Wenn ich Dich noch einmal sehen darf - Solène de la Pluie - E-Book

Wenn ich Dich noch einmal sehen darf E-Book

Solène de la Pluie

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Beschreibung

Wir schreiben das Jahr 1884. Grace Hartley und Thomas Hevelton sind jung als sie sich ineinander verlieben. Tragischerweise bestimmen äußere Umstände, dass sich die Beiden längere Zeit voneinander trennen müssen. Als sie sich Jahre später wieder begegnen, scheint das lang ersehnte Glück endlich perfekt. Unvermeidbar greift das Schicksal jedoch erneut ein und hält für Grace einen beschwerlichen Plan bereit.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Wenn ich Dich noch einmal sehen darf

Solène de la Pluie

Dieses Buch widme ich meiner Mama. Die Erinnerung, deine Liebe und die Hoffnung auf ein Wiedersehen … sind alles, was bleibt …

Prolog

Ich habe lange überlegt, wie es am besten wäre, diese Geschichte zu erzählen. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, dich in den Moment des Geschehens zu bringen, dass du empathisch den Figuren folgen magst … Ich bin keiner der Hauptprotagonisten, wer ich bin, ist zunächst nicht von Bedeutung. Diese Zeilen sind in der Ich-Form meines kleinen Schützlings wiedergegeben, da ich hoffe, dir so die Gedanken und Gefühle meiner Figur(en) am nächsten bringen zu können. Sagen wir einfach, ich bin jemand, den du Beobachter nennen darfst …

Was uns allen zeitlebens in stürmischer Aufruhr, in Augenblicken der Verzweiflung die Kraft und den Mut schenkt, ist und bleibt die Hoffnung. Hoffnung wird durch Liebe hervorgebracht, sei es durch die Liebe zum Leben, die Liebe zu einem Menschen, die Liebe zu einem Tier oder die Liebe zu einem bestimmten Moment, der dir die Fähigkeit verleiht, über dich selbst hinauszuwachsen.

Einer, der dich wieder und wieder hochziehen kann und dir die Welt in Zeiten der Dunkelheit heller erscheinen lässt.

Dies ist mein Trost und mein Appell an dich.

Hier also beginnen wir ... am Anfang …

Inhaltsverzeichnis

Wenn ich Dich noch einmal sehen darf

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Thommys Gedanken

Kapitel 4

Thommys Gedanken

Thommys Gedanken

Kapitel 5

Thommys Gedanken

Kapitel 6

Kapitel 7

Thommys Gedanken

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Nachwort des Erzählers

Kapitel 1

Die Begegnung

Wir schreiben das Jahr 1884. Es war ein herrlich warmer Tag im Juli. Sammy spielte mir seit dem Mittagessen stetig seinen Ball zu, ich konnte ihn von der Idee, spazieren zu gehen, nicht abbringen, obwohl ich nach dem Essen viel zu müde war und mich lieber auf die Veranda gesetzt hätte, um im Angesicht des strahlenden Sonnenscheins meinen Roman weiterlesen zu können. Wer aber konnte diesen treuen Hundeaugen schon widerstehen …?

Mein Name ist Grace, Grace Hartley, ein Mädchen von vierzehn Jahren.

Ich wohne mit meiner Mutter Margareth und unserem Hund Sammy in Frankreich, in einer kleinen Provinzstadt namens Foret Jaune.

Seit meinem fünften Lebensjahr leben wir hier, nachdem wir von England nach Frankreich übergesiedelt sind. Wir können ein kleines Haus unser Eigen nennen, welches mein Vater Henry vor seinem Tod für uns errichtet hat. Vor zwei Jahren starb er an einer Lungenentzündung. Ich denke oft an ihn.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass er gar nicht weg ist. Es ist schwer zu beschreiben …

Er war, wie sich ein jeder einen Vater wünscht – besser noch. Gerade jetzt, wenn ich mit Sammy entlang der kleinen Flüsse und Bäche laufe, die mit kristallklarem, frischem Wasser das Land durchziehen, denke ich an ihn. Sammy lief uns, kurz nachdem uns Vater verließ, zu und meine Mutter war einverstanden, dass wir ihn behielten. Sammy ist unser Beschützer, er scheint wie ein guter Geist zu sein und ist ein Meister darin, mich dabei zu ertappen, wenn ich traurig bin. Bisher gelang es ihm immer, mir trotz meiner Trauer, die mich an manchen Tagen einzuholen versucht, ein Lächeln zu entlocken und mich auf schönere Gedanken zu bringen.

Während unseres Spaziergangs beobachtete ich die grünen, saftigen Wiesen, die eine Vielzahl an prächtig blühenden Blumen zieren. Wir wohnen an einem friedvollen Ort in idyllischer Natur. Faszinierend waren vor allen Dingen die Gerstenfelder, die nicht weit von unserem Haus gedeihen. Im Glanz der Sonne schimmern sie goldgelb, mein Lieblingspanorama.

Wir setzten unseren Spaziergang fort und gelangten in die Mitte einer Grasböschung. Ich war bemüht, Sammy dazu zu bewegen, mit mir am Wasser entlangzulaufen, doch diesmal wollte er nicht auf mich hören und lief weiter in das dicht gewachsene Gras hinein. Immer schneller tapste er voran, sodass ich kaum hinterherkam. Plötzlich, was ihm gar nicht ähnlich sah, riss er sich von der Leine los.

Ganz in der Nähe hörte ich ein Rascheln, hastig eilte ich ihm hinterher. Als ich ihn völlig außer Atem eingeholt hatte, sah ich ein Bein, nein, zwei Beine, Haare. Ich hörte eine Stimme, die lachte. Vorsichtig ging ich einige Schritte vorwärts, sodass ich einen Jungen erkennen konnte. Sammy stand auf allen Vieren über ihn gebeugt.

Wieder lachte die erlegte „Beute“. Sammy schleckte den Fremden an seiner Wange.

Reglos und verwundert stand ich da. Kannte ich ihn? Sammy versperrte mir die Sicht ... Nein, eigentlich kannte ich niemanden in der Umgebung. Es gab nur ein Haus, wenige Meter von unserem entfernt, das jedoch seit mehreren Jahren leer stand. Ich versuchte Sammy zu beruhigen, aber er war außer sich vor Freude, wedelte wie verrückt mit seinem Schwanz hin und her, bellte und ließ zunächst von dem Unbekannten nicht ab. Erst nachdem ich ein schrilles Pfeifen losgelassen und meine Stimme erhoben hatte, bewegte er sich von ihm fort.

Hellgrün leuchtende Augen blickten mich an.

Er hatte ein Lächeln im Gesicht und wischte sich mit seiner linken Hand über die Wange, welche eben noch so überschwänglich abgeschleckt wurde. Etwas verlegen stand er langsam auf, strich sich durch sein gelocktes braunes Haar. Reglos standen wir voreinander, um uns anzusehen. Ich spürte eine Röte in meinem Gesicht aufsteigen und hatte seltsam wackelige Knie. Vielleicht lag es an Sammy, der mich in Verlegenheit brachte.

Was dachte der Fremde von mir? Sicher, dass ich meinen Hund nicht erzogen habe … Es war mir peinlich, dass er das glauben könnte.

Ich wollte etwas sagen, doch mir fehlten die richtigen Worte. In meinem Kopf herrschte ein Durcheinander. Plötzlich setzte er einen Fuß vorwärts, er grinste immer noch und kam auf mich zu. Er reichte mir seine Hand und unsere Hände berührten einander. „Hallo, ich bin Thommy.“ Ich stand immer noch wie festgewurzelt vor ihm. Ich wusste, dass ich mich ihm jetzt ebenso vorstellen sollte, stattdessen sagte ich: „Das ist Sammy, er hat es nicht so gemeint, es tut mir leid, er macht so etwas normalerweise nicht, ich meine, anscheinend mag er dich, kennt ihr euch?“ Im selben Moment fiel mir ein, dass er Sammy gar nicht kennen konnte, also wie, woher ... Was redete ich nur für einen Unsinn. „Das macht nichts, ich mag Hunde. Wir kennen uns nicht, ist er dein Hund?“ „Das ist Sammy, mein Hund, und wir, also ... Es tut mir leid, ich bin Grace, Grace Hartley.“ Erst jetzt bemerkte ich, dass ich seine Hand immer noch nicht losgelassen hatte und zog sie langsam zurück. „Und wie heißt du?“ Er lächelte unverschämt charmant und entgegnete: „Thomas Hevelton.“ „Ach ja, das sagtest du ja bereits.“ „Du kannst einfach Thommy zu mir sagen, freut mich, Grace Hartley, dich kennenzulernen.“ Mein Herz klopfte viel zu schnell und das Gefühl der Zeitlosigkeit überkam mich. Was hinzukam, war, dass ich glaubte, ihn zu kennen, er war mir eigenartig vertraut, obwohl ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Was er wohl von mir denken mochte, überlegte ich wieder … Er durchbrach meine Gedankengänge, indem er sprach: „Habt ihr euren Spaziergang für heute schon beendet?“ „Nein“, erklärte ich. „Darf ich euch ein Stück begleiten?“ Überrascht willigte ich ein. Sammy war nach wie vor euphorischer Stimmung. Wir gingen ein Stück weiter, heraus aus dem hochgewachsenen Gras und gelangten an die goldglitzernden Gerstenfelder, durch die wir hindurchspazierten. Wärmend strahlte die Sonne auf uns herab. Thommy wollte wissen, woher ich komme, wo ich wohne. Ich erklärte ihm, dass ich mit meiner Mutter ganz am Ende des Dorfes wohne und es bis auf ein weiteres Haus auch keines in der Nähe gibt. Ich stellte ihm dieselbe Frage, er antwortete: „Rate mal!“ Er machte mich mit dieser Gegenfrage nervös und ich rang um Worte, darum, einen klaren Gedanken zu fassen, stattdessen stammelte ich: „Ich weiß nicht.“ Er lachte. Lachte er mich aus? Ich sah ihn mit hochrotem Kopf an. Mit zunehmender Unsicherheit fragte ich ihn: „Lachst du mich aus?“ „Nein, nein, Grace, ich glaube nur nicht, dass so ein Zufall möglich ist.“ „Was für ein Zufall?“ „Wir sind Nachbarn, Grace, mein Vater und ich wohnen nebenan.“ „Oh, wirklich?“, entgegnete ich ihm überrascht und freute mich zeitgleich irgendwie. „Ja“, sprach er, „wir sind von England hergekommen, mein Vater hat nach Arbeit gesucht. Wir waren wochenlang unterwegs, dann hat mein Vater dieses Stück Land entdeckt. Hier gibt es für längere Zeit Arbeit und er hat sich entschlossen, hier zu bleiben.

Die Besitzer der Felder sagten, er könne sofort anfangen, und ich helfe ihm natürlich bei den neuen Aufgaben.“

Bestimmt bemerkte er meine Begeisterung, obwohl ich meine Freude gar nicht so deutlich zeigen wollte, denn ich wusste selbst nicht, worüber ich mich freute. Dann erzählte ich, dass meine Eltern ebenfalls von England hierher übersiedelten. Wir unterhielten uns einige Stunden lang, ich kann mich allerdings kaum noch erinnern, über was wir genau sprachen, ich fühlte mich schlichtweg wohl in seinem Beisein. Nach einer Weile schlugen wir den Heimweg ein und schlenderten dabei am Wasser entlang. Ja, ich fühlte mich in seiner Gegenwart geborgen. Ein paar Mal warf Thommy einen Stock für Sammy, als er dann pitschnass, aber voller Stolz mit dem Stock im Maul zu uns gelaufen kam, war unser Gelächter groß. Es war ein wundervoller Tag und schon fast halb sieben, als wir uns vor meiner Haustür verabschiedeten. Als er am Gehen war, stand er, seine Hände in seinen Hosentaschen vergraben, in ruhiger Form da und fragte mich, ob ich ihn morgen wiedersehen wollte. Ohne zu zögern, platzte es aus mir heraus, zweimal: „Ja, ja, sehr gerne.“ Im selben Moment biss ich mir auf die Lippe und ärgerte mich, dass ich so überschwänglich reagierte. Ich war völlig durch den Wind.

„Wollen wir morgen Vormittag zum See?“, schlug er vor, „ich würde dich morgen um zehn Uhr abholen und Sammy natürlich.“

„Okay“, war alles, was ich sagte, dann machte ich die Tür auf, sperrte ab und lehnte mich mit dem Rücken an die Tür und atmete erst einmal tief durch. Ehe ich jedoch einen klaren Gedanken zwischen meinen Hochgefühlen fassen konnte, kam meine Mama auf mich zu: „Wo warst du so lange, Grace?“, fauchte sie mich an. Ich wusste natürlich, dass ich längst hätte zu Hause sein müssen.

Ich war ihr aber nicht böse, denn ich wusste, dass sie sich nur Sorgen machte und ihrer Pflicht als Mutter nachging. Hinzu kam, dass es vermutlich nichts auf der Welt hätte geben können, das mir meine gute Laune und das herrlich seltsame Herzschlagen hätte nehmen können. Ich werde ihn morgen wiedersehen, dachte ich bei mir, Thommy Hevelton, den Fremden mit der samtweichen, ruhigen Stimme und den herrlich grün funkelnden, ja bezaubernden Augen … Der Beginn der Geschichte entsteht in diesem Moment, in dem etwas Magisches in der Luft lag ...

Kapitel 2

Das Unerwartete

Ich bin mit dem Gedanken an ihn eingeschlafen. Sein Lächeln ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Anfangs wollte ich es verdrängen …, aber ich träumte von ihm. Dann wurde ich mitten in der Nacht wach und überlegte, was ich morgen zu unserem Treffen anziehen sollte. Ich hatte zwei Kleider, abgesehen von dem weißen, welches ich heute trug, die ich beide von meiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Ich überlegte weiter, wie ihm meine Haare wohl am besten gefallen würden … Auf jeden Fall würde ich früh aufstehen. Vielleicht, wenn Mama mich nicht beobachtete, würde ich etwas von ihrer Lippenpflege auftragen. Unheimlich aufgeregt war ich, dachte daran, eine meiner Hauptprotagonistinnen aus meinen Romanen zu sein. Mir fehlte mein Vater, er stand mir immer mit Rat und Tat zur Seite. Er lehrte mich die Grundsätze des Lebens, soweit es mir bis dato möglich war, diese zu verstehen.

Sein Leitspruch war: Behandle andere immer so, wie du selbst behandelt werden möchtest, sei gerecht und ehrlich, hilf einem Menschen, wenn er in Not ist, vergiss deinen eigenen Wert nicht und auch wenn dir Steine oder sogar viele Steine in den Weg gelegt werden, glaube immer an dich und denke immer an die, die dich lieben …

Für mich war er der Beste ... Was sollte ich jetzt tun? Vermutlich würde er sagen:

„Meine liebe Grace, sei einfach du selbst und Gott wird dir dann helfen …“

Es war nur ein einfaches Treffen …, dennoch zermarterte ich mir mein kleines dummes Hirn wegen nichts!

Dennoch, es fühlte sich an, als würde diese Begegnung mein ganzes Leben verändern.

An manchen Tagen dachte ich …, wenn ich mir mehr Zeit für meinen Vater genommen und ihm mehr Mut zugesprochen hätte, wäre er noch da. Dann, wenn ich wieder realistisch denke, weiß ich, dass es nichts geändert hätte.

Er hat mal gesagt, manchmal sind wir als Menschen so machtlos, weil wir, egal wie oft und wie laut wir uns etwas wünschen, es dennoch nicht beeinflussen können. Wenn wir an diesem Punkt sind und wissen, dass wir alles in unserer Macht Stehende getan haben, dann kommt Gott und wir müssen anfangen zu vertrauen. Meine Gedanken drifteten in die Vergangenheit ab ... Es handelte sich doch nur um ein Treffen ... Warum dachte ich gerade jetzt so intensiv an meinen Vater?

Es war noch zu früh, um aufzustehen, also kuschelte ich mich in meine Decke rein und war bemüht, noch ein wenig Schlaf zu finden.

Es klingelte an der Tür, als es Punkt zehn Uhr war. Ich zupfte die Falten auf meinem Kleid zurecht und blickte ein letztes Mal in den Spiegel. Zum Glück hatte ich doch noch etwas geschlafen und sah somit erholt aus.

Margareth öffnete die Tür, er stand mit einem Strauß Blumen vor der Haustür und strahlte mich an. Wieder überkam mich dieses merkwürdige Gefühl, ihm schon einmal begegnet zu sein.

Langsam trat ich einen Schritt vor den anderen, um zur Tür zu gelangen. Er reichte mir die Blumen, ich bedankte mich und holte schnell eine Vase. Margareth gab er die Hand und mit prüfenden Blicken trat sie ihm gegenüber. Ihre strenge Miene verwandelte sich in ein gutgläubiges Lächeln, nachdem sie sich kurz miteinander bekannt gemacht hatten. Trotz der sichtlichen Sympathie, die sie schon gleich für Thommy hegte, erklärte sie ihm, wie wichtig ihr es sei, dass ich spätestens um fünf Uhr wieder zu Hause sein müsse. Mit einem ehrlich Gemeinten: „Was meinen Sie denn, Mrs. Hartley, ich verspreche es“, verabschiedete er sich von ihr. Ich drückte ihr noch einen Kuss auf die Wange, dann nahm Thommy mich an der Hand und gemeinsam gingen wir der Sonne entgegen.

Wieder gelangten wir zu den Gerstenfeldern, die in der Sonne schöner denn je waren … Wir legten uns in die Felder hinein, beobachteten den Himmel und die vorbeiziehenden Wolken, um gedanklich aus ihnen Figuren zu formen. In einem Moment streichelte er mir durchs Haar, blickte mich dabei ruhig an und erklärte, meine Haare würden wie Gold glänzen. Ich wurde verlegen und befürchtete, rot zu werden so wie gestern. Hoffentlich merkte er es nicht … Nach und nach verdichteten sich die Wolken und es wurde immer schwieriger, Motive am Himmel zu erraten. Thommy schlug vor, mir einen anderen Ort zu zeigen. Obwohl er noch nicht so lange wie ich hier lebte, kannte er die schönsten Plätze, die ich ohne ihn vielleicht nie entdeckt hätte. Der Weg führte über eine Blumenwiese, etwas weiter stand eine unbewohnte Hütte. „Grace, komm, die Hütte habe ich vor ein paar Tagen erforscht, sie ist wirklich schön, komm.“ Mir war zunächst nicht wohl dabei, irgendwo hineinzugehen, wo ich doch nicht wusste, ob dort wirklich niemand lebte, aber Thommy war nicht aufzuhalten, er ließ nicht locker und erklärte: „Dieser Ort eignet sich, wie ich finde, zum Träumen.“ Wir gingen hinein …

„Von was träumst du denn so?“, wollte ich von ihm wissen. „Ich denke oft darüber nach, wie es wäre, wenn manche Dinge vielleicht anders wären im Leben, in der Welt. Wenn die Vergangenheit anders gewesen wäre … Sicher wäre es dann auch die Gegenwart. Ich möchte das Hier und Jetzt genießen, Momente wie diesen, mir eine schöne Zukunft ausmalen und an etwas glauben. Das fällt mir manchmal … nicht so leicht …“

Er wirkte nachdenklich und traurig. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Er setzte sich auf einen Stuhl und stützte seinen Kopf in seine Hände. Ich berührte ihn leicht und sanft an seiner Schulter. „Alles in Ordnung?“, wollte ich wissen. Ruckartig ließ er seine Gedanken los, bewegte sich und blickte mich verlegen an. „Ja, Grace, es tut mir leid, ich hatte wohl kurz vergessen, dass ich nicht allein hier bin, bitte entschuldige, es ist alles bestens.“ Dennoch ging mir nicht aus dem Kopf, was er sagte und wie er es sagte. Seine tiefgründigen Gedanken überraschten mich, er machte sich anscheinend ernsthafte Gedanken über das Leben. Was mich aber irritierte und mir zugleich an ihm gefiel, war, dass er wie ein Erwachsener sprach und nicht wie ein Junge von fünfzehn Jahren. Als er in diesem ruhigen, nachdenklichen Moment vor mir saß, konnte ich ihm ansehen, dass in ihm trotz seines fröhlichen Wesens das Gefühl von Traurigkeit wohnte …

Ich sah mich in diesem kleinen alten Bauernhüttchen genauer um, klein und niedlich war es hier. Zwei Fenster gab es, durch die die Sonne das Innere erhellte. Überall hingen Spinnweben, einen kleinen Tisch und zwei Stühle entdeckte ich, sonst nichts außer einem verstaubten Holzboden. Dieser Ort gefiel uns beiden. Es war ruhig und wir verweilten noch. In Gedanken stellten wir uns diesen Ort mit Möbeln und einer kompletten Einrichtung vor. Gemeinsam überlegten wir, wo was stehen könnte. Wir hatten unheimlich kreative Ideen, wie ich fand.

Der Abend kam näher und Thommy brachte mich nach Hause. Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedeten wir uns voneinander und ich bedankte mich bei ihm für den schönen Ausflug. Wir strahlten beide, dann war es an der Zeit, ins Haus zu gehen. Gerade als ich die Tür hinter mir schließen wollte, rief er meinen Namen: „Grace, ich wollte dich fragen, ob, wenn du morgen nochmal Zeit hast also und magst …, ob ich dich nochmal zu einem Ausflug abholen darf?“

Ich wollte zwei Sekunden zuvor, ehe er das sagte, schon missmutig werden und mich ärgern, dass wir uns nicht für ein nächstes Treffen verabredet hatten. Lächelnd antwortete ich: „Sehr gerne, gegen Mittag bei der Hütte.“ Mit gegenseitigen Gute-Nacht-Wünschen verabschiedeten wir uns.

Als ich ins Haus kam, fragte mich meine Mutter natürlich sogleich, wie der Tag mit Thommy war. Ich war derart in Gedanken an ihn, dass sie mich zweimal fragen musste, bevor ich ihr von meinem Tag erzählte. Ich setzte mich auf unseren gemütlichen Stuhl neben dem Kamin, Sammy kam zu mir. Margareth sah mich an und sagte: „So wie du grinst, musst du einen sehr schönen Tag gehabt haben.“ „Ja, das hatte ich Mama.“ „Das freut mich, meine Kleine. Vor lauter Eile und Aufregung habt ihr vergessen, Sammy mitzunehmen“, dabei lachte sie. „Oh ja, das stimmt“, sagte ich verlegen. „Du hast bestimmt Hunger!?“ „Nein, nein, Mama, ich habe keinen Hunger.“ „Aber Grace, du musst etwas essen.“ Unaufgefordert stellte sie mir einen Teller Eintopf hin, den ich dann doch bereitwillig aß. Margareth schien sich für mich zu freuen, denn Thommy war ihr, wie ich glaubte, wirklich sympathisch.

„Es ist doch okay, wenn ich ihn morgen wiedersehe, dann nehme ich auch ganz bestimmt Sammy mit!?“ „Wenn ihr keine Dummheiten macht, spricht nichts dagegen.“ Ich war erleichtert und gab ihr dankbar einen Kuss, ehe ich in mein Bett ging.

Weil ich so aufgeregt war, stand ich am nächsten Tag viel zu früh bei der Hütte. Ich konnte es kaum erwarten, ihn zu sehen. In der Zeit, in der ich auf Thommy wartete, erkundete Sammy die Umgebung. Ungefähr eine halbe Stunde später sah ich ihn endlich kommen. Die halbe Stunde fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Als er vor mir stand, umarmte ich ihn, ohne nachzudenken, überschwänglich. Hinterher war es mir doch peinlich, aber er schien sich darüber zu freuen. Auch, dass Sammy dabei war, gefiel ihm, sodass er vorschlug, am See spazieren zu gehen. Sammy amüsierte sich prächtig am Wasser. Auf dem Weg und am Ufer pflückten wir Blumen, welche wir Margareth mitbringen wollten. Ab und zu neckte Thommy mich, indem er mir weismachen wollte, ich hätte ein ekliges Tier auf meiner Schulter sitzen, oder zwickte mich leicht am Arm. Ich tat, als wäre ich deswegen beleidigt, insgeheim mochte ich diese kleinen Neckereien. In seiner Gegenwart spürte ich ein Gefühl der Leichtigkeit und Geborgenheit. Am Abend brachte er mich wieder sicher nach Hause und Mama freute sich über den Blumenstrauß, den wir ihr mitbrachten.

Die darauffolgenden Wochen und Monate sahen wir uns fast täglich, an einigen Tagen musste er allerdings seinem Vater Albert öfter bei der Arbeit helfen als an anderen Tagen, so dass einige Tage bis zu einem neuen Treffen dazwischen lagen. Umso schöner waren unsere Wiedersehen.

Jeden Abend schlief ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht ein, mit dem Gedanken an ihn.

Nach dem Tod meines Vaters war ich das erste Mal wieder richtig glücklich. Thommy Hevelton … Ich hoffte und wünschte innig, dass er das Gleiche für mich empfand. Ich konnte es nur hoffen, denn Tag für Tag wurde mir mehr und mehr bewusst, dass ich mich vollkommen und Hals über Kopf in ihn verliebt hatte.

Es vergingen die Tage und Monate und weiterhin kaum ein Tag, an dem wir uns nicht sahen. Obwohl es schien, dass der Winter Einzug halten würde, wuchsen und gediehen dennoch die Gerstenfelder, genau wie unsere Liebe zueinander Tag für Tag mehr wurde und wuchs.

Im November feierten wir Thommys sechzehnten Geburtstag, es war ein wunderschöner, wenn auch windiger und kühler Tag. Was mich wunderte, war, dass Thommys Vater Albert nicht da war, um gemeinsam mit uns Thommys Geburtstag zu zelebrieren. Bislang hatte ich ihn immer noch nicht kennengelernt, auch Margareth wunderte das, also fragte meine Mama: „Thommy, wo ist denn dein Vater, wollte er nicht mit uns gemeinsam an deinem Ehrentag zu Abend essen?“ Ich blickte ihn an und sah, wie sein Gesicht ganz bleich wurde. „Oh, Mrs. Hartley, er hat wirklich sehr viel zu tun, er wäre bestimmt gerne heute Abend gekommen, wenn es seine Zeit erlaubt hätte.“ Thommy wirkte auf mich nervös und ich sah ihm an, dass diese Frage Unbehagen in ihm auslöste. Ich kannte ihn mittlerweile recht gut, Margareth ihn weniger und sie ließ nicht locker: „Thommy, richte deinem Vater meine Einladung für kommenden Sonntag zum Abendessen aus, der arme Mann wird wohl zwischen all der harten Arbeit einmal Zeit finden, sich mit seinen Nachbarn zu beschäftigen, denn Gesellschaft braucht der Mensch, nicht, dass er da drüben eines Tages vereinsamt.“ Mit fester Stimme antwortete Thommy, dass es wirklich sehr freundlich von ihr sei, aber … Sie unterbrach ihn, sodass er nicht weitersprechen konnte:

„Keine Widerrede, junger Mann, ich mache das gerne und freue mich über Besuch.“ „Das glaube ich, Mrs. Hartley … Ich richte es ihm