Wenn Oma Öchsle zweimal klingelt - Rudi Kost - E-Book

Wenn Oma Öchsle zweimal klingelt E-Book

Rudi Kost

4,6

Beschreibung

Donnderladdich! Oma Öchsle mischt alle auf Weil Oma Öchsle, 69 und Witwe, ihre Wohnung verlassen muss, aber nicht ins Altersheim will, zieht sie kurzentschlossen im Reihenhaus ihres Sohnes Klaus ein - zum großen Missfallen ihrer Schwiegertochter Alice. Zwischen den beiden Frauen entspinnt sich prompt ein Machtkampf, der die Ehe von Klaus und Alice auf eine heftige Belastungsprobe stellt. Emma Öchsle macht derweil eine folgenreiche Entdeckung: Das Leben ist schön - wenn man sich nicht darum schert, was andere erwarten. Fröhlich und unbekümmert stürzt sich die Rentnerin ins Leben und reißt Altersgrenzen und andere Konventionen gleich mit ein, immer haarscharf am Chaos entlang: Vorsicht die Silver Ager kommen!

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Rudi Kost

Wenn Oma Öchslezweimal klingelt

Rudi Kost

Wenn Oma Öchslezweimal klingelt

Roman

Rudi Kost, 1949 in Stuttgart geboren, ist gelernter Journalist und arbeitet seit langem als freier Autor und Herausgeber. Er hat Hörfunkfeatures und Hörspiele geschrieben, PC-Fachbücher, Reiseführer und vieles mehr. Er lebt bei Schwäbisch Hall, wo auch seine Krimiserie um den Versicherungsvertreter Dillinger spielt.

1. Auflage 2013

© 2013 by Silberburg-Verlag GmbH,

Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen.

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Christoph Wöhler, Tübingen.

Coverfoto: © Alina555 – istockphoto

und © ferrantraite – istockphoto.

E-Book im EPUB-Format: ISBN 978-3-8425-1594-9

E-Book im PDF-Format: ISBN 978-3-8425-1595-6

Gedrucktes Buch: ISBN 978-3-8425-1273-3

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Kampfansage

Es war ein mäßig warmer Tag Ende August (fast wolkenloser Himmel, ein schwacher Wind aus Nordost), als Emma Öchsle eine Entscheidung traf, deren Folgen zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen waren.

»Nein!«, sagte sie entschieden.

»Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.«

»Nein!«

»Es ist doch nur zu deinem Besten.«

»Nein! Lieber schlafe ich unter der Gaisburger Brücke.«

»Und wo sollen dann deine Möbel hin?«, fragte Klaus, der sich als Mann verpflichtet fühlte, praktisch zu denken.

»Unter die Brücke.«

»Jetzt sei doch nicht so stur!«

»Mich kriegt ihr nicht ins Altersheim!«, empörte sich Emma. »Was soll ich unter den ganzen alten Leuten dort?«

»Du bist neunundsechzig, Mutter.«

»Sag ich doch!« Kampfeslustig starrte Emma Öchsle ihren Sohn und ihre Schwiegertochter an.

Alice knuffte ihren Mann mit verkniffenem Gesicht in die Seite. »Sag’s ihr!«

»Also gut«, seufzte Klaus. »In dem Fall, Mutter, musst du … äh, haben wir … also dann kommst du eben zu uns.«

»Dondrladdich1, noi!«, heulte Emma Öchsle auf. »Liabs Herrgöttle von Biberach!2 Dann liaber ens Altersheim!«

Alice musste sich heftig bemühen, ihren Triumph nicht allzu deutlich zu zeigen. Ihre über alles geliebte Schwiegermutter war ja so berechenbar. Man musste ihr nur mit Hölle und Fegefeuer zugleich drohen, um sie gefügig zu machen. Dieses Thema also war vom Tisch, jetzt musste man sie nur auf den richtigen Weg schubsen.

»Klar, Mutter«, sagte sie eilig, »wir respektieren natürlich deine Entscheidung. Wir wollen dich ja zu nichts überreden, was du nicht willst. Wir …«

»Es wäre ja auch nur vorübergehend, bis wir für dich was gefunden haben«, unterbrach sie Klaus. Ein spitzer Ellenbogen bohrte sich in seine Rippen.

»Und das Dachgeschoss steht sowieso leer«, fügte Klaus hinzu. Der spitze Ellenbogen fand zielsicher seine Nieren und war hammerhart.

Ein versonnenes Lächeln umspielte Emma Öchsles karmesinrot geschminkte Lippen. Diese Habergois3, diese preußische4! Das hatte sie sich sauber ausgedacht, diese Krampfhenne von Schwiegertochter, aber wer eine Emma Öchsle über den Tisch ziehen will, muss früher aufstehen. Jetzt grad zum Bossa!5

»Kinder«, sagte sie strahlend, »ich bin ja ganz gerührt, wie ihr euch um mich sorgt! Wenn’s euch so wichtig ist, dann komm ich halt. Ich will euch aber nicht zur Last fallen.«

Alice wurde bleich.

Nun war es Klaus, der still in sich hineinlächelte. Die Aussicht, endlich mal wieder ein vernünftiges Essen serviert zu bekommen, war zu verlockend. Kässpätzle statt Dinkelbällchen, Rostbraten statt Tofuschnitzel. Essen wie bei Mama.

Und Alice würde sich schon wieder beruhigen.

Alice schaute ihren Mann an. Wenn Blicke töten könnten, würde Klaus Öchsle in diesem Buch keine Rolle mehr spielen.

An diesem Abend gab es im Schlafzimmer von Klaus und Alice Öchsle eine lebhafte eheliche Auseinandersetzung, die allerdings ziemlich einseitig, dafür umso lautstarker geführt wurde.

»Verräter!«, brüllte Alice. »Wie konntest du mir das antun!«

»Also Schatz, ich …«

»Schlappschwanz!«, tobte Alice. »Du bist mir in den Rücken gefallen! Ich hatte sie schon so weit, und dann überredest du sie auch noch! Ich hasse diese Frau!«

»Also Schatz, ich …«

»Weichei! Wie stellst du dir das vor? Wie soll ich das aushalten? Ich und dieses alte Weib in einem Haus!«

»Also bitte Schatz …«

»Und wenn man ihr die Windeln wechseln muss, dann machst du das!«

»Also Schatz, ich …«

»Und wenn du glaubst, hier würde es noch so was wie Liebesleben geben, dann hast du dich geschnitten. Ich trete in den Streik. Solange deine Mutter hier wohnt, gibt es keinen Sex mehr!« Und honigsüß fügte sie hinzu: »Wir wollen doch deine Mutter nicht stören, nicht wahr?« Und sie versuchte sich an einer Stöhnarie à la Sally, die aber eher zu einer missglückten Parodie geriet.

Klaus merkte gleichwohl auf. War ihm da bisher etwas entgangen?

»Aber sie wohnt doch noch gar nicht …«, sagte er hoffnungsfroh.

»Und das gilt ab sofort, mein Schatz!«, gurrte Alice katzenweich.

Nun war es so, dass bei der Errichtung des Eigenheims der Familie Öchsle eine kreative Energie gewaltet hatte, dergestalt, dass sich eine gewisse Differenz ergeben hatte zwischen solchen Materialien, die in Rechnung gestellt, und jenen, die tatsächlich verbaut worden waren. Das betraf auch eine ausreichende Lärmdämmung, was zur Folge hatte, dass bei ausreichender Lautstärke, was hier eindeutig gegeben war, in den angrenzenden Räumen jedes Wort zu verstehen war.

Madeleine saß in ihrem Bett und kämpfte sich durch Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«. Im Original selbstredend. Sie musste ihre Französischnote unbedingt verbessern, sie stand nur auf einer schwachen Eins. Bei den Worten ihrer Mutter richtete sie sich auf und reckte die Faust in die Höhe: »Jawoll, Mama, gib’s ihm! Alle Männer sind Schweine!«

Das waren tiefe Einsichten für eine Siebzehnjährige. Gerade befand sie sich in einer ausgeprägten präfeministischen Phase. Sie musste nur noch herausfinden, was genau das zu bedeuten hatte. Vielleicht sollte sie mal Simone de Beauvoir lesen. Im Original selbstverständlich.

Nur die zuletzt hörbaren Geräusche irritierten sie.

»Jawoll, gib’s ihm!«, ertönte es auch in Simons Zimmer. Als sich die eheliche Auseinandersetzung anzubahnen begann, hatte er sich schnell sein Headset aufgesetzt. Die Alten waren jetzt schwer mit sich selbst beschäftigt, wie er aus Erfahrung wusste, und keiner käme mehr auf die Idee, sein Zimmer zu stürmen. Also konnte der Fünfzehnjährige in aller Ruhe noch ein paar Runden Counter-Strike spielen. »Jawoll, gib’s ihm!«, rief er erneut seinem virtuellen Mitkämpfer zu.

In der anderen Hälfte des Doppelhauses verfolgte auch Heiner Gaggel den Disput der Öchsles Wort für Wort. Besorgt sah er zu seiner Gertrud hinüber. Aber sie hatte das Spektakel nebenan offensichtlich verschlafen und schnarchte selig vor sich hin. Gott sei Dank! Wer weiß, auf welche Gedanken sie sonst gekommen wäre. Sie war in letzter Zeit sowieso etwas komisch, was ihr Eheleben betraf. Dauernd Migräne war ja auch nicht normal, oder?

Der Einzug

So kam es also, dass Emma Öchsle, neunundsechzig Jahre alt und Witwe seit sechs Jahren, einige Zeit später mit Sack und Pack ihr neues Zuhause in Bad Cannstatt bezog, aufmerksam beobachtet von den Nachbarn. Endlich tat sich mal was im Viertel, das über die bekannte Routine hinausging.

Emma stemmte die Hände in die Hüfte und schaute sich erwartungsfroh um, als sei ihr alles völlig neu. Es war ja auch was anderes, ob man nur zu Besuch kam und wieder fliehen konnte oder auf wer weiß wie lange Zeit hier festsaß.

Sie sah die Weinberge des Steinhaldenfelds. Davor die Straße, dicht an der Straße die Reihe mit Doppelhäusern, und eines davon war von nun an ihr Domizil. Zwischen den Häusern führte der Weg zur Eingangstür, auf die Emma nun zuging. Sie drückte auf die Klingel und hörte einen leisen Ton im Haus.

Nichts geschah.

Sie hatte ja nun nicht gerade ein freudiges Begrüßungskomitee erwartet, aber wenigstens, dass man ihr die Tür aufmachte.

»So was!«, murmelte Emma erbost. »Hen di mi vergesse? Do kennsch jo glei narret werde!«

Sie drückte erneut auf den Klingelknopf. Zweimal gleich.

Endlich ging die Tür auf, und vor ihr stand ihre Schwiegertochter.

Was hatte sich Emma vorgenommen? Nett und freundlich zu sein, schließlich war das ihre Familie.

Emma strahlte. »Sodele, Alice!«, sagte sie. »Wenn’s zwoimal schellt6, ben’s i. I ben älsamol7 a bissele ogeduldig, woisch.«

Alice strahlte nicht. Was sich um ihre Mundwinkel zog, ließ sich mit sehr viel gutem Willen als der Versuch eines Lächelns interpretieren.

»Also!« Emma strahlte immer noch. »Jetzt goht’s los!«

Von der Eingangstür führte der Weg weiter hinter die Häuser, wo die Gärten lagen. Ihnen schlossen sich die Gärten der nächsten Häuserreihe an, wie ein grüner Innenhof.

In einem der Häuser gegenüber stand Erwin Brändle am Fenster, mit bestem Blick auf Garten und Eingang der Öchsles, und schaute zu, was die Möbelpacker so alles anschleppten, während seine Frau auf dem Sofa saß und konzentriert eine Zeitschrift durcharbeitete, um sich über die aktuellen Ehekrisen in den europäischen Königshäusern auf dem Laufenden zu halten.

»Was glotsch denn so, Erwin?«, fragte Helga Brändle, ohne von ihrer Zeitschrift aufzusehen.

»Drübe bei Öchsles ziagt oine ei.«

»Wer denn?«

»Woher soll i des wissa? A Alte, scheint’s.«

»Wie alt?«

»Wie mir.«

Helga Brändle stand nun doch auf, schaute hinüber zu den Öchsles und seufzte. Eine Alte! Neuer Zulauf für den hiesigen Rentnerzoo. Warum zog nicht mal so jemand wie diese Möbelpacker ein? Kräftige junge Burschen waren das, mit hartem Bauch und Muskeln, die unter den engen T-Shirts spielten. In ihrer Nase kitzelte sie der animalische Geruch ehrlich erarbeiteten Schweißes.

Mit einem Seitenblick musterte sie den dicken Bauch ihres Ehegatten. Und seufzte abermals.

Auch Erwin Brändle seufzte. Die nächste Schädderbiggs8 im Viertel! Davon hatte er hier genug, nicht nur in den eigenen vier Wänden. Überall gab es diese wohlgeformten und durchtrainierten jungen Frauen, die sich im Bikini im Garten räkelten, nur bei ihnen nicht. Die Alice Öchsle, dieses verhungerte Klappergestell, zählte in der Hinsicht ja nicht.

»Wahrscheinds d’ Mutter», mutmaßte er. »Seine oder ihre. Oder d’ Tante, was woiß i.«

»Frag halt.«

»Fraga? I? Als ob mi des interessiere tät!«

»Dann brauchsch au net glotza ond kannsch mir helfe, d’ Bettwäsch zammelege«, sagte Helga Brändle in jenem Ton, der gemeinhin keinen Widerspruch duldete.

»Jetzt wart doch amol, jetzt wird’s interessant. Guck9, dr Kienle kommt.«

Die Kienles wohnten neben den Öchsles. Zwischen den beiden Häusern verliefen, durch einen Holzzaun getrennt, zwei schmale Wege, die zu den Eingangstüren und weiter zu den hinten liegenden Gärten führten.

Wie allgemein bekannt war, redeten die Öchsles und die Kienles nicht miteinander. Warum, wusste niemand mehr so genau, das war eben so. Das Einzige, was die Nachbarn verband, war das stille Einvernehmen, dass sich an dem Zustand bis zum Jüngsten Gericht nichts ändern würde.

»Guck, jetzt kommt d’ Vogelscheich«, sagte Erwin Brändle.

»Erwin! Du sollsch doch net immer so über d’ Frau Öchsle rede!«

»Isch doch wahr! I verschtands net, was mr an so oiner Hungerleidere finde kann«, rechtfertigte sich Erwin.

Insgeheim freute sich Helga Brändle über die Bemerkung ihres Mannes. Ihre letzte Begegnung mit der Badezimmerwaage war nicht zur beiderseitigen Freude ausgefallen. Seither bestrafte sie die Waage mit Nichtachtung. Aber ihrem Erwin schien es ja nichts auszumachen, dass sie im Laufe des Ehelebens ein klein wenig an Umfang zugenommen hatte. Na ja, etwas mehr als nur ein klein wenig, wenn sie ehrlich war.

»Guck«, sagte Helga Brändle, »jetzt fahret die Möbelpacker weg.«

»Wird halt alles drinne sei. Viel war’s ja net«, erwiderte Erwin Brändle.

»Guck, jetzt laufet die Öchsle und der Kienle aneinander vorbei, ohne sich anzugucken«, beobachtete sie.

»Wie immer. Bestimmt geht die Öchsle einkaufe«, bekräftigte ihr Mann.

»Wie kommsch jetzt da drauf?«

»Sonscht tät se helfe. Guck, jetzt kommt die Alt.«

»So alt isch die doch gar net.«

»Für mi scho.«

Wie war jetzt das wieder zu verstehen? Die Neue war tatsächlich so ungefähr in ihrem Alter. Und das fand ihr Männe zu alt? Argwöhnisch schaute sie zu ihm hinüber.

»Guck«, sagte Erwin Brändle ganz aufgeregt, »die schwätzt mit dem Kienle.«

»Die kennt sich halt noch net aus.«

In der Tat ging Emma Öchsle arglos auf den Mann hinterm Zaum zu und sagte: »Hallo, Herr Nachbar, ich wohn jetzt au do. I ben d’ Emma.«

Otto Kienle, ungefähr in Emmas Alter, zuckte merklich zusammen, als er so angesprochen wurde, drehte sich nicht einmal um und ging schnell weiter. Als sei er auf der Flucht.

Emma war erst verblüfft und dann erbost.

»Dondrladdich! Du Bauradrampl10 du, jetzt wart amol!«, schrie sie und ging ihm hinterher. Sie war schneller.

Emma griff über den Zaun und bekam Kienle an dessen Jacke zu fassen.

»Jetzt wart amol, han i gsagt! Oder verschtohsch du mi net? Muass i mit dir hochdeutsch reden?«

Emma hielt fest, Kienle zerrte.

»Dass das von vornherein klar ist, du Huatsempl11! Mich lässt man nicht so stehen. Wenn dir was nicht passt, dann sag’sch des, aber nicht einfach so davonrennen!«

Kienle zerrte, aber Emmas Griff war fest.

»Und guck mich an, wenn ich mit dir schwätz! Was ist denn das für ein Benehmen einer Dame gegenüber?«

Kienle drehte sich tatsächlich zu ihr um. In seinem Gesicht stand die pure Mordlust. Emma schaute nun noch kampflustiger.

»Heidanei!12«, sagte Helga Brändle.

»Gleich baddscht’s13!«, sagte Erwin Brändle hoff nungsfroh.

Mit einem Ruck riss Kienle sich los. Im Wortsinne. Es machte ratsch, und Emma hielt einen Jackenärmel in der Hand.

»Vom Aldi, gell?«, konstatierte sie nüchtern.

Entgeistert starrte Kienle auf seine dezimierte Jacke.

»Sie hören von meinem Anwalt!«, fauchte er und verschwand in seinem Haus.

»Lombaseggl!«,14 rief sie ihm hinterher.

Emma sah auf den Ärmel in ihrer Hand.

»So was aber auch«, murmelte sie. »Hoffentlich sind die hier nicht alle so.«

Dann warf sie den Ärmel über den Zaun.

»Guck!«, sagte Helga Brändle. »Jetzt kommt dr Gaggel ums Eck.«

»Wie mr bloß so neugierig sei kann!«, schüttelte Erwin Brändle den Kopf.

Heiner Gaggel schlenderte gemütlich heran. Er war Ende fünfzig und zog das rechte Bein nach. Nach einem Unfall war das Bein steif geblieben und er mit einer großzügigen Entschädigung in die Arbeitsunfähigkeit geschickt worden.

Er humpelte auf Emma zu.

Das war also der Anlass für die Umwälzungen im Eheleben der Öchsles.

Eigentlich sah sie ganz harmlos aus.

Die Frau war nicht sonderlich groß, geschätzte ein Meter fünfundsechzig, und etwas rundlich. Das von grauen Strähnen durchzogene kastanienbraune Haar hatte sie hinten zusammengesteckt. Angezogen war sie prosaisch mit Jeans und einer zurückhaltend gemusterten Bluse. Vom Schleppen schien sie etwas erhitzt, ihre orangerot geschminkten Lippen konnten eine Auffrischung vertragen. Dunkelbraune Augen blitzten ihn an – schelmisch irgendwie.

Eine unauffällige Frau alles in allem, befand er. Wovor nur hatte die Alice Öchsle eine solche Angst? Nun gut, das ging ihn glücklicherweise nichts an.

»Gestatten, Heiner Gaggel«, stellte er sich vor und machte einen altmodischen Diener. »Ich bin die andere Hälfte des Doppelhauses.«

»Und ich bin die Emma. Die Mutter vom Klaus.«

»Ich weiß«, nickte Heiner Gaggel.

»So?«, machte Emma.

Gaggel fühlte sich ertappt und wurde rot. »Man hört so einiges in der Nachbarschaft«, sagte er. Das war ja auch, genau besehen, die reine Wahrheit.

»So, so«, sagte Emma. Ihr Einzug hatte sich anscheinend schnell herumgesprochen.

»Ist der immer so?«, fragte sie und deutete hinüber zu Kienles Haus.

Aha, offenbar wusste die Oma noch nichts von der Nachbarschaftsfehde. Aber es war nicht an ihm, sie darüber aufzuklären.

»Manchmal«, erwiderte er ausweichend.

»Den ziag15 i mir scho no«, verkündete Emma.

»Auf gute Nachbarschaft jedenfalls«, sagte Heiner Gaggel und streckte die Hand aus.

»So soll’s sein«, erwiderte Emma und schlug ein. »Ich bin die Emma. Du bist aber auch nicht von hier, oder?«

»Mich hat’s vor langer Zeit aus der Eifel hierher verschlagen.«

»Das hört man«, sagte Emma. Wo die Leute nur alle herkamen heutzutage!

»Guck«, sagte Erwin Brändle derweil drüben an seinem Fenster, »dia schwätzet aber lang miteinander.«

»Warum au net?«

»Guck«, sagte Erwin Brändle, »jetzt nemmt se den Gaggel mit nei ins Haus.«

»Warum au net?«

»Mir solltet au nieberganga.«

»Oeiglada?16 Mir dränget uns net auf.«

»Uns vorstella. Dui nei Nachbare begrüßa.«

»Irgendwann trifft mr sich sowieso.«

»Mr muass doch wisse, wer des isch.«

»Wirsch scho no erfahra.«

»I gang.«

»Du bleibsch!«

»I gang. I bin ein höflicher Mensch.«

»Du bleibsch!«

»I gang«, sagte Erwin Brändle und marschierte entschlossen die Treppe hinunter.

Es war aber nicht die Höflichkeit, die ihn trieb. Vielmehr hatte ihn blitzartig die vage Hoffnung überfallen, dass die neue Nachbarin für ihre Gäste zur Begrüßung vielleicht ein Schlückchen bereithalten könnte. Das war bestimmt eine Frau, die wusste, was sich gehörte, auch wenn es erst früher Nachmittag war. Und damit hätte er seiner Helga auf elegante Art ein Schnippchen geschlagen.

»No gang i halt au mit«, grummelte Helga Brändle.

»Bleib halt, wenn du net willsch.«

»I gang.«

»Muasch net. Em Gaggel sei Frau isch au net dabei.« Das war doch ein überzeugendes Argument, wie er fand.

»I gang.«

»Bleib halt.«

»Oiner muss ja auf dich aufpasse.«

Erwin Brändle seufzte. Manchmal schien es ihm, als könne die Frau Gedanken lesen. Er fügte sich in das Unvermeidliche.

In der Tat war in Emma Öchsles neuer Wohnung unterm Dach eine improvisierte Einzugsparty im Gang, mitten zwischen Kisten und Möbeln, die noch nicht ihren Platz gefunden hatten.

Emma hatte inmitten des Chaos ein paar Flaschen Trollinger gefunden, passenderweise Cannstatter Zuckerle sogar, hatte den Gläserschrank von Alice geräubert und sich die Gläser herausgesucht, die ihr am wenigsten edel erschienen, und stieß, als die Brändles kamen, mit Heiner Gaggel an. Nicht zum ersten Mal. Die erste Flasche war schon halb leer.

Emma stellte sich vor, die Nachbarn nickten sich zu. »Herr Gaggel«, sagten die Brändles, »Herr Brändle, Frau Brändle«, sagte Gaggel. Emma schüttelte innerlich den Kopf ob so viel steifer Förmlichkeit.

Sie reichte den Brändles die gefüllten Gläser. Erwin griff freudig danach.

»Erwin!«, zischte Helga vernehmlich.

Erwins Hand erstarrte in der Luft.

»Wir trinken nämlich nichts vor dem Vesper«, erklärte Helga würdevoll. Wir!, dachte Erwin zähneknirschend. Das war ein einsamer Beschluss seiner Gattin gewesen.

»Jetzt sei halt kein Spielverderber, Nachbare«, lachte Emma, »heute wird Einzug gefeiert. Komm, Erwin, stoß an!«

Das ließ sich Erwin nicht zweimal sagen, man will ja nicht unhöflich sein, und leerte sein Glas in einem Zug. War ja auch nur ein kleines Glas, nicht mal ein Viertele. Helga zog scharf die Luft durch die Nase.

Emma füllte Erwin sofort wieder nach und wandte sich Helga zu.

»Jetzt wir, Helga. Auf gute Nachbarschaft! Prost!«

Anstandshalber nippte Helga Brändle an ihrem Glas.

»Komm, Helga, zier dich net so!«, sagte Emma. »Runter mit dem Zeug, ’s isch noch gnug da.«

Gehorsam nippte Helga ein bisschen mehr, man will ja nicht unhöflich sein. Und nippte noch ein bisschen und noch ein bisschen …

Bald herrschte inmitten von Emmas Umzugschaos eine ausgelassene Stimmung, sogar Helga hatte aufgehört, die Gläser ihres Erwins zu zählen. Bis Heiner Gaggel plötzlich einfiel: »Himmel, meine Frau! Die wird sich schon wundern, wo ich bleibe. Ich glaube, ich muss mich mal melden bei ihr.«

Das war nicht mehr nötig. Gertrud Gaggel hatte schon geahnt, was abging, sie brauchte nur dem Lachen und Gläserklirren zu folgen. Hier war ja eine richtige Orgie im Gang, und ihr Heiner mittendrin. Natürlich.

Gertrud Gaggel war Mitte fünfzig, nur wenig jünger als ihr Mann, und schlank, aber gut gebaut. Ihr hervorstechendstes Merkmal war ein verkniffener Zug um den Mund, und dazu hatte sie auch allen Grund.

Seit ihr Mann nicht mehr arbeiten konnte, hockte er nur noch zu Hause vor dem Computer herum und surfte im Internet, langweilte sich entsetzlich und nervte sie mit absonderlichen Vorschlägen, nur weil er mit sich nichts anzufangen wusste.

Neulich erst hatte er in den höchsten Tönen von einer Tantra-Massage geschwärmt. Sie hatte nicht genau verstanden, um was es da ging, seine Erklärungen waren etwas ungenau, möglicherweise hatte sie auch nicht richtig zugehört, aber intuitiv hatte sie gewusst, dass dieses TantraDingenskirchen nichts war, was sie brauchten. Sie auf alle Fälle nicht, aber vielleicht war es gut für sein krankes Bein. Sie könnte ihm das ja mal zum Geburtstag schenken, dann wäre er wenigstens eine Weile beschäftigt.

Insofern war es gut, dass er mal etwas Abwechslung hatte, aber musste sie deshalb mit ansehen müssen, wie ihr Mann hemmungslos eine wildfremde Frau abknutschte? Gut, eigentlich war es nur ein Schmatz auf die Backe, aber trotzdem, das gehörte sich doch nicht.

»Da ist ja meine Gertrud«, sagte Heiner Gaggel mit schon etwas schwerer Zunge. »Nicht die beste Ehefrau von allen, aber die einzige, die mich genommen hat.«

Das Mienenspiel von Gertrud Gaggel war unschwer zu deuten. Emma drückte ihr rasch ein Glas in die Hand und sagte: »Also doch die beste von allen.« Und: »Männer!« sagte sie sodann und verdrehte die Augen.

Wider Willen musste Gertrud Gaggel lachen, und Emma atmete auf. Ehespäßchen, die in einem handfesten Streit enden konnten, sollten die Herrschaften in ihren eigenen vier Wänden machen.

»So«, sagte Emma und klatschte in die Hände, »nachdem hier ein paar starke Mannsbilder sind, könnt ihr gleich mal meine Möbel richtig hinstellen.«

»Kein Problem«, sagten Erwin Brändle und Heiner Gaggel wie aus einem Mund.

»Heiner, dein Bein!«, warnte Gertrud Gaggel.

»Ach was!«, tat der das mit einer männlichen Handbewegung ab.

»Erwin, dein Kreuz!«, warnte Helga Brändle.

»Ach was!«, machte auch Erwin Brändle.

Und auf Emmas Geheiß ruckten sie den Schrank, das Bett, die Kommode von hier nach dort und klaglos wieder von dort nach hier, weil es ihr so doch besser gefiel.

»Derhoim kriagt er sein Arsch net vom Sofa hoch, ond hier schafft ’r wia an Brunneputzer«17, raunte Helga Brändle Gertrud Gaggel zu, und die nickte verbittert.

»Wenn’s wenigstens eine Junge wär, dann könnt man’s noch verstehen«, raunte Gertrud Gaggel, und Helga Brändle nickte wissend.

»Gott sei Dank ist’s keine Junge, sonst täten die Gockel sich vollends zum Dackel machen«, raunte Helga Brändle.

Gertrud Gaggel seufzte: »Männer halt.«

Die starken Männer indes zeigten, nachdem sie Bett und Kleiderschrank endlich zur vorläufigen Zufriedenheit Emmas platziert hatten, gewisse Ermüdungserscheinungen, was natürlich nicht am Kreuz oder am Bein oder gar am Alter lag, sondern einzig dem soliden, massiven Wirtschaftswunder-Mobiliar Emmas zu schulden war. Jedenfalls hoben sie die Kredenz18 nicht mehr an, sondern schoben sie nur noch ächzend, was in einem ausnehmend hässlichen Geräusch mündete. Und einem tiefen Kratzer im Parkett.

Heiner Gaggel besah sich den Schaden und kratzte sich am Kopf.

»Auweia, Emma«, sagte er. »Ich glaube, das gibt Ärger mit deinem Vermieter.«

»Ach was, das bleibt ja in der Familie«, winkte Emma unbeeindruckt ab. »Außerdem ist das Parkett auch nicht mehr das neueste.«

»Ich glaube, die kennt ihre Schwiegertochter noch nicht«, raunte Gertrud Gaggel, und fast hätte man meinen können, es schwinge so etwas wie Schadenfreude mit. Helga Brändle lächelte.

»Mein lieber Scholli, macht des Schaffa durstig«, stöhnte Erwin Brändle, griff nach dem Trollinger und füllte die Gläser.

»Nicht schlappmachen, Männer!«, trieb Emma sie an. »A Muggaseggele19 no, dann hemmers! Aber lupfa20, net schiaba!«

»Auf drei!«, kommandierte Heiner Gaggel, der zu viel Arztserien gesehen hatte. »Eins! Zwei! Drei!«

»Mei Kreiz!«, schrie Erwin Brändle auf und ließ los.

»Bitte, i han’s doch gsagt!«, kommentierte Helga Brändle. »Aber er hört ja wieder net auf mi.«

Die plötzliche Gewichtsverlagerung überrumpelte Heiner Gaggel mit seinem steifen Bein.

»Mein Bein!«, stöhnte er, ließ gleichfalls los und fiel hinterrücks in einen Umzugskarton.

Unglücklicherweise war genau dieser Karton die improvisierte Bar. Die Folge waren vier zerbrochene Gläser und, weit schlimmer, eine halbe Flasche Trollinger, die sich gemächlich auf dem Parkett ausbreitete.

»Kreizdunderwetter21 aber au!«, sagte Emma.

»Um Himmels willen, Heiner!«, schrie Gertrud Gaggel. »Hast du dir wehgetan?«

»Sapperlot!«, sagte Heiner Gaggel, rappelte sich auf und schüttelte den Kopf. »Nicht schlimm. Aber auf den Schreck brauche ich erst mal einen Schluck. Ist noch was da, Emma?«

»Eine Flasche noch. Müssen wir eben aus einem Glas trinken.«

Von der Tür her bohrte sich ein schriller Schrei in den Raum.

»Meine Gläser!« Voller Entsetzen zeigte Alice auf die Scherben am Boden. »Meine Kristallgläser von Schott!«

Emma zuckte mit den Schultern.

»Sind heruntergefallen. So was passiert halt. Ich werd sie dir ersetzen.«

»Ersetzen! Diese Serie gibt’s nicht mehr!«

»Dann halt andere.« Emma verstand nicht, weshalb Alice fast am Weinen war. »Glas ist Glas. Es gibt bestimmt schönere.«

»Schönere! Das war ein Hochzeitsgeschenk meiner Eltern!«

Drum sind die so scheußlich, dachte Emma und sagte: »Ach, Alice, ist doch alles halb so schlimm. Scherben bringen Glück.«

»Glück! Ha! Du bringst nur Unglück. Wo du auftauchst, gibt’s Katastrophen. Ach was, du bist die Katastrophe! Eine einzige Katastrophe!«

Also, kaputte Gläser hin oder her, das war jetzt doch ein bisschen heftig, fand Emma Öchsle.

»Moinsch, i lass mit mir Hugoles treiba?22 Jetzt pass amol uff, Alice …«, sagte sie.

»Nein, jetzt pass du amal uff«, äffte Alice sie in ausgesprochen schlechtem Schwäbisch nach. »Ist es denn nicht schon schlimm genug, dass du dich bei uns eingeschlichen hast? Nein, es kommt noch schlimmer. Du wühlst in meinen Sachen herum, du holst dir meine schönsten Gläser, ohne mich zu fragen, und dann machst du sie auch noch kaputt. Hast du denn vor nichts Respekt, Emma?«

Alice war dunkelrot angelaufen, und in ihren Augen glitzerte es verdächtig feucht.

Helga Brändle stupfte ihren Mann in die Seite und flüsterte ihm zu: »Komm, mir ganget besser.«

Der wehrte unwirsch ab. »Jetzt, wo’s interessant wird? Noi!«

Emma schaute tatsächlich etwas zerknirscht. »Ich wollte doch nur …«

»Ach ja, die liebe Schwiegermama wollte doch nur! Und dann ist sie zu tattrig, um ein Glas richtig zu halten, und dann lässt sie’s eben einfach fallen! Weißt du überhaupt, was du mir antust? Hier ist kein Altersheim, und ich bin nicht das Pflegepersonal! Ich habe deinem Sohn gesagt …«

Heiner Gaggel horchte interessiert auf und war gleichzeitig beunruhigt. Wenn seine Frau erfuhr, was die Öchsle neulich nachts zu ihrem Mann gesagt hatte …

Aber Alice verstummte plötzlich, deutete mit einem zitternden Finger auf den Fußboden und zeterte los, eine Oktave höher als bisher: »Was? Ist? Das?«

»Bloß ein kleiner Kratzer«, murmelte Emma.

»Kleiner Kratzer? Das ist eine Riesenschramme! In meinem Parkett!«

»Lass ich reparieren. Entschuldigung!«, murmelte Emma.

»Reparieren! Natürlich lässt du das reparieren, das ist ja keine Frage. Aber wenn du meinst, dass es damit getan ist, dann hast du dich geschnitten. Ich sag dir eins, solange du hier in meinem Haus lebst …«

Jetzt geriet aber auch Emma gehörig in Rage.

»Dei Romgegosche machd me greiznarrad«,23 brauste sie auf. »Passiert ist passiert, ich hab mich entschuldigt, und ich bring das wieder in Ordnung. Kein Grund, sich so aufzuregen.«

»Ich reg mich auf, wann ich will!«, regte sich Alice auf. »Du bist eine vertrottelte alte Frau, die nicht mehr weiß, was sie tut, und ich muss das ausbaden! Ich schwöre dir, wenn du …«

Alice unterbrach sich, als sei sie erst jetzt gewahr geworden, dass die gesamte Nachbarschaft sie umstand. Wenigstens der geschwätzigste Teil der Nachbarschaft.

»Du, du …«, suchte Alice nach einem passenden Schimpfwort, aber ihr fiel keines ein.24

»Ich hasse dich, Emma Öchsle!«, brüllte sie.

»Bäffzg!«, brüllte Emma zurück.

Alice durchbohrte Emma mit einem verständnislosen, aber giftigen Blick und rauschte davon.

»Dondrladdich!«, sagte Emma und blickte sich in der Runde um. Die Nachbarn schauten betreten.

»Ich glaube, wir müssen jetzt«, sagte Gertrud Gaggel, und auch die anderen verabschiedeten sich eilig.

Während Brändles gegenüber in ihrem Eigenheim verschwanden, sagte Heiner Gaggel draußen vor der Tür zu seiner Frau: »Das ist trotzdem eine Nette, die Emma.«

»So?«, erwiderte Gertrud spitz.

»So unkompliziert. Nicht so verbiestert wie die junge Öchsle.«

»Das geht bestimmt nicht lange gut mit denen«, weissagte Gertrud.

»Ganz bestimmt nicht«, bestätigte Heiner Gaggel im Bewusstsein seines geheimen Wissens.

Im Haus gegenüber stöhnte Erwin Brändle derweil, kaum dass sie zur Tür hinein waren: »Mei Kreiz! I kann gar nemme gscheit laufe!«

»Des kommt net vom Kreiz. Du hascht an Balla25. Ond des mitta am Tag«, sagte Helga Brändle.

»I ben net bsoffa, i ben bloß guat druff.«

»Worom au des?«

»Wege dr Emma.«

»So?«, erwiderte Helga spitz. »Die gfällt dir wohl.«

»Freile. Aber a rechte Gosch hot se scho. Ond woisch was, jetzt wohnet mir älle scho so lang do, aber erscht jetzt send mir älle per du mitanander. Des hat d’ Emma gschafft, glei am erschte Tag. A richtige Verbrüderung.«

»Deswege hätsch du dr Gaggels Helga trotzdem net in de Hintre zwicke brauche.«

»Die hat aber au an knackige Arsch.«

»Bei meim Bobbes26 hosch du des scho lang nemme gmacht.«

Erwin Brändle lag eine Antwort auf der Zunge, aber selbst sein benebeltes Gehirn erkannte, dass er sie sich vielleicht besser verkniff. Verkniff! Er wusste auch nicht, weshalb er plötzlich prustend loslachen musste.

»Was isch, Erwin?«

»I ben halt luschtig. War vielleicht doch a bissele viel Trollinger.«

Das also war Emma Öchsles Einzug in Bad Cannstatt.

In ihrem Schlafzimmer hatte sich Alice Öchsle aufs Bett geworfen und weinte still vor sich hin. Aus Wut. Aus Enttäuschung. Sie war ja gar nicht so. Jetzt war sie extra zum Bäcker gegangen und hatte ein paar süße Stückchen besorgt, obwohl sie selbst solche ungesunden Sachen nie aß, eine Geste des guten Willens, um ihre Schwiegermutter versöhnlich willkommen zu heißen. Und stattdessen gab es nichts als Ärger und Unverschämtheiten. Das musste sie sich nicht bieten lassen, nicht in ihrem eigenen Haus!

Es war genau das eingetreten, was sie vorausgesehen hatte: Mit Emma war nicht auszukommen.

Sie war halsstarrig, wie das nun mal bei alten Leuten zu sein pflegte. Sie war grob, aber das waren ja alle Schwaben.27 Sie war hinterhältig und hintertrieb ihre gut gemeinten Bemühungen.

Und was hatte sie zum Schluss gesagt? Bäffzg oder so ähnlich. Was sollte das nun wieder heißen?28 Was hatte sie nur Böses getan in ihrem Leben, dass sie ausgerechnet mit einer schwäbischen Schwiegermutter gestraft worden war?

Also dann! Der Krieg hatte begonnen. Und im Krieg ist ja bekanntlich, wie in der Liebe, alles erlaubt. Und sie gedachte, ihn nach ihren eigenen Regeln zu führen.

In ihrer Wohnung ließ sich Emma Öchsle auf das Sofa fallen und zog Bilanz.

Bett, Schrank und Sofa standen am richtigen Platz, nur bei der Kommode musste ihr noch jemand helfen. Ihre neuen Nachbarn hatten sich ja als ganz anstellig erwiesen und schienen so weit ganz in Ordnung zu sein. Bis auf den Kienle, diesen Doigaff29. Aber der würde sie schon noch kennenlernen.

Arge Schluckspechte waren sie allerdings. Fünf Flaschen Trollinger hatten sie gemeinsam niedergemacht, abzüglich der halben auf dem Parkett. Ach ja, die musste sie auch noch aufwischen. Morgen. Und Alice hatte sie ganz fürchterlich auf die Palme gebracht. Nicht übel für den Anfang.

Würde sie hier vielleicht doch eine neue Heimat finden? Ihr erster Tag hatte sich jedenfalls gut angelassen.

Rundum zufrieden und ziemlich beduselt ging sie zu Bett und schlief tief und traumlos.

Im Nebenhaus hielt sich Heiner Gaggel noch lange wach und lauschte angestrengt. Aber bei den Öchsles blieb alles still. Komisch.

Heimat

Ein neuer Morgen dräute. Der Wetterbericht verkündete steigende Temperaturen, vielleicht bis 27 Grad, und viel Sonne bei nur wenigen Wolken, orakelte aber von Gewittern in den nächsten Tagen. Die Menschen im Viertel, denen das in diesem Moment völlig egal war, saßen schweigsam am Frühstückstisch, trotteten lustlos in die Schule, fuhren missmutig zur Arbeit. Die Hausfrauen gingen einkaufen, die Rentner führten ihre Hunde um den Block, beides Tätigkeiten, für die man mehr oder weniger viel Zeit einrechnen musste, je nachdem, wen man unterwegs traf. Heute dauerte es besonders lange. Jeder wusste etwas über den Einzug der Oma bei Öchsles, und das musste ausführlich kommentiert werden.

Emma hätten eigentlich die Ohren klingeln müssen, aber sie schlief weiterhin tief und traumlos

Aber irgendwann erwachte auch sie, wälzte sich aus dem Bett, sah sich um und stöhnte.

Dafür gab es Gründe. Mehrere Gründe, die allesamt einleuchtend waren.

Zunächst einmal war in ihrem Kopf eine ganze Kompanie von Bergarbeitern zugange, die hämmerten, was das Zeug hielt. Offenbar schürften sie nach den Resten von Trollinger. Etwas viel Trollinger.

Und warum war ringsumher ein solches Chaos aus Kisten, Kleiderbergen und wild durcheinander stehenden Möbeln? Gestern Abend war das noch nicht so gewesen. Gestern Abend war das noch eine gemütliche Wohnung. Ihre Wohnung.

Und wo war sie überhaupt?

Sie sah sich um.

Dachgeschoss. Drei geräumige und helle Zimmer.

Sie sah aus den Fenstern.

Auf der einen Seite die Weinberge, auf der anderen Gärten.

Ach so, ja. Cannstatt. Ihr Exil.

Allmählich kam die Erinnerung.

Der Einzug. Die Nachbarn. Der Trollinger. Die Gläser. Alice, die Krampfhenne.

»Allmachdsjenseidsgoddesdobbelwegga«, fluchte sie. Und verzog schmerzhaft das Gesicht. Die Bergarbeiter legten eine Sonderschicht ein.

Emma Öchsle bedauerte sich zutiefst. Hier sollte sie es aushalten? Lichtjahre entfernt von ihrer alten Heimat im Stuttgarter Süden?

Ein Kaffee würde helfen. Aber dazu müsste man den Kaffee erst einmal finden, ganz abgesehen von Kaffeekanne und Kaffeetasse. Emma hatte nicht die leiseste Ahnung, in welcher Kiste sie suchen sollte.

»Bluadige Hennakepf«30, fluchte sie.

Hier hielt sie es nicht länger aus, sie musste zurück in ihr Viertel. Wenigstens für einen kurzen Besuch. Auf einen Kaffee. Also runtergehen zur Gnesener Straße, mit der U-Bahn zum Rathaus, aussteigen, laufen.

Eine halbe Tagesreise!

Na ja, gefühlt wenigstens, an diesem Tag besonders. In Wahrheit war es nur eine gute halbe Stunde. Aber eine halbe Stunde, in der sie einen ganzen Kosmos widerstreitender Gefühle durchfuhr.

Und dann stand sie vor ihrem alten Haus und atmete tief durch. Dieser würzige Abgasduft! Dieser herrliche Lärm! Schon eigenartig, dachte sie, was man alles vermisst, wenn man es nicht mehr hat.

Sie hatte sich klugerweise Nachschlüssel besorgt, schloss damit die Haustür auf und stapfte hoch in den vierten Stock. Früher war sie froh gewesen, wenn sie endlich oben angekommen war. Auch das würde ihr fehlen, dieser tägliche Treppensport, dieses beruhigende Schnaufen, das verriet, dass man noch am Leben war.

Links, da hatte sie gewohnt, vierzehn Jahre lang. Als ihr Willi in Rente ging und die Kinder längst aus dem Haus waren, hatten sie das Häusle in Botnang verkauft und waren in die Innenstadt gezogen.

Sie öffnete die Tür und lauschte dem eigenartigen Hall, als sie durch die leeren Zimmer ging, dachte daran, was die Wände alles gehört hatten im Laufe der Jahre, und überlegte, ob sie ein klein wenig sentimental werden wollte.

Donderladdich, Emma, schalt sie sich, das Leben geht weiter. Jetzt erst recht.

Sie klingelte an der Wohnung gegenüber, dort wartete ihr Kaffee. Niemand öffnete. Sie klingelte erneut, zweimal jetzt, aber immer noch kam niemand. Schließlich griff sie zu ihrem eigenen Schlüssel und öffnete. Wie sie vermutet hatte, saß Friede in ihrem Sessel und döste vor sich hin. Sie tippte ihr auf die Schulter, und dann fielen sich Emma Öchsle und Friede Busch, die Nachbarinnen, aus denen Freundinnen geworden waren, in die Arme, als hätten sie sich Ewigkeiten nicht mehr gesehen.

»Ich habe schon gedacht, du hast mich vergessen«, sagte Friede.

»Jetzt bin ich gerade mal einen Tag weg!«, protestierte Emma.

»Eine lange Zeit in unserem Alter, da kann viel geschehen. Wenn mir was passiert, wer kriegt das schon mit? Ist ja kaum noch jemand da im Haus.«

»Du musst auch raus, Friede«, drängte Emma.

»Weißt du, was das Schlimme an dir ist, Emma Öchsle? Dass du verdammt noch mal recht hast. Warum hat dieser Trottel auch vor uns den Löffel abgeben müssen!«

Der Besitzer ihres Mietshauses in der Mittelstraße war überraschend gestorben, und weil er keine direkten Nachkommen hatte, war das Erbe an einen ganzen Pulk von entfernten Verwandten gefallen. In einem Anfall von seltener Einsicht hatten die festgestellt, dass sie sich nie einigen würden, was bei einer Erbengemeinschaft aber unabdingbar war, und das Haus schleunigst verkauft. Zugegriffen hatte eine Immobiliengesellschaft, die das Haus jetzt sanieren und in luxuriöse Eigentumswohnungen aufteilen wollte. Den alten Mietern wurde großzügig ein Vorkaufsrecht eingeräumt, wohl wissend, dass sich das niemand leisten konnte.

»So einfach können die mich nicht vor die Tür setzen!«, hatte sich Friede ereifert. »Ich bleibe! Es gibt ja schließlich Gesetze, und die geben mir eine Frist von drei Jahren.«

»Du gehst freiwillig, wenn erst mal die Presslufthämmer anrücken«, hatte Emma prophezeit.

»Na und? Dann schalte ich eben mein Hörgerät ab.«

Emma Öchsle hatte kein Hörgerät und keine Lust auf jahrelangen Ärger und sich deshalb pragmatisch gesagt, dass im Leben manchmal der Klügere doch nachgeben muss. Und überhaupt: Veränderungen hatten auch ihre guten Seiten, sie rissen einen aus dem eingefahrenen Trott und zwangen, neu über das Leben nachzudenken. Nur mussten sie nicht unbedingt Alice Öchsle heißen.

»Ich bleibe jedenfalls hier«, verkündete Friede, »mich müssen sie schon heraustragen, so oder so, vielleicht auch mit den Füßen voran.«

»Du wirst damit nichts erreichen.«

»Ich bin zwar schon sechsundachtzig und kann kaum noch laufen, aber Alzheimer habe ich nicht. Das weiß ich selbst, dass ich nichts erreiche. Aber ich kann wenigstens auf den Putz hauen und sie ärgern. Apropos, wie geht es mit deiner Schwiegertochter?«

»Dui Motzgugg!«

»Bitte?«

An dieser Stelle muss einmal gesagt sein, dass, entgegen einer weitverbreiteten Legende, der Schwabe als solcher mühelos, sogar mitten im Satz, von seiner Muttersprache in verschiedene Fremdsprachen wechseln kann, je nach Situation fein abgestuft von einem nur leicht verschliffenen Dialekt über das fein ziselierte Honoratiorenschwäbisch bis hin zu etwas, das dem Schriftdeutsch gefährlich nahe kommt.

Wenn er will. Nur: Warum sollte er wollen? Es ist nicht sein Problem, wenn er von anderen wegen deren minderen Sprachkenntnissen nicht verstanden wird. Empfiehlt nicht jeder Reiseführer, sich im Ausland den dortigen Gepflogenheiten anzupassen?

Überdies ist dem Schwaben als solchem eine genetisch bedingte Bescheidenheit eigen. Er macht nicht viel Aufhebens von dem, was er kann oder was er hat. Darum auch die Schonbezüge über den Ledersitzen im Auto. Die dienen ja nur zum Wenigsten dazu, das Leder zu schonen.

Es war ohnehin beklagenswert, dachte Emma, dass in Schwaben die Schwaben gefühlt immer weniger wurden. Die konnten sich doch nicht alle in Luft aufgelöst haben? Wo waren sie denn bloß?31 Das übrig gebliebene Häuflein verschwamm in einem Meer von lauter Ausländern, die nach Schwaben hineingeschwappt kamen. Aus aller Herren Länder, sogar aus Sachsen. Und keiner verstand die Einheimischen. Nur die Italiener machten eine Ausnahme, dafür konnten die dann nur Schwäbisch und sonst nichts. Grad deshalb sollte man die Reingeschmeckten behutsam mit der Landessprache vertraut machen.

Aber für eine liebe alte Freundin wie Friede, die immer noch mit der Zunge an den s-pitzen S-tein stieß, konnte man ja mal eine Ausnahme machen.

»Eine Motzgugg ist eine Frau, die alleweil nur rumkeift«, übersetzte sie deshalb.

»Was ist eigentlich los mit euch beiden?«

»Ich bin die Schwiegermutter, sie ist die Schwiegertochter. So einfach ist das. Ich kann sie nicht leiden, sie kann mich nicht leiden. «

»Dass du das aushältst mit der!«

Ein versonnenes Lächeln umspielte Emma Öchsles blasslila geschminkte Lippen. »Die Frage ist eher, wie sie es mit mir aushält. Und ich glaube, wir werden noch eine Menge Spaß miteinander haben.«

Kannenstadt

Emma streifte durch die Cannstatter Altstadt, es war wie eine Zeitreise. In Bad Cannstatt war sie geboren und aufgewachsen. Auch nach ihrer Hochzeit waren Willi und sie zunächst in Cannstatt geblieben, in der Reichenbachstraße damals, bis sie sich das Häusle in Botnang leisten konnten. Zehn war Klaus seinerzeit gewesen, er hatte sich vehement dagegen gesträubt, weil er sich nicht von seinen Freunden trennen wollte. Vielleicht war er deshalb nach Cannstatt gezogen, zurück zu den Wurzeln.

Und sie war jetzt auch wieder hier gelandet, wenngleich unfreiwillig. So schloss sich der Kreis.

Nein, dieses Cannstatt gefiel ihr nicht mehr. Es war ihr fremd geworden. Und es erinnerte sie an Dinge, an die sie nicht mehr erinnert werden wollte. Wenigstens nicht an alle. Sie lief einer Vergangenheit hinterher, mit der sie nichts mehr zu tun hatte. Sie fand es verstörend, wenn alte Leute nur noch zurückblickten. Das Leben war doch jetzt.

Wo früher das Reformhaus war, befand sich heute ein Laden des Kabelfernsehens. Den Baitinger gab es nicht mehr, wie vieles anderes nicht, war ja auch klar.