Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Es gibt Nächte, in denen der Schleier zwischen der Welt der Lebenden und der, in welcher die Toten zu Hause sind, sich ausdünnt und schließlich fällt. Deshalb geschehen in der Hallowe'ennacht seltsame Dinge. "Wenn der Weltenschleier fällt" erzählt von drei Geistern, die herüberkommen. Sydney wartet auf sein nächstes Opfer. Fiete und Mette fassen einen gruseligen Plan und Raban braucht dringend deine Hilfe. Glaubst du an Tote, die unerkannt wandeln? Wie reagierst du, wenn diese mit dir in Kontakt treten?!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 67
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Jasper John
Sydney
Jessica John
Alberne Liebeleien in der Samhainnacht
Jasper John
Raban
Danksagung
Vorankündigung
„Frau Mond trägt schwarz“ Hexengeschichten zu Hallowe'en
Für dieses Hallowe'en1 hatten wir uns etwas Besonderes vorgenommen: Wir wollten das Haunted House auf der Airbase Ramstein besuchen. Die ganze Clique hatte auf einer bekannten Videoplattform diverse Clips zu der Location gesehen, bei denen ich mich mordsmäßig erschreckt hatte, obwohl ich sonst selten Angst verspüre. Zu unserem großen Pech waren auch heute nur US-Bürger dort zugelassen, weshalb wir enttäuscht abzogen. Aber auf eine zweibrücker Party wie letztes Jahr mit Horrorfilmen auf Blue-Ray gepaart mit Unmengen Süßkram und Knabbereien hatte keiner Lust. Am wenigsten ich, denn mit dem Spukhausbesuch wollte ich mich unauffällig an Robin ranschmeißen. Der Plan war, zu erschrecken und mich dann an ihn zu kuscheln bzw. direkt in seine Arme zu hüpfen. Filme machen mir dazu nicht genug Angst.
Fast hätte ich mein Vorhaben in den Wind geschossen, als Amelie, die mit ihrem Tim vorneweg lief, laut quietschend auf einen Aufsteller deutete. Das Plakat pries das nächste Haus als ultimativen Grusel mit Gänsehautgarantie selbst für Hartgesottene an. Von außen wirkte es bereits einladend. Die von Dreck blinden Fensterschreiben waren zum Teil zerbrochen und das flackernde Kerzenlicht von drinnen konnten wir nur erahnen. Die Spinnweben außen an der Tür waren genauso echt wie ihre Bewohnerinnen. Echt klasse gemacht! Weil die anderen es genauso sahen, entschlossen wir uns zu einem Besuch.
Die Eingangstür knarzte herrlich alt, als wir leicht angespannt in die Eingangshalle traten. Denn jeder erwartete einen Monsterdarsteller in den dunklen Ecken. Doch vorerst kam keiner.
Wir hatten Zeit, uns umzusehen. An den Wänden der Halle, dort, wo noch Tapete hing, flackerten Kerzen mit hübschen Mustern. Diese beleuchteten ein paar blinde Spiegel.
„Schau doch mal rein! Wetten, du erschrickst, wenn da ein Hologramm auftaucht?“, stichelte Robin.
Ich ließ mich provozieren. Deshalb schlug ich vor, dass wir uns aufteilten: Robin und ich sowie Amelie und Tim. Auf diese Weise hoffte ich, dass ich mit meinem Mut überzeugen würde.
Jedes Paar wählte eine der vielen Türen. Der Raum, den wir betraten, war dominiert von Treppen aller Art. Es gab welche aus dunklem Holz, mit kunstvoll gedrechseltem Geländer, aus Stein. Die durchzogen das ganze hohe Zimmer bis unters Dach. Vom Boden selbst sah ich wenig, denn ich stand auf einer Galerie und mein Blick war durch das Wirrwarr von Stufen verdeckt. Wendeltreppen, löcherige Hängebrücken, Strickleitern, Freitreppen, helle Holztreppen, glänzend gewachst. Dass es hier nichts außer Treppen gab, war seltsam. Dass diese sich auch noch bewegten wie in einem meiner Lieblingsbücher, setzte dem Ganzen die Krone auf. So hätte es sein können, wenn ich mich über den Seitenhieb auf den Zauberlehrling gefreut hätte.
Stattdessen beschwerte ich mich darüber, weil ich fürchterliche Höhenangst habe. Ich stand also auf der Galerie, deren Eisengitter mich vorm Hinabstürzen schützte, während mein Unterbewusstsein mir meinen eigenen Tod auf dem Boden vorgaukelte. Diese Tagtraumbilder schnürten meinen Magen so lange zusammen, bis ich mich zur nächsten Wand schleppte. Zur Beruhigung drückte ich meine Wange gegen das unverputzte Gemäuer.
Robin lachte mich aus. Ich sah nur noch, dass er über das Geländer auf eine Wendeltreppe kletterte. Er forderte mich zum Mitkommen auf, aber ich war wie gelähmt. Deshalb ließ ich mir sogar die Gelegenheit, seine Hand zu halten, entgehen. Mein Gesicht drückte ich noch immer an die Wand. Die Kälte tat so gut. Denn sie zog die Hitze der Panik aus meinen glühenden Wangen. Das wiederum beruhigte mein bis zum Hals schlagendes Herz.
Robins Schritte verhallten unter mir. Eine Zeit lang hörte ich, dass er Türen öffnete. Nach dem Knarren der Haustür war es still. Erst jetzt rappelte ich mich auf. Mein tiefes Atmen hatte die Panik weggeblasen. Ich lauschte. Nichts war zu hören. Kein einziger Laut außer meinem eigenen Atem.
Wo ist Robin? Scheiße noch mal! Gerade waren wir beieinander! Lässt er mich echt alleine? Ist er rausgegangen? Die anderen auch? Die werden sich totärgern, wenn ich hier heute Nacht ein Abenteuer erlebe und sie Schiss hatten, in diesem Spukhaus zu bleiben!
Die Aussicht auf ein besonderes Erlebnis, mit dem ich vor meiner Clique schwärmen konnte, half mir wieder auf die Beine. Langsam stemmte ich mich auf die Knie. Die wackelten immer noch angesichts des nahen Abgrunds. Trotzdem nahm ich allen Mut zusammen und schleppte mich zum Geländer der Galerie zurück. Sofort vereinnahmten mich die Treppen wieder mit ihrer architektonischer Schönheit und den grazilen Bewegungen. Ich beobachtete das Schauspiel eine Weile.
Währenddessen ratterte mein Kopf ununterbrochen, weil ich versuchte, ein System hinter den Bahnen der Treppen herauszufinden. Diese Aufgabe lenkte von der Höhenangst ab. Derjenige, der dieses Haus erschaffen hatte, war ein brillanter Künstler gewesen.
Aber konnte eine einzige Person das gestaltet haben? Diese Überlegung veranlasste mich zu einem vorsichtigen Blick durch den Raum. Dieser zeigte mir, dass die Treppen, die anmuteten, als habe jemand sie aus allen Jahrhunderten herausgeschnitten und hier eingefügt, nicht zu dem Industrieschick des Rests passen wollten. Wie die Wand hinter mir, waren auch die übrigen grau und schmucklos.
Die Treppen, unglaublich! Diese ganze Feinmechanik ist klasse. Aber der Rest ist bisher recht lieblos. Da fehlen die Bilder der hingerichteten Ahnen, die beim Hinsehen ein Geheimnis preisgegeben, dass dich zucken lässt. Ich entwerfe nur Bühnenbilder fürs Schultheater, aber ich hätte 1000 Ideen, wie man dieses Zimmer grausiger gestalten könnte!
Meine Überlegungen nahmen mich regelrecht gefangen. Sie setzten meine Neugier wieder frei, die hinter der Höhenangst zurückgetreten war. Von ihr geleitet, entdeckte ich eine Öffnung im Geländer der Galerie. Diese schirmte mich nicht völlig vom Abgrund ab, sondern erlaubte mir den Zugang zu den schwebenden Stufen. Vor dem ersten Schritt zitterte ich noch. Doch sobald beide Füße auf den Stufen standen, ging es, bis wieder ein Übertritt anstand. Aber trotz aller Anstrengung gelang es meiner Angst nicht, diese Entdeckungstour zu beenden. Gerade hatte ich eine Hängebrücke betreten, die ekelhaft schlingerte, als ich etwas in den Augenwinkeln bemerkte.
Was war das? Bin ich doch nicht alleine hier?
Ich beeilte mich die schwankenden Bretter zu verlassen. Eine ausgediente Freitreppe gab da mehr Sicherheit, damit ich mich ohne Sturz umsehen konnte. Ich hielt mich also an dem kalten Marmor des gemeißelten Handlaufes fest. So gesichert, wagte ich einen Blick über den Raum. Hatte ich die Bewegung am gegenüberliegenden Ende nur geträumt?
Endlich mal ein Trick, der einem Gänsehaut verschafft! Klasse gemacht! Weiter so!
Da war es schon wieder! Ein Windhauch. Ich drehte mich in die Richtung, aus der er gekommen war und konnte gerade noch rechtzeitig eine Bewegung wahrnehmen. Dieser ebenfalls folgend entdeckte ich den Verursacher. Auf dem Geländer der gegenüberliegenden Treppe balancierte eine seltsame Gestalt. Der Rücken war gekrümmt, die Beine angewinkelt und die zu langen Arme baumelten gegen den Stein. Das erinnerte mich an einen Orang-Utan mit dem hübschen Gesicht eines jungen Mannes um die zwanzig. Die Zusammenstellung faszinierte mich so sehr, dass ich die Gestalt einfach anstarrte.
„Hey, cool! Hier gibt’s sogar Schauspieler!“, rutschte es mir heraus.
Obwohl ich mir sicher war, dass der Typ mich längst bemerkt hatte, tat der Kauernde so, als hätte er gerade gesehen, dass jemand den Raum betrat. Mit einem erstaunten „Oh, hallo!“ kam der Schauspieler zu mir herüber.
Seine Bewegungen ähnelten wirklich denen eines Affen, denn der Mann hüpfte und hangelte sich mit seinen langen Armen geschickt von Treppe zu Treppe, bis er bei mir angelangt war. Dafür erntete der Typ meinen begeisterten Applaus. Aus der Nähe sah sein Gesicht noch besser aus.
Fasziniert konnte ich nicht an mich halten und platzte ein „Wenn du den Glöckner spielen sollst, bist du aber nicht hässlich genug! Dazu bräuchtest du Schminke!“ heraus. Beschämt schlug ich mir die Hände vor den Mund. „Das war nicht okay. Das war frech. Sorry. Wen stellst du da?“
