Wenn das Schicksal zuschlägt - Marisa Frank - E-Book

Wenn das Schicksal zuschlägt E-Book

Marisa Frank

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Jetzt haben wir lange genug geschlafen.« Ina, die jüngere der beiden Schwestern Kröger, warf die Bettdecke zurück. Anja gähnte. »Ob Mami schon munter ist?« überlegte sie laut. »Ich habe sie gestern nicht mehr gehört.« »Ich gehe nachsehen.« Mit einem Satz war Ina aus dem Bett. Rasch lief sie durch das Doppelbettzimmer des Maibacher Hotels, das dem Zimmer ihrer Mutter genau gegenüberlag. Die Neunjährige überquerte den Gang, riß, ohne anzuklopfen, die Tür auf. Das Zimmer war leer. Mit offenem Mund starrte Ina auf das sauber gemachte Bett. »Anja, Anja«, brüllte sie gleich darauf los. Der Ruf riß die Schwester aus dem Bett. So schnell sie konnte, eilte Anja auf die offenstehende Zimmertür zu. »Bist du verrückt?« rief sie. »Du weckst ja das ganze Hotel auf.« Ina drehte sich zu ihr um.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sophienlust – 386 –Wenn das Schicksal zuschlägt

Anja und Ina müssen jetzt tapfer sein

Marisa Frank

»Jetzt haben wir lange genug geschlafen.« Ina, die jüngere der beiden Schwestern Kröger, warf die Bettdecke zurück.

Anja gähnte. »Ob Mami schon munter ist?« überlegte sie laut. »Ich habe sie gestern nicht mehr gehört.«

»Ich gehe nachsehen.« Mit einem Satz war Ina aus dem Bett. Rasch lief sie durch das Doppelbettzimmer des Maibacher Hotels, das dem Zimmer ihrer Mutter genau gegenüberlag. Die Neunjährige überquerte den Gang, riß, ohne anzuklopfen, die Tür auf.

Das Zimmer war leer. Mit offenem Mund starrte Ina auf das sauber gemachte Bett.

»Anja, Anja«, brüllte sie gleich darauf los.

Der Ruf riß die Schwester aus dem Bett. So schnell sie konnte, eilte Anja auf die offenstehende Zimmertür zu. »Bist du verrückt?« rief sie. »Du weckst ja das ganze Hotel auf.«

Ina drehte sich zu ihr um. »Aber Mami ist nicht da.«

»Was?« Anja trat an die Seite ihrer Schwester. Sie dachte intensiv nach, nagte dabei an ihrer Unterlippe. »Komm mit«, sagte sie dann. »Ich muß dir etwas sagen.« Sie faßte ihre Schwester am Ärmel ihres Pyjamas und zog sie wieder in das eigene Zimmer zurück.

»Wo ist Mami? Es sieht so aus, als ob Mami überhaupt nicht im Bett gewesen sei. Sie war gestern auch so komisch. Sie hat uns ganz schnell ins Bett geschickt, hat uns kaum gute Nacht gesagt.« Inas Augen füllten sich mit Tränen.

»Mami hatte noch etwas vor.« Anja tat geheimnisvoll. Sie setzte sich aufs Bett und zog die Beine an.

»Was weißt du?« Ina schüttelte die Ältere bei den Schultern. »Hat Mami dir etwas gesagt? Ich will wissen, was los ist. Warum sind wir überhaupt hier in dieser Stadt?«

»Wegen Papa«, sagte Anja. Sie grinste. Es gefiel ihr, daß sie mehr wußte als das Nesthäkchen.

Ina sah in diesem Moment nicht 
gerade geistreich drein. »Papa? 
Was hat Papa mit unserer Mama zu tun?«

»Er ist schließlich unser Papa«, wurde sie von ihrer Schwester belehrt.

»Du meinst, wir sind wegen Papa hier?«

»Ich weiß, daß Papa in der Nähe von Maibach lebt. Er hat hier eine Baufirma«, verriet Anja ihr.

Ina, die darüber wenig wußte, schob ihre Unterlippe nach vorn. Dann erklärte sie: »Mich interessiert der Papa nicht. Ich weiß ja nicht einmal, wie er aussieht.«

»Ich auch nicht«, gestand Anja. »Aber Mami hat Fotos von ihm. Die habe ich einmal angesehen.« Nachdenklich fügte sie hinzu: »Mami und Papa müssen noch ganz jung gewesen sein, als sie geheiratet haben.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß Papa lieb ist, wenn er einfach von uns weggegangen ist«, meinte Ina patzig. Sie setzte sich zu ihrer Schwester aufs Bett.

»So einfach war es sicher nicht. Unsere Eltern haben sich eben nicht mehr verstanden. Ich glaube, daran waren Papas Eltern schuld.«

»Unsere Großeltern?« fragte Ina erstaunt.

»Es sind sicher keine richtigen Großeltern… Ich meine, sie sind nicht so, wie man sich Großeltern vorstellt. Ich möchte sie jedenfalls nicht sehen.« Über Anjas Gesicht legte sich ein Schatten. »Ich glaube, daß sie schuld daran sind, daß unsere Eltern sich getrennt haben. Sie wollten gar nicht, daß Papa unsere Mama heiratet. 
Sie wollten für Papa eine Frau mit Geld. Unsere Mama hatte aber kein Geld.«

»Woher weißt du das alles?« staunte Ina.

»Man bekommt eben so einiges mit.« Anja sonnte sich etwas in ihrem Wissen.

»Glaubst du, daß wir Papa zu Gesicht bekommen?« fragte Ina weiter.

»Weiß ich nicht.«

»Ich will ihn nicht sehen«, meinte Ina. »Wir sind bisher ganz gut ohne Papa ausgekommen.« Sie warf sich aufs Bett zurück und begann mit 
den Beinen zu strampeln. »Er soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Vor allem soll er unsere Mama in Ruhe las-
sen.«

»Mama war es, die sich an Papa gewandt hat«, korrigierte Anja ruhig.

»Aber warum denn?« Mit gerunzelter Stirn kam Ina wieder hoch.

Anja zuckte die Achseln. Darauf wußte sie keine Antwort.

»Komm, sag’ schon, was du weißt«, drängte die Jüngere.

»Mama hat Papa zuerst geschrieben. Ich meine, sie hat ihm geschrieben, daß sie sich mit ihm treffen will. Ich habe gehört, wie Mama darüber mit Tante Ursula gesprochen hat. Papa zahlt ja für uns.«

»Wie meinst du das?«

»Nun, ich sagte doch schon, daß Papas Eltern reich sind. Mama bekommt monatlich viel Geld. Davon leben wir.«

»Das verstehe ich nicht«, gab Ina offen zu.

»Es ist doch ganz einfach«, meinte die Schwester. »Andere Frauen, die keinen Mann haben, müssen arbeiten gehen. Wer sollte sonst das Essen, die Miete und die Kleidung bezahlen?«

Jetzt nickte Ina. Das verstand sie.

»Na, siehst du«, fuhr Anja fort. »Unsere Mama muß das nicht. Papa schickt ihr jeden Monat genügend Geld. Schlecht ist es uns noch nie gegangen. Das mußt du doch zugeben.«

Wieder nickte die Jüngere.

»Leider habe ich nicht herausbekommen, was Mama von Papa will. Vielleicht will sie ihn auch nur einmal wiedersehen.«

»Wir können sie ja fragen«, schlug Ina vor. Bestürzt sah sie dann aber die Schwester an. »Dazu müßten wir aber wissen, wo sie ist.«

»Sie wird sicher gleich kommen«, versuchte Anja die Jüngere zu trösten.

Erschrocken riß Ina die Augen auf. »Du meinst, sie hat sich die ganze Nacht mit Papa getroffen? Woher willst du überhaupt wissen, daß es der Papa war?«

»Weil ich gestern gehört habe, wie sie telefoniert hat.«

»Du hast gelauscht«, tadelte die Neunjährige empört.

Anja blieb gelassen. »Hätte ich es nicht getan, hätten wir jetzt keine Ahnung.«

»Was hast du gehört?« Neugierig sah Ina ihrer Schwester ins Gesicht.

»Ich weiß, daß Papa Dietmar heißt. Mama hat diesen Namen genannt, und dann hat sie Papa gebeten, zu dem Restaurant zu kommen. Sie hat noch gesagt, daß sie auf alle Fälle pünktlich sein wird.«

»Pah«, machte Ina. »Das ist doch kein Beweis. Dietmar heißen sicher viele Männer. Sogar ein Schulkamerad von mir heißt so.«

»Aber Papa kennt nicht viele Männer. Vor allem keine, die hier in Maibach wohnen.«

»Woher willst du denn das wissen? Mama kann ja schon einmal ohne uns hier gewesen sein. Ich hätte nichts dagegen, wenn Mama einen Mann kennen würde, der Dietmar heißt.«

»Du bist blöd. Wenn Mama sich schon mit einem Mann trifft, dann soll es nur unser Papa sein.«

»Selbst blöd«, entgegnete Ina heftig. »Wir haben nie einen Papa gehabt. Warum sollen wir plötzlich einen haben?«

»Weil wir einen haben. Jedes Kind hat einen Papa und eine Mama.«

»Dann muß sich dieser Papa aber auch um die Kinder kümmern«, trumpfte die Neunjährige auf. »Glaubst du vielleicht, ich nenne jemanden Papa, an den ich mich überhaupt nicht erinnern kann?«

»Du bist zu klein, um das zu verstehen. Papa und Mama haben sich getrennt, als du noch nicht einmal geboren warst.«

»Was? Dann ist er vielleicht gar nicht mein Papa.«

»Natürlich ist er auch dein Papa«, versuchte Anja zu erklären. »Ich bin drei Jahre älter als du. Ich weiß von Tante Ursula, daß Mama schwanger war, als Papa hierher zurückkehrte.«

»Dann ist er kein Vater, sondern ein Rabenvater«, empörte sich Ina aufs neue.

»Papas Eltern haben es so gewollt.«

»Er hätte nicht das tun dürfen, was sie wollten«, beharrte Ina auf ihrem Standpunkt. »Er war ja schon erwachsen.«

»Damit hast du recht«, gab Anja zu, fuhr dann aber leise fort: »Ich würde mich trotzdem freuen, wenn Papa und Mama sich aussöhnen würden.«

»Du glaubst, daß das sein könnte?« Entsetzt sah Ina ihre Schwester an. »Das kommt überhaupt nicht in Frage. Das würde ich nie zulassen.« Ina, die temperamentvollere der beiden Schwestern, war völlig aus dem Häus-chen. »Er soll sich gefälligst dorthin scheren, wo der Pfeffer wächst. Wenn du unbedingt einen Papa haben willst, dann kannst du ja zu ihm gehen.«

»Nicht so laut, Ina«, versuchte Anja ihre Schwester zu beruhigen. »Wahrscheinlich ist es auch nicht der Fall. Mama und Papa leben ja nun schon neun Jahre getrennt.« Sie seufzte. »Ein einziges Mal nur war Papa seitdem bei uns in Füssen.«

»Wir brauchen ihn nicht«, ereiferte sich Ina erneut. »Das werde ich Mama sofort sagen.« Wie aus der Pistole geschossen lief sie zur Tür.

»Moment«, rief Anja und sprang auf. »Wohin willst du denn? Noch dazu im Pyjama?«

Mit offenem Mund drehte Ina sich zu der Schwester um. Sekundenlang herrschte Stille, dann sagte sie zögernd: »Wir müssen Mama suchen.«

»Nicht im Pyjama«, erklärte Anja nochmals. Es war ihr nicht zum Lächeln zumute, aber sie quälte sich trotzdem ein Lächeln ab. »Ich schlage vor, wir ziehen uns zuerst an.«

»Müssen wir uns auch waschen?« Inas Stimme klang kläglich.

»Lassen wir das für heute«, meinte Anja.

Schweigend zogen sich die beiden Mädchen an. Ina hatte den letzten Knopf ihres Kleides geschlossen, als ihr eine Idee kam. »Vielleicht ist Mama schon unten und frühstückt. Es könnte doch sein, daß sie Hunger hatte?«

Das glaubte Anja eigentlich nicht, aber sie sagte: »Wir gehen jedenfalls einmal nach unten.« Zuerst sorgte sie jedoch noch dafür, daß Ina sich kämmte.

Hand in Hand stiegen die beiden Mädchen dann die Treppe hinab. Zögernd blieb Anja in der Tür zum Restaurant stehen. Ihre Mutter konnte sie nirgends sehen.

»Ich habe Hunger«, verkündete Ina laut an Anjas Seite. »Ich möchte Schinken mit Ei. Das esse ich am liebsten.«

»Wir können doch nicht ohne Mama frühstücken.« Ratlos sah Anja sich nochmals um. Sie wußte, daß sie für Ina verantwortlich war, hatte aber keine Ahnung, was sie tun sollte.

»Vielleicht frühstückt Mama mit Papa.« Entschlossen reckte Ina ihren Kopf. »Ich finde es jedenfalls nicht schön von Mama, daß sie uns so lange allein läßt. Ich esse auch ohne sie.« Entschlossen entzog sie der Schwester ihre Hand und ging auf einen freien Tisch zu.

*

»Wohnte bei Ihnen eine Frau Kröger, Ingrid Kröger?« Fragend sah der Polizist die Angestellte an, die in der Rezeption des Hotels Dienst tat.

»Moment!« Die junge Frau griff nach dem Anmeldebuch. »Wann soll das gewesen sein?«

»Gestern, vorgestern. Ich kann es nicht genau sagen«, antwortete der Polizist.

Der Zeigefinger der jungen Frau glitt über einige Namen, hielt dann inne.

»Frau Kröger wohnt noch bei uns«, gab sie Auskunft. »Jetzt erinnere ich mich auch. Sie hat ihre beiden Kinder mitgebracht, ein neun- und ein zwölfjähriges Mädchen. Die Kinder haben Zimmer zehn, ein Doppelzimmer. Frau Kröger wohnt in Zimmer acht. Das ist ein Einbettzimmer.«

»Wohnte«, sagte der Polizist.

»Wie bitte?« Irritiert sah die Hotel-angestellte den Polizisten an.

»Es ist leider so. Frau Kröger hatte einen Unfall. Wahrscheinlich geschah es bereits während der Nacht. Heute morgen barg man ihre Leiche. Frau Kröger stürzte mit dem Auto einen Abhang hinab.«

»Das ist doch unmöglich! Ich habe die Kinder vorhin noch gesehen.«

»Die Kinder befanden sich auch nicht im Auto«, meinte der Polizist. »Leider ist kein Irrtum möglich. Wir fanden die Autopapiere sowie den Personalausweis. Daher wissen wir auch, daß Frau Kröger in Füssen lebt. Nur, daß die Kinder hier sind, davon hatten wir bisher keine Ahnung.«

»Mein Gott!« sagte die junge Frau in der Rezeption. Sie war ehrlich erschüttert. »Was machen wir mit den Kindern?«

Der Polizist war noch jung. Er zuckte verlegen die Achseln. »Man wird sicher bald wissen, ob noch Verwandte da sind. Es ist anzunehmen, daß Frau Kröger verheiratet war.«

»Sie ist jedenfalls ohne Mann bei uns eingetroffen. Die armen Kinder!«

»Kann ich helfen? Ist etwas nicht in Ordnung?« Ein etwas korpulenter Mann kam durch die Halle auf die Angestellte zu.

»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Chef«, sagte die junge Frau erleichtert, denn Herr Loregger, der Besitzer des Hotels, wußte in jeder Situation Rat. »Stellen Sie sich vor, Frau Kröger ist tödlich verunglückt.«

»Meinen Sie die aparte, dunkelhaarige Frau, die gestern nachmittag ankam? Sie hat doch zwei Kinder dabei.« Herr Loregger sah von dem Polizisten auf seine Angestellte, die nick-te.

»Und wo sind die Kinder jetzt?« lautete seine nächste Frage.

»Ich habe sie vorhin gesehen. Sie gingen ins Restaurant.«

»Sind sie noch ahnungslos? Vermissen sie ihre Mutter denn nicht?«

»Ich weiß es nicht. Soll ich nach ihnen sehen?« Man sah der Hotelangestellten dabei aber an, daß sie alles andere lieber als dieses tun würde.

Daher sagte Herr Loregger: »Lassen Sie nur, ich mache das schon.« Jetzt wandte er sich an den Polizisten. »Kommen Sie mit?«

Dieser zögerte. »Ich muß meinem Chef Bescheid geben. Die Kinder…« Er brach ab. Er hatte keine Ahnung, was mit den Kindern geschehen sollte.

»Gut, wir kümmern uns hier um die Kinder. Ich denke, Sie werden bald herausgefunden haben, ob die Kinder einen Vater oder sonstige Verwandte haben.«

»Selbstverständlich.« Unwillkürlich sah der Polizist zu der Schwingtür hin, die in das Restaurant führte. In diesem Moment kamen Ina und Anja gerade heraus. »Sind sie das?« fragte der Polizist leise.

Herr Loregger sah hin. »Ja«, bestätigte er. »Es ist sicher besser, wenn Sie jetzt gehen.«

Das ließ sich der Polizist nicht zweimal sagen. Er grüßte und verschwand.

Herr Loregger sah zu den Kindern hinüber. Zögernd, sich an den Händen haltend, kamen die beiden auf ihn zu. Er räusperte sich und ging ihnen entgegen.

»Habt ihr schon gefrühstückt?« fragte er freundlich.

»Ja«, sagte Anja, die Ältere.

»Ich hätte gern noch ein weiches Ei gehabt«, platzte Ina heraus. »Es gab auch so gute Streichwurst.«

»Ina!« Empört stieß Anja die Schwester in die Seite.

»Es ist doch wahr«, sagte diese ungerührt. »Du hast gesagt, ich darf nicht so viel essen.«

Anja lief rot an. »Das ist doch nur wegen…«

»Mama kommt deswegen nicht früher zurück«, erklärte Ina. Hoheitsvoll streckte sie ihr Kinn nach vorn.

»Ihr könnt selbstverständlich essen, soviel ihr wollt«, sagte Herr Loregger.

»Da siehst du es!« Ina warf ihrer Schwester einen triumphierenden Blick zu. »Bekomme ich auch noch ein Glas Orangensaft?« fragte sie gleich darauf.

»Bekommst du auch. Ich begleite euch und sehe zu, daß ihr alles bekommt, was ihr wollt«, sagte Herr Loregger.

»Können Sie das?« Bewundernd sah Ina zu ihm auf. »Das finde ich prima.«

»Hast du vergessen, was wir besprochen haben?« zischte Anja ihr zu.

»Oh!« Bestürzt erklärte Ina: »Wir haben jetzt keine Zeit. Wir müssen ganz schnell weg. Anja, wohin wollten wir eigentlich?«

Diese zuckte die Achseln. »Schauen wir einmal vor das Hotel. Vielleicht…« Sie brach ab. Im Grunde konnte sie sich nicht vorstellen, daß ihre Mutter plötzlich auftauchen würde. »Vielleicht sollten wir im Telefonbuch nachsehen«, fuhr sie nach einigen Sekunden fort. »Ich weiß, daß er hier irgendwo wohnen muß.«

»Du meinst Papa?« Ina schnitt eine Grimasse. »Wir könnten jemanden fragen«, schlug sie dann vor. »Jemanden, der in Maibach lebt. Du hast doch gesagt, daß er reich ist und ein Baugeschäft hat.«

»Reich?« überlegte Anja laut. »Geld muß er schon haben.«

Interessiert hatte Herr Loregger den beiden Mädchen zugehört. Nun fragte er: »Was wollt ihr denn wissen?«

»Sollen wir ihn fragen?« fragte Ina ihre Schwester.

»Ich weiß es nicht. Wer sind Sie eigentlich?« Anja dachte an die Mahnung ihrer Mutter, sich nie von fremden Männern ansprechen zu lassen.

»Ich bin der Besitzer dieses Hotels«, antwortete Herr Loregger.

»Dann sind Sie ja auch reich«, platzte Ina heraus.

Herr Loregger lachte. »So schlimm ist es auch wieder nicht. So ein Hotel verursacht auch Kosten. Wer ist eurer Meinung nach noch reich?«

Ina öffnete schon den Mund, aber Anja stieß sie rasch in die Seite. Da schwieg sie.

Herr Loregger sah die beiden Mädchen an. Innerlich seufzte er. Seine Aufgabe war nicht leicht. Da fiel ihm Denise von Schoenecker ein. Er wußte, sie verstand es ausgezeichnet, mit Kindern umzugehen. Er schätzte diese aparte, charmante Frau sehr und war schon oft zu Gast auf Gut Schoeneich, dem Familiensitz, gewesen. Denise von Schoenecker verwaltete das Kinderheim Sophienlust für ihren Sohn. Sie würde ihm helfen können. Sie würde die richtigen Worte für diese Kinder finden.

Inas Stimme drang in seine Gedanken. »Wenn ihm dieses Hotel hier gehört«, hörte er die Kleine sagen, »dann muß er sich hier doch auskennen. Wir könnten ihn doch fragen, ob er einen Dietmar Kröger kennt.«

»Hm«, machte Anja. Sie sah zum Hoteleingang hin. Für das Ausbleiben ihrer Mutter fand sie keine Erklärung.

Herr Loregger legte ihr die Hand auf die Schulter. »Willst du nicht auch noch etwas essen oder trinken? Du kannst dir aussuchen, was du willst.«

»Danke«, sagte Anja höflich. »Ich habe keinen Hunger mehr. Können Sie uns sagen, wie spät es ist? Ich habe meine Uhr im Zimmer liegenlassen.«

»Es ist neun Uhr vorbei«, sagte Herr Loregger. Unsicher fuhr er sich mit beiden Händen durch sein volles Haar. Wie sollte er die Kinder nur ablenken, bis er Frau von Schoenecker verständigt hatte?

»Neun Uhr vorbei«, rief Ina aus, »und Mami hat noch nicht gefrühstückt?«

»Das kann sie doch nicht, wenn sie nicht da ist«, sagte Anja. Sie sah den Hotelbesitzer an. »Wissen Sie, es ist so, eigentlich hätten wir mit unserer Mutter frühstücken sollen.«

Herr Loregger nickte. »Das weiß ich. Aber eure Mutter ist nicht da.«

»Genau.« Anjas Miene erhellte sich. »Sie wissen es? Hat Mami angerufen?«

Unsicher senkte der Hotelbesitzer den Blick. Die Sache war wirklich nicht einfach. Anlügen wollte er die Kinder aber auch nicht.

»Nein«, sagte er wahrheitsgemäß. »Ich kann euch aber ein wenig Gesellschaft leisten. Eurer Mutter wäre das sicher recht.«

»Ich verstehe nicht, warum uns Mami allein läßt«, brach es da aus Anja hervor. »Das hat sie noch nie getan.«

»Wir werden mit Mami ein ernstes Wörtchen reden müssen«, meinte Ina. »Sie hätte uns ja auch sagen können, daß sie sich mit Papa trifft. Hätte Anja nicht gelauscht, wüßten wir das nicht einmal.«

»Was sagst du da?« Erregt griff Herr Loregger nach Inas Schultern.

»Meine Schwester hat gelauscht«, plapperte Ina nun munter drauflos. »Aber wir brauchen keinen Papa. Das werde ich Mami auch sagen.«

»Rede doch keinen Unsinn«, wies Anja sie scharf zurecht.

»Aber du hast doch gesagt, daß Mami gestern mit unserem Papa telefoniert hat. Du hast jedenfalls behauptet, daß es nur unser Papa gewesen sein kann.«