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Wie im Himmel so auf Erden Andrea und Noemi sind Engel. Sie lieben sich auf vollkommene Weise. Als die anderen Himmelsbewohner mit Neid auf ihr Glück reagieren, schließen sie eine Wette ab: Wenn Andrea und Noemi es schaffen, auch auf der Erde zueinanderzufinden, soll ihre Liebe im Himmel künftig als Vorbild dienen. Wenn nicht, verlieren sie einander für immer. Und so werden die beiden als Menschen wiedergeboren. Doch bevor Paolo und Francesca ein Paar werden, müssen sie viele Hindernisse überwinden …
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Nicola Morgantini
Wenn Engel lieben
Roman über die nicht ganz perfekte Liebe
Aus dem Italienischen von Christine Gräbe
Ihr Verlagsname
Wie im Himmel so auf Erden
Andrea und Noemi sind Engel. Sie lieben sich auf vollkommene Weise. Als die anderen Himmelsbewohner mit Neid auf ihr Glück reagieren, schließen sie eine Wette ab: Wenn Andrea und Noemi es schaffen, auch auf der Erde zueinanderzufinden, soll ihre Liebe im Himmel künftig als Vorbild dienen. Wenn nicht, verlieren sie einander für immer. Und so werden die beiden als Menschen wiedergeboren. Doch bevor Paolo und Francesca ein Paar werden, müssen sie viele Hindernisse überwinden …
Nicola Morgantini stammt aus Grosseto, Italien, und hat bereits mehrere Erzählungen geschrieben. «Wenn Engel lieben» ist sein erster Roman.
Die zwei Neugeborenen schlummerten unter den neugierigen Blicken ihrer Elternpaare in den Bettchen der Säuglingsstation. Niemand im Raum ahnte, was kurz zuvor in der Welt der äußeren und inneren Vollkommenheit passiert war. Auch die beiden Kleinen wussten nicht, dass sie auf der Erde waren, um eine schwierige Aufgabe zu erfüllen.
«Und, wie soll die Kleine heißen?», fragte die Hebamme die Mutter des Mädchens.
«Francesca, nach der Großmutter meines Mannes.»
Der Vater des Mädchens nickte. Rechtsanwalt Aurelio Pinzi war kein Mann großer Worte.
«Und Ihrer?», fragte die Hebamme die Eltern des Jungen.
«Wir wissen es noch nicht. Roberto vielleicht, oder Luca», antwortete die Mutter.
«Oder Giuseppe», ergänzte der Papa.
Francesca wurde in eine der angesehensten Familien der Stadt hineingeboren. Ihr Großvater war über viele Jahre Bürgermeister gewesen, und ihrem Onkel gehörte das «Belfiore», eine Privatklinik der gehobenen Klasse. Ihr Vater war ein strenger Mann, unnachgiebig sich selbst und anderen gegenüber. Seine stattliche Erscheinung und seine schroffe Art flößten den meisten Leuten Angst und Respekt ein.
Francescas Mutter dagegen, Signora Carla Pinzi, war eine ansprechende, zierliche Person, sehr religiös und auf Etikette bedacht. Sie kümmerte sich um den Haushalt und ihre beiden anderen Töchter, die neunjährige Matilda und die sechsjährige Adriana. Die beiden Mädchen waren sehr artig und stets hübsch gekleidet. In ihrer Freizeit widmete sich Signora Carla verschiedenen Ehrenämtern. Und obwohl sie bereits über vierzig war, hatte sie sich für eine weitere Schwangerschaft entschieden, ihrem Mann zuliebe, der sich so sehnlich einen Stammhalter wünschte. Aber auch diesmal hatte sie keinen Jungen bekommen.
Paolos Eltern (überraschenderweise entschieden sie sich für diesen Namen) waren aus ganz anderem Holz geschnitzt. Der Vater, Franco Frotta, war schon unzähligen Berufen nachgegangen und kokettierte mit seinen fast vierzig Jahren gerne damit, dass er einfach noch nicht wisse, was er werden wolle, wenn er groß sei. Er hatte unter anderem als Spediteur, Spirituosen-Vertreter, Handelsreisender und Finanzberater gearbeitet. Ein Jahr bevor Paolo auf die Welt kam, hatte er eine Boutique eröffnet und kurz darauf Konkurs anmelden müssen. Nun saß er auf einem großen Schuldenberg. Paolos Mutter Giulietta verdiente ein bisschen Geld, indem sie bei zwei Familien im Haushalt half und das Treppenhaus eines Mietshauses putzte. Sie war eine unglückliche Frau, die nicht besonders auf ihr Äußeres achtete und in ihrer Freizeit Groschenromane und Klatschblätter verschlang. Paolo war das erste Kind der beiden und alles andere als ein Wunschkind. Er war das Ergebnis eines misslungenen Coitus Interruptus.
Aus der Welt der äußeren und inneren Vollkommenheit hatte der Älteste der Engel Andrea und Noemi mit deutlichen Worten verabschiedet: «Ihr werdet zwei ganz normale Menschen sein. Jeder von euch wird sein eigenes Leben führen und andere Erfahrungen machen. Ihr werdet eure eigenen Entscheidungen treffen und Wege einschlagen, die eine Begegnung zwischen euch erschweren werden. Vielleicht verliebt ihr euch sogar in jemand anderen oder sterbt, bevor ihr eure Aufgabe erfüllt habt.»
Um ihre nunmehr menschliche Natur zu besiegeln, wies der Älteste jedem von ihnen einen Schutzengel zu, der auf sie aufpassen sollte. Weil er ihr Vorhaben sehr mutig fand, gewährte er ihnen als Zeichen seiner Anerkennung außerdem einen einzigen Vorteil, nämlich den, am selben Tag und in derselben Stadt zur Welt zu kommen. Nicht mehr und nicht weniger. Alles andere entschied das Schicksal.
«Schau nur! Schau nur, wie niedlich die beiden sind!», rief Engel Margherita entzückt und deutete auf die selig schlafenden Babys Paolo und Francesca.
«Ja, da hast du recht! Sie schlafen, wenn sie müde sind, sie essen, wenn sie Hunger haben, und wenn ihnen gerade danach ist, dann weinen oder lachen sie. Eigentlich sollten die Menschen für immer Kinder bleiben», meinte Engel Celestino.
«Aber dann bräuchten sie uns ja gar nicht mehr.»
«Das wäre doch auch besser!»
Drei Tage verbrachten die beiden Babys auf der Säuglingsstation. Drei Tage lang schliefen und schrien sie nebeneinander und wurden Seite an Seite gestillt.
Dann, am Nachmittag des dritten Tages, wurden sie voneinander getrennt. Francescas Mutter wickelte die Kleine mit Hilfe ihres Dienstmädchens in eine bestickte Decke, legte sie in den Kinderwagen und machte sich auf den Weg in Richtung Ausgang, wo ihr Gatte auf sie wartete.
«Auf Wiedersehen, Signora Frotta. Es hat mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich wünsche Ihnen alles Gute und würde mich freuen, Ihnen mal wieder zu begegnen. Und geben Sie dem kleinen Paolo einen Kuss von mir!»
«Ja, auf bald hoffentlich.»
Sie sahen sich nie wieder. Paolos Mama putzte weiter Treppenhäuser und las Groschenromane, und Francescas Mutter kümmerte sich um den Hunger in der Welt und einsame alte Menschen. Paolos Papa Franco Frotta wechselte weiterhin die Berufe und häufte Schulden an, während Francescas Vater, Rechtsanwalt Pinzi, nicht nur seine Fälle, sondern auch an Einfluss in der Stadt gewann.
Zum ersten Mal wurden die Lebensgeister in den kleinen Körpern von Paolo und Francesca voneinander getrennt.
Es war buchstäblich Liebe auf den ersten Blick, als Andrea und Noemi sich bei den Wäldern der sprechenden Pflanzen zum ersten Mal begegnet waren: Sie sahen sich in die Augen, berührten sich, und ihre Körper verströmten eine Energie, die sie unwiderstehlich zueinander hinzog. Ein einziger Kuss genügte, um sie wunschlos glücklich zu machen. Die anderen erkannten sofort, wie außergewöhnlich diese Liebe war, neben der die der anderen Engel verblasste: Andrea und Noemi hoben das Ideal der vollkommenen Liebe auf ein nie gekanntes Niveau. Der Älteste, der in der Welt der äußeren und inneren Vollkommenheit mit Argusaugen über das Gleichgewicht zwischen der Tugendhaftigkeit und dem Gefühlsleben der Engel wachte, beobachtete ihr Verhältnis mehr als kritisch.
Ausgerechnet ihm und den anderen acht Weisen gegenüber brach es eines Tages aus Andrea heraus: «Noemi und ich können uns überall lieben! Unsere Liebe kennt keine Grenzen oder Regeln. Sie ist so stark und so rein, dass sie auch auf der Erde bestehen könnte!» Er sagte das, weil ihn die permanenten Ermahnungen des Ältesten wütend machten. Und irgendwie sagte er es auch, um ihn zu provozieren.
Noch nie zuvor wollten zwei Engel Mensch werden, um irgendetwas damit zu beweisen. Wenn Engel als Besucher in menschlicher Gestalt auf die Erde gesandt wurden, dann nur, um mehr über das Gefühlsleben der Menschen zu erfahren und über den Einfluss, den sie als Engel darauf haben. Sie wollten sich damit aber nicht zur Schau stellen, sondern betrachteten ihren Einsatz vielmehr als großes Opfer. Schließlich verlässt niemand freiwillig die Welt der äußeren und inneren Vollkommenheit, um sich mit irdischen Angelegenheiten herumzuschlagen.
Weil also noch nie jemand darum gebeten hatte, auf die Erde hinabzusteigen, und sich die Weisen immer an das hielten, was ihnen der Brauch vorschrieb, nahmen sie – nach einem kurzen Augenblick der Verwunderung – Andreas Ausbruch nicht weiter ernst.
Der Älteste aber erkannte, dass sich ihm die einmalige Gelegenheit bot, das «Problem» elegant aus der Welt zu schaffen. Er konnte Andrea und Noemi schlecht befehlen, sich mit Rücksicht auf die anderen Engel weniger zu lieben. Aber wenn die beiden von sich aus bereit waren, ihre Leidenschaft zu zügeln oder, noch besser, die Welt der äußeren und inneren Vollkommenheit zu verlassen, würde er sich ihnen bestimmt nicht in den Weg stellen. Er brachte seine ganze Redekunst auf, um die Weisen davon zu überzeugen, dass sie Andreas und Noemis Wette schon deshalb annehmen könnten, weil so etwas noch nie vorgekommen und daher auch nicht verboten war.
Kurz und gut, er stellte all die traditionellen Ansichten auf den Kopf und beendete seinen langen Vortrag mit den feierlichen Worten: «Erst wenn wir Andreas und Noemis Vorschlag stattgeben, können wir darüber entscheiden, was in Zukunft Brauch sein soll.»
Die Mehrheit der Weisen hatte dagegen nichts einzuwenden. Nur Margherita war nicht einverstanden. Sie sah nicht ein, dass zwei füreinander bestimmte Engel riskieren sollten, sich für immer zu verlieren, wenn es dabei rein gar nichts zu gewinnen gab. Nach einigem Hin und Her schlug sie daher einen Kompromiss vor: Sollten Andrea und Noemi scheitern, dürften sie auch in der Welt der äußeren und inneren Vollkommenheit nicht mehr zusammen sein. Sollten sie aber ihre Wette gewinnen, würde ihre Liebe zum Vorbild für die Engel und die Menschen erklärt.
Es ging also plötzlich nicht mehr nur um zwei Störenfriede, sondern um ein neues Ideal der Liebe. Ein Ideal, das die Welt der äußeren und inneren Vollkommenheit und die dort herrschende Ausgewogenheit von Tugendhaftigkeit und guten Gefühlen unwiderruflich ins Wanken bringen könnte. Der Älteste konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen. Dennoch stimmte er dem Kompromiss zu. Er war davon überzeugt, dass Andrea und Noemi auf der Erde schnell aus ihrem hehren Wunschtraum erwachen würden. Dann würde unter den Engeln wieder Ordnung herrschen. Auch die anderen Weisen nahmen den Vorschlag bedingungslos an. Andrea und Noemi, die die Debatte abseits verfolgt hatten, verspürten plötzlich das starke Bedürfnis, weit weg zu fliehen. Sie erkannten, dass sie zu weit gegangen waren und jetzt nicht mehr zurück konnten, ohne dabei selbst ihre Liebe infrage zu stellen.
Sie baten um ein wenig Zeit zu zweit.
«Gerade noch haben wir uns geküsst, und jetzt …», sagte Noemi.
«Ich verspreche dir, wir werden uns noch einmal begegnen und erneut ineinander verlieben. Das wird wunderschön, glaub mir. Unsere Liebe wird ein zweites Mal geboren. Ich verspreche es dir, Noemi.»
«Bitte küss mich … ich habe solche Angst.»
Andrea und Noemi küssten sich und nahmen einander in die Arme.
Die Abschiedszeremonie fand auf der Festwiese der universellen Eintracht statt. Alle Engel aus der Welt der äußeren und inneren Vollkommenheit waren anwesend. Keiner hatte so richtig verstanden, warum Andrea und Noemi auf die Erde wollten und ihnen eine so furchtbare Strafe drohte, falls sie dort versagten. Auch die Dauer ihres Aufenthalts war niemandem klar.
Alle aber wussten, dass Andreas und Noemis Liebe für jeden von ihnen zum Maßstab werden würde, sollten sie sich auf Erden tatsächlich wieder ineinander verlieben. Ihnen war klar, was für ein schwer zu erreichendes Vorbild das sein würde. Aber trotzdem hofften sie, dass die beiden es schafften. Nach einer kurzen Ansprache befahl der Älteste, man möge mit der Abschiedsprozedur beginnen. Andrea und Noemi hielten sich ein letztes Mal in den Armen, und es entströmte ihnen so viel Energie, dass alle Anwesenden davon erfasst wurden. Im selben Augenblick verliebten sich auf der Erde Millionen von Männern und Frauen ineinander. Andrea und Noemi verloren nach und nach das Bewusstsein. Dann waren sie weg.
Paolo und Francesca wuchsen in unterschiedlichen Gegenden auf und besuchten andere Kindergärten und Schulen. Obwohl sie das Nesthäkchen der Familie war, wurde Francesca keineswegs verwöhnt. Ihr Vater hatte hohe Ansprüche an seine Töchter und gestand ihnen nur wenig Raum für Eigen- oder Leichtsinn zu. Auf diese Weise entwickelte Francesca ein ausgeprägtes Pflichtgefühl und ein ebenso starkes Schuldbewusstsein. Allen wollte sie es recht machen: Eltern, Schwestern, Freunden, Lehrern, Professoren und dem Pfarrer.
Sie war eine sehr gute Schülerin, half fleißig im Haushalt, war immer pünktlich und ging regelmäßig in den Gottesdienst – ein Mädchen wie aus dem Bilderbuch. Doch die Angst, den Erwartungen nicht gerecht zu werden, ließ Francesca ernster und älter wirken, als sie war. Schon mit fünfzehn redete sie wie eine Erwachsene und benahm sich auch so. Ihre einflussreiche Familie gab ihr zwar Halt und Geborgenheit, verlangte ihr aber auch viele Pflichten und Opfer ab. Francesca hockte fast immer über ihren Büchern. Sie verließ das Haus nur selten, und wenn, dann stets in Begleitung ihrer Eltern, ihrer Schwestern oder, in seltenen Fällen, einer ihrer Klassenkameradinnen, besuchten diese sie sonntagnachmittags. War sie mit einer Freundin unterwegs, durfte sie sich nicht zu weit von zu Hause entfernen und keine Minute später als verabredet zurück sein.
Paolo hingegen war ein Junge, der ständig in Schwierigkeiten steckte. Sein Vater, bis über beide Ohren verschuldet und mit seinen Gläubigern auf den Fersen, machte sich aus dem Staub, als Paolo gerade mal drei Jahre alt war. Seine Mutter hatte ihre Müh und Not, ihn alleine großzuziehen. Die Atmosphäre, in der er aufwuchs, war von ständiger Ungewissheit geprägt und vom Groll, den seine Mutter dem Leben gegenüber hegte. Giulietta Manca, geschiedene Frotta, verbrachte ihre Tage damit, ihrer viel zu kurzen Jugend nachzutrauern und den Mann zu verfluchen, der sie hatte sitzen lassen.
In Paolos Leben gab es keinerlei Bezugspunkte oder Vorbilder. Er war sehr klug, aber unsicher und zart besaitet. Als kleiner Junge versuchte er, seine Schüchternheit hinter Prahlerei zu verstecken. Er sehnte sich nach Aufmerksamkeit und Bewunderung, wollte den anderen beweisen, wie mutig und stark er war, und stellte deshalb viele dumme und gefährliche Sachen an. Einmal balancierte er auf dem maroden Geländer im Hinterhof und jagte den Nachbarn damit einen Riesenschreck ein. Er markierte den harten Kerl, war aber schon beim kleinsten Anlass verletzt und brach schnell in Tränen aus. Er weinte, wenn seine Mutter ihm erzählte, wie sein Vater ihr Leben ruiniert hatte. Er weinte, wenn sie weinte. Und er weinte, wenn er sich mal wieder wünschte, so zu sein wie die anderen Jungen. In der Schule war er unkonzentriert und ließ sich leicht ablenken. Er kam trotzdem mit, weil er sehr intelligent war. Und weil er es liebte zu schreiben. Auf diese Weise konnte er seine Gefühle ausdrücken. Er verfasste ein paar Gedichte, vor allem aber kurze Erzählungen, in denen immer das Gute siegte. Niemand bekam diese Geschichten zu lesen, die in einer alten Tasche unter seinem Bett vor sich hin gilbten. Sie jemandem zu zeigen hätte bedeutet, zu offenbaren, dass es hinter der harten Schale einen weichen Kern gab.
Paolo und Francesca folgten in ihrem Leben ganz unterschiedlichen Pfaden.
Francesca ging auf exklusive Schulen und verkehrte in jenen vornehmen Kreisen, in denen der Schein mehr gilt als das Sein. Ihre Welt war Lichtjahre von Paolos Welt mit dem Bolzplatz, der Piazza und der Spielhalle entfernt.
Im Lauf der Zeit legte Paolo immer mehr das typische Verhalten eines Rebellen an den Tag. Er begann, Vorschriften und die Angepasstheit der Leute zu verachten. Sein Wunsch, wie die anderen zu sein, kehrte sich in Ablehnung all dessen, was er nicht sein oder haben konnte. Er mochte sie nicht leiden, diese anständigen Jungs mit ihrer ordentlichen Kleidung und ihren glänzenden Schuhen, ihren sportlichen Müttern und humorvollen Vätern und ihrer Art, auf der Straße immer zuvorkommend zu grüßen. Zu Hause gab es unentwegt Streit, und in der Schule wurde er immer fauler. Er prügelte sich oft und kleidete sich schlampig. Geschichten schrieb er keine mehr.
Der achtzehnte Geburtstag von Paolo und Francesca war ein ganz besonderer Tag.
Francesca hatte soeben ihre Prüfungen glänzend bestanden, und ihre Eltern richteten ihr in ihrer Villa am Meer ein rauschendes Geburtstagsfest aus. Zugleich feierten sie Francescas Entschluss, Medizin zu studieren: Ihre Tochter würde einmal in die Fußstapfen des Onkels treten. Ihre ältere Schwester war Notarin geworden, und Adriana würde demnächst ihr Studium der Geisteswissenschaften abschließen. Alles verlief exakt nach Rechtsanwalt Pinzis Plan. Außer der einen oder anderen Freundin Francescas war eine ganze Menge wichtiger Leute zu dem Fest gekommen. Und Francesca zeigte sich dieser Situation durchaus gewachsen.
Sie trug ein knappes pfirsichfarbenes Kleid, am Hals eine Perlenkette. Das hochgesteckte Haar und die zartgeschminkten Lippen verliehen ihrer mädchenhaften, ein wenig herben Schönheit den Charme einer reifen Frau.
Paolo hingegen verbrachte seinen achtzehnten Geburtstag ganz anders. Am Vorabend war er mit einem Freund in eine Kneipe im Stadtzentrum gegangen. Außer seinem Geburtstag und dem Schulabschluss feierte er auch seine glorreiche Heldentat, in Unterhemd, kurzen Hosen, Badelatschen und Sonnenbrille vor seinen Lehrern erschienen zu sein, was seinen Abschluss um mindestens eine Note nach unten getrieben hatte. Er trank sehr viel Bier, zu viel für ihn. Er wurde laut und beschimpfte die anderen Gäste. Schließlich griff der Wirt ein und gab ihm einen Kinnhaken. Da ging es mit Paolo durch. Er riss Tische um und warf Flaschen an die Wand. Die Polizisten, die kurze Zeit später eintrafen, hatten ihre Mühe, ihn ruhigzustellen und abzuführen. Den nächsten Tag verbrachte Paolo damit, seinen Rausch auszuschlafen und sich in der Zelle auf dem Polizeirevier zu übergeben. Am übernächsten Tag wurde er im Schnellverfahren zu einigen Monaten Haft auf Bewährung und zur Erstattung des angerichteten Schadens verurteilt.
Der Anblick von Paolo, der sich in einer Zelle übergab, und von Francesca, die auf ihrer Geburtstagsfeier Hände schüttelte und in die Runde lächelte, machte den Engeln das Ausmaß des tiefen Grabens deutlich, der sich in achtzehn Jahren auf der Erdoberfläche zwischen ihren beiden Mensch gewordenen Artgenossen aufgetan hatte.
«Musste es denn wirklich so weit kommen? Sieh dir die armen Seelen an: Beide sitzen sie in einem Käfig. Wie sollen sie das bloß schaffen? Wie sollen sie sich ineinander verlieben, wenn sie nicht einmal eine Chance haben, sich kennenzulernen?», wandte sich Celestino fragend an Margherita.
«Wenn es nach mir gegangen wäre, müssten wir uns diese Frage jetzt nicht stellen, das kannst du mir glauben. Aber du darfst die Hoffnung nicht aufgeben. Ihre Liebe ist stark, sie kann alles überwinden.»
«Ja, natürlich, ihre Liebe. Ihre verlorene Liebe.»
«Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Das ist alles, was wir tun können.»
Trotz Margheritas aufmunternder Worte machten sich in der Welt der äußeren und inneren Vollkommenheit Wut und Zweifel breit. Außer Celestino äußerten mittlerweile auch viele andere Engel offen ihren Unmut. Enrica und Luna sprachen schließlich aus, was alle dachten: Sie bereuten, wie leichtfertig sie dem Ältesten zugestimmt hatten, und schlugen den Weisen vor, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken.
