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"... Die meiste Zeit hatte ich sie einigermaßen lieb - bis auf die Situationen, wo ich sie am liebsten geschüttelt hätte." In einfühlsamen, großteils heiteren Erzählungen schildert die Autorin Episoden ihrer gemeinsamen Zeit mit Tante Josefine, "Finchen". Zunächst nur für sich selbst, Freunde und Familie geschrieben, haben diese Geschichten großes Potential, eine breitere Leserschaft zu erreichen. Beinahe jeder kennt so eine Tante, Oma, ältere Angehörige. Und "wer eine solche Tante hat", wird sie in mancher Erzählung wiederfinden. So oder so ähnlich.
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2019
Iris Bittner
Wer eine solche Tante hat
kann einiges erzählen
© 2019 Iris Bittner
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7482-2205-7
Hardcover:
978-3-7482-2206-4
e-Book:
978-3-7482-2207-1
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1
Als Kinder hatten wir Angst vor ihr. Vielmehr, da ich nur für mich selbst sprechen kann, ich hatte Angst vor ihr. Das lag vor allem daran, dass sie bei kleinsten Vergehen, wie Nase hochziehen, bei Tisch lümmeln oder gar den Erwachsenen widersprechen, sofort mit den schlimmsten Höllenstrafen drohte. Unartige Kinder mussten früh sterben und landeten umgehend im Fegefeuer, bevor sie vom Teufel geholt wurden. Nichts da mit Engelein auf luftigen Wolken oder so.
Ich wurde evangelisch getauft und erzogen, hatte demnach keine Möglichkeit zur Beichte zu gehen, wo ein Priester entschied, was zu tun sei, um die vielen Kindersünden erlassen zu kriegen, das Ganze noch bedrohlicher machte. Das hielt mir Tante Josefine jedenfalls bei jeder Gelegenheit anklagend vor, gerade, als hätte ich meine Konfession böswillig selbst ausgesucht. Wenn sie eine derartige Strafpredigt hielt, wurde ihre Stimme laut und schrill und steigerte sich je nach Anlass bis zum hysterischen Kreischen. Danach schlug sie seufzend das Kreuzzeichen und wandte sich wieder ihrer Stickerei zu, oder womit sie gerade beschäftigt war.
Tante Josefine hatte natürlich auch eine andere Seite. Das war die freundliche Tante, die Äpfel schälte, mich mit frisch gepflückten Erdbeeren fütterte, laut und lustig im Erzgebirgsdialekt das Lied vom Vogelbeerbaum sang, mich dabei an den Händen packte und im Kreis herumwirbelte.
Die am Küchentisch mit uns Kindern siebzehn und vier spielte und mich die meisten Reiskörner, um die gezockt wurde, gewinnen ließ. Und manchmal gruslige Geschichten vom Rübezahl erzählte. Der, neben dem Teufel, auch des Öfteren als Drohmittel diente, wenn auch nicht ganz so bedrohlich, und einen angenehmen Schauer vor dem Einschlafen verursachte. In solchen Momenten stieg sie zu meiner Lieblingstante auf.
Im Laufe der vielen Sommer, die ich bei den Großeltern erlebte, hatte ich gelernt, Tante Josefines Sprache, ein merkwürdiges Gemisch aus oberbayrischen Begriffen und Erzgebirgisch, zu verstehen. Sie selbst verbrachte ebenfalls jeden Sommer im Haus ihrer Eltern und hielt sich in dieser Zeit für erziehungsberechtigt. Begründet durch den Umstand, dass Tante Josefine nun mal die Zwillingsschwester meines Vaters war.
Vaters größter Fehler war in ihren Augen, dass er mit einer evangelischen Frau verheiratet war und insgesamt die religiöse Erziehung seiner Kinder vernachlässigte. Diese Tatsache bewirkte neben unzähligen anderen Charakterunterschieden, dass sich die Geschwisterliebe lebenslang in Grenzen hielt und nur selten etwas wie eine gelöste Atmosphäre entstand, wenn die Zwillingsgeschwister zusammen waren. So fühlte sie sich berufen, ihrerseits alles ihr nur mögliche für das Seelenheil der Nichten zu veranstalten.
Sonntags zog sie ihr Festtagesdirndl an, das die kleine, mollige Frau mit ihrem geflochtenen hochgesteckten dunklen Haar zugegeben richtig hübsch aussehen ließ, und marschierte mit den Kindern an der Hand zur Messe. Zu diesem Dirndl hatte sie sich eigens eine hochgeschlossene Bluse schneidern lassen. Einmal, weil man dem Herrn Hochwürden nicht mit Dekolletee gegenüber treten durfte, und davon abgesehen hielt sie alles, was einen Zentimeter blanke Haut erkennen ließ, für absolut schamlos. Speziell für diese Kirchgänge musste ich schon in frühster Kindheit lernen, fehlerfrei das Ave Maria aufzusagen, und dass ich mir am Kirchenportal den Finger mit Weihwasser zu befeuchten und damit das Kreuzzeichen auf mein Gesicht zu malen hatte. In richtiger Reihenfolge versteht sich; damit hatte ich längere Zeit meine Schwierigkeiten (womit ich glaube ich schon wieder ein paar Tage Fegefeuer riskierte).
Einmal jedes Jahr zur Fronleichnamsprozession wurde ich in ein rosafarbenes Rüschenkleid gesteckt und musste mit anderen Kindern, die ich alle nicht kannte, vor dem Pfarrer herlaufen und aus einem Körbchen welkende Blütenköpfe ausstreuen. Die Menschen murmelten Gebete und sangen, Hochwürden schritt im Schatten eines von vier kräftigen Männern geschleppten prächtigen Baldachins gemächlich dahin; ich schwitzte im züchtigen Rüschenkleid mit den langen Ärmeln in der prallen Junisonne und träumte von Planschbecken und Shorts. So ein Fronleichnamsumzug kann sich ziehen…
In diesem Sommer am Fronleichnamsfest, sonnig und hochsommerlich heiß, die Prozession war überstanden, das Plantschbecken – es war eine zweckentfremdete große Zinkwanne - stand gefüllt im Garten, wir Kinder hüpften begeistert im lauwarmen Wasser herum, waren auch unsere Eltern zum Festschmaus eingeladen. Tante Josefine war damit beschäftigt, das Mittagessen zuzubereiten.
Während der Wintersportsaison - also meist zwischen Oktober und Mai - nahm sie stets eine Beschäftigung als Köchin in einem der damals gerade in Mode kommenden Sport- oder Kurhotels im Alpenland an. Josefine war eine hervorragende Köchin; wenn es beruflich von ihr erwartet wurde kochte sie die schmackhaftesten Gerichte. Sie hätte auch im Privatleben eine hervorragende Köchin sein können, wäre da nicht ihre Idee gewesen, dass Kinder und alte Menschen einer strengen Schonkost bedürften. Als alte Menschen betrachtete sie die Großeltern, beide unter sechzig und beide kerngesund. Dementsprechend wurde der beste Braten zu einer weichen, in irgend einem gesunden Öl gedünsteten und keinesfalls knusprig gebraten Fleischmasse. Salz, Zucker, Sahne galten als absolut unverträglich, weshalb sie nicht vorkamen, genauso wenig wie Rohkostsalate (unverdaulich). Statt dessen gab es als Beilage bis zur Unkenntlichkeit weichgekochtes Gemüse ohne Butter und ungesalzene Kartoffeln. Zum Dessert wässriges Apfelkompott, selbstredend ungesüßt und damit ungenießbar. Wie eben alles, was sie uns vorsetzte. Was kinderseits unlustiges im Essen herumstochern und Genörgel bewirkte, etwas kleinlaut wegen des zu erwartenden Fegefeuers.
Papa war da nicht so zimperlich, er lästerte ziemlich unhöflich und fragte schamlos, ob sie ihre Hotelgäste ebenso fürchterlich gesund und geschmacklos verköstige wie ihre Familie, und wo sie gelernt hätte, so schrecklich zu Kochen. Mama gab sich die beste Mühe zu schlichten, bevor offener Streit ausbrach, nahm höflichkeitshalber einige Bissen zu sich und erlaubte uns Kindern schließlich, aufzustehen und im Garten zu spielen. Papa gesellte sich sehr bald zu uns, in Badehosen nicht ganz korrekt gekleidet, aber dem Wetter angemessen.
Die Großeltern wollten in Begleitung der Enkelkinder einen kleinen Verdauungsspaziergang machen, wozu sie letztendlich genau ohne diese Begleitung aufbrachen. Wir wollten, anstatt sinnlos im Wald herum zu laufen, viel lieber im Wasser panschen. Verstoß gegen irgendein göttliches Gebot, das besagte, wie man sich Eltern gegenüber aufzuführen hatte, welches Tante Josefine großzügig auf die Großeltern ausweitete. Androhung einer schweren Höllenstrafe. Grinsende Absolution von Papa.
Josefine und Mama räumten in etwas gezwungener Eintracht die Küche auf und begaben sich danach mit je einer Tasse Kräutertee in der Hand und auch einer für Papa - Kaffee sei für alle extrem ungesund, nicht nur für Kinder und Greise – in den Garten. Mama verlangte es nach Ruhe, nach einem Liegestuhl und nach einer Zigarette, die sie irgendwo hinter einem Gesträuch verborgen von Papa unbemerkt genießen wollte, Tante Josefine ließ sich aufatmend in einen Korbstuhl fallen, und es hätte noch ein einigermaßen harmonischer Nachmittag werden können…
Doch dann fiel Tante Josefines entsetzter Blick auf die Reihe Beete, auf welchen diverse Gemüsearten matt vor sich hin welkten, und sie rumpelte hoch. Während sie Papa lautstark vorhielt, warum er sich nicht um den Garten der Eltern kümmere und statt dessen blöd wie ein Kleinkind im Planschbecken herum hopse, entrollte sie den Gartenschlauch und begann unter Schimpfen, die Gemüsebeete zu sprengen.
Was Papa zu folgender Aktion verleitete, ist im Rückblick nicht mehr genau festzustellen. Das schlimme Mittagessen, Josefines stetige Schimpferei, die Hitze oder der Kräutertee? Vermutlich trug alles seinen Teil dazu bei, dass er uns Kindern zuzwinkerte und raunte, wir sollten die Tante im Auge behalten, die gleich ganz arg schreien würde.
Sodann begab er sich rasch und leise zum Wasserhahn, wo er den weiteren Zulauf zum Gartenschlauch stoppte. Was Tante Josefine wie vorgesehen veranlasste, verdutzt das Schlauchende vor ihre Augen zu heben um herauszufinden, warum denn um des lieben Himmels Willen kein Wasser mehr herauskam. Woraufhin Papa flugs das Wasser wieder anstellte und Josefine eine gehörige Dusche abbekam. So gehörig, dass sie laut kreischend den Gartenschlauch im hohen Bogen von sich warf, der darauf das Feiertagsdirndl von unter her gründlich einweichte, das sofort im wahrsten Sinne wie ein nasser Sack an ihr herunter baumelte Auch die aufgesteckten Flechten verloren an Fasson. Wir Kinder kugelten uns vor Lachen im Planschbecken, Mama lachte schallend, ebenso Papa. Und wie jeder Mensch mit nur einer Spur Humor gelacht hätte – hallo?! es war brutheiß und sonnig! Nicht so Tante Josefine, die mit Blicken Giftpfeile gegen Papa schoss, wer weiß welche Heiligen als Zeugen anrief und wutentbrannt ins Haus stapfte.
Während der entstandenen Unruhe wurde meine große Schwester zu allem Überfluss von einer Biene in die Wange gestochen. Oma kam mit einem essiggetränkten Lappen angerannt und klatschte ihn Jutta auf die rote, dick geschwollene Backe, was ihr Wehgeschrei eher noch verstärkte.
Es folgte ein hastiger Aufbruch und somit ein vorzeitiges Ende sämtlicher Feierlichkeiten.
Wo Tante Josefine den restlichen Sommer verbrachte ist mir nicht bekannt. Am Abend des gleichen Tages verabschiedete sie sich mit gepacktem Koffer weinend von ihren Eltern, sie bliebe keine Stunde länger in diesem Haus, solange diese Familie, also die ihres Bruders, ein Haufen schrecklicher Menschen, dort verkehren dürften, und ließ sich von einem Taxi zum nächsten Bahnhof fahren.
2
Um es gleich vorweg zu nehmen: Mein doch eher ambivalentes Verhältnis zu Tante Josefine blieb, wenn auch in veränderten Erscheinungsformen, bis an ihr Ende bestehen.
Die Angst vor ihr wandelte sich von belustigtem Kopfschütteln über sorgenvolles Stirnrunzeln schließlich, als sie sehr alt war, in Angst um sie.
Wo ich sie als Lieblingstante gesehen hatte, wurde ich zur bereitwilligen Hilfe in allen möglichen Lebenssituationen, die sie mit steigendem Alter nicht mehr bewältigen konnte. Oder zumindest zur pflichtbewussten Verwandten.
Auch wie ich sie nannte, änderte sich mit den Jahren. Aus Tante Josefine wurde Tantchen Josefinchen, dann eine Zeit lang Josefine. Als Teenager riefen wir sie Joe. Aber nicht lange, denn das wies sie entrüstet zurück, sie sei doch kein Ami! Dass sie schließlich Finchen genannt wurde, gefiel ihr gut, und so blieb es dabei. Und als sie dann sehr alt war, traf es dieser Name genau. Da war sie tatsächlich ein liebenswertes kleines Finchen geworden, das zwar weiterhin schimpfen konnte wie ein Rohrspatz und es trotz aller von mir aufgebrachten Geduld gelegentlich noch schaffte, mich zu kränken. Da war sie dann für mich in Gedanken die alte Fine, die es halt nicht besser wusste. Die meiste Zeit aber hatte ich sie einigermaßen lieb.
Die folgende Geschichte spielte sich in der ´Joe´ Phase ab. Da war ich beinahe 15 Jahre alt und hatte einen ganz besonderen Drang nach Freiheit. Es waren die späten 1960iger Jahre.
Die Tante arbeitete nach wie vor während der Wintersportsaison als Köchin; seit einigen Jahren hatte sie einen festen Platz in einem der Ruhpoldinger Kurhotels, verdiente relativ gut und leistete sich den kleinen Luxus einer dauerhaften Ferienwohnung. Mieten in einem Kurort waren noch nie billig. Diese Wohnung hielt sie auch während des Sommers, obwohl sie die Monate Juni bis September nach wie vor in ihrem Elternhaus verbrachte.
Als die Großeltern relativ jung starben, wurde deren riesiges Grundstück zwischen den Zwillingen geteilt. Papa erhielt das Haus und den halben Garten, Finchen die andere Hälfte des Gartens und etwas Geld. Davon ließ sie in ihrer Gartenhälfte ein kleines Häuschen bauen, wo sie fortan die Sommermonate verbrachte. Das Haus der Großeltern stand für längere Jahre leer, der Garten verwilderte.
In diesem Sommer war mein Freiheitsdrang so weit gewachsen, dass ich es als unzumutbare Härte betrachtete, wie jedes Jahr mit den Eltern zu Rucksack-Tagesausflügen oder mit dem Fahrrad zum Schwimmen ins Freibad aufzubrechen. Ich war ja schließlich kein Schulkind mit Sommerferien mehr, ich war eine junge Dame, die im ersten Ausbildungsjahr stand und Urlaub hatte. Meine beste Freundin Maria war zwar noch ein Schulmädchen – im Gegensatz zu mir hatte sie nicht das Gymnasium geschmissen – sie war aber ein Jahr älter als ich und damit auf alle Fälle höchst erwachsen. Auch Marias Freiheitsdrang war gewaltig.
Nach langwierigen Verhandlungen mit den jeweiligen Eltern, gepaart mit diversen Zusagen betreffend der künftigen Leistungen in Schule / Ausbildung und Versprechungen bezüglich künftigen Wohlverhaltens sowie flehentlichem Bitten und Betteln hatten wir beiden Mädchen es doch wirklich geschafft, einen gemeinsamen Urlaub ohne Eltern genehmigt zu bekommen. Uns wurde erlaubt, mit der Eisenbahn nach Ruhpolding zu reisen und dort unter erstmals eigener Verantwortung und Regie eine Woche in der Wohnung der Tante zu verbringen.
„Wie ihr die Josefine dazu überredet, euch ihre Wohnung zu überlassen, ist allerdings euer Problem, und viel Spaß dabei!“, grinste Papa und hoffte vermutlich auf eine Abfuhr.
Der einzige Fahrradausflug in jenem Sommer führte uns natürlich Tags darauf zu Finchen, die wir antrafen, als sie gerade eine Pause von der Gartenarbeit einlegte, Kräutertee trank und ihre Katze liebevoll streichelte.
Mit Engelszungen lobten wir die süße, ach so knuddelige Katze, gaben vor, den köstlichen Kräutertee geradezu zu lieben, boten freiwillig an, ein paar Beete zu jäten und schlichen und schleimten so unauffällig wie möglich um Finchen herum.
Sehr geschickt ließen wir unsere übergroße Begeisterung für Oberbayern und dort ganz besonders die Berge ins Gespräch einfließen, kreisten Finchen immer mehr ein und rückten schließlich mit unserem Anliegen heraus.
„Ja, Kinder, da habt ihr recht, Ruhpolding ist ein ganz besonders schöner Urlaubsort, die Natur, und erst die Luft! Und die Kurkapelle und der Tanztee!“
Naja, viel frische Luft und Natur sahen zwar unsere Urlaubspläne nicht vor, geschweige denn eine Brauchtumskapelle und Tanztee, aber musste man denn immer alles so deutlich sagen? Also nickten wir eifrig und bekräftigten, wie sehr wir gerade dieses so gerne einmal erleben würden usw., usw.
„Nun, das ist sehr brav von euch Mädchen, euch so etwas zu wünschen! Denn leider haben ja die meisten Jugendlichen heutzutage nur noch Negermusik und Discos im Kopf“ (hatten wir auch). Kopfschütteln, Seufzen „oder sogar schon die Mannsbilder… (ja, ohne Zweifel, das auch). Trotzdem muss ich euch leider vorläufig eure Bitte abschlagen, so leid es mir auch tut. Denn wie ihr seht, braucht der Garten gerade im Sommer so viel Pflege, und auch die Katze braucht mich hier, die kann ich erst wieder im Winter zu den Nachbarn geben. Ich kann unmöglich verreisen!“
Au weia, welch ein Missverständnis! Maria und ich sahen uns resigniert an, um nach einem weiteren Schluck grässlichen Kräutertees Finchen weiter zu beackern. Diesmal etwas deutlicher unseren eigentlichen Wunsch formulierend.
Das Betteln und Versprechen gestaltete sich ungleich heftiger als den Eltern gegenüber, schloss auch eine genau festgelegte Anzahl zukünftiger Gottesdienstbesuche mit ein, und führte schlussendlich tatsächlich zum gewünschten Erfolg.
Unter einem skeptischen „ich glaube aber trotzdem, dass eure Eltern sehr leichtsinnig sind, euch das zu erlauben!“, rückte Finchen den heißbegehrten Wohnungsschlüssel heraus, nicht ohne auf Anstand, Ordnung und Sauberkeit hinzuweisen.
Wenige Tage später standen wir, flankiert von zwei besorgten Elternpaaren, auf dem Bahnsteig. Endlich erlöste uns der einfahrende Zug von den obligatorischen Ermahnungen, Anweisungen und Verhaltensregeln, wir gelobten alles was von uns erwartet wurde, und auch, uns bei Ankunft umgehend telefonisch zu melden.
Der Zug hatte den Bahnhof verlassen, Maria und ich hatten bereits das Nichtraucherabteil verlassen und uns im Raucherbereich die ersten Zigaretten angezündet. Die stundenlange Bahnfahrt nutzten wir, um unsere Röcke aus den Koffern zu holen, dazu ein Reisenähetui, und uns emsig an wichtige Handarbeiten zu machen. Bei Erreichen des Zielortes hatten sich unsere Röcke wie durch Geisterhand um zwei Handbreiten verkürzt. Mit der Rocklänge, die von den Eltern gestattet war, konnte man sich ja wohl schlecht in der Öffentlichkeit zeigen! Wie peinlich wäre das gewesen …(die Eltern sahen das genau umgekehrt: sie hielten Röcke, die mit Müh und Not den Po verdeckten, für peinlich).
Unter der angegebenen Adresse fanden wir leicht Finchens Ferienappartement. Nach einer ausgiebigen Dusche spazierten wir in den Ort, um uns mit dem Nötigsten zu versorgen. Was in erster Linie verbotene Genussmittel – sprich Zigaretten und Wein - sowie ein paar Lebensmittel umfasste. Zugleich inspizierten wir den Ort nach Verlustierungsangeboten. Wir entdeckten eine Disco, eine Milchbar, ein herrliches Naturschwimmbad, und natürlich Kuranlagen samt Kurhaus.
Wir waren uns einig, um letztere eine großen Bogen zu machen, aber unbedingt nachmittags dem Schwimmbad einen Besuch abzustatten. Für den Abend stand selbstverständlich eine erste Visite der Disco auf dem Plan. In die Milchbar könne man ja gelegentlich mal reinschauen, es waren reichlich junge Leute drin und daher nicht ganz uninteressant.
Der Schwimmbadbesuch bescherte uns neben sportlicher Erfrischung erste Kontakte mit Jungs, natürlich Touristen wie wir, und eine Verabredung mit diesen, abends im Tanzschuppen.
