Wenn es dunkel wird ... - Dinah Kayser - E-Book

Wenn es dunkel wird ... E-Book

Dinah Kayser

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Beschreibung

Gefährliche Visionen: Rebecca Deville, eine junge Malerin, erleidet durch einen Unfall eine schwere Gehirnerschütterung, die ihr ganzes Leben verändert. Immer häufiger skizziert sie Bilder von Ereignissen, die wirklich eintreffen. Nach einem heftigen Streit mit ihrem Freund, dem Komponisten Robert Hale, beschließt Rebecca, einige Zeit in ihrem Sommerhaus in Cornwall zu verbringen. In der Nähe des Hauses liegt Drago Castle, der unheimliche Besitz der Forbes'. Vor Jahren ist er Schauplatz eines Verbrechens gewesen. In einer ihrer Visionen sieht Rebecca, wie sich ein Mann, dessen Gesichtszüge sie nicht erkennen kann, mit einem Messer in der Burgkapelle von Drago Castle über ein Mädchen beugt. Sie versucht Lord Forbes zu warnen, dieser lacht sie aus, bittet sie jedoch später, seine Tochter zu malen. Als die junge Frau annimmt, kommt sie einem tödlichen Geheimnis auf die Spur, das auch sie ins Verderben zu reißen droht. Die Hüterin des Hauses: Janice Corbett zieht mit ihrer Schwester Sarah in das Haus ihres verstorbenen Onkels. Sie ahnt nicht, dass sie nicht die einzigen Bewohner des Hauses sind und auch als ihre Schwester davon spricht, will sie es nicht glauben. Geister existieren in ihrer Welt nicht. Und dieser Meinung ist auch Roman Partridge, der Mann, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben vorstellen kann. Sarah mag diesen Mann nicht, zumal ihre neue Freundin Damaris sie vor ihm warnt. Einzig Colin Alclair, ein Freund des Verstorbenen, nimmt Sarahs Geschichten ernst. Aber kann Janice ihm vertrauen? Die Teufelskapelle: Nachdem Charlene Alley während einer Vernissage den Maler Richard Lord Woodbury kennengelernt hat, verändert sich ihr Leben drastisch. Seit der Begegnung mit dem Künstler wird sie Nacht für Nacht von grausamen Albträumen heimgesucht. Doch ihre Qualen werden fast unerträglich, als ein Gemälde von Lord Woodbury verkauft wird und Charlene die Einladung auf den Landsitz des Malers nach Wales annimmt ...

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dinah Kayser, J. M. Roberts, Sharon de Winter

Wenn es dunkel wird ...

Drei Dark-Romancen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Gefährliche Visionen

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

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17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

Die Hüterin des Hauses

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

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13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

Die Teufelskapelle

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

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Impressum neobooks

Gefährliche Visionen

Wenn es dunkel wird …

Drei Dark-Romancen

Copyright by Author Dinah Kayser, J. M. Roberts und Sharon de Winter

All rights reserved 2018

Titelfoto: Pixabay

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung vorbehalten. Kein Teil des Buches darf in irgendeiner Form durch Fotokopie, Mikrofilm oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet oder verbreitet werden.

Die Romane spielen in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Dinah Kayser

1.

2.

3.

4.

5.

6.

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8.

9.

10.

11.

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13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

Die Hüterin des Hauses

Die Teufelskapelle

1.

Niedergeschlagen überquerte Rebecca Deville die Straße und betrat den Hyde Park. Es dämmerte bereits. An und für sich ging sie nicht gerne bei Dunkelheit spazieren, aber sie hatte sich mit ihrem Freund gestritten und ein Spaziergang erschien ihr das Beste, um auf andere Gedanken zu kommen.

Die junge Frau erreichte den Serpentinenteich. Sie blieb stehen und beobachtete die Wasservögel, die das gegenüberliegende Ufer bevölkerten. Langsam wurde sie ruhiger. Wie friedlich hier alles wirkte! Rebecca bedauerte, nicht ihren Skizzenblock mitgenommen zu haben. Trotz des schlechten Lichtes hätte sie sich am liebsten auf einen der Findlinge gesetzt, die nahe beim Wasser lagen, und diese abendliche Szene eingefangen.

Tief in Gedanken schlenderte die junge Frau weiter. Ihr Freund hatte sie egoistisch und arrogant genannt. Wütend hatte sie ihm geantwortet, dass sie schließlich an ihre Karriere denken musste. Sie war auf dem Weg, eine berühmte Malerin zu werden. In fünf Wochen hatte sie eine Ausstellung in einer der größten Galerien Londons. Warum wollte Robert nicht begreifen, dass sie sich ihm im Moment nicht so widmen konnte, wie er es wünschte? Oder war er auf ihren Erfolg eifersüchtig?

Rebecca seufzte leise auf. Robert Hale und sie kannten sich seit über drei Jahren. Das erste Mal waren sie einander anlässlich eines Konzertbesuchs in der Albert Hall begegnet. Etwas verlegen hatte ihr Robert damals gestanden, dass er Komponist war, jedoch noch ganz am Anfang seiner Karriere stand. Er hatte sie zum Essen eingeladen und sie hatten einige zauberhafte Stunden miteinander verbracht. Noch am selben Abend war ihr bewusst geworden, dass sie begann, sich in ihn zu verlieben.

Die Malerin bückte sich nach etwas Glitzerndem, was auf dem Weg lag. Sie lachte leise auf, als sich herausstellte, dass es sich nur um ein Stückchen goldfarbenes Metall handelte. Statt es achtlos wieder fortzuwerfen, trug sie es zum nächsten Papierkorb.

Es stimmte, sie hatte Robert in der letzten Zeit ziemlich vernachlässigt, weil sie nichts als ihre Arbeit im Kopf hatte. Wie viel Mühe hatte er sich gegeben, um dieses Wochenende harmonisch zu gestalten. Er hatte sogar zwei Karten für Cats besorgt. Er hatte sie damit überraschen wollen. Immerhin handelte es sich bei Cats um ihr Lieblingsmusical. Wie hätte er damit rechnen können, dass sie es ablehnen würde, ihn zu begleiten?

"Tut mir leid, ich muss heute Abend arbeiten, Robert", hatte sie zu ihm gesagt, als er ihr die Karten gezeigt hatte.

"Du weißt, wie viel ich noch für die Ausstellung zu tun habe."

"Du hast bereits das ganze Wochenende gearbeitet, Darling", hatte er erwidert. "Habe ich deswegen ein Wort verloren? Ich hätte dich auch daran erinnern können, dass wir uns vorgenommen hatten, uns einmal so richtig auszuspannen."

"Nach der Ausstellung ist dafür noch immer Zeit", hatte sie geantwortet. "Bitte hab noch etwas Geduld, Robert. Im Moment habe ich einfach nicht die Nerven, ruhig im Theater zu sitzen und die Vorstellung zu genießen."

"Meinst du nicht, dass du meine Geduld auf eine harte Probe stellst?", hatte ihr Freund gefragt. Ein Wort hatte das andere gegeben, schließlich hatte er sie egoistisch und arrogant genannt, sein Jackett ergriffen und war gegangen.

Sicher saß Robert jetzt in seiner Wohnung und hämmerte auf die Tasten des Klaviers ein, um seinen Zorn abzureagieren. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sich Rebecca so heftig gewünscht, bei ihm zu sein. Es tat ihr leid, ihm das Wochenende und den Abend verdorben zu haben. Bis zur Ausstellung waren es noch fünf Wochen. Wenn nichts dazwischen kam, würde sie die Arbeit auf jeden Fall schaffen. Sie beschloss, ihren Freund von der nächsten Telefonzelle aus anzurufen. Wenn sie sich beeilte, konnten sie noch immer die Vorstellung besuchen. Es war kurz vor sieben. Zum Umziehen brauchte sie nicht mehr als zwanzig Minuten.

Die junge Malerin eilte den Weg zurück, den sie gekommen war. Sie hatte fast die Park Lane erreicht, als ihr einige Fahrradfahrer entgegenkamen. Sie schienen ein Wettrennen zu veranstalten. Rebecca wollte ihnen ausweichen. Sie schaffte es nicht mehr. Eines der Räder fuhr voll in sie hinein. Sie spürte einen dumpfen Schmerz, hörte einen entsetzten Aufschrei und stürzte rückwärts zu Boden. Hart schlug sie mit dem Kopf auf dem Weg auf. Jetzt ist alles aus, dachte sie noch, dann wurde es dunkel um sie.

2.

Dichter Nebel lag über dem Meer. Wie von fern hörte Rebecca das Tuten der Schiffssirenen. Sie hatte Angst, entsetzliche Angst. Aus dem Nebel tauchten zwei riesige, dunkle Schatten auf. Sie steuerten direkt aufeinander zu. Auf der Brücke des einen Schiffes glaubte sie, mehrere Männer zu erkennen.

Stöhnend warf sich Rebecca herum. Ihre Finger krallten sich in das Laken. Auf ihrer Stirn stand kalter Schweiß. "Felicitas", murmelte sie. "Die Menschen. Es sind Kinder dabei. Es ... Rettet wenigstens die Kinder. Sie ..."

"Es ist alles gut, Darling", flüsterte Robert Hale beschwörend, während er seiner Freundin den Schweiß von der Stirn tupfte. "Glaube mir, es ist alles gut." Zärtlich strich er durch Rebeccas blonde Locken. "In einigen Tagen sieht die Welt schon wieder anders aus."

"Sie brennt. Die Felicitas brennt", stieß Rebecca heiser vor Entsetzen hervor. "Die Kinder ... rettet die Kinder!" Sie versuchte, sich aufzurichten.

Robert sprang auf. Er beugte sich über die junge Frau und hielt sie mit beiden Händen fest.

Rebecca kämpfte verzweifelt gegen ihn an. Sie wollte zu den Kindern, sie von Bord holen. Jetzt wurden sie von den Flammen erfasst. Schreiend sprangen sie in Wasser. Da waren Haie ...

Hinter Robert öffnete sich die Tür. Er drehte sich halb um. "Gut, dass Sie hier sind, Doktor Stone", sagte er. "Miss Deville scheint einen Albtraum zu haben." Müde strich er sich seine schwarzen Haare zurück. Während der letzten Nächte war er kaum zum Schlafen gekommen.

"Bitte treten Sie einen Augenblick beiseite, Mister Hale", bat der Arzt. Er beugte sich über Rebecca. Beruhigend sprach er auf die Malerin ein.

Rebecca schlug die Augen auf. Sie blickte die Männer an, nahm jedoch nur Schemen wahr. "Es ist vorbei", sagte sie fast tonlos. "Es ist vorbei. Die Felicitas ist untergegangen. Niemand an Bord hat überlebt. Die Kinder ..." Kraftlos sank ihr Kopf zur Seite.

"Sieht aus, als sollten wir Miss Deville wieder auf die Intensivstation verlegen", meinte Dr. Stone besorgt. "Bei einer so schweren Gehirnerschütterung, wie Ihre Freundin sie hat, kommt es oft zu einem Rückschlag", fügte er hinzu.

Robert ergriff den Arm des Arztes. "Miss Deville wird doch wieder völlig gesund werden?" Er machte erst gar nicht den Versuch, gegen seine Angst anzukämpfen. Seit man Rebecca vor vier Tagen in die Klinik eingeliefert hatte, war nicht ein Augenblick vergangen, in dem er nicht an sie gedacht hätte. Er liebte Rebecca über alles und wünschte sich verzweifelt, sich nicht wegen der Musicalkarten mit ihr gestritten zu haben. Wäre er nur an jenem Abend bei ihr geblieben.

"Wir tun alles, was in unserer Macht steht, Mister Hale", versicherte der Arzt. Er warf einen letzten Blick auf die junge Frau, dann verließ er das Zimmer, um sich mit seinen Kollegen zu beraten.

Niedergeschlagen betrat Robert Hale zwei Stunden später seine Wohnung. Obwohl er lieber bei seiner Freundin geblieben wäre, es war nicht möglich gewesen. Mit dem Trost, dass er am Abend anrufen durfte, hatte man ihn verabschiedet. Sein Blick fiel auf eine Zeichnung, die ihm Rebecca vor vierzehn Tagen zu seinem siebenundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Sie zeigte einen Bernhardiner, der als Wächter vor einem Parktor lag.

Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Er hob den Hörer ab. "Ach, du bist es, Paul", meinte er, als sich sein bester Freund meldete.

"Ja, nur ich", erwiderte der junge Mann. "Wie geht es Rebecca?", erkundigte er sich. "Du warst sicher in der Klinik?"

"Ich bin eben erst nach Hause gekommen", antwortete Robert. "Es geht ihr nicht sonderlich. Man hat sie wieder auf die Intensivstation verlegt." Er erzählte Paul von den Albträumen seiner Freundin. "Ich begreife das nicht. Ich habe noch niemals gehört, dass man bei einer Gehirnerschütterung unter Albträumen zu leiden hat."

"Jede Gehirnerschütterung ist anders", versuchte ihn Paul zu beruhigen. "In einigen Tagen wird es Rebecca sicher wieder besser gehen. Kopf hoch, alter Junge! Wir kennen Rebecca. So schnell wirft sie nichts um."

"Ich wünschte, ich könnte daran glauben", erwiderte Robert. "Es ist schrecklich, sie so leiden zu sehen und ihr nicht helfen zu können. Ich wünschte, ich könnte die Zeit um ein paar Tage zurückdrehen und diesen dummen Streit ..."

"Hör auf, Robert, mach dich nicht fertig", fiel ihm Paul ins Wort. "Du bist nicht schuld an Rebeccas Unfall. Davon abgesehen täte es euch beiden gut, hin und wieder gegenseitig etwas Toleranz zu üben."

"Ich habe mir geschworen, dass alles besser wird, sobald Rebecca wieder zu Hause ist", versprach Robert. "Ich werde ihr nie wieder vorwerfen, nichts als ihre Karriere im Kopf zu haben. Wenn man etwas erreichen will, ist es nun einmal wichtig, oft bis zur Besessenheit zu arbeiten. Schließlich weiß ich das, aus eigener Erfahrung."

Er wechselte noch ein paar Worte mit seinem Freund, dann legte er auf. Rebecca war nicht sehr oft in seiner Wohnung gewesen, dennoch erschien sie ihm plötzlich öd und leer. Mutlos setzte sich der junge Mann ans Klavier und schlug die ersten Töne einer Melodie an, die er für seine Freundin komponierte. Er wollte sie damit an ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag überraschen.

Während der nächsten drei Tage konnte Robert Hale seine Freundin immer nur für ein paar Minuten am Vormittag und am Nachmittag besuchen, doch dann ging es Rebecca besser und sie wurde wieder auf die allgemeine Station verlegt.

Der Komponist kaufte einen bunten Frühlingsstrauß und fuhr zum Krankenhaus. Am Kiosk in der Halle erstand er noch eine Schachtel ihrer Lieblingspralinen. Als er bezahlte, fiel sein Blick auf die Schlagzeile der Morgenzeitung. Während der letzten Tage hatte er weder Nachrichten gehört, noch Zeitungen gelesen. "Keine Überlebenden beim Untergang der Felicitas." Bestürzt hielt er sich am Tresen fest.

"Was haben Sie?" Die Verkäuferin folgte Roberts Blick. "Ist das nicht schrecklich?", fragte sie. "Ich habe bereits heute Morgen in den Nachrichten von der Schiffskatastrophe gehört. Ein Tanker und ein Kreuzfahrtschiff sind im dichten Nebel vor der Küste Korsikas zusammengestoßen. Dem Tanker ist nicht viel passiert, aber an Bord der Felicitas hat es eine Explosion gegeben und dann ist Feuer ausgebrochen. Unter den Passagieren befanden sich über fünfzig Kinder."

"Bitte, geben Sie mir die Zeitung", bat Robert betroffen. Seine Hand zitterte, als er bezahlte. Hatte Rebecca nicht vor drei Tagen im Delirium von Untergang eines Schiffes gesprochen? Immer wieder hatte sie den Namen des Schiffes gemurmelt. "Die Kinder ...", glaubte er sie klagen zu hören. "Die Kinder ..."

Der junge Komponist suchte sich ein ruhiges Eckchen in der Halle und las den Artikel, der zur Schlagzeile gehörte. Schließlich ließ er sich mit geschlossenen Augen im Sessel zurücksinken. Wie hatte Rebecca wissen können, dass die Felicitas untergehen würde? Zu der Schiffskatastrophe war es erst am vergangenen Abend gekommen. Sie hatte bereits vor drei Tagen davon gesprochen.

Sie kann doch nicht hellsehen, dachte er und richtete sich auf. Er faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf ein Tischchen. Hoffentlich hatte Rebecca nichts vom Zusammenstoß der beiden Schiffe gehört. Dr. Stone hatte ihn am Telefon darauf hingewiesen, dass jede Aufregung zu einem gefährlichen Rückschlag führen konnte.

Als der Komponist das Krankenzimmer betrat, sah ihm seine Freundin lächelnd entgegen. Zum ersten Mal seit Tagen schien sie wieder völlig bei sich zu sein. Sie streckte die Arme nach ihm aus. "Wie schön, dass du kommst, Robert", sagte sie.

"Willkommen in der Welt." Robert schloss die junge Frau in seine Arme. "Lass dir nicht einfallen, mir noch einmal solche Sorgen zu machen. Glaub mir, während der letzten Tage bin ich durch die Hölle gegangen."

"Das tut mir leid." Rebecca strich ihm zärtlich über die Stirn. "Doktor Stone sagte mir, dass ich immer wieder bewusstlos geworden bin." Stirnrunzelnd fügte sie hinzu: "Dunkel kann ich mich an furchtbare Albträume erinnern."

Oder Visionen, dachte Robert. "Denk nicht mehr daran", meinte er. "Die Hauptsache, dir geht es inzwischen wieder besser. Hat dir Doktor Stone gesagt, wann du aus der Klinik entlassen wirst?"

"Vermutlich Ende der Woche, wenn ich nicht wieder einen Rückschlag erleide", erwiderte Rebecca. Sie bedankte sich für die Blumen und die Pralinen. "Wenn du morgen kommst, könntest du mir eigentlich meinen Skizzenblock und Stifte mitbringen. Ich muss meinen Händen etwas zu tun geben."

"Das sieht dir ähnlich", meinte der junge Mann. "Verlaß dich darauf, Darling, deinen Skizzenblock bekommst du erst, wenn Doktor Stone damit einverstanden ist."

"Scheusal!", erklärte die Malerin. Ihre Augen strahlten.

"Da habe ich all die Wochen wie eine Verrückte gearbeitet, um die Bilder bis zur Ausstellung fertigzustellen, und nun liege ich hier und muss mich in Geduld üben." Sie seufzte auf. "Es ist wirklich zum Verrücktwerden."

"Vielleicht ist es möglich, die Ausstellung zu verschieben", überlegte Robert laut. "Soll ich mit dem Besitzer der Galerie sprechen? Soviel ich weiß, ist Mister Kessler ein sehr umgänglicher Mensch."

Seine Freundin schüttelte den Kopf. "Nein, lass nur, ich werde es schon schaffen", meinte sie.

"Darling, du darfst dich nicht übernehmen." Robert strich ihr durch die langen, blonden Locken. "Kommt es wirklich auf ein paar Wochen an? Ist deine Gesundheit nicht viel wichtiger, als alles andere?" Er sah ihr in die Augen. "Bitte denk darüber nach, Rebecca."

"Ich werde darüber nachdenken", versprach sie und schmiegte sich an ihn. "Ich werde Arthur Kessler morgen anrufen", fügte sie hinzu. "Und was macht deine Arbeit? Kommst du voran?"

"In den letzten Tagen nicht besonders gut", gab Robert zu. Außer der Melodie, die er für Rebecca komponierte, arbeitete er zusammen mit Paul Jones an einem eigenen Musical.

"Das tut mir leid", bemerkte sie.

"Da kann man nichts machen." Er küsste sie auf die Stirn. "Nachdem es jetzt mit dir wieder aufwärtsgeht, werde ich auch mit meiner Arbeit vorankommen."

"Hast du einen Stift?"

"Ja." Er nahm einen Drehbleistift aus seiner Jackettasche und reichte ihn ihr.

Rebecca griff nach dem Papierdeckchen, das auf ihrem Esstablett gelegen hatte. "Sitz still", befahl sie. "Dein Gesicht ist es wert, der Nachwelt erhalten zu bleiben." Sie blinzelte ihm zu.

"Dir scheint es wirklich wieder ausgezeichnet zu gehen", bemerkte Robert überrascht.

Rebecca begann, ihren Freund mit wenigen Strichen zu skizzieren. Noch während sie arbeitete, schien der Stift ein Eigenleben zu entwickeln. Plötzlich war es nicht mehr Robert, den sie zeichnete, sondern ein kleines, brennendes Flugzeug. Die junge Frau wollte bestürzt ihre Arbeit unterbrechen. Sie konnte es nicht. Wie ein Schraubstock hielt ihre Hand den Stift umklammert.

"Rebecca!" Robert sprang auf. "Darling, was ist?" Er sah die Angst in ihrem Gesicht, sah, was sie zeichnete.

Die junge Malerin gab ihm keine Antwort. Auf die brennende Tragfläche des Flugzeugs schrieb sie 'Anne-Louise". Erst dann ließ sie den Stift sinken. Verstört sah sie ihren Freund an. "Ich begreife das nicht", sagte sie kaum hörbar. "Was ist nur mit mir los. Ich ..." Fröstelnd zog sie die Schultern zusammen. "Ich habe so etwas noch nie erlebt. Es war, als hätte ich den Befehl erhalten, dieses Flugzeug zu zeichnen. Und während ich es zeichnete, sah ich es abstürzen."

"Es ist alles in Ordnung", versicherte Robert, wenngleich er an den Untergang der Felicitas denken musste, den Rebecca vorausgesehen hatte. Er konnte nur hoffen, dass ihre Zeichnung keinen Bezug zur Wirklichkeit hatte.

Liebevoll nahm er ihr Stift und Papier fort, dann zog er sie in die Arme. "Du bist immer noch krank", sagte er und hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf den Haaransatz. "Wenn Doktor Stone erfährt, dass du bereits wieder arbeitest, wird er mir dafür die Ohren lang ziehen."

"Lange Ohren würden dir nicht besonders gut stehen." Rebecca legte sich zurück. Ihr war schwindlig. Sie sah ein, dass sie sich übernommen hatte. "Ich glaube, ich sollte jetzt etwas schlafen", meinte sie matt und schloss erschöpft die Augen.

"Sehr vernünftig, Darling." Robert Hale stand auf. Die Skizze des brennenden Flugzeuges faltete er zusammen und steckte sie in seine Jackettasche. Er küsste seine Freundin ein letztes Mal, dann verließ er auf Zehenspitzen ihr Zimmer. Leise fiel die Tür hinter ihm zu.

3.

Einige Tage später kehrte Rebecca nach Hause zurück. Robert Hale trug ihren Koffer die Treppe hinauf. "Ich habe bereits den Lunch vorbereitet", sagte er, als sie die Wohnungstür aufschloss. "Am besten, du legst dich nach dem Essen etwas hin. Ich werde mich um alles kümmern. Wenn du willst, bleibe ich ein paar Tage bei dir."

Die junge Frau drehte sich ihm zu. "Lieb von dir, Robert, aber es ist wirklich nicht nötig", erwiderte sie. "Ich fühle mich ausgezeichnet. Ich kann es kaum noch erwarten, wieder mit meiner Arbeit zu beginnen." Sie zog sich die Jacke aus und streckte sich. "Alles in mir schreit geradezu nach Pinsel und Palette."

"Denk daran, was Doktor Stone gesagt hat", bemerkte ihr Freund. Er stellte den Koffer im Korridor ab und griff nach ihrer Jacke, um sie aufzuhängen.

"Robert, bitte lass mir meinen Willen." Rebecca legte die Arme um seinen Nacken. "Du weißt, dass ich es nicht ertragen kann, wenn andere versuchen, über mein Leben zu bestimmen." So dankbar sie ihrem Freund für seine Fürsorge war, sie befürchtete, ihre Freiheit zu verlieren. Robert neigte zum Übertreiben.

"Schon gut." Er drückte sie an sich. "Ich werde mich dann mal um unseren Lunch kümmern." Liebevoll küsste er sie auf die Nasenspitze. "Oder hast du etwas dagegen?"

"Durchaus nicht." Rebecca ließ die Arme sinken. Sie wandte sich dem Atelier zu, das sie sich im hinteren Teil der Wohnung eingerichtet hatte. Tief atmete sie den vertrauten Geruch nach Leinwand und Farben ein. Wie in Trance betrachtete sie die Bilder, die entlang der Wände standen. Sie versuchte, sie mit den Augen eines Fremden zu sehen. Auch wenn ihre Arbeit während der letzten beiden Jahre immer wieder von Kritikern gelobt worden war, ein Rest Unsicherheit blieb. Oft hatte sie das Gefühl, nicht alles zu geben, was sie geben konnte.

Wenig später saßen sie auf dem Balkon beim Lunch. Robert hatte den Tisch sorgfältig gedeckt. Sogar an einen Strauß blassgelber Rosen hatte er gedacht.

Andere Frauen würden mich um so einen Mann beneiden, dachte Rebecca. Auch wenn sie sich undankbar vorkam, sie wollte nicht, dass Robert während der nächsten Tage bei ihr blieb. So gern sie ihn um sich hatte, wenn sie arbeitete, war sie am liebsten alleine.

Und wann arbeitest du mal nicht, fragte sie sich und seufzte unwillkürlich auf.

"Fühlst du dich nicht wohl?", fragte Robert erschrocken. Besorgt schaute er sie an. "Hast du Kopfschmerzen?" Er sprang auf. "Ich hole dir eine Tablette."

"Robert, bitte behandle mich nicht wie eine Invalide", bat Rebecca. Sie lachte, obwohl ihr eigentlich nicht nach Lachen zumute war. "Mit mir ist alles in Ordnung." Sie nahm sich von der Hühnerbrust. "Hat dir Paul den Rest der Texte gebracht?", fragte sie, um ihn von sich abzulenken.

"Nein, ich bekomme sie erst in einigen Tagen", erwiderte der junge Komponist. "Paul musste während der vergangenen Woche ständig Überstunden machen. Er ist einfach nicht dazu gekommen, die Texte zu vervollständigen." Er schenkte für Rebecca und sich Tee nach. "Das ist auch nicht weiter schlimm." Diesmal war er es, der aufseufzte. "Das Musical muss einfach ein Erfolg werden", fügte er hinzu. "Paul und ich haben soviel Arbeit hineingesteckt." Er hob die Schultern. "Nun, es hilft nichts, sich etwas vorzumachen. Es wird nicht leicht sein, einen Produzenten zu finden. Immerhin bin ich noch relativ unbekannt."

"Es wird euch gelingen, da bin ich mir ganz sicher." Rebecca lächelte ihm ermutigend zu und umfasste seine Hand. "Ich finde deine Musik wundervoll."

"Und das ist die Wahrheit?", fragte Robert unsicher.

"Natürlich, Robert", erwiderte die Malerin. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es für einen Künstler ist, die Wahrheit über seine Arbeit zu hören. Ich würde dich da niemals anlügen."

"Das macht mich froh." Der junge Mann stand auf und trat hinter sie. Liebevoll legte er die Hände auf ihre Schultern. "Paul meinte, wir sollten wieder einmal etwas gemeinsam unternehmen. Wie wäre es am Samstag?"

"Bis zur Ausstellung habe ich wirklich keine Zeit", lehnte Rebecca ab und schob seine Hände von ihren Schultern. "Sag ihm, dass einem gemeinsamen Abend nach der Ausstellung nichts im Wege steht." Sie stand auf und begann den Tisch abzuräumen. "Wollte sich Paul nicht irgendwann an einen Roman wagen?"

"Soviel ich weiß, hat er bereits mit dem Schreiben begonnen", gab Robert Auskunft. "Du kennst Paul ja. Bevor der Roman nicht fertig vor ihm auf dem Tisch liegt, wird er uns weder einige Seiten zum Lesen geben, noch sagen, wovon er handelt." Er trug die Teekanne in die Küche. "Mal sehen, was die Nachrichten bringen. Ich bin heute noch nicht dazu gekommen, sie mir anzuhören." Er schaltete das Radio ein.

Rebecca ließ Wasser ins Abwaschbecken laufen. Es drängte sie, ins Atelier zu gehen und endlich wieder mit ihrer Arbeit zu beginnen, aber diesen einen Nachmittag wollte sie Robert schenken. Auf einige Stunden mehr oder weniger kam es jetzt auch nicht mehr an.

Robert griff nach dem Abtrockentuch. "Heute Abend könnten wir zum Essen gehen", schlug er vor. "Wir waren schon eine Ewigkeit nicht mehr im 'China Garden'.“Er lachte leise auf. "Das letzte Mal habe ich mich allerdings beim Hantieren mit den Stäbchen nicht gerade mit Ruhm bedeckt."

"Dafür mit Reis und Soße bekleckert", meinte Rebecca amüsiert. "Gut, gehen wir essen." Sie blickte bestürzt zum Radio. "Das darf nicht wahr sein!", stieß sie hervor. "Hast du das auch gehört?" Der Nachrichtensprecher hatte gerade berichtet, dass am Morgen eine brennende Privatmaschine über einem schottischen Dorf abgestürzt war. Alle Insassen des Flugzeuges waren ums Leben gekommen. Der Name der Maschine war Anne-Louise gewesen. "Es ist unmöglich." Verunsichert sah sie ihren Freund an. Nervös strich sie sich über die Stirn. "Was hast du mit der Skizze gemacht, Robert? Hast du sie noch?"

Robert Hale atmete tief durch, bevor er antwortete. Unbewusst hatte er die ganze Zeit darauf gewartet, dass so etwas passierte. Er musste wieder an die Schiffskatastrophe denken. Ein Glück, Rebecca ahnte nichts davon, dass sie den Untergang der Felicitas vorausgesehen hatte.

"Es ist sicher nur ein Zufall, Darling", versuchte er, seine Freundin zu beschwichtigen. Er verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. "Hellsehen kannst du schließlich nicht."

"Nur ein Zufall", wiederholte Rebecca. Ihr wurde übel. Sie rannte ins Bad und übergab sich.

"Alles in Ordnung?", fragte Robert besorgt, als sie zurückkehrte. "Bist du okay?"

Die Malerin nickte. "Es war nur so ein Schock. Anne-Louise ..." Sie schluckte. "Wie bin ich nur auf diesen Namen gekommen?" Verzweifelt klammerte sie sich an ihn. "Es muss da einen Zusammenhang geben."

"Den gibt es bestimmt nicht, Darling", behauptete der junge Komponist. "So selten ist dieser Name nun wirklich nicht."

"Mag sein, dennoch wird es nicht viele Privatmaschinen geben, die so heißen." Rebecca ging zum Fenster und öffnete es. Langsam wandte sie sich ihm wieder zu. "Ich habe Angst", gestand sie. "Robert, ich habe Angst. Etwas stimmt nicht mit mir."

„Darling, was sollte mit dir nicht stimmen?" Robert schloss sie erneut in die Arme. "Es ist nichts als ein Zufall, bitte glaube mir." Er blickte ihr in die Augen. "Im Übrigen wäre es gar nicht so übel, wenn du in die Zukunft blicken könntest. Dann könntest du voraussagen, welcher Produzent sich für mein Musical interessieren wird", scherzte er. "Es könnte Paul und mir einiges an Ängsten ersparen."

"Man wird sich um das Musical reißen." Rebecca schmiegte sich an ihn. "Vermutlich ist es wirklich nur ein Zufall", meinte sie. "Warum sollte ich plötzlich in die Zukunft sehen können?" Sie schüttelte sich. "Es wäre furchtbar, einfach furchtbar."

4.

Obwohl Rebecca genau wusste, dass sie sich noch schonen musste, arbeitete sie während der nächsten Wochen wie besessen. Sie war wild entschlossen, auch das letzte Bild bis zur Ausstellung fertigzustellen, wenngleich ihr Arthur Kessler, der Besitzer der Galerie, angeboten hatte, auf zwei, drei Bilder zu verzichten.

Auch wenn sich Robert Hale Mühe gab, den Arbeitseifer seiner Freundin zu akzeptieren und er sich vorgenommen hatte, verständnisvoller zu sein, es kam immer öfter zwischen ihnen zum Streit, weil sie kaum noch Zeit für ihn hatte und außer der Malerei alles um sich herum vergaß.

Es war Sonntagmorgen und Rebecca stand gerade unter der Dusche, als es klingelte. Seufzend stellte sie das Wasser ab, schlang ein Handtuch um ihre nassen Haare und schlüpfte in den Bademantel.

"Ich komme ja schon!", rief sie gereizt, als es zum dritten Mal läutete. Sie knotete den Gürtel des Bademantels fester um ihre Taille und öffnete die Tür. "Ach, du bist es, Robert", sagte sie alles andere als begeistert. Sie hatte an diesem Morgen nicht mit ihrem Freund gerechnet. Gleich nach dem Frühstück hatte sie wieder mit ihrer Arbeit fortfahren wollen.

"Ja, ich bin es, Rebecca", erwiderte Robert und ließ den Blick über die junge Frau gleiten. "Gut, dass ich etwas früher gekommen bin. Hast du schon gefrühstückt? Ich setze das Teewasser auf, während du dich anziehst. Eine halbe Stunde haben wir noch Zeit, dann sollten wir aufbrechen."

Die Malerin runzelte die Stirn. Sie verstand nicht, was er meinte. "Wohin aufbrechen?", fragte sie irritiert und trat zurück. "Komm 'rein."

Robert schloss die Tür hinter sich. "Hast du denn vergessen, dass du mich heute Vormittag zu einer Vernissage begleiten wolltest?", erwiderte er fassungslos. "Die Collegen-Ausstellung wird um zehn eröffnet. Im Rahmen des Begleitprogramms werde ich eine meiner Kompositionen spielen."

Natürlich, die Collegen-Ausstellung! Rebecca senkte schuldbewusst den Kopf. Sie seufzte leise auf. "Tut mir leid, Robert, ich hatte es wirklich vergessen. Ich weiß vor lauter Arbeit nicht mehr ein noch aus." Sie schenkte ihm ein schiefes Lächeln. "Macht es dir etwas aus, wenn ich passe? Ich brauche wirklich jede Minute für meine Arbeit. Immerhin ist es bis zu meiner Ausstellung auch nur noch eine Woche hin."

Das ist nicht so schlimm, wollte Robert bereits sagen, stattdessen straffte er die Schultern. "Ja, es macht mir etwas aus, Darling." Er blickte ihr in die Augen. "Wenn ich auf deine Arbeit Rücksicht nehmen soll, kann ich dasselbe auch von dir verlangen. Du scheinst immer wieder zu vergessen, dass auch ich an meine Arbeit glaube. Mit demselben Recht, mit dem du voraussetzt, dass ich an der Eröffnung deiner Ausstellung teilnehme, kann auch ich erwarten, dass du mich heute begleitest. Es wird Zeit, dass ..."

Seine Freundin schnitt ihm mit einer ärgerlichen Handbewegung das Wort ab. "Beide Veranstaltungen kann man wohl kaum miteinander vergleichen", meinte sie. "Bei der Collegen-Ausstellung gestaltest du nur das Rahmenprogramm mit, während ich ..."

Robert stieß heftig den Atem aus. "Warum sagst du es nicht, Rebecca?", fragte er. "Glaubst du, ich könnte nicht ertragen, dass du in meiner Arbeit höchstens einen netten Zeitvertreib siehst? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich den Durchbruch schaffe."

"Ich sehe in deiner Arbeit keineswegs einen Zeitvertreib", antwortete die junge Frau erregt, weil sie der Meinung war, dass er ihr die Worte im Mund herumdrehte. "Fest steht nun einmal, dass ich eine wichtige Ausstellung vor mir habe und mir momentan die Zeit fehlt, um dich zu begleiten." Sie drehte sich um. "Und jetzt werde ich mich erst einmal anziehen."

"Gut, ich kümmere mich um dein Frühstück." Der Komponist öffnete die Küchentür. "Wenn du dich beeilst, dann ..."

Seine Freundin wandte sich ihm wieder zu. "Willst du nicht verstehen, Robert?", fragte sie. "Ich kann dich heute Morgen nicht begleiten. Ich muss mich nach dem Frühstück gleich wieder an meine Arbeit setzen. Ich weiß ohnehin kaum, wie ich es bis zur Ausstellung schaffen soll."

Robert zog die Küchentür wieder zu. "Kannst du dir nicht vorstellen, wie wichtig es mir ist, dich an meiner Seite zu haben, Rebecca?"

"Ich werde in Gedanken bei dir sein", versprach sie.

"Mach dich nicht lächerlich", brauste er auf. "Wenn du an deinen Bildern sitzt, vergisst du alles um dich herum. Außerdem reicht es mir nicht, wenn du nur an mich denkst."

"Bitte, Robert, nimm Vernunft an. Du bist kein kleines Kind mehr", sagte Rebecca ärgerlich. "Ich kann dich heute Morgen wirklich nicht begleiten. Nach der Ausstellung wird alles anders sein."

"Das höre ich bereits seit Wochen." Der junge Mann war so wütend, dass er seine Freundin am liebsten genommen und durchgeschüttelt hätte. "Schade, dass ich nicht eines deiner Bilder bin. Dann würdest du dich wenigstens für mich interessieren."

Rebecca fand Roberts Verhalten einfach kindisch. Konnte sie nicht von einem erwachsenen Mann erwarten, dass er auch einmal zurücksteckte, wenn es sein musste? "Ich habe heute zu arbeiten, Robert, ich kann dich nicht begleiten", wiederholte sie.

"Ist das dein letztes Wort?", fragte er zornig. "Überlege dir gut, was du sagst, Rebecca. Meine Geduld hat Grenzen. Entweder du kommst mit mir mit, oder ..." Betroffen hielt er inne. Er hatte nicht vorgehabt, ihr ein Ultimatum zu stellen. "Rebecca, wir lieben uns. Warum müssen wir uns ständig streiten?"

"Wer streitet sich denn?", fragte die Malerin angriffslustig.

"Darling, mir ist es ungeheuer wichtig, dich heute an meiner Seite zu haben", sagte Robert. "Kommt es wirklich auf ein paar Stunden an?"

"Nach meiner Ausstellung werde ich mehr Zeit für dich haben", versprach die junge Frau erneut und lächelte ihm zu. "Die Vernissage wirst du heute noch einmal ohne mich durchstehen können."

"Nein."

Rebecca zuckte zusammen. "Wie meinst du das?"

"Ich denke nicht daran, ständig nachzugeben, Rebecca", erwiderte Robert. Er beschloss, hart zu bleiben. Es ging nicht an, dass sie meinte, sich durch ihre Arbeit allem entziehen zu können. "Ich verlange, dass du meine Arbeit genauso wichtig nimmst wie deine. Während der letzten Wochen und Monate bin ich oft genug zurückgestanden."

"Sieht aus, als währst du auf meinen Erfolg eifersüchtig", bemerkte Rebecca wütend. Noch während sie es sagte, tat es ihr bereits leid. Doch sie entschuldigte sich nicht.

"Eifersüchtig?", wiederholte Robert Hale fassungslos. "Gut, wenn du meinst, ich wäre eifersüchtig, so ist das deine Sache. Mir reicht es jedenfalls. Tut mir leid, Rebecca, ich denke nicht daran, länger den Clown für dich zu spielen und dir jederzeit zur Verfügung zu stehen." Er sah sie verächtlich an. "Du wirst lernen müssen, dass es außer dir noch andere Menschen auf der Welt gibt und jeder Einzelne von ihnen mindestens dieselben Rechte hat wie du." Er wandte sich der Tür zu, zögerte jedoch, sie zu öffnen. Er hoffte, dass seine Freundin einlenken würde.

Ich darf ihn nicht so gehen lassen, dachte die junge Frau bestürzt. Seine erbitterten Worte hatten sie bis ins Mark getroffen. Sie fühlte sich bloßgestellt. Sie gestand sich ein, dass sie ihre Arbeit stets wichtiger als seine genommen hatte.

"Dann leb wohl", sagte Robert und trat ins Treppenhaus. Laut fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Wie betäubt starrte Rebecca auf die geschlossene Tür. Wertvolle Minuten vergingen. Endlich kam Leben in sie. Obwohl sie nur einen Bademantel trug und um ihre Haare ein Handtuch geschlungen hatte, stürzte sie ins Treppenhaus. "Robert!", rief sie. Es war zu spät. Die Haustür fiel gerade zu.

Niedergeschlagen kehrte die Malerin in ihre Wohnung zurück. In aller Eile zog sie sich an. Sie wollte ihrem Freund zur Ausstellung folgen. Erst als sie sich kämmte, fiel ihr ein, dass sie nicht einmal wusste, wo die Ausstellung stattfand. Es war Sonntag, alle Stellen, bei denen Sie sich nach der Maud Collegen-Ausstellung hätte erkundigen können, hatten geschlossen.

Ob Paul wusste, wo die Ausstellung stattfand? Rasch suchte sie aus ihrem Telefonbuch die Nummer des Freundes heraus und wählte. Nach dem zehnten Klingelton gab sie es auf. Paul war sicher zur Vernissage gefahren.

Ich werde Robert nachher anrufen, dachte sie und zog sich um. Dieser Streit war so unnötig gewesen. Sie machte sich heftige Vorwürfe. Hatte Robert nicht recht? Kam es wirklich auf ein paar Stunden an? Kein Wunder, dass er glaubte, sie würde seine Arbeit nicht schätzen. Wie viel Zeit hatte er während ihrer Krankheit versäumt. Stundenlang hatte er an ihrem Bett gesessen, war stets zur Stelle gewesen, wenn sie ihn gebraucht hatte.

An diesem Vormittag machte sich Rebecca reichlich lustlos an ihre Arbeit. Sie fühlte sich schuldig. Es fiel ihr schwer, sich auf das Malen zu konzentrieren. Immer wieder glitten ihre Gedanken zu Robert ab. Sie konnte es kaum noch erwarten, mit ihm zu sprechen, sich bei ihm zu entschuldigen. Wie gerne hätte sie die letzten Stunden ungeschehen gemacht.

Hinterher ist man immer schlauer, dachte sie und mischte die Farben für den Hintergrund von Drago Castle, einem unheimlichen Besitz, der in der Nähe des Sommerhäuschens lag, das sie vor zwei Jahren in Cornwall gekauft hatte.

Wir sollten nach der Ausstellung nach Cornwall fahren und dort ein paar ruhige Wochen verbringen, überlegte die Malerin. Ein erwartungsvolles Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie stellte es sich sehr romantisch vor, die Abende mit Robert vor dem Kamin zu verbringen. Im Wohnraum ihres Hauses gab es ein Klavier. Ihr Freund würde also nicht einmal auf seine Arbeit verzichten müssen.

Es kommt alles wieder in Ordnung, versuchte sie sich einzureden. Ganz sicher. Sie liebten einander. Robert würde ihr verzeihen, da war sich Rebecca ganz sicher.

5.

Robert Hale dachte nicht daran, seiner Freundin zu verzeihen. Auch wenn er Rebecca nach wie vor liebte, er konnte es nicht ertragen, stets hinter ihrer Arbeit zurückstehen zu müssen. Immer wieder versuchte die junge Frau, sich mit ihm zu versöhnen. Er war nicht dazu bereit.

"Vermutlich ist es sogar besser so", bemerkte Rebecca resignierend zu Paul Jones, als dieser ihr half, die letzten Bilder in die Galerie zu bringen. "Robert und ich passen nicht zueinander. Wir sind zu verschieden."

"Absoluter, Unsinn, Rebecca", erwiderte der junge Mann. "Aber Robert kann genauso dickköpfig sein wie du. Wenn zwei Menschen zusammengehören, dann ihr beide." Er legte die Hände auf ihre Schultern. "Gib ihn nicht auf, bitte."

"Er hat mich aufgegeben", meinte Rebecca mit einem schmerzlichen Lächeln. Sie vermisste Robert mehr, als sie sich eingestehen wollte. Meist erwachte sie sogar mit den Gedanken an ihn.

"Verlaß dich darauf, übermorgen wird er an deiner Seite stehen und die Gäste begrüßen", sagte Paul Jones. Er zwinkerte ihr zu. "Notfalls werde ich ihn hinschleifen."

Die Malerin schüttelte den Kopf. "Nein, Paul, ich möchte nicht, dass du Robert zwingst, die Ausstellung zu besuchen. Wenn, dann soll er freiwillig kommen."

"Nun, er wird es bestimmt", versicherte Paul. "Ich kenne ihn." Er hob ein großes Bild aus dem Kofferraum seines Wagens und reichte es einem der Männer, die für die Galerie arbeiteten. "Darf ich dich zum Essen einladen, Rebecca?"

"Mister Kessler hat mich schon eingeladen, Paul, tut mir leid." Die junge Frau sah ihn an. "Danke für deine Hilfe. Ich würde dir gerne Grüße an Robert auftragen, nur wird er auf sie kaum Wert legen. Machs gut."

"Bis zur Vernissage, Rebecca. Kopf hoch!" Paul küsste sie auf die Wange und stieg in seinen Wagen. Zum Abschied hupte er noch zweimal hintereinander, dann fuhr er davon.

Rebecca wandte sich seufzend um und betrat die Galerie durch den Hintereingang. Bis zur Ausstellungseröffnung waren es noch zwei Tage. Es gab noch einiges mit Arthur Kessler zu besprechen. Zur Vernissage wurde auch die Presse erwartet. Sie wollten festlegen, was sie den Journalisten sagen würden.

"Sieht aus, als würde am Samstagabend alles klappen", meinte der beleibte Galerist strahlend, als die Malerin sein Büro betrat. "Gerade habe ich noch einmal mit dem Agenten der Field-Sisters gesprochen. Sie sind mit den Musikstücken einverstanden, die wir aus ihrem Repertoire ausgewählt haben."

"Mir wäre lieber gewesen, Robert Hale hätte bei der Eröffnung aus seinen Werken gespielt", bemerkte sie mit Nachdruck. Die Field-Sisters waren von Anfang an ein Streitpunkt zwischen ihnen gewesen.

"Rebecca, Sie wissen, weshalb ich dagegen gewesen bin. Mister Hale mag Ihnen noch soviel bedeuten, die Field-Sisters sind bekannter als er. Diese Ausstellung ist für uns beide zu wichtig, als dass irgendetwas schiefgehen dürfte." Er zwinkerte ihr zu. "Aber wenn Sie möchten, könnten wir im Rahmen Ihrer Ausstellung in drei, vier Wochen einen Abend mit Mister Hale gestalten."

"Ich werde mit ihm darüber sprechen", versprach Rebecca, obwohl sie sich sicher war, dass Robert ablehnen würde. In diesem Fall konnte sie ihren Freund sogar verstehen. Wenn er Mister Kessler nicht gut genug schien, auf der Vernissage zu spielen, konnte er darauf verzichten, ihm für eine weniger wichtige Veranstaltung zur Verfügung zu stehen.

Paul Jones schaffte es nicht, seinen Freund zu bewegen, an Rebeccas Vernissage teilzunehmen. Als Robert eine halbe Stunde nach Eröffnung der Ausstellung noch immer nicht eingetroffen war, gab Rebecca es auf, nach ihm Ausschau zu halten. Es bedrückte sie, dass ihr Freund nach wie vor unversöhnlich schien, aber sie hatte an diesem Abend zu viel zu tun, um länger darüber nachzudenken. Es waren nicht nur die Journalisten, die hundert Fragen an sie stellten, sie musste sich auch den Gästen widmen und ihnen Rede und Antwort stehen. Alles in allem war es eine sehr erfolgreiche Veranstaltung. Als die Galerie endlich schloss, waren bereits ein Großteil der Bilder verkauft worden.

Rebecca fuhr mit dem Taxi nach Hause. Müde lehnte sie sich im Polster zurück. Sie hatte gehofft, dass wenigstens Paul Jones zur Vernissage kommen würde, stattdessen hatte er sie am Nachmittag angerufen und ihr gesagt, dass er mit Fieber im Bett lag. Sie war sich sicher, dass es keine Ausrede gewesen war. Dazu kannte sie Paul zu gut.

Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich vermisse, Robert, dachte die Malerin, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg. Mit offenen Augen träumte sie davon, dass er vor ihrer Wohnungstür auf sie warten würde, aber als sie den letzten Treppenabsatz erreicht hatte, wusste sie, dass es nichts als Illusion gewesen war. Robert schien sie völlig aus seinem Leben gestrichen zu haben, mochte Paul da sagen, was er wollte.

Rebecca spürte heftige Kopfschmerzen, dennoch brachte sie es nicht fertig, schlafen zu gehen. Sie war viel zu aufgewühlt. Sie konnte es kaum noch erwarten, die Sonntagszeitung zu lesen. Sicher wurde auch in ihr über die Vernissage berichtet.

Die junge Frau setzte Teewasser auf. Während es kochte, zog sie sich in ihrem Schlafzimmer um und nahm eine Schmerztablette. Sie wollte sich nicht diese Nacht durch Kopfschmerzen verderben lassen. Es kam ihr vor, als würde sie schweben. Es war ein wundervolles, wenn auch etwas beängstigendes Gefühl. Fest stand, sie durfte nicht stehen bleiben, musste sich als Malerin weiterentwickeln.

Mit einer Tasse Tee in der rechten Hand, öffnete Rebecca die Tür zum Atelier. Der Raum wirkte ohne die vielen Bilder, die noch vor einigen Tagen in ihm gestanden hatten, viel größer als sonst. Sie stellte die Teetasse auf ein Tischchen und trat an die Staffelei. Sie lachte über sich selbst, als ihr bewusst wurde, dass sie am liebsten sofort wieder mit dem Malen begonnen hätte.

Die junge Frau setzte sich in einen Sessel und trank in aller Ruhe ihren Tee. Die Müdigkeit, die sie noch im Taxi empfunden hatte, war wie weggewischt. Auch von ihren Kopfschmerzen spürte sie nichts mehr. Sie schloss die Augen und ließ sich noch einmal den vergangenen Abend Minute für Minute durch den Kopf gehen.

Plötzlich stand Rebecca auf. Wie in Trance stellte sie die leere Teetasse ab und griff nach ihrem Skizzenblock und einem Stift. Sie setzte sich auf den Hocker vor der Staffelei. Ohne darüber nachzudenken, begann sie eine tiefe Schlucht zu skizzieren, über die eine schmale Brücke führte. Ein Zug fuhr über die Brücke. Er hatte fast die Mitte erreicht, als sie direkt vor ihm zusammenbrach. Die Lokomotive stürzte in die Tiefe und zog die Waggons mit sich.

Nein, dachte Rebecca und starrte fassungslos auf die Skizze. Jedes Härchen an ihrem Körper schien sich aufzurichten. "Nein!", stieß sie hervor. Sie ließ Block und Stift fallen, vergrub ihr Gesicht in den Händen. Woher war dieses Bild in ihrem Inneren gekommen? Warum hatte sie so etwas Schreckliches gezeichnet?

Die junge Frau erinnerte sich des brennenden Flugzeuges. Sein Name hatte sich tief in ihr eingegraben. Gut, Robert hielt es für einen Zufall, dass die Skizze, die sie im Krankenhaus gemacht hatte, mit der Wirklichkeit übereinstimmte, aber sie spürte, dass es mehr als ein Zufall gewesen war. Während der letzten Wochen hatte sie nur jeden Gedanken daran verdrängt gehabt.

Rebecca ließ die Hände sinken. Sie bückte sich nach dem Skizzenblock und hob ihn auf. Blind vor Tränen starrte sie auf das Bild der einstürzenden Brücke. Sie ahnte, dass es schon bald Wirklichkeit werden würde. Eine entsetzliche Angst erfüllte sie. Es gab nichts, was sie tun konnte. Wen sollte sie warnen? - Außerdem würde man sie auslachen. Wer sollte ihr denn auch so eine absurde Geschichte glauben? Die Leute würden annehmen, dass sie sich nur wichtig machen wollte.

Impulsiv riss die Malerin das oberste Blatt vom Block und zerfetzte es in winzige Teilchen, so, als könnte sie damit das Unglück abwenden. Aber auch wenn sie die Skizze zerstört hatte, Rebecca sah immer noch die einstürzende Brücke vor sich, und die entsetzliche Angst, die sie ergriffen hatte, raubte ihr fast den Atem.

6.

Die junge Frau hatte gehofft, dass sich Robert Hale wenigstens nach der Ausstellung bei ihr melden würde, aber zwei Tage vergingen und sie hatte noch immer nichts von ihm gehört. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und rief ihn an. Erst nach dem fünften Klingelton hob er den Hörer ab.

"Schön, dass ich dich erreiche, Robert", sagte sie und gab sich Mühe, ihre Stimme gleichmütig klingen zu lassen. "Wie geht es dir? Was machst du so? Wenn du Zeit hast, könnten wir uns sehen."

"Zeit?" Der junge Komponist lachte ironisch auf. "Du weißt, dass Zeit etwas sehr Kostbares ist, Rebecca. Nein, ich habe keine Zeit. Ich stecke mitten in der Arbeit. Übrigens möchte ich dir zu deinem Erfolg gratulieren. Die Vernissage muss ein großes Ereignis gewesen sein, die Kritiker überschlagen sich ja förmlich. Nun, du hast es verdient."

Seine Worte taten ihr weh, zumal sie spürte, dass seine Gratulation ehrlich gemeint war. Wie hatte sie ihm nur jemals vorwerfen können, neidisch auf ihren Erfolg zu sein. "Es tut mir leid, Robert", erwiderte sie. "Ich will nicht abstreiten, dass ich eine Menge Fehler gemacht habe. Wenn ich es irgendwie gutmachen kann ..."

"Oh, bemüh dich nicht, Rebecca", fiel ihr Robert ins Wort. "Während der letzten Wochen hatte ich genügend Gelegenheit, über unsere Beziehung nachzudenken. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass du mich immer nur benutzt hast. Wenn es dir genehm war, dann durfte ich zu dir kommen und Händchen halten. Aber wenn es mich nach dir verlangte, hätte ich meine Bitte um ein Zusammensein am besten drei Wochen zuvor in mehrfacher Ausfertigung eingereicht."

"Du bist ungerecht, Robert", brauste Rebecca wider besseres Wissen auf. "Vielleicht hätte ich mich wirklich nicht so von meiner Arbeit beherrschen lassen sollen."

"Rebecca, ich versuche, dich zu verstehen, aber ich kann es nicht", sagte der Komponist. "Ich will ehrlich sein. Ich liebe dich noch immer, doch das wird vorübergehen. Es wäre ein Fehler, noch länger zuzulassen, dass der Gedanke an dich mein Leben beherrscht. Ich werde bei dir stets nur die zweite Geige spielen."

Jedes seiner Worte stach wie Nadeln in ihr Herz. "Lass es uns einmal miteinander versuchen", bat sie, weil sie sich nicht vorstellen konnte, wie ihr Leben ohne Robert aussehen sollte. "Wenn wir uns beide Mühe geben, dann werden wir es schaffen." Sie spürte, wie Tränen über ihre Wangen liefen, und wischte sie flüchtig fort.

"Rebecca, ich habe viel zu tun. Also entschuldige bitte, ich muss an meine Arbeit zurück", unterbrach sie der Komponist und ließ sich nicht anmerken, wie schwer es ihm fiel, diese Worte zu sagen. "Außerdem wirst auch du schon wieder neue Pläne haben."

"Dann will ich dich nicht länger stören, Robert", meinte die junge Frau mutlos. Sie fühlte sich zutiefst gedemütigt. Ohne einen Gruß legte sie auf.

Minutenlang stand Rebecca noch neben dem Telefonapparat, weil sie hoffte, ihr Freund würde zurückrufen. Das Telefon blieb stumm. Niedergeschlagen kehrte sie in ihr Atelier zurück, um sich wieder ihrer Arbeit zu widmen. Es kam nur selten vor, dass ihr die Arbeit keine Freude machte. An diesem Vormittag war es so. Um sich abzulenken, schaltete sie das Radio ein.

Lustlos summte die Malerin die Musik mit, die gerade ausgestrahlt wurde. Sie fragte sich verzweifelt, was sie tun konnte, um Robert zu versöhnen. Auch wenn sie sich noch so oft einzureden versuchte, es sei besser, unter ihre Beziehung einen dicken Schlussstrich zu ziehen, sie konnte nicht daran glauben. Sie liebte Robert und war überzeugt, dass auch er sie liebte. Nur sein Stolz ließ es nicht zu, sich mit ihr zu versöhnen.

Die Musiksendung wurde von den Nachrichten unterbrochen. Rebecca legte Pinsel und Palette beiseite. Sie wischte sich die Hände an einem Baumwolltuch ab, das stets bereitlag. Sie hatte Angst vor den Nachrichten, weil sie erwartete, von einem Zugunglück zu hören. Am liebsten hätte sie das Radio ausgeschaltet.

Das Bild der einstürzenden Brücke stand noch immer deutlich vor ihren Augen.

Die junge Frau wollte schon erleichtert aufatmen, als der Nachrichtensprecher mit einer Meldung über die Regierungskrise in einem ostafrikanischen Staat schließen wollte. Dann bekam er eine weitere Mitteilung. In Kanada waren am Morgen beim Einsturz einer Eisenbahnbrücke über zweihundert Menschen ums Leben gekommen.

Rebecca schlug entsetzt die Hände vors Gesicht. Ihr wurde schwindlig. Die Musik, die gleich nach den Nachrichten wieder einsetzte, dröhnte in ihren Ohren. Mit einer impulsiven Bewegung fegte sie das kleine Radio von dem Tischchen, auf dem es gestanden hatte. Krachend schlug es auf dem Boden auf. Die Musik erstarb.

Die junge Malerin stieß heftig den Atem aus. Sie bückte sich und hob das Radio auf. Einige Teile waren von ihm abgebrochen. Schuldbewusst legte sie den kaputten Apparat auf den Tisch zurück. Sie glaubte nicht, dass er noch repariert werden konnte. Leise schluchzte sie auf. Ihre Tränen galten nicht dem Radio, sondern den Menschen, die bei dem Zugunglück ums Leben gekommen waren und ihrem Entsetzen darüber, dass es ihr wirklich möglich war, in die Zukunft zu blicken.

Mit einer Tasse Tee zog sich Rebecca eine Weile später ins Wohnzimmer zurück. Sie setzte sich in einen Sessel, lehnte sich zurück und schloss die Augen, um in Ruhe über alles nachzudenken.

Bis zu ihrem Unfall hatte sie niemals diesen inneren Zwang gespürt, Dinge zu skizzieren, die sie gar nicht zu Papier bringen wollte. Es musste also mit ihrer schweren Gehirnerschütterung zusammenhängen. Während ihres Deliriums hatte sie furchtbare Dinge gesehen, aber sie konnte sich nach wie nicht daran erinnern, was es gewesen war.

Ich will nicht in die Zukunft sehen können, dachte Rebecca und richtete sich auf. Mit einer müden Bewegung strich sie sich die Haare zurück. Sie überlegte, ob sie einen Psychiater aufsuchen sollte. Vielleicht konnte er ihr helfen. Andererseits scheute sie den Weg zu ihm. Sie wollte nicht mit einem Fremden über ihre Probleme sprechen.

Die junge Frau dachte an ihr Sommerhäuschen in Cornwall. Vielleicht würde es schon nützen, einige Wochen völlig abzuschalten. Sie hatte ja ohnehin vorgehabt, Urlaub zu machen, allerdings hatte sie damals noch von einem Urlaub mit Robert geträumt.

Eine tiefe Sehnsucht nach ihrem Freund ergriff sie. Es kostete sie Mühe, Robert nicht noch einmal anzurufen. Sie hatte ihm nichts von der Skizze des Brückeneinsturzes erzählt. Die Versuchung es jetzt zu tun, war groß. Rebecca widerstand. Sie wollte nicht das Unglück anderer Menschen benutzen, um Robert zurückzugewinnen. Er sollte sich aus freien Stücken entschließen, ihr zu verzeihen und nicht, weil er ihr nur in ihrer Angst beistehen wollte.

7.

Es dämmerte bereits, als Rebecca Deville einige Tage später Clovelly, ein Fischerdorf, erreichte, das malerisch zwischen den Klippen lag. An seinen steilen Straßen standen uralte, kleine Häuser mit bemalten Türen und Balkonen, auf denen Blumen blühten. Ein leichter Geruch nach Tang und Fisch lag in der Luft. Die junge Frau machte hier kurz Station, um noch etwas einzukaufen, dann fuhr sie in Richtung Newquay weiter.

Schon bald tauchte vor Rebecca die Abzweigung zu der kleinen Feriensiedlung auf, in der ihr Haus stand. Die Siedlung lag am Fuß einer steilen Klippe, auf der sich Drago Castle erhob. In der Abenddämmerung wirkte das dunkle Gemäuer noch unheimlicher als am Tag. Unwillkürlich rann ein Frösteln über den Rücken der jungen Frau.

Rebecca hatte kaum vor der Tür ihres Hauses gehalten, als auch schon Mrs. White erschien, eine Dame mittleren Alters, die sich während der Abwesenheit der Besitzer um die Häuser kümmerte, manchmal auch putzte und andere Arbeiten erledigte. Die Malerin hatte ihr am Vortag ihre Ankunft mitgeteilt.

"Es ist alles für Sie bereit, Miss Deville", sagte sie, nachdem sie einander begrüßt hatten. "Ich habe über Ihren Erfolg in London gehört. Darf ich Ihnen gratulieren?" Sie schüttelte die Hand der jungen Frau. "Werden Sie auch hier arbeiten? Die Gegend bietet sich förmlich dazu an."

"In erster Linie werde ich hier Ferien machen, Mistreß White", unterbrach Rebecca den Redeschwall der Wirtschafterin. "Es wird Zeit, dass ich mich etwas ausspanne." Sie blickte nach Drago Castle hinauf. Es überraschte sie, plötzlich Licht in einem der Türme zu sehen. "Ist Lord Forbes zurückgekehrt?", fragte sie. Sie hatte den Besitzer von Drago Castle noch nicht kennengelernt. Er lebte mit seiner kleinen Tochter schon seit Jahren in Frankreich.

Emily White nickte. "Ja, Seine Lordschaft ist vor drei Wochen zurückgekehrt", gab sie eifrig Auskunft. "Tagelang wurde in unserer Gegend von nichts anderem gesprochen. Meiner Lucy ist angeboten worden, auf Drago Castle zu arbeiten. An und für sich wäre es ein Segen für uns, wenn sie endlich eine Arbeit finden würde, aber ich habe ihr abgeraten. Immerhin soll es auf dem Besitz spuken. Ich persönlich glaube, dass man dem alten Lord ein schreckliches Unrecht angetan hat."

"Sie meinen, dass Lady Forbes nicht von ihrem Schwiegervater, sondern von einem Geist ermordet worden ist?" Rebecca bemühte sich, ernst zu bleiben. Während sie mit Mrs. White das Gepäck ins Haus trug, überlegte sie, was sie über den Mord an Janet Forbes gehört hatte.

In einem Anfall geistiger Umnachtung sollte Stewart Lord Forbes vor drei Jahren seine Schwiegertochter niedergestochen haben. Er hatte die Tat stets bestritten, obwohl man ihn noch mit dem Messer in der Hand bei der Toten gestellt hatte, und behauptet, der alte Dagobert, das Schlossgespenst, hätte Janet ermordet.