Wenn der Sturm dich findet - Peter Seifert - E-Book

Wenn der Sturm dich findet E-Book

Peter Seifert

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Beschreibung

Wenn der Sturm dich findet ist ein atmosphärisch dichter Psychothriller mit übernatürlichen Elementen. Nach Jahren kehrt Clara in das alte Herrenhaus ihrer Kindheit zurück – ein Ort, an dem Regen, Wind und Wände Erinnerungen wachrufen. Dort trifft sie auf Leon, den Mann, der sie kennt wie niemand sonst, und auf die Schatten, die sie nie besiegt hat: den unheimlichen Beobachter, ein bedrohliches Zeichen ("Du gehörst mir"), und den totgeglaubten Bruder. Während draußen der Sturm tobt, beginnt im Inneren der wahre Kampf – nicht gegen einen Fremden, sondern gegen Claras eigenes Licht und ihren Schmerz. Erst als sie sich der Wahrheit stellt, findet sie die Kraft für einen Neuanfang.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Wenn der Sturm

dich findet

Impressum

Peter Seifert - Martin Fischer

c/o Online-Impressum.de #26515

Europaring 90

53757 Sankt Augustin

[email protected]

Zweiter Kontaktweg

Zuständige Regulierungs- und Aufsichtsbehörde:

Bayerische Landeszentrale für neue Medien

Sitz: Deutschland

1

Der Regen prasselte gegen die Fenster des

alten Herrenhauses, als Clara die schwere Tür

hinter sich schloss. Ihr Herz schlug schneller als

der Wind, der durch die Bäume peitschte. Sie

war zurückgekehrt – obwohl sie geschworen

hatte, diesen Ort nie wieder zu betreten.

Im Flur roch es nach altem Holz, nach

Erinnerungen, die sie jahrelang verdrängt

hatte. Und nach ihm.

Leon.

Sie hörte seine Schritte, bevor sie ihn sah.

Ruhig, kontrolliert, wie immer. Doch als er aus

dem Schatten trat, lag etwas in seinem Blick,

dass sie sofort aus dem Gleichgewicht brachte

– ein Funken, der all die Jahre überlebt hatte.

„Du hättest nicht herkommen sollen“, sagte er

leise.

Clara hob das Kinn. „Ich hatte keine Wahl.“

Ein Blitz erhellte den Raum, und für einen

Moment standen sie einander so nah, dass sie

seinen Atem spüren konnte. Warm. Vertraut.

Gefährlich. Ihre Finger kribbelten, als hätte ihr

Körper längst entschieden, was ihr Verstand

noch zu leugnen versuchte.

Leon trat einen Schritt näher. „Du weißt, was

passiert, wenn wir beide unter demselben

Dach sind.“

Clara schluckte. „Vielleicht ist es Zeit, dass es

passiert.“

2

Sein Blick glitt über ihr Gesicht, verweilte an

ihren Lippen – nicht berührend, aber nah

genug, dass ihr die Knie weich wurden. Die

Spannung zwischen ihnen war wie ein

gespanntes Seil, das jeden Moment reißen

konnte.

Doch bevor er sie erreichte, krachte irgendwo

im Haus eine Tür. Beide zuckten zusammen.

„Er ist also wirklich zurück“, flüsterte Clara.

Leon nickte. „Und er wird nicht ruhen, bevor

er bekommt, was er will.“

Clara spürte, wie sich seine Hand kurz an ihrer

Taille verfing – ein Reflex, ein Schutz, ein

Versprechen. Wärme durchströmte sie, trotz

der Gefahr, die wie ein Schatten über ihnen

lag.

Der Wind heulte durch die Gänge, als Clara

und Leon dem Geräusch folgten. Das Haus

schien zu atmen, als würde es selbst spüren,

dass etwas Unheilvolles zurückgekehrt war.

„Er war hier“, murmelte Leon und strich mit

den Fingern über die angelehnte Tür. „Jemand

hat sie von außen geöffnet.“

Clara spürte, wie sich eine Gänsehaut über

ihre Arme legte. Nicht nur wegen der Kälte.

„Glaubst du, er beobachtet uns?“

Leon drehte sich zu ihr um. Sein Blick war

ernst, aber da war auch etwas anderes – ein

3

Funken, der sie gleichzeitig beruhigte und

beunruhigte. „Er beobachtet dich. Das hat er

immer getan.“

Clara wich einen Schritt zurück, doch Leon

folgte ihr, langsam, als wolle er ihre Zeit

geben, wegzugehen. Sie tat es nicht.

„Du bist nicht allein“, sagte er leise.

Seine Stimme war warm, tiefer als sie sie in

Erinnerung hatte. Und als er ihre Hand nahm,

war es, als würde die Welt für einen Moment

stillstehen. Seine Finger waren rau, vertraut,

und die Berührung schickte eine Welle von

Wärme durch ihren Körper.

„Leon…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein

Hauch.

Er trat näher, so nah, dass sie die Wärme

seines Körpers spüren konnte. Sein Duft –

Holz, Regen, ein Hauch von etwas Dunklem –

umhüllte sie. Ihre Gedanken verschwammen,

und für einen Moment vergaß sie die Gefahr,

die im Haus lauerte.

„Ich habe dich nie vergessen“, flüsterte er.

Claras Herz schlug schneller. Sie hob den Blick,

und ihre Augen trafen seine. Da war so viel

unausgesprochen zwischen ihnen – Jahre

voller Schweigen, voller Sehnsucht, voller

Fehler.

Sein Daumen strich über ihren Handrücken,

langsam, fast zärtlich. Ein Versprechen, ein

4

Risiko, ein Rückfall in etwas, das sie beide nie

ganz hinter sich gelassen hatten.

Doch bevor sie antworten konnte, ertönte ein

dumpfer Schlag aus dem Obergeschoss.

Schwer. Bedrohlich.

Leon spannte sich an. „Er spielt mit uns.“

Clara löste ihre Hand aus seiner, obwohl es ihr

schwerfiel. „Dann lass uns das Spiel beenden.“

Leon nickte. „Gemeinsam.“

Sie gingen die knarrende Treppe hinauf, Schritt

für Schritt, während der Sturm draußen tobte.

Clara spürte Leons Nähe hinter sich – ein

Schutz, ein Schatten, ein Feuer, das sie nicht

mehr ignorieren konnte.

Oben angekommen, blieb sie abrupt stehen.

Die Tür zu ihrem alten Zimmer stand offen.

Und auf dem Bett lag ein einzelner

Gegenstand.

Claras Atem stockte. „Das… das kann nicht

sein.“

Leon trat neben sie. „Doch. Er war hier. Und er

will, dass du es siehst.“

Auf dem Kissen lag eine Feder. Schwarz.

Glänzend. Und darunter ein Zettel, auf dem

nur ein Satz stand:

„Du gehörst mir.“

Clara starrte auf die schwarze Feder, als wäre

sie ein lebendiges Wesen. Ihr Atem ging flach,

5

und für einen Moment hörte sie nichts außer

dem Pochen ihres eigenen Herzens.

„Er war in meinem Zimmer“, flüsterte sie.

„Hier… wo alles begann.“

Leon trat einen Schritt näher, sein Blick scharf

wie ein Messer. „Er will dich verunsichern. Er

weiß, dass dieser Ort dich verwundbar macht.“

Clara wandte sich ihm zu. „Und dich nicht?“

Leon hielt ihrem Blick stand, doch in seinen

Augen lag etwas, das sie nur selten gesehen

hatte – ein Hauch von Angst. Nicht um sich.

Um sie.

„Ich habe dich damals nicht beschützt“, sagte

er leise. „Aber diesmal lasse ich nicht zu, dass

er dir auch nur einen Schritt zu nahe kommt.“

Clara spürte, wie sich etwas in ihr löste. Ein

Knoten, der jahrelang festgesessen hatte. Sie

trat näher, so nah, dass ihre Schultern sich fast

berührten. Der Sturm draußen schien sich zu

beruhigen, als würde er ihnen Raum geben.

„Leon… du hast mich nie losgelassen“, sagte

sie. „Und ich dich auch nicht.“

Sein Atem stockte. Für einen Moment war er

nicht der kontrollierte, unerschütterliche

Mann, den sie kannte. Er war verletzlich.

Offen. Und gefährlich nah.

Seine Hand hob sich, zögernd, als würde er

prüfen, ob er das durfte. Dann strich er mit

den Fingerspitzen über ihre Wange. Warm.

6

Sanft. Ein Hauch von etwas, das sie beide viel

zu lange verdrängt hatten.

Clara schloss die Augen, nur für einen

Herzschlag. Seine Berührung war wie ein

Versprechen, das sie nie ausgesprochen

hatten.

Doch dann – ein Knacken.

Holz. Direkt hinter ihnen.

Leon riss sie an sich, schützend, instinktiv. Sein

Körper war fest an ihrem, sein Herzschlag

spürbar gegen ihre Brust. Die Nähe war

überwältigend, elektrisierend – und doch war

die Gefahr so real, dass ihr die Luft wegblieb.

„Er ist noch hier“, murmelte Leon, seine

Lippen so nah an ihrem Ohr, dass ihr ein

Schauer über den Rücken lief.

Clara öffnete die Augen. Im Spiegel gegenüber

sah sie eine Bewegung. Ein Schatten, der sich

zurückzog. Schnell. Lautlos.

„Er spielt nicht mehr“, sagte sie. „Er jagt.“

Leon löste sich ein Stück von ihr, aber seine

Hand blieb an ihrer Taille, als könnte er sie

nicht ganz loslassen. „Dann jagen wir zurück.“

Clara nickte. „Gemeinsam.“

Sie griff nach der schwarzen Feder, und als

ihre Finger sie berührten, spürte sie etwas

Kaltes, Unheimliches. Ein Echo aus der

Vergangenheit. Ein Versprechen aus der

Dunkelheit.

7

Leon sah sie an, und in seinem Blick lag eine

Mischung aus Entschlossenheit und etwas

Tieferem – etwas, das sie beide nicht mehr

ignorieren konnten.

„Bleib bei mir“, sagte er.

Clara antwortete, ohne zu zögern. „Immer.“

Clara hielt die schwarze Feder fest in der Hand,

als könnte sie ihr Halt geben. Doch sie zitterte.

Nicht vor Kälte – vor der Erkenntnis, dass die

Vergangenheit sie eingeholt hatte.

Leon beobachtete sie. Sein Blick war wachsam,

aber da war auch etwas anderes darin, etwas,

das er nicht mehr verbergen konnte. „Er will

dich brechen“, sagte er. „Aber du bist stärker

als er glaubt.“

Clara schnaubte leise. „Stärker vielleicht. Aber

nicht unverwundbar.“

Leon trat näher, so nah, dass sie seinen Atem

an ihrer Stirn spürte. „Ich lasse nicht zu, dass

er dich noch einmal verletzt.“

Seine Worte trafen sie tiefer, als sie erwartet

hatte. Sie hob den Blick, und ihre Augen trafen

seine. Für einen Moment war die Welt nur ein

schmaler Raum zwischen ihnen – warm,

gefährlich, vertraut.

„Leon…“ Ihre Stimme war brüchig, aber

ehrlich. „Ich weiß nicht, ob ich das hier noch

einmal durchstehe.“

8

Er hob die Hand, legte sie an ihre Wange.

Seine Berührung war fest, aber sanft, als

würde er sie daran erinnern wollen, dass sie

nicht allein war. „Du musst es nicht allein

durchstehen.“

Clara schloss die Augen, nur für einen

Herzschlag. Seine Nähe war wie ein

Schutzschild – und gleichzeitig ein Feuer, das

sie beide längst wieder entfacht hatten.

Doch dann hörten sie Schritte.

Langsam. Bedacht. Direkt über ihnen.

Leon erstarrte. „Er ist im Dachboden.“

Clara öffnete die Augen. „Der Dachboden…

dort hat alles angefangen.“

Leon nickte. „Und dort wird es enden.“

Sie folgten den Geräuschen, die Treppe hinauf,

die in den schmalen, dunklen Dachboden

führte. Jeder Schritt knarrte, als würde das

Haus selbst warnen wollen. Clara spürte Leons

Hand an ihrem Rücken – ein leiser Druck, der

sagte: Ich bin hier. Oben angekommen, blieb sie abrupt stehen.

Der Dachboden war dunkel, nur vom

flackernden Licht des Sturms erhellt, der durch

ein zerbrochenes Fenster drang. Staub

wirbelte in der Luft, und irgendwo tropfte

Wasser auf den Boden.

„Siehst du das?“ flüsterte Clara.

Leon folgte ihrem Blick.

9

In der Mitte des Raumes stand ein Stuhl.

Darauf lag ein altes Fotoalbum. Ihr Fotoalbum.

Das, das sie vor Jahren verbrannt hatte.

„Das ist unmöglich“, hauchte sie.

Leon trat vor, doch Clara hielt ihn zurück.

„Warte.“

Sie öffnete das Album mit zitternden Fingern.

Die Seiten waren unversehrt. Und auf der

ersten Seite klebte ein neues Foto.

Ein Bild von ihr.

Aufgenommen vor wenigen Tagen.

Leon spannte sich an. „Er war näher, als wir

dachten.“

Clara fühlte, wie ihr die Luft wegblieb. „Warum

tut er das? Was will er?“

Leon legte eine Hand an ihre Schulter, seine

Stimme tief, warm, aber voller

Entschlossenheit. „Dich. Er will dich

kontrollieren. Und er weiß, dass er mich damit

trifft.“

Clara sah ihn an. „Dich?“

Leon wich ihrem Blick nicht aus. „Ich habe dich

geliebt, Clara. Ich liebe dich immer noch. Und

er weiß das.“

Die Worte trafen sie wie ein Schlag – und

gleichzeitig wie eine Befreiung. Ihr Herz raste,

und für einen Moment vergaß sie den Sturm,

den Dachboden, die Gefahr.

Doch dann hörten sie ein leises Lachen.

10

Hinter ihnen.

Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit.

„Ihr seid spät“, sagte eine Stimme, die Clara

bis ins Mark erschütterte.

Clara fuhr herum. Der Schatten stand am Rand

des Dachbodens, halb im Licht, halb im

Dunkel, als würde er selbst entscheiden, wie

viel von ihm sichtbar sein durfte. Der Sturm

war plötzlich nur noch ein fernes Rauschen.

Alles konzentrierte sich auf diesen einen

Moment.

Leon stellte sich sofort vor Clara, sein Körper

angespannt wie ein Bogen kurz vor dem

Schuss. „Zeig dich“, sagte er mit einer Stimme,

die tief und gefährlich klang.

Der Mann trat einen Schritt vor. Das Licht des

Blitzes erhellte sein Gesicht – scharf

geschnitten, die Augen dunkel, ein Lächeln,

das mehr Drohung als Freude war.

„Ihr zwei seid ja rührend“, sagte er. „Fast hätte

ich euch den Moment gelassen.“

Clara spürte, wie Leon sich noch fester vor sie

stellte. Doch sie legte eine Hand an seinen

Arm. „Ich will ihn sehen“, flüsterte sie.

Leon zögerte, aber er wich einen halben

Schritt zur Seite. Gerade genug, dass sie den

Mann ansehen konnte. Ihre Knie wurden

weich, doch sie blieb stehen.

11

„Warum tust du das?“ fragte sie. Ihre Stimme

war ruhig, aber in ihrem Inneren tobte ein

Sturm, der lauter war als der draußen.

Der Mann lachte leise. „Weil du mir gehörst,

Clara. Du warst immer die Einzige, die mich

verstanden hat.“

Clara schüttelte den Kopf. „Ich habe dich nie

verstanden. Ich habe dich gefürchtet.“

„Angst ist auch eine Form von Nähe“, sagte er

und trat noch einen Schritt vor.

Leon spannte sich an. „Noch ein Schritt, und

ich—“

„Und du was?“ Der Mann hob spöttisch eine

Augenbraue. „Du konntest sie damals nicht

schützen. Und du kannst es heute nicht.“

Clara sah, wie Leon die Fäuste ballte. Sie

spürte die Hitze seiner Wut, die sich mit ihrer

eigenen mischte. Doch sie wusste: Wenn Leon

jetzt die Kontrolle verlor, würde alles

eskalieren.

Sie trat vor.

Zwischen die beiden Männer.

Leon griff nach ihr, wollte sie zurückziehen,

doch sie legte ihre Hand auf seine Brust. Ein

kurzer Druck. Ein stummes Vertrau mir. Dann sah sie dem Mann direkt in die Augen.

„Du hast keine Macht mehr über mich.“

Sein Lächeln erlosch. „Oh doch. Mehr denn

je.“

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Er zog etwas aus seiner Jacke. Ein kleines,

schwarzes Notizbuch. Clara erkannte es sofort.

Ihr Atem stockte.

„Das… das ist meins.“

„War deins“, korrigierte er. „Jetzt gehört es

mir.“

Leon machte einen Schritt nach vorn, doch

Clara hielt ihn zurück. Ihre Finger krallten sich

in seinen Arm – nicht aus Angst, sondern aus

Entschlossenheit.

„Was willst du?“ fragte sie.

Der Mann trat so nah, dass sie seinen Atem

spüren konnte. „Dich. Ohne ihn. Ohne

Vergangenheit. Ohne Flucht.“

Clara spürte, wie Leon hinter ihr die Luft scharf

einzog. Seine Hand berührte ihren Rücken –

ein leiser, schützender Kontakt, der ihr Kraft

gab.

Sie hob das Kinn. „Ich werde nie wieder mit dir

gehen.“

Der Mann lächelte. „Dann werde ich euch

beide zerstören.“

Ein weiterer Blitz erhellte den Raum – und in

diesem Moment hörten sie unten im Haus

eine Tür zuschlagen. Laut. Gewaltig.

Leon flüsterte: „Wir sind nicht allein.“

Der Mann lächelte breiter. „Natürlich nicht. Ich

habe jemanden mitgebracht.“

13

Clara spürte, wie ihr Herz raste. Der

Dachboden schien sich zu verengen, die Luft

wurde schwerer, dichter. Leon stellte sich

wieder schützend an ihre Seite, seine Hand an

ihrer Taille, warm, fest, ein stilles Versprechen.

„Clara“, sagte der Mann leise. „Es beginnt

jetzt.“

Der Mann trat einen Schritt aus dem Schatten,

und Clara spürte, wie sich die Luft im

Dachboden veränderte. Schwerer. Dicker. Als

würde der Raum selbst den Atem anhalten.

Leon stellte sich wieder ein Stück vor sie, sein

Körper angespannt, bereit, jeden Moment zu

reagieren. Doch seine Hand blieb an Claras

Rücken – ein stiller Kontakt, der ihr Mut gab.

„Wen hast du mitgebracht?“ fragte Leon, seine

Stimme tief und gefährlich ruhig.

Der Mann lächelte. „Jemand, der Clara sehr

gut kennt.“

Unten im Haus knarrte eine weitere Tür.

Schritte. Langsam. Bedacht. Nicht hastig –

selbstbewusst. Als würde derjenige genau

wissen, dass sie ihn hören konnten.

Claras Herz schlug schneller. „Wer ist da

unten?“

Der Mann neigte den Kopf. „Jemand, der dir

helfen wollte. Jemand, der dachte, er könnte

dich retten.“

14

Clara spürte, wie ihr die Kehle trocken wurde.

„Was hast du getan?“

„Nichts“, sagte er. „Noch nicht.“

Leon machte einen Schritt nach vorn. „Wenn

du ihm etwas angetan hast—“

„Oh, Leon.“ Der Mann lachte leise. „Du glaubst

immer noch, du wärst der Einzige, der sie

beschützen kann.“

Clara spürte, wie Leon sich anspannte. Seine

Wut war wie ein Feuer, das sie fast körperlich

spüren konnte. Sie legte ihre Hand auf seinen

Arm, ein kurzer Druck, der ihn zurückhielt.

„Sag uns, wer unten ist“, sagte sie.

Der Mann trat näher. So nah, dass Clara die

Kälte spüren konnte, die von ihm ausging.

„Jemand, der dir sehr nahestand. Jemand, der

dich verraten hat.“

Clara schüttelte den Kopf. „Ich habe

niemanden—“

Doch dann hörte sie eine Stimme.

„Clara?“

Eine Stimme, die sie seit Jahren nicht mehr

gehört hatte.

Eine Stimme, die sie nie wieder hören wollte.

Claras Blut gefror.

Leon flüsterte: „Wer ist das?“

Clara brauchte einen Moment, um Luft zu

holen. „Das ist… mein Bruder.“

Leon fuhr herum. „Dein Bruder ist tot.“

15

Clara schloss die Augen. „Ich dachte es.“

Der Mann lächelte breit. „Er hat nie aufgehört,

nach dir zu suchen. Und jetzt… hat er dich

gefunden.“

Die Schritte kamen näher. Langsam. Schwer.

Und dann erschien eine Gestalt am oberen

Ende der Treppe.

Clara wich unwillkürlich zurück, bis sie Leons

Brust spürte. Seine Hände legten sich an ihre

Schultern, fest, schützend.

Der Mann im Treppenaufgang trat ins Licht.

Claras Bruder.

Blass. Abgemagert. Die Augen dunkel, leer und

doch voller etwas, das Clara nicht einordnen

konnte.

„Hallo, Schwester“, sagte er.

Clara fühlte, wie ihr die Knie nachgaben. Leon

fing sie sofort auf, seine Arme um sie gelegt,

warm, stark, ein Anker inmitten des Chaos.

„Das… das kann nicht sein“, flüsterte sie.

Ihr Bruder lächelte. „Doch, Clara. Ich bin

zurück. Und du wirst mit uns kommen.“

Leon stellte sich vor sie, sein Körper wie ein

Schild. „Über meine Leiche.“

Der Mann im Schatten lachte leise. „Das lässt

sich einrichten.“

Ein weiterer Blitz erhellte den Dachboden –

und in diesem Moment sprang Claras Bruder

vor.

16

Claras Bruder sprang vor, schneller, als sie es

je von ihm gekannt hatte. Leon reagierte

instinktiv – er riss Clara zur Seite, sein Arm fest

um ihre Taille, während der Körper ihres

Bruders nur knapp an ihnen vorbeischoss und

gegen einen alten Schrank prallte.

Das Holz splitterte. Der Dachboden erzitterte.

Clara keuchte, ihr Herz raste. Leon hielt sie

noch immer, sein Atem warm an ihrem Hals,

seine Stimme ein raues Flüstern. „Bist du

verletzt?“

Sie schüttelte den Kopf, unfähig zu sprechen.

Seine Nähe war ein Anker – und gleichzeitig

ein Feuer, das sie kaum kontrollieren konnte.

Ihr Bruder richtete sich langsam auf. Sein Blick

war leer, aber etwas darin flackerte – Schmerz,

Wahnsinn, Erinnerung. „Clara… du hättest

mich nicht allein lassen dürfen.“

Clara trat einen Schritt vor, obwohl Leon sie

zurückhalten wollte. „Ich habe dich nicht

verlassen. Du bist verschwunden. Du hast uns

alle zurückgelassen.“

„Weil er es wollte!“ Ihr Bruder zeigte auf den