Wenn das Leben wie Schokolade schmeckt - Jane Elson - E-Book

Wenn das Leben wie Schokolade schmeckt E-Book

Jane Elson

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9,49 €

Beschreibung

Ein wunderbares Buch, das zu Herzen geht und
fröhlich macht


Die neunjährige Grace lebt mit ihrer lebenslustigen Mutter im Norden von London und die beiden verstehen sich wunderbar. Als bei der Mutter Krebs festgestellt wird und sie zur Behandlung ins Krankenhaus muss, wird Grace zu ihrem brummigen Großvater aufs Land geschickt. Bei dem alten Mann, den sie gar nicht kennt, und auch in der neuen Schule fühlt sie sich gar nicht wohl. Und das Heimweh nach ihrer Mutter nimmt ihr fast den Atem. Doch im Haus mit der blauen Tür wohnt Megan, ein Mädchen, das ein zahmes Ferkel besitzt, das die tollsten Ideen hat und mit Grace durch dick und dünn geht.

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Seitenzahl: 210

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Aus dem Englischen

von Bettina Obrecht

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. 1. Auflage 2014

© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe:

cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Die englische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

„A Room Full of Chocolate“ bei Hodder Children’s Books –

a division of Hachette Children’s Books

338 Euston Road, London NW1 3 BH

Text Copyright © 2014 Jane Elson

Übersetzung: Bettina Obrecht

Umschlag: Init GmbH unter Verwendung von Bildmaterial

der Agentur Shutterstock (Richard Bowden, Anastasiia Kucherenko,

greenga, Irish_design (3x), dip)

Lektorat: Hjördis Fremgen

hf · Herstellung: AJ

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-14204-9V002

www.cbj-verlag.de

Für meine tapfere Mutter

Jenny Elson

&

für diese mutigen Frauen

Rachel Wedderburn ≈ Mary Thomas

Kathleen Cant ≈ Bridget Espinosa

Jenni Evans ≈ Ann Neaum

Emma Harding ≈ Carey Hemsley

&

Für alle Graces und Chloes dieser Welt

1

An meinem zehnten Geburtstag entdeckte Mum einen Knoten unter ihrem Arm.

Ich notierte das in meinem Blauen Spezialbuch, das ich normalerweise für Geschichten und Theaterstücke benutze.

Dad hatte sie angeschrien und war dann aus dem Haus gerannt. Danach hörte ich, wie sie unter der Dusche weinte. Ich trommelte gegen die Tür.

„Mum, ich bin’s, Grace. Ich muss ganz dringend Pipi – wirklich allerhöchste-Eisenbahn-dringend.“

Mum machte mir die Tür auf, sie war über und über mit weißem Schaum bedeckt. Aber als ich zur Toilette rannte, hörte ich, wie sie entsetzt nach Luft schnappte. Es war nur ein leises Geräusch, aber ich hörte es.

„Was ist los, Mum?“

Ich spülte und schob den Duschvorhang zur Seite, um ihre Seife zu stibitzen und mir damit die Hände zu waschen.

„Nichts“, sagte sie kurz angebunden. „Ich bin nur ausgerutscht.“

Ich drehte den Wasserhahn an und ließ die Seife zwischen meinen nassen Fingern hin und her gleiten. Dann rieb ich ein Sichtfenster in die beschlagene Spiegelscheibe und betrachtete mein struppiges braunes Haar. Ich kann es nicht ausstehen. Meine Haare sind für mich das Allerschlimmste auf der Welt. Meine Augen sind auch braun, so wie die von meinem Hab-jetzt-keine-Zeit-für-dich-Papa. Mum, die übrigens Chloe heißt, hat leuchtende blaue Augen. Ich habe Mum mehr lieb als alles andere auf der Welt. Sie hat wunderschöne lockige braune Haare. Ich wünsche mir so sehr, dass ich Haare wie Mum hätte.

„Darf ich deine Haare bürsten und trocken fönen? Biiiiiiitte, Mum!“, bettelte ich und warf einen Blick hinter den Duschvorhang.

„Nicht heute, geh schon mal runter. Wir trinken gleich Kaffee. Wir zünden die Kerzen an und essen ein Stück von deinem Geburtstagskuchen.“

„Meinst du, Papa ist schon wieder da, wenn ich die Kerzen auspuste?“

„Nein, meine kleine Grace, ich glaube nicht, dass das klappt. So, und jetzt musst du dir etwas zum Geburtstag wünschen“, erklärte sie und setzte mir eine Schaumflocke auf die Nase.

Aber ich ging nicht nach unten. Ich lauschte an ihrer Schlafzimmertür, als sie den Arzt anrief. Ich hörte die Worte „Knoten“ … „Arm“ … „gleich morgen“ durch den Türspalt.

Auf den Zehenspitzen schlich ich nach unten und googelte auf dem Computer nach „Knoten“. Was ich herausfand, notierte ich in meinem Blauen Spezialbuch.

Knoten (Subst.): fest verschlungener Teil von Fäden, Seilen, Bändern und Ähnlichem

Knoten (Subst.): Geschwindigkeitsmaß in der See- und Luftfahrt.

Knoten (Subst.): Eine Schwellung unter der Haut, verursacht durch eine Verletzung oder eine Krankheit.

Mum hatte sich bestimmt beim Tanzen wehgetan. Sie tanzte doch ständig, meine Mutter. Sie tanzte zu jeder Musik, sogar zur Werbung und zu den Erkennungsmelodien von Fernsehserien. Sie hatte sich wahrscheinlich an einem Möbelstück gestoßen, als sie wild mit den Armen wedelte. Das sagte ich mir immer und immer wieder.

Mein Blick fiel wieder auf den Computerbildschirm. Da waren alle möglichen Gründe zu lesen, aus denen so ein Knoten entstehen konnte – dass es nur eine Zyste sein konnte oder etwas, das man Abszess nannte. Als ich weiterlas, sprangen mich furchterregende Wörter an, deswegen kniff ich die Augen zu. Nun konnte ich sie nicht mehr lesen. Dann hörte ich Mums Schritte auf der Treppe. Schnell schaltete ich den Computer aus.

Als ich die Augen schloss und meine Kerzen auspustete, wünschte ich mir von ganzem Herzen, dass dieser Knoten wieder verschwinden würde. Danach konnte ich nichts mehr von meinem Geburtstagskuchen essen. Der rosarote Zuckerguss blieb mir im Hals stecken.

In mein Blaues Spezialbuch schrieb ich:

Ich, Grace Wilson, wohnhaft Manderly Road 22, Stadtteil Southgate, Nord London, spüre genau, dass sich mein Leben jetzt, wo ich mein Alter mit zwei Zahlen schreiben muss, für immer verändert hat.

Und so war es. Am nächsten Tag ging Mum zum Arzt. Dort bekam sie einen Einweisungsschein für das Krankenhaus für zwei Wochen später. Als sie vom Arzt zurückgekommen war, hatte sie so ein breites Lächeln im Gesicht gehabt, so eines, das nicht bis zu den Augen reicht. Sie kochte mir mein Lieblingsessen: Schweinekoteletts, Apfelsauce und Kartoffelbrei. Aber ich hatte keinen Hunger.

Die Streitereien meiner Eltern hinter geschlossenen Türen wurden danach richtig laut. Und dann kamen die Träume. Einen schrieb ich gleich nach dem Aufwachen in mein Blaues Spezialbuch, um ihn nicht zu vergessen.

Wir sahen im Fernsehen eine Serie und Mum verwandelte sich dabei in einen riesigen Fleischknoten. Ihr Gesicht verschwand komplett. Ich versuchte, meinen Vater im Büro anzurufen, aber die Sekretärin am anderen Ende der Leitung sagte immer wieder: Mr Wilson ist beschäftigt. Und dabei lachte sie.

Kurze Zeit später zog mein Vater aus. Er verstaute seine Kleider und seinen Zorn in mehreren Koffern. Dann packte er mich und drückte mich an sich. Er drückte mich zu heftig, und einer seiner Hemdknöpfe blieb in meinem Nasenloch stecken, sodass ich kaum noch Luft bekam. Ich dachte: Lass mich einfach los. Und das tat er dann. Mein Vater drehte sich um und ging den Gartenweg hinunter. Er sah sich kein einziges Mal um.

Ich dachte, Mum würde weinen, aber sie drehte die Musik im Radio richtig laut auf, und wir tanzten durch das Haus, durch jedes Zimmer. Erst als unsere Beine müde waren, ließen wir uns aufs Sofa fallen. Wir verschlangen fast eine komplette Schachtel Pralinen. Nur die mit Erdbeer-Sahne-Füllung hoben wir bis ganz zum Schluss auf. Und das war der Moment, in dem Mum mir sagte, was ich schon wusste. Ich setzte mein spezielles „Keine-Ahnung-wovon-du-redest“-Gesicht auf.

„Grace, ich muss dir etwas sehr Wichtiges sagen“, fing sie an. „Ich habe da einen Knoten. Nur einen kleinen Knoten.“

Sie zeigte auf eine Stelle unter ihrem Arm.

Ich sagte ihr nicht, dass ich gehört hatte, wie sie sich in den Schlaf weinte; dass ich an der Tür gelauscht hatte, auch ihre Telefongespräche mitgehört hatte, die sie führte, wenn sie dachte, ich würde schon schlafen. Ich hatte versucht, die Worte, die durch den Türspalt drangen, zu einem Bild zusammenzufügen: Land … Klinik … Ruhe … Angst. Ich erzählte ihr nichts von meinen Träumen.

„Grace, ich muss ins Krankenhaus, um operiert zu werden. Der Knoten muss rausgeschnitten werden“, fuhr sie fort.

„Ist schon okay, Mum“, sagte ich. „Ich kümmere mich um dich.“ Und dann sprach ich unsere Geheimformel aus: „Ich drück dich, Mum.“

„Ich drück dich fester“, antwortete sie. „Es ist nur so, Grace, wenn die den Knoten rausgeschnitten haben, muss ich meinen Arm vollkommen schonen. Ich darf eine Weile nichts heben. Ich werde nicht staubsaugen können oder Wäsche aufhängen. Und ich kann dich nicht zum Stepptanzen fahren oder zum Klarinettenunterricht oder zu deinen Freunden. Eigentlich darf ich gar nichts machen. Ganz schön langweilig, oder?“

Sie lachte, aber ihre Augen lachten nicht mit.

„Ist schon in Ordnung, Mum. Das blöde Stepptanzen ist doch gar nicht wichtig und der doofe Klarinettenunterricht auch nicht“, sagte ich. „Ich kann ja dann staubsaugen und Wäsche waschen.“

„Nein, Grace. Ich kann mich überhaupt nicht um dich kümmern.“

„Ich werde kochen. Ich werde Staub wischen. Ich werde dir die Haare bürsten!“

Und dann rannte ich die Treppe hoch, nahm zwei Stufen auf einmal, holte Mums Haarbürste und rutschte auf dem Hosenboden wieder nach unten. Ich fing an, Mums Locken zu bürsten, aber sie hielt meine Handgelenke fest und zog mich näher zu sich, bis ich direkt vor ihr stand.

„Nein, Grace. Hör auf! Du wirst eine Weile bei deinem Opa Bradley wohnen, auf seiner Farm in Yorkshire.“ Ihre Hände zitterten.

Zum ersten Mal seit ich als winziges Baby das Sprechen gelernt hatte, brachte ich kein Wort heraus. Mum hatte seit elf Jahren nicht mit Opa Bradley gesprochen – also schon ein Jahr länger, als ich auf der Welt war. Ich kannte meinen Opa überhaupt nicht.

Ich stand nur da und starrte sie an. Ein Wirbelsturm tobte durch meinen Kopf. Dann hörte ich mich selbst jammern wie ein Baby:

„Nein, Mum, bitte schick mich nicht weg. Du kannst mich doch nicht zu ihm schicken. Du hast gesagt, er sei ein unglücklicher Mann, seit Oma Bradley mit diesem Mann durchgebrannt ist, damals, als du acht Jahre alt warst. Du hast gesagt, Opa Bradley ist ein alter Griesgram. Bitte lass mich hier bleiben, ich kümmere mich um dich!“

„Manchmal“, sagte Mum, „benehmen sich Menschen plötzlich ganz anders als erwartet.“

„Dad nicht“, sagte ich.

„Nein, Papa nicht. Er hält Krankenhäuser nicht aus“, sagte sie, verdrehte die Augen und lachte so merkwürdig. Es klang mehr wie ein Esel mit Bauchschmerzen. „Morgen holt dich Dad von der Schule ab und fährt dich hoch nach Yorkshire.“

Jetzt liefen mir Tränen über die Wangen, weichten die letzten Pralinen auf.

„Bitte, Mum. Ich räume alles auf, was in meinem Zimmer herumliegt. Ich schrubbe die Böden. Ich mache alles.“

„Nein, Grace“, sagte sie. „Du fährst morgen zu Opa Bradley. Ich drück dich.“ Ihre Stimme versagte, und dann sagte sie noch einmal: „Ich drück dich?“

Aber das „Ich drück dich fester“ blieb mir im Hals stecken. Mum griff unter das Sofa und zog eine Schachtel hervor.

„Ich weiß, ich habe gesagt, du kriegst erst ein Telefon, wenn du elf bist, aber das sind jetzt ja besondere Umstände.“

Sie ermunterte mich mit einem Nicken, die Schachtel zu öffnen.

Mein neues Telefon war lila und glänzte, und es war eindeutig eins von den allerbesten Dingen, die ich je bekommen hatte, aber auch das „Danke!“ blieb irgendwo im Hals stecken.

Jemand klopfte an die Tür. Es war unsere Nachbarin, Mrs Johnson, deren Söhne schon groß und längst ausgezogen sind. Die liebe, nette Mrs Johnson, die es mir erlaubte, Stunden und Stunden im Baumhaus zu verbringen, weil ihre Söhne zu alt sind, um darin zu spielen. Da oben schrieb ich dann immer in mein Blaues Spezialbuch.

Sie tauchte jedenfalls im Flur auf, mit einem lila Koffer und einem lila Rucksack und einer glitzernden lila Geldbörse.

„Für dich, Grace“, sagte sie. „Für dein spannendes Abenteuer.“

Es waren die besten Taschen aller Zeiten, aber ich brachte kein „Dankeschön“ heraus. Stattdessen schrie ich: „Ich kann selbst auf mich aufpassen!“

Ich rannte die Treppen hoch in mein Zimmer und schlug die Tür so fest zu, dass das ganze Haus wackelte. Ich kickte alle meine Kleider, die auf dem Boden herumlagen, aus dem Weg und riss mein Fenster auf. Ich lehnte mich hinaus und sah zu Mrs Johnsons Baumhaus hinüber. In diesem Moment huschte ein magerer Fuchs über unseren Rasen und presste seine Nase zwischen die lockeren Bretter am Zaun, an der Stelle, an der auch mein supergeheimer Durchgang war, und quetschte sich hindurch. Er verschwand in Mrs Johnsons Rosenbeet. Ich legte mein Blaues Spezialbuch auf das Fensterbrett, meinen Lieblingsplatz, und schrieb:

Ich bin kein Baby. Ich bin zehn Jahre und fünf Wochen und einen Tag alt. Warum darf ich mich nicht einfach um Mum kümmern? Wie kann sie mich wegschicken, zu einem alten Griesgram? ICH HASSE SIE. Am liebsten würde ich ganz alleine leben, in meinem Baumhaus.

Ich beschloss, nie mehr aus meinem Zimmer herauszukommen. Nie, nie mehr. Aber dann bekam ich Hunger. Also schlich ich mich die Treppe hinunter, um mir einen Schokokeks und ein Glas Orangenlimo zu holen. Durch den Türspalt warf ich einen Blick ins Wohnzimmer. Mrs Johnson saß auf dem Sofa und wiegte Mum in ihren Armen hin und her wie ein Baby.

2

Hier darfst du in mein Blaues Spezialbuch linsen und ein ganz geheimes Kapitel lesen

Während ich mit Dad im Happy Diner – die ultimative Snackerfahrung an der Autobahn – sitze und meine schlappen Pommes in Ketchup tunke, beachte ich ihn gar nicht. Wir haben hier angehalten, nachdem wir schon eine Ewigkeit unterwegs waren. Papa hat mich mitten aus dem Geschichtsunterricht abgeholt (es ging gerade darum, wie Heinrich der Achte jede Menge Leute geköpft hat). Ist doch unglaublich, dass Mum mich an diesem Morgen überhaupt zur Schule geschickt hat.

Sie sagte, sie müsse um 9 Uhr im Krankenhaus sein und Dad könnte mich erst um 12.15 Uhr abholen. Er habe eine wichtige Besprechung … Und es sei am besten, wir würden so tun, als wäre das ein ganz normaler Tag, und ich würde normal zur Schule gehen.

WIE, BITTE SCHÖN, KANN DAS EIN GANZ NORMALER TAG SEIN, WENN SIE MICH HEUTE ZU EINEM ALTEN GRIESGRAM SCHICKT, BEI DEM ICH WOHNEN SOLL?

Immerhin verpasse ich den Matheunterricht, das einzig Gute an dieser ganzen Tragödie. Meine Mitschüler müssen sich mit dämlichen Rechnungen quälen, während ich hier im Happy Diner herumsitze und Pommes in Ketchup tunke. Haha.

Eben habe ich mir mit Papa richtig Mühe gegeben. Ich habe mir sogar die Kopfhörer meines lila iPods aus den Ohren genommen – den hat er mir geschenkt, als er mich abgeholt hat – und ganz höflich gefragt: „Du, Dad, wann kannst du mich besuchen, bitte?“

Aber noch bevor er antworten konnte, klingelte sein Handy. Da habe ich meine Kopfhörer wieder in die Ohren geschoben. Ich werde mir die Mühe sparen, noch mal mit ihm zu reden.

Mein neuer lila Koffer liegt im Kofferraum von Dads Auto. Ich bin fast die ganze Nacht aufgeblieben und habe alles, was in meinem Zimmer auf dem Boden herumlag, in meinen Koffer gestopft. Ich dachte, ich tue Mum einen Gefallen, wenn ich beim Packen gleichzeitig mein Zimmer aufräume.

Und das sind die Sachen, die ich heute Morgen wieder aus dem Koffer nehmen musste, weil Mum sonst den Deckel nicht zugekriegt hätte: Stepptanzschuhe,

Notenständer, Klarinette, Nachttischlampe mit lila Glitzerschirm.

Dann haben wir uns aufs Bett gesetzt und ich durfte ein letztes Mal ihre lockigen Haare bürsten. Wir gingen Hand in Hand die Treppe runter und dann hängte mir Mum meinen lila Rucksack über die Schultern und öffnete die Haustür. Ich kann immer noch Mums Umarmung spüren. Sie drückte mich fester, fester und immer fester, als würden wir für alle Zeiten aneinanderkleben. Als ich dann den Gartenweg entlangging, wusste ich genau, dass sie sich Mühe gab, nicht zu weinen, dass sie winkte, darauf wartete, dass ich mich noch einmal umdrehte. Aber das tat ich nicht. Ich hatte Angst, dass ich sonst zu ihr zurücklaufen, mich an ihr festklammern und sie niemals wieder loslassen würde. Deswegen ging ich einfach weiter.

Ich rannte los, weil ich Jessica und Kayla einholen wollte, die auf dem Schulweg vor mir herumtrödelten, die Köpfe zusammensteckten und eine Übernachtungsparty ohne mich planten. Jessica war früher mal meine beste Freundin, bis Kayla in unsere Klasse kam. Aber das ist jetzt ja auch egal.

Papa hat immer noch das Telefon am Ohr, aber er signalisiert mir, dass ich ins Auto steigen soll. ICH TUE SO, ALS WÜRDE ICH IHN NICHT SEHEN.

Aua! Ich kam zu mir, weil mein Kopf gegen die Autoscheibe schlug. Papas Auto holperte über einen ungeteerten Feldweg. Hinter dem letzten Schlagloch wartete mein Opa Bradley. Ich stolperte aus dem Auto und drückte meinen lila Rucksack fest an mich, fester als eine Wärmflasche. Opa Bradley war hochgewachsen, hatte eine große Nase und einen verkniffenen Mund. Auf seinen unglaublich breiten Schultern schienen Kummer und Sorgen der ganzen Welt zu lasten.

Ich stellte fest, dass Grandad dieselben Augen hatte wie meine Mutter, nur dass seine nicht funkelten. Kleine Büschel grauer Haare wuchsen ihm auf dem Kopf und hinter den Ohren.

Grandad starrte mich an. Ich starrte zurück und gewann – er wandte seinen Blick zuerst ab.

Dad und Opa schüttelten sich die Hände wie zwei Fremde, die einander nicht leiden können.

Dad fing an: „Ich sollte wohl lieber …“, aber dann verstummte er.

Er bohrte seine Schuhspitze in den Staub und vergrub die Hände in den Hosentaschen, wie ein kleiner Junge, nicht wie mein Vater.

„Natürlich, mach das. Fahr nur los. Du willst doch sicher nicht in den Feierabendverkehr geraten, oder?“, fauchte Grandad Bradley. Dann wandte er sich zu mir um und sagte halblaut: „Ich nehme dir deine Pflichten ab, mach dir keine Sorgen. Bei mir ist Grace gut aufgehoben.“

„Mach’s gut, Grace“, sagte Dad. „Ich muss wieder los, habe eine Besprechung.“

Mein Vater drückte mir eine Zehnpfundnote in die Hand. Und dann setzte er sich einfach wieder ins Auto und fuhr weg. Jetzt wünsche ich mir so sehr, ich hätte mehr mit ihm geredet. Er sah sich nicht um. Kein einziges Mal.

Ich wandte mich um und versuchte, meinen Großvater anzulächeln, aber meine Mundwinkel zuckten nur.

Opa sah auf mich herunter und versuchte ebenfalls, zu lächeln, aber offenbar war das zu anstrengend für seine Lippen. Es war, als würde die Welt stillstehen.

Aber während wir darauf warteten, dass uns die richtigen Worte einfielen, füllte sich mein leerer Kopf plötzlich mit lautem Gequieke: Ein pummeliges rosafarbenes Schweinchen raste mir über die Füße.

Bamm! Die unansehnliche Eingangstür des kleinen Hauses auf der anderen Hofseite flog auf. Sie krachte gegen die Mauer und abgeblätterte blaue Farbe schwebte im Wind davon wie Schmetterlinge. Aus dieser Tür stürzte ein Mädchen mit wilden schwarzen Locken und dreckverschmiertem Gesicht. Sie trug einen ziemlich zerlumpten Rock in Orange, Gelb und Grün, ein Oberteil in Hell- und Dunkelblau, einen roten Mantel und rote Gummistiefel. Das Regenbogenmädchen rannte über den Hof und schrie: „Claude, komm sofort her!“

Als sie an mir vorbeirannte, drückte sie mir einen winzigen Zettel in die Hand. Ich drückte ihn fest in meiner Faust zusammen und ließ ihn in meine Hosentasche gleiten.

Opa hob das Ferkel mühelos auf seinen Arm und beruhigte es mit sanften Worten, bis das Quieken verstummte. Es war offensichtlich, dass Claude, das Schwein, Grandad Bradley liebte. Es war offensichtlich, dass dies für das Regenbogenmädchen nicht galt. Sie wirkte sehr nervös und hüpfte von einem Fuß auf den anderen.

„Vielen, vielen Dank, Mr Bradley, Sir, dass Sie Claude eingefangen haben. Kann ich mein Schwein jetzt bitte wiederhaben?“

Opa Bradley beachtete sie gar nicht. Er drückte Claude an seine Brust, bis das Schweinchen sich vollkommen beruhigt hatte. Dann sah er auf und sagte.

„Ich habe dir schon oft gesagt, du sollst nicht mit solch einem Geschrei über den Hof rennen.“

Er überreichte dem Regenbogenmädchen sein kleines Schwein, aber als sie danach griff und sich abwandte, zwinkerte sie mir noch schnell zu.

„Tut mir leid, Mr Bradley, es kommt nicht wieder vor.“

Dann ging sie zurück in Richtung der Tür, die irgendwann einmal blau gewesen war.

„Komm mit“, brummte Opa. „Ich habe dich im ehemaligen Zimmer deiner Mutter untergebracht.“

Er hob meinen Koffer hoch, als würde der nicht mehr wiegen als mein iPod, und marschierte los. Ich stolperte über die Dreckklumpen und versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Ich hörte das Brüllen von Kühen aus einem großen, langen Gebäude – es klang, als seien es Hunderte – und dazu das saugende und pumpende Geräusch irgendeiner Maschine. Ein Hahn stolzierte an mir vorbei, pickte nach den gesprenkelten Hennen, die im Lehm vor meinen Füßen herumspazierten und scharrten.

Als wir das große alte Steinhaus erreichten, öffnete Opa die Hintertür. Ein durchgedrehtes goldfarbenes Fellbündel flog mir so stürmisch entgegen, dass ich auf mein Hinterteil fiel. Es fing an, mein Gesicht abzulecken.

„Lass das, Lara, du verrückte Nudel!“, mahnte Opa den Golden Retriever.

Ich krabbelte auf die Füße und rang nach Luft. Eine Träne lief mir die Wange herunter und übers Kinn. Das war sehr ärgerlich, denn ich schwöre, ich habe nicht geweint.

„Du wirst dich ganz schnell an ihre Faxen gewöhnen“, lachte Opa. „Bist zwar ein Stadtkind, aber du lernst es schon.“

„In London gibt es übrigens auch Hunde“, antwortete ich wütend, schnappte mir meinen Rucksack und folgte Opa über die Treppe zwei Stockwerke nach oben und durch einen langen Flur.

Er öffnete eine Tür und vor mir lag das Zimmer meiner Mutter. Eine langhaarige Tigerkatze lag auf einer Steppdecke, die als Bettüberwurf diente. Sie streckte sich und gähnte, als wir eintraten.

„Das ist Martha“, stellte Opa vor und stellte meinen Koffer auf den Boden. „Ihre Großmutter, Penny, hat deiner Mutter gehört, aber Penny lebt schon lang nicht mehr.“

Er stand mitten im Zimmer, hatte die Hände tief in die Taschen vergraben und sah sich um.

Ich ließ meinen Koffer aufschnappen und kippte meine Kleider einfach auf den Boden.

„Na gut, dann gehe ich mal, damit du dich einrichten kannst.“

Und Opa verschwand ganz schnell aus dem Raum, als könne er nicht erwarten von mir wegzukommen.

Ich setzte mich auf die Bettkante und zog den winzigen Zettel, den mir das Regenbogenmädchen in die Hand gedrückt hatte, aus der Hosentasche. Ich hatte noch nicht einmal einen Blick darauf geworfen, als die Tür sich knarrend öffnete. Ich zuckte zusammen, aber es war nur eine Hundenase, die sich durch den Türspalt geschoben hatte. Ich atmete erleichtert auf, als Lara, die Retrieverhündin, durch das Zimmer tappte und ihre Schnauze auf meinen Schoß legte. Ich glättete das Papier. Jemand hatte eine Telefonnummer darauf gekritzelt. Darunter stand:

07700 902486

Ich habe auf dich gewartet. Da wir jetzt Freundinnen werden, brauchst du doch meine Nummer. Megan und Claude, Gruß und Grunz. Schreib mir.

Ich spürte, wie ein winziger Sonnenstrahl den grauen, einsamen Nebel um mich herum durchdrang. Eine neue Freundin – das wäre für mich wertvoller als alle funkelnden Schätze dieser Welt. Sorgfältig strich ich den Zettel noch einmal glatt und versteckte ihn zwischen den Seiten meines Blauen Spezialbuchs.

Ich sah mich im Zimmer um. An der Wand über dem Bett hingen Fotos von Musikgruppen, die ich nicht kannte. In einem Mobile aus Glasschmetterlingen fing sich das Sonnenlicht. Es jagte Regenbogenlichter, bunt wie das Regenbogenmädchen, durch den Raum. Stapel von alten Jugendzeitschriften lagen unterm Bett, staubig und zerknittert, auf den Titelseiten Mädchen in altmodischen Kleidern.

Als ich die Tür des alten Eichenschranks öffnete, sprang Martha vom Bett und strich mir um die Beine. Lara schnupperte an ein paar alten Kleidern meiner Mutter, die noch im Schrank hingen.

Ich nahm ein rosa Seidenkleid mit Kringelmuster heraus, vergrub mein Gesicht darin und atmete ihren Geruch ein. Ich zog es über mein T-Shirt und die Jeans an, aber meine flache Brust füllte es nicht aus. Ich zog es aus, warf es aufs Bett und suchte mir stattdessen ein gelbes Kleid aus. Es passte einwandfrei. Im Spiegel über der Eichenkommode betrachtete ich mich in dem gelben Kleid. Meine kurzen, strubbeligen Haare standen ab wie die Haare eines Zirkusclowns. Ich griff nach einer silbernen Haarbürste, die herumlag. Zwischen den Borsten kräuselte sich immer noch ein Haar von Mum. Ich bürstete mein doofes Haar ganz fest. Martha sprang auf die Kommode und schnurrte. Ein Windhauch strich über mein Gesicht, die gläsernen Schmetterlinge klirrten und sandten violette Lichtflecken durch den Raum, die mich blendeten. Durch einen Nebel aus Licht hindurch erkannte ich die Umrisse meiner Mutter. Sie war zehn Jahre alt und trug das gelbe Kleid. Sie lächelte und breitete die Arme aus. Ich breitete auch die Arme aus, wollte sie an mich drücken. Doch sie war gar nicht da. Ich zog mein neues lila Handy hervor und schrieb eine SMS an Mum:

Ich drück dich.

Ich wartete und wartete, aber es kam keine Antwort, kein Ich drück dich fester.

„Du hast sicherlich Hunger“, sagte mein Opa durch den Türspalt.

Er zuckte überrascht zusammen, als er mich in dem gelben Kleid sah. In seinem Blick lösten sich in Sekundenbruchteilen Schreck, Ärger und zuletzt Trauer ab. Dann schluckte er und flüsterte: „Meine Güte, Grace, es ist, als sähe ich deine Mutter vor mir stehen. Was hast du denn da in der Hand?“

„Mein neues Telefon, Opa. Mum hat es mir geschenkt.“

Ich hielt es ihm hin. Er drehte und wendete es in seiner riesigen, behaarten Hand und runzelte die Stirn.

„Ich weiß ja nicht, ihr jungen Leute mit eurem neumodischen Schnickschnack.“

„Ich habe ihr geschrieben, Opa. Aber sie hat nicht zurückgeschrieben.“