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Schreiben als Therapie - Der Verlust eines Menschen wird zum Ausgangspunkt für Erinnerungen und allgemeine lebensphilosophische Reflexionen
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Seitenzahl: 38
Veröffentlichungsjahr: 2022
Still und leer
Still der See,
kein Trauen mich trägt.
Still der Wald,
kein Reuen mich schont.
Still das Haus,
kein Bleiben sich lohnt.
Still das Herz
in Wehmut nur schlägt.
~
Kühl der See,
aus immergleicher Welle kein Märchen entspringt.
Fremd der Wald,
aus vergessenen Gräbern schweigt zerbrochener Schild.
Leer das Haus,
aus längst verwaisten Mauern steigt verblassendes Bild.
Armes Herz,
dein banges Hoffen nur in ruhlose Zeiten versinkt.
für Karola
Wenn der Tod uns weckt
Erinnern – Nachdenken – Schreiben
Das Verlorene als das Bleibende
Begegnungen mit Deutungen
Der Vogel Einsamkeit
Epigramme, vorwiegend ernst
Meine Antinomie: Wenn ich zu mir komme, bin ich bei ihr.
Erst seit ihrem Tod und in dessen Banne stehe ich unter einer Art Schreibzwang, ohne mich deshalb aber als Autor zu fühlen. Ein solcher Zwang wird auch von wahren Schriftstellern berichtet. Wie groß muss ihre innere Not sein, obgleich doch alles um sie herum lebt. Zumindest in den meisten Fällen.
Mein Schreiben ist Trost suchen. Ist Herbeirufen von Erinnerung. Ist Widmung. Ist Lastenausgleich. Ist ein letzter Versuch.
Als sprach-germanistische Frage: Warum beschreibe und erforsche ich immer aufs Neue meine seelische Lage? Benennen, so scheint es, hat etwas von binden und bannen. Offenbar helfen sich benachbarte Wörter untereinander.
Welche Möglichkeiten in unserer Sprache liegen! Nur ein kleiner Schritt in der Wortbildung, aber ein großer Schritt in der Menschenbildung. Wörter, die ein Versprechen, eine Verheißung in sich bergen, lassen sich, um ein Geringes ergänzt, zur Vollendung, zur Wahrheit führen. Buße bezeugt sich durch die Einbuße, die man auf sich nimmt. Eine Kehre beglaubigt sich durch die innere Einkehr. Mut erhöht sich durch Demut, das Richtige durch das Aufrichtige, das Wissen durch das Gewissen.
So zwiespältig sein Ruf auch ist, das leicht schlechte Gewissen darüber, dem anderen nicht vollkommen, nicht fehlerlos gegenüber zu treten, kann zwei empfindsame Menschen sehr eng und für immer aneinander binden. Dies vielleicht ein Vorteil gegenüber den gewissenlosen.
Dank eines befreundeten Professors (in dieser Zunft weiß man halt, wo etwas steht: Forming a story: The health benefits of narrative. Journal of Clinical Psychology 55,10,1243-1254) habe ich es nun Schwarz auf Weiß und sogar auf Englisch, dass Schreiben als Therapie angesichts meines Schicksalsschlages nicht nur als legitim angesehen, sondern sogar wissenschaftlich anerkannt wird. Möchte man da nicht für eine Sekunde den Gedanken anschließen, dass, wenn alle Menschen schrieben, die ganze Welt genesen könnte?
Nun las ich es bei einem anderen und hätte es doch gern als Erster gesagt (als Erkenntnis meines Lebens): Über dem Ich schwebt nicht das Über-Ich, sondern das Du.
Wie weit ist es eigentlich von diesem Du dann noch zu Gott? Unser Gott begann, wenn ich es recht sehe, als Übervater eines auserwählten Volkes, dann wurde er menschheitlichuniversell, und ich bin so vermessen, ihn zu individualisieren: Der Einzelne schafft sich seinen Gott selbst – als Gesprächspartner, der zuhört, der verzeiht, der mit Strafe droht, der ermutigt, der erlöst. Mit anderen Worten: der ein menschenwürdiges Leben auch in der Einsamkeit, in der Verzweiflung, im Leiden, in der Ratlosigkeit ermöglicht. Ob es ihn ›objektiv’ gibt, also, wie wir gelernt haben, unabhängig und außerhalb unseres Bewusstseins? Ich weiß es nicht. Ich baue darauf, dass es meiner bescheiden gewordenen Vernunft genügt, dass es Gott innerhalb meines Bewusstseins gibt. Vielleicht als Bote und Mittler zwischen mir und dem aufgestiegenen, über allem schwebenden Du.
Doch halt! Gott nur als Medium, bedeutet das nicht einen Schritt zurück ins Schamanisch-Vorgeschichtliche? Führt mich meine Suche nach sublimierender, gleichwohl lebendig-ursprünglicher Beziehung zu einer Verstorbenen nicht in die gedankliche Nähe eines archaischen Totenkultes? Nun, ich hoffe darauf, dass der christliche Gott Nachsicht übt und Geduld hat mit einem Suchenden und oft genug Irrenden.
Seit ihrem Tod schrecke ich vor nichts mehr zurück, nicht einmal vor der Erstürmung philosophischer Heiligtümer wie der Hegelschen Dialektik von Herr und Knecht. Ich stelle sie durch mein Beispiel auf den Kopf. Kehrt bei dem Philosophen der Knecht das Verhältnis der Abhängigkeit durch sein Tätigsein und die damit verbundene Selbstbildung um und wird selber Herr, so bin ich, der ich mich über vier Jahrzehnte als Herr dünkte, durch mein Tätigsein, die innere Trauerarbeit und die damit verbundene Selbsterkenntnis, zum Knecht geworden, ihrem Knecht.
