Wer ist B. Traven? - Torsten Seifert - E-Book

Wer ist B. Traven? E-Book

Torsten Seifert

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Beschreibung

Reporter Leon hat eine Mission: Er will die wahre Identität des sagenumwobenen Schriftstellers B. Traven aufdecken. Eine Spurensuche beginnt, die ihn von Los Angeles an ein Filmset im Nirgendwo Mexikos, nach Wien und schließlich wieder Mexiko führt. »Ich bin mir sicher, dass viele nach der Lektüre ebenfalls auf die Suche nach B.Traven gehen werden.« Tobias Nazemi 1947: Leon, ein aufstrebender Journalist, verschlägt es nach Zentralmexiko. Hier wird »Der Schatz der Sierra Madre« gedreht, basierend auf einem Roman von B. Traven. Leon soll herausfinden, wer sich hinter dem Pseudonym des Schriftstellers versteckt. Doch er verbringt seine Zeit lieber mit Humphrey Bogart, Lauren Bacall, John Huston und einer geheimnisvollen Frau namens María. Zurück in Los Angeles lässt ihn Travens Geheimnis aber nicht mehr los: Wer ist dieser Autor? Stimmt es, dass alle, die nach ihm suchen, unter mysteriösen Umständen ums Leben kommen? Leon zieht erneut los. In Wien kommt er einer Antwort näher, des Rätsels Lösung aber liegt in Mexiko. Und Leon merkt plötzlich: Er ist nicht der einzige, der B. Traven auf den Fersen ist ... »Klug und gekonnt entführt Torsten Seifert den Leser auf eine Reise in gefühltem Schwarzweiß um die halbe Welt.« Lars Birken-Bertsch Die Laudatio - Blogbuster 2017 - Preis der Literaturblogger Auf Youtube kann man sich den Originaltrailer des Schwarzweißfilm-Klassikers »Der Schatz der Sierra Madre« von 1948 anschauen, jene grandiose Verfilmung der gleichnamigen Romanvorlage von B. Traven, gedreht vom großen John Huston mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle. Ist man damit durch, wird rechts in der Spalte »Nächstes Video« von einem Algorithmus, zur Abwechslung Mal äußerst passend, »Der Mann, der B. Traven war« angezeigt, eine BBC Dokumentation über das vielleicht bekannteste literarische Phantom der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und schon ist man gleichsam mitten drin, in Torsten Seiferts Roman, der Hollywood‘s Golden Age mit einer abenteuerlichen literarischen Spurensuche verbindet und dabei den Leser auf gelungene Art und Weise im Unklaren darüber lässt, was an der Geschichte historisch verbürgt und was völlig frei erfunden ist. Wie findet man jemanden, der nicht gefunden werden will? Klug und gekonnt, in schneller szenischer Abfolge, entführt Torsten Seifert den Leser auf eine Reise in gefühltem Schwarzweiß um die halbe Welt. Die Jagd seines Protagonisten Leon nach eben jenem Mann, der sich B. Traven nannte, führt uns zurück in eine Welt, als Journalisten noch mit stumpfen Bleistift in kleine Notizblöcke kritzelten und Hollywood-Stars fernab der Studios in echten Wüsten tranken, schwitzten und fluchten. Kurz gesagt: Raymond Chandler meets Quentin Tarantino!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Torsten Seifert

Wer ist B. Traven?

Roman

Impressum

Die Textstellen von B. Traven sind zitiert nach: Werkausgabe B. Traven. Herausgegeben von Edgar Päßler. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1978. Copyright © R. E. Luján Traven, México, D. F.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Tropen

www.tropen.de

© 2017 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: ANZINGER UND RASP Kommunikation GmbH, Münchenunter Verwendung eines Fotos von © gettyimages /Imagno

Datenkonvertierung: Tropen Studios, Leipzig

Printausgabe: ISBN978-3-608-50347-0

E-Book: ISBN 978-3-608-11004-3

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

»Eine Geschichte, die nicht wahr ist, gut zu erzählen, ist eine Gabe, my boy.

Sie sind ein Künstler, wissen Sie das?«

B. Traven

Erstes Kapitel

Archie Tucker hatte Geschmack. Er saß in diesem ziegelroten Traum mit Achtzylindermotor, Automatikschaltung, Weißwandreifen und der Silhouette eines Torpedos, als wäre er ein Filmstar. Mit seinen italienischen Schuhen, der eleganten Hose aus Segeltuch und dem exotisch bunten Aloha-Shirt hätte Tucker ein gutes Motiv für Modefotografen abgegeben. Das Licht war herrlich an diesem Morgen. Besser konnte man es nicht arrangieren. Kein Wunder! Schließlich war es sein Perfektionismus, der ihn zum erfolgreichsten Gesellschaftsreporter Hollywoods gemacht hatte. Längst gehörte er zu der Handvoll Journalisten, die einen Anruf des Managements erhielt, bevor die Stars im Romanoff’s oder im Chasen’s einkehrten. Während die Kollegen nächtelang vor den einschlägigen Adressen herumlungerten, ohne eine gute Story an Land zu ziehen, saß er immer bereits an einem der reservierten Tische und bekam seine Geschichten aus erster Hand.

Nie hatte Tucker irgendetwas dem Zufall überlassen. Bis zuletzt nicht, wie es schien. Es gab kaum einen schöneren Platz für einen großen Auftritt als den Strand von Huntington Beach, an dem sein Cadillac Convertible Cabrio mit Blick aufs Meer parkte. Nur der Umstand, dass große Teile seines Gehirns über die mit beigem Leder bezogene Garnitur verspritzt waren und das Blut aus seinem Schädel auf der Rückbank ein hässliches Muster hinterlassen hatte, trübte das Bild. Aber irgendwas war schließlich immer.

Leon Borenstein packte seine Fotoausrüstung zusammen und verstaute sie auf dem Beifahrersitz des Pontiacs. Er lächelte zufrieden. Noch bevor der Rest der Journalistenmeute von Tuckers Ableben erfuhr, würden seine Abzüge bereits im Fixierbad schwimmen. Die Titelseite der Nachmittagsausgabe war ihm sicher. Wenn er Glück hatte, würde er in der Redaktion sein, bevor der morgendliche Verkehr ins Rollen kam.

Die Nachricht vom Tod des »Königs der Skandalreporter« verbreitete sich unter den Kollegen rasend schnell. Es vergingen kaum zehn Minuten, bis der erste an seinen Schreibtisch kam, um Leon auf die Schulter zu klopfen und zu fragen, ob es denn wirklich ein Selbstmord gewesen war. Natürlich versuchten sie herauszufinden, wer ihn mit der heißen Neuigkeit versorgt hatte. Doch über seine Quellen verlor Leon nie ein Sterbenswort. Schließlich bezahlte er Monat für Monat ein ordentliches Sümmchen dafür, dass er vor allen anderen erfuhr, zu welchem Tatort die Polizei gerade ausrückte.

Er war nicht überrascht, als ihn Barbara am Vormittag ins Chefbüro bestellte. Stainer musste längst aufgefallen sein, dass er regelmäßig die großen Storys aufspürte. Eine Gehaltserhöhung war gewiss nur noch eine Frage der Zeit. Doch der ging nur kurz auf den Tucker-Coup ein. Der Grund des Gesprächs, sagte Stainer, sei ein anderer. Leon wurde augenblicklich übel. War Stainer die Sache mit Kathy zu Ohren gekommen? Würde er von ihm wissen wollen, was seine Tochter auf der Rückbank von Leons Wagen verloren hatte?

Die Unschuld jedenfalls nicht, die war schon vorher dahin, wäre vermutlich die einzige ehrliche Antwort darauf gewesen.

Zum Glück schien Stainer nichts davon mitbekommen zu haben. Er bat Leon, Platz zu nehmen, und wies Barbara an, in der nächsten halben Stunde keine Telefonate durchzustellen. Eine halbe Stunde! Was hatte er vor?

Stainers Mimik beschränkte sich wie immer auf das Wesentliche. Er war ganz bestimmt ein guter Pokerspieler. Wortlos knöpfte er sein Sakko auf, zog es aus und hängte es auf einen Kleiderbügel. Stainer legte großen Wert auf Kleidung und erzählte gern, dass er seine Anzüge bei Bullock’s, Ecke 7th Street und Broadway, schneidern ließ. Nachdem er ein Päckchen Zigaretten aus seiner Tasche gefischt hatte, krempelte er ruhig und akkurat seine Ärmel hoch und ließ sich in einem der tiefen Ledersessel nieder.

Harold Stainer war als Harald Steiner in Braunschweig auf die Welt gekommen. Beim Umzug nach Kalifornien gingen ihm zwei Buchstaben verloren, die er flugs ersetzte, wodurch er sich viel amerikanischer fühlte. Es war nicht ungewöhnlich, dass Juden in Amerika ihre Namen änderten. Selbst die Bosse der großen Filmstudios machten da keine Ausnahme. Aus Szmuel Gelbfisz war Samuel Goldwyn geworden, Jack Warners Familie hieß früher Eichelbaum und Wilhelm Fuchs hatte sich in William Fox verwandelt.

Endlich begann Stainer zu reden.

»Sagt Ihnen der Name B. Traven etwas?«

»Nein, Sir, noch nie gehört«, antwortete Leon wahrheitsgemäß.

»Das dachte ich mir«, entgegnete Stainer. »Nicht weiter schlimm. Sie werden ausgiebig Gelegenheit bekommen, sich mit ihm zu beschäftigen.«

Leon sah ihn fragend an.

»Traven ist Schriftsteller. Und nicht irgendeiner. In Europa geht seine Auflage in die Millionen. Man munkelt, er sei ein heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis.«

Stainer stand auf, zog gezielt ein Buch aus dem Regal und begann, darin zu blättern. »Seine Helden sind Outlaws. Habenichtse, arme Schlucker«, erzählte er. »Er lässt sie im Dreck wühlen und macht Gold daraus.«

Dann klappte er das Buch zu. »Der Schatz der Sierra Madre«, sagte er. Er lauschte seinen eigenen Worten wie in Erwartung eines Echos.

»Die Leute von Warner haben sich die Filmrechte schon vor Jahren gesichert. Vor einigen Monaten starteten endlich die Dreharbeiten.«

Stainer zündete sich eine Zigarette an und fuhr fort.

»Die Handlung ist schnell erzählt. Drei Taugenichtse tun sich zusammen, um in Mexiko nach Gold zu suchen. Sie gehen in die Berge und werden tatsächlich fündig. Doch anstatt die Beute brüderlich zu teilen, misstrauen sie einander, bis sie ihre Habgier in die Katastrophe treibt.«

Leon nickte zögerlich und fragte sich, was die Angelegenheit mit ihm zu tun haben sollte.

»Was meinen Sie, wer die Hauptrolle bekommen hat?«, fragte Stainer.

Leon hob schulterzuckend die Hände.

»Humphrey Bogart! Er spielt einen zwiespältigen und besonders fiesen Typen, der nichts mehr zu verlieren hat und am Ende stirbt. Also genau das, was Bogart meistens spielt.« Stainer lachte, als hätte er einen besonders guten Witz gemacht. Leons Blick signalisierte noch immer völlige Ratlosigkeit. Stainer entging das nicht. Aber er genoss es, die Geschichte in ganzer Breite erzählen zu können.

»Warten Sie, Borenstein, Sie werden gleich verstehen, worauf ich hinaus will. B. Traven, der Name dieses Schriftstellers, ist ein Pseudonym. Alle Versuche, ihn aus seinem Versteck zu locken, sind bislang fehlgeschlagen. Angeblich lebt er einsam irgendwo in der Wildnis. Sein Verleger kommuniziert mit ihm über ein Postfach in Mexiko.«

»Weiß man, warum er anonym bleiben will?«

»Es gibt einen ganzen Sack voller Theorien und Gerüchte«, antwortete Stainer und griff zu einer drei Finger dicken Kladde, die von einem Band zusammengehalten wurde. Es erinnerte Leon an die Gummiringe, die seine Mutter früher beim Einwecken verwendet hatte.

»Ich lasse das Ganze schon seit längerer Zeit beobachten«, sagte Stainer, während er in den Unterlagen blätterte. »Traven soll zum Beispiel niemand anderes als Jack London sein, der seinen Selbstmord nur vorgetäuscht hat. Oder Ambrose Bierce, ein Romancier aus Ohio, der 1913 in Mexiko verschwand. Der wäre jetzt allerdings schon über hundert Jahre alt, also streichen Sie den.« Dann widmete er sich den nächsten Seiten. »Ein Farmerssohn aus dem Mittleren Westen, ein Enkel Napoleons, ein Leprakranker mit verhülltem Kopf aus Chiapas, der Hollywood-Agent Paul Kohner, ein General der mexikanischen Revolution, ein europäischer Reeder, ein Spion Stalins, ein Plantagenbesitzer aus Nicaragua oder ein entflohener Häftling aus Fort Leavenworth … Suchen Sie sich aus, was Sie glauben möchten.«

Stainers Tonfall verriet, dass er bei jeder einzelnen Version seine Zweifel hatte.

»Andere meinen, Traven sei längst tot oder es handle sich bei ihm um eine ganze Gruppe, genau genommen um fünf Schriftsteller mit Sitz in Honduras.« Er klappte die Kladde geräuschvoll zu und lehnte sich verschwörerisch zu Leon hinüber.

»Wenn der Film erst in den Kinos läuft, wird die ganze Welt wissen wollen, wer dieser B. Traven ist. Und Sie und ich, wir werden es ihr sagen.« Stainer klopfte Leon auf die Schulter. Der kam gar nicht dazu, einen Einwand vorzubringen.

»Ich hätte die Sache gerne weiter in aller Ruhe vorbereitet«, sagte Stainer. »Aber vor ein paar Wochen brachte die Life das Thema aufs Tapet.« Er zog eine Ausgabe des Magazins aus seiner Schublade und schob sie quer über den Tisch. Leon schlug die markierte Seite auf.

»Wer ist Bruno Traven?«, las er die Überschrift laut vor. »Also Bruno?«

»Das ist keinesfalls sicher«, winkte Stainer ab. »Life scheint nicht mehr zu wissen als wir. Angeblich haben sie sogar für den, der das Geheimnis lüftet, eine Prämie von fünftausend Dollar ausgeschrieben. Fünftausend Dollar! Eines ist jedenfalls klar: Wir haben starke Konkurrenz bekommen. Was heute in der Life steht, darüber schreiben morgen alle anderen.«

Leon fühlte sich nicht gut bei dem Gedanken, ein Phantom jagen zu sollen. »Mr. Stainer, es ehrt mich, dass Sie mich in dieser Sache ins Vertrauen ziehen. Aber das alles klingt eher nach einem Detektivauftrag.«

»Richtig, Borenstein. Aber in jedem guten Journalisten steckt auch ein Detektiv. Während ein guter Detektiv noch lange kein Journalist ist, nicht wahr?«

Das leuchtete Leon ein.

»Jetzt kommt die eigentliche Sensation«, sagte Stainer mit einem triumphierenden Grinsen. Er ließ erneut sein Zippo klicken und nahm einen tiefen Zug, als könnte er dadurch seinem nächsten Satz eine größere Bedeutung verleihen.

»Sie wissen ja, dass ich recht gut mit einigen Leuten aus den Studios befreundet bin. Blakes Büro hat mir gesteckt, dass ein Bevollmächtigter Travens mit dem Namen Hal Croves bei den Dreharbeiten anwesend sein wird. Er ist Travens Sekretär. John Huston, der Regisseur, hat ihn als seinen technischen Berater engagiert.«

Er schaute Leon erwartungsvoll an, der jetzt wohl so etwas wie »Was Sie nicht sagen« antworten sollte. Doch Leon schwieg beharrlich.

»Croves ist der Schlüssel zu Traven«, zog Stainer selbst das Fazit. »Haben wir ihn, führt er uns früher oder später zur Lösung.« Das Glänzen in seinen Augen verriet, wie stolz ihn seine Recherche machte. Leon schwante allmählich, welche Aufgabe für ihn vorgesehen war. Ehe er den Gedanken zu Ende spinnen konnte, sprach Stainer ihn aus: »Sie fliegen nach Mexiko und werden dem Rätsel nachgehen. Ich habe bereits alles organisieren lassen. Die Crew dreht gerade mitten in den Bergen in der Nähe von Jungapeo, ein paar Autostunden von Mexiko-Stadt entfernt. Wenn Sie dort sind, bekommen Sie ein Exklusivinterview mit Humphrey Bogart! Na, was sagen Sie?«

Leon lächelte pflichtbewusst.

»Das Interview ist nur unser Vorwand. Ihre eigentliche Aufgabe ist es, irgendwie an diesen Croves heranzukommen. Und wenn die Filmleute ihre Zelte abbrechen, heften Sie sich an seine Fersen.«

Natürlich. Da war es also, das dicke Ende. Eine Woche Mexiko auf Redaktionskosten hätte Leon sich gern gefallen lassen. Aber das, wovon sein Boss gerade sprach, hörte sich eher nach einer Reise ins Ungewisse an.

»Machen Sie sich wegen der Filmleute keine Gedanken. Harry Wurzinger, einer unserer Informanten, der früher zu Bogarts Entourage gehörte, wird Sie vorbereiten. Kennen Sie ihn?«

Leon nickte. Jeder kannte Harry.

»Ich weiß, Borenstein, das kommt für Sie etwas überraschend. Glauben Sie mir, als Journalist kriegen Sie nicht oft Gelegenheiten wie diese. Ich wünschte, ich hätte nicht die Verantwortung für die ganze Redaktion, dann würde ich ihn selber schnappen. Also zögern Sie nicht. Holen Sie sich Traven und machen Sie sich unsterblich!«

Leon war nicht sicher, ob ihn diese Art von Ruhm überhaupt interessierte.

»Wie viel Bedenkzeit habe ich?«

»Keine.« Stainer unterband mit einer brüsken Handbewegung jegliche Diskussion. »Da ist noch was, das ich Ihnen nicht verschweigen will. Sie würden es früher oder später sowieso erfahren. Es scheint ein Fluch über Traven zu liegen. Oder um es genau zu sagen: über allen, die nach ihm suchen. In den letzten Jahren habe ich bereits drei meiner Leute auf dieses Thema angesetzt. Einer von ihnen ist bei einem Verkehrsunfall umgekommen, ein weiterer sitzt heute in einer Nervenheilanstalt und der Dritte ist nach Alaska ausgewandert.«

Na großartig, dachte Leon. Jetzt war er nicht mehr so sicher, ob Stainer nicht doch etwas von seinen tête-à-tête mit Kathy mitbekommen hatte. Vielleicht war das seine Methode, um ihn loszuwerden.

»Ich werde inzwischen die Ermittlungen vor Ort vorantreiben. Gewissermaßen an der Heimatfront.« Stainer liebte es, militärische Begriffe zu benutzen. Dann schaute er auf seine Taschenuhr. Wie Leon ihn kannte, hatte das Gespräch genau eine halbe Stunde gedauert, keine Minute länger. Als er sich verabschiedete, hielt Barbara bereits das Flugticket sowie sämtliche Unterlagen bereit, die er für die Reise benötigen würde. Dazu kamen Stainers Kladde und ein Zettel mit Harry Wurzingers Adresse, die Leon ohnehin bekannt war. Er fühlte sich, als wäre gerade ein Zwanzig-Tonnen-Truck über ihn hinweggerollt.

Zweites Kapitel

»It ain’t no sin, it ain’t no sin.«

Leon fuhr herum. Vor ihm auf einer Stange saß ein ausgewachsener Ara. Er hatte sich zu einer gefiederten Kugel aufgeplustert. Unter lautem Fauchen stieß er den Kopf nach vorn und funkelte seinen Betrachter aus bernsteinfarbenen Augen böse an.

Harry lachte. »Das ist Bobby. Er passt auf mich auf, bis hier wieder eine Frau einzieht. Willst du Kaffee?«

»Gerne, wenn es keine Probleme macht.«

Harry winkte lässig ab, drehte seinen Rollstuhl auf der Stelle um und bewegte ihn routiniert in Richtung Küche.

»Mach’s dir bequem!«

Das war leichter gesagt als getan. Harrys eigentlich geräumiger Bungalow glich einem Requisitenfundus. Ein Labyrinth aus Regalen, Schränken und Ablagen voller Zeitungen, Schachteln, Flaschen und allerlei Krempel, jeweils exakt bis zu der Höhe gestapelt, die Harry problemlos im Sitzen erreichen konnte. Dazwischen hatte er Gänge wie kleine Schneisen angelegt, die gerade so breit waren, dass er mit seinem Gefährt nicht hängen blieb. Leon kam sich vor wie Gulliver, der durch einen Irrgarten auf der Insel Liliput spaziert.

»It ain’t no sin«, plapperte der Papagei, den das Aufplustern allmählich anzustrengen schien. Aus der Kugel war ein deformierter Federball geworden, an dessen Spitze der Schnabel drohte. Bobbys Pupillen hatten die Größe von Stecknadelköpfen angenommen. Vorsichtig beugte sich Leon zu ihm hinunter.

»Wie alt ist er?«, fragte er, während Harry, geschickt mit der einen Hand ein volles Tablett jonglierend, mit der anderen den Rollstuhl antreibend, zurückkam.

»Keine Ahnung. Mich wird er jedenfalls überleben. Solche Viecher sterben einfach nie. Ich glaube, nur Schildkröten werden noch älter.«

Bobby schloss sein Federkleid und zog den Hals ein, als versuchte er, eine Schildkröte zu imitieren.

»Mir machen Papageien Angst. Ich habe immer das Gefühl, sie wissen mehr, als sie uns glauben lassen.«

Bobby nickte.

»Kann sein«, antwortete Harry.

»Deinen Finger solltest du ihm jedenfalls nicht überlassen.«

»It ain’t no sin«, kommentierte Bobby.

»Was redet er da immer?«, wollte Leon wissen.

Harry feixte. »Das ist eine verrückte Geschichte. It ain’t no sin war ein Paramount-Film mit Mae West, Mitte der Dreißiger. Irgendwer kam auf die bescheuerte Idee, hundertfünfzig Papageien den Titel beizubringen, damit sie später überall dafür werben konnten. Wochenlang haben sie den Viechern Schallplatten vorgespielt, bis alle ihn nachsprechen konnten. Kurz vor der Premiere wurde die Paramount aber durch die Katholische Liga für Sitte und Anstand dazu gezwungen, den Titel zu ändern. Ich glaube, der Film lief dann unter I’m no angel. Danach hatte keiner mehr Verwendung für die Vögel. Ich nahm Bobby mit. Was aus den anderen wurde, weiß ich nicht.«

»Du machst Witze.«

»Nein. Ich schwöre, es war so.«

Harry schaufelte Unmengen von Zucker in seinen Kaffee.

»Übrigens: Glückwunsch zur Tucker-Story! Es kann nie schaden, die richtigen Leute zu kennen. Was musstest du abdrücken?«

Leon versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Woher wusste Harry bereits Bescheid? Die Zeitung wurde doch gerade erst gedruckt. Sein Netzwerk schien noch immer intakt zu sein. Vor seinem Unfall war Harry eine schillernde Persönlichkeit gewesen. Die Liste der Klienten, die er als Bodyguard betreut hatte, las sich wie ein Who’s who der Filmbranche. Doch das war längst nicht alles, was Harry zur Legende machte. In den Dreißigerjahren, so erzählte man sich, hätte er nahezu jede Hollywood-Karriere ins Schlingern bringen können. Er wusste über alle Bescheid und bekam immer, was er wollte. Die meiste Zeit hing er mit Filmstars oder Drehbuchschreibern rum, saß mit ihnen bei Hühnerpastete oder Rindergulasch im Musso & Frank Grill am Hollywood Boulevard. Oder er ging ins Sasha’s Palate, wo in Togen gekleidete Kellnerinnen Fasan oder Babyziegenbraten servierten. Zu später Stunde begleitete er seine berühmten Kumpane dann in geheime Bars, private Klubs oder Hotelsuiten und widmete sich den Starlets, die seine Freunde übrig ließen. Schon bald kam jeder, der in Hollywood eine offene Rechnung begleichen wollte, zu ihm. Irgendwem musste Harry in dieser Zeit ein bisschen zu sehr auf die Füße getreten sein, jedenfalls versagten eines Tages die Bremsen seines Chevrolets. Zwei Wochen lang lag er in Gottes Wartesaal und wartete darauf, hereingerufen zu werden. Stattdessen schob man ihn im Rollstuhl zurück in die Vorhölle namens Hollywood, wo er bei seinen alten Freunden schneller in Vergessenheit geriet, als es dauerte, im Players Club einen Brandy zu bestellen. Sein Glück im Unglück war, dass er bereits auf der Gehaltsliste der Polizei von Los Angeles stand und nach dem Unfall nicht hängengelassen wurde. Es war nicht viel, was sie für seine Informationen rüberwachsen ließen. Dafür musste er aber meist auch nur ein wenig herumtelefonieren oder in seinem Gedächtnis kramen.

»Tja, schade um diesen Tucker«, griff Leon den Faden auf, ohne auf Harrys Frage einzugehen. »Er war nicht gerade das, was ich eine Edelfeder nennen würde. Aber er hatte diesen speziellen Instinkt. Er wusste immer genau, was bei den Lesern ankommt.«

Harry wiegte den Kopf bedächtig hin und her, als müsse er erst überlegen, inwieweit er diese Meinung teilen konnte. Mit einer Handbewegung schob er das Thema beiseite.

»Stainer sagt, du bist wegen Bogie hier?«

»Genau.«

»Hat er was ausgefressen?«

»Nein«, antwortete Leon. »Er dreht gerade in Mexiko. Ich soll ihn am Set interviewen.«

Harry hob die Augenbrauen und machte eine anerkennende Geste.

»Es heißt, Bogart sei kein einfacher Typ. Vielleicht könntest du mir ein paar Tipps geben, wie man ihn am besten bei Laune hält.«

Harry lachte. »Jaja, ein paar Tipps geben. Dafür ist der alte Harry noch gut genug.« Seine Reaktion klang nicht beleidigt, sondern eher wie die eines Familienvaters, dessen Töchter um Taschengeld für neue Schuhe bitten. »Ganz einfach: Bier, Scotch und Drambuie. Dann ist Bogie glücklich.«

Dabei warf er Leon einen amüsierten Blick zu.

»Er ist in Mexiko, sagst du?«

Leon nickte.

»Wer kam denn auf die Idee, in Mexiko zu drehen? Sind uns hier die Kakteen ausgegangen?«

Leon zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. John Huston, schätze ich. Er führt jedenfalls Regie.«

»O Mann, jetzt leiten schon die Irren die Anstalt.«

»Du magst ihn nicht?«

»Doch, doch, er ist genial. Ich finde nur, er ist ein wenig … nennen wir es sonderbar.«

Leon zuckte erneut mit den Schultern. »Film ist nicht gerade mein Spezialgebiet.«

Harry griff nach einem Flachmann, schüttete einen Schluck Whiskey in den Kaffee und schlürfte geräuschvoll, bevor er weitersprach.

»Bogie wird sich fragen, warum ihr ihn ausgerechnet in Mexiko interviewen wollt. Er sitzt doch jeden Abend im Romanoff’s.«

»Es ist das erste Mal, dass er im Ausland arbeitet«, erklärte Leon.

»Tja. Was soll ich sagen? Ich kenne Bogie schon seit 1930. Ich sollte damals am Bahnhof in Pasadena die Garbo und Jack Gilbert abholen. Es war unglaublich heiß an diesem Tag. Endlich kam der Zug an, doch von den beiden keine Spur. Stattdessen stieg dieser Typ aus. Nicht sonderlich kräftig, dafür hatte er eine große Klappe, mit der er fürs Erste die ganze Pressemeute versorgte. Bogie war einer der Wenigen, die schon damals begriffen hatten, dass die Stars die Journaille genauso brauchen wie die Journaille die Stars.«

Leon lehnte sich zurück und machte sich auf einen längeren Monolog gefasst. Es sollte ihm recht sein.

»Später bin ich oft mit Bogie um die Häuser gezogen. Meistens war Spencer Tracy dabei, manchmal auch Peter Lorre oder David Niven. Wir hatten eine Menge Spaß und immer irgendwelchen Ärger. Ich möchte nicht wissen, wie viele Scheine den Besitzer gewechselt haben, um das alles wieder geradezubiegen und die Öffentlichkeit außen vor zu lassen. Wochenlang durfte ich meine Getränke auf Bogies Namen anschreiben, damit ich dichthielt. Oft ging er morgens direkt von der Kneipe ins Studio. Bei seiner Visage ist das sowieso egal.«

Harrys Blick blieb an ein paar vergilbten Fotos und Zeitungsartikeln hängen, die an der Wand hingen. Seine Gedanken waren auf die Reise gegangen.

»Eigentlich ist Bogie ein netter Kerl. Das heißt nicht, dass er nicht ständig sticheln oder jedermann beleidigen würde, wenn er sich langweilt und ein bisschen Action gebrauchen kann. Sein Problem ist halt, dass er nach ein paar Drinks glaubt, tatsächlich Philip Marlowe zu sein. Aber wenn er jemanden mag, tut es ihm hinterher leid. Dann versucht er, die Sache wieder in Ordnung zu bringen.«

Harry rollte zu Bobby hinüber und fütterte ihn mit einem Maiskolben. Als er ihn am Kopf kraulte, gähnte der Vogel. Dann versteckte er den Schnabel in seinem Rückengefieder und schloss die Augen.

»Früher mochte ich keine Tiere«, gab Harry zu. »Meine Exfrau hatte mal so einen hässlichen Yorkshire-Terrier, der ständig Preise gewann. Es gab bald kein anderes Thema mehr, nur diese beschissenen Wettbewerbe. Dann hab ich heimlich angefangen, ihn zu füttern. Erst hat sie sich gewundert, warum mich der Köter plötzlich leiden konnte, und später, warum er auf einmal so fett war. Als sie dahinterkam, reichte sie die Scheidung ein – wegen seelischer Grausamkeit.«

Leon feixte.

»Kennst du die Babynahrung von Mellin’s?«, fragte Harry.

»Kann sein«, antwortete Leon, ohne sich tatsächlich daran erinnern zu können.

»Bogie ist das Baby in der Werbung.«

Leon verstand nicht ganz.

»Seine Mutter war Grafikerin. Als sie damals den Mellin’s-Auftrag bekam, ist ihr nichts Besseres eingefallen, als ihr eigenes Baby zu malen. Bogie war also schon auf Millionen Verpackungen, bevor ihn irgendjemand auf der Leinwand sehen konnte.«

»Hat es sie reich gemacht?«, wollte Leon wissen.

»Geschadet hat es ihr auf keinen Fall«, antwortete Harry. »Aber Geld war bei den Bogarts nie das Problem.«

»Lebt sie noch?«

»Nein, sie starb 1940. Getrauert hat er damals nicht, soweit ich mich erinnern kann. Wahrscheinlich war er eher froh, dass die alte Hexe endlich in der Hölle schmort für all das, was sie ihm angetan hat.«

Harry blickte kurz zu Leon, als müsste er sich vergewissern, ob dieser mehr darüber erfahren wolle, und fuhr fort.

»Bogie hat Peter Lorre einmal erzählt, dass seine Mutter ihn früher oft schlug und einsperrte. Als sein Vater für ein paar Jahre als Schiffsarzt zur See fuhr, musste er sogar zu ihr ins Bett steigen. Er war damals höchstens 16 oder 17.«

»Du nimmst mich auf den Arm.«

»Nein, es ist wahr. Nur als Einstieg für dein Interview eignet sich das wahrscheinlich nicht«, stellte Harry fest. »Bogie hat es nicht immer leicht gehabt. Anfang der Dreißiger bekam er in Hollywood kaum Rollen. Um über die Runden zu kommen, spielte er in Blue Movies mit, wenn du weißt, was ich meine. Später hat es ihn einen Haufen Geld gekostet, die Filme zurückzukaufen. Vielleicht sollte ich mal ein Buch schreiben, in dem diese ganzen Geschichten drin sind. Aber dann kommt von euch Burschen ja überhaupt keiner mehr vorbei.«

Leon nickte höflich. Was Lesestoff anging, war sein Bedarf mehr als gedeckt. Er stellte seine Tasse auf den Tisch und schaute zur Wanduhr. Harry ignorierte es geflissentlich.

»Hab ich dir mal von Errol Flynns Partys in seinem Haus am Mulholland Drive erzählt? Die reinsten Orgien! Ich habe Bogie ein paarmal hingefahren. Es kursierten unglaubliche Gerüchte darüber. Ein dicker, ziemlich einflussreicher Diplomat aus Europa hatte davon gehört und wollte unbedingt dabei sein. Er ging Flynn damit mächtig auf die Eier, also lud der ihn eines Abends ein.«

Harry beförderte den nächsten Whiskey in seine Tasse.

»Als der Tag gekommen war, fuhr der Dicke in einer riesigen Limousine vor. Im Foyer wartete eine Blondine auf ihn, nichts an außer High Heels und einer knappen Schürze. Sie bat ihn, ihr ins Entkleidungszimmer zu folgen. Von dort sollte er dann einfach durch die Tür gehen, wo die anderen Gäste schon auf ihn warten würden. Das stimmte auch. Doch als er splitternackt eintrat, saßen alle korrekt gekleidet beim Essen. Der Dicke ergriff die Flucht und die Runde lachte sich halb tot.«

Leon schmunzelte. Er kannte die Geschichte bereits, aber ihm würde nichts anderes übrig bleiben, als Harry bei Laune zu halten, bis er in der Causa Bogart etwas Verwertbares lieferte. Ihm fiel ein Satz seines Vaters ein, der davon überzeugt war, dass man den Menschen hier in Hollywood kaum eine größere Freude bereiten konnte, als ihnen zuzuhören. Harry sprach munter weiter.

»Danach ging die Party natürlich erst los. Der Typ hätte wirklich seinen Spaß gehabt. Wusstest du, dass Flynn mit seinem Schwanz Klavier spielen kann? Und gar nicht mal so schlecht. Er trifft zumindest die Töne.«

Leon verzog das Gesicht.

»Sprich ihn doch einfach auf sein Boot an«, sagte Harry plötzlich, als hätte er die ganzen anderen Anekdoten nur gebraucht, um sich warmzulaufen. »Es gibt kaum etwas, über das er lieber redet.«

»Er hat ein Boot?«, fragte Leon überrascht.

»Ja, die ›Santana‹, sie liegt in San Pedro. Bogie hat sie von Dick Powell gekauft. Eine 55-Fuß-Jolle für 55 000 Dollar. Jeder Fuß tausend Dollar. Glaub mir, sie ist es wert. Er verbringt darauf so viel Zeit, wie es nur geht, immer, wenn er dem ganzen Trubel entkommen will.«

Segeln war für Leon ein dankbares Thema. Als Jugendlicher hatte er an ein paar Regatten teilgenommen und kannte sich gut genug aus, um ein wenig darüber fachsimpeln zu können. Für heute, entschied er erleichtert, hatte er genug Informationen gesammelt, um den Bogart-Insider spielen zu können. Harry schien inzwischen selbst Bobby in den Tiefschlaf gequatscht zu haben. Der Papagei schlummerte friedlich auf seiner Stange. Harry hielt das allerdings nicht davon ab, das nächste Thema anzuschneiden.

»Sag mal, stimmt es, dass du einem dieser Taco-Boxer den Kiefer gebrochen hast?«, fragte er.

»Nicht den Kiefer. Nur die Nase. Das war Jesús Bautista, ein Weltergewichtler aus Cantamar mit dem Kampfnamen ›No Mercy‹, aber wenn du mich fragst, sollte er lieber ›No Balls‹ heißen. Im Ring wirkte es immer, als würde er ständig rückwärtslaufen. Seine Tänzelschritte sahen so aus, als hätte er sich in die Hosen gemacht. Ich hab damals noch für die Sportredaktion geschrieben und ihn durch den Kakao gezogen.«

Harry schlug sich auf die Schenkel. »Jesús ›No Balls‹ Bautista. Das ist gut, Mann!«

Leon grinste. »Jedenfalls können es Mexikaner nicht ausstehen, wenn man sich über sie lustig macht. Also hat er mich eine Woche später gemeinsam mit seinen Jungs am Ausgang in Empfang genommen. Bautista wollte wissen, was mir dreckigem Juden einfiel. Bevor er mich vermöbeln konnte, schlug ich ihm einfach ins Gesicht. Das hätte er im Leben nicht erwartet.«

Harry hörte amüsiert zu. Storys wie diese waren ganz nach seinem Geschmack. Leon fuhr fort.

»Ich hab ihn ganz gut erwischt. Er griff sich ins Gesicht und schaute ungläubig auf das Blut, das zwischen seinen Fingern hervorquoll. Mir schlotterten die Knie. Bautista hätte mich sicher mit ein bis zwei Schlägen zu Boden strecken können, aber er ließ von mir ab und verschwand.«

»Lief er rückwärts?«, prustete Harry.

»Nein«, lachte Leon. »Diesmal nicht.«

»Und seine Männer?«

»Die waren anscheinend der Meinung, es sei eine Sache zwischen ihm und mir. Später wollte keiner mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden. Sie hatten wohl Angst, die Schande würde auf sie abfärben.«

Harry wurde ernst. »Du solltest dich dennoch in Acht nehmen. Mexikaner haben ein Gedächtnis wie Elefanten.«

Leon winkte ab.

»Vielleicht solltest du selber in den Ring steigen, statt nur darüber zu schreiben«, schlug Harry vor.

»Vergiss es«, antwortete Leon kopfschüttelnd. »Ich bin damals mal mit Orlando Spinoza über drei Runden Sparring gegangen. Danach konnte ich mich eine Woche lang nicht mehr bewegen.«

Wenig später lenkte Harry seinen Rollstuhl zum Ausgang und schüttelte Leons Hand. »Hat mich gefreut, wenn ich dir helfen konnte. Hast du nicht vielleicht noch eine sichere Wette für mich?«

Leon dachte nach. »Na ja, ich bin nicht mehr ganz so nah dran wie früher. Aber Conley gegen Hernández, der dritte Kampf am Freitagabend im Hollywood Legion Stadium – das könnte was werden. Conley ist 7:1 Favorit. Doch er lag die letzte Woche mit einer Grippe im Bett. Außerdem hasst er Rechtsausleger. Die Jungs aus El Monte halten Hernández für den kommenden Mann. Ich schätze, du kannst ein paar Scheinchen riskieren.«

»Gut, ich denk drüber nach«, bedankte sich Harry.

Leon lachte. »Wenn du darüber nachdenken musst, solltest du besser nicht wetten.«

Leon musste die Augen zusammenkneifen, als er aus dem Bungalow ins Freie trat. Der Vorrat an Sonne war in Kalifornien das ganze Jahr über endlos. Sein Autoradio meldete, dass für Santa Monica 92 Grad Fahrenheit gemessen wurden. Dabei war es gerade mal Anfang Mai. Leon rechnete. 92 minus 32 durch 1,8 gleich 33. Obwohl er jetzt schon seit dreizehn Jahren in der Stadt der Engel lebte, hatte er sich noch immer nicht an die hiesigen Temperaturangaben gewöhnt.

Drittes Kapitel

Leon hielt Mexiko für eine Art Niemandsland, das abwechselnd von Revolutionen, Vulkanausbrüchen, Banditen und ausgedehnten Siestas ruiniert wurde. In seiner Vorstellung trugen die Männer lustige runde Hüte, bunte Umhänge und lange Schnurrbärte. Sie verschlangen Unmengen von Tortillas mit Bohnen und tranken tagein, tagaus Tequila. Wenn sie nicht gerade auf einem Pferd saßen, schliefen sie – wenn es sein musste, sogar an eine Wand gelehnt. Oder sie zogen in kitschigen Mariachi-Uniformen durch die Straßen und peinigten jeden, der nicht schnell genug davonkam, mit ihrer Musik. Während der Kriegsjahre hatte Kalifornien viele Mexikaner ins Land geholt, damit die Arbeit auf den Farmen und beim Bau der Eisenbahntrassen weitergehen konnte. Die Braceros arbeiteten nicht schlechter als die Einheimischen, gaben sich aber mit viel weniger Lohn zufrieden. Alles sprach dagegen, sie nach Kriegsende schnell wieder nach Hause zu schicken. Doch damit begannen die Probleme. So stellte es zumindest die kalifornische Presse dar, laut der die Gastarbeiter jede dritte Straftat zwischen San Bernardino und Malibu verübten.

Stainer hatte Leon einen Pan-American-Flug spendiert, mit dem es von Burbank mit einem Zwischenstopp in Dallas nach Mexiko-Stadt ging. Am Flughafen musste er in einen klapprigen Bus steigen. Die löchrigen Straßen der mexikanischen Einöde führten vorbei an endlosen Agavenfeldern und langen Reihen von Kakteen, die wie Orgelpfeifen Spalier standen. Mit zunehmender Fahrzeit begann sich die Straße immer stärker zu winden. Leon kam es vor, als säße er in einer Achterbahn. Die steilen Auf- und Abfahrten drückten auf seine Ohren, das Geräusch des Motors nahm er nur noch wie aus weiter Ferne wahr. Ein paar Fahrgäste übergaben sich in mitgebrachte Tüten. Der Busfahrer nahm davon keine Notiz. Seine Mimik glich der eines Reptils, das aus einer Starre erwacht war und noch nicht sicher sein konnte, ob bereits alle Körperfunktionen Dienst leisteten. Beim Verlassen der Busstation hatte er sich mit einem Stoßgebet für die Fahrt gerüstet und damit jedwede Verantwortung an eine höhere Instanz weitergereicht. Die Pedale betätigte er ausschließlich mit voller Kraft, ganz gleich, ob er Gas gab oder abbremste. Nach jeder Kurve brummte er ein phlegmatisches »bueno« vor sich hin. Selbst als sich ein schwer bepackter Esel mit einem panischen Sprung vor dem herannahenden Gefährt rettete, dabei den Halt verlor und einen Abhang hinunter in den sicheren Tod stürzte, nötigte ihm das keine Reaktion ab. Was hatte der Esel auch da zu suchen?

Leon vermied es von nun an, aus dem Fenster zu sehen.

Gegen Nachmittag erreichte der Bus Zitácuaro. Die Luft war heiß, feucht und schwer, als hätte ihr jemand Gewichte aufgelegt. Leon war kaum ausgestiegen, als ihn ein kleiner Junge am Ärmel zog. Mit einer lässigen Bewegung holte er eine Kiste hinter dem Rücken hervor, sank auf die Knie und begann schneller, als Leon »gracias« sagen konnte, damit, dessen Schuhe zu polieren. Stoisch ließ er die Putzattacke über sich ergehen.

»¿Busco un hotel?«, sagte er zu dem Jungen, ohne davon auszugehen, dass der jemals in seinem Leben eines von innen gesehen hatte. Der Kleine starrte Leon erschrocken an. Seine Augen standen weit auseinander. Es fiel schwer, gleichzeitig in beide zu blicken. Vermutlich war er noch nie zuvor von einem Gringo auf Spanisch angesprochen worden. Wortlos deutete er nach Norden, packte eilig seine Sachen zusammen und streckte Leon seine vom Schmutz verklebte Handfläche entgegen. Ohne lange darüber nachzudenken, welche Bezahlung für diese Art von Dienstleistungen angemessen wäre, drückte er dem Jungen ein paar Münzen in die Hand. Dann schnellten seine Finger nach vorn, um über den lockigen, schwarzen Haarschopf zu strubbeln. Doch im letzten Moment tauchte der Junge darunter hinweg und wich einer Berührung aus. Einen Augenblick lang schaute ihm Leon verwundert nach.

Eher seinem Bauchgefühl als dem Hinweis des Schuhputzers folgend, schleppte Leon den Koffer in Richtung der nächsten Straßenecke, an der ein paar Händler ihre Stände und Karren aufgebaut hatten. Er war das perfekte Opfer für ihre berüchtigten Tiraden. In für ihn kaum verständlichem Kauderwelsch versuchten sie, ihn von den Vorzügen ihrer Waren zu überzeugen. Leon geriet immer tiefer in das bunte Markttreiben hinein. Aus den Augenwinkeln warf er einen Blick auf die Auslagen: Stoffe, Schmuck, Flachs, Kräuter, Schlangenhäute, Ziegen, Kaffeemühlen, Sättel, Tabak, Uhren, Grammophone, Kerzen, Heiligenbilder, Hausaltäre und alles, was man aus Eisen fertigen konnte. Jeder Stand erzählte seine eigene Geschichte. Ein paar Vogelhändler hatten riesige Käfige aufgestellt, in denen schlecht gelaunte Kakadus zeterten. Nebenan brodelte ein riesiger Topf Hühnerbrühe. Vermutlich gingen die Vögel fest davon aus, genau darin zu landen, wenn sich kein Käufer fand. Ein Truthahn segelte direkt vor Leons Füße und blähte den Hals auf. In respektvollem Abstand stolzierte er an den Vogelkäfigen vorbei, als wolle er daran erinnern, wer hier der Einheimische war. Leon hatte noch nie ein hässlicheres Tier gesehen.

Zu seinen Füßen bemerkte er eine alte Frau, die hinter einer Decke voller Gemüse saß. Ihre Hände erinnerten an Wurzeln. Sie war bestimmt achtzig Jahre alt, aber dennoch kam sie hierher. Leon vermutete, dass der Markt ihr das Gefühl gab dazuzugehören. Hätte Leon ihr angeboten, die ganze Ware mit einem Schlag zu kaufen, hätte sie vermutlich abgelehnt. Die Freude an dem Treiben um sie herum und die Unterhaltung mit den anderen Frauen würde sie sich von keinem noch so lukrativen Geschäft kaputt machen lassen.

Leons Blick blieb an einem klapprigen Holztisch hängen. Zwei junge Mexikanerinnen mit bunten Umhängetüchern bauten aus unterschiedlichen Früchten kleine Kunstwerke: Pyramiden aus Limonen und Mangos, Türmchen aus Zuckerrohr, verzierte Melonen, Kokosnüsse, Kaktusfrüchte und anderes Obst, das Leon noch nie gesehen hatte. Auf dem Boden klatschte eine Frau mit ihren Händen Maisbrei zu Fladen. Ihre schwarzen Zöpfe tanzten im Takt.

Wenige Schritte weiter stritt eine wohlbeleibte Señora mit einem Töpfer darüber, dass sein Geschirr nicht mehr denselben Blauton hatte wie bei ihrem letzten Einkauf. Wie sollte sie nun zerbrochene Teller ersetzen, wenn bald jeder seine eigene Tönung besaß? Leon hatte noch nie darüber nachgedacht, dass es mehr Varianten von Blau geben könnte als ein dunkles und ein helles. Doch in diesem Festival der Farben schienen Begriffe wie Azur, Indigo oder Ultramarin plötzlich ihre Berechtigung zu erhalten.

Hinter den letzten Marktständen konnte Leon die Reklame eines Hotels erkennen. Neben dem Eingang, vor dem reglos wie ein Kadaver ein Hund schlummerte, warb eine Kreidetafel für frisch gefangene Forellen, die man hier auf unterschiedlichste Weise zuzubereiten verstand. Er betrat die Lobby. Die Rezeption war nicht besetzt. Leon betätigte die Klingel auf dem Tresen. Ihr Geräusch war kaum laut genug, um einen Hotelangestellten aus seinem Nachmittagsschläfchen wecken zu können.

»Du musst an die Scheibe klopfen«, tönte es in akzentfreiem Englisch. Leon fuhr herum. Er hätte wetten können, dass sich außer ihm niemand im Raum befand, doch die raue Stimme in seinem Rücken war ganz deutlich zu vernehmen gewesen. Seine Augen tasteten den hinteren Bereich der Lobby ab. Sie lag komplett im Dunkeln.

»An die Scheibe«, wiederholte die Stimme. Leon befolgte den Ratschlag und widmete seine Aufmerksamkeit sofort wieder dem unheimlichen Ratgeber. Endlich konnte er die Silhouette eines Mannes erkennen, der mit weit von sich gestreckten Füßen in einem Korbstuhl saß. In diesem Moment öffnete sich die Tür hinter der Rezeption. Ein Männchen mit asiatischen Zügen huschte hindurch, baute sich hinter dem Tresen auf und grinste Leon an. Auf dessen Erkundigung hin, ob denn ein Zimmer frei sei, veränderte sich der Blick des Angestellten, als hätte er mit jeder, aber nicht mit dieser Frage gerechnet.

»Ahorita«, entschuldigte sich der Asiate und verschwand auf demselben Weg, auf dem er gekommen war.

»Das heißt etwa so viel wie ›Augenblick‹. Nicht selten dauert der Augenblick aber ein Stündchen«, übersetzte der Unbekannte.

Leon fuhr abermals herum. Sein fremder Helfer war wie ein Schatten neben ihm aufgetaucht. Ein Yankee mit buschigen Augenbrauen und Bartstoppeln, die an die Stacheln eines Kaktus erinnerten. Sein Atem roch nach Zwiebeln und Alkohol.

»Sie sind wegen des Films hier.« Auch wenn die Betonung am Ende des Satzes wie bei einer Frage nach oben gegangen war, hatte Leon nicht den Eindruck, dass der Fremde daran zweifelte. »In der Regenzeit verirrt sich selten ein Fremder hierher. Doch seit John Huston oben in den Bergen dreht, ist das alles ein bisschen anders. Sind Sie Schauspieler oder so was Ähnliches?«

»Nein, ich bin Reporter.«

Der Amerikaner ließ Leon im Unklaren darüber, was er von dieser Profession hielt. Unterdessen betrat ein weiterer Gast die Lobby. Er trug eine Ledertasche, wie Leon sie manchmal bei seinem Vater gesehen hatte. Diesmal geriet die Tür hinter der Rezeption sofort in Bewegung. Ein schnauzbärtiger Dickwanst mit Augen wie Pingpongbällen stürmte auf den neuen Gast zu. Er legte ein Tempo vor, das bei seiner Leibesfülle nicht zu erwarten gewesen war. Mit ausgebreiteten Armen lief er dem Neuankömmling entgegen, schenkte ihm das strahlendste Lächeln, das Leon je unter einem Schnurrbart gesehen hatte, und zog ihn an seine Brust. Es folgte ein Schwall freundlicher Bemerkungen, in dem im Fünfsekundentakt die Wörter »mi amigo« vorkamen. Dann löste er die Umarmung, um wie wild die rechte Hand des anderen zu schütteln und zeitgleich mit der linken auf dessen Oberarm zu schlagen, als gelte es, den Staub aus seiner Kleidung zu klopfen. Sein Gegenüber schien mit dieser Zeremonie bestens vertraut und tat es ihm gleich. Wie auf Kommando wechselten sie plötzlich den Griff, umfassten gegenseitig die Daumen und schüttelten weiter, um sich kurz darauf erneut zu umarmen. Die Prozedur zog sich eine Weile hin.

»Sie nennen das ›abrazo‹«, erklärte Leons neuer Bekannter. »Wenn sich in Mexiko zwei Männer treffen, demonstrieren sie den anderen gern, was für gute Freunde sie sind. Soll heißen: Seht mal her, gegen uns kommt ihr nicht an. So etwas gibt’s auch bei Tieren. Schimpansen zum Beispiel ziehen sich gegenseitig an den Hoden.«

Leon amüsierte der Vergleich. Inzwischen war er ganz froh, einen Landsmann getroffen zu haben.

»Sie kennen sich gut aus«, stellte er fest. »Sind Sie schon lange hier?«

Der Kaktusbart nickte. »Jedenfalls lange genug um festzustellen, dass unsere Nachbarn ein ziemlich sonderbares Völkchen sind.« Dabei zeigte er auf den weit geöffneten Eingang, vor dem es zu regnen begonnen hatte.

»Sie lassen zum Beispiel bei Gewitter die Tür offen stehen, damit Jesus eintreten kann.« Sein amüsiertes Lachen ließ auf keine ausgeprägte Religiosität schließen.