Wenn wir unseren Träumen folgen - Ane Mulligan - E-Book

Wenn wir unseren Träumen folgen E-Book

Ane Mulligan

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Beschreibung

Der neue Roman von Südstaaten-Autorin Ane Mulligan über drei mutige Schwestern und andere starke Frauen in ihrem Leben, ihre Freundschaft und ihren Zusammenhalt in den 1930er Jahren in Georgia enthält viel Charme, Spannung und Romantik. 1930: In dem ärmlichen Südstaaten-Städtchen Sweetgum träumen die drei Taylor-Schwestern von einem Leben jenseits des Hotels, das sie mit ihren Eltern betreiben. Janessa plant, ihren Tommy zu heiraten, Lillian möchte sich ein Leben in der Ferne aufbauen und Annie will eine Karriere als Schauspielerin einschlagen. Als jedoch durch einen Anschlag ihr geliebter Vater ums Leben kommt und Tommy die Schuld zugeschoben wird, ändern sich die Lebenspläne der Schwestern von heute auf morgen. Seite an Seite mit den anderen Frauen des Hauses müssen sie nun für den Fortbestand des Hotels kämpfen. Dabei finden sie nicht nur eine ungeahnte innere Stärke, sondern auch einen großen Gott, der in aller Treue zu ihnen steht, und auf drei verschiedene Arten … Liebe.

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Seitenzahl: 469

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ane Mulligan

Wenn wir unserenTräumen folgen

Die starken Frauen von Sweetgum

Originally published in English under the title: By the Sweet Gum

Copyright © 2022 by Ane Mulligan.

Published by Iron Stream, USA. All rights reserved.

German translation edition © 2024 by Brunnen verlag giessen, Germany. All rights reserved.

This German edition published in arrangement with Iron Stream through Riggings Rights Management.

Ursprünglich auf Englisch veröffentlicht unter dem Titel: By the Sweet Gum

Copyright © 2022 von Ane Mulligan.

Veröffentlicht von Iron Stream, USA. Alle Rechte vorbehalten.

Deutsche Übersetzung © 2024 bei Brunnen verlag giessen, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten.

Diese deutsche Ausgabe wurde in Absprache mit Iron Stream durch Riggings Rights Management veröffentlicht.

Deutsch von Tabitha Krägeloh

© 2024 Brunnen Verlag GmbH Gießen

Redaktion: Alexandra Eryiğit-Klos

Umschlagfotos: Arcangel / Joanna Czogala; AdobeStock.

Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger

Satz: Brunnen Verlag GmbH Gießen

ISBN Buch 978-3-7655-2167-6

ISBN E-Book 978-3-7655-7842-7

www.brunnen-verlag.de

Dieses Buch ist meiner Schwester Pam Squires gewidmet.

Du bist meine Heldin!

Inhalt

Sweetgum

Sweetgum Hotel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Shepherd’s Pie

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Gemüsebraten

Kapitel 14

Kapitel 15

„Jenny Lind“-Kartoffeln

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Nusskuchen mit Essig

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Anmerkung der Autorin

„Jede Generation hat die Verantwortung,

die Welt zu einem besseren Ort für die nächste zu machen.

Wer das nicht tut, verfehlt den Zweck,

zu dem er auf dieser Erde lebt.“ –

Frank Taylor, Sweetgum Baptist Church, Februar 1928

1

Frühling 1930

Das markerschütternde Läuten einer riesigen Messingglocke zerreißt die morgendliche Stille. Meine Schwester Annie kreischt. Sarah, unsere Köchin, schreit ebenfalls erschrocken auf, während mir die Schüssel mit kalten Ofenkartoffeln aus der Hand rutscht und krachend auf den Boden fällt. Meine Mutter ruft: „Lieber Gott, nein! Bitte lass es nicht wieder ein Kind sein!“

Ich bin starr vor Schreck und zittere am ganzen Körper. Es gab wieder einen Unfall in der Baumwollspinnerei. Innerlich schreie ich: Nicht Tommy! Bitte, Herr!

Das Entsetzen, das ich empfinde, spiegelt sich auf Mamas Gesicht wider. „Geh, Janessa.“ Sie scheucht mich weg. „Finde heraus, wer es ist.“

Als ich zur Tür hinauseile, hat meine Mutter bereits angefangen, die Kartoffeln aufzusammeln. Dabei flüstert sie ein Gebet. Die Spinnerei liegt weniger als 150 Meter vom Hoteleingang entfernt. So schnell meine Beine mich tragen, renne ich die Straße entlang. Dann reiße ich die Tür zur Fabrik auf und folge den Schreien, die durch das Treppenhaus gellen. Hastig steige ich die Stufen hinauf. Normalerweise übertönt der Maschinenlärm jedes andere Geräusch, aber wenn die Messingglocke während der Arbeitszeit läutet, werden die meisten Maschinen angehalten.

Als ich den ersten Stock erreiche, bleibe ich abrupt vor der Spinnstube stehen, stütze die Hände auf die Knie und versuche, wieder zu Atem zu kommen. Will ich wirklich sehen, was auf der anderen Seite dieser Tür ist?

„Aus dem Weg!“

Schnell springe ich zur Seite, um zwei Sanitäter mit einer Trage vorbeizulassen. Dann schlüpfe ich hinter ihnen durch die Tür und lehne mich mit dem Rücken an die Wand. In der Luft schweben unzählige feine Baumwollfasern, die es fast unmöglich machen, tief durchzuatmen. Wie kann man in dieser staubigen Luft nur arbeiten?

Die Menschenmenge, die sich um eine der Maschinen gesammelt hat, teilt sich für die Sanitäter. Ein kleines Mädchen liegt in einer Blutlache am Boden. O nein, Herr! Es ist Ruthie Ralston. Sie ist gerade mal 6 Jahre alt. Ein Gürtel ist um ihren Oberarm gebunden.

Der Unterarm ist nicht mehr da.

Ich drehe mich um und renne die Treppe hinab. Nachdem ich die Eingangstür aufgestoßen habe, sauge ich begierig die frische Luft ein. Irgendwie gelingt es mir, mein Frühstück bei mir zu behalten. Mit der geballten Faust wische ich mir die Tränen vom Gesicht und mache mich benommen auf den Heimweg. Es gibt nichts, was ich noch tun könnte.

In diesem Moment kommt mein Vater mit fliegenden Rockzipfeln angerannt – anscheinend ist er auch auf dem Weg zur Spinnerei. Als er mich entdeckt, bleibt er jedoch kurz stehen und umarmt mich. Dann eilt er weiter. Jemand muss ihn gerufen haben, weil er der Pastor der Ralstons ist. Die arme Mrs Ralston hat wahrscheinlich gesehen, wie der Unfall passiert ist. Ruthie arbeitet schließlich immer direkt an ihrer Seite.

Meine nächsten Schritte gehe ich rückwärts, um zur Spinnerei zurückzublicken. Das zweistöckige Gebäude nimmt einen ganzen Häuserblock ein und hat die Farbe von verwittertem Beton. Wie ist es möglich, dass ein Ort Hoffnung spendet und sie zur gleichen Zeit zunichtemacht?

Ich drehe mich wieder um und richte den Blick auf mein Zuhause – das Sweetgum Hotel. Seine weiße Veranda scheint mir einladend zuzuwinken. Das rote Backsteinhaus hat drei Etagen – vier, wenn man den Dachboden mitzählt. Meine Schwestern und ich haben als Kinder viele Stunden dort oben verbracht und mit Puppen gespielt. Arme Ruthie. Wird sie je wieder mit Puppen spielen?

Als ich das Hotel erreiche, wartet meine Mutter schon an der Tür auf mich. Ich schüttele nur den Kopf und laufe in ihre Arme. Sie drückt mich fest an sich und streichelt mir den Rücken. Das Kreisen ihrer Hände beruhigt mich.

„Wer und wie schlimm ist es?“

„Ruthie Ralston hat ihren Arm verloren.“

Mama zieht scharf die Luft ein und nickt. Dann legt sie die Hände auf meine Schultern und sieht mich eindringlich an. „Geht es dir gut?“

Tut es das? Nachdenklich zwirbele ich eine Strähne meines Haars, das so goldbraun ist wie das meiner Mutter. Alle sagen, dass ich ihr Ebenbild bin. „Ja, Mama. Es hat mich erst ziemlich mitgenommen. Andererseits habe ich schon so viele –“

„Lass nicht zu, dass du abstumpfst, Janessa. Nicht, wenn du auch weiterhin anderen helfen willst. Bewahre dir dein weiches, großzügiges Herz.“ Sie zieht ihre Schürze aus und reicht sie mir. „Geh zu Sarah und frag sie, wie du behilflich sein kannst. Ich werde mich mit deinem Vater um Mrs Ralston kümmern.“ Meine Mutter setzt ihren Hut auf und eilt dann in Richtung Spinnerei davon.

In der Küche steht immer noch die Schüssel mit den Kartoffeln, die gepellt werden müssen. Ich nehme ein Messer und mache mich an die Arbeit. Die Arbeiter der Spinnerei, die hier im Hotel wohnen, erwarten pünktlich um 12:00 Uhr ihr Mittagessen. Was auch passiert, das Leben in Sweetgum geht weiter.

Früher haben wir jedem Arbeiter, der bei uns wohnt, einen eigenen Korb gebracht. Aber da die Zahl der Mieter deutlich zugenommen hat und auch ein paar Kurzzeitgäste da sind, haben wir nicht mehr genug Angestellte, um die Körbe zu tragen. Jetzt packen wir jedes Essen in Servietten und legen diese in die Körbe. So kann jede von uns ein halbes Dutzend Mittagessen in einem einzigen Korb transportieren.

Da Sarah mich im Auge behält, lächele ich – oder versuche es zumindest. Solange ich denken kann, arbeitet die verwitwete Irin schon als Köchin für uns. Und sie ist mir immer eine weise Vertraute gewesen. Sie lebt mit uns in unserer Privatwohnung im Hotel und kennt uns alle durch und durch.

„Ich glaube, dein Daddy wird diese Woche nach Rome reisen, um mit den Abgeordneten zu sprechen, oder?“

Mein Messer bohrt sich in eine Kartoffel, um ein Auge zu entfernen, und ich schüttele verzweifelt den Kopf. „Wie viele Kinder wurden dieses Jahr schon verstümmelt oder getötet? Dabei haben wir erst Mai. Ruthie müsste sich jetzt eigentlich auf die Schulferien freuen, die Ende des Monats beginnen. Stattdessen steht ihr ein Leben mit nur einem Arm bevor – falls sie überlebt.“

Da ich noch ein paar wertvolle freie Minuten habe, bevor wir die Essenspakete zur Spinnerei bringen, gehe ich nach draußen, um die Zeitung von der Veranda zu holen. Als ich mich umdrehe, fällt mein Blick auf den Namensvetter unserer Stadt: der Sweetgum Tree – auch Amerikanischer Amberbaum genannt. Ein Blick auf diesen prachtvollen Baum reicht und mir geht es sofort besser. Tommy und ich haben uns unter diesem 150 Jahre alten Baum verliebt. Er steht genau in der Mitte des Stadtrondells.

Ja, ich weiß. Die meisten Städte haben einen Stadtplatz. In New Orleans gibt es den Jackson Square. In Savannah den Johnson Square – und einige andere Plätze. Aber nicht hier. In Sweetgum, Georgia, haben wir ein Stadtrondell. Tommy und ich treffen uns fast jeden Abend dort. Wir sprechen über unsere Zukunft und kuscheln ein bisschen, wenn niemand in der Nähe ist.

„Schnapp ihn dir!“, kreischt plötzlich Annie, unsere angehende Schauspielerin, von drinnen. Wir wissen nie, ob ihre Dramen echt oder nur gespielt sind.

„Ich komme nicht dran. Er ist unters Bett gekrochen“, höre ich jetzt die Stimme meiner großen Schwester Lillian durchs Fenster. Von wem sprechen sie bloß?

Ich seufze und eile ins Haus. Als ich die Fliegengittertür hinter mir zuknalle, ist das Chaos komplett. Yep. Das Leben geht weiter.

„Da läuft er!“ Annie stürmt quer durch die Hotellobby und rennt mich dabei fast um. Mit ihren 17 Jahren ist sie die sportlichste von uns dreien. Ihr welliges dunkles Haar reicht ihr bis zum Kinn und rahmt ihr elfenhaftes Gesicht ein.

Lillian folgt ihr auf den Fersen. Einige Strähnen ihres langen Haars haben sich aus ihrer Haartolle gelöst. Meine große Schwester ist doch sonst immer so gefasst. Was ist bloß der Grund für diese Aufregung? Über ihre Schulter ruft Lillian mir zu: „Wir müssen ihn aufhalten, bevor er irgendwen erschreckt!“

Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb. Könnte er ein Landstreicher sein? In letzter Zeit treiben sich viele Vagabunden unten am Fluss herum. Es ist gut möglich, dass sich einer von ihnen auf der Suche nach Essen ins Haus geschlichen hat. Ich werfe die Zeitung auf die Empfangstheke und eile dann in den Speisesaal.

Lillian späht gerade unter einen Tisch, auf dem noch die Überreste des Frühstücks liegen, während Annie die Schwingtür zur Küche aufstößt.

Ich schnappe nach Luft. „Nach wem suchen wir überhaupt? Und wann räumt ihr endlich die Tische ab?“

Annie stampft zurück in den Speisesaal. „In der Küche ist er nicht. Wie kann er mit seinem verletzten Bein nur so schnell sein?“

Das kann nur eins bedeuten: Annie hat den Käfig offen gelassen und das Frettchen ist aus unseren Privatzimmern entwischt. Ich stemme die Fäuste in die Hüften. „Das liegt daran, dass er noch drei andere Beine hat.“

Plötzlich huscht ein Fellknäuel wie der Blitz durch den offenen Durchgang des Speisesaals.

„Haltet ihn auf!“, ruft Annie, während sie herumwirbelt.

Zu dritt rennen wir hinter dem verletzten Tierchen her, das ich vor Kurzem aus einer Falle gerettet habe. Nachdem wir die Lobby durchquert haben, bleiben wir vor dem Aufenthaltsraum stehen. Das Frettchen ist durch den Türspalt geschlüpft. Lillian beugt sich vor, um an der Tür zu lauschen. Dann dreht sie sich mit entsetzt aufgerissenen Augen zu uns um. Annie kichert über die dramatische Wendung, während ich verärgert die Stirn runzele. „Wer ist denn da drin?“

Ein gellender Schrei ertönt. Ich zucke zusammen.

Annies Gekicher entwickelt sich zu einem Lachanfall. „Die alte Lady Grundy. Bis später, Schwestern!“

Sie wendet sich zum Gehen, aber ich halte sie am Kragen fest. „O nein, vergiss es. Es ist deine Schuld, dass er entkommen ist. Du gehst mit rein.“

Ich packe Annie am Handgelenk, stoße die Tür auf und zerre sie ins Wohnzimmer. Bevor das Frettchen entkommen kann, schließe ich schnell die Außentür. Mrs Grundy, eine Mieterin des Hotels, steht zitternd auf einem Polsterhocker. Für eine Frau in den Fünfzigern ist sie ungewöhnlich agil. Warum ist sie überhaupt hier und nicht auf der Arbeit? Das kleine Frettchen, das in einer Ecke unter einem Beistelltisch kauert, sieht mindestens genauso verängstigt aus wie Mrs Grundy.

„Es tut mir so leid, Mrs Grundy. Aber er tut Ihnen nichts.“ Auf Händen und Knien krabbele ich unter den Tisch und nehme meinen pelzigen Patienten vorsichtig auf den Arm. Er beginnt sofort zu zittern und kuschelt sich an meine Brust. „Er ist noch ein Baby.“

Mrs Grundy klettert mit finsterem Blick vom Hocker. „Pah! Letzten Monat war es ein Waschbär.“ Schnaubend fährt sie fort: „Und Sie haben immer noch nicht meinen Ehering gefunden, den dieses Viech gestohlen hat. Der Ring ist alles, was ich noch von meinem William habe.“ Sie hält sich ein Taschentuch unter die Nase, bevor sie mich böse anfunkelt. „Sie sollten den Ring besser finden. Und zwar bald.“

Annie, die hinter Mrs Grundy steht, verdreht die Augen. Ich muss ihr zustimmen. Die alte Lady ist genauso dramatisch wie meine kleine Schwester.

„Es wird nicht wieder vorkommen“, versichere ich, während ich die Schuldige mit einer gehobenen Augenbraue ansehe. „Annie hat versprochen, keine Käfige mehr zu öffnen, wenn ich nicht dabei bin.“

Mrs Grundy brummt missbilligend. „Das haben Sie letztes Mal auch gesagt.“ Nun wirft sie Annie einen bösen Blick zu. „Ich sollte Sie bei Mr Spencer melden.“

Nein! Mein Magen zieht sich zusammen und meine Hände werden feucht. „Bitte, Mrs Grundy, tun Sie das nicht.“

Mr Spencer gehört nicht nur die Spinnerei, sondern auch ein beträchtlicher Teil der Stadt – einschließlich dieses Hotels. Wir verwalten es nur. Und leben hier. Wenn sich Mrs Grundy über uns beschwert, setzt Mr Spencer uns vielleicht vor die Tür. Dann haben wir kein Zuhause und keine Arbeit mehr. Daddys Gehalt von der Kirche reicht nicht, um uns zu ernähren. Und wenn Mr Spencer uns aus dem Hotel wirft, entlässt er meinen Vater auch aus dem Gemischtwarenladen, den er ebenfalls leitet.

Mrs Grundy sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an. Dann hebt sie mahnend den Zeigefinger und sagt: „Halten Sie dieses Biest draußen in der Scheune. Tiere haben nichts im Hotel verloren.“

Erleichtert schließe ich einen Moment die Augen. „Ja, Ma’am. Das Frettchen wird Sie nicht mehr belästigen.“

Annie, das Frettchen und ich ziehen uns schnell zurück. Nachdem ich das jetzt schlafende Tierbaby in seinen Käfig zurückgebracht habe, mache ich mich auf die Suche nach meinen Schwestern. Annie steht am Empfangstresen und sortiert die Post. Gerade stopft sie einen Umschlag in den Briefschlitz von Zimmer 203.

„Wo ist Lillian?“ Ich habe ein Hühnchen mit ihr zu rupfen.

Annie deutet mit dem Daumen über die Schulter. „Im Five & Dime.“

„Nun, sie hätte dich aufhalten sollen.“ Mit ihren fast 24 Jahren ist Lillian die Älteste von uns. Sie hätte es besser wissen müssen. „Bitte öffne nicht mehr ohne mich den Käfig.“

Annie lässt den Kopf hängen. „Es tut mir leid. Aber er hat so traurig ausgesehen. Ich wollte ihn doch nur streicheln.“

Natürlich werde ich weich bei diesen Worten. Man kann Annie einfach nicht lange böse sein. „Ich weiß, dass du es gut gemeint hast, Schwesterchen. Aber wir werden großen Ärger bekommen, wenn Mr Spencer davon erfährt.“

Mein Blick fällt auf die Tische im Speisesaal, die immer noch nicht abgeräumt sind. Na ja, da kann man nichts machen. Auch wenn uns der Unfall heute Morgen aufgewühlt hat, geht der Alltag weiter. Da Lillian in Nortons Billigladen, dem Five & Dime, arbeitet, kommt sie oft nicht dazu, die Tische abzuräumen. Also müssen Annie und ich das übernehmen. Dafür macht Lillian dann meine Wäsche. Das ist kein schlechter Tausch. Und vor allem bessert Lillians Arbeitsstelle unsere Haushaltskasse ein wenig auf.

Ich seufze. „Komm, lass uns die Tische abräumen.“

Annie rümpft die Nase. „Ich schwöre, Lillie drückt sich immer vor ihrer Arbeit.“

„Erstens schwört eine Dame nicht. Zweitens: Lass Lillian bloß nicht hören, dass du sie Lillie nennst.“ Sie hasst den Spitznamen, weil sie ihn nicht würdevoll genug findet. Unserer Lillian ist es eben sehr wichtig, den Schein zu wahren – kein einfaches Unterfangen in einer kleinen Spinnereistadt, wo jeder jeden kennt. „Und drittens: Vergiss nicht, dass Lillian ihren Gehaltsscheck mit uns allen teilt.“

Annie und ich gehen in den Speisesaal, räumen das schmutzige Geschirr ab und bringen es auf Tabletts in die Küche. Dort stellen wir es neben der Spüle ab, damit die Küchenmädchen es abwaschen können. Mama, Sarah und die vier jungen Küchenmädchen – Grace, Glory, Belulah und Delilah – haben mit unseren vielen Mietern und Gästen alle Hände voll zu tun. Ich wette, das Hotel ist nur so gut besucht, weil Sarah und Mama so lecker kochen.

Meine Mutter steht gerade an der marmornen Küchentheke und knetet Teig. Im Grunde ist immer jemand damit beschäftigt, eine neue Ladung Brot zu backen. Das Sonnenlicht fällt durchs Küchenfenster auf Mamas lockiges, goldbraunes Haar. Obwohl sie 45 Jahre alt ist, hat sie noch keine grauen Strähnen. Anders als Sarah. Sie ist so füllig, wie eine gute Köchin sein sollte. Und ihr Haar, das sie stets zu einem praktischen Dutt bindet, ist mausbraun mit silbernen Strähnen. Ein paar kürzere krause Haare entwischen jedoch immer den Haarnadeln und tanzen um Sarahs Gesicht herum.

Ich kehre mit einem Eimer warmem Wasser und zwei Lappen in den Speisesaal zurück.

Annie schnappt sich einen Lappen. Sie taucht ihn ins Wasser, wringt ihn aus und nimmt dann den ersten Tisch in Angriff. „Wenn ich abhauen würde, ohne meine Hausarbeiten zu erledigen, würde Mama mir die Rute geben.“

Meine jüngere Schwester bringt mich immer zum Lachen mit ihren albernen Vorstellungen. „Du wurdest noch nie mit der Rute geschlagen, Annie.“ Sie ist eine verwöhnte kleine Madame. Na ja, klein ist relativ. Mit ihren 17 Jahren ist sie mittlerweile eine hübsche junge Frau. Als Annie verärgert die Stirn runzelt, höre ich auf zu lachen. Ich wünschte bloß, sie würde nicht immerzu nur ans Kino denken. Tagein, tagaus redet sie von nichts anderem als von Filmstars. Ihr größter Wunsch ist, selbst einmal in einem Film mitzuspielen.

Als Annie zum nächsten Tisch weitergeht, grinst sie frech. „Ich würde gerne sehen, wie Lillian die Rute bekommt.“

„Nicht wirklich. Du würdest heulen.“ Ich wasche meinen Lappen im Eimer aus und schrubbe dann den nächsten Tisch. „Dein Herz ist viel weicher, als du vorgibst.“

Eine Viertelstunde später glänzen die sauberen Tische in der Vormittagssonne. „Hier.“ Ich strecke Annie einen Stapel Servietten hin. „Leg die auf die Tische. Dann kannst du in der Küche helfen gehen. Ich decke die Tische allein ein.“

Annie wirft mir eine Kusshand zu. „Danke!“ Achtlos schleudert sie einen Stapel mit vier Servietten auf jeden Tisch und verschwindet dann in die Küche.

So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich seufze. Annie hasst es, die Tische einzudecken. Mir macht es nichts aus, aber es nimmt nun mal viel Zeit in Anspruch. Resigniert trage ich den Besteckkasten zum ersten Tisch. Wir haben momentan neunundzwanzig Mieter. Noch sind wir nicht voll belegt, aber fast. Der Kasten wird nach jedem Tisch leichter, bis er schließlich ganz leer ist. Sorgfältig lege ich die letzte Garnitur hin. Dann bringen die vierzehnjährige Grace und ihre Schwester Glory einen Behälter mit frisch gespültem Besteck herein. Ich stelle ihn unter das Büfett.

Als ich wieder in die Küche komme, steht Sarah an einem der beiden großen Herde und rührt in einem Topf. Meine Mutter breitet unterdessen ein Geschirrtuch über eine weitere Teigkugel. Dann stellt sie den Teig zum Gehen ins Warmhaltefach über dem zweiten Herd. Aus diesem Teig werden wir die Brötchen fürs Abendessen und die Brote für morgen früh zubereiten. Annie hilft Mama, das Mehl für den nächsten Brotteig abzuwiegen.

Ich schnappe mir eine Schürze vom Haken und prüfe, ob die Küchenmädchen genug Servietten für die Essenspakete bereitgelegt haben. Neunundzwanzig Stück. Gut. Delilah legt einen Apfel auf jede Serviette, während Belulah Kekse in Wachspapier wickelt. Gott sei Dank ist das Frettchen nicht an die Kekse gegangen. Ach ja, ehe ich es vergesse, erzähle ich Mama lieber von der Sache mit Mrs Grundy.

„Ich werde heute Nacht auf einem Klappbett im Stall schlafen.“ Das kleine Frettchen muss nachts noch gefüttert werden.

Meine Mutter holt eine Schüssel aus dem Eisschrank und reicht sie mir. Darin ist der Teig, den ich für die Fleischpasteten ausrollen soll. „Warum in aller Welt willst du in der Scheune schlafen?“

Ich gehe zur Backtheke und nehme das Nudelholz in die Hand. „Das Frettchen ist ins Wohnzimmer entwischt, während Mrs Grundy dort war“, erkläre ich, während ich etwas Mehl auf der Marmorplatte verteile. Dann lasse ich den Teig darauf plumpsen.

„Ach, Janessa. Du weißt doch, dass du deine Tiere im Käfig halten sollst.“ Sie neigt den Kopf zur Seite und mustert mich. Dann nickt sie verstehend. „Aha. Annie hat das Frettchen rausgelassen, stimmt’s?“

Ich habe keine Ahnung, woher meine Mutter das schon wieder weiß. Oder vielleicht doch: Annie gerät ständig in irgendwelche Schwierigkeiten. Ich nicke und rolle dann den Teig zu einem großen Rechteck aus. „Zu ihrer Verteidigung muss ich sagen, dass sie das Frettchen nicht rauslassen wollte. Sie wollte es nur streicheln.“

Mit der Außenseite ihres Handgelenks streicht Mama sich eine verirrte Locke aus dem Gesicht. „Das Wetter ist schön, also kannst du meinetwegen in der Scheune schlafen. Wie geht es dem kleinen Kerlchen denn? Wirst du ihn bald freilassen?“

„Sein Bein verheilt nicht so schnell, wie ich gehofft hatte. Es wurde in der Falle übel zugerichtet. Dr. Adams sagt, dass der Kleine immer lahmen wird. Ich kann ihn nicht freilassen. Er würde in der Wildnis nicht überleben.“ Wenn ich daran denke, was dem kleinen Frettchen zustoßen könnte, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Als ich den Teig fertig ausgerollt habe, suche ich in der Schublade nach dem kreisförmigen Ausstecher. Er muss irgendwo in dem Chaos aus Küchenutensilien liegen. Ich sollte diese Schublade dringend mal aufräumen!

Unterdessen wäscht sich Mama die Hände und trocknet sie ab. Sie durchdenkt immer alles sehr gründlich. Wenn ihre Entscheidung einmal feststeht, ändert sie ihre Meinung nicht mehr. „Du musst das Frettchen von den Gästen fernhalten. Nicht jeder ist so tierlieb wie du, mein Schatz. Aber ich glaube nicht, dass wir es in die Scheune verbannen müssen.“

„Ich könnte ein stabiles Schloss an die Käfigtür hängen und den Schlüssel an einer Halskette mit mir herumtragen.“ Während ich Kreise aus dem Teig aussteche, überlege ich, wie ich das kleine Frettchen nennen soll. Annie hat immer gute Vorschläge, ich werde sie später fragen.

Sarah hebt den Kopf und kichert. „Ein Schloss wird unsere Miss Annie auch nicht aufhalten, wenn sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, mit dem kleinen Fellknäuel zu spielen.“ Sie reicht mir eine Schüssel mit der Füllung für die Teigtaschen. Ich verteile die Masse, die aus ein paar Schmorbratenresten und vielen Karotten, Erbsen und Kartoffeln besteht, auf dem Teig. Als die Schüssel leer ist, klappen Sarah und ich die Teigkreise zusammen, drücken die Ränder fest und bestreichen die Pasteten dann mit etwas verdünntem Eigelb. Schließlich schiebt Sarah die Bleche in die beiden Öfen.

Als ich die Backtheke abwische, beugt Sarah sich zu mir herüber und flüstert: „Habe ich dir erzählt, dass Annie das Frettchen neulich in die Küche gebracht hat? Ich habe ihm ein bisschen Hackfleisch gegeben. Nachdem der Kleine es gegessen hatte, hat er meine Schürzentasche durchsucht. Dann hat er sich darin zusammengerollt und ist eingeschlafen.“ Sie blinzelt zu meiner Mutter hinüber, um sicherzugehen, dass sie nicht zuhört. „Er ist zuckersüß. Mein Bruder hatte auch mal ein Frettchen als Haustier, als wir klein waren. Er hat damit Hasen gejagt.“ Sarah zwinkert mir zu. „Eine gute Hasenpastete ist doch nicht zu verachten.“

Ich werfe ihr ein dankbares Grinsen zu. Vielleicht kann ich meinem Frettchen auch beibringen, Hasen zu jagen. Das würde Daddy gefallen.

Als die Teigtaschen fertig sind, haben die Küchenmädchen je einen Apfel und einen eingepackten Keks auf die Servietten verteilt und die Körbe bereitgestellt. Unsere Mieter essen besser als die meisten Arbeiter in der Spinnerei. Die anderen haben oft Sandwiches mit Kartoffelbrei und Würstchen oder mit Erdnussbutter und Mayonnaise dabei. Ein kleiner Junge isst zweimal die Woche eine mit Erdnussbutter gefüllte Zwiebel. Unwillkürlich rümpfe ich die Nase, während ich einen Blick auf die Küchenuhr werfe. Noch zehn Minuten bis Mittag.

„Los geht‘s, Mädchen.“ Sarah und Mama verteilen rasch die Teigtaschen auf die Servietten. Danach schnüren die Küchenmädchen die Bündel zusammen und packen sechs davon in jeden Korb. Anschließend nimmt jede von uns einen Korb und macht sich auf den Weg zur Spinnerei, die keine fünf Minuten entfernt ist.

In dem Moment, als wir die Eingangstür zur Fabrik öffnen, erklingt der Pfeifton, der die Mittagspause ankündigt. „Genau rechtzeitig.“ Wir teilen uns auf und gehen zu den jeweiligen Orten, wo wir unseren Mietern ihr Mittagessen überreichen. Wenn sie ihr Essenspaket geleert haben, geben sie uns die Serviette zurück. Die Mädchen haben die strikte Anweisung, nicht ohne Serviette zu gehen. Wir können es uns nicht leisten, ständig neue zu kaufen.

Während ich durch die Spinnerei laufe, um die Essenspakete zu verteilen, sehe ich mich in der riesigen Halle nach Tommy um, aber ich kann ihn nirgends sehen. Ich weiß nicht, womit ich das Glück verdient habe, dass Tommy sich in mich verliebt hat. Mein Herz klopft schneller. Nach diesem ereignisreichen Vormittag hätte ich zu gerne einen Blick auf ihn erhascht, aber ich werde mich wohl zusammenreißen müssen, bis wir uns heute Abend am Amberbaum treffen. Ich bete, dass nichts dazwischenkommt.

2

Annie und ich eilen von der Spinnerei nach Hause. Unser Vater wird auch bald kommen. Er isst mittags immer mit uns – eins seiner Privilegien als Ladenleiter. Als ich in die Küche trete, reicht Mama mir die Teller für unseren Familientisch. Er steht in der Ecke zwischen der Hintertür und einem Fenster, damit wir in den heißen Monaten ab und zu eine kühle Brise abbekommen. Ich vergewissere mich, dass Daddys Zeitung neben seinem Teller liegt.

Die Hintertür geht auf. „Hallo! Wie geht es meinen Mädchen?“

Wie gelingt es Daddy bloß, immer so fröhlich und energiegeladen zu sein? Heute Morgen hat er es in seiner Rolle als Pastor sicherlich nicht leicht gehabt. Ich stelle die Teller ab und umarme ihn.

Mama begrüßt ihn mit einem Kuss. „Zwei von deinen Mädchen sind gar nicht da. Lillian ist auf der Arbeit und Annie … na ja, ich weiß auch nicht genau, wo sie ist.“ Mit einer gehobenen Augenbraue schaut meine Mutter mich an.

„Sie hat ihren Korb neben der Hintertür abgestellt und ist verschwunden. Ich vermute, dass sie wieder mal bei Fannie Spencer ist.“ Die beiden Mädchen hängen zusammen wie die Kletten.

Daddy runzelt die Stirn. „Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, dass sie so oft bei den Spencers ist.“ Er schaut mich von der Seite an. „Annie neigt dazu zu reden, bevor sie nachdenkt. Wenn ihr etwas rausrutscht und Benjamin Spencer von unserer Beteiligung am Arbeiter–“

Ich schüttele den Kopf. „Nein, das wird ihr nicht passieren.“ Da bin ich mir ganz sicher, aber Daddy sieht nicht überzeugt aus. „Sie weiß, dass diese Sache unbedingt geheim bleiben muss“, füge ich hinzu.

Mama nimmt seinen Hut und legt ihn auf die Garderobe neben der Hintertür. „Setzt euch bitte, damit wir essen können.“

Mein Vater dankt Gott für das Essen. Nach dem „Amen!“ stürzen wir uns auf das panierte Rindersteak mit Specksoße und Erbsen. Das „Steak“ ist ein zähes Stück Rindfleisch, das Sarah mit einem neuen Holzhammer weich geklopft hat, der ein Karomuster auf dem Fleisch hinterlässt. Normalerweise essen wir Hähnchen oder Schwein, da wir diese Tiere selbst züchten, um unsere Mieter versorgen zu können. Das Rindfleisch ist ein seltener Leckerbissen.

Daddy schluckt einen Happen hinunter. „Köstlich. Und eine willkommene Abwechslung, Emma. Sarah, das Fleisch ist richtig zart. Gut gemacht!“

Wie immer, wenn Daddy ihr ein Kompliment macht, wird Mama rot. „Danke, Schatz. Ich habe gehofft, dass es dir schmecken würde.“

Sarah nickt nur lächelnd, da sie den Mund voll hat.

Eine sanfte Brise bewegt die Vorhänge über der Spüle und weht durch die Hintertür herein. Daddy reibt sich den Nacken mit seinem Taschentuch, während er mit einem Finger auf die Zeitung tippt. Er ermutigt uns immer, das aktuelle Weltgeschehen zu verfolgen. Deshalb dreht sich unser Gespräch auch bald um die heutigen Schlagzeilen, die Bankenkrise und schließlich um Ruthies Unfall.

Daddys Miene wird ernst. „Ruthie geht es gar nicht gut. Wir sollten ein Gebetstreffen für sie abhalten.“

Mama windet sich. „Bitte, Frank. Nicht beim Mittagessen.“

Mein Vater faltet die Zeitung zusammen und legt sie wieder neben seinen Teller. „Tut mir leid, Emma. Bitte verzeih mir.“ Er stößt einen tiefen Seufzer aus. „Aber ich wünschte, Spencer würde aufhören, Fünfjährige einzustellen. Kinder gehören in die Schule.“

Ich habe einen hervorragenden Vorschlag für einen Themenwechsel: „Da wir das Frettchen behalten werden, braucht es einen Namen. Hat jemand eine gute Idee? Übrigens hat Sarah erzählt, dass man Frettchen für die Hasenjagd nutzen kann.“

„Hm, nun ja …“ Daddy wischt sich den Mund mit der Serviette ab und legt sie dann auf seinen Schoß zurück. „Ich werde drüber nach–“

In diesem Moment fliegt die Hintertür auf und schlägt krachend gegen die Küchentheke. Unsere kleine Schauspielerin tritt ein, lehnt sich an den Türpfosten und hebt ihre Hand in einer dramatischen Geste an die Stirn. „Gib mir einen Whiskey mit Ginger Ale und sei nicht knausrig, Kleiner.“ Annie wirft uns einen prüfenden Blick zu, um zu sehen, ob wir ihre Darbietung von Greta Garbo aus dem Film Anna Christie angemessen würdigen. „Denn ich habe gerade mein Herz verloren.“ Sie grinst und lässt sich dann auf ihren Stuhl fallen.

Mama verdreht die Augen, holt Annies Teller aus dem Warmhaltefach und stellt ihn vor sie auf den Tisch.

Daddy kneift ein Auge zu und starrt meine kleine Schwester an. „Und an wen hast du dein Herz verloren? Doch hoffentlich nicht an Charlie Spencer?“

Annie wiehert, obwohl sie den Mund voller Erbsen hat. „Pfui, nein, Daddy!“ Sie schluckt. „Das war aus Grand Hotel. Aber du hast es mir abgenommen.“ Ihr Grinsen ist ansteckend. „Und das ist die Hauptsache. Ich muuuss einfach Schauspielerin werden!“

Wir lachen über ihre Allüren, aber ich kann Daddy ansehen, dass er immer noch besorgt ist. Wenn Annie den Spencers vom Frettchen erzählt oder – schlimmer noch – unser Engagement für neue Arbeitsgesetze erwähnt, könnte uns das große Probleme einhandeln.

Tommy nimmt meine Hand, als wir die Veranda verlassen, und verschränkt seine Finger mit meinen. Seine kleine Schwester Vera umklammert meine andere Hand, während sie von ihrem Tag erzählt. Der Abend ist schwül, sodass sich ein feuchter Schleier auf unsere Haut legt, als wir die Main Street entlangschlendern. In Sweetgum ist alles fußläufig erreichbar außer ein paar abgelegenen Häusern, die Geschäftsinhabern gehören. Fast niemand hat hier ein Auto.

Anstatt die Straße zum Kino zu überqueren, steuert Tommy auf das Stadtrondell zu. Ich möchte sowieso lieber mit ihm und Vera plaudern, als einen Film zu schauen. Während ich ihn von der Seite mustere, seufze ich innerlich. Tommy ist hochgewachsen, hat sandfarbenes Haar und muskatbraune Augen. Seine Wangenknochen sehen wie gemeißelt aus, und wenn er lächelt, ist meine Welt in Ordnung. Heute Abend ist er ruhiger als sonst. Doch das überrascht mich nicht, schließlich sind wir alle in Gedanken bei Ruthie.

Als wir an Evans Diner vorübergehen, späht Josie Evans gerade zum Fenster heraus und winkt uns zu. Ich stupse Vera an, um sie darauf aufmerksam zu machen, und wir winken beide zurück.

Fröhlich schwinge ich die Hand des kleinen Mädchens vor und zurück und lächele es an. „Ich muss dir eine Geschichte vom Frettchen erzählen.“

Vera reißt ihre Hand los und klatscht begeistert. Als ich ihr die heutige Eskapade schildere, kichert sie vergnügt.

„Mrs Grundy ist so lustig.“ Veras Nase kräuselt sich immer, wenn sie lacht. Tommy gluckst leise, sagt aber nichts. Irgendetwas belastet ihn. Hat es mit der Spinnerei zu tun?

Ich versuche, einen lockeren Ton anzuschlagen. „Wie war die Arbeit heute?“

Vera zerrt an meinem Arm. „Mein Freund Billy hat seinen großen Zeh in einer Spinnmaschine verloren.“

Noch ein Unfall? Mein Blick schießt zu Tommy. „Hanks kleiner Bruder?“ Manche Unfälle sind nicht so schlimm, dass man die Sanitäter rufen muss. Und wenn die Glocke nicht geläutet wird, bekommen wir anderen nichts davon mit.

Tommy nickt bloß, sieht seine Schwester an und hebt mahnend den Zeigefinger an die Lippen. Die süße Vera nickt mit feierlicher Miene. Obwohl sie erst 6 ist, weiß sie schon, dass man manches in dieser Stadt besser nicht laut ausspricht. Das ärgert mich.

Mein Herz zieht sich zusammen. „Erst Ruthie und dann auch noch Billy. Zwei an einem Tag?“

Tommys Finger schließen sich fester um meine. Mit seiner freien Hand hält er Daumen und Zeigefinger einen Zentimeter auseinander. „Er war so nah dran, seinen ganzen Fuß zu verlieren.“

„Wie ist es passiert?“

Vera schiebt ihre Unterlippe vor. „Er ist ausgerutscht.“

Tommy nickt. „Die Fußböden sind mit Baumwollfasern bedeckt.“ Er spannt den Kiefer an. „Spencer teilt nie genug Leute zum Fegen ein.“ Nun beugt sich Tommy vor und flüstert Vera etwas ins Ohr. Sie grinst und hüpft dann zum Stadtrondell voraus, um Blumen zu pflücken.

Ihr Bruder folgt ihr mit dem Blick. „Gott sei Dank war ein Mann in der Nähe. Er hat Billy in letzter Sekunde festgehalten, bevor sein restlicher Fuß in die Maschine gezogen wurde. Billy ist so klein, dass sein ganzes Bein …“

Glücklicherweise beendet Tommy seinen Satz nicht. Ich atme zischend aus. „Der arme Kleine! Wir müssen dafür sorgen, dass ein neues Gesetz verabschiedet wird, und zwar bald. Was, wenn niemand in der Nähe gewesen wäre, so wie bei Ruthie?“

Tommy nickt einmal, sagt aber wieder eine ganze Weile nichts. Er durchdenkt immer alles ganz genau, wie Mama. „Ich werde morgen mit deinem Vater sprechen. Ich habe eine Idee.“ Er drückt meine Hand. „Willst du eigentlich den Film sehen?“

Ich lehne meinen Kopf für einen Augenblick an seine Schulter. Der frische, männliche Duft seines Aqua Velva hüllt mich ein und gibt mir das Gefühl von Sicherheit. „Nicht heute Abend.“ Ich lächele ihn an. „Ich möchte lieber mit dir über unsere Zukunft sprechen.“

Das Stadtrondell befindet sich in der Mitte der Kreuzung. Als die Spinnereibetreiber unsere Stadt nach dem Bürgerkrieg errichtet haben, war ihnen bestimmt nicht bewusst, dass der runde Platz einmal Leben retten würde. Wahrscheinlich wollten die jungen Männer damals einfach Pferderennen veranstalten und bauten deshalb ein Rondell.

Vera kehrt mit einem Blumensträußchen zurück und schenkt es mir. Dann setzen wir uns auf eine der Holzbänke unter dem alten Baum. Tommy legt einen Arm um mich und zieht mich näher an sich heran. Als ich den Kopf an seine Schulter lehne, spüre ich seine Muskeln vom Baseballspielen. Dann erinnert uns ein Kichern daran, dass Vera auch noch da ist. Tommy holt einen kleinen Gummiball aus der Tasche und reicht ihn ihr. Sofort fängt sie an, den Ball gegen den breiten Stamm des Amberbaums zu werfen und wieder aufzufangen.

Es ist Vollmond – Gottes Licht, das verborgene Gefahren aufdeckt. Ich möchte Tommy ein wenig aufheitern. „Gegen wen spielen die Weavers am Wochenende?“

Ein kleines Lächeln umspielt seine Mundwinkel. „Gegen die Super Twisters von den Atco Mills.“

Eine starke Mannschaft. „Denkst du, dass ihr gewinnen werdet?“

Er spannt den Bizeps seines anderen Arms an. „Ich werde mein Bestes geben. Es heißt, dass Talentsucher auf unsere Liga aufmerksam geworden sind.“ Hoffnung und Entschlossenheit schwingen in seiner Stimme mit. Er sieht mich an und lächelt. „Wenn ich von einem Scout unter Vertrag genommen werde, können wir heiraten. Dann nehme ich dich mit, wohin auch immer es mich verschlägt.“

Mein Puls rast. Tommys Traum, einmal in der Profiliga zu spielen, könnte wirklich wahr werden. Er ist gut genug. Dann würden wir Sweetgum und Mr Spencer endlich entkommen.

Aber tief in meinem Innern schreien leise Stimmen: Was ist mit uns?

Zärtlich streiche ich mit den Fingern über Tommys Arm. „Aber wer wird den Kindern helfen, wenn wir Sweetgum verlassen?“, frage ich mit einem Nicken in Veras Richtung. Ihr Gummiball hat den Stamm verfehlt und sie verschwindet gerade hinter den Baum, um danach zu suchen.

Tommy drückt meine Hand, aber sein Blick ist auf etwas in weiter Ferne gerichtet, das ich nicht sehen kann. „Dein Vater. Mit der Hilfe von deiner Mutter und deinen Schwestern.“

„Vermutlich.“ Ich hoffe es zumindest.

Es ist schwer, die Leute davon zu überzeugen, ihre Kinder nicht arbeiten zu schicken. Die Eltern brauchen das Geld, und wenn sie noch keine Erfahrung mit der Arbeit in einer Spinnerei haben, kennen sie die Gefahren nicht. Viele Kinder wollen einfach nur bei ihren Eltern sein und flehen sie an, sie mitzunehmen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir die Einzigen in der Stadt sind, die etwas gegen Kinderarbeit unternehmen wollen.

Tommys Kiefer mag wie gemeißelt aussehen, aber seine Augen sind sanft. Er schaut kurz zu Vera, die uns den Rücken zugewandt hat, und neigt dann den Kopf zu mir. Als seine Lippen meine berühren, stockt mir der Atem.

„Ich kann euch sehen!“, ruft Vera gespielt vorwurfsvoll. Lachend unterbrechen wir unseren Kuss. Dann lehnt Tommy seine Stirn an meine. „Ich liebe dich, Jane.“

Mein Herz macht einen Satz. „Ich liebe dich auch.“ Das hat sich nicht geändert, seit ich 16 war. Meine Liebe ist nur stärker geworden. Jetzt, mit 22, bin ich bereit zu heiraten. Die meisten Mädchen in meinem Alter sind bereits unter der Haube. Lillian wird noch als alte Jungfer enden, wenn sie nicht aufpasst. Sie sagt, dass ich mir den besten Mann in Sweetgum geangelt habe. Hank Barnett hat ein Auge auf sie geworfen, aber Lillian lässt ihn links liegen. Sie sagt, dass sie keinen Mann heiraten will, der in der Spinnerei arbeitet.

3

Als mein Wecker klingelt, reißt er mich aus einem Traum, in dem ich durch die Kirche geschritten bin, um Tommy zu heiraten. Ich habe Mamas Hochzeitskleid getragen und Tommy sah in seinem Smoking einfach umwerfend aus – wie einer von Annies Filmstars. Ich will nicht aufstehen, aber es ist 4:00 Uhr und meine kleine Schwester und ich müssen noch vor Sonnenaufgang die Eier einsammeln. Es gibt einiges zu tun, bevor um 5:30 Uhr das Frühstück für die Gäste serviert wird. Seit Daddy Laternen im Hühnerhaus aufgehängt hat, ist es einfacher geworden. Jetzt legen die Hennen nämlich, wann wir es wollen. Aus irgendeinem Grund legen Hühner normalerweise erst nach Sonnenaufgang, manche sogar erst sechs Stunden später. Verrückte Vögel. Wissen sie denn nicht, dass Eier zum Frühstück gegessen werden?

Ich befreie mich aus meiner Decke und eile ins Badezimmer, um mich zu waschen. Zehn Minuten später bin ich wieder in unserem Zimmer und werfe einen Hausschuh nach Annie, die immer noch tief in ihrem Bett vergraben ist.

„Aufstehen, Schlafmütze! Zeit, die Eier zu holen!“

Ein Stöhnen dringt unter dem Kopfkissen hervor. Meine kleine Schwester hat die alberne Angewohnheit, mit dem Kopf unter dem Kissen zu schlafen statt darauf.

Mit einem Ruck ziehe ich ihr die Decke weg. „Steh jetzt auf, sonst brauche ich das ganze heiße Wasser auf und du musst kalt baden.“

Das zeigt Wirkung. Annie springt sofort auf und rennt kichernd ins Bad. Ich werde ihr nicht verraten, dass sie mir nicht wirklich zuvorgekommen ist. Stattdessen schlüpfe ich in eins meiner vier Arbeitskleider, das ich aus dem grün-weiß karierten Stoff eines Mehlsacks von Gingham Girl genäht habe.

Als Annie ins Schlafzimmer zurückkehrt, holt sie ein gelb, grün und rosa geblümtes Kleid aus dem Schrank. Es war früher mal ein Hühnerfuttersack – sehr passend.

Im Hühnerhaus teilen wir uns auf: Annie übernimmt die eine Seite und ich die andere.

Behutsam greift sie unter eins unserer „Mädchen“, um ein Ei hervorzuholen. „Wetten, dass ich heute mehr schaffe als du?“

„Die Wette gilt!“, erwidere ich. Trotzdem versuche ich, nicht allzu schnell zu machen, weil sonst die Hühner nach mir picken. Annie kann das am besten. Sie verärgert die Hennen nie – im Gegensatz zu mir. Ich bin einfach zu oft abgelenkt. Lillian lassen wir gar nicht mehr hier rein. Sie scheucht die Hühner auf, indem sie die Tiere zur Seite schubst und zu grob anpackt. Lillian wird so sehr gepickt und gekratzt, dass sie blutet, wenn sie aus dem Stall kommt. Und am nächsten Tag legen unsere „Mädchen“ dann keine Eier.

Nachdem alle Mieter gefrühstückt haben – Mrs Grundy wirft Annie und mir immer noch böse Blicke zu –, eilen sie zur Spinnerei. Wenn jemand auch nur eine Sekunde zu spät zur Arbeit kommt, zieht Mr Spencer gleich eine ganze Stunde vom Gehalt ab.

Den restlichen Morgen verbringen wir damit, das Mittagessen zu kochen und die Essenspakete vorzubereiten. Endlich haben wir ein bisschen Zeit, um uns auszuruhen. Annie übt entweder Filmszenen vor dem Spiegel oder geht mit Fannie ins Kino. Ich lese dann immer gerne, aber heute habe ich eine Mission.

Bevor ich aufbreche, setze ich mein Barett auf. Dass eine Frau nie ohne Handschuhe aus dem Haus gehen sollte, sehe ich inzwischen nicht mehr so eng. Zumindest hier in Sweetgum trage ich unter der Woche keine Handschuhe mehr. Schließlich sind wir moderne Frauen. Sonntags ist das etwas anderes.

Sarah hält mich auf, bevor ich zur Tür hinausschlüpfe. „Du gehst in den Laden, um mit deinem Vater zu reden, stimmt’s?“

Ich nicke und warte.

„Sei vorsichtig, Lass. Und nimm den Mund nicht zu voll.“

„Ja.“ Oder sollte die Antwort besser Nein lauten? Ich weiß nie, was ich auf Sarahs kleine Predigten antworten soll. Ich drücke ihr einen Kuss auf die Wange und eile davon. Es fasziniert mich, wie Sarahs irischer Akzent über die Jahre weicher geworden ist und jetzt Elemente der nasalen Sprechweise der Südstaaten enthält. Es ist ziemlich witzig. Sarah rollt das R, wenn es am Anfang oder in der Mitte eines Wortes steht, aber am Wortende spricht sie es amerikanisch aus. Außerdem nennt sie uns Mädchen immer noch Lass, wie es in Irland und Schottland üblich ist.

Der Gemischtwarenladen liegt ebenfalls an der Main Street, schräg gegenüber dem Hotel. Man braucht keine Minute, um hinüberzulaufen. Als ich in den Laden trete, stellt mein Vater gerade Dosensuppe von Campbell’s in die Regale.

Ich sehe mich flüchtig um, kann aber niemanden außer der Köchin der Pattersons sehen. Mit gesenkter Stimme sage ich: „Hat Tommy dir erzählt, dass Ruthies Unfall gestern nicht der einzige Zwischenfall war?“

Daddys Kopf schießt hoch. Als er mich ansieht, kann ich eine deutliche Warnung in seinem Blick lesen. Dann deutet er mit dem Kinn in Richtung Nachbargang und seine Lippen formen lautlos den Namen „Duckworth“.

Die Haushälterin der Spencers. Ich nicke und helfe Daddy, die Regale aufzufüllen, bis die Frau sich etwas entfernt hat. Dann flüstere ich: „Ich nehme an, dass du davon gehört hast?“

Er nickt. Je weniger wir sagen, desto besser. Daddy tippt auf seine Uhr. „Heute Abend.“ Dann scheucht er mich hinaus.

Ich gehe, aber es frustriert mich, warten zu müssen. Geduld gehört nicht zu meinen Stärken. Da ich noch etwas Zeit habe, gehe ich zu Adam’s Feed Store. Im hinteren Bereich des Ladens betreibt Dr. Adams seine kleine Tierklinik. Er möchte sicherlich gerne wissen, wie es dem Frettchen geht.

Als ich eintrete, winke ich Leroy Allman zu. Er wohnt im Hotel, arbeitet aber nicht in der Spinnerei, sondern hier im Tierfutterladen. Ich vermute, dass er in eine Mietwohnung umziehen wird, sobald er ein paar Mitbewohner für eine Wohngemeinschaft gefunden hat. Ich eile am Hühnerfutter vorbei und öffne die Tür zur Klinik.

Dr. Adams’ Frau, Katie, sitzt am Empfang. Ein Lächeln erhellt ihr Gesicht, als sie mich sieht. „Guten Morgen, Janessa. Wie geht’s dem Frettchen?“

„Den Umständen entsprechend gut, aber ich fürchte, dass es immer lahmen wird. Ich werde es behalten müssen.“

Das Telefon klingelt. Während Katie rangeht, winkt sie mich durch. Ich stoße die Tür auf und schließe sie dann wieder hinter mir. Nun bin ich in Dr. Adams’ Labor. Es ist eigentlich nur ein breiter Flur, durch den man in die beiden Untersuchungszimmer gelangt. Dr. Adams steht gerade an einem Tisch auf der Seite und späht in ein Mikroskop. Als er mich hört, hebt er den Kopf. Obwohl er Ende 30 ist, hat er noch dichtes, dunkelblondes Haar ohne eine einzige graue Strähne.

„Komm und sieh dir das an, Janessa.“ Er tritt zurück, um mich ans Mikroskop zu lassen.

Ich senke den Kopf und schaue hinein. Faszinierende kleine schnörklige Dinger wackeln über den Objektträger. „Was ist das?“

„Ohrmilben.“

„Also keine Bakterien.“

„Richtig. Es sind Parasiten, die oft Hunde befallen.“ Er nimmt den Objektträger heraus und legt ihn zur Seite. „Wie geht’s dem Frettchen?“

„Es ist ziemlich flink, trotz Gips und allem. Aber nicht flink genug, um freigelassen zu werden. Deshalb werde ich es behalten.“ Die beiden Untersuchungsräume sind leer und Dr. Adams’ Tasche steht bereit. „Wurden Sie auf eine Farm gerufen?“ Nicht viele Leute in Sweetgum haben Haustiere. Es ist schon schwierig genug, die eigene Familie zu ernähren, geschweige denn ein Haustier. Deshalb verdient der Tierarzt seinen Lebensunterhalt überwiegend durch Nutzvieh.

„Ja, zu einer Stute, die bald fohlen wird. Es ist ihr erstes Fohlen und wir wollen sicherstellen, dass alles gut geht. Möchtest du mitkommen?“

„Ich würde sehr gerne mitkommen, aber bald ist Zeit fürs Mittagessen und ich werde in der Küche gebraucht.“ Widerwillig wende ich mich zum Gehen. Dann fällt mir Billys Zeh ein. „Ich habe noch eine Frage. Welche Pflanze hilft gegen Infektionen?“

„Bei Menschen?“

„Ja. Billy Barnett hat gestern seinen großen Zeh verloren. Ich möchte seiner Mutter etwas geben, um die Wunde zu behandeln. Sie können sich keine Medizin leisten.“

„Ich habe von Billy gehört und auch, dass Ruthie Ralston einen Arm verloren hat. Ein trauriger Tag für die Spinnerei.“ Er denkt einen Moment nach. „Ringelblume. Du kannst eine Salbe aus einer halben Tasse Ringelblumenöl und ungefähr einer halben Unze ausgelassenem Schweinefett mischen.“ Dr. Adams nimmt seine Brille ab und reibt die Gläser mit einem Taschentuch. „Es wäre ratsam, auch etwas Kanadischen Blutwurz hinzuzugeben, falls die Wunde sich bereits entzündet hat. Eine Kombination aus beiden Pflanzen ergibt ein gutes Heilmittel.“

„Danke, Doc. Mrs Barnett wird sich bestimmt freuen.“ Ich winke und öffne dann die Tür.

„Denk dran, die Salbe erst an einer anderen Körperstelle auszuprobieren. Manchmal kommt es zu allergischen Reaktionen.“

„Ja, ich werde es mir merken.“

Auf dem Heimweg danke ich Gott für Dr. Adams und seine Bereitschaft, sein Wissen mit mir zu teilen. Ohne ihn wäre ich verloren. Und Sweetgum auch. Leider heitert mich dieser Gedanke nicht wirklich auf. Tief in meinem Innern fürchte ich, dass Sweetgum bereits verloren ist. Und ich kann nichts tun, um es zu retten.

Als ich in die Küche komme, ist es Zeit, die Essenspakete auszuliefern. Die anderen Mädchen und ich schnappen uns je einen der Körbe.

„Miss Janessa?“ Die zwölfjährige Belulah wippt auf ihren Zehen auf und ab, während sie darauf wartet, dass ich ihr meine Aufmerksamkeit schenke. Es muss wichtig sein. Hoffentlich will sie nicht kündigen. Wir sind eigentlich auf der Suche nach mehr Helfern, seit Lillian ganztags in Mr Nortons Five & Dime arbeitet.

„Was ist los, Belulah?“ Da sich der Henkel des Korbs in meine Finger gräbt, nehme ich ihn in beide Hände.

„Meine Schwester Charity wird nächste Woche mit der vierten Klasse fertig. Danach könnte sie im Hotel aushelfen – Tische abräumen, fegen und Betten machen. Wenn Sie also noch jemand suchen …“

Gott sei Dank! „Das ist großartig, Belulah! Sag ihr, dass sie am Samstag vorbeikommen kann. Dann werde ich ihr alles zeigen.“

Belulah grinst breit, sodass ich ihre schönen weißen Zähne sehen kann. „Ja, Ma’am. Danke, Miss Janessa.“ Dann hüpft sie fröhlich voraus.

Auch mein Gang ist nach dieser Neuigkeit etwas beschwingter. Nachdem wir die Essenspakete ausgeteilt haben, eilen Annie und ich nach Hause.

Sarah und Mama sind gerade damit beschäftigt, unser Mittagessen zu servieren. Eine große Terrine steht mitten auf dem Tisch. Dem Duft nach zu urteilen handelt es sich um Sarahs Mehlklöße mit Hähnchen. Ich liebe die dicke, cremige Brühe, in der die Klöße und das Fleisch schwimmen.

Ich hebe den Deckel und schnuppere genüsslich. „Unsere Mieter werden sich heute Abend freuen.“ Da die Arbeiter mittags nur eine Kleinigkeit essen können, bringen wir ihnen meistens ein Sandwich oder eine Pastete – mit oder ohne Fleisch, je nachdem, was gerade vorrätig ist. Abends bekommen die Mieter dann das, was wir mittags gegessen haben.

Annie sitzt bereits an ihrem Platz, als Daddy nach Hause kommt. Mama stellt eine Schüssel mit Erbsen auf den Tisch und setzt sich dann ebenfalls hin. Nach dem Gebet sind wir alle ein paar Minuten still und genießen das köstliche Essen.

Während ich einen Kloß mit meinem Löffel zerteile, frage ich: „Hat jetzt jemand eine Idee, wie wir das Frettchen nennen können? Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, aber mir ist noch nichts Passendes eingefallen.“

Daddy schmiert Butter auf ein Brötchen und sieht mich dabei an. „Wie wäre es, wenn du ihn nach einem Gangster benennst? Schließlich sind Frettchen notorische Diebe.“

Ich rümpfe die Nase. „Nur, wenn es ein süßer Name ist. Al Capone ist nicht süß. Bugsy oder Baby Face würde gehen, aber das ist zu einfallslos. Kann ich bitte die Erbsen haben, Sarah?“

Sie reicht mir die Schüssel. Als ich einen Löffel auf meinen Teller gebe, kommt mir plötzlich der Name eines meiner Lieblingskomiker in den Sinn. Ich lache laut auf. Alle hören auf zu essen und starren mich verwundert an.

„Oh, Entschuldigung. Ich glaube, ich habe den perfekten Namen gefunden.“ Ich grinse Annie an. Meine Idee wird ihr garantiert gefallen. „Buster. So wie Buster –“

„Keaton!“, platzt es aus Annie heraus – zusammen mit einer Erbse, die mitten auf dem Tisch landet. Schnell legt Annie eine Hand darüber. „Huch, Entschuldigung. Buster ist genial, Jane! Fannie wird sich kaputtlachen, wenn ich ihr davon erzähle.“

Ich halte vor Schreck die Luft an. Lillian lässt ihre Gabel fallen. Daddy atmet scharf ein und beginnt zu husten. Sogleich springt Mama auf und klopft ihm auf den Rücken.

Nach ein paar Sekunden hebt er die Hand und nimmt einen Schluck Wasser. „Annie, du solltest Fannie besser gar nichts vom Frettchen erzählen.“

Sie reißt die Augen auf. Ihr Mund öffnet sich, aber kein Ton kommt heraus.

O nein, bitte nicht! Ich lasse die Gabel sinken und starre Annie an. „Hast du ihr etwa schon von Buster erzählt?“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht.“ Sie hebt den Löffel und schiebt sich ein Stück Hähnchenfleisch in den Mund.

Während Daddy ihr einen Vortrag darüber hält, wie gefährlich es sein kann, den Spencers Details aus unserem Privatleben zu verraten, denke ich über ein gutes Versteck für Buster nach.

Mama sieht mich an. Sie kennt mich so gut, dass sie genau weiß, was ich denke. Plötzlich grinst sie Daddy an. „Ich habe eine Idee.“

Die Liebe in Daddys Augen, wenn er Mama ansieht, ist rührend. „Ja?“

„Wie wäre es, wenn Jane und du unter der hinteren Veranda ein Gehege für das Frettchen baut? Dort ist es in Sicherheit, niemand kann es sehen. Und trotzdem kommt man gut hin.“

Das wäre perfekt! „Außerdem müsste ich dann nicht immer den weiten Weg bis zur Scheune laufen.“ Jetzt setze ich die Schauspielmethoden meiner kleinen Schwester ein: Ich hebe die Augenbrauen, setze einen flehenden Blick auf und drehe mich zu meinem Vater um. „Würdest du mir bitte dabei helfen?“

Er faltet seine Serviette und legt sie über seine leere Schüssel. „Na gut.“ Dann wirft er Annie einen strengen Blick zu. „Aber das war das letzte Mal, dass du den Spencers von unseren Familienangelegenheiten erzählt hast.“ Seine Miene verfinstert sich noch mehr. „Ich verstehe nicht, warum du es überhaupt getan hast.“

Annie senkt den Blick. „Es ist mir einfach rausgerutscht.“ Dann hebt sie das Kinn und fügt schnell hinzu: „Fannie erzählt halt immer von ihrem geliebten Percy.“ Sie verzieht das Gesicht und verdreht dabei die Augen.

Ich beobachte Annie nur zu gerne dabei, wie sie versucht, sich herauszureden. Sie braucht fast keine Worte – ihr Gesicht ist ausdrucksstark genug.

Daddy kratzt sich an der Schläfe. „Wer ist Percy und was hat er mit dem Frettchen zu tun?“

„Percy ist Fannies fetter, übellauniger Mops, der immer schnauft wie eine Dampflok.“ Sie schaudert. „Ich wollte Fannie nur klarmachen, was ein wirklich lustiges Haustier ist.“

Mama und ich beißen uns auf die Lippen, um nicht loszuwiehern. Daddy legt seine Hand auf Annies. „Du hast ein weiches Herz, mein Schatz, aber du musst lernen nachzudenken, bevor du sprichst.“

„Ja, Daddy.“ Sie sieht mich an. „Tut mir leid, Jane.“

„Alles gut. Ist ja nichts Schlimmes passiert.“

Abgesehen davon, dass Mr Spencer wahrscheinlich einen weiteren Minuspunkt hinter dem Namen Taylor notiert hat.

4

Sarah deutet mit einem Holzlöffel auf ein Glas, das in einem Schmortopf in einem der Warmhaltefächer über dem Herd steht. „Was in St. Patricks Namen ist das?“

„Das ist Ringelblumenöl, das ich gestern hergestellt habe.“ Ich öffne die Tür des Eisschranks und hole die Dose mit dem Schweinefett heraus. „Ich mache eine Salbe für Billy Barnetts Fuß.“

„Ach so. Das ist eine gute Idee. Seine Eltern können sich keine Medizin leisten.“

Sarah holt das Glas mit dem Öl aus dem Topf und stellt es für mich auf den Tisch. „Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine liebe Mutter – Gott hab sie selig – medizinische Öle auf diese Weise hergestellt hat.“

Nachdem ich die Flüssigkeit gesiebt und die Blütenblätter weggeworfen habe, schmelze ich eine halbe Unze Schweinefett. Wenn es abgekühlt ist, werde ich es mit vier Unzen Ringelblumenöl und ein wenig Kanadischem Blutwurz mischen, das Ganze in ein kleines Glasgefäß geben und es dann Billys Mutter bringen.

An der Küchentheke neben der Spüle steht Mama und dreht die Kurbel des Fleischwolfs. Sie zerkleinert Schweinefleisch für das irische Gericht, das es morgen geben wird – Shepherd’s Pie, ein Auflauf aus Kartoffelpüree, Hackfleisch und Gemüse. Während Billys Salbe abkühlt, schneide ich Kohl, Karotten und Zwiebeln für den Auflauf. Charity gibt das gehackte Gemüse in eine große Schüssel.

„Danke, Charity.“ Sie lernt schnell und ist ein gutes Küchenmädchen.

Als ich mit dem Gemüse fertig bin, wasche ich mir die Hände, stelle die Schüssel in den Eisschrank und verschließe dann das Salbenglas. „Wenn du mich jetzt nicht mehr brauchst, gehe ich schnell zu Mrs Barnett rüber und bringe ihr die Salbe.“

Mama hört einen Moment auf zu kurbeln. „Richte ihr aus, wie leid mir das mit Billy tut.“ Sie runzelt die Stirn. „Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden. Einerseits würde ich Billys Mutter gerne fragen, was sie sich dabei gedacht hat, einen Fünfjährigen in der Spinnerei arbeiten zu lassen. Andererseits verstehe ich, dass sie das Geld brauchen. Aber der Preis dafür …“ Mama beißt sich auf die Lippe und verstummt.

Sie trauert um Ruthie. Wie wir alle. Heute früh haben wir erfahren, dass Ruthie letzte Nacht heimgegangen ist. Ihre Verletzungen waren zu schwer und sie hat zu viel Blut verloren.

„Ist Daddy drüben bei den Ralstons?“, frage ich, während ich die Salbe zusammen mit ein paar von Sarahs Keksen für Billy in einen kleinen Korb packe.

„Ja. Er hilft ihnen, die Beerdigung vorzubereiten.“ Mama wirft einen flüchtigen Blick auf die Uhr. „Ich mache mir Sorgen, weil er so viel arbeitet. Hast du heute die Zeitung gelesen? Es heißt, dass die Arbeitslosenquote jetzt bei 24 Prozent liegt.“ Händeringend starrt Mama zum Fenster hinaus. „Im ganzen Land gibt es so viele Menschen, die in ihren Autos leben – wenn sie eins haben – oder in Zelten am Flussufer.“

Ich stelle den Korb ab und lege meiner Mutter einen Arm um die Schulter. „Alles wird gut werden. Ganz bestimmt. Denk an die Spatzen.“

Jetzt erreicht Mamas Lächeln auch ihre Augen und sie entspannt sich. „Du hast recht, mein Schatz. Wie immer. Manchmal denke ich, dass du den stärksten Glauben von uns allen hast. Und jetzt geh zu Billy.“

Mir ist ein wenig leichter ums Herz, als ich mich auf den Weg zu den Ralstons mache. Dafür, dass wir noch Frühling haben, ist es ziemlich heiß draußen und die Luft ist feucht. Meine Füße wirbeln kleine Staubwolken auf, als ich die Church Street entlanglaufe, um zu den Unterkünften der Spinnerei zu gelangen. In der ersten Häuserreihe, der First Row, lebt meine beste Freundin Mary Patterson. Ihr Vater ist ein Aufseher der Spinnerei, deshalb dürfen sie in einem der größeren Häuser wohnen. In den ersten beiden Reihen sind alle Häuser weiß gestrichen. Sie sehen völlig identisch aus, wie die Kekse, die Sarah mit ihrer runden Plätzchenform aussticht.

Hinter den weißen Häusern erstrecken sich mehrere Reihen von Arbeiterbaracken. Sie sind wesentlich kleiner und ihre Innenwände sind ungestrichen, während sie von außen nur mit einer dünnen Tüncheschicht bedeckt sind. Die gewöhnlichen Arbeiter leben hier oder in einem der Mietshäuser. Ich biege in die Fourth Row ab, die bloß eine schmutzige Gasse zwischen zwei Häuserreihen ist. Hier und da ist ein schlammiges Rasenstück zu sehen. Vor der Nummer 11 bleibe ich stehen und klopfe an die Tür.

Ein Hund bellt. Mrs Barnett beruhigt ihn mit leiser Stimme. Dann öffnet sie die Tür.

„Janessa! Ich habe mir schon gedacht, dass du kommen würdest, um nach Billy zu sehen.“ Sie weicht einen Schritt zurück. „Komm doch rein.“