2,99 €
Pilgern alleine als Frau? Petra beschreibt in ihrer Erzählung von ihrer Unsicherheit und ihren Ängsten, sich alleine auf den Jakobsweg zu machen. Jahrelang träumt sie nur ihren Traum, bis endlich der Tag kommt, an dem sie ihre Entscheidung trifft. Mit der Aufforderung im Titel ihres Buches richtet sie sich an die noch unschlüssigen Pilger. Sie sollen nicht so lange auf ihren Weg warten, wie die Autorin selbst. Ehrlich und unterhaltsam erzählt sie von ihren täglichen Etappen auf dem Camino Frances von Saint Jean Pied de Port bis Santiago de Compostela.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2020
Übersicht Karte Camino Frances mit einigen Etappenzielen.
Freundlicherweise zur Veröffentlichung freigegeben durch fernwege.de
© 2020 Petra Wald
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-18280-6
Hardcover:
978-3-347-18281-3
e-Book:
978-3-347-18282-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Petra Wald
Wenn Jakobusdich ruft, danngeh!
Tagebuch einer Pilgerin
Wenn Jakobus dich ruft, dann geh !!!
Die Entscheidung ist gefallen. Patric hat sich bereit erklärt, mich drei Wochen lang auf dem Camino Frances zu begleiten und somit steht mein Entschluss nun fest: ich werde es tun!
Zur Vorgeschichte:
Seit mehr als zwanzig Jahren, als ich mein erstes Buch von Paulo Coelho gelesen habe, träume ich vom Jakobsweg und habe den Wunsch, diesen am Ende meines Lebens einmal komplett zu Fuß gegangen zu sein. Nun ist das ja bei einer zweifachen Mutter und Ehefrau nicht so einfach. Da kann man nicht einfach sagen: „Ich bin dann mal weg.“ Außerdem bin ich nicht unbedingt die Mutige, die muttergottseelenalleine in ein Land reist, ohne zu wissen, wo ich heute oder morgen übernachten kann.
Letztes Jahr erzählt mir Patric, ein gemeinsamer Freund der Familie, dass er auf den Jakobsweg gehen wird. Ich bin total überrascht. Zu dieser Zeit – Hape Kerkelings Buch kommtgerade erst heraus – kennen noch nicht so viele Leute diesen Pilgerweg im Norden Spaniens, der sich, in Frankreich beginnend, über achthundert Kilometer durch Spanien bis nach Galizien, dem westlichsten Teil Europas zieht. Wenn ich Freunden davon erzähle, sind nur sehr wenige darunter, die wissen, dass es sich hierbei um einen Pilgerweg in Nordspanien handelt, der in Santiago de Compostela sein Ziel am Grab des Apostels Jakobus hat.
Ich bin total neidisch auf Patric, als er sich auf den Weg macht, freue mich aber riesig für ihn, dass er diesen besonderen Wanderweg geht. Wir tauschen uns viel aus und bleiben auch während seiner Reise über SMS – Whats App mit Fotos gibt es noch nicht - miteinander in Verbindung.
Seine Begeisterung und strahlenden Augen bei seinen Berichten, als er wieder zu Hause ist, lassen meinen Traum einer eigenen Wanderung wieder aufkeimen.
Da Patric wetterbedingt die erste Etappe über die Pyrenäen nicht laufen konnte und diese auf jeden Fall noch einmal nachholen möchte, dazu bereits im Vorruhestand ist und somit nicht auf Urlaub angewiesen, bietet er mir an, mich die ersten vierhundert Kilometer zu begleiten. Nun, eine längere Teilstrecke des Weges kann ich mir sowieso nicht vornehmen, da ich höchstens drei Wochen Urlaub bekomme.Ich spüre ganz deutlich: Da ist sie, meine Chance. Wenn, dann muss ich JETZT zugreifen. Alleine wäre ich viel zu ängstlich und würde wahrscheinlich mit achtzig noch von meinem Traum träumen. Ich sage zu.
Noch ahne ich nicht, welche Folgen meine Entscheidung mit sich bringen wird. Denn, wie schon befürchtet, kommt mein Plan bei meinem Ehemann gar nicht gut an. Eine Mutter, die ihre Kinder wochenlang alleine zu Hause lässt, um sich bei einer Wanderung zu vergnügen, ist einer seiner harmlosesten Vorwürfe. Als er registriert, dass es mir mit meiner Absicht zu wandern tatsächlich ernst ist und ich nicht mehr im Konjunktiv rede, versucht er sogar, Alternativen zu finden, damit ich bloß nicht mit Patric alleine laufen werde. Warum, das verstehe ich nicht. Patric ist ein sehr guter Freund von uns beiden und ich habe vollstes Vertrauen in ihn.
Als meine Freundin Moni eines mittags mit ihrem Mann, der ebenfalls ein leidenschaftlicher Wanderer ist, zum Kaffee kommt, lenkt mein Mann das Gespräch in die Richtung, dass ich mit dem Mann meiner Freundin ja den Weg wandern könne und er und meine Freundin könnten immer mit dem Auto zu unserem Tagesziel eintreffen. Dass ich eine ganz andere Vorstellung vom Pilgern habe, versteht er gar nicht. Ich möchte kein Begleitfahrzeug dabei haben, möchte meine „Sieben Sachen“ alle in meinem Rucksack auf dem Rücken tragen, und ich möchte vor allem abends in Herbergen schlafen und dort andere Pilger kennen lernen und mich mit ihnen über deren Erfahrungen des Pilgerns austauschen.
Dass ich abends zu viert - wovon nur zwei Personen pilgern - in einer Bar beisammen säße, geht gar nicht. Alleine die Tatsache, dass er mir einen solchen Vorschlag unterbreitet, bestätigt mir, dass mein Mann absolut keine Vorstellung davon hat, um was es mir überhaupt geht, obwohl ich mehrfach versucht habe zu erklären, dass das eigentliche Pilgern mit allem was dazu gehört bei meinem Vorhaben das A und O sei. Mit ihm über meine religiösen Beweggründe und spirituellen Gedanken zu reden, ist vollkommen vergebens. Aber damit treffe ich nicht nur bei ihm auf Unverständnis. Außer drei vertrauten Personen aus meinem Bekanntenkreis kann niemand nachempfinden, was einem eine strapaziöse Wanderung, verbunden mit dem Verzicht vieler Annehmlichkeiten – sei es die täglich frische Wäsche, ein sauberes Bett in einem Hotel oder die geregelte Essensaufnahme – an spiritueller Erfahrung bringen soll. Aber genau darin sehe ich meine Herausforderung.
Zu guter Letzt bietet mir mein Mann sogar an, dass er selbst mit mir pilgern würde, wenn ich nur von dem Gedanken abkäme, alleine mit Patric zu laufen. Dabei muss ich ihn schon zu Hause mehrmals und eindringlich bitten, damit er überhaupt einen Spaziergang mit mir macht. Dieser Vorschlag kommt definitiv fünfzehn Jahre zu spät. Damals wäre ich begeistert und überglücklich gewesen, aber heute kommt es für mich nicht mehr in Frage. Wir beide haben uns bereits so weit voneinander entfernt, dass ich über diese Variante erst gar nicht nachdenken muss. Und wenn ich still in mich hinein höre, ist meine Entscheidung in meinem Kopf bereits gefallen.
Da ich Patric´s Einstellung, Vorstellung und Erfahrung vom Jakobsweg schon in unendlich vielen gemeinsamen Gesprächen nach seiner Rückkehr kennen gelernt habe, steht für mich bereits fest, dass ich mit ihm laufen werde. Einen Punkt muss ich mit ihm jedoch noch klären, der mir sehr wichtig ist. Ich kenne ihn bereits seit zwanzig Jahren – er war der Trauzeuge meines Mannes - und wir pflegen eine sehr gute Freundschaft, die nach seinem Camino durch die vielen Besuche und Gespräche noch mehr gewachsen ist. Wenn wir uns begegnen, umarmen wir uns sehr herzlich und es gibt rechts und links auch ein Küsschen auf die Wange – un beso a la derecha y a la izquerda :-). Dass dies auf rein freundschaftlicher Ebene abläuft und sich auch auf unserer geplanten Wanderung nicht ändern soll, ist mir ein Bedürfnis anzusprechen. Wie ich Patric´s Reaktion und Zustimmung entnehmen kann, verstehen wir uns und die Sache ist für uns geklärt und muss auch nie wieder angesprochen werden. In der Kreisvolkshochschule melden wir uns zu einem Spanischkurs für Touristen an, damit wir wenigstens ein paar Worte Spanisch verstehen, wenn es los geht.
Die Stimmung zu Hause wird immer schlechter. Mein Mann steht kurz vor der Verzweiflung, da er erkennen muss, dass er an meinem Plan nichts mehr ändern kann. So kennt er mich ja auch gar nicht. Im Großen und Ganzen bin ich bei Streitfragen immer diejenige, die nach gewisser Zeit einlenkt, da mir Streitereien meist mehr zusetzen, als mir die ganze Sache Wert ist. Aber hier spüre ich zum allerersten Mal eine Kraft in mir, die mich standhaft bleiben lässt, wenn mir auch oftmals bange ist und mir der Gedanke kommt: Wie wird das ausgehen?
Die Spannung steigert sich noch um einiges, als mein Mann und Patric´s Freundin sich als Verbündete zusammenschließen und beginnen, mit ganz übler Masche zu kämpfen. Sie unterstellen uns ein Verhältnis. Ohne mich jetzt rühmen zu wollen, kann ich doch von mir behaupten, dass ich eine ehrliche Person bin, der Lügen einfach zuwider sind. Wer mich fragt, bekommt immer eine ehrliche Antwort, auch wenn er die nicht immer hören möchte. Selbst kleinste Schwindeleien im Scherz gelingen mir nicht, da man mir diese sofort an der Nasenspitze ansieht. Ein Verhältnis zu einem anderen Mann könnte ich nie verbergen. Dass mein Mann dies jetzt nach einundzwanzig Ehejahren plötzlich ernsthaft in Frage stellt, trifft mich besonders hart.
Langsam wird es richtig stressig. Er hat sich immer häufiger nicht mehr unter Kontrolle und seine immer schon vorhandenen Aggressionen steigern und häufen sich und machen unser Zusammenleben fast unerträglich. Ich kaufe meine erste Flasche Baldriantropfen.
Ich gehe meinem Mann so oft es geht aus dem Weg und von meiner Seite aus spreche ich das Thema Jakobsweg erst gar nicht mehr an. Patric bekommt den Streit natürlich auch mit und er bietet mir mehrmals an, unser Vorhaben abzusagen. Doch wie gesagt, diese Kraft in meinem Innern sagt mir: „Dieses Mal gibst du nicht nach!“ Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich mir ein schlechtes Gewissen bescheren lasse. Frage mich: „Ein schlechtes Gewissen? Wegen was? Was tue ich Unrechtes?“ Ich weiß genau, es besteht kein Grund für ein solches, kann mich aber trotzdem nicht gänzlich davon befreien.
Als der Zeitpunkt kommt, die Flüge zu buchen, fragt Patric noch einmal nach, ob ich es mir noch einmal anders überlegen möchte. Ich verneine und beauftrage ihn, zu buchen, ohne vorher noch einmal mit meinem Mann darüber zu sprechen. Ich bemerke wie mich die Kraft verlässt, mit ihm zu streiten und indem ich Patric mein OK gebe, ohne die Rücksprache mit meinem Mann, erspare ich mir einen erneuten Versuch meines Mannes, mich umzustimmen. Ich traue meiner ungewohnten Standfestigkeit wohl selber nicht mehr.
Tagsüber sitze ich jede freie Minute am PC, lese interessiert Reiseberichte von Pilgern, finde einige nützliche, aber auch viele unnütze Informationen und Tipps, unter anderem eine Packliste eines jungen Mannes, der mit elf Kilogramm Rucksackgewicht gelaufen ist. Mein Wunsch ist es, höchstens zehn Kilogramm auf dem Rücken zu tragen und so mache ich mich daran, schon einmal meine Utensilien nach Gewicht auszusuchen. Die Küchenwaage hilft mir dabei und ich schaue tatsächlich auf jedes einzelne Gramm. Die Funktionsshirts werden einzeln gewogen und ich entscheide mich für die drei leichtesten. Eins am Körper und zwei zum Wechseln. Einen Fleecepulli für darüber und bei der Jackenauswahl beschließe ich, nur eine leichte Regenjacke mitzunehmen. Mit Fleecepulli und Funktionsshirts darunter bin ich mir sicher, dass ich auch an kalten Tagen nicht frieren werde. Bei den Hosen entscheide ich mich für zwei Radlerhosen, da diese erstens weniger wiegen als die kurzen Wanderhosen und zweitens am Bein eng anliegen und somit keine Scheuerstellen verursachen werden. Eine einzige lange Hose soll genügen, da ich tagsüber sowieso nur mit den Radlerhosen laufen will. Wenn ich in Bewegung bin, wird mir ab dreizehn bis fünfzehn Grad nicht so leicht kalt. Das habe ich bereits bei meinem Trainingswandern festgestellt. Eine lange Regenhose muss noch mit, falls es mal wie aus Kübeln gießen sollte, was hoffentlich nicht so oft eintreten wird. Zwei Unterhosen, zwei BHs und zwei Paar Wandersocken und ein kleines Handtuch. Eine leichte Wandersandale, die ich abends tragen will, wenn wir angekommen sind und den Ort erkunden und ein Paar federleichte Gummi-Schaumstoff-Badelatschen. Diese sind zwar giftgrün, aber weich wie Butter und leicht wie eine Feder. Übrigens ist das Aussehen im Moment das Letzte, auf was ich achte. Praktisch und leicht muss es sein!
Ich habe sogar beschlossen, weder Kamm, noch Bürste oder Föhn mitzunehmen, was mir ganz besonders schwer fällt, denn wenn ich meine Haare nicht mit viel Schaumfestiger und Haarspray bearbeite, habe ich total weiches Babyhaar, und eine Frisur hinzubekommen ist schier unmöglich. Nach der ersten Haarwäsche wird Patric mich wohl nicht mehr wiedererkennen. Außer einem Kajalstift gibt es auch keine Schminkutensilien, die ich mitnehmen werde. An Hygieneartikeln werde ich nur kleine Probepackungen kaufen. Unterwegs gibt es ja schließlich Möglichkeiten, sich zu versorgen, wenn auch nicht unbedingt in jedem Ort.
An Medikamenten habe ich einige Schmerzmittel und Entzündungshemmer eingepackt. Ich befürchte, dass ich mit meiner Hüfte und den Gelenken Probleme bekommen werde, da ich hier vorbelastet bin. Bei Lidl hab ich mir einen ganz leichten Motorradschlafsack gekauft, der zusammengerollt nur wenig Platz einnimmt. Um mich daran zu gewöhnen, habe ich meine Bettdecke zur Seite gelegt und schlafe seit Tagen bereits in meinem Bett im Schlafsack. Na ja…..bequem ist anders! Wenn ich den Reißverschluss schließe, ist es schon ziemlich eng. Ich kann nicht mehr in meiner gewohnten Liegeposition schlafen, da ich das Bein nicht anwinkeln kann. Nachts werde ich ständig wach, weil mir zu warm ist. Ich befürchte, dass es im Mai und Juni auch in Spanien zu warm sein könnte, und leihe mir von einer Freundin einen Seidenschlafsack aus, den ich zusätzlich mitnehmen werde. Der wiegt fast nichts und es ist ein sehr angenehmes Gefühl, darin zu liegen.
Von einem Bekannten lasse ich mir erklären, auf was ich bei meinem Rucksack alles achten muss und wie alle Gurte richtig eingestellt werden. Ich bin da ja völlig planlos, da ich mit einem großen Wanderrucksack noch nie gelaufen bin. An sonstigen Utensilien habe ich noch eine Trinkflasche von Tupperware, eine Digitalkamera, die mir mein Sohn Manuel netterweise ausleiht, mein Handy, meine Nordic Walking Stöcke, sowie eine Isomatte vorgesehen. Als der Rucksack fertig gepackt auf der Waage steht, bin ich stolz auf mich. Die Anzeige meldet neun Komma vier Kilogramm. Sehr gut!
Es ziehen sich die letzten Wochen unendlich lange dahin mit unerträglicher Stimmung zwischen mir und meinem Mann. Die zweite Flasche Baldriantropfen ist bereits geleert. Ich bin nur noch ein nervliches Wrack, als endlich der Tag des Aufbruchs bevorsteht.
Von der Gesinnung, den Jakobsweg als Büßerweg zu bestreiten, um Sündenerlass zu erfahren, halte ich absolut gar nichts, muss jedoch mehrmals mit Ironie und einem traurigen Lächeln daran denken und bemerken, dass ich mittlerweile noch vor Antritt der Wanderung zu Hause bereits so arg gebüßt habe, dass ich den Weg aus diesem Grunde nicht mehr gehen müsste.
Dann, Ende Mai, ist es endlich so weit. Der Abreisetermin ist gekommen und meine beste Freundin Moni hat sich bereit erklärt, uns zum Flughafen zu fahren. Ich muss sagen, bis zum jetzigen Zeitpunkt habe ich es immer noch nicht recht glauben können, dass ich meinen Traum wirklich in die Tat umsetzen werde. Als wir nun aber bei Moni im Auto sitzen und Richtung Flughafen Hahn unterwegs sind, begreife ich langsam, dass es jetzt tatsächlich wahr wird. Ich bin total aufgeregt.
Während der Autofahrt gehen Patric und ich noch einmal die Sachen in Gedanken durch, die jeder eingepackt hat und Patric sagt, dass er gar keine Isomatte dabei habe. Wenn er also nicht vor hat, irgendwo auf dem Boden zu schlafen, brauche ich meine auch nicht, und ich lasse sie im Auto bei Moni zurück. Die Verabschiedung von meiner besten Freundin fällt, wie nicht anders zu erwarten, sehr emotional aus und als sie mir noch einen Briefumschlag überreicht, kullern mir die ersten Tränen die Wange hinunter. Wir verabschieden uns ganz herzlich und machen uns auf den Weg zur Abfertigungshalle des Flughafens.
Es ist früher Morgen und es herrscht bereits reges Treiben. Die beiden Schalter, die für den Flug nach Biarritz geöffnet sind, sind sofort zu erkennen, denn mindestens die Hälfte der Fluggäste erweisen sich als Pilger, die mit Wanderkleidung, Rucksack und Jakobsmuschel in der Warteschlange stehen. Erstaunt beobachte ich mehrere Personen, die mit überdimensionalen Paketen anstehen und es dauert eine Weile, bis bei mir der Groschen fällt. Es sind Fahrradpilger, die ihren eigenen Drahtesel in enorm großen Paketen dabei haben. Diese Variante, den Jakobsweg zu bewältigen würde mich nun gar nicht ansprechen, zumal ich der Meinung bin, dass diese Personen aus rein sportlicher Motivation unterwegs sind und das nicht meiner Auffassung einer Pilgerreise entspricht. Mal ganz davon abgesehen bin ich nicht einmal fähig, den kleinsten Hügel mit einem Zweirad zu erklimmen. Wir geben unsere Rucksäcke auf und kurze Zeit später befinden wir uns in den Lüften Richtung Frankreich.
Um die Organisation der Hin- und Rückreise habe ich mich überhaupt nicht kümmern müssen. Da Patric diese Prozedur ja ein Jahr zuvor bereits erledigt hatte, habe ich mich da voll und ganz auf ihn verlassen und mich diesbezüglich um nichts gekümmert. Lediglich bei unserer ersten Tagesetappe habe ich einen Änderungswunsch geäußert, dem er auch sofort zugestimmt hat. Die Mehrzahl der Pilger übernachtet erst einmal in Saint Jean Pied de Port und startet dann am nächsten Morgen, um die Tagesetappe von siebenundzwanzig Kilometern über die Pyrenäen bis nach Roncesvalles zu wandern. Da mir diese lange und schwierige Etappe am meisten Bauchweh bereitet, ist mein Plan, am gleichen Nachmittag noch von Saint Jean Pied de Port zu starten und die ersten zehn Kilometer bis nach Orisson zu wandern, dort in einer kleinen privaten Herberge zu übernachten und dann am nächsten Tag die Pyrenäen zu überqueren. So ginge uns kein Tag verloren und wir hätten die Megaetappe von siebenundzwanzig Kilometern schwierigster Strecke in zwei Teilstücke aufgeteilt. Wegen der beschränkten Bettenanzahl in der Herberge Orisson müssen wir jedoch zwei Betten bereits ab Deutschland für diesen ersten Abend buchen. Auch das organisiert Patric mit seinen Französischkenntnissen per Telefon.
Nachdem wir also gut in Biarritz gelandet sind, die weitere Anfahrt mit dem Bus nach Bayonne und von dort mit dem Zug nach Saint Jean Pied de Port hinter uns haben, suchen wir in SJPP sofort das Pilgerbüro auf. Auch hier ist es wieder von Vorteil, dass Patric sich auskennt und bereits mit den Örtlichkeiten vertraut ist. Es ist bereits halb fünf am Nachmittag und wir wollen so schnell es geht unseren Aufstieg nach Orisson beginnen. Während sich die große Pilgerschar erst einmal orientieren muss und Ausschau nach dem Pilgerbüro hält, sind Patric und ich bereits auf dem Weg zu diesem. So bleibt uns eine lange Warteschlange erspart, wir erledigen die notwendigen Formalitäten und bekommen unseren ersten Stempel in unsere credential (Pilgerpass).
Auf dem Weg durch die idyllische Altstadt spendiert Patric zu unserer Stärkung noch ein Stück Quiche Lorraine und wir durchschreiten das alte Stadttor von Saint Jean Pied de Port, das Jakobustor, das zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und uns den Weg nach Orisson weist. Kaum ein paar hundert Meter gewandert, müssen wir auch schon wieder anhalten. Es beginnt zu regnen und wir packen unsere Regenkleidung und einen Rucksackregenschutz aus und starten erneut. Es ist Gott sei Dank nicht kalt und so macht mir der Regen eigentlich nicht viel aus. Im Gegenteil. Nach einigen Kilometern steilsten Anstieges bin ich dankbar für jeden kühlenden Tropfen, der auf mein Gesicht trifft. Es geht schon beim Start los mit einer ordentlichen Steigung Richtung Huntto, der ersten Ansiedlung auf dem Weg nach Orisson.
Auf dem Weg nach Orisson
Patric ist mit seinem Briefträgertempo weitaus schneller als ich unterwegs, aber ich habe mir vorgenommen, mich nicht bereits auf den ersten Kilometern zu verausgaben, sondern meine Kräfte sinnvoll einzuteilen. Was immer ich mir auch darunter vorgestellt habe, jetzt gelingt es mir nicht. Obwohl ich wesentlich langsamer als er gehe, bleibt mir ständig die Puste weg und ich muss viele Pausen einlegen. In meinem Kopf kocht es. Ich muss an einen Wasserkessel denken, der pfeifende Töne ausspuckt, wenn der Wasserdampf durch das Ventil entweicht. Ich wäre froh, ich hätte ein solches Ventil. Mein Kopf kocht.
Patric wartet in regelmäßigen Abständen auf mich, wir verschnaufen, trinken Wasser und weiter geht’s. Gegen halb acht am Abend erreichen wir die Herberge Orisson. Sie liegt wunderschön. Links der Straße befindet sich am Hang eine schöne Aussichtsterrasse, von der man bei gutem Wetter sicherlich eine herrliche Aussicht genießen kann. Auf der rechten Seite der Straße befindet sich die Herberge, in deren Garten hinter dem Haus mehrere Zelte im tiefen Schlamm aufgebaut sind. Ich sag nur: „Wie gut, dass wir ein Zimmer gebucht haben!“
Wir sind völlig durchnässt und freuen uns auf eine heiße Dusche. Es kommt jedoch anders als wir es uns vorstellen – und es wird nicht das einzige Mal sein, dass es anders kommt als geplant. Ich werde auf diesem Weg als erste Lektion lernen: Plane und erwarte nicht …. es kommt sowieso anders !
Wir betreten also die Herberge und befinden uns direkt in der Gaststube, wo bereits mindestens fünfundzwanzig Personen an Tischen ihr Abendessen einnehmen. Der Hospitalero sagt uns, wenn wir noch etwas essen möchten, sollen wir uns schnell an den Tisch setzen. Dusche und Zimmer hätten Zeit. Wir entledigen uns unserer nassen Jacken und Rucksäcke und setzen uns an einen Tisch. Ich bin durch und durch nass und fix und fertig. Selbst jetzt noch läuft mir der Schweiß in Strömen den Rücken hinunter.
Unser Pilgermenu beginnt mit einer Gemüsesuppe, die Gott sei Dank nicht mehr so heiß ist. Mein Kopf kocht nämlich immer noch und mittlerweile gesellen sich auch Kopfschmerzen hinzu. Zu jedem Pilgermenu gehört eine Flasche Rotwein und eine Flasche Wasser und ich kann nicht aufhören, ein Wasser nach dem anderen in mich hinein zu schütten – es ist ja auch schließlich so viel verdampft. Ich denke an Pilger, die im Sommer bei Hitze diese Steigungen bezwingen und ich bin wirklich froh, dass wir bei schlechtem Regenwetter gelaufen sind.
Als Hauptgang serviert der Herbergsvater einen wirklich köstlichen Lammbraten mit weißem Bohnengemüse. Jetzt kann ich auch ein Glas Rotwein genießen, obwohl ich normalerweise kein Freund von Rotwein bin. Aber auch das wird sich nach meiner Pilgerreise geändert haben.
Nach einer Stunde wird mir in meiner nassen Kleidung langsam kalt. Wir fragen nach unseren Betten, doch bevor das Geschäftliche nicht erledigt ist, geht nichts. Also zahlen wir erst einmal unsere Unterkunft einschließlich Abendessen und Frühstück. Übrigens den höchsten Preis, den ich bis zu meinem Zielort Sahagun zahlen werde. Wir schultern unsere Rucksäcke und die nassen Jacken und folgen dem jungen Basken, der uns zu unserem Zimmer führen wird. Er verlässt die Herberge, überquert die Straße in Richtung Aussichtsterrasse und steigt neben dieser eine Treppe hinab. Wir entdecken, dass unterhalb der Aussichtsterrasse noch zwei Zimmer liegen. Beim ersten Zimmer, an dem wir entlang gehen, steht die Tür einen Spalt offen und ich kann einen Blick hinein werfen. Es ist ein kleines, aber sehr schön eingerichtetes Doppelzimmer mit einfacher aber zweckmäßiger Ausstattung. An diesem Zimmer führt uns der Baske vorbei zur zweiten Tür, schließt diese auf und wir befinden uns ………in der Wäschekammer !
In der einen Ecke ist ein schmales Klappbett aufgeschlagen und auf dem Boden zwischen Wäscheregalen, Tiefkühltruhen - bestückt mit bestem Wildfleisch -, Waschmaschinen und Wäschetrocknern ist eine Matratze ausgelegt. Patric sagt nur: „Ich denke an Boris Becker und die Wäschekammer.“ Aber was hilft uns alles Meckern und Schimpfen? Wir wollen ja schließlich irgendwo schlafen und lieber als in den Zelten hinter dem Haus ist es mir hier allemal. Der nette junge Mann erklärt uns, dass die Waschräume und Toiletten auf der anderen Straßenseite im Haupthaus liegen und auf meine Frage hin, ob ich diese auch mitten in der Nacht nutzen kann, sagt er mit einem breiten Grinsen: „Nein, während der Nacht ist das Haupthaus geschlossen, aber nutzen Sie doch dann die großzügige Natur.“ ….sprich den Abhang vor der Aussichtsterrasse. Na klasse. Das fängt ja gut an.
Als kleine Entschädigung handele ich mit ihm eine kostenlose Nutzung des Wäschetrockners aus, um wenigstens unsere durchnässte Kleidung zu trocknen. Die heiß ersehnte Dusche genehmigen wir uns dann im Haupthaus und kehren frisch und gar nicht mehr so sehr kaputt in unsere Wäschekammer zurück, um die erste Nacht unserer Reise anzutreten. Patric sagt dann – ganz gentleman like - : „Ich nehme die Matratze auf dem Boden. Nimm du das Bett.“ Ich bedanke mich recht herzlich, will es mir gerade auf dem Feldbett bequem machen, als es an unserer Tür klopft und der Baske erneut eintritt. In seinem Schlepptau hat er ein Paar aus Irland dabei, das überraschenderweise zu später Stunde und unangemeldet noch eingetroffen ist. Im Haupthaus und in den Zelten ist kein Platz mehr und so bittet er uns, etwas zusammen zu rücken. Er hat eine weitere Matratze dabei, die er nun auf dem Boden auslegt und Patric muss zu mir ins Klappbett.
Mein erster Gedanke gilt meinem Mann und ich beschließe, dieses kleine Detail bei meiner Berichterstattung zu Hause später lieber nicht zu erwähnen. Patric schnarcht bereits, bevor ich mir überhaupt den Schlafsack zuziehen kann und trotz Ohrenstöpsel mache ich in dieser Nacht kein Auge zu.
