Wenn Wohnungen Augen hätten... - Dr. Margot Gerisch - E-Book

Wenn Wohnungen Augen hätten... E-Book

Dr. Margot Gerisch

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Beschreibung

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Das betrifft nicht nur Urlaubsreisen, sondern auch die Reise durch ein erfülltes Leben. Margot Gerisch ist eine solche Reisende und kann uns spannende Einblicke in ein Leben deutsch-deutscher Geschichte geben. Vaterlos, ausgebombt und arm kämpft die kleine Familie sich durchs beschwerliche Leben. Als dann auch noch viel zu früh die Mutter stirbt, müssen Margot und ihre jüngere Schwester ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Das bedeutete als Erstes, einen Ernährer zu finden. Der ist auch bald zur Stelle und mit ihm die Kinderschar. Doch Margot genügt das nicht, sie studiert, will aus ihrem Leben etwas machen – und schafft es. Am Ende ihres Lebens kann sie stolz auf ihre Errungenschaften blicken.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2024 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-865-1

ISBN e-book: 978-3-99131-866-8

Lektorat: Isabella Busch

Umschlagfoto: Dr. Margot Gerisch

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Dr. Margot Gerisch

www.novumverlag.com

Zitat

Wenn Wohnungen Augen hätten …

Der Possenreißer leiht seine aus

Einleitung

Margot Gerisch

arbeitete in den 50er- und 60er-Jahren in der Redaktion des SONNTAG (heute FREITAG) und schrieb in dieser Zeit u. a. Literaturkritiken zu Neuerscheinungen von DDR-Autoren.

Veröffentlichungen

Lebenswenden

Geschichte erlebt und erzählt. Von 23 Autoren.

Hrsg. von Margot Gerisch. Schöneiche 2009

Die Wanderweste

Der Specht in Schöneicher Hefte 2/2006

Hilferufe eines Lindenblattes in Jeder Baum lässt sich umarmen.

Hrsg. von Katrin Pieper. Schöneiche 2007

Die Eiche im Alten Gutsdorf in Mit dem Buch unterm Arm

zu Bäumen und Steinen. Schöneicher Naturdenkmale 2015

Der Dirigent Fabian Enders in Der Zauber liegt in der Arbeit.

Künstler in Schöneiche 2016

Wohnungen

Andreasstraße

Mein erstes Zuhause war eine Wohnung in der Andreasstraße, gelegen in der Nähe des Schlesischen Bahnhofs in Berlin.

Großvater, Schneider von Beruf, besaß eine Singer-Nähmaschine die ihn und seine zehn Kinder durchs Leben, auch über den Ersten Weltkrieg hinweg, gebracht hat. In der Mitte des Esstisches lagen zuweilen zwei Heringe, umgeben von ein paar Pellkartoffeln, wonach fleißig gegriffen wurde. Ich selber kam nicht in diesen Genuss, Mutter trug mich fort.

Büschingstraße

Ich gelangte in die nicht weit entfernte Büschingstraße, südlich vom Friedrichshain, nördlich vom Alexanderplatz. An diesen Platz fuhr sie mich fast jeden Abend, holte dort vom Bahnhof einen Mann ab. „Das ist dein Papa“, redete sie lächelnd auf mich ein, und er beugte sich zu mir hinunter. Er war aus Schöneweide gekommen, wo er als Dreher arbeitete, das erzählte er mir später.

In unserer Stube stand ein schwarzes Metallbett, so groß, dass wir alle drei darin Platz hatten. Eines Morgens saß die Mutter auf dem Bettrand und weinte. „Na ja“, erklärte mir der Papa, „der Storch hat der Mutti ins Bein gebissen, siehst du, wie es blutet?“ „Ja, ja“, nickte ich, und wahrhaftig, die Ansicht des verwundeten Beines prägte sich mir so tief ein, dass ich bis ins hohe Alter glaubte, eine wirkliche Wunde gesehen zu haben. Heute weiß ich, dass alles ist eine Mär, aber Märchen glaubt man, sie bleiben, so alt wir auch werden, am Leben, sie bleiben jung, leben in uns.

In den nächsten Tagen befand ich mich in einem riesengroßen Saal, wohl in einem Krankenhaus. Um Muttis Bett standen ganz viele Leute, die mir den Blick zu ihr versperrten. Ich hatte neue Gamaschenhosen an, die machte ich nass, ohne dass ich es verhindern konnte. Ich stieß Tante Wally an, die nahm mich sofort an die Hand, aber sie schimpfte nicht, nahm mich mit zu sich nach Hause. Dass ich ein Schwesterchen bekommen hatte, hat mir wohl keiner gesagt. Jedenfalls war Mutti bald wieder zu Hause, und ich lief jeden Tag mit ihr neben einem Kinderwagen zum Alexanderplatz. Warum nur konnte ich mich nicht erinnern, dass plötzlich ein Baby unter uns war? Ob es niemals geschrien hatte? Habe ich niemals sein Händchen angefasst? (Ich muss mich direkt mal bei meiner Ältesten erkundigen, ob sie sich an die Zeit erinnern kann, als Antje oder Steffen Babys waren.)

Friedrichsberger Straße 10

Nun, die enge Stube in der Büschingstraße haben wir bald verlassen und zogen in die Friedrichsberger 10, Stube und Küche im Hinterhaus, 2 Treppen. Das große Metallbett war durch zwei schöne hellbraune Holzbetten ersetzt worden, in denen ich in der Besucherritze schlafen durfte, und das Schwesterchen erhielt ein Kinderbettchen. Außerdem bewunderte ich einen großen Spiegelschrank, das sei eine Frisiertoilette, sagte mir Mutti und erklärte mir allerhand Gegenstände aus Glas, die darauf standen. Ihre Freude über die neuen Möbel war so groß, dass sie Papa um den Hals fiel und ihn immer wieder für die Idee lobte, die für die Altersrente eingezahlten Beiträge vorzeitig zurückzufordern.

Mein besonderes Interesse galt einem Regal, in dem Bücher aufgereiht waren. Eines davon sollte mein Lieblingsbuch werden: „Von Hans Sachs bis Wilhelm Busch, ein lustiges Versbuch für Kinder“. Da ich noch nicht lesen konnte, hatten es mir die Illustrationen angetan, einfache Zeichnungen, die ich ausmalte wie in einem Malbuch, etwa einen Baum. Erst später, als ich die dazugehörige „Tragische Geschichte“ von Adelbert von Chamisso lesen konnte, merkte ich, dass der vermeintliche Baum ein Mensch war, der sich ständig um sich selbst dreht. Weiterhin konnte ich bei dem Schwank „Die Histörchen“ von August Kopisch zwar schon den Titel entziffern und erkannte die dazu abgebildete Illustration ganz richtig als eine Männerrunde, hielt diese Herren aber für Histörchen.

Dieses Buch hat mich viele Kindheitsjahre begleitet, die darin versammelten Märchen, Sagen, Legenden, Fabeln, Gedichte und Geschichten habe ich mit wachsender Begeisterung gelesen und lernte Verse von Goethe und Schiller, von Matthias Claudius, Peter Rosegger, Annette von Droste-Hülshoff, Theodor Fontane, Eduard Mörike, Joseph von Eichendorff, Ludwig Uhland und vielen anderen kennen und hatte meinen Spaß dabei, ohne dass mir deren Namen schon etwas gesagt oder gar bedeutet hätten.

Ich muss dieses Versbuch über die Kriegswirren hinweg gerettet haben. Denn als ich schon in der 5. Klasse war und uns unsere Lehrerin bat, doch mal irgendein Gedicht aufzusagen, suchte ich mir eins aus eben diesem Buch aus: „Das Erkennen“, und bekam für meinen Vortrag eine Eins. Der Verfasser Johann Nepomuk Vogl war mir weder ein Begriff, noch ist mir sein Name im Laufe meines Germanistikstudiums jemals untergekommen.

Aber dieses Erlebnis hat mich im Alter eingeholt, und ich habe mir das längst abhandengekommene Buch im Antiquariat wiederbeschafft. Sogleich suchte ich „Das Erkennen“ heraus, und das Mitgefühl mit dem darin beschriebenen Wanderburschen packte mich wie einst, sodass ich das Gedicht den Mitgliedern unserer Schreibwerkstatt unbedingt vorlesen musste.

Und siehe da! Eine Autorin aus der Runde sprach den Text mit, ihre Mutter habe es ihr oft vorgelesen, es war ein Bestandteil ihrer Kindheit gewesen, und sie hatte es auch als Erwachsene nicht vergessen.

Das Erkennen

von Johann Nepomuk Vogl

Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand

kommt wieder heim aus dem fremden Land.

Sein Haar ist bestäubt, sein Antlitz verbrannt;

von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?

So tritt er ins Städtchen durchs alte Tor,

am Schlagbaum lehnt just der Zöllner davor.

Der Zöllner, der war ihm ein lieber Freund,

oft hatte der Becher die beiden vereint.

Doch sieh, Freund Zollmann erkennt ihn nicht,

zu sehr hat die Sonn’ ihm verbrannt das Gesicht.

Und weiter wandert nach kurzem Gruß

der Bursche und schüttelt den Staub von dem Fuß.

Da schaut aus dem Fenster sein Schätzel fromm:

Du blühende Jungfrau, viel schönen Willkomm!

Doch sieh, auch das Mägdlein erkennt ihn nicht,

die Sonn’ hat zu sehr ihm verbrannt das Gesicht.

Und weiter geht er die Straße entlang,

ein Tränlein hängt ihm an der braunen Wang.

Da wankt von dem Kirchsteig sein Mütterchen her;

Gott grüß Euch! So spricht er, und sonst nichts mehr.

Doch sieh, das Mütterchen schluchzet vor Lust:

Mein Sohn! Und sinkt an des Burschen Brust.

Wie sehr auch die Sonne sein Antlitz verbrannt,

das Mutteraug’ hat ihn doch gleich erkannt.

Seinerzeit, in der Friedrichsberger 10, gab es natürlich mehr, als ein Buch zu entdecken. Allerlei Vergnügungen fanden wir Kinder auf dem zweiten Hinterhof. Es machte uns nichts aus, dass wir im ersten Hof nicht spielen durften, die Leute aus dem Vorderhaus hatten sich das verbeten. Hinten gefiel es uns ohnehin viel besser, weil gegenüber weit und breit nur niedrige Fabrikgebäude standen, so konnte die Sonne den lieben langen Tag auf uns herab scheinen.

Außerdem zeigten unsere Küchenfenster nach dieser Seite, und wir konnten nach unseren Müttern rufen, wenn wir etwas brauchten:

„Wirf uns doch ’ne Stulle runter!“

„Mit was denn?“

„Mit Margarine!“

Butterstullen, die schmeckten uns nicht, so seltsam sich das heute anhört. Mutti erzählte später oft, dass sie unsere Frühstücksstullen immer ganz dick mit Marmelade bestrich, damit wir die Butter darunter nicht sahen. Es ging uns also ganz gut.

Weniger gut fand ich allerdings, dass die alte Frau aus dem Parterre, die sich immer so nett mit uns unterhalten hatte, kein Wort mehr mit uns wechselte, uns kaum noch anschaute, dabei war Frau von Pazciensky doch so gesprächig gewesen, hatte oft sogar mit uns und über uns gelacht.

Ob das an dem sonderbaren Stern lag, der neuerdings an ihrer Jacke befestigt war?

Mittlerweile verliefen unsere Tage auch nicht mehr so wie bisher, denn wir holten Papa nicht mehr vom Bahnhof ab. Er war eingezogen worden, hatte jetzt Dienst in einer Kaserne in Küstrin. Mutti fuhr ihn manchmal besuchen, brachte Fotos davon mit, darunter das sehr schöne, auf dem sie mit Mantel, einem schicken Hut und modischen Hackenschuhen neben ihrem Mann abgebildet ist. Als er einmal zum Urlaub nach Hause kam, machten wir einen kleinen Ausflug ins Strandbad Müggelsee. Weitere gemeinsame Unternehmungen hat es dann nicht mehr gegeben. Von uns wollten wir ihm auch Fotos zuschicken. So ging Mutti sonntags mit uns in den nahen Friedrichshain zum Fotografieren. Dort durften wir uns in ein Kinderauto setzen, das der Fotograf für seine Familienbilder bereithielt, die dann an Papa geschickt wurden, erst in die Kaserne nach Küstrin, dann nach Russland.

Einmal fuhr Mutti mit uns nach Chemnitz zu einer Tante Dora, eine ihrer Schwestern. Erinnerungen an die Kindheit wurden besprochen, darunter die in aller Gedächtnis haftende Geschichte von den beiden Salzheringen und den Pellkartoffeln, die unter ihnen, so gerecht es nur ging, verteilt wurden, ohne dass Zank und Streit aufgekommen wäre. Natürlich war auch Opas Singer-Nähmaschine im Gespräch, die Mutti über die Zeiten bewahrt hatte und die auch später in meiner Familie ihren Platz und ihren Nutzen fand. So manche Gardine wurde damit genäht.

Eine andere Schwester, die nicht gar so weit entfernt wohnte, haben wir öfter besucht: Tante Lieschen wohnte mit ihrem Mann in Berlin-Karow in einer Kellerwohnung. Aber bei ihr gefiel es uns Kindern nicht, weil wir immer ganz brav in der Küche sitzen mussten, es sollte schließlich nichts schmutzig gemacht werden, Kinder gab es dort nicht.

Am liebsten waren wir bei Tante Wally und Onkel Georg zu Besuch, sie wohnten auch in Karow, in dem Garten an ihrem Häuschen durften wir uns nach Herzenslust austoben, und in den Sommermonaten konnten wir alle draußen im Garten sitzen. Von Onkel Georg, ihrem Bruder, hat Mutti oft erzählt, er sei der Einzige gewesen, der zu allen Zeiten, auch in schwierigsten Situationen zu ihr gestanden hätte. Dabei sah sie mich an und umarmte mich.

Ausgerechnet ihn, den verehrten und geliebten Bruder hatte es kurz vor Kriegsende getroffen, als im Nachbargrundstück eine Sprengbombe einschlug, bei ihm und bei Tante Wally waren die Lungen geplatzt.

Dieses Unglück indes sollte nicht der einzige Schicksalsschlag sein, der unsere kleine Familie in diesem Krieg ereilte. Schon 1942, oder war es Anfang 1943, besuchte uns ein fremder Mann, er hätte eine traurige Nachricht zu überbringen: „Ihr Mann ist in der Schlacht bei Stalingrad gefallen, aber trösten Sie sich, er hat sich nicht lange quälen müssen, er starb unmittelbar nach einem Kopfschuss.“ Später habe ich erfahren, dass die Überbringer solcher Todesnachrichten dazu angehalten waren, den Witwen diese schnelle Art des Sterbens mitzuteilen, auch wenn es sich an der Front in Wahrheit viel qualvoller zugetragen hatte, um die Trauernden wenigstens etwas zu beruhigen. Mutti war natürlich nicht zu beruhigen und begann bitterlich zu weinen. „Aber Sie sind doch noch so jung“, sagte er noch und hielt das wohl für einen Trost, wobei er natürlich recht hatte, unsere Mutter war gerade mal 29 Jahre jung.

Auch in anderer Weise sollten wir jetzt die Nähe des Krieges zu spüren bekommen. Die Nächte verbrachten wir jetzt immer im Luftschutzkeller des Hauses, schliefen dort, so gut wir konnten. Einmal wurden wir von einem tumultartigen Treiben aus dem Schlaf gerissen. Frauen und die paar Männer, die sich da noch unter den Zivilisten befanden, kamen lachend und weinend und lärmend in den Keller, umarmten sich und freuten sich über alle Maßen. Wie wir dann mitkriegten, war ihnen etwas Großartiges gelungen. Sie hatten es geschafft, dass das Feuer der von Brandbomben getroffenen Fabrikgebäude hinter unserem Haus nicht auf unsere Wohnungen übergriff. Sie hatten gelöscht und gelöscht, rochen jetzt noch nach Qualm und Brand. Eines der schönen bunten Kopftücher von Mutti war versengt, auch ihre Haare.

Trotz der Bombennächte ließen wir uns von unseren fröhlichen Spielen auf der Straße nicht abbringen: Hopse, meistens „Himmel und Hölle“, aber auch Trieseln und Einkriegezeck. Noch brennende oder schwelende Ruinen auf der anderen Straßenseite störten uns nicht, sie gehörten zu unserem Alltag.

In den Nächten allerdings hielt es uns nicht mehr in den Kellern unserer Häuser. Sobald die Sirenen zu heulen begannen, zogen wir mit Sack und Pack, vor allem mit den Federbetten, in den großen, bombensicheren Bunker im Friedrichshain. Nach erneutem Sirenengeheul, nun der Entwarnung – die Bomben werfenden Flieger waren also abgezogen –, wanderten alle wieder nach Hause, nun mit der bangen Frage, ob die jeweiligen Wohnhäuser nichts abgekriegt hatten und noch standen. Wir jedenfalls hatten Glück.

Dennoch wurden die Kriegsgefahren immer drängender, die Bombardierungen folgten dichter aufeinander, und so wurden 1943 – oder war es 1944 – viele Berliner evakuiert, darunter auch wir.

Mit allem, was mitzuschleppen ging, zogen wir los. Die erste Zwischenstation war ein Bahnhofsflur, in dem neben uns noch viele andere übernachteten. Weiter ging es dann nach Elsterwerda-Biehla. Unser Zug setzte sich gerade zur Weiterfahrt in Bewegung, da hörten wir vom unteren Bahnsteig her den übermenschlich lauten Schrei einer Frau. „Haaalt! Haaalt“, schallte es bis zu uns hoch. Wie sich dann herumsprach, befanden sich die Kinder der Frau in dem bereits anfahrenden Zug, sie hatte nur noch schnell ihre Federbetten holen wollen. Oh Wunder! Der Lokführer hatte den Hilferuf gehört und sofort angehalten. Die Freude darüber bewegte die Fahrgäste in unserem Abteil noch lange. Dann aber war das Ziel unserer Reise Gesprächsthema: Wohin werden wir wohl gebracht? Es wird wohl nach Genthin gehen, meinten einige. Das sei aber kein so schöner Ort, war die allgemeine Stimmung. Nein, hieß es dann, für uns sei Kirchmöser vorgesehen. Alle waren froh, ja, das sei eine wunderbare Gegend.

Kirchmöser

Und so kam es denn auch. Wir wurden in einem Mansardenstübchen einquartiert, dicht an einem Kiefernwald, in dem wir reichlich Brennmaterial für den kleinen Ofen, also Kienäpfel, sammeln konnten. Nicht weit von unserer Unterkunft floss die Havel, in der wir nach Herzenslust badeten. Schwimmen konnten wir noch nicht, aber aus den am Ufer wachsenden Binsen, bauten wir uns wirksame Hilfsmittel, so etwas wie Schwimmringe, mit denen wir auch ins Tiefe paddeln konnten.

Keine Sirenen, keine Bomber störten uns. Nur manchmal erinnerten uns die Flammen, die auf der dem Fluss gegenüberliegenden Seite zu sehen waren, daran, dass Krieg war. Das Walzwerk Brandenburg war bombardiert worden und wohl auch Wohnhäuser der Stadt.

Auf der bei uns friedlichen Seite des Flusses hatte unsere Mutter in der Nähe des Ufers ein paar Beete angelegt, wo sie Radieschen und Gemüse anpflanzte oder Saatkörner ausstreute. Als Kind hat man noch keine Lust auf „Gartenarbeit“, und die wurde auch nicht von uns verlangt. Viel lieber tobten wir in einem alten, auf den nahen Gleisen abgestellten Eisenbahnwagen herum.

Das zusätzlich zu den rationierten Lebensmitteln gezogene Gartengemüse reichte allerdings nicht aus, uns satt zu machen, Brot fehlte oft. Da brachte ich eben mal einen schön gemusterten Seidenstoff, den die Mutter „übrig“ hatte, zum Bäcker und erhielt dafür ein köstliches frisches Zweipfundbrot, von dem wir – sparsam über die Tage verteilt – essen durften.

Viel Spaß hatte ich in jenen Tagen beim Fahrradfahren, musste es jedoch erst von den anderen Kindern lernen, und da ich nur ein Herrenfahrrad ergattern konnte, war das für mich zusätzlich schwer. Ich schaute erst mal zu, wie die anderen das machten: Das waren ja regelrechte Kunststücke, eigentlich Verrenkungen, wie die das eine Bein, mit dem sie nicht über die Lenkstange reichten, unten durchschoben, um so auf das rechte Pedal zu gelangen. Man klebte so mehr neben dem Fahrrad, als dass man darauf saß. Es sah ein wenig gefährlich aus, aber man kam voran.

Wie groß war meine Freude, als Mutti von einer Berlinfahrt ihr Damenfahrrad mitbrachte, damit ließ sich herrlich fahren, auch wenn ich noch zu klein war, um auf dem Sattel sitzen zu können. Sozusagen im Stehen zu fahren, das war für uns Kinder ganz und gar üblich, denn um die Schule in Kirchmöser-West zu erreichen, hatten wir eine halbe Stunde zu trampeln. Am Anfang konnte ich eine Schule ganz in unserer Nähe besuchen, die wurde jedoch bald als Lazarett gebraucht.