Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Achtung: Lösungswege inklusive! Die inspirierte Erzählung gründet auf den persönlichen Erfahrungen der Autorin. Wer versteht schon wirklich, was in dem tiefen Abgrund einer depressiven Seele vor sich geht, wenn nicht der, der es selbst durchlebt hat und sich aus dem festen Griff dieser unheilvollen Krankheit hervorgewürgt hat? Peu a´peu die Schritte, ein endlos scheinender Weg, die Durststrecken grausam, die Einbrüche einsam: "Ich wünschte, sie alle könnten es verstehen - wirklich! verstehen, was mit mir los ist!" (vorher) Der Lesefluss ist nicht nur spannend und die Szenerie nicht nur monströs, es begegnen einem auch großes Theater, schallendes Gelächter und eine faszinierende Bandbreite psychologischer Raffinesse – ganz ehrlich: wie kann man die komplexe Welt unseres Inneren anders beschreiben als eine Wanderung? Der Leser und die Leserin werden bei dieser Lektüre jedenfalls weder rational davonkommen noch an der Sturheit blanker Psycho-Theorie vertrocknen. Und der O-Ton ist nicht nur überzeugend, sondern die Perspektive von Herzen erfrischend: „Opfer ist gestern! Heute ist gut!“ (nachher)
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 634
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Julia Lichtenberg
Wenn Enten auf Bäumen sitzen
Impressum
© tao.de in J.Kamphausen Mediengruppe GmbH Bielefeld
1. Auflage 2015
Autorin:
Julia Lichtenberg
Umschlag (Idee):
Julia Lichtenberg
Umschlag (Illustration):
Annette Rzepka (www.pintopaint.de)
Gestaltung Innenteil
und Umsetzung Umschlag:
Kerstin Fiebig
Verlag: tao.de, Bielefeld · www.tao.de · eMail: [email protected]
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN Paperback 978-3-95802-333-8
ISBN Hardcover 978-3-95802-334-5
ISBN e-Book 978-3-95802-335-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und sonstige Veröffentlichungen.
Im Jahre 2007 befanden
sich in meinem Gepäck viele Scherben,
die ich früh und tief aus meinem Herzen verbannt
und aus meinem Leben verdrängt hatte.
Jetzt hatte ich den Mut und die Kraft,
sie wieder hervorzuholen,
um sie einmal näher zu betrachten.
Als ich sie zusammenfügte,
entstand ein Bild, das mich zutiefst entsetzte.
Wie sollte ich es jemals schaffen,
damit richtig und gut umzugehen?
Schließlich erhielt ich drei Geschenke:
eine kluge Eingebung, eine glückliche Fügung
und die Hilfe von vielen freundlichen Menschen.
So schmolz ich die Scherben in einem reinigenden Feuer
und formte etwas neues daraus:
mein heutiges Leben.
Für Georgia und Ronald – und für mich
Inhalt
Micky
Der Verrat
Micky’s Omi
Überlebensversuche
Jingle und Bells
Das Scheitern
Thilda
Drei Jahre
Gott geht – Hexe kommt
Micky
In der Klinik
In der Gruppe
Tschüss Therapie!
Thilda
Die Schulzeit
Lernen für’s Leben
Hexe geht – Monster kommt
Der einsame Geburtstag
… der Wunsch zu sterben
… und die Erfüllung
Zurück ins Leben – Erster Versuch
Zurück ins Leben – Zweiter Versuch
Zurück ins Leben – Dritter Versuch
Der bittere Verrat
Eine weitere Erkenntnis
Weitergehen
Noch weiter gehen
Die bittere Wahrheit
Die Lösung winkt
Eine kleine Melodie
Micky
Die verrückte Idee
Meditativ auf Reisen
Micky und Thilda
Die Begegnung
Ahnungslosigkeit
Wenn Enten auf Bäumen sitzen
Gedanken werden Wirklichkeit
Die Angst erwacht
Hüterin des Tempels
Wahre Worte
Bewusste Schöpfung
T-Rex und Omi
Besuch vom Wicht
Märchentherapie
Alles nur Märchen
Acht auf einen Streich
Aufmucken
Verselbstständigte Figuren
Schluss mit Gruppe!
Der gestiefelte Kater
Micky und Thilda
Wessen Leben willst Du?
Die Federn und der Schmetterling
Der Torwächter
Die Dimension der Engel
Auf, auf, Ihr Ritter!
Thilda trifft Depri
Micky schlägt seine Angst
Das Schlimmste kommt noch
Der Platz der Vergebung
Thilda
Lebensscherben
Micky
Schritt für Schritt
Micky auf dem Herzensweg
Epilog
Nachwort
Micky
Der Verrat
Ich wuchs in einem Tollhaus auf. Meine Eltern waren noch sehr jung, als ich im Juli 1960 auf die Welt kam. Wir lebten in Hamburg in zwei Zimmern im oberen Bereich des herrschaftlichen Hauses meiner Großeltern. Während mein Dad mit seinem Studium anfing, arbeitete meine Mutter als Dienstmädchen in diesem Haus, was sie dort bereits vor meiner Geburt schon getan hatte. In der elternlosen Zeit wurde ich von meiner Großmutter hanseatisch erzogen, was bei ihr hieß: so wenig körperlichen Kontakt wie möglich, so viel Härte wie nötig. Offensichtlich war sie der Meinung, dass ich Letzteres ganz dringend brauchte. Dem stimmte auch der Admiral, mein Großvater, zu. Keine Ahnung, wieso er Admiral genannt wurde, denn mit der See ist dieser Mann niemals in Berührung gekommen. Er war viel zu sehr in die Juristerei verliebt. Der Admiral war ein brillanter Advokat. Er verpasste selten die Möglichkeit, mir Recht und Ordnung beizubringen.
Meine Eltern waren völlig anders. Sie wurden zunehmend von dem Hippie-Mainstream eingenommen und waren mit Leib und Seele anarchische Pazifisten. In der Gegenwart meiner Großeltern verstanden sie es allerdings, diesen Umstand zu verbergen, zu sehr waren sie von ihnen finanziell abhängig. Waren sie allerdings oben ungestört in den eigenen Räumen, ging in ihnen eine merkwürdige Wandlung vor. Sie legten ein komplett neues Verhalten an den Tag und sprachen auch eine ganz andere Sprache. Außerdem sagte ihnen das antiautoritäre Erziehungsmodell sehr zu und ich durfte in unseren Zimmern in ihrer Gegenwart schalten und walten, wie ich gerade wollte. Je älter ich jedoch wurde, um so mehr verunsicherte mich das Erziehungswirrwarr. Oben wurde mir alles erlaubt, ich durfte sogar mit dem Essen spielen. Hin und wieder brach das Animalische in mir durch und ich bewarf meine Mutter mit den Naturalien, was stets mit einem freudigen Aufschrei meiner Eltern begrüßt wurde. Sie ermutigten mich sogar zu diesen Eskapaden:
„Guck mal, wie süß er das macht. Ja, Micky, lass mal all deinen Aggressionen freien Lauf, damit aus dir ein friedliebendes Menschenkind wird!“
Unten im Haus wurden meine Aktivitäten in dieser Richtung ganz anders aufgenommen. Großmutter und der Admiral begegneten mir mit hanseatischer Strenge. Ich verstand die ganze Aufregung nicht, dachte ich doch, dass ich ihnen mit meinem Verhalten auch eine große Freude bereiten würde.
Wenn meine Eltern oben Sex hatten, war ich stets mit von der Partie, als passiver Dritter. Sie fanden das für meine Entwicklung natürlich und förderlich, wenn ich mit meinen Bauklötzen spielte und sie im selben Raum laut grunzend, eng umschlungen, auf und ab wippend ihrer gemeinsamen Liebe nachgingen. Als ich unten einmal freundlich nachfragte, ob meine Großmutter und der Admiral sich nicht auch körperlich näher kommen wollten, während ich ein bisschen malte, bekam ich eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Damals konnte ich diese Reaktion nicht begreifen, aber niemand fühlte sich bemüßigt, mir das näher zu erklären. Und wenn ich mich bei meinen Eltern über die Altvorderen beschwerte, erntete ich nur lautes Gelächter und die Worte, ich sollte mich von den alten Spießern nicht verunsichern lassen. Es war wirklich irritierend für mich. Oben durfte ich Worte von mir geben, die ich bei meinen Eltern aufgeschnappt hatte und die in meinen Ohren wunderbar klangen:
„Du bourgeoise Sau! Faschistenschwein! Kapitalisten-Arschloch!“ Ich erntete damit alle Lacher, sowohl von meinen Eltern als auch von ihren Freunden, die sie immer häufiger in unser kleines Reich anschleppten. Dort wurde diskutiert, geraucht, gekifft, gesoffen, gelacht und gelallt. Wenn ich meine verbale Show abzog, wurde ich von allen als das süßeste, kristallinste, lichtvollste Wesen auf der Erde bezeichnet. Ja, ich hörte sogar, wie ein Freund namens Hardy meinen Eltern leise zuraunte:
„Wenn der so weiter macht, dann wird er mal der 2. Jesus. Der Befreier der Unterdrückten, boah ey.“
Zwar verstand ich die Bedeutung dieser Worte nicht, aber sie gefielen mir sehr. Unten wollte ich meine Großmutter und den Admiral ebenso in tiefstes Entzücken bringen. Als mich meine Großmutter am Mittagstisch fragte, ob ich noch etwas Kartoffelbrei haben wolle, antwortete ich ihr selbstbewusst:
„Friss den doch selber, du spießige Faschistensau!“
Was danach folgte, war gar nicht lustig. Da half auch kein Jammern, dass ich doch der 2. Jesus war. Im Gegenteil, es verschlimmerte meine Situation.
An meinem achten Geburtstag wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass es sich leider um kein Versehen handelte, als meine Eltern mir damals den Namen Micky gegeben hatten. Der Name an sich stellte noch kein Problem dar, nur in Verbindung mit meinem Nachnamen bekam er für mich einen schlechten Beigeschmack. Mein Familienname ist Mäuschen. Stets erntete ich höhnisches Gelächter, wenn ich mich freundlich und artig irgendwo vorstellte. Anfangs wusste ich gar nicht, warum sich die Leute mir gegenüber so komisch verhielten. An diesem Geburtstag hatte auch ich es endlich begriffen, denn ich erhielt von meinen Eltern einen Comic mit meinem Fast - Namensvetter, dazu eine kleine, rote Hose mit Hosenträgern und zwei großen, gelben Knöpfen. Damit sollte ich nun rumlaufen und der verbohrten Spießer-Gesellschaft die Stirn bieten. Mein Name und dieses Outfit waren ihre Antwort auf das Establishment und ich gab mich damit komplett der Lächerlichkeit preis. Ich wurde schon damals von meinen Klassenkameraden gehänselt, aber an diesem Tag lachten mich auch meine Lehrer aus. Ich war Micky Mäuschen und ein Witz. Es fiel mir schwer, meine Ahnung in Worte zu fassen, aber mein Gefühl gab mir zu verstehen, dass ich von meinen Eltern für etwas benutzt wurde, was mir ganz und gar übel bekam.
Von meiner Großmutter und dem Admiral bekam ich zwei Bücher zur Feier des Tages. Den Duden der deutschen Rechtschreibung und Winnetou. Letzteres habe ich verschlungen und mir in meiner Fantasie vorgestellt, wie ich mit dem Gewehr von Old Shatterhand einmal richtig aufräumen würde an diesem hanseatischen Hippie-Ort, der mein Zuhause war. Das ließ sich nur schwer mit dem pazifistischen Gedankengut meiner Eltern vereinbaren. Es war ein deutlicher Riss zu erkennen. Ein großer Graben, der zwei Welten voneinander trennte. Und mir war unbewusst klar, dass ich mich entscheiden müsste, in welcher Welt ich meinen Platz einnehmen wollte.
Meine Eltern machten mir diese Entscheidung überraschenderweise leicht. Das Leben als Dienstmädchen in einem wohlhabenden, patriarchischen Haus wurde für meine Mutter immer unerträglicher. Meinem Dad schmeckte schon seit langem sein Jurastudium nicht mehr. Es war ihm zutiefst zuwider, hatte er damit doch nur auf Befehl des Admirals angefangen. Außerdem litt ihre Beziehung unter dem täglichen Spagat, so unterschiedliche Lebensformen unter einen Hut zu bringen. Beide hatten große Schwierigkeiten, weiterhin ihre Ansichten und Überzeugungen vor den Altvorderen zu verbergen. Es herrschte zunehmend dicke Luft im Haus.
Im Großen und Ganzen ist meine Kindheit an mir vorüber gerauscht wie ein kurzer, schlechter Werbespot, der es nicht wert ist, dass man sich seiner erinnert, von einigen genannten Episoden abgesehen. Dennoch, eine Begebenheit ist mir noch ganz deutlich vor Augen geblieben. Ich saß unten im Esszimmer am Tisch. Es war an einem Sonntag. Meine Großmutter hielt mich an, ein Bild zu malen. Ich sollte mich damit selbst beschäftigen, damit sie und der Admiral in Ruhe die Tageszeitung lesen konnten. Folgender Dialog entspann sich:
„Nein, Micky, es gibt keine Häuser mit gelben Dächern. Übermale das mal ganz schnell mit einem Rot, hörst du? Dächer sind rot!“, ermahnte sie mich, als sie einen kurzen Blick von der Zeitung auf mein Bild warf.
„Aber Gelb ist so schön.“, erwiderte ich erstaunt.
„Das mag sein, aber nicht für ein Dach!“, raunzte sie.
„Und warum nicht?“
„Darum nicht!“
„Aber das verstehe ich nicht.“
„Micky, es ist so wie es ist. Dächer sind ausschließlich rot!“
„Meins nicht!“
„Oh doch! Wenn du es übermalst, dann schon!“
„Ich will aber ein gelbes Dach!“
„Du tust sofort das, was dir deine Großmutter aufgetragen hat!“, meldete sich herrisch der Admiral zu Wort.
„Ich möchte aber viel lieber mein gelbes Dach behalten.“, beharrte ich.
„Micky, das ist falsch! Und du willst doch keinen Fehler machen, oder? Du möchtest doch bestimmt nicht, dass wir uns für dich schämen müssen?“, sprach meine Großmutter in einem drohenden Unterton.
„Es ist doch nur falsch, wenn es ausschließlich rote Dächer geben würde. Das tut es aber nicht, weil meines ja gelb ist. Also gibt es auch gelbe Dächer!“, folgerte ich aus einer Eingebung heraus.
„Du bist ja schon genau so renitent wie deine Eltern!“, schrie meine Großmutter spitz auf.
Währendessen knüllte der Admiral seine Zeitung unwirsch zusammen, stand auf und kam mit einem finsteren Blick auf mich zu. Ohne ein Wort an mich zu richten, nahm er einen roten Buntstift und übermalte mit einer wütenden Geste und einem beachtlichen Druck mein gelbes Dach. Abgesehen davon, dass das Papier dieser Kraft nicht standhalten konnte und riss, war es diesem alten Mann auch nicht möglich, das Dach sauber mit dem Stift zu füllen. So viele dicke, rote Striche schossen nun über das Ziel hinaus und züngelten wie hungrige, bedrohliche Flammen in den Wolkenhimmel.
„Jetzt hast du es kaputt gemacht!“, schrie ich und stampfte vor Wut mit den Füßen auf den Boden.
Bevor der Admiral mit seiner Hand ausholen konnte, um sie über meinen Kopf niederfahren zu lassen, öffnete sich die Tür.
„Friede sei mit euch und einen wunderschönen guten Morgen!“
Mein Vater trat in das Esszimmer.
„Der Morgen ist schon längst vorbei, mein Sohn. Und somit auch das sonntägliche Frühstück, welches wir üblicherweise alle gemeinsam einnehmen.“, antwortete meine Großmutter und blickte meinen Vater pikiert an.
„Guten Morgen.“
Meine Mutter gesellte sich zu uns und streichelte mir kurz über das Haar. Sie wurde von den Großeltern keines Blickes gewürdigt.
„Wann gibt es Mittagessen?“, fragte mein Vater.
„In einer Stunde und nicht eine Minute früher oder später.“
„Ja, dann kann ich ja noch einmal ins Bett gehen. Es war recht spät gestern, stimmt’s Lizzy?“, gähnte mein Dad und kniff mit der rechten Hand in den Po meiner Mutter, während meine Großmutter wegen dieser Geste scharf den Atem einsog.
„Oh, Micky, dein Bild ist ja ganz kaputt. Wie schade. Du weißt schon, dass man auf Papier nicht so hart malen soll?“, bemerkte meine Mutter.
„Das war ich nicht. Das war der da.“
Ich zeigte böse auf meinem Großvater.
„Herr Admiral, seit wann malst du denn Bilder?“, kicherte mein Dad überrascht, vermutlich war er noch stoned.
„Ich male nicht, ich merze Fehler aus!“, brummte der Alte brüsk und nahm mit seiner Zeitung wieder Platz.
Meine Mutter schluckte:
„Micky, mein Schatz, möchtest du ein neues Bild malen?“
„Ja, Mum.“
„Hier hast du ein Blatt. Malst du jetzt eines für mich?“
„Ja.“
Ich fing erneut an, zu zeichnen. Diesmal malte ich einen Garten ohne Haus, aber mit vielen undefinierbaren Tieren, die alle böse guckten, während meine Eltern sich mit den Alten unterhielten. Ich war gerade dabei, einen Drachen mit einem besonders fiesen Blick und gelben, spitzen Zähnen zu malen, der blaues Feuer spuckte, als die Lautstärke um mich herum immer hitziger und lauter wurde. Solche Momente kannte ich schon zur Genüge. Wenn die vier sich unterhielten, war das immer wie ein verrückter Tanz auf einem Vulkan, der binnen kurzer Zeit zu einem brennenden Streit ausuferte. Schrecklich! Ich hatte mir angewöhnt, diesen äußerst unangenehmen Teil in meinem Leben auszublenden. Heute wollte mir das jedoch nicht gelingen. Immer wieder schnappte ich Wortfetzen auf, denen neue, noch lautere und gemeinere folgten.
„Peace, alter Mann! Willst du dich nicht mal beruhigen? Mann ey!“, hörte ich jetzt meinen Vater sagen, der vom Admiral daraufhin umgehend eine Antwort erhielt:
„Ich gebe dir gleich ein ’Piez’ und überhaupt, was ist das für eine Ausdrucksweise, die du an den Tag legst? Lernt man das jetzt im Jurastudium? Und was nimmst du Bürschchen dir heraus, mich, deinen Vater als alten Mann zu bezeichnen? Für diese Respektlosigkeit und Anmaßung wärst du im Krieg erschossen worden!“
„Uiii, da habe ich aber Glück, dass wir in friedvolleren Zeiten leben, zumindest oberflächlich gesehen.“
„Junge, bitte!“, tönte meine Großmutter.
„Warum regt ihr euch nur so auf? Ich meine, der Kleine hat doch einfach nur sein Bild gemalt.“, kam es von meiner Mutter.
Der Admiral herrschte sie an:
„Er hat sich der Aufforderung seiner Großmutter widersetzt. Hier geht es nicht nur um ein Bild, sondern um viel mehr.“
„Ach du meine Güte, das ist ja so was von lächerlich!“, meine Mutter schüttelte den Kopf, während der Admiral sie mit zusammengekniffenen Augen anstarrte und ihr entgegnete:
„Lächerlich? So, meinen Sie?“
„Vater, du redest mit Lizzy, mit meiner Frau. Hör auf sie zu siezen!“
„Ja, mag sein, dass sie deine Frau ist. Sie ist aber auch hier in meinem Haus angestellt. Und anstatt sich über etwas zu echauffieren, von dem sie keinerlei Ahnung hat, sollte sie lieber dankbar sein, dass wir ihr ein Wohnrecht eingeräumt haben, und endlich respektieren, dass sie sich aus unseren familiären Angelegenheiten herauszuhalten hat!“
Ich fing an, einen kleinen Brunnen zu zeichnen. Einen dunklen und sehr tiefen, leeren Brunnen mit feuchten, klammen Wänden. Darin hockte ein verwirrter, kleiner Junge.
„Sie ist die Mutter meines Sohnes, eures Enkelkindes! Lizzy ist ein vollwertiges Familienmitglied! Hör auf mit deinem verdammten, selbstherrlichen Dünkel!“
„Junge!“, schrie meine Großmutter erschrocken auf.
„Was erlaubst du dir, du Kretin? Bring endlich dein Studium zu Ende. Dann, und erst dann, werde ich dir zugestehen, sachlich mit mir zu diskutieren. Vorher tust du das, was ich dir sage! Haben wir uns verstanden? Im Übrigen, wie sieht es denn aus mit deinem Studium?“
„Oh, mit meinem Studium ist alles bestens. Aber boah, Alter, mit dir kann man einfach nicht reden. Lizzy, lass uns nach oben gehen. Das ist ja nicht zum Aushalten!“
„Du gehst nirgendwo hin!“
„Ach nein?“
„Nein!“
„Hör mal, Herr Vater, wenn du dich weiterhin weigerst, meine Frau zu achten, dann …“
„Dann?“
„Dann ziehen wir aus!“
„Ach?“
Der Admiral fing schallend an zu lachen,
„Und dann? Wo willst du hin? Mit Frau und Kind? Wie willst du deine kleine Familie ernähren?“
„Ich habe noch keine Ahnung. Aber wir werden es tun!“
„Junge!“
Meine Großmutter machte große Augen.
„Hat sie dir diese Flausen in deinen Kopf gesetzt?“, der Admiral zeigte mit dem Finger auf meine Mutter,
„Oder waren es eure lauten Freunde, die hier mittlerweile ein und aus gehen in meinem Haus, wie es ihnen passt, dieses asoziale Pack!“
„Es sind gute Menschen!“, entgegnete meine Mutter.
„Es sind Schmarotzer und Arbeitslose. Faules Gesindel und nichts weiter. Mich verwundert es nicht, dass DU dich mit solchen minderwertigen Objekten umgibst. Allerdings erstaunt es mich sehr, dass mein Herr Sohn auf dieses niedrige Niveau herabsteigt.“
„In Beleidigungen austeilen bist du wohl ganz groß, was?“
„Junge!“
„Vorsicht, Bursche, du bewegst dich auf äußerst dünnem Eis. Es kostet mich noch nicht einmal ein müdes Arschrunzeln und ich drehe dir, und der da, den Geldhahn zu.“
„Ja, immerzu drohen. Das kannst du, das macht dir wohl Spaß, was? Hast du das in deinem perversen Krieg gelernt?“
„Junge, Junge!“
„Und noch viel mehr!“
Der Admiral kam meinem Vater gefährlich nahe. Schnell blendete ich um mich herum alles weg und konzentrierte mich nur noch auf das Malen. Über dem dunklen, kalten Brunnen zeichnete ich eine kleine, gelbe Figur mit schwirrenden Flügeln – das einzig freundliche Wesen auf dem Blatt.
„Hört sofort auf damit!“, schrie meine Mutter, während meine Großmutter verschämt zur Seite schaute und somit einen Blick auf mein Bild erhaschte.
„Was ist das?“, fragte sie und zeigte mit spitzem Finger auf mein Blatt.
„Was ist was?“, fragte der Admiral irritiert.
„Das, was das Kind da gemalt hat.“
Der Admiral kam zu mir und schaute über meine Schulter. Sofort hielt ich schützend meine Arme um mein Bild. Ich hatte Angst um meinen Drachen, der blaues Feuer spuckte. Sicher musste ich es gleich in rot übermalen.
„Zeig das sofort her!“
„Vater, lass den Jungen in Ruhe.“
„Gleich. Ich will nur sehen, was er da gemalt hat.“
Widerwillig löste ich meine Arme und der Admiral sah sich meine Zeichnung an.
„Was soll das sein?“, er zeigte auf die gelbe Figur mit den sirrenden Flügeln.
„Ein Engel?“, blickte ich ihn an. Ich war mir selbst nicht ganz sicher, was es darstellen sollte.
„So so …“, raunte er und blickte meine Mutter misstrauisch an,
„So ein Blödsinn kommt ja wohl aus der Reihe deiner Mischpoke, stimmt’s?“
„Ich habe ihm so etwas nicht beigebracht!“, antwortete meine Mutter rasch.
„So ein Müll kann nur aus deiner Ecke kommen. Habt ihr die Abmachung vergessen?“, fragte der Alte in einem strengen Ton.
„Nein! Natürlich nicht!“
Der Admiral sah meine Mutter eindringlich an und dann wanderte sein böser Blick zu meinem Vater:
„Ich glaube der da kein einziges Wort. Und dir auch nicht! Hast du mieser Möpp etwa vergessen, dass ich mit einem deiner Professoren per Du bin? Ich hatte neulich ein äußerst interessantes Gespräch mit ihm. Und was glaubst du, was er mir mitgeteilt hat?“
Mein Dad machte eine lässige Bewegung mit den Achseln.
„Anstatt sich um sein Studium zu kümmern und seine Hausarbeit fertigzustellen, hat mein Herr Sohn …“, der Admiral machte eine ausladende Handbewegung in unsere Runde,
„… es vorgezogen, auf dem Campus für irgendeinen kommunistischen Scheiß zu demonstrieren. Günter!“
Mein Vater zuckte zusammen.
„Du bist eine linke Bazille, ein Staatsfeind! Und so was habe ich zum Sohn. Pfui Teufel!“
Demonstrativ spuckte er auf den Boden, sodass auch meine Großmutter zusammenzuckte. Dann atmete er einmal tief ein und wieder aus, um erneut das Wort an meinem Dad zu richten:
„Das, mein lieber Herr Sohn, das nennt man Taktik. Immer ein wenig mehr wissen als der Feind. DAS habe ich im Krieg gelernt. Und genau DAS hat mich am Leben erhalten. Was sagst du nun?“
Es wurde still.
„Wann gibt es Essen?“
Der Admiral schnaufte und schnaufte noch einmal, dann nahm er plumpsend auf einem Stuhl Platz:
„Ach, ich bin es so müde, was euch betrifft. Ich bin es so müde, was dich betrifft. Ich bin es einfach nur so schrecklich müde. Was ihr treibt und macht, könnte mir letztendlich egal sein. Ich schäme mich nur so für dein Verhalten, Günter. Von der da habe ich nichts anderes erwartet, aber von dir schon. Du bist mein Sohn und du hast dich zu einem Nichtsnutz und Verräter entwickelt. Du lebst wie die Made im Speck und trittst die Hand, die dich nährt, in den Dreck. Du trittst deine Mutter und mich mit Füßen. Ich habe Respekt verdient und ernte nur Hohn und Spott von dir. Du verachtest mich und ein System, das dich ernährt, das dir alles ermöglichen kann. Die Welt liegt dir offen zu Füßen, du aber musstest dich mit der da abgeben. Sie hat dich mit Ideen infiltriert und beschmutzt, sie nutzt dich nur aus und du merkst gar nichts. Du machst einfach mit. Junge, deine Mutter und ich haben uns so viel Mühe gegeben, dich auf den rechten Pfad zu bringen und was ist aus dir geworden? Ein faules Ei, ein Hippie, einer, der die Gesellschaft, der uns verhöhnt! Nun, wie auch immer. Laut Gesetz seid ihr erwachsene Menschen, wohlgemerkt, nur laut Gesetz. Ihr könnt also tun und lassen, was ihr wollt. Aber, was ihr mit dem Jungen macht, das verbitte ich mir! Das werde ich zu verhindern wissen. Wie soll der ein normales und gutes Leben führen, wenn er so einen Blödsinn von sich gibt und auch noch daran glaubt. Wenn ihr auch nur einen Funken Verstand und Verantwortung in euch hättet, dann würdet ihr ihn darin unterstützen, ein guter und erfolgreicher Mann zu werden. Erinnert euch, was wir ausgemacht haben. Wenn euch euer albernes Hippietreiben wichtiger ist als das Kind. Wenn ihr für ihn nicht richtig sorgen, ihn nicht richtig erziehen könnt – wir können es! Beende endlich dein Studium, oder du wirst keine müde Mark mehr von mir erhalten!“
So sprach der große Admiral in einem scharfen Ton zu meinem Dad. Anschließend aßen wir alle zusammen an dem großen Esstisch zu Mittag – in tiefes Schweigen gehüllt. Meine Mutter aß nicht viel, es war, als ob sie einen dicken Kloß im Hals zu haben schien.
Als wir wieder oben waren, zogen sich meine Eltern in ihr Schlafzimmer zurück. Ich las ein Buch, während ein süßlicher Geruch, kombiniert mit Zigarettenrauch, durch ihre Türritze zu mir drang. Bevor ich müde auf meinem Bett einschlummerte, konnte ich folgende Gesprächsfetzen von ihnen vernehmen:
„Einen Teufel werde ich tun! Lizzy, ich will nicht mehr diesen Mist studieren. Ich habe die Schnauze gestrichen voll von der ganzen Juristerei. Ich will was Besseres!“
„Immer geht es nur um dich! Und was ist mit mir? Was glaubst du, wie lange halte ich es hier noch aus? Wie lange kann ich die Gemeinheiten des Admirals und deiner Mutter noch ertragen? Günni, ich habe keinen Bock mehr, ey! Ich will das nicht mehr. Ich will mich für diese Kapitalistenschweine nicht mehr abrackern und anschließend auch noch beleidigt werden. Günni, ich kann nicht mehr, boah Mann, ey!“
„Lizzy …“
„Lass mich!“
„Lizzy … scht, alles gut, meine liebe Lizzy! Du hast mich missverstanden!“
„Missverstanden? Du hast mir eben gesagt, dass du was Besseres willst …“
„Ja, ich meinte damit aber, dass ich für uns etwas Besseres will. Die Situation ist so dermaßen daneben, Mann ey, Lizzy, meine Hübsche, meine Geliebte, du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich es zulasse, dass du all den ganzen Scheiß weiter so hinnehmen musst?“
„Ich weiß gar nicht mehr, was ich dir glauben soll, Günni. Ich lebe schon so lange in einem dermaßen großen Zwiespalt. Das alles kotzt mich einfach nur noch an. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr! Günni!“
„Ja, ich weiß, Lizzy!“
„Und nun? Was willst du tun? Wirst du überhaupt etwas tun? Wirst du einmal genug Eier in der Hose haben und dagegen angehen? Wirst du mich retten, Günni?“
„Lizzy, wir können es durchziehen, weiß du das? Wir können es machen. Wir haben schon so oft darüber gesprochen. Boah Lizzy!“
„Nein, können wir nicht. Jedenfalls nicht mit Micky.“
„Aber wir, du und ich, wir könnten es tun!“
„Günni, das ist jetzt nicht dein Ernst, ey!“
„Doch! Ist es. Schau mal, Micky hätte es doch gut hier. Ich meine, ja, okay, meine Eltern sind sehr strange, aber sie könnten ihm mehr bieten als wir.“
„Strange? Deine Eltern sind mehr als nur strange!“
„Stopp, bevor du damit anfängst, ich weiß genau, was jetzt kommt. Aber überlege doch einmal, sie haben Geld genug und können ihm eine gute Ausbildung zukommen lassen. Er ist ein toller Junge und hat sehr viel von uns, sie werden ihn nicht verbiegen können.“
„Ich weiß nicht …“
„Lizzy, du und ich, wir könnten endlich das tun, wozu wir beide berufen sind. Du wärst frei. Das wünschst du dir doch so sehr!“
„Ja, ja, das klingt ganz prima. Aber Micky ist unser Kind!“
„Ja, ein Kind, das gerne wild um sich schießt. Ist dir schon einmal aufgefallen, seitdem er Winnetou gelesen hat, wie waffenfixiert er ist? Hast du schon einmal beobachtet, wie er darauf anspringt, wenn der Admiral ihm alte Kriegsgeschichten erzählt. Micky hängt förmlich an seinen Lippen.“
„Das stimmt schon … nur, würden wir ihn nicht verraten?“
„Lizzy, du könntest endlich aufhören, in diesem Haus zu arbeiten!“
„Ach, ja, das wäre ganz wunderbar. Das geht mir hier so gegen den Strich! Ich habe darauf keinen Bock mehr!“
„Ich weiß, meine Liebste. Ich weiß.“
„Dennoch, es wäre ein Verrat an unserem Kind!“
„Ich weiß nicht, ist es ein Verrat, ein Kind in der Obhut von seinen zweitengsten Verwandten zu lassen, die er letztendlich mehr schätzt als uns? Lizzy, unser Micky ist ein Streber, einer, der ganz viel lernen will. Einer, der total vernarrt in die Kriegserzählungen meines Vaters ist. Einer, der recht bieder daherkommt und einen strikten, geregelten Alltag braucht. Könnten wir ihm das geben, mit dem, was wir vorhaben? Würde ihn DAS nicht unglücklich machen?“
„Ich bin mir nicht sicher, Günter …“
„Aber ich. Aber ich, Lizzy, meine Liebste! Wie wäre es, wenn wir es machen und ihn nach ein paar Jahren zu uns holen würden. Dann, wenn er alt genug ist, selbst zu entscheiden. Wir hätten ihm dann alle Möglichkeiten eingeräumt. Eine Ausbildung sowie ein Leben im Patriarchat versus einem Leben in Freiheit, Friede und Freude. Er könnte uns niemals vorwerfen, dass wir ihm die Normalität, wie der Admiral sie nennt, vorenthalten hätten. Abgesehen davon, Lizzy, so brutal es auch klingen mag, wir können uns Micky nicht leisten. Jetzt noch nicht.“
Ich fiel in einen tiefen Schlummer. Ich träumte von einem Jungen, der in einem Brunnen gefangen war und dort sein karges Dasein fristete. Vieles habe ich vergessen, diesen denkwürdigen Tag jedoch nicht. Den habe ich noch zum Greifen nahe vor Augen, vermutlich deswegen, weil meine Eltern beschlossen hatten, mich zu verlassen. Sie wollten etwas anderes, etwas Besseres. Sie wollten ihre Freiheit. Ihnen schwebte ein Leben in einer Kommune auf Ibiza vor. Das Geld, was meine Mutter in all den Jahren als Hausangestellte hatte sparen können, würden ihnen beiden die Möglichkeit bieten, so zu leben, wie ihnen der Sinn stand. Für einen Dritten, für mich, würde es allerdings nicht reichen. Da ich großen Spaß daran hatte, mit meiner imaginären Knarre wild durch die Gegend zu ballern, war ich für meine Eltern zunehmend zu einem Fremdkörper geworden. So fiel es ihnen leicht, mich zurückzulassen. Schließlich paktierte der einst verheißungsvolle 2. Jesus mit dem ausgemachten Bösen. Sollten Großmutter und der Admiral zusehen, wie sie mit mir klarkommen würden. Dennoch gaben beide mich nicht gänzlich auf. Sie verließen mich bald mit den Worten:
„Zeig’s ihnen, Micky! Weise ihnen den Weg der tiefen und wahrhaftigen Liebe. Du kannst das. Und nun mach es gut!“
Damit drehten sie mir den Rücken zu und gingen fort. In meinen Gedanken schoss ich ihnen mit meinem Gewehr hinterher.
So schmerzhaft es für mich war, von meinen Eltern dermaßen im Stich gelassen worden zu sein, mein Leben wurde dadurch leichter für mich. Ich hatte nur noch eine Welt, in der ich mich zurecht finden musste, die Welt meiner Großeltern. So gut es ging, passte ich mich ihnen an. Und, welch angenehme Überraschung: ihre Freude darüber war groß. Wenn sie dies auch nie mit Umarmungen und Kuscheleinheiten kundtaten. Allein, dass meine Großmutter und der Admiral mich aufgrund meines tadellosen Benehmens und meiner hervorragenden schulischen Leistungen mit einem distanzierten Nicken bedachten, war mir Lohn genug. Ich gab fortan mein Bestes und war überzeugt davon, dass ich ihnen damit den Weg in die tiefe, wahrhaftige Liebe zeigen würde. Genau das wollte ich. Denn ich war dankbar, dass sie mir einen festen Platz im Leben gaben. Ich war ein Einzelgänger und der Vorzeigestreber an meiner Schule. Freunde hatte ich keine. Aber das machte mir schon längst nichts mehr aus. Was wussten diese Loser schon von wahrer Liebe?
Nach fünf Jahren standen meine Eltern plötzlich vor der Tür. Zuerst hatte ich sie gar nicht erkannt. Mein Dad hatte lange Haare, die ihm bis zum Hintern gingen und meine Mutter war in einem weiten, wallenden Kleid verhüllt und trug eine pinkfarbene Sonnenbrille. Beide hielten mir jeweils eine Blume entgegen. Ich sagte nur:
„Wir kaufen nichts.“
Anschließend schloss ich die Tür. Es klingelte Sturm und ich rollte genervt mit den Augen. Erneut öffnete ich die schwere Haustür und hatte schon einen markanten Spruch auf den Lippen, an dem ich mich fast verschluckt hätte, als der langhaarige Mann sich zu mir vorbeugte und mich mit den Worten begrüßte:
„Hallo, mein Sohn!“
Ich starrte die beiden nur blöde an, völlig unfähig, mich zu bewegen.
„Ja, möchtest du mich denn nicht mal in die Arme nehmen?“, fragte die Frau.
„Komm schon, Micky, ich bin’s, deine Mutter!“.
Ohne dass ich etwas dagegen unternehmen konnte, drückten mich die zwei lachend fest an sich. Es fühlte sich sehr fremd und unangenehm an.
Großmutter und der Admiral staunten nicht schlecht, als ich mit zwei Blumen in der Hand am Eingang des Wohnzimmers stand und ihnen mitteilte, dass wir überraschend Besuch bekommen hatten. Ich konnte spüren, wie meiner Großmutter der Atem stockte, als sie die Gäste, die tanzend und freudig wippend den Raum betraten, erkannte. Der Admiral verzog keine Miene und blieb steif und starr in seinem Sessel sitzen. Es war ein peinliche Situation. Diese künstlich erzeugte Fröhlichkeit meiner Eltern war absurd in diesen alten Zimmern. Ich verdrückte mich nach oben in mein Reich, das ich mir vor Äonen von Jahren einmal mit diesen völlig Durchgeknallten geteilt hatte.
Zu meinem Entsetzen teilten mir meine Großeltern mit, dass meine Eltern für einige Tage bei uns bleiben würden und ich ihnen eines von meinen zwei Zimmern zum Übernachten zur Verfügung stellen sollte. Ich wollte laut protestieren, schließlich verfügte das Haus über genug freie Zimmer, aber der Blick des Admirals gebot mir zu schweigen. Das tat ich auch und zwar so lange, bis meine Eltern sich wieder verdrückten in ihre bescheuerte Kommune auf der bescheuerten Insel Ibiza. Während ihres Aufenthaltes wollte ich sie mit eiskalter Verachtung strafen, bis ihnen das Herz blutete. Leider musste ich feststellen, dass ihnen mein Verhalten nicht sonderlich viel ausmachte. Zwar versuchten sie mir ein Gespräch aufzudrängen, ließen allerdings schnell davon ab, als sie merkten, dass sie bei mir auf Granit bissen.
„Lass ihn mal, Lizzy, der Junge braucht seine Zeit.“, sagte mein Dad zu meiner Mutter.
Die murmelte nur ein:
„In Ordnung.“, und huschte hin und her, als ob sie etwas suchen würde.
„Sag mal, weißt du, wo die Pfeife ist?“
„In der blauen Segeltasche, Liebes. Gleich neben dem Schreibtisch. Was hältst du davon, wenn wir unsere Freunde anrufen, um unsere Rückkehr zu feiern, Lizzy?“
„Ey, das ist eine super Idee, ey, das machen wir!“
Und schwups, ging sie in den Flur zum Telefon. Als sie den Raum verließ, setzte sich mein Dad auf einen Stuhl, sah mich lange nachdenklich an und sagte:
„Groß bist du geworden. Echt ey. Hm, ich kann dich gut verstehen, dass du so mucksch und schweigsam bist. Weißt du, Sohn, als ich so alt war wie du, war ich genau so. Ist es in Ordnung für dich, wenn wir hier eine kleine Party starten? Hm? Bestimmt! Ganz so wie früher, erinnerst du dich? Das war doch toll, oder?“
Das war’s, mehr kam nicht von ihm.
Dafür kamen die bescheuerten Freunde. Und es wurde wieder diskutiert, gesoffen, gekifft, gelacht und gelallt wie früher, während ich auf meinem Bett saß und versuchte, mich auf ein Buch zu konzentrieren. Das war nicht einfach, wenn so viel Stuss in einer unerträglichen Lautstärke neben mir gelabert wurde. Einer dieser Hippies versuchte mich dumm anzuquatschen:
„Ey, warst du nicht mal der kleine 2. Jesus, hä? Was ist nur aus dir geworden, der 2. Admiral?“, und er kicherte blöde in sich hinein.
Immer wieder stieß er mir mit seinem Ellenbogen in die Seite.
„Nun sag doch mal was, Mann. Also echt ey, mach doch mal das Maul auf!“
„Ey, Mann, lass ihn in Ruhe!“, rief mein Dad aus der Ecke des Raumes und paffte an seiner bescheuerten Pfeife.
„Ich mach das, was ich will, ey!“, schrie der Bekloppte neben mir zurück und zu mir mit seiner Tüte Hasch gewandt:
„Willste auch mal ziehen? Macht echt frei. Erweitert das Bewusstsein enorm … boah …“
„Ey, ich habe dir doch gesagt, dass du ihn in Ruhe lassen sollst!“, torkelte mein Vater auf uns zu.
„Musst du mir sagen, was ich zu tun und zu lassen habe? Hm? Nein, das musst du nicht!“, lallte der Bekloppte zurück und erhob sich wie ein aufgeblasener Ballon, als mein Dad sich breitbeinig vor ihn hinstellte.
„Tu ich aber!“, beharrte mein Vater und tätschelte mir den Kopf.
Während ich mich krampfhaft bemühte, meinen Blick auf die Seiten des Buches zu richten, fing der Bekloppte an, sich laut zu ereifern:
„Ich habe dir gesagt, dass du das sein lassen sollst. Mir sagt niemand, was ich tun soll, kapierste?“
Mein Dad entgegnete diesem penetranten und letztendlich völlig sinnentleerten Wortwechsel mit einem langgezogenen:
„Eeeeeyyy …“
Offensichtlich war das Bewusstsein des Bekloppten dermaßen erweitert, dass er in diesem ’Ey’ einen massiv aggressiven Unterton vernommen hatte. Ehe ich mich versah, zog er meinem Vater eine Bierflasche über den Schädel. Der kippte auf den Boden und fing wild an zu zucken. Ich stand schnell auf und ging zu ihm, um ihm zu helfen. Seine Zuckungen wurden immer schlimmer. Vorsichtig drehte ich ihn auf den Rücken und schrie wie ein Irrer, während meine Stimme sich überschlug:
„Dad! Dad!“, bis mir bewusst wurde, dass es sich bei seinen wilden Zuckungen nur um einen unterdrückten Lachkrampf handelte. Mein Vater hatte Lach-Tränen in den Augen und blinzelte mir vergnügt zu.
„Mann ey, du bist ja schon im Stimmbruch. Hey, Lizzy, unser Sohn ist im Stimmbruch!“
Danach stand er auf, drückte den Bekloppten an seine Brust und beide teilten sich in tiefer Freundschaft vereint eine Tüte. Angewidert und gedemütigt verließ ich das Zimmer und setzte mich auf die Stufen der großen, dunklen Treppe im Flur. Heiße Tränen liefen mir das Gesicht runter. Ich wollte doch so gerne ihre Herzen zum Bluten bringen. Und was machten sie? Sie ließen meines bluten!
Die Szene, in der eine Bierflasche auf den Kopf meines Vaters landete, ging mir nicht mehr aus den Kopf. Manchmal träumte ich sogar davon und stets blieb ein Gefühl tiefer Befriedigung in mir zurück. Zuerst entsetzte mich meine Reaktion. Irgendwann stumpfte ich ab. Und dann kam der Tag, an dem ich versuchte, diese Erfahrung an den Mann zu bringen. Unten im Haus.
Ich war mittlerweile 14 Jahre alt und die Pubertät machte mir zu schaffen. Wie üblich saß ich abends mit meinen Großeltern am Esstisch. Meine Eltern waren längst schon wieder auf Ibiza. Ihr kurzes Intermezzo nach so vielen Jahren blieb mir lange ein Rätsel. Ich habe nie begriffen, was sie bei uns wollten. Nur so viel war mir klar: Ihr Besuch hatte nichts mit mir zu tun. Während des Abendessens kam mir plötzlich der Admiral krumm. Er redete in einem abfälligen Ton über meine Eltern und machte sich über ihr Verhalten lustig. Das hatte er schon oft getan, aber an diesem Abend waren solche Worte unerträglich für mich. In mir keimte eine unglaubliche Wut auf, die sich in einen heftigen Kurzschluss entlud. Wie elektrisiert stand ich auf und nahm die Karaffe mit dem teuren Wein in die Hand. Dabei blickte ich dem Admiral direkt in die Augen und schrie ihn an:
„Du willst lachen? Na warte, ich werde dir was zum Lachen geben!“
Ich ließ die Karaffe auf seinen blanken Schädel sausen. Seine Reaktion erstaunte und faszinierte mich. Mit einem:
„Wieso?“ knallte sein Kopf auf den Tisch, und meine Großmutter scheuerte mir eine. Kurz darauf wurde ich von meinen Großeltern in ein Internat verbannt, über 500 Kilometer von Hamburg entfernt. Lediglich zur Weihnachtszeit und in den Sommerferien durfte ich mich bei ihnen blicken lassen.Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass es für mich vollkommen in Ordnung war, was mir meine Großeltern haben angedeihen lassen. Die Schulordnung mochte für manche überzogen gewesen sein, mir jedoch hatte sie ein sicheres und geborgenes Terrain geboten. Hier gab es keine Irrungen und Wirrungen. Die Regeln galten ohne Ausnahme für alle.
Meine Fähigkeiten steckte ich in das Lernen, was mir den Respekt der Lehrer einbrachte und eine erneute Achtung meiner Großeltern, wenn auch aus der Ferne. Ihre Anerkennung war mein Lebenselixier und das Wichtigste, was es für mich auf der Welt gab. Damit konnte ich es meinen verantwortungslosen Eltern heimzahlen. Denn es war ihnen beiden äußerst befremdlich, dass sich ihr Sohn in einem katholischen Jungeninternat derart gut entwickelte. Es machte mir auch nichts aus, dass ich keinerlei persönlichen Kontakt zu meinen Mitschülern hatte. Sie waren mir vollkommen egal. Und ihre Mobbingversuche aufgrund meines Namens landeten in meinem inneren Mülleimer – in meinem Herzen. Niemand war überrascht, dass ich so gut war, dass ich sogar eine Klasse überspringen konnte. Meine Lehrer, meine Großmutter und der Admiral jubelten vor Freude, während meine Eltern in ihren wenigen Briefen, die sie mir zukommen ließen, laut aufjaulten. Aber das war mir Ansporn genug, mich noch mehr ins Zeug zu legen.
Und dann kam der Tag, an dem ich vom Tod meiner Großeltern erfuhr. Beide waren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Eigentlich hätte ich traurig oder zumindest geschockt sein müssen. Aber ich fühlte nichts, rein gar nichts. Als mir der Direktor der Schule die Nachricht überbrachte, erlag ich für einen kurzen Augenblick dem irrwitzigen Wahn, dass mich meine untröstlichen Eltern aufsuchen und nach der Beerdigung mit nach Ibiza nehmen würden. Welch ein Trugschluss! Ich war der Einzige aus der Familie, der diesen beiden toten Menschen das letzte Geleit gab.
Laut Testament vermachte mir der Admiral sein ganzes Vermögen. Lediglich meinem Dad ließ er seinen gesetzlich vorgeschriebenen Erbanteil zukommen. Alles andere, es war ein ganz schöner Batzen, erhielt ich. Offensichtlich war der Admiral trotz meiner damaligen Eskapaden der Meinung, dass ausschließlich ich, aufgrund meiner Leistungen in der Lage wäre, mit seinem Vermögen verantwortungsvoll umzugehen. Ich kehrte in das Internat zurück und dort erhielt ich zwei Briefe. Einen von meinen Eltern:
„Hey, Alter, zu blöde, dass nun beide tot sind. Mach Dir nichts draus. Jetzt bekommen sie das, was sie verdient haben. Dass sie Dir den Großteil ihres Vermögen vermacht haben, erstaunt uns sehr, aber es bleibt ja in der Familie, gell?! So gerne wir es auch wollten, aber es war uns nicht möglich, an der Beerdigung teilzunehmen. Unsere Aufgabe hier vor Ort ist zu wichtig. Deine Mutter und ich und unsere vielen Freunde schicken so viel Licht wie möglich in die Welt. Du hast sicherlich Verständnis dafür. Deine Oma hat sich allerdings bereit erklärt, Dich unter ihre Fittiche zu nehmen. Dein Einverständnis vorausgesetzt. Ja, Du hast noch eine Oma. Sie ist die Mutter Deiner Mutter. Alles Gute und Licht und Liebe für Dich, lieber Micky. Peace, Deine Alten.“
Mit einer einzigen Handbewegung wischte ich meine Tränen aus dem Gesicht und warf wütend dieses unglaublich pietätlose Schreiben in den Müll. Anschließend nahm ich mit zitternden Händen den zweiten Brief und starrte ihn lange unschlüssig an. Er kam von meiner Oma. Als Absender stand dort der Mädchenname meiner Mutter. Verwirrt legte ich das Schreiben in meinen Schoß. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich hatte noch eine Oma? Warum erfuhr ich das jetzt erst? Und warum nahm sie jetzt erst Kontakt mit mir auf und nicht schon 15 Jahre vorher? Was wollte sie mir mitteilen? Wie würde sie sein? So durchgeknallt wie meine Eltern oder so streng und engstirnig wie meine Großmutter und der Admiral? Oder spießig und vermufft wie so viele andere? Sollte ich es wagen, einer völlig Fremden Zutritt in mein Leben zu gewähren? Würde das gut für mich sein oder mich nur erneut in verwirrende Turbulenzen stürzen? Es nutzte alles nichts. Um mehr zu erfahren, musste ich den Inhalt des Briefes lesen. Sollte der mir nicht gefallen, könnte ich ihn immer noch in den Müll schmeißen und so tun, als ob er mich nie erreicht hätte. Also riss ich das Kuvert auf. Der Wortlaut dieses Briefes war ein gänzlich anderer, als der von meinen Eltern:
„Lieber Micky, ich war zutiefst entsetzt, als ich die Nachricht über den Tod Deiner Großeltern gehört habe. Ich fühle so sehr mit Dir. Es muss schrecklich für Dich sein, diese lieben Menschen auf so unsäglich plötzliche und grausame Art und Weise verloren zu haben. Deine Mutter hat mich von dem Unfall unterrichtet. Das einzig Gute, was ich darin erkennen kann, ist die Tatsache, dass ich nun endlich mit Dir Kontakt aufnehmen darf. Denn ich musste damals auf Wunsch Deiner Großeltern und deiner Eltern versprechen, mich von Dir fern zu halten. Ich denke, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, an dem ich nicht mehr länger an dieses Versprechen gebunden bin. Aus tiefstem Herzen wünsche ich mir, dass auch Du es für angebracht hältst, dass ich mich jetzt bei Dir melde. Du wirst Dich gar nicht mehr an mich erinnern können. Ich habe damals geholfen, Dich auf die Welt zu bringen. Wenn Du möchtest, erzähle ich Dir das einmal in einer ruhigen Minute. Nun hoffe ich einfach nur, Dich ganz herzlich in meine Arme schließen zu dürfen, wann immer Du willst. Du bist herzlich willkommen. Dein Internat befindet sich nur 50 Kilometer von meinem Zuhause entfernt. Wenn es auch in Deinem Sinne ist, so kannst Du gerne deine Wochenenden bei mir verbringen. In tiefer Liebe und aufrichtiger Freude – Deine Omi.“
Ich schnappte nach Luft. Dieser Brief verwirrte mich vollkommen. Und ich wähnte mich erneut in dem Haus in Hamburg. Oben das laue und lasche Leben meiner Eltern und unten das rigide, strikte Regiment meiner Großeltern. Und zwischen all dem sollte es nun noch eine andere Welt geben? Die Welt meiner Omi? Eine Welt, die so warm, so mitfühlend, so aufrichtig schön klang, dass mir ganz schwindelig wurde. Wo war hier der Haken? Verunsichert legte ich den Brief an die Seite und wischte mir erneut die Tränen aus dem Gesicht. Diese blöden Tränen! Was sollte die ganze Gefühlsduselei? Damit kam ich gar nicht klar. Und weil es mir so schwer fiel, die neuen Emotionen zu verarbeiten, versuchte ich den Brief von meiner Omi zu verdrängen. Das gelang mir drei Monate lang, jedoch ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich ihren Brief hervorholte und las. Und bei jedem erneuten Lesen schlug mein Herz eine Oktave höher. Bis ich mir endlich eingestand, dass ich sie kennenlernen wollte. Die Person, die geholfen hatte, mich auf diese verrückte Welt zu bringen. An einem Mittwoch Abend wählte ich die im Brief angegebene Telefonnummer und am anderen Ende der Leitung meldete sich die Stimme meiner Omi:
„Ja bitte?“
Mir blieb das Herz stehen, so aufgeregt war ich, sie zu hören. Ich atmete schwer und brachte keine Worte heraus.
„Ja bitte?“, forderte mich ihre Stimme erneut auf zu reden.
Ich konnte nur keuchen. Und dann brach sie das Eis:
„Also gut, wenn das ein obszöner Anruf ist, so sollten Sie wissen, dass ich ein älteres Semester bin. Und Micky, wenn du das bist, dann sag jetzt etwas!“
Ich stöhnte auf:
„Omi?“
Micky’s Omi
Und so kam es, dass ich fortan jedes Wochenende – auch – an einen Ort fahren durfte, der sonst nur den anderen meiner Schulkameraden vorbehalten war. Ein Platz, an dem ich willkommen war. Dieser Platz war für mich nun das Zuhause, in dem meine Omi lebte. Und mit jedem neuen Besuch wurde mir wärmer und wärmer ums Herz. Meine Omi erzählte mir alles von meiner Geburt. Immer wieder holte sie mir diese Geschichte in mein Gedächtnis zurück:
Ich kam in einer warmen, sternenklaren Nacht im Juli 1960 auf die Welt. Dass ich bei meiner Ankunft in das Licht der Sterne blicken durfte, hatte ich ihr zu verdanken. So blieben mir die kreischend grellen Lampen eines Kreissaals erspart, die zu dieser Zeit üblicherweise die Ankunft neuen Lebens auf der Welt beleuchteten. Kein Klaps auf dem Po hatte mich erschrecken müssen, um selbstständig atmen zu können, stattdessen umfingen mich die starken und liebevollen Arme meiner Omi. Das Atmen kam von ganz alleine. Der Tag meiner Geburt war ein sehr friedvoller Tag und meine Omi war ein sehr offener, warmherziger Mensch. Nebenbei war sie Hebamme von Beruf, das erklärte auch die freudvollen Umstände meiner Ankunft. Sie verfügte über alle nötigen Kenntnisse und medizinischen Geschicke, um ihrer Tochter die Hilfe zukommen lassen zu können, die sie brauchte. Des Weiteren war meine Omi ein sehr gläubiger Mensch. Sie glaubte an Gott, die Engel, Feen und Trolle, an Wunder und vor allen Dingen an die Herzensbildung. Als sie hörte, dass ich unterwegs war, nahm sie meine Mutter, frei von jeglichen Vorwürfen, in ihr Haus auf, um für sie zu sorgen.
Meine Mutter war erst 17 Jahre alt, als sie mit mir schwanger wurde. Davor arbeitete sie ein Jahr als Dienstmädchen im Haus meiner Großeltern. Allein die Tatsache, dass meine Mutter als junge Frau fern von ihrem Zuhause in einer Großstadt wohnen durfte, zeigte, wie modern meine Omi damals war. In dem kleinen Dorf, in dem sie lebten, gab es für meine Mutter keine Ausbildungsmöglichkeiten. Also ließ meine Omi sie ziehen – wohlwissend – dass sie in einer Familie mit geordneten Verhältnissen aufgenommen wurde. Dass meine Mutter und der Sohn des Hauses sich Hals über Kopf ineinander verlieben würden, konnte ja niemand voraussehen. Sogar meine Omi nicht. Und meine Omi konnte sonst eine Menge sehen. Aber dazu später mehr.
Als sich die Hamburger Mischpoke der neuen Umstände gewahr wurde, war es bereits zu spät, um eine Engelmacherin zu bemühen. Mit dieser Schande wollten sie jedoch nichts zu tun haben und setzten meine Mutter kurzerhand vor die Tür. Gefolgt von meinem Vater, der mit seinen 20 Jahren eher noch über ein kindliches Gemüt verfügte, aber felsenfest davon überzeugt war, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Er begleitete meine Mutter bedingungslos. So kam es, dass beide bis zu meiner Geburt in das kleine Dorf meiner Omi, in den Süden Deutschlands zogen. Meine Omi hatte sich noch nie etwas aus Klatsch und Tratsch gemacht. Sie war eine sehr weise und liebenswerte Frau. Meine Eltern fühlten sich dennoch sehr beengt in dem Kaff, wie sie es nannten. Und es war für sie eine abgemachte Sache, dass sie nach meiner Geburt wieder zurück nach Hamburg gehen würden. Mein Vater nahm kurz vor meiner Niederkunft bereits Verhandlungen mit seinen Eltern auf. Schließlich erbarmten sie sich seiner. Die Familie Mäuschen war bereit, ihren verlorenen Sohn mit offenen Armen aufzunehmen, unter der Bedingung, dass das Luder – meine Mutter – und ich von ihnen fernbleiben würden. Oh, sie unterschätzten die Liebe meines Vaters zu meiner Mutter! Er kam wieder zu uns zurück. Bei allen Querelen, die ich mit meinem Vater hatte, das war eine sehr großherzige und sicherlich seine beste Tat.
Als ich auf der Welt war, unternahm mein Vater erneut den Versuch, in ein Gespräch mit seinen Eltern zu kommen. Ihm war klar, dass er und meine Mutter ihre Hilfe benötigen würden, um im Leben Fuß fassen zu können. Anfang der 60er war die Gesellschaft noch nicht so weit, ein unverheiratetes, jugendliches Paar mit einem Kind als vollwertige Mitglieder zu betrachten. Das wusste auch meine Omi. Sie machte ein Foto von mir, auf dem ich mich tatsächlich von meiner besten Seite gezeigt hatte. Ein süßes, liebenswertes Neugeborenes mit einem Engelslächeln – wie meine Omi es nannte – das sie auf diesem Bild hatte verewigen können. Wer könnte dem widerstehen, sagte sie lachend und gab es meinem Dad mit auf den Weg. Damit konnte er tatsächlich das Herz seiner Mutter erweichen. Auch wenn alle meinen Großvater ehrfurchtsvoll den Admiral nannten, hatte meine Großmutter die Hosen im Haus an. Meine Eltern durften nach Hamburg zurückkehren, mit mir! Vorausgesetzt, mein Dad würde meine Mutter ehelichen. Er war vor Freude ganz aus dem Häuschen und kehrte sofort zurück, um uns nach Hamburg zu holen. Allerdings gab es noch eine Bedingung, die meine Großeltern gestellt hatten. Von meiner Mutter hatten sie einiges über den Glauben und die unkonventionelle Lebenseinstellung meiner Omi erfahren. Sie wollten unter keinen Umständen, dass ich zukünftig Kontakt mit ihr haben würde. Diese alleinlebende Hebamme mit ihren irrwitzigen Fantasievorstellungen war ihnen äußerst suspekt. So schwer es meiner Omi auch fiel, versprach sie doch, sich daran zu halten. Wenn das der notwendige Schlüssel zum Glück ihrer Tochter und für mich war, dann sollte es so sein.
Nun begriff ich, warum ich erst nach dem Tod meiner Großeltern von der Existenz meiner Omi erfahren hatte. Und ganz langsam wurde mir auch klar, was Großmutter und der Admiral sich dabei dachten, als sie diese unmenschliche Bedingung stellten. Meine Omi war tatsächlich ein klein wenig speziell. Allerdings stellte ich mir auch die Frage, woher meine Großeltern das Recht nahmen, darüber zu urteilen. Und ich schämte mich, dass meine Eltern sich auf dieses perfide Spiel eingelassen hatten. Ich erhielt zunehmend ein Verständnis für meine innere Zerrissenheit. Da gab es ein Gefühl in mir, das immer wieder leise bei mir anklopfte.
Wenn ich in der Woche im Internat war, konnte ich es unterdrücken, indem ich mich voll und ganz auf das Lernen konzentrierte. An den Wochenenden, die ich fortan bei meiner Omi verbrachte, wurde es schwieriger, dieses Gefühl zu verdrängen. Ich war verwirrt, dass ich überhaupt etwas spürte, denn irgendwann hatte ich ja damit aufgehört. Es dauerte einige Zeit, bis ich die Emotionen in Worte fassen konnte. Ich fühlte mich betrogen! Und zwar von allen Beteiligten. Darauf reagierte ich mit einer permanenten Unzufriedenheit. Ich weigerte mich, mich damit auseinanderzusetzen, wer von allen in meinem Leben am verrücktesten war. Und ich verweigerte jegliche Gespräche über meine vergangenen 15 Jahre. Meine Omi respektierte das. Wie gesagt, sie war eine äußerst kluge und weise Frau. Nichtsdestotrotz tickte sie in der Tat nicht richtig in ihrem Oberstübchen. Den lieben langen Tag unterhielt sie sich mit Engeln, Feen und Trollen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mich einmal auf ihr Sofa fläzen wollte. Bevor es zu einem Sitzkontakt kam, rauschte meine Omi auf mich zu und kreischte:
„Nicht, Bub. Du zerdrückst sonst den Gartentroll!“
Demonstrativ zeigte sie mir eine Kuhle auf dem Kissen.
„Ja, Omi, diese Ausbuchtung auf dem Sitz kommt von deinem Hintern!“
„Nein, da sitzt der Troll!“
„Das ist Bullshit!“
„Werde ja nicht frech!“
Mit diesen Worten ging sie in die Küche. Wütend schmiss ich mich in den nächsten Sessel und starrte kopfschüttelnd das leere Sofa an. Ich glaubte nicht an den ganzen Humbug, wagte aber auch nicht, die Worte meiner Omi zu ignorieren. Ich nahm die Zeitung vom Tisch und warf sie anschließend zu dem Sofa mit den magischen Worten:
„Verschwinde, wie ein Furz im Winde!“
Was soll ich sagen? Die Kuhle verschwand tatsächlich und ich fragte mich, ob mir meine Omi morgens etwas in den Kakao gegeben hatte. Es gab viele solcher Begebenheiten. Einmal zeigte sie mir einen Fußabdruck aus Wassertropfen, der sich auf ihrer Küchenarbeitsplatte befand.
„Schau mal, Bub, da ist ein Troll entlanggegangen.“
Seitdem legte sie immer ein paar Essensreste auf einen Teller, damit sich das unsichtbare Wesen etwas nehmen konnte, wenn es mal ein Hüngerchen bekam. Meinetwegen, solange ich genug zu essen hatte, war mir das recht. Meine Omi kochte nämlich grandios! Und sie war sehr lieb zu mir. Bedingt durch meine Unzufriedenheit bedauere ich es heute noch, dass ich ihr nicht den nötigen Respekt gezollt habe. Ihre Liebe zu mir war nämlich wirklich spektakulär. Auf unseren gemeinsamen Spaziergängen erklärte sie mir, wann immer sie eine Feder fand, dass Engel in unserer Nähe waren.
„Ja, Omi.“
Sie erzählte mir von unseren Schutzengeln, die wir jederzeit rufen könnten, wenn wir Probleme haben.
„Ja, na klar, Omi.“
Sie berichtete mir vom Erzengel Michael, der ein starker Lichtkämpfer ist.
„Hm, toll, Omi.“
Von dem heilenden Erzengel Raphael schwärmte sie regelrecht.
„Schön, Omi.“
Glitzernde Tautropfen auf sonnenbeschienen Wiesen waren für sie die Feenwelt.
„Oh, Omi …“
Als sie eines Tages erschreckt feststellte, dass das städtische Ordnungsamt drei dicke Eichen in ihrer Straße fällte, rannte sie zu den Bäumen hin und nahm einen Ast:
„Oh, ihr lieben Baumwesen, setzt euch alle auf diesen Ast. Morgen trage ich euch damit in den Wald. Da findet ihr ein neues Zuhause.“
„Äh, Omi, alles in Ordnung mit dir?“
Am nächsten Tag gingen wir wieder zu den gefällten Bäumen und meine Omi hob den Ast vom vorherigen Tag auf und trug ihn – wie versprochen – in den Wald.
„Ganz schön schwer, ich glaube, alle sind drauf.“, sagte sie mit einem seligen Lächeln.
„OMI!“
Ein Jahr später, als ich wieder eines meiner Wochenenden bei ihr verbrachte, starb meine Omi. Ich war bei ihr bis zum bitteren Ende. Ich saß im Wohnzimmer und las ein Buch für die Schule, als ich aus der Küche erst ein Scheppern von Geschirr und Töpfen hörte, und dann einen lauten, schweren „Rums!“. Rasch stand ich auf und lief in die Küche. Da lag sie – meine Omi – umgeben von Scherben. Sie stöhnte und ächzte. Mein Blut rauschte in meinem Kopf und mein Herzschlag dröhnte in meinen Ohren.
„Omi?“
Sie ächzte unter Schmerzen:
„Bin wohl hingefallen, Bub.“
„Omi, kannst du aufstehen?“
Sie versuchte es mit meiner Hilfe, fing aber an zu verkrampfen und hielt mit schmerzverzogenem Gesicht ihre Hand vor dem Herzen.
„Nein“, stöhnte sie.
Ich war in Panik. Was tun? Ich wollte aufstehen und den Notarzt rufen. Da packte sie mich an meiner Hand und hielt mich zurück.
„Nein, mein Bub. Lass’ gut sein.“
„Aber Omi, du brauchst Hilfe. Ich komme gleich wieder. Ich gehe schnell zum Telefon und rufe den Arzt.“
Sie schüttelte den Kopf:
„Nein, mein Schatz, den brauche ich nicht mehr.“
„Omi, lass’ den Mist. Du kommst wieder auf die Beine.“
„Bub,“, keuchte sie, „siehst du nicht den Todesengel? Er kommt mich holen. Gleich nimmt er mich mit auf meine große Reise.“
„Omi! Scheiß auf den Todesengel. Ruf doch lieber Razael oder so. Der macht dich wieder gesund.“
Sie blickte mir in die Augen:
„Sag mal, hast du mir nie zugehört? Er heißt Raphael und er ist auch hier. Aber er kann für mich nichts mehr tun, außer mir die Schmerzen nehmen. „
Und mit diesen Worten entspannte sie sich zunehmend und blickte mich liebevoll an. Ich fing an zu heulen und war immer noch hin und her gerissen. Auf der einen Seite kreischte mein Verstand, dass ich endlich meinen Hintern in Bewegung setzen sollte, um den Arzt zu rufen. Auf der anderen Seite hielt mich dieser hingebungsvolle, liebe Blick meiner Omi davon ab.
„Bub.“, seufzte sie und streichelte mir zärtlich über’s tränenüberströmte Gesicht.
„Bub, meine Zeit ist um. Ich will nicht in ein Krankenhaus. Ich will hier sterben.“
„Auf dem kalten Küchenboden?“
„Ja, mein Kleiner, hier auf meinen Küchenboden.“
„Omi, geh doch nicht, lass mich nicht allein!“, schrie ich verzweifelt.
Meine Omi strahlte nun über beide Augen:
„Sie sind alle da.“, hauchte sie.
Ich blickte mich um:
„Da? Wer ist da?“
„Na, die Feen und Trolle und die Engel.“
„Diese verdammten Arschlöcher sollen dich retten und nicht einfach blöde rumstehen. Ich hole jetzt einen Arzt!“
Aber meine Omi hielt mich mit einer erstaunlichen Kraft fest.
„Sie sind hier, um mich ein Stück meines Weges zu begleiten. Und Bub, du bist niemals allein! Sie sind auch alle bei dir. Und ich werde es auch sein.“
„Omi, bitte, nicht!“
„Oh, ist das schön! Bub, wenn du das doch auch sehen könntest …“, flüsterte sie leise, während sich ihr Blick bereits veränderte. Mit glasigen Augen starrte sie mich an. Sie hatte aufgehört zu atmen. Meine Omi war fort. Sie war nicht mehr in ihrem Körper. Meine Omi war auf ihrem kalten Küchenboden gestorben. Und ich war bei ihr.
Überlebensversuche
Ich weiß nicht, wie lange ich bei ihr gesessen habe – jegliches Zeitgefühl hatte ich verloren. Ich weiß nur noch, als mein erster Schock verflogen war, wie ich mich gesammelt und langsam wieder aufgerichtet habe und die Augen meiner Oma sanft mit meiner Hand verschloss. Ich blickte mich um. Dort lag meine friedliche, kleine Omi, neben ihr Scherben und Besteck sowie eine Pfanne und zwei Töpfe. Als sie umfiel, hatte sie sich im letzten Moment wohl am Küchentisch festhalten wollen, der mit ihr dann ins Bodenlose gestürzt war. Inmitten all dem Chaos lag ein großer, aufgeplatzter Zuckerbeutel, der seinen Inhalt wie weißen Schnee über das Geschehen gestreut hatte. Ich traute meinen Augen kaum, mitten in diesem Zuckerschnee erkannte ich einen kleinen – mir wohlbekannten – Fußabdruck. Er war tatsächlich bei ihr gewesen. Bis zum Schluss. Omis kleiner Troll.
Der Tod meiner Omi hatte mich tief erschüttert. Auch wenn ich es ihr nie gesagt habe, die Wochenenden bei ihr waren die bisher schönsten Momente in meinem Leben. Und ich hatte eine mordsmäßige Wut auf all die Feen, Trolle und Engel. Nicht, dass ich an sie glaubte, aber meine Omi hatte an sie geglaubt. Warum hatten sie ihr nicht geholfen? Ich war sehr verbittert und sehr verwirrt. Mein Leben ging kurioserweise weiter, obwohl ich mich innerlich wie tot fühlte. Das einzige, was mich aufrecht hielt, waren meine Wut und Verzweiflung, die ich gerne an jemandem ausgelassen hätte. Da ich aber keine Freunde hatte und meine Eltern in weiter Ferne weilten, hatte ich niemanden, an dem ich mich austoben oder dem ich mich mitteilen konnte. Ich musste wohl ab da begonnen haben, meine Gefühle gänzlich gegen mich selbst zu richten, denn ich stürzte mich in meine schulischen Aufgaben mehr als je zuvor. Für mich kamen nur noch Lernen und Verdrängen in Betracht. Und zwar in einem so ehrgeizigen, erfolgreichen Ausmaß, dass ich wieder eine Klasse überspringen konnte. Statt in die 10. Klasse kam ich in die 11. Klasse. Freizeitliche Aktivitäten, wie Faulenzen, Sport treiben, Musik hören oder mit Freunden abends um die Häuser ziehen, waren für mich tabu. Ich verblödete in meiner Intelligenz und meine Gefühlswelt verkümmerte zunehmend.
In all der Zeit war der Kontakt zu meinen Eltern eher sporadischer Natur und so ist es bis heute geblieben. Irgendwie waren wir uns schon immer fremd. Ihnen fehlte jegliches Verständnis für mein Verhalten, umgekehrt empfand ich es ebenso. Die einzige Freude, die ich ihnen machen konnte, war die, dass ich sie finanziell unterstützte. Das haben sie gerne zugelassen und sie kamen sich nie zu blöd vor, mich um Geld anzuhauen.
Nach meinem Schulabschluss habe ich mir gleich eine Lehrstelle bei einer Bank gesucht. Sicherlich hätte ich mit meinem Zeugnis mehr aus mir machen können, nur kam ein Studium für mich nicht in Betracht. Zu sehr hätte mich meine Einsamkeit unter all den vielen, die so fröhlich und unbeschwert ihre Studentenzeit erlebten, geschmerzt. Genau das wollte ich mir ersparen. So habe ich es vorgezogen, meine Ausbildung in einer großen, bedeutenden Bank in einem kleinen, unbedeutenden Kaff zu machen. Nach meiner Lehre wurde ich rasch zum Leiter der Kreditabteilung berufen. Meine Talente und meine Arbeitswut waren meinem Chef nicht verborgen geblieben.
