mir ein Rätsel.« Er zuckt mit den Schultern.
»Welche Obstwaage?«, frage ich, bevor mir einfällt, dass in seinem Edeka noch selbst gewogen werden muss, also ergänze ich rasch: »Ah, die Obstwaage, ich verstehe!«, und lache.
Sebastian lacht nun auch und fragt dann völlig unvermittelt, wie es mir so ergangen sei. Ich gehe im Kopf das vergangene Jahr durch, denke an Jenni, das Buch und auch an das Wiedersehen mit Thomas, lächele und antworte: »Gut.«
Sebastian presst die Lippen aufeinander und kneift die Augen zusammen. »Autsch! Aber das habe ich wohl verdient.«
Ich schüttele irritiert den Kopf. »Warum autsch?«
»Na ja, man kann von der Antwort eines Menschen auf die Frage nach seiner Befindlichkeit ableiten, in welcher Beziehung man zueinander steht, je nachdem, wie ausführlich und ehrlich jemand eben antwortet.«
Diese Erklärung macht mich wütend und am liebsten würde ich ihn nun ohrfeigen, gleichzeitig will ich ihm diesen Triumph, dass er noch immer Gefühle in mir auslöst – welcher Art auch immer – nicht gönnen. Also erwidere ich: »Ja, ich weiß, aber warum autsch? Immerhin hast du doch dafür gesorgt, dass wir auf diese erste unverbindlichen Beziehungsebene zurückkehren. Ich halte mich nur an die Regeln der Höflichkeit.«
»Touché! Na dann …« Er zwinkert mir zu und steigt in sein Auto. Ich gehe ein paar Schritte und versuche, gegen den Impuls anzukämpfen, mich noch einmal umzudrehen. Mit Erfolg. Dann verschwinde ich im Edeka. Unsicher darüber, ob mir diese Begegnung oder vielmehr das Kribbeln und die Wut in meinem Bauch etwas sagen wollen, kaufe ich Crème fraîche, Milch, Kaffeebohnen, Toast, Äpfel, Käse und Butter. Die Grundnahrungsmittel, wenn Lasse in den Ferien bei seinem Papa ist.
Wieder zuhause schmeiße ich alle Zutaten in die Pfanne, räume die Spülmaschine aus und ein, sauge durch und wische über die Ablagen. Noch immer fühlt es sich komisch an, in einem Haus zu wohnen, dass zwar ähnlich heruntergekommen und groß ist wie meine Wohnung früher, aber definitiv weniger Charme versprüht. Ich denke gerne an die Zeit damals zurück, mit den Nachbarinnen aus dem Mehrfamilienhaus. Als meine beiden Nachbarfreundinnen ausgezogen waren und mit ihnen auch sämtliche Kinder, hielt mich dort jedoch nichts mehr, und mit mehr Glück als Verstand fand ich dieses Haus im Schützenhof, wo nicht nur viele Klassenkameraden von Lasse wohnen, sondern auch Linda mit ihren Jungs.
Dennoch, schön ist anders: Die dunkelbraunen Fenster, die beige-braunen Fliesen mit ihren anscheinend gewollten Flecken. Definitiv nicht mein Geschmack. Der Vorteil: Egal, wie dreckig sie sind, es fällt nicht auf. Der Nachteil: Egal, wie sauber, es fällt nicht auf. Ich lache über den Gedanken. Und so sehr ich meine Altbauwohnung mit Schiebetür, Echtholzparkett und hohen Decken vermisse – ich bereue den Umzug nicht und habe, zumindest, wenn ich bedenke, welche Mittel mir zur Verfügung standen, echt einiges rausgeholt aus diesem verwunschenen und heruntergekommenen Reihenmittelhaus, das nicht nur im Vergleich zu den gepflegten Fassaden und Vorgärten der NachbarInnen rechts und links wie ein kleines Hexenhäuschen wirkt. Es gibt da diesen kleinen quadratischen Eingangsbereich, in dem dank der vier Türen (Haustür, Abstellkammer, Gäste-WC und Glastür zur Wohnung) kein Platz für einen Schuhschrank ist. Die Jacken hängen am Türhaken und die Glastür quietscht wie in einem Horrorfilm. Die Einbauküche ist trotz mehrfacher Reinigung noch immer matt-speckig und egal, wie oft und mit welchem Schwamm oder Reinigungsmittel man über die Fronten wischt, hinterlassen sie immer einen gelben Nikotinfilm auf dem Tuch. Unten gibt es ansonsten nur noch eine Tür, im Gang zwischen Küche und eigentlichem Wohnzimmer. Sie führt zu einer Harry-Potter-Kammer unter der Treppe, die von den Vorbesitzern komplett mit Weinkorken ausgekleidet wurde – es riecht entsprechend. Das Wohnzimmer, das ich nicht als solches nutze, hat immerhin eine große Fensterfront mit Blick auf den Garten. Auch hier ist es in diesem hässlichen Beige-Braun gefliest. Es wird als Durchgangszimmer benutzt. Ein Kratzbaum steht in der einen Ecke, das Ivar-Holzregal mit verstaubten Gesellschaftsspielen in der anderen, ansonsten befindet sich dort noch eine Glückskastanie, eigentlich eine kleine Ikea-Pflanze, gewachsen zum deckenhohen Baum.
In der zweiten Etage gibt es ein dunkles Badezimmer, mit Plastikverkleidungen in Haselnussbraun an den Wänden, beige-gelblichen Fliesen und Fugen in Urinoptik. Zunächst dachte ich, dass das so garantiert nicht gewollt sein kann, und habe mich davor geekelt – aber im Gegensatz zur Küche hinterlassen diese Fugen keine gelben Spuren auf dem Reinigungstuch, weder von Urin noch von Nikotin. In der gesamten oberen Etage lag beigefarbener Teppich, auf diesen habe ich ganz selbstständig und talentfrei helles Laminat in weißer Holzoptik verlegt. Natürlich habe ich bis heute keine Fußleisten, aber Stuck. Mein Schlafzimmer ist auch hier in diesem Zuhause mein Lieblingsraum und es ist ehrlich gesagt auch mehr als ein Schlafzimmer. Eher so ein WG-Zimmer, mit einem Bücherregal, einem Kleiderschrank und Schreibtisch, alles in Weiß gehalten, einem hellgrauen Bett und einer pastellgrünen Couch, altrosafarbener Dekoration und vielen grünen Blumen, die auf dem Boden stehen, oder von der Decke herunterhängen. Hier ist mein Refugium, mein sicherer Rückzugsort, ein bisschen wie mein Kinder- und später Jugendzimmer, als ich noch bei meinen Eltern wohnte. Es ist Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer in einem. Erstaunlich, dass ich mir hier einen solchen Raum eingerichtet habe und in all den Wohnungen zuvor, nach meinem Auszug aus dem Elternhaus, nie die klassische Raumaufteilung einer Wohnung hinterfragt habe.
Lasse wollte zunächst auf den ausgebauten Dachboden ziehen, dort habe ich auf gut 40 Quadratmetern ebenfalls Laminat verlegt. Dann fühlte er sich aber ganz oben zu einsam, sodass er zusätzlich zum Dachboden noch den kleinen Extraraum in Beschlag nahm, der ist nur knapp 12 Quadratmeter groß, aber absolut ausreichend. Dort steht eine Schlafcouch, die lediglich als Couch genutzt wird, da wir mittlerweile das Familienbett leben; er schläft also bei mir. Zusätzlich gibt es dort einen kleinen Fernseher mit PlayStation, die er kürzlich zu seinem neunten Geburtstag bekommen hat und die er abends in seiner Medienzeit nutzen darf, zwei Ikea-Expedit-Regale, in denen Avengers-Deko steht, an der Wand hängen sein Spider-Man-Kostüm, eine Captain-America-Leinwand in Comicoptik sowie all die Leinwände, die ich zu seinen Geburtstagen selbst gestaltet habe, und ein Captain-America-Schild. Wir beide stehen sehr auf Marvel. Auf dem Dachboden werden all die Spielsachen, Bücher und Kuscheltiere gesammelt, die lediglich der Erinnerung an seine Kleinkindzeit dienen, jedoch nicht mehr bespielt werden, aber definitiv noch einen zu hohen emotionalen Wert besitzen, als dass ich sie verkaufen oder entsorgen könnte. Seine Worte – nicht meine. Aber da wir den Platz haben, fällt es mir leicht, seinen Wunsch zu respektieren.
Das Essen ist fertig, ich rühre noch mal alles in der Pfanne um, gebe die Crème fraîche hinzu und schmecke ab. Perfekt. Die eine Hälfte landet auf einem Teller, die andere bleibt für morgen in der Pfanne. Oder für später, mal sehen. Ich verziehe mich nach oben in »mein Zimmer«, suche nach einer Serie und esse, noch während der Auswahl, die viel zu große Portion auf. Netflix langweilt mich, oder ich langweile mich selbst, weil ich mich einfach nicht entscheiden kann. Yeah. Tolle Analogie, ich bin so wählerisch, dass ich am Ende nichts schaue.
Ob mir das auch mit den Männern so passiert ist? Die Erkenntnis ist vor allem die, dass ich mich von den für mich falschen Männern angezogen fühle und mich die richtigen langweilen und frustrieren. Eigentlich der Super-GAU. Wie will ich so jemals bei jemanden landen, der mir guttut und dem ich guttue? Und nun ärgere ich mich über diese Begegnung mit Sebastian, die mir irgendwie nicht aus dem Kopf gehen will. Er hat ja schon sehr eindeutig signalisiert, dass er eine tiefere Beziehungsebene gut fände, oder? Das Autsch kam immerhin von ihm.
Zum Glück ist Linda wieder da. Die Insel steht. Ich nutze die letzte Stunde vorab, um doch noch ein paar meiner To-dos zu erledigen, die Wäsche abzunehmen zum Beispiel, und auch das Bad könnte mal geputzt werden, immerhin hat man deutlich länger was vom sauberen Bad, wenn dort kein vorpubertierender Junge mehrmals täglich sein Unwesen treibt. Schön blöd, das nicht zum Beginn der Ferien zu tun.
Als ich fertig bin und gerade überlege, ob ich noch ein anderes To-do erfüllen könnte, schreibt Linda.
Pipi und los?
Jupp!
Ich ziehe mich an und laufe Richtung Tischtennisplatte, Lindas und meinem Treffpunkt. Von dort aus gehen wir Richtung Bornekamp mit ihren beiden Hunden und ein paar fancy Getränken. Heute habe ich zwei Glasflaschen LimettenTee mit echter Zitronenmelisse und ’nem Schuss Kirschsaft vorbereitet.
Die Hunde wedeln schon von weitem mit dem Schwanz, als sie mich sehen, und Lindas Grinsen wird mit jedem Schritt breiter. Ich weiß schon, warum ich den Umzug in dieses heruntergekommene Haus, mit dessen Instandhaltung ich überfordert bin, nicht bereue.
Linda.
Noch nie fühlte ich mich so sehr willkommen – ohne etwas dafür zu tun – wie bei ihr. Zur Begrüßung umarmen wir uns, als hätten wir uns seit ’nem halben Jahr nicht gesehen, ich quietsche sogar ein bisschen vor Freude, Linda lacht und tut es mir gleich.
Ich reiche ihr die Glasflasche. Durch den Kirschsaft sieht das Getränk weniger fancy aus als geplant. Linda kräuselt angewidert ihre Lippen und sagt dann mit einem übertrieben gezwungenen Lächeln: »Hmmm. Lecker.«
Ich muss lachen, drehe meine Flasche auf, nehme einen Schluck und verziehe mindestens genauso angewidert mein Gesicht wie sie zuvor, während ich lachend sage: »Sorry! Das schmeckt richtig garstig!«
»Och, ich hab’s ja nicht getrunken. Und weil mir klar war, dass du aufgrund deiner Sehnsucht wieder zu viel des Guten in einer Glasflasche kredenzt, hab ich vorsichtshalber zwei Dosenbier eingepackt.« Dann schaut sie mich an, als würde sie auf Applaus warten, und ergänzt: »Immerhin sind Ferien!«
»Ach, Linda, du bist die Gute!«, sage ich lachend.
Sie zieht die Augenbrauen hoch. »Wir sind die Guten!«
»Wusstest Du, dass das der Werbeslogan der AWO ist?«
Sie schaut mich mit zusammengekniffenen Augen an, dann nimmt sie mir meine Glasflasche aus der Hand, verstaut sie zusammen mit ihrer in ihren Rucksack und zaubert zwei Dosen Bier hervor. Während sie mir eine reicht, sagt sie feierlich: »Na dann, auf die AWO!«
Wir öffnen die Dosen, es schäumt, wir stoßen an. Linda schwärmt von ihrem Urlaub, dem Hundestrand, der Harmonie zwischen den Kids, dem Wetter, dem Essen, und schließt damit ab, dass sie jetzt jedes Jahr nach Kellenhusen fahren will. Ich genieße, es ihr zuzuhören, mich mit ihr zu freuen, kein Neid, keine Missgunst, ich freue mich einfach darüber, wie gut es ihr geht und wie schön dieser Urlaub war.
Mittlerweile sind wir an der Klangwiese angekommen. Wir lassen uns dort auf einer Bank nieder, während die Hunde vor uns toben.
»So! Erzähl! Wie war es bei dir? Seit wann ist Lasse weg? Ist das Buch angekommen?«
»Lasse wurde heute Morgen abgeholt, das Buch ist seit Freitag da und man kann es jetzt schon bei Amazon bestellen, das ging voll fix. Heute Mittag war ich dann bei Jenni, das war mal wieder aufwühlend, aber das wirklich Verrückte: Ich habe Sebastian getroffen!«
»Warte, was?« Linda ist ganz aus dem Häuschen, sie strahlt mich an und fragt ungläubig: »Das Buch kann ich jetzt schon bestellen? Ganz offiziell? Bei Amazon? Ernsthaft?« Dabei verschluckt sie sich fast vor Aufregung. Sofort greift sie zu ihrem Smartphone, lässt es prompt fallen und ich lache.
»Linda, hey, atme. Ja, du kannst es wirklich jetzt schon bestellen. Aber ich kann dir auch einfach gleich eines der Probeexemplare geben.«
Linda hat ihr Smartphone mittlerweile aufgehoben und schüttelt mit dem Kopf, als hätte ich etwas komplett Abwegiges angeboten. »Wenn du ein Buch schreibst, ist es das Mindeste, dass ich es selbst offiziell bestelle. Ts! Nur, weil wir die Guten sind, sind wir ja noch lange nicht bei der Wohlfahrt. Also, du ja mittlerweile schon.« Sie muss so sehr über ihren Witz lachen, schaut mich an, haut mir auf den Oberschenkel und ich kann nicht anders, als mitzulachen. »Tut mir leid, aber ich bin gerade wie betrunken vor Glück! Dein Buch ist endlich da! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich noch fix Champagner organisiert!«
Sie wendet sich wieder ihrem Smartphone zu, öffnet die Amazon-App, sucht nach meinem Buch und strahlt mich dann stolz und glücklich an, während sie mir das Display mit der Bestellbestätigung vor die Nase hält. Ich lächele und fühle mich so sehr angekommen.
»So, und was war das gerade mit Sebastian?« Sie schaut mich an, dann richtet sie den Blick nach vorn und schüttelt mit dem Kopf. »Wer ist noch mal Sebastian?« Sie wirkt, als überlege sie wirklich kurz, nippt dann an ihrem Dosenbier. »Ach, der mit der Haarbürste und dem Brief, was? Der Vollidiot, der nicht mir dir zusammenziehen wollte, der Typ, dem ich zu verdanken habe, dass du nun in meinem Block wohnst, was?« Sie strahlt.
»Ach, Linda, ich lieb dich so!« Ihre ehrliche Art ist so erfrischend, sie nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht, wenn auch mit einem Augenzwinkern, das aus, was ich fühle, mir selbst aber nicht erlaube. Oder was ich gern fühlen würde? In jedem Fall ist es nicht nur leicht mit ihr, sondern ihre Leichtigkeit und Unbeschwertheit überträgt sich auch auf meine Stimmung, wenn wir mal nicht zusammen sind.
»Gut! Für weniger gibst du dein Herz bitte nicht mehr her, hörst du?!«, sagt sie grinsend und dennoch mit Nachdruck.
»Ist das ’ne Drohung? Ernsthaft, welcher Mann könnte dir schon das Wasser reichen? Dann bleibe ich ja ewig Single.«
Linda nickt und grinst. »Gute Idee!« Dann besinnt sie sich wohl, denn nun interessieren sie doch die Details der Begegnung und sie hakt nach.
Ich berichte etwas zögerlich und betont emotionslos. »Na ja, ich wollte eigentlich nur einkaufen, hier im Edeka, und plötzlich kam er raus und dann haben wir uns unterhalten.«
»Nee, langsam und von vorne: Hast du ihn gesehen oder er dich?«
Ich muss lachen, genau dafür liebe ich Linda so sehr, unter anderem. Sie hört nicht nur genau zu, sondern sie ist auch wirklich, wirklich interessiert und durchschaut immer, wenn ich mich kurzfassen will, obwohl ich noch so viel mehr ergänzen könnte, aber Angst habe, zu viel Raum einzunehmen. Linda ist meine korrigierende Erfahrung in vielerlei Hinsicht.
»Okay, also, ich habe sein Auto entdeckt, und da kamen so viele gemischte Gefühle hoch, und plötzlich stand er vor mir, und dann hat er versucht, witzig zu sein. Als er mich gefragt hat, wie es mir so geht und ich nur knapp ›gut‹ geantwortet habe, meinte er, dass er es schade finde, dass unsere Beziehung so oberflächlich sei …«
Linda stöhnt auf, als hätte sie ernsthafte körperliche Schmerzen, ich breche ab und muss lachen. »Sorry, geht schon wieder, aber wie armselig ist das bitte? Er hat deine Nummer, wenn er ernsthaft an einer tieferen Verbindung interessiert wäre, frage ich mich, warum er a) keine initiiert hat, als er die Chance dazu hatte, und b) warum er seinen Fehler nicht korrigiert hat im letzten Jahr? Warum war er überhaupt hier, in unserem Edeka?«
»Seiner hat ’nen Wasserschaden.«
»Wohl eher Dachschaden!« Genervt schüttelt Linda ihren Kopf.
Ich atme tief ein, einerseits bestärkt es mich darin, dieser Begegnung wenig Raum zu geben, und andererseits war da offenbar noch etwas: Sebastian war und ist mir nicht egal.
Ich spreche diesen Gedanken aus, Linda legt den Kopf schief und sagt sanft: »Marina, natürlich ist er dir nicht egal, überleg mal, es gab nie einen Abschluss, und zwischenmenschlich lief es gut zwischen euch. Ihr habt euch selten gestritten, ihr hattet einfach andere Vorstellungen von der Zukunft und eurer Beziehung. Und so hart das klingt, an permanenten Streitereien kann man arbeiten, aber an unterschiedlichen Werten? Einer würde hier immer den Kürzeren ziehen. Und in eurem Fall wärst das definitiv du.«
Ich schaue zu Boden. Sie hat recht, dennoch habe ich den Impuls, Sebastian zu schreiben, ihn wiederzusehen. Ich fühle Lindas Blick auf mir und wende mich ihr zu.
Sie grinst und fragt: »Weißt du schon, was du ihm schreibst?« Ich lache und schüttele den Kopf, bevor ich die Dose leer trinke. Linda kommentiert dies mit: »Ui, das war aber definitiv ein Holzmann!«
Es gibt diverse Bezeichnungen für den letzten Schluck im Bier, zum Beispiel »Pennerschluck«, diesen Begriff habe ich erstmals in einer Kneipe gehört, jedoch statt »Pennerschluck« »Penisschluck« verstanden. Was ich wiederum deutlich lustiger fand – wenn auch ohne erkennbaren Sinn. Jedenfalls habe ich in meinem Freundeskreis, der letztendlich aus mir und Linda besteht, den Begriff des Penisschlucks etabliert. Als ich gerade meinen Roman schrieb und mir die Mikropenis-Anekdote in den Sinn kam, wurde aus einem kleinen Penisschluck ein »Basti« und ein großer Penisschluck wurde als »Holzmann« bezeichnet. Diese Bezeichnung verdanken Linda und ich Christian Holzmann, einer meiner zweieinhalb Bekanntschaften im vergangenen Jahr, aus denen allesamt nichts geworden ist. Man kann sich vielleicht denken, warum Christian sozusagen der Namenspate des großen Penisschlucks wurde.
Linda fährt fort: »Verrückt, dass ich gerade gar nichts mit Sebastian anfangen konnte, wo er uns doch so oft begleitet, als ›Basti‹.«
Nun kämpfe ich mit dem großen Schluck Bier, der im Falle einer Niederlage aus meiner Nase herauskommen würde. Als ich es endlich geschafft habe, ihn hinunterzuschlucken, kann ich nicht aufhören, laut zu lachen. Lindas Hunde fixieren mich bereits und legen ihren Kopf schief, während sie triumphierend ihre Dose hochhält, um auf sich selbst anzustoßen.
Am Abend liege ich in meinem Bett. Da ich bereits am Nachmittag nichts bei Netflix gefunden habe und mir die Nachricht an Sebastian noch ein paar Tage aufsparen will, scrolle ich auf Instagram herum. Nein, eigentlich nur auf dem Profil von Lieblingssternenstaub. Nicht, weil ich keine anderen guten Profile finde, sondern vielmehr, weil ich dort ein gesundes Maß an Frust und Futter bekomme statt motivierender Weisheiten, die meinen Raum nur kurz erhellen wie ein Streichholz und mich dann doch wieder in der Dunkelheit zurücklassen. Ein Post springt mir förmlich ins Gesicht, vielleicht wegen der Erinnerung von heute Nachmittag, als ich an meine Anzeige bei der Polizei gedacht habe.
»Meine Schwester hat mich schon wieder gefragt, ob ich am Samstag auf Charlotte aufpassen könnte! Mann! Als hätte ich nichts Besseres zu tun! Und warum? Rate mal! Um mit ihrem Mann ins Möbelhaus zu fahren! Ich könnte kotzen!«, beklagt sich Stefanie.
»Dann sag ihr doch einfach ab?!«, erwidert Sylvie. »Nee, ich hab ihr schon zugesagt«, sagt Stefanie, noch immer sehr wütend.
»Warum das denn?« Sylvie ist voll irritiert.
»Ja, was hätte ich denn sagen sollen? ›Nee, ich wollte mal mein Wochenende genießen‹?«
Sylvie zuckt mit den Schultern. »Zum Beispiel …«
»Ts!« Stefanie winkt ab. »Du kennst meine Schwester nicht. Sie würde mir direkt erzählen, wie egoistisch ich doch bin und sich dann bei Papa beschweren, der mich dann anrufen würde, um mir ins Gewissen zu reden. Das erspare ich mir lieber direkt. Ich finde es einfach dreist!«
»Ganz ehrlich, aber dann bist Du doch selbst schuld?«, sagt Sylvie unbeeindruckt von der Begründung.
»Ja, danke! Echt jetzt? Wenn ich es tue, bin ich selbst schuld und wenn ich es nicht tue, bin ich schuld daran, dass meine Familie mal wieder über mich herzieht und mir vorwirft, ich sei egoistisch!«
»Tut mir leid, Steffi, aber Du begibst Dich immer selbst in diese Opferrolle. Dann beschwer Dich doch bitte auch nicht.«
Puh. Ich bin definitiv Team Steffi. Wobei, Sylvie hat eigentlich recht. Aber was ist denn mit der Eigenverantwortung? Ich kenne Jenni mittlerweile recht gut, ihr geht es nie um Abwertung oder darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Vielmehr ist es ihr wichtig, einen guten Grund für eben das Verhalten zu finden, das nicht sonderlich konstruktiv wirkt oder ist, um es mal sanft auszudrücken. Ich bin froh, dass ich ihre Beiträge nur selten kommentiere, denn ich merke, wie hin- und hergerissen ich bin. Also lese ich direkt die Auflösung.
Steffi begibt sich nicht selbst in die Opferrolle oder Opferhaltung, sie kommt da einfach nicht raus. Und das ist ein großer Unterschied!
Offenbar erfuhr sie jahrelang Ablehnung, wenn niemand von ihr profitierte, ihr wurde vermutlich schon in jungen Jahren zu viel Verantwortung gegeben (»Die Mama ist jetzt traurig!« – »Jetzt hilf Deiner Schwester, der Papa hat den ganzen Tag gearbeitet!« – »Jetzt sei nicht so egoistisch, kleines Fräulein!«).
O Mann, das macht was mit mir. Jenni spricht genau meine Themen an. Das Gut-Sein-Müssen, die Überforderung mitsamt der Verantwortung und dem Druck. Mir schießen Tränen in die Augen und wieder einmal wird mir bewusst, wie lang dieser Weg ist. Vielleicht ist es einfach an der Zeit, nicht darauf hinzuarbeiten, endlich leben zu können, sondern endlich zu leben, auf diesem Weg und mit dieser Arbeit. Was soll schon passieren?
Wer in die Opferhaltung gedrängt wird, der ist nicht selbst schuld.
Ja, er/sie kommt da nur selbst raus, doch dafür müssen die Ängste und all die anderen Gefühle verstanden und akzeptiert werden. Verständnis, Mitgefühl und Akzeptanz sind dann wichtig statt noch mehr Schuld, Verantwortung, Scham und Ablehnung.
Das auszuhalten, ist nicht immer leicht: Sylvie (vorheriger Post) sieht das Problem zwar, aber gibt Steffi selbst die Schuld, statt für sie da zu sein.
Falls es Dir schwerfällt, auszuhalten, ist das voll okay! Dann sag das lieber ganz klar, anstatt selbst auf Distanz zu gehen und »abzulehnen«.
Falls Du aushalten möchtest, aber immer wieder den Impuls hast, Gefühle abzuschwächen oder abzusprechen (»So schlimm ist das doch nicht!«), dann versuche mal, davon auszugehen, dass es die Wahrheit ist.
Und wenn dann jemand sagt: »Ich fühle mich ausgeliefert!« – dann hast Du eine Ahnung davon, wie schlecht es ihm/ihr wirklich geht.
Während ich Jennis Post lese, überkommt mich mal wieder ein Gefühl von Dankbarkeit. Denn mich begleitet nicht nur Jenni, auch Linda ist da. Obwohl unsere Freundschaft erst so spät begonnen hat, habe ich mich selten so sicher gefühlt wie bei ihr, und andersherum ist es genauso. Wir teilen alles, Freud und Leid, schambehaftete Gedanken und irrwitzige Ideen – ohne einander jemals abzuwerten oder infrage zu stellen. Wir begegnen uns immer auf Augenhöhe, immer ehrlich und dabei immer respektvoll, neugierig und wertschätzend.
Und während mir das bewusst wird, erkenne ich auch diesen Wandel im Außen. Früher waren es immer Männer, die mich umgaben. Da gab es Thomas als besten Freund, in der Regel auch immer einen Mann, mit dem ich gerade anbändelte, mich in einer Beziehung befand oder dem ich hinterhertrauerte. Sämtliche Ärzte waren männlich – bewusst ausgewählt. Mittlerweile ist das anders. Meine beste Freundin ist weiblich, meine Beraterin ebenfalls und ich bin sogar zu der Zahnärztin in meiner Zahnarztpraxis gewechselt. Das ergab sich zwar eher durch eine Urlaubsvertretung, aber mittlerweile bin ich ganz bewusst bei ihr in Behandlung.
»Vielleicht habe ich mich durch die Aufarbeitung meines Missbrauchs endlich auch von der zwanghaften Anziehungskraft der maskulinen Energie befreit?«, denke ich und muss schmunzeln. Eigentlich ist mir der Begriff »Energie« zu esoterisch. Ich scrolle noch fix durch die einzelnen Seiten des Karussell-Posts.
Wenn Du Opfer bist, dann liegt die Schuldfrage nahe, ebenso die Frage nach der Selbstschuld.
Es geht nicht um Schuld, sondern um Verständnis und Akzeptanz. Akzeptanz bedeutet nicht, dass Du es gut finden musst oder dass es so bleibt, wenn Du es akzeptierst.
Im Gegenteil: Akzeptanz bedeutet, dass Du es annimmst, obwohl es wehtut, und dass Du es loslassen kannst, wenn Du es akzeptiert hast.
Ich habe keine Wahl: In beiden Fällen fühlt es sich so an, als hättest Du keine Wahl. Du bist ausgeliefert, Dir selbst oder/und Anderen.
Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder fügst Du Dich und überschreitest Deine Grenze, fühlst Dich unwohl, schämst Dich. Oder Du fügst Dich nicht und die Konsequenz ist Ablehnung, Abwertung und Schuld, die Dir Andere geben, und Du schämst Dich.
Verstehen und Akzeptieren: Wenn Du diesen Mechanismus verstehst, das Gefühl zulässt, dass Du Opfer bist und warst, fühlt sich das bedrohlich an, traurig, schambehaftet, Du hast Angst, siehst keinen Ausweg. Es ist ungerecht und schwer auszuhalten. »Ich konnte nichts dafür, ich war Opfer, weil ich abhängig/ausgeliefert war.«
Ja, ich war und bin Opfer. Was mir widerfahren ist, war falsch! Ich darf enttäuscht sein, ich darf auch schwach sein. Das mindert nicht meinen Wert.
Bei Steffi heißt das: Ich bin Opfer meiner Familie. Ich bin abhängig und fühle mich verantwortlich, daher lasse ich mich ausnutzen.
Ich darf Grenzen setzen, Bedürfnisse haben, sein, um Hilfe bitten, selbst auf mich aufpassen. Und ich darf mich von Menschen abwenden, die mir genau das verbieten wollen. Ich bin verantwortungsbewusst und trage vor allem die Verantwortung für mich selbst. Ich bin gar nicht mehr so abhängig und auch nicht verantwortlich für das Wohlergehen derer, die sich nicht verantwortlich für mich fühlen.
Ich lese diese letzten Worte zweimal, einmal leise und einmal laut für mich selbst. Obwohl ich kein Fan von diesem »Umprogrammieren« bin, oder gar »Transformieren«, tut es ab und an gut, selbst ein bisschen liebevoll mit mir zu reden. Mit diesem Gedanken schlafe ich ein.
»Die Angst vor einem Gesichtsverlust ist größer als die Angst, jemanden zu verletzen.«
Lieblingssternenstaub
Es ist fünf Uhr und ich freue mich über den Sonnenaufgang, der mich weckt. Ich gehe barfuß und leicht tänzelnd zur Kaffeemaschine.
Vor der Tür miaut unsere neue Mitbewohnerin Alice. Lasse wollte einen Hund, ich wollte ein kleines Zicklein, und so haben wir uns auf eine Katze geeinigt. Sie war knapp ein Jahr alt, als sie zu uns kam, ängstlich und gleichzeitig sehr distanzlos und kuschelbedürftig. Nachts bringe ich sie raus und tagsüber schläft sie entweder im Bett oder, je nach Gelegenheit, auf einem von uns. Ich lasse sie rein und irgendwie ist sie erbost darüber, dass ich so »lange« geschlafen habe. Sie läuft zielstrebig zu ihrem Futterturm und beschwert sich lautstark darüber, dass sie sich die Pfoten schmutzig machen muss, um das Futter aus der zweiten Ebene auf die untere zu schieben.
Während der Caffè Crema durchläuft, tue ich ihr den Gefallen und schiebe ihr Futter direkt auf die untere Ebene vor ihre Nase. Das Miauen wird durch ein Knuspern ersetzt. Der Kaffee ist fertig und ich lege mich wieder ins Bett. Prompt kommt Alice angelaufen und lässt sich auf meiner Brust nieder. So ein verrücktes Tier. Ich kraule sie am Bauch. Dann richte ich mich etwas auf, sie macht es sich in meinem Schoß bequem. Ich greife zur Kaffeetasse und zum Smartphone, sehe eine Nachricht von Sebastian auf dem Display und mir ist direkt mulmig zumute. Sämtliche Alarmglocken schrillen, ich habe Angst, Angst vor mir selbst. Angst davor, was seine Nachricht in mir auslösen könnte, Angst davor, erneut verletzt zu werden. Angst, mich wieder zu verlieren, weil ich nicht weiß, wie gefestigt ich bin.
Mein Edeka hat gar keinen Wasserschaden, ich wollte dich sehen. Aber ich wusste nicht, ob du mich auch sehen willst.
