Wenn der Apfellastwagen kommt - Margit Weiß - E-Book

Wenn der Apfellastwagen kommt E-Book

Margit Weiß

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Beschreibung

"Oft taten wir nichts anderes als schauen. Zu schauen gab es immer etwas." Während der "Optionszeit" verließen viele Südtiroler Familien ihre Heimat, um in eigens errichteten Wohneinheiten in Österreich und Deutschland ein neues Zuhause zu finden. Margit Weiß wuchs in den Sechziger- und Siebzigerjahren in einer solchen Südtirolersiedlung auf. Mit den Augen eines Kindes betrachtet sie den damaligen Alltag und die illustren Persönlichkeiten in der Siedlung: Da gibt es den blumenpflückenden Herrn Maier, die Fani-Tant mit ihren Liebschaften oder den geliebten Großvater Carlo. Was sie alle eint, ist der Verlust der Heimat.

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Seitenzahl: 78

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Margit Weiß

Wenn der Apfellastwagen kommt

Erinnerungen an eineSüdtirolersiedlung

Für meinen Großvater Carlo undmeine Mutter Magdalena

Inhalt

Vorwort

Von Frau und Herrn Maier

Von der Menghin

Von der Venus der Terlaner Straße

Von der Fani-Tant

Von der Milch-Wetti und anderen interessanten Leuten

Vom Stammtisch

Vom Seppi und der Milchhaut

Vom Klammerbäcker

Vom Essen

Vom Großvater

Vom Aussperren des Teufels und anderen Ritualen

Vom Spazierengehen

Von Bergmenschen und Bergsteigern

Von der Religion und der Kirche

Vom Abschiednehmen

Vorwort

Ein Spaziergang führte mich vor einer Weile in die Südtirolersiedlung in Kufstein, in der ich geboren und aufgewachsen bin.

Ich kam an einer Tafel vorbei. In kurzen Zügen war darauf der geplante Wandel der Siedlung dargestellt. Im Verlauf mehrerer Jahre sollen die alten Südtirolerhäuser in fast allen Orten in Nordtirol abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Die Häuser wurden Ende der Dreißiger-, Anfang der Vierzigerjahre errichtet, um den im Zuge der Option ausgewanderten Südtirolern eine neue Heimat zu bieten. In architektonischer Anlehnung an Südtirol wurden sie mit Erkern, Holzbalkonen, Torbögen gestaltet.

All diese Siedlungen sind sowohl Zeitzeugen für einen bewegten Teil der Tiroler Geschichte als auch für die davon geprägten persönlichen Lebenslinien vieler Menschen.

Und plötzlich wurde es mir wichtig, dem hier Beheimateten Sichtbarkeit zu verleihen. Ich beschloss, wie durch ein Zeitfenster in die Siedlung zu schauen, mit den Augen meiner Kindheit durch die Sechzigerjahre, durch Orte und Ereignisse zu gleiten und das Leben und die Atmosphäre der Siedlung spürbar werden zu lassen. Damals war die Siedlung noch überwiegend von Südtirolern bewohnt, mit ihrer mitgebrachten Lebensart und Geschichte. Ab den Siebziger-, Achtzigerjahren zogen mehr und mehr Bewohner aus der ganzen Stadt in die Siedlung und gaben ihr ein anderes Gepräge.

Ich suchte einen Weg, mich der Siedlung und ihren Bewohnern nicht durch historische Recherche und Abhandlungen zu nähern. In der alten ladinischen Tradition, Geschichte und Leben durch Erzählen zugänglich zu machen, wie sie mir mein Großvater und meine Mutter nahebrachten, fand ich einen Weg, das Geschehene in der Gegenwart lebendig werden zu lassen.

Im Beschreiben des Lebens in der Siedlung möchte ich wie durch ein Brennglas den Blick auf einen Teil der Tiroler und Südtiroler Geschichte richten und ihn in seiner Bedeutung für die Menschen spürbar machen.

Die folgenden Geschichten sollen eine würdigende Verbeugung davor sein.

Von Frau und Herrn Maier

„Margit, lauf, hol die Frau Maier zurück!“

Ich ging los und begann sie zu suchen. Ich hatte keine Eile. Frau Maier suchen ging ich gerne. Meist fand ich sie in der Sterzinger Straße. Von dort war es nicht weit zurück in die Terlaner Straße.

Ich sah sie stehen, eine alte Frau in schwarzem Gewand, eine Schürze umgebunden. Alles war rund an ihr, Gesicht, Gestalt, ihre Gretlfrisur. Sie war klein. Ich reichte ihr mit meinen drei Jahren bis zur Taille. Ich nahm ihre Hand. Von niemandem ließ sie sich zurückführen. Mit dem kleinen Mädchen aber ging sie mit und so schickten sie mich los, wenn sie wieder einmal unauffindbar war. Damals gab es in der Siedlung noch kaum Autos und jeder kannte jeden. So mussten sie nicht befürchten, dass ich auch noch verloren gehen könnte.

Wir gingen zurück in die Terlaner Straße. „I gea iatz hoam“, ließ sie mich wissen, ich geh jetzt heim. Und sogar mit drei wusste ich, mit „heim“ meinte sie nicht die Terlaner Straße. Das ist eine meiner ersten Erinnerungen an die Siedlung, in der ich aufwuchs.

Die Familie Maier wohnte im selben Haus wie meine Großeltern. Frau Maier, sagten die Erwachsenen, sei verwirrt. Sie habe vergessen, dass sie in der Terlaner Straße wohne. Aber ich glaubte Frau Maier und war mir sicher, sie wartete nur, bis sie wieder aufbrechen konnte, dorthin, wo sie wirklich daheim war. So ging es vielen, wenn der Verstand die Herrschaft über sie aufgab, dann zog es die Beine, den Körper, alle beseelten Zellen dorthin, wo das Altvertraute war.

Überhaupt schien es, als würde die Siedlung nur aus Leuten, die woanders daheim waren, zu bestehen. Da gab es die Bozner, die Pusterer (aus dem Pustertal), die Ratschingser, die Buchensteiner, die Rittner, die Passeirer und so weiter. Nie sagte jemand über die Leute von der Siedlung, sie seien Kufsteiner oder Sparchner. Der Stadtteil hieß eigentlich Sparchen, aber für uns alle war es damals nur die Südtirolersiedlung.

Sosehr „die Südtiroler“ von außen für „die Stadtler“ in Kufstein eine Einheit bildeten, sosehr wusste jeder in der Siedlung, dass es diese Einheit nicht gab. Zwischen den verschiedenen Tälern bestanden unsichtbare Bruchlinien, ebenso wie zwischen Ladinern und Deutschsprachigen, zwischen denen, die wieder zurückwollten, und denen, die sich das nicht mehr trauten oder es nicht mehr konnten, weil es „drinnen“ nichts mehr gab, wohin sie gehen hätten können, manchmal nicht einmal das Willkommen in den eigenen Familien. Manch Erbe war in einer Schräglage verteilt worden, mancher Groll bildete eine undurchlässigere Grenze als die zwischen Italien und Österreich in den Sechzigern. Manchmal wurden diese Bruchlinien und Schräglagen spürbar, wenn sich einer, vermeintlich versteckt in der Wohnhöhle und doch rundum hörbar, meist alkoholgetränkt, den Schmerz und die Wut herausschrie oder -schlug.

Für mich gehörten alle so, wie sie waren, zur Siedlung wie der Eichenbaum vor unserem Haus und das Duxer Köpfl, das über unseren Dächern stand. Jeder bildete ein Stück meiner Normalität.

Wenn ich mit Frau Maier zurückkam, setzte ich sie auf die Bank der Maiers, die vor einem Holzstoß stand. Jeder Familie in der Siedlung war mit der Wohnung ein Stück Garten zur Selbstversorgung zugewiesen worden. Die Wohnungen hatten fließendes Wasser und Toilette, Keller, Dachboden und eben jeweils ein Stück Garten.

Viele ansässige Kufsteiner waren auf die Südtiroler anfangs nicht gut zu sprechen. Sie empfanden die Zuzügler als bevorzugt. Viele Städter lebten teils in schlechteren Verhältnissen. Die Südtiroler in den neuen Wohnungen waren auch nicht an den neuen Standard gewöhnt und behielten die Bezeichnungen bei, die den früheren Wohnverhältnissen entsprachen. So sagten sie zu den Toiletten „Abort“ und zur Spüle „Brunnen“, wie es auf den Höfen gewesen war.

Als Kinder begegneten wir den Vorbehalten der „Stadtler“ eher selten, da die Siedlung wie ein eigenes Dorf etwas abseits zwischen der Innenstadt und dem Eingang ins Kaisertal lag und die Stadt für uns weit weg war.

Der Garten meiner Großeltern befand sich zwischen Mutschlechners und Maiers. Da stand Opas rote Bank. Er saß oft dort, trug den blauen Schurz, seinen Hut. Ich setzte mich gerne neben ihn. Die rote Bank war ein guter Beobachtungsplatz, Erzählplatz, Schauen-wie-die-Kohlrabi-wachsen-Platz.

Oft berichtete Opa von Menschen, die ich nicht kannte, die „drinnen“ waren. So nach und nach kam ich dahinter, dass er mit „drinnen“ Südtirol meinte. Die Menschen in seinen Geschichten wurden mir durch sein Erzählen zunehmend vertrauter und begannen sich zu den Leuten zu gesellen, die ich hier in der Siedlung kannte. Es gab also die sichtbaren Leute und die unsichtbaren, und beide bevölkerten meine Kinderwelt und Fantasie.

Oft taten wir nichts anderes als schauen. Zu schauen gab es immer etwas. Was mir sehr interessant erschien, war Herr Maier. Wenn seine Frau nicht gerade losmarschierte, setzte er sich in Bewegung. Er war im Gegensatz zu seiner Frau ein großer, hagerer Mann, mit haarlosem Kopf und scharfem Blick. Er war mir nicht geheuer. Herr Maier umkreiste in bedächtigen Schritten das Haus immer in der gleichen Richtung, rechtsherum. Dabei beugte er seinen ohnedies gebeugten Rücken immer wieder zum Boden und pflückte die da wachsenden zarten Gräser. Nicht die grünen Blätter, sondern die zarten Samenstiele. Er pflückte sie und ordnete sie in seiner Hand zu einem stetig wachsenden Sträußchen feiner Gräser.

Das faszinierte mich. Sonst sah ich nur Kinder Sträußchen pflücken. Wenn er hinter dem Hauseck verschwand, wartete ich, bis er um das Haus herum war. Ich wusste, es würde etwas dauern, da er sich ja stets bücken musste. Irgendwann kam er dann wieder an Opa und mir vorbei. Nie hatte ich den Eindruck, dass er irgendetwas mitbekam von dem, was sich in der Umgebung tat. Er war vollkommen versunken in sein Pflücken. Ob wir hier saßen oder nicht, er nahm davon keine Notiz. Er umrundete das Haus immer wieder und irgendwann hörte er damit auf.

Eines Tages kam meine Mutter nach Hause und erzählte, Herr Maier sei gestorben. Er habe einen schönen Tod gehabt, sei einfach im Schlaf gegangen. Diese Vorstellung entsetzte mich und ich verstand nicht, was daran schön sein sollte.

Bis dahin wusste ich nicht, dass man im Schlaf sterben konnte. Ich dachte, Sterben würde im Krankenhaus stattfinden oder auf der Straße oder wenn einer vom Berg herunterfällt. So war ich am Abend zunehmend beunruhigt. Ich wünschte meinen Eltern eine gute Nacht, beschwor meinen Schutzengel, doch recht gut auf mich aufzupassen. Nach ein paar Nächten, nach denen ich morgens problemlos immer wieder wach geworden war, kam ich zu dem Schluss, es wäre wohl nur bei Herrn Maier so gewesen mit dem Sterben im Schlaf, weil er schon so alt war. Das beruhigte mich.

Von der Menghin

In der Siedlung lebten viele Leute, die mir bemerkenswert erschienen. Es gab auffällig viele Söhne und Töchter, die unverheiratet bei ihren Eltern wohnen blieben, bis die Alten wegstarben und sie selber ihren Platz einnahmen und beharrlich vor sich hin welkten. So als hätten die Familien schon zu viel an Trennung erlebt und nun durfte niemand mehr gehen, kein eigenes Leben führen, als wäre ein Zulassen von Veränderung ein Verrat an der Herkunft. Manche hatten irgendwie ein Abwarten im Gesicht, als wäre das Hier-an-diesem-Ort-Sein ein vorübergehender Zustand. Manche wurden dabei seltsam.