9,99 €
Der ganz normale Alltagswahnsinn einer Frau in den besten Jahren ...
Jung muss er sein – und schön. Und das sind bei Weitem nicht die einzigen Kriterien, die Ines' Traummann zu erfüllen hat. Keine leichte Aufgabe für die Partnervermittlung Dohm. Doch trotz ihrer ungewöhnlichen Familienstruktur (drei Kinder von drei Männern) und ihres eher abschreckend wirkenden Berufs (Urologin mit Fachgebiet Erektionsstörungen) mangelt es nicht an Kandidaten für Ines. Dumm nur, dass keiner von ihnen ihren hohen Ansprüchen gerecht wird. Und ihrer alten Urlaubsliebe José kann ohnehin niemand das Wasser reichen …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 284
Veröffentlichungsjahr: 2021
Buch
Jung muss er sein – und schön. Und das sind bei Weitem nicht die einzigen Kriterien, die Ines’ Traummann zu erfüllen hat. Keine leichte Aufgabe für die Partnervermittlung Dohm, die sie mit der Suche beauftragt. Doch trotz ihrer ungewöhnlichen Familienstruktur (drei Kinder von drei Männern) und ihres eher abschreckend wirkenden Berufs (Urologin mit Fachgebiet Erektionsstörungen) mangelt es nicht an Kandidaten für Ines. Dumm nur, dass keiner von ihnen ihren hohen Ansprüchen gerecht wird. Und ihrer alten Urlaubsliebe José kann ohnehin niemand das Wasser reichen …
Autorin
Cristina Externest, Jahrgang 1966, stammt aus Bochum und lebt mit ihrer Familie in England. Dort hat sie über zwanzig Jahre für einen Kinderbuchverlag gearbeitet, bevor sie endlich getan hat, was sie schon immer tun wollte: selbst ein Buch schreiben. »Wenn nicht jetzt, wen dann?« ist ihr erster Roman, der im Goldmann Verlag erscheint.
Cristina Externest
Wenn nicht jetzt,wen dann?
Roman
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Originalausgabe August 2021
Copyright © 2021 by Cristina Externest
Copyright © dieser Ausgabe 2021
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Covergestaltung: UNO Werbeagentur GmbH
Covermotiv: CSA Images/getty images
LS · Herstellung: kw
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-26447-5V001
www.goldmann-verlag.de
Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz
»Blauschwarz oder Dunkelschwarz?«
Ich bin völlig überfordert von dieser Frage. Das ist mal wieder typisch für mich: Bei großen Krisen und Tragödien bleibe ich ruhig und entschlussfreudig, aber Dilemmata wie dieses hier bringen mich völlig aus dem Konzept. Ich bin hin und her gerissen und kann mich einfach nicht festlegen. Es ist aber auch schwierig, wenn einem die Begriffe »Blauschwarz« und »Dunkelschwarz« nicht näher erläutert werden. Und überhaupt – ist »Dunkelschwarz« ein Wort? Ist damit Tiefschwarz gemeint? Nicht dass mich das bedeutend weiterbrächte, aber wie soll ich die richtige Wahl treffen, ohne das zu wissen? Es gibt ja noch nicht einmal Muster, damit ich mir das mal in Ruhe bei Licht angucken könnte. Apropos Licht: Es ist für meinen Geschmack sowieso viel zu schummerig hier. Wie kann jemand bei so einer Beleuchtung vernünftig arbeiten? Das kann man wohl nur, wenn man junge Augen hat.
»Also, lieber Blauschwarz oder Dunkelschwarz?«, fragt die Kosmetikerin erneut, jetzt ein kleines bisschen ungeduldig.
»Ähm«, mache ich.
Die Kosmetikerin ist Anfang zwanzig, kommt aus Rumänien und ist bildhübsch. Ich habe bewusst sie gewählt, weil ich zu ihren beiden Kolleginnen aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters (Mitte bis Ende vierzig) und der damit verbundenen altersbedingten Weitsichtigkeit wenig Vertrauen habe. Wie gesagt, die Lichtverhältnisse sind katastrophal hier, und ich habe beim Enthaaren meiner Beine mit Wachs schon ganz schlechte Erfahrungen gemacht. Die beiden Kosmetikerinnen in den Wechseljahren können nämlich bei der schlechten Beleuchtung überhaupt nicht erkennen, wo sie schon ausreichend gewachst haben und wo nicht. Und den Schaden sieht man erst, wenn man am nächsten Tag im kurzen Kleid in der Sonne sitzt.
Allerdings kommen mir jetzt doch Bedenken, dass ich aufs falsche Pferd gesetzt habe. Womöglich habe ich die sprachlichen Fähigkeiten der Rumänin, mir die Farbnuancen zu erläutern, überschätzt, obwohl sie ein tadelloses Deutsch spricht.
Aber geht es überhaupt um Nuancen? Vielleicht kann sie sich bei den Farben nicht so richtig ausdrücken, und der Unterschied ist in Wirklichkeit riesig? Sehe ich, wenn ich mich für Blauschwarz entscheide, hinterher aus wie Boy George? Oder – was noch schlimmer wäre – sehe ich, wenn ich Dunkelschwarz wähle, nachher genauso aus wie vorher? Und hätte mir diese Stunde Stress hier sparen können?
Es ist sowieso völlig ungerecht. Zeit meines Lebens hatte ich schöne, dichte, pechschwarze Wimpern, um die mich alle beneidet haben. Zugegeben, nicht so schöne und lange wie meine Brüder, aber immerhin schöne. Schön schwarz. Und jetzt, mit fast fünfzig, werden sie am Ende so blass und dünn, dass ich einfach nicht umhinkomme, sie zu färben. Logischerweise habe ich keinerlei Erfahrung darin.
»Was haben Sie denn, Blauschwarz oder Dunkelschwarz?«, frage ich die junge, hübsche Kosmetikerin, um Zeit zu gewinnen. Sie hat nämlich wirklich traumhaft schöne Wimpern. Tiefschwarz, lang und perfekt gebogen. Wie ein junges Reh.
»Weder noch, das ist meine natürliche Farbe«, antwortet sie ungerührt.
»Oh«, entgegne ich, »und die haben auch so eine schöne Form!«
»Die Form ist nicht natürlich, ich habe eine Art Dauerwelle in meinen Wimpern. Das bieten wir hier auch an, hält sie vier bis sechs Wochen in Form.«
»Wirklich?«, sage ich hoffnungsfroh.
»Geht aber bei Ihnen nicht«, erklärt sie schnell und guckt mich mitleidig an. »Ihre Wimpern sind zu kurz.«
»Ach so«, sage ich resigniert. »Dann Blauschwarz«, füge ich kurz entschlossen hinzu, weil die junge Frau jetzt wirklich ein bisschen ungeduldig wirkt. Erleichtert öffnet Bambi das entsprechende Farbtöpfchen.
»Augen zu und zurücklehnen«, sagt sie streng.
Mein Name ist Ines, und ich bin knapp fünfzig Jahre alt. Früher hatte ich es nicht nötig, Kosmetikerinnen aufzusuchen, weder weitsichtige noch rumänische. Aber so langsam geht der Lack ab, wie man so schön sagt. Früher hätte ich allerdings auch gar keine Zeit für Kosmetikerinnen gehabt, da ich normalerweise alle zehn Jahre ein Kind bekomme. Außerdem habe ich einen anstrengenden Beruf und bin alleinerziehend. Jetzt, mit knapp fünfzig, sieht es aber so aus, als ob ich in diesem Jahrzehnt kein Kind bekomme. Was natürlich logischerweise auch am Alter liegt. Und sicherlich auch an der Tatsache, dass ich keinen Sex habe. Letzteres muss sich ändern, habe ich beschlossen. Und genau deshalb bin ich hier. Blauschwarze Wimpern und andere Renovierungsarbeiten sollen helfen, das Projekt etwas in Schwung zu bringen.
Natürlich weiß ich, wie schwer, ja fast unmöglich, es ist, bei meinem Beruf einen Mann abzubekommen. Aber ich möchte nichts unversucht lassen.
»Am besten, Sie entspannen sich. Die Augen erst wieder aufmachen, wenn ich Ihnen Bescheid gebe«, höre ich die Kosmetikerin sagen.
Ich kneife völlig unentspannt die Augen zu, und die Rumänin streicht mir eine kühle Paste, die vermutlich blauschwarz ist, auf die Wimpern.
»Ich bin in zehn Minuten wieder da«, verkündet sie.
Dann höre ich, wie sie sich entfernt. Sofort habe ich den unbändigen Wunsch, die Augen aufzureißen. Nur mit äußerster Willenskraft gelingt es mir, es bei einem ganz kleinen Spalt zu belassen. Ein Fehler – ich schließe sie sofort wieder. Dennoch brennen meine Augen mit den Kontaktlinsen darin ganz fürchterlich. Hätte ich die vielleicht rausnehmen sollen?
Das Brennen wird stärker. Soll ich was sagen? Aber wenn ich zugebe, dass ich mit fast fünfzig immer noch nicht gelernt habe, einer simplen, offensichtlich vernünftigen Ansage Folge zu leisten, mache ich mich doch völlig zur Idiotin. Andererseits habe ich gute Ratschläge eigentlich schon immer ignoriert. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich immer Pech mit den Männern habe?
Also, was heißt Pech? Pech in dem Sinne kann man ja nicht sagen, ich hatte bloß kein Glück mit den Vätern meiner Kinder.
Der erste, Danni, war ein Studienkollege. Er war so offensichtlich schwul, dass es auch mir nicht hätte entgehen sollen. Ich habe nur ein einziges Mal mit ihm geschlafen, und da waren wir beide nicht nüchtern. Meine Freundin Lisa hatte mich gewarnt, das weiß ich noch. An alles andere kann ich mich nicht erinnern. Angeblich habe ich den armen Danni geradezu überrumpelt, und er konnte nicht Nein sagen. Danni ist sehr höflich. Jedenfalls bin ich schwanger geworden, während Danni sich Hals über Kopf in einen Diskjockey verliebte, der auf Ibiza lebte. Er wollte weder von mir noch von meiner Schwangerschaft etwas wissen. Schließlich hatte er ja nur mit mir geschlafen, weil ich kein Nein akzeptieren wollte und nach fünf Tequilas sehr überzeugend und furchteinflößend gewesen war.
Neun Monate später, mitten im Studium, bekam ich meinen Sohn Luca, der nicht gerade pflegeleicht war. Daher hatte ich erst einmal keine Zeit für Männer, nicht mal für schwule. Danni war nach Ibiza gezogen, als ich im vierten Monat war, und ließ sich fünfzehn Jahre lang nicht mehr blicken. Er tauchte erst wieder auf, als Luca fünfzehn war und vom Kanarienvogel bis zum Mofa alles hätte gebrauchen können – nur keinen schwulen Vater aus Ibiza.
Als mein Sohn zehn war, fing er allmählich an durchzuschlafen, sodass sich mir theoretisch die Möglichkeit bot, mit einem nichtschwulen Mann Sex zu haben. Laut meiner besten Freundin Lisa (ja, genau die, die mir damals davon abgeraten hatte, Danni quasi zu vergewaltigen) hätte es eine Menge Gründe gegeben, nichts mit Stefan anzufangen. Aber ich bin ja leider recht resistent, was gute Ratschläge anbelangt. Die Tatsache, dass es sich bei Stefan um einen Nachbarn handelte, vereinfachte die Logistik. So kam es, dass ich mit ihm öfter Sex hatte als mit Danni, wenn auch unwesentlich. Stefan war Journalist, genau genommen: arbeitsloser Journalist. Obwohl der Sex mit ihm nicht schlecht war, störten mich bereits nach drei Wochen viele Dinge an ihm. Ich hatte gerade beschlossen, Schluss zu machen, als er bei einem Erdbeben ums Leben kam.
Also genauer gesagt: während eines Erdbebens, nicht aufgrund eines Erdbebens. Es war auch nur ein ganz kleines Beben, im Sauerland. Stefan war mit ein paar Kumpels zum Zelten gefahren und hatte, wie ich später erfuhr, mit seinen Freunden das leichte Beben hautnah miterlebt. Auf den Schreck kippten die Jungs erst einmal ein Bier. Stefan schluckte dabei aus Versehen den Kronkorken. Er verstarb sofort am Bolustod. Für alle, deren Partner noch leben, beziehungsweise nicht am Bolustod verstorben sind: Es handelt sich dabei um einen vagalen Reflextod. Es ist nämlich keineswegs so, dass Stefan wegen des Kronkorkens keine Luft mehr bekam und erstickte. Vielmehr drückte der Korken auf einen Nerv und löste einen sofortigen Herzinfarkt aus. Das Endergebnis ist natürlich dasselbe.
Stefan hatte mir erzählt, er habe sich sterilisieren lassen, insofern war ich doch recht überrascht, als ich am Tag nach der Beerdigung feststellte, dass ich schwanger war. Lisa hatte mal wieder recht behalten: Journalisten lügen wie gedruckt, auch arbeitslose.
Also hatte sich das Thema Sex und Männer erst einmal wieder erledigt, und dabei blieb es auch nach der Geburt meiner Tochter. Doch als Livia im Alter von zehn aus dem Gröbsten raus war, bot sich mir eine ganz interessante Möglichkeit, die ich mir nach nicht reiflicher Überlegung nicht entgehen lassen wollte.
Ich war nämlich – das erste Mal in meinem Leben – eine ganze Woche alleine im Urlaub. Ein Geschenk von mir selbst zum vierzigsten Geburtstag. Luca studierte bereits, und Livia war mit Danni auf Ibiza.
An dieser Stelle muss ich etwas erklären: Danni tauchte ja wie bereits erwähnt wieder auf, als Luca fünfzehn war. Er stand völlig enthusiastisch und ohne jegliche Vorwarnung vor der Tür und wollte unbedingt und sofort ein Vater für Luca sein. Mein Sohn war völlig verschreckt und machte Danni unmissverständlich klar, dass er keinen Vater brauchte, und schon gar keinen schwulen. Danni war furchtbar enttäuscht.
Die fünfjährige Livia, die Zeugin dieser unschönen Szene geworden war, witterte ihre Chance, und bestimmte kurzerhand: »Wenn du ihn nicht willst, nehm ich ihn. Ich habe ja auch keinen Vater, und mir ist egal, ob er schwul ist.«
Sie zog Danni sofort an der Hand in ihr Zimmer und zeigte ihm ihr Meerschweinchen. Danni konnte mal wieder nicht Nein sagen (Livia ist mir sehr ähnlich), und vielleicht wollte er es auch gar nicht. Obwohl ich anfangs sehr skeptisch war, muss ich zugeben, dass Danni seinen Job als Livias Vater seither super gemacht hat. Er hat weder Elternsprechtage noch Schulaufführungen verpasst, trotz manch langer Anreise aus Ibiza. Danni und Livia verstehen sich noch immer prächtig und verbringen viel Zeit miteinander.
Und jetzt war also Livia mit Danni auf Ibiza, und ich verbrachte eine Woche kinderfreien Urlaub auf Mallorca. Nicht dass ich geplant hatte, einen Mann kennenzulernen und/oder Sex zu haben. Aber es war schon ein spannendes Gefühl, vogelfrei zu sein und tun und lassen zu können, was ich wollte, ohne dass ein Kind mir Orangensaft auf die Hose kippte, dringend sofort ein Eis brauchte oder sich über schlechtes Internet beklagte.
Gleich am ersten Abend, ich stand alleine an der Hotelbar und hatte gerade ein Glas Cava bestellt, lernte ich einen wunderschönen jungen Mann kennen. Betonung auf jung, denn er war erst zwanzig, wie sich später herausstellte.
Irgendwie kamen wir ins Gespräch. Er hieß José, war Erntehelfer aus Honduras, arbeitete die Saison über auf Mallorca und hatte gerade eine Woche frei. Wie praktisch!
Beim ersten Cava dachte ich schockiert: Er könnte mein Sohn sein. Er ist genauso alt wie Luca!
Beim zweiten Cava dachte ich: Er ist es aber nicht!
Beim dritten Cava hatte José mich davon überzeugt, dass der kleine Altersunterschied völlig überbewertet wäre, nur in meinem Kopf existiere und sowieso nie jemandem auffallen würde. Nun ja. Immerhin hatte ich (beim Gedanken an meine Freundin Lisa) noch genügend Verstand, ihm nicht meinen richtigen Namen zu verraten. Man weiß ja nie. Meine Kinder verschwieg ich ihm natürlich auch, und meinen Beruf sowieso. Ich erzählte José, mein Name sei Anna, ich wäre Frisörin aus Cuxhaven und dreiunddreißig Jahre alt. Frisörin war mein Traumberuf, den ich leider nicht ergreifen durfte, mein Vater war da sehr bestimmend. Warum um alles in der Welt ich das mit Cuxhaven gesagt habe, ist mir selbst ein Rätsel – und es entpuppte sich schnell als Problem.
Ich kenne Cuxhaven nämlich überhaupt nicht. Ich habe keine Beziehung zu Cuxhaven, und ich war noch nie dort. Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, in welchem Bundesland Cuxhaven liegt. Irgendwo im Norden? Doch anstatt nach meinem Beruf zu fragen – da hätte ich bestens improvisieren können –, stellte mir José tausend Fragen über Cuxhaven. Die ich alle nicht beantworten konnte …
Wir blieben fünf Stunden an der Bar und unterhielten uns prächtig. José sprach sehr gut Englisch und sogar ein ganz kleines bisschen Deutsch, was mich verwunderte. Wo er doch ein ungelernter Erntehelfer war. Er erklärte mir, dass er seine paar Brocken Deutsch von einem anderen Erntehelfer gelernt habe. Respekt!
José sah toll aus – ich hatte noch nie einen so schönen Mann kennengelernt. Er hatte eine absolute Traumfigur, war groß und braun gebrannt. Er hatte ein perfekt geschnittenes Gesicht und herrliche braune Augen mit ganz langen Wimpern. Die dunkelbraunen, fast schwarzen Locken fielen ihm knapp auf die Schultern. In seiner lässigen Jeans und dem schlichten weißen T-Shirt, das seine kräftigen Schultern betonte, sah er einfach klasse aus.
Als die Bar weit nach Mitternacht schloss, entschieden wir, einen Spaziergang am Strand zu machen. Eng umschlungen liefen wir am Meer entlang, und José überschüttete mich mit Komplimenten. Es war schrecklich romantisch …
Lieber Himmel, ich war dreiunddreißig Jahre alt! Also, das glaubte José. In Wirklichkeit war ich ja sogar schon vierzig. Ich konnte mich doch nicht mit einem Zwanzigjährigen einlassen! Auf der anderen Seite … Ich wusste zwar nicht, wo Cuxhaven liegt, aber ganz blöd war ich auch nicht. So eine Gelegenheit konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen!
Und so verbrachte ich sechs wunderschöne Tage und sieben noch schönere Nächte mit José. Der Abschied fiel uns beiden sehr schwer.
Lisa, der ich bei meiner Rückkehr alles haarklein erzählte, zweifelte an meinem Verstand, lobte mich aber dafür, dass ich immerhin weitsichtig genug gewesen war, José meinen richtigen Namen und meinen Wohnort zu verheimlichen.
»Wer weiß, am Ende kommt der noch ohne Visum hier an und will bei dir wohnen, und dann kannst du zeit deines Lebens einen Erntehelfer durchfüttern. Du weißt doch gar nichts über ihn!«, rief sie entsetzt.
Ich nickte, dachte aber im Stillen, dass ich diesen speziellen Erntehelfer sehr gerne bei mir aufgenommen hätte. Lisa war immer so vernünftig. Aber sie hatte natürlich recht. Schließlich war ich eine vierzigjährige Mutter von zwei Kindern.
Einen Monat später fragte ich mich allerdings, ob es wirklich so weitsichtig gewesen war, José meinen richtigen Namen nicht zu verraten. Ich stellte nämlich fest, dass ich schwanger war. Von einem zwanzigjährigen Erntehelfer aus Honduras, der – selbst wenn er gewollt hätte – aufgrund meiner Lügen absolut keine Chance hatte, sein Kind – von dem er ja sowieso nichts wusste – jemals kennenzulernen. Natürlich spielte ich kurz (nur ganz kurz) mit dem Gedanken, José in Honduras auszumachen. Aber auch wenn ich nicht wusste, wo Cuxhaven liegt, so war mir doch klar, dass Honduras groß und José ein sehr verbreiteter Name ist.
Jedenfalls hatte ich dann – mit drei Kindern im Haus – das nächste Jahrzehnt wieder mal so gut wie keine Zeit und Gelegenheit für Männer und Sex.
Aber inzwischen ist Eleni, meine jüngste Tochter, zwölf Jahre alt und ziemlich selbstständig. Und Lisa findet, es sei höchste Zeit, dass in Sachen Liebesleben endlich mal wieder was läuft. Sonst sei ich ruck zuck achtzig und Urgroßmutter, und dann wäre der Zug endgültig abgefahren. Lisa ist immer schrecklich direkt, doch in diesem Punkt stimme ich ihr voll zu. Wenn ich noch länger warte, werden bestimmt noch größere Renovierungsarbeiten nötig, bevor ich mich unter Männer wagen kann. Da ist es dann nicht mit Wimpernfärben getan.
Apropos Wimpern: Ich hoffe ja sehr, dass mich nicht gleich Boy George anguckt, wenn ich in den Spiegel schaue. Wenn ich überhaupt etwas sehe. Meine Augen brennen nämlich noch immer wie verrückt. Sicher hat sich die blaue Farbe unter den Kontaktlinsen festgesetzt. Vielleicht habe ich gleich auch noch blaue Augen, wer weiß. Hauptsache, sie sind nicht zu sehr geschwollen, sonst kann ich den Termin beim Partnerschaftsinstitut heute Nachmittag vergessen. Was sehr ärgerlich wäre, wo ich ihn doch extra strategisch gewählt habe, um einen besonders guten Eindruck zu machen.
Ich sehe halbwegs erholt aus und bin leicht gebräunt, weil ich gerade ein langes Wochenende auf Ibiza bei Danni und seinem Verlobten verbracht habe. Und ich habe ein paar Kilo abgenommen, weil Eleni eine Woche auf Klassenfahrt war. Bei uns zu Hause kocht nämlich meine zwölfjährige Tochter, Spross des Erntehelfers aus Honduras. Mit der Leidenschaft und auf dem Niveau eines französischen Sternekochs. Und das bereits seit Jahren – freiwillig, versteht sich.
Es ist wirklich ganz merkwürdig mit den Genen. Da habe ich einen Sohn, der einen schwulen Arzt zum Vater hat. Dieser Sohn hat sich eigentlich immer und ausschließlich nur für Fußball und Frauen interessiert. Sein Abi hat er nur mit Ach und Krach geschafft – und mit teuren Nachhilfelehrern. Heute ist er zwar Anwalt, aber wie er das Jurastudium bestanden hat, ist mir immer noch ein Rätsel.
Und dann habe ich eine Tochter, deren biologischer Vater Journalist war. Diese Tochter hat in Deutsch nur Fünfen geschrieben. Was haben Danni und ich da in Nachhilfe investiert, um sie durchs Abi zu bekommen! In der Oberstufe hat sie dann doch die Kurve gekriegt. Inzwischen studiert sie Medizin, Gott sei Dank muss sie da außer Rezepten nicht viel schreiben. Ich würde ihr allerdings jederzeit zutrauen, »Herzinfarkt« mit »ck« zu schreiben.
Bei Eleni habe ich mir von Anfang an vorgenommen, nicht zu viel zu erwarten. Ich wollte das Kind nicht stressen, da es doch vom Erbgut her etwas benachteiligt war, im Vergleich zu den Geschwistern. Ich wäre mit einem Hauptschulabschluss völlig zufrieden gewesen. Aber nein, Eleni ist immer und überall die Klassenbeste. Sie lernt nicht, sie strengt sich nicht an, aber sie schreibt immer die besten Noten. Das Einzige, was sie interessiert, ist das Kochen. Spätestens seit sie sechs war, ist offensichtlich, dass sie mir haushoch überlegen ist, was die kulinarische Versorgung der Familie anbelangt. Seitdem ist die Küche ihr Reich. Ich erledige zwar die Einkäufe, und Danni übernimmt den Abwasch, wenn er gerade bei uns wohnt, aber Eleni kocht jeden Tag aufwendige mehrgängige Menüs. Manchmal muss ich stundenlang in Fachgeschäften herumstehen, um die ausgefallenen Zutaten zu organisieren, die meine Jüngste gerade so braucht, aber abgesehen davon ist es herrlich, sich jeden Abend an den gedeckten Tisch setzen zu können.
Schon vor ein paar Jahren wurde klar, dass unsere Küche, die in Ausstattung und Größe dem Standard eines normalen Einfamilienhauses entsprach, Elenis Ansprüchen nicht gerecht wurde. Danni schlug vor, sie umzubauen. Seine derzeitige Flamme war nämlich Architekt und entwarf die Küchen der Reichen und Schönen auf Ibiza. Ich hatte so meine Zweifel. Nicht nur wegen der Kosten und des Drecks, sondern auch, weil ein beachtlicher Teil des Gartens den extravaganten Plänen zum Opfer fallen sollte. Aber Danni und Eleni überzeugten mich, und Danni versprach, nicht nur einen Großteil der Kosten zu übernehmen, sondern den Umbau (und damit seine neue Flamme) auch höchstpersönlich zu überwachen. Schließlich willigte ich ein.
Und so rollte eine Crew von vier schwulen spanischen Arbeitern plus einem leicht neurotischen Architekten an. Letzterer war zwar hochsensibel, aber ein echtes Genie. Doch das Allerbeste war, dass die fünf jungen Männer alle top aussahen – und Hand aufs Herz: Welche Frau liebt es nicht, fünf wunderschöne junge Männer, schwul oder nicht, im Haus herumspringen zu haben? Auch wenn sie natürlich nicht an José herankamen …
In acht Wochen war alles geschafft, und wo früher einmal eine stinknormale Küche war, haben wir jetzt etwas, das aussieht wie eine Mischung aus Raumschiff und Fernsehstudio. Eleni hat nämlich auch ihren eigenen Blog namens »Menü für sechs« und filmt regelmäßig die Zubereitung ihrer komplizierten Menüs.
All das stört mich nicht. Hauptsache, ich muss nicht kochen und das Kind ist glücklich. Natürlich haben wir immer viel Besuch, denn es hat sich schnell herumgesprochen, wie gut und günstig man bei uns essen kann. Und mal ganz ehrlich: Warum sollte Luca seine ständig wechselnden Freundinnen in edle Restaurants schleppen, wenn zu Hause die kleine Schwester etwas viel Besseres zaubert? Und warum sollte Danni einen neuen Verehrer in überteuerte Szenelokale ausführen, wenn kein Restaurant dem Vergleich mit unserer heimischen Küche standhalten kann?
Manchmal frage ich mich, ob Elenis armer Vater genug zu essen hat, während sie Sternemenüs zaubert. Überhaupt muss ich oft an José denken. Vielleicht ist er längst verhungert? Oder er lebt in irgendeinem Slum, der Arme? Ob er wohl noch immer als Erntehelfer arbeitet? Er ist ja inzwischen schließlich auch um einiges älter.
Da Elenis Blog »Menü für sechs« heißt, kocht sie immer für sechs Leute, zumindest an den Tagen, an denen sie auch filmt, also ein- bis zweimal die Woche. Damit keine Reste übrig bleiben, wird die Zahl der Esser oft mit Gästen aufgestockt. Lisa ist ein gern gesehener und häufiger Gast, aber auch Freunde von Luca oder Livia. Meistens weiß ich nicht, was mich abends zu Hause erwartet: weder, wer mit am Tisch sitzt, noch, was ich auf dem Teller vorfinde. Vielleicht ungewöhnlich, aber für mich Normalität.
Im Moment ist das Haus aber sowieso voll mit uns. Luca, der gerade seine eigene Wohnung renovieren lässt, ist für zwei Monate wieder in sein altes Zimmer eingezogen. Livia hat Semesterferien. Sie ist vor ein paar Tagen aus Barcelona zurückgekommen, wo sie sechs Wochen in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Danni ist auch für eine Weile da, weil er Livia helfen will, ihr Zimmer in einer neuen WG einzurichten.
Luca bringt wie gesagt gerne seine neuen Eroberungen mit nach Hause. Nicht nur, um die Damen kulinarisch zu beeindrucken, sondern sicherlich auch aus Bequemlichkeit und um Geld zu sparen. An solchen Abenden, wenn ich erschöpft von der Arbeit komme und entsprechend aussehe, wünsche ich mir manchmal, mein Sohn wäre – wie sein biologischer Vater – schwul und brächte mir – wie sein biologischer Vater – hübsche junge Männer ins Haus. Und nicht diese aufgedonnerten Mädchen, die irgendwie immer jünger und schöner werden, wie mir scheint. Aber egal, die sexuelle Orientierung seiner Kinder kann man sich schließlich nicht aussuchen. Die der Väter oft auch nicht.
Das Telefon in meiner Handtasche verkündet den Eingang einer neuen Nachricht und reißt mich aus meinen Gedanken. Darum kann ich mich im Moment nicht kümmern, schließlich muss ich meine Augen geschlossen halten. Sie brennen übrigens nach wie vor, aber glücklicherweise inzwischen etwas weniger.
Wohin ist denn die Kosmetikerin bloß verschwunden? Die zehn Minuten dürften ja wohl langsam mal vorbei sein. Hoffentlich hat sie mich nicht vergessen. Was wohl passiert, wenn die Farbe zu lange draufbleibt? Sicherlich werden meine Wimpern dann grün. Dann kann ich den Termin bei der Partnervermittlung gleich vergessen. Das hat mir gerade noch gefehlt. Wer weiß, wann ich den nächsten Termin kriege?
Bei mir ist das nämlich so: Habe ich mich einmal von einem Projekt überzeugen lassen, dann muss es auch sofort umgesetzt werden. Geduld habe ich nämlich ganz, ganz wenig. Wenn jetzt wirklich ein Mann und damit Sex hermuss, beziehungsweise wenn jetzt wirklich Sex hermuss und ich dafür einen Mann brauche, dann aber auch sofort. Ich habe keine Lust darauf, ewig zu suchen und mit Hunderten von Männern beim ersten Treffen die gleiche Konversation zu führen. O nein, das soll bitte schön zack, zack gehen. Und definitiv vor Weihnachten erledigt sein.
Ich habe nämlich eine Wahnsinnseinladung zu einer genialen Silvesterparty, und da kann ich unmöglich alleine hin. Das Kleid habe ich schon, nur eben noch nicht den Mann. Ich brauche etwas Vernünftiges, sowohl zu dem Kleid als auch zu dem Anlass. Und deshalb habe ich, beziehungsweise deshalb hat Lisa, beschlossen, ein gutes traditionelles Partnerschaftsinstitut zu beauftragen und nicht einfach irgendwas aus dem Internet zu bestellen. Also, ehrlich gesagt auch, weil ich kein Computergenie bin. Lisa weiß, dass ich technisch nicht versiert genug bin, ohne Unterstützung durch eines meiner Kinder online nach einem Partner zu suchen. Für mich ist eine althergebrachte Methode bestimmt sicherer.
Das Institut – nicht gerade ein Schnäppchen – verspricht Kompetenz, Seriosität und Effizienz. Seriosität klingt ein bisschen langweilig und spießig, das bin ich eher nicht, aber Kompetenz und Effizienz sprechen mich an. Kompetenz, weil es mal ein neuer Ansatz wäre in Sachen Mann, denn kompetent war meine Partnersuche bislang eher nicht. Und Effizienz, weil ich wie gesagt bis Silvester den passenden Mann zu dem Kleid brauche.
Ein bestimmtes »So!« lässt mich Hoffnung schöpfen, dass ich gleich doch nicht wie E.T. aussehen werde. Bambi ist wieder da, sie hat mich Gott sei Dank nicht vergessen.
»Kann ich die Augen jetzt aufmachen?«, frage ich hoffnungsfroh.
»Gleich.« Die Kosmetikerin reibt mit einem Wattebausch an meinen Augen herum und verteilt anschließend irgendeine Flüssigkeit auf den Lidern.
»Aufmachen!«
Endlich. Ausnahmsweise gehorche ich ohne Widerspruch. Das Brennen hat nachgelassen, aber dennoch: ganz schön viel Aufwand, nur auf den Verdacht hin, dass mich bald ein Mann ohne Mascara zu Gesicht bekommen könnte.
Die junge Dame hält mir einen Handspiegel hin. Glück gehabt: Weder E.T. noch Boy George blicken mich an.
Eher Bette Davis, realistisch betrachtet.
»Das mit der leichten Rötung gibt sich. Sie haben sicher die Augen nicht fest genug zugemacht.«
Ich nicke. Hätte schlimmer ausgehen können. Jedenfalls wenn sich das mit der Rötung noch gibt. Und es ist sicher nicht so schlimm, als dass ich meine Chance verpassen würde, mir heute Nachmittag den Mann meines Lebens zu organisieren. Der Termin wird wahrgenommen! Schließlich habe ich mir extra einen halben Tag freigenommen.
»Möchten Sie direkt den nächsten Termin machen, für in sechs Wochen?«
O nein, denke ich alarmiert, auf gar keinen Fall!
»Ich habe meinen Kalender nicht dabei, ich rufe lieber an«, sage ich munter und zücke mein Portemonnaie.
Lieber Himmel, ganz schön viel Kohle für so ein kleines Tröpfchen Farbe. Im Vergleich dazu ist mein Frisörbesuch alle neun Wochen spottbillig, gerade mal hundertfünfzig Euro … Ein beruhigender Gedanke.
Ich suche noch eben schnell die Toilette auf. Unter anderem lese ich dort meine eingegangenen Nachrichten. Es sind zwei, beide von Eleni. Die erste lautet:
Bring bitte Kardamom aus Guatemala mit.
Die zweite:
Vergiss nicht, beim Asia-Laden vorbeizufahren. Habe denen die Liste bereits gemailt.
Hm. In Momenten wie diesem denke ich manchmal (aber nur ganz manchmal): McDonalds täte es doch auch. Aber dann schimpfe ich mit mir selbst.
Kardamom aus Guatemala! Eleni wird wohl nicht erwarten, dass ich extra nach Südamerika fliege. Vermutlich habe ich zwei Chancen: den Bioladen in der Fußgängerzone und die Kräuterkiste in einem Vorort, der so gar nicht auf meinem Weg liegt.
Immerhin kann die Tochter des Erntehelfers mit zwölf Jahren Kardamom richtig schreiben. Das konnte die Tochter des Journalisten nicht einmal mit achtzehn, wenn ich mich recht erinnere.
Also gut, dann werde ich nach meinem Termin noch eben die Zutaten besorgen. Die können sowieso nicht für das Menü von heute sein, dazu ist meine Jüngste viel zu gut organisiert.
Heute soll es, glaube ich, noch einmal etwas karibisch Angehauchtes geben. Erst vor ein paar Tagen hat Eleni die Karibik in ihrem Blog behandelt. Ab morgen aber soll es in eine kurze asiatische Phase gehen. In der Woche vor ihrer Klassenfahrt hatte sie sich durch »Vergessene Rezepte Siziliens« gearbeitet. Womit keineswegs Fisch gemeint war, sondern richtig schweres Essen aus den Bergen. Lecker, aber wie gesagt sehr schwer und kalorienreich. Da ist mir leichte asiatische Küche in den nächsten Tagen schon lieber. Dann werde ich vielleicht nicht sofort wieder zunehmen. Wer weiß, wie schnell das Partnerschaftsinstitut ein paar Kandidaten auftreibt, und ich will keinesfalls mit einem Blähbauch zu den Rendezvous auftauchen. Wie sähe das denn aus? Da suche ich lieber die halbe Stadt nach Kardamom ab.
Ich werfe der hübschen Kosmetikerin noch ein freundliches Lächeln zu (oder besser gesagt: ich werfe noch einen letzten neidischen Blick auf Bambis dauergewellte lange Wimpern) und mache mich auf in Richtung seriöses, kompetentes und effizientes Partnerschaftsinstitut.
Aller guten Dinge sind vier, denke ich zuversichtlich, als ich forschen Schrittes die Stufen zum Partnerschaftsinstitut erklimme. Es befindet sich im Erdgeschoss einer Jugendstilvilla in einer wenig befahrenen Straße in der Innenstadt. Toplage also. Einerseits beunruhigend, was die Kosten anbelangt, sollte sich dieses Unterfangen hier wirklich bis Weihnachten hinziehen. Andererseits vertrauenerweckend, denn offensichtlich versteht man hier sein Handwerk. Wer nicht effizient vermittelt, kann sich wohl kaum eine so bevorzugte Lage leisten. Schade nur, dass es in der Nachbarschaft weder ein Bio-Kräutergeschäft noch einen Asia-Laden gibt, aber man kann nicht alles haben.
INSTITUTDOHM steht auf der Klingel. Sehr diskret. Das gefällt mir. Es müssen ja nicht gleich alle wissen, dass ich professionelle Hilfe brauche, um mir einen Mann zu besorgen. Hinter »Institut Dohm« könnte sich alles verbergen. Und der Name »Dohm« klingt distinguiert und bietet keinerlei Raum für schräge Assoziationen wie Darm oder Dom.
Eine attraktive Frau um die vierzig öffnet mir die Tür und bittet mich freundlich herein. »Angelika Hofer, wir haben telefoniert«, stellt sie sich vor und guckt mich dann erschrocken an. »Alles in Ordnung? Ist etwas passiert?«
»Wieso?«, frage ich überrascht.
»Ich dachte nur, haben Sie geweint?«
»Geweint?« Ich verstehe erst nicht, was sie meint, aber dann fallen mir meine roten Augen wieder ein. Wahrscheinlich ist hier das Licht besser als im Kosmetiksalon. »Ach, meine Augen – nein, alles in Ordnung. Mir ist nur gerade etwas in die Augen geflogen, daher die Rötung.«
Frau Hofer guckt mich zweifelnd an. »In beide Augen?«
Ich sehe schon, der Frau kann man nichts vormachen. Sicher glaubt sie jetzt, ich bin ein Fall von häuslicher Gewalt. Das ist nicht gut. Nicht dass sie mir so einen sanften Langweiler andreht, den keine andere wollte. Also, nichts gegen sanft, aber ich habe ja schon Danni zum Reden und Sanftsein und so. Ich brauche was Starkes, jemanden, der zupackt. Nicht nur fürs Bett (und zum Kleid), auch so ganz allgemein. Deshalb lieber raus mit der Wahrheit.
»Vielleicht habe ich beim Wimpernfärben etwas Farbe in die Augen bekommen«, gebe ich zu.
»Ach so.« Frau Hofer nickt verständnisvoll und führt mich in ihr Büro. Alles ist sehr gediegen. Sehr professionell. Wir nehmen Platz; sie hinter, ich vor dem wuchtigen Schreibtisch.
»Also«, sie lächelt mich ermutigend an, »dann wollen wir mal einen Mann für Sie suchen.«
Wir, denke ich irritiert, wollen hier gar nicht suchen. Sie sollen suchen, ich zahle. Sonst wäre ich ja nicht hier. Ich hatte mir das so vorgestellt, dass die gute Frau Hofer die Laufarbeit macht und ich nur noch aussuche, einpacke und mitnehme. Na ja, mehr oder weniger.
Laut sage ich das natürlich nicht, denn mit fast fünfzig habe ich gelernt, dass meine Offenheit oft nicht gut ankommt, und man – also ich – gut daran täte, öfter mal die Klappe zu halten. Also sage ich nichts – und lächle.
»Vielleicht erzähle ich Ihnen erst einmal ein bisschen über unser Unternehmen und wie wir hier so arbeiten«, sagt Frau Hofer und dreht ihren Computer-Bildschirm um, sodass auch ich Einsicht habe.
Mit fast fünfzig habe ich allerdings auch gelernt, dass es sehr lange dauert, wann immer jemand sagt: »Ich erzähle Ihnen erst einmal ein bisschen über unser Unternehmen und wie wir hier so arbeiten.« Wenn man einfach nur lächelt und diese Art von unnötig langen Ausführungen über Dinge, die einen nicht interessieren, nicht sofort im Keim erstickt, können Stunden vergehen. Und Stunden habe ich nicht. Schließlich muss ich ja noch Kardamom aus Guatemala und asiatisches Zeug aus dem Asia-Laden holen.
Also unterbreche ich Frau Hofer: »Sollte ich nicht vielleicht erst einmal erzählen, was für einen Mann ich brauche und in welchem Zeitrahmen?«
Ich hoffe, dass das Wort »Zeitrahmen« eine gewisse Dringlichkeit suggeriert. Doch Frau Hofer ignoriert meinen Einwand und legt bereits los. Die ersten zehn Minuten sind Firmengeschichte – und völlig ohne Belang. Dann macht sie einen Schlenker zur einzigartigen, innovativen Dohm-Methode.
»Das Konzept beruht auf der Annahme, dass es keine Zufälle gibt. Es ist total unwahrscheinlich, den idealen Partner beim Einkaufen oder beim Gassigehen mit dem Hund kennenzulernen. Wer daran glaubt, müsste konsequenterweise seinen Job aufgeben und stattdessen Lotto spielen. Glauben Sie mir: Zufall und Schicksal gibt es nicht. Aber es gibt die Dohm-Methode, die wir hier vereinfacht dargestellt haben.«
Sie schiebt den Bildschirm noch näher zu mir heran, und ich studiere Balken und Grafiken. Sieht alles ziemlich kompliziert aus, aber sie versichert mir, dass ich nichts weiter tun müsse, als einen Fragebogen auszufüllen.
»Es ist ganz wichtig, dass Sie sich dafür ausreichend Zeit nehmen.«
Offenbar gucke ich – beim Gedanken an den Kardamom aus Guatemala – erschrocken, denn sie beruhigt mich sofort.
»Keine Sorge, das müssen Sie nicht hier und jetzt machen, das können Sie ganz entspannt zu Hause erledigen, in Ruhe. Sie können auch gerne Familienmitglieder zu Rate ziehen, das hilft oft und wird gerne gemacht.«
Nichts da, denke ich. Das fehlt mir gerade noch, dass Danni und die Kinder sich einmischen. So einen Fragebogen werde ich schon noch alleine ausfüllen können.
»Wie lange dauert die Sache denn so im Durchschnitt – vom Ausfüllen des Fragebogens bis zur Erkenntnis, dass man einen zufriedenstellenden Partner gefunden hat?«, frage ich.
