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Vorbeugen ist besser als heulen – aber wenn man vor lauter Vorbeugen nicht mehr aufrecht gehen kann, bringt's eben auch nichts. Dr. Guht zeigt die Grenzen der Medizin auf – knallhart, komisch und trotzdem jederzeit kompetent beantwortet er brennende Fragen wie: - Nützen Vorsorgeuntersuchungen auch mir – oder nur meinem Arzt? - Vor welchen Gesundheitstrends gilt es sich zwingend zu hüten? - Die Werbung spricht dauernd von Antiaging – gibt es das auch in echt? - Wo lauern überall diese bösen Keime und was machen die mit mir? - Und was zur Hölle taugt Gehirnjogging wirklich? Dr. Guht stoppt den grassierenden Gesundheitswahn.
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2014
Christian Guht
Dr. Guht heilt den Gesundheitswahn
Vorbeugen ist besser als heulen – aber wenn man vor lauter Vorbeugen nicht mehr aufrecht gehen kann, bringt’s eben auch nichts. Dr. Guht zeigt die Grenzen der Medizin auf – knallhart, komisch und trotzdem jederzeit kompetent beantwortet er brennende Fragen wie:
- Nützen Vorsorgeuntersuchungen auch mir – oder nur meinem Arzt?
- Vor welchen Gesundheitstrends gilt es sich zwingend zu hüten?
- Die Werbung spricht dauernd von Antiaging – gibt es das auch in echt?
- Wo lauern überall diese bösen Keime und was machen die mit mir?
- Und was zur Hölle taugt Gehirnjogging wirklich?
Dr. Guht stoppt den grassierenden Gesundheitswahn.
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Dr. Christian Guht, geboren in Bad Pyrmont, hat Medizin in Magdeburg studiert, über Schizophrenie promoviert und war in Berlin als Arzt im Bereich Neurologie tätig. Bereits vor seinem Zusatzstudium zum Wissenschaftsjournalisten schrieb er regelmäßig für verschiedene Medien, seit 2004 ist er hauptberuflich als Medizinjournalist und Autor tätig (Apotheken Umschau, Süddeutsche Zeitung u.a.). Christian Guht lebt und arbeitet in München.
Covergestaltung: bürosüd°, München
Coverabbildung: Affonso Gavinha
Erschienen bei FISCHER E-Books
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2014
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402511-7
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Prolog Vorbeugen ist besser als heulen
Kapitel 1 Wer länger lebt, wird auch nicht jünger
Medizin verlängert das Leben nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen
Sichere Zeichen dafür, dass Sie so langsam zum Alteisen gehören:
Bonus-Info: Lebenserwartung
Kapitel 2 Einer für alle, alle fürs Alter
Ein gesunder Lebensstil schont Herz, Gefäße und Solidargemeinschaft
Kapitel 3 Renn um dein Leben
Ausdauersport hält gesund … man muss ihn bloß mögen und machen
So laufen Sie richtig:
Kapitel 4 Stahlharte Hengste
Kraftsport tut gut, wenn die Motivation stimmt
Der Edel-Fitnessclub
Der Fitness-Discounter
Medizinische Fitness
Kapitel 5 Menu fatal
Ungesund ist Essen bloß, wenn man es dauernd macht
Essen Sie genug Vitamine
Essen Sie Fleisch nur in Maßen
Seien Sie vorsichtig mit Zucker
Bevorzugen Sie Bio-Produkte
Trinken Sie genug
Meiden Sie allergieauslösende Lebensmittel
Essen Sie ausgewogen
Achten Sie auf gesundheitsrelevante Verbraucherhinweise
Essen Sie überhaupt
Kapitel 6 Teer und Er
Rauchen zeugt von zweifelhafter Gesinnung, Nichtrauchen aber auch
Kapitel 7 Dopamin around my brain
Süchtig wird man leicht. Entscheidend ist, was man daraus macht
Alkohol
Kokain
Cannabis
LSD
Heroin
Ecstasy, Speed, Crystal Meth
Legal Highs
Kapitel 8 Neunmalklug und übersäuert
Gesundheitsbewusstsein fängt häufig erst da an, wo Medizin endet
Kapitel 9 Kollegen-Bonus:
Alternativmedizin zum Selberbasteln
Kapitel 10 Angesteckt von Sorge
Keime lauern überall, vor allem auf einem selbst
So halten Sie sich Keime vom Leib
Kapitel 11 Gecheckt, gescreent, gefisted
Vorsorge beugt oft nicht vor
Kapitel 12 Sequenzierter Kaffeesatz
Gendiagnosen verraten präzise, was werden könnte
Kapitel 13 Love me gender
Wer gesund und lange leben will, wird am besten Frau – oder bleibt es
Kapitel 14 Das Auge ist mit krank
Bildgebende Diagnostik kann den Blick fürs Wesentliche trüben
Kapitel 15 Defi muss mit
Medizinprodukte schaden häufig mehr, als sie nicht nutzen
Kapitel 16 IGeLize it
Die Praxis wird zum Beruhigungsbasar
Kapitel 17 Revolutionäre Zellen
Stammzellen können alles, nur keine medizinischen Durchbrüche
Kapitel 18 Burn out, Spot an
Zeitgeistphänomene werden zu psychischen Leiden … und umgekehrt
Kapitel 19 Vernetzt und zugenäht
Medizin im Internet geht oft nur virtuell
Kapitel 20 Selbsterfahrungs-Bonus
Lange leben in Echtzeit – die Suchmaschinenreportage
Kapitel 21 Da helfen keine Pillen
Medikamente wirken am besten, wenn man auch krank ist
Kapitel 22 Für mein Alter noch recht jung …
Antiaging schützt nicht vorm Altwerden, allenfalls vorm Reifen
Kapitel 23 Morbus Methusalem
Die meisten Patienten heute sind nicht krank, sondern alt
Epilog Wie viel Leben ist noch zumutbar?
Bücherwurmfortsatz Daten, Fakten und Belege
Wer länger lebt, wird auch nicht jünger
Einer für alle, alle fürs Alter
Renn um dein Leben
Stahlharte Hengste
Menu fatal
Teer und Er
Dopamin around my brain
Neunmalklug und übersäuert
Angesteckt von Sorge
Gecheckt, gescreent, gefisted
Sequenzierter Kaffeesatz
Love me gender
Das Auge ist mit krank
Defi muss mit
IGeLize it
Revolutionäre Zellen
Da helfen keine Pillen
Für mein Alter noc h recht jung …
Morbus Methusalem
Ich bin jetzt »Anfang vierzig«. Weiter ins Detail möchte ich da nicht gehen. Man kann sagen, ich mache ein »schwieriges Alter« durch. Nämlich jenes, in dem man eben noch von Party zu Party schwirrte und lange ausschlief, nun aber bunte Abenteuer nur noch dank Blu-ray erlebt und dabei immer früher einschläft. Ich ertappe mich dabei, dass mir junge Leute zunehmend merkwürdig und vor allem jung vorkommen, während diese immer mehr Abstand davon nehmen, mich überhaupt wahrzunehmen. Vor allem aber rücken die unvorstellbaren Fünfzig bedrohlich nahe. Spätestens dann wird sich »der Ritt in den Sonnenuntergang« nicht mehr nur sozial, sondern auch körperlich ankündigen. Das Schwierigste an meinem Alter ist, dass es nicht mehr leichter wird.
Kraft, Potenz, Verstand sind sozusagen irgendwann alle aus dem Haus und melden sich nicht mal mehr an Feiertagen. Dafür gibt es dann zu jedem Geburtstag eine neue chronische Krankheit – Bluthochdruck, Diabetes, senile Witzelsucht –, was zwar durchaus neue Perspektiven und Herausforderungen für das Alter bereitstellt, nur eben nicht die allerreizvollsten.
Doch so dicke soll es gar nicht kommen müssen. Prävention lautet das Credo der modernen Medizin: Wer nicht maßlos isst und säuft, den Leib sportlich züchtigt und immer brav zum Arzt geht, kommt nicht unbedingt in den Himmel, wohl aber fit in die Seniorenresidenz. So steht es geschrieben im New England Journal of Medicine und anderen ebenso heiligen Schriften.
Ich wollte unlängst wissen, wie es um mich steht und habe das gemacht, was alle ab vierzig tun sollen: Ich habe mir einen Hausarzt gesucht. Hausärzte behandeln – besser: betreuen – Menschen, die entweder eigentlich gesund sind oder derart fertig, dass es so ganz genau niemand wissen möchte. Meiner ordnete mich nach zügiger internistischer Inventur (Blutbild, Blutdruck, Belastungs-EKG) glücklicherweise in erstere Kategorie ein, hielt aber dennoch mit drohendem Unheil nicht hinterm Berg (Alter, Krankheit, Exitus) und befragte mich zu den gängigen Gegenmaßnahmen.
Sport konnte ich eifrig bejahen. So etwa zweimal die Woche laufe ich durch Wald, Flur oder Fitnessstudio und kenne auch den theoretischen Überbau der Angelegenheit: Es ist wissenschaftlich belegt, dass Sport das Leben verlängert – sofern es sich nicht um Schwergewichtsboxen oder Eiskanalrodeln handelt. Denn für die körperliche Spannkraft gilt das Gleiche wie für Sportsocken: Use it or lose it. Kreislauf und Bewegungsapparat wollen in Schwung bleiben. Wähnt der Organismus sich in Frührente, verliert er erst die Façon und dann eine Funktion nach der anderen.
Mich hat allerdings weniger die Einsicht über den Lauf aller Dinge und seine medizinischen Korrelate zum Sport bewogen, als das diffuse Gefühl, das nichts läuft, wenn man es nicht selber tut sowie der Umstand, dass mir irgendwann bei einer ziemlich unpassenden Gelegenheit die Luft knapp wurde. »Fit for fun« wollte ich halt wieder werden. Das habe ich dem Arzt gegenüber eher derart umschrieben, dass ich eben Spaß an der Bewegung hätte.
Beim Rauchen konnte ich ebenfalls punkten. Mache ich nämlich nicht. Alkohol hätte vielleicht ein Thema werden können, denn ich trinke ihn keinesfalls »wegen des Geschmacks« oder gar der kreislauffördernden Wirkung. Doch kam mir an dem Punkt möglicherweise die verbreitete Maßlosigkeit auf diesem Gebiet entgegen – eine Schnapsdrossel hackt der anderen schließlich kein Auge aus. »Schon klar«, wird sich der Mediziner gedacht haben, als ich sagte: »gelegentlich in Maßen«, notierte es und wechselte mit konspirativer Dezenz den Tagesordnungspunkt.
Meine Angaben zur Ernährung sorgten dann aber doch noch für gehobene Brauen und sinkende Stimmung. Salat nur als Schnitzelornament? Doppelrahmstufe morgens auf nüchternen Magen? Glutamat zum Fernsehen?
Der kleinlaute Verweis auf meine aber doch schlanke Figur konnte nicht viel retten. Von verstecktem Bauchfett, Gefäßschäden und chronischer Entzündung war die geharnischte Rede und davon, dass sich in der zweiten Lebenshälfte all die Esssünden der Jugend rächten. Ich zog es vor, bei der weiteren Inquisition meine Essgewohnheiten in jungen Jahren, etwa den nach durchfeierter Nacht obligaten Chicken-Döner »mit alles« für den Nachhauseweg, nicht auf die Goldwaage zu legen.
Einmal fündig geworden, bohrte der Doktor ohnehin schon schonungslos genug nach: Ob es in meiner Familie irgendwelche Auffälligkeiten gegeben habe. Ich erwähnte diverse Blutstürze, Nervenfieber, zerrüttete Ehen und eine gewisse Tendenz zu neurotischem Vollständigkeitsanspruch, konnte aber keinen Trend zu Fettleibigkeit oder allzu vorzeitigem Ableben ausmachen.
Das beruhigte den Fachmann kaum. Er empfahl mir die »metabolische Situation« umfassend zu checken. Cholesterin, Homocystein, Ghrelin und Leptin – er könne da einiges bestimmen und für mich tun, nur die Kasse leider nicht, denn die zahlten nur bei »begründetem Verdacht« auf dieses oder jenes Leiden, also erst dann, wenn das Leben schon einmal rückwärts an einem vorbeigezogen sei. Das aber wäre »Irrsinn«, weil »zu spät«. Mit montagsdemonstrationsartigem Unterton beklagte er, dass »in Deutschland« immer erst etwas passieren müsse, bevor reagiert werde, und appellierte an die Pflicht jedes Einzelnen, den Anfängen zu wehren. 150 Euro dafür, das heißt in meinem besonderen Fall für ein »Metabolic Staging« inklusive Gefäßsonographie, seien ja wohl kaum der langen Rede wert.
Das fand ich natürlich auch, wollte aber noch wissen, was denn mit dem Ergebnis eines solchen Check-ups – wie immer es auch ausfalle – anzustellen sei. Dass »Grillteller Dubrovnik« nicht unbedingt jeden Tag auf dem Speiseplan stehen dürfe, wäre ja nun klar. Die andere Möglichkeit hingegen, nämlich die, dass der Test bei mir eine gefährliche Unterversorgung mit Transfetten, Schweinemast-Antibiotika und leeren Kalorien aufdeckte, würde ja wohl kaum bestehen.
Mit dieser Annahme lag ich richtig, aber sonst ganz falsch. Ein aktueller »Status« sei unabdingbar für »therapeutische Interventionen«. Solche bestünden keineswegs nur aus der richtigen Gesinnung und Diät, sondern könnten auch Medikamente beinhalten. »In den Staaten nehmen Gesundheitsbewusste Statine«, erfuhr ich. Dazu muss man zwei Dinge wissen: »Statine« sind Medikamente, die den Cholesterinspiegel senken und auf diese Weise der schleichenden Verstopfung von Blutgefäßen entgegenwirken sollen.
»Gesundheitsbewusste in den USA« sind in der Regel wohlhabend und einer Machbarkeitsideologie aufgesessen, die unter anderem beinhaltet, dass man für Geld auch freie Gefäße kriegt. Daher fragte ich mich – und dann meinen Arzt –, ob die genannten Personen nicht nur gesundheitsbewusster, sondern tatsächlich auch gesünder wären, als diejenigen, die nicht alles schlucken, was die Konsumwirtschaft ihnen vorsetzt.
Jetzt driftete ihm das Gespräch etwas zu sehr ins Systemkritische. Ich könne gerne nach drüben gehen – also zum Kollegen – und mir eine zweite Meinung einholen, die aber auch bloß darauf hinausliefe, dass es nur eine gibt: Wer krank wird, ist selber schuld und soll nicht behaupten, sein Arzt hätte nicht alles versucht, ihm das klarzumachen.
Abgesehen davon müssten so Renitente wie ich zukünftig mit finanziellem Regress und sozialer Ächtung rechnen, wenn sie mit ihrer Gesundheit auch ihre Produktivität einfach so dahingehen ließen.
Was soll man da tun? Ich beugte mich vor der fachlichen Exzellenz und der schieren Ausweglosigkeit meiner Alterssituation und willigte ein: Metabolic Staging, Cardio-Check, Ganzkörper-Endoskopie – ich würde alles mitmachen. Was immer der guten Sache – also meinem möglichst langen und angenehmen Dasein auf dieser Welt – dienen könnte, sollte geschehen. Es ließ sich ja alles Mögliche anzweifeln, nur nicht, dass der Arzt eines friedhofsklammen Tages recht behalten musste. Mir blieb nur mitzumachen und vorzubeugen, statt zu heulen, dann würde alles gut.
Ich unterschrieb Einwilligungen, Blankovollmachten und juristische Exkulpationen für den »überaus seltenen« Fall »medikamentenbedingter Hautablösungen«, machte Untersuchungstermine, gelobte frühmorgendliche Nüchternheit und fühlte mich wie neu geboren.
Noch ganz beseelt vom Erlösungsgefühl feierte ich abends bei fetter Pizza und gutem Wein. Kurz vor der zweiten Flasche kamen mir Zweifel: Die sollte jetzt eigentlich zubleiben. Die Gehirnzellen müssen sich ausnüchtern für all die noch anstehenden Herausforderungen, Perspektivenwechsel und Komplexitätserweiterungen im Alter. Auch Leber und Gefäße haben für heute genug, wenn sie noch Jahrzehnte ran sollen.
Die Gewissensbisse verliefen sich im Laufe der nächsten beiden Fläschchen, doch leider fiel am nächsten Morgen der angesetzte Fitnesstermin aus, und zwar, weil ich um sieben weder auf Anrufe noch auf Schmerzreize reagierte, um neun stark verlangsamt auf der Bettkante saß und um zehn immer noch versuchte, Pizzastücke aus dem CD-Spieler zu fummeln. Kurz: Der alte Schlendrian war schneller wieder da, als er hätte gehen können.
Die Skepsis holte mich ein: Wollte ich zukünftig wirklich auf jeden Spaß verzichten, nur um ihn länger nicht zu haben? Der Knochenmann in mir, das Memento mori bei Pizza, Wein und Sportverzicht, zeigte mir mal die grimme Fratze und jäh wieder ein gütiges Lächeln: Sollte ich mich angesichts des nahenden Endes nun disziplinieren wie ein Bettelmönch auf Schonkost oder es nicht erst recht krachen lassen, als fielen Silvester, Fußball-WM-Titel und Charlie Sheens Junggesellenabschied auf einen Tag? Ich stellte mir die alles entscheidende Frage: Wo siehst du dich selbst in hundert Jahren?
Zwei Möglichkeiten schienen mir plausibel. Entweder ich läge in meinem kalten Grab, derart gesättigt mit Fettsäuren, dass selbst den Maden noch blümerant würde. Oder ich wäre eine Art Jopi Heesters des 22. Jahrhunderts, nur ohne Starnberger Villa und junge Frau. Wissenschaftler würden mich busseweise konsultieren, um mich durch mein aseptisches Zelt zu bestaunen. Alljährlich hielten Staatsvertreter Reden über mein unglaublich langes Leben, die allerdings nur für mich jedes Mal wieder Neuigkeitswert hätten.
Beides kam mir unattraktiv vor. Ich musste die Angelegenheit noch einmal kritisch durchdenken: Ist der Medizin und ihren bedingungslosen Versprechen zu trauen beziehungsweise zu folgen? Wie viel Prävention ist möglich – und noch gesund? Sport, Ernährung, Gen-Check und Vorsorge – ich würde den Dingen auf den Grund gehen und rausfinden, wer noch zu retten ist: Ich, mein Arzt oder der gesundheitsversessene Menschenverstand.
Ergebnis dieser Recherche und inneren Einkehr sind die folgenden Texte, deren Aussagen auf medizinischen Fakten beruhen, wie im Anhang belegt ist. Außerdem haben viele beliebte Prominente mitgemacht – wie immer, wenn es um Gesundheit geht oder um Satire, gegen die sie sich kaum wehren können. Freuen Sie sich also auf die Rolling Stones, Helmut Schmidt, Kai Dieckmann, Verona Pooth, Adolf Hitler und zahlreiche weitere Personen eines öffentlichen Lebens ohne jede Verfallsgrenze.
Tot sein ist ziemlich öde, wie jeder ahnt, der schon mal ungeboren war: Die Zeit rauscht so davon, und man schafft irgendwie nichts. Dass es nach dem Leben spannender wird als davor, lässt sich immerhin bezweifeln. Oder anschaulich ausgedrückt: Wer die erste durchwartete Ewigkeit schon nicht zum Harfeüben genutzt hat, fängt in der zweiten vermutlich auch nicht mehr an.
Das stärkste Argument für einen gesunden Lebenswandel besteht daher in seiner todesverzögernden Wirkung. Die mag in Anbetracht der Ewigkeit gering bis unerheblich sein, doch man nimmt ja jedes Schnäppchen gerne mit, auch wenn es nur um ein paar Jahre geht: Haben oder nicht haben – das ist die Frage.
Und deren Antwort kennt nur die Medizin. Weltreligionen, Philosophie und Dieter Nuhr mögen ja manche existentielle Frage gewälzt haben, doch an Nutzerwissen, an praktischen Tipps, wie dem Problem mit der Endlichkeit allen Seins denn nun beizukommen sei, ist dabei wenig rausgesprungen. Dagegen haben Wissenschaft, technischer Fortschritt und beider Lieblingskind, die Medizin, dem ultimativen Sabbatical einiges abgetrotzt: 100 Jahre alt werden Menschen heute, wenn nichts dazwischenkommt. Noch im vorletzten Jahrhundert ging es mit durchschnittlich 45 Jahren zurück in Mutter Erdes moderigen Schoß – in einem Alter also, in dem heute viele erst darüber nachdenken, möglicherweise eine Familie zu gründen oder vielleicht eine ayurvedische Surfschule auf Lanzarote aufzumachen oder doch Entscheidungscoach zu werden.
Dereinst aber hielten hygienische Dauernotstände und ganz und gar unsanfte Geburten die Lebenserwartung kurz und Gelegenheiten zur Selbstfindung und Sinnsuche überschaubar. Und auch wenn Philosophen und die Kirche das Gegenteil behaupteten beziehungsweise festlegten, unterschied sich der Mensch doch kaum vom Tier: Die männlichen Exemplare schlugen sich für bescheidene Territorialansprüche ungehemmt die Birne ein, die weiblichen bekamen ein Kind nach dem anderen, und zwar unter hygienischen Umständen, gegen die selbst ein Dixi-Klo nach zwei Wochen Oktoberfest steril erscheint. So eine Geburt lief zwar total natürlich ab und versachlichte den Weg ins Leben nicht zu einer kalten, medizinischen Prozedur, wurde dafür aber in einem von zehn Fällen nicht überlebt.
Ignaz Semmelweis, ein ungarischer Frauenarzt, kam vor 160 Jahren auf die gute und damals revolutionäre Idee, sich doch einfach mal die Hände zu waschen, bevor man diese an, genauer: in die Dame legt, und senkte damit die Sterblichkeitsrate im Kindbett um neunzig Prozent. Zum Dank steckte man ihn ins Irrenhaus, vermutlich wegen »Waschzwang«, was zeigt, dass neue Prinzipien in der Medizin es noch nie leicht hatten, vor allem wenn sie gut und billig sind.
Ein anderer Lebensretter von epochaler Bedeutung war Alexander Fleming, den allerdings eher seine Nachlässigkeit zum Helden machte als penible Sauberkeitserziehung. Er ließ 1928 eine Bakterienkultur versehentlich verschimmeln, wovon den Bakterien noch übler wurde als Flemings Putzfrau. Der Pilz hatte nämlich praktischerweise Penicillin hergestellt, mit dessen Hilfe künftig Infektionskrankheiten wirksam bekämpft und bis heute viele Millionen Menschen gerettet werden konnten.
Fleming und Semmelweis wären in einer gemeinsamen Studenten-WG über den Putzplan vermutlich ziemlich aneinandergeraten, doch eint sie der nachhaltige Erfolg im menschlichen Überlebenskampf: Eine Lungenentzündung war fortan keine Lotterie mit dem Leben mehr, eine Geburt glich nicht mehr einer blutigen Geiselbefreiung. Die Säuglings- und Kindbettsterblichkeit sank, die Lebenserwartung stieg an und mit ihr die Hochachtung vor Ärzten und ihrer Kunst.
Deren Exponate einem bisweilen den Atem rauben: künstliches Herz, künstliche Niere, künstliche Brüste – dem Fortschritt scheint keine natürliche Grenze gesetzt. Doch nicht nur geiles Gerät und omnipotente Pillen verlängern das Leben – auch zunehmendes medizinisches Wissen hat erheblich dazu beigetragen, dass Menschen immer älter werden.
Etwa das Bewusstsein für eine vernünftige Ernährung. Ganz früher wurde gegessen, was auf den Tisch kam: Rüben, Kohl oder gar nichts. Vitamine gab es nur zu Weihnachten und Fleisch galt als Spurenelement. Dann später, in Zeiten wachsenden Wohlstands, spachtelte man, als gäbe es kein Morgen, was sich so häufig auch bewahrheitete: Fleischplatten balkanischen Ausmaßes und konsequent kalorienreiche Beilagen, bis Vatis Weste platzte – oder seine Hirnschlagader. Heute gibt es statt hochkalorischer Entrées ernährungsphysiologische Beratungen zum Essen und ohne »hochwertige Nährstoffe« wagt sich kein Gemüse mehr auf den Teller.
Mediziner fanden außerdem heraus, dass man in der Chemiefabrik ab und zu mal lüften sollte und man beim Asbestsägen besser eine Maske trägt, worauf gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen vielerorts zum Besseren geändert oder die Arbeit fortan woanders – von duldsamen Asiaten oder robusten Afrikanern – erledigt wurde.
Auch auf die Risiken von Genussmitteln, Müßiggang und wahllosem Geschlechtsverkehr machten Ärzte aufmerksam, womit sie im Kern bloß die Botschaften der Kirche übernahmen. Doch anders als der Klerus hat die Medizin ihre Gebote belegen und veranschaulichen können. Nicht mehr diffuse Szenarien wie Fegefeuer oder ewige Verdammnis drohen als Konsequenz allzu losen Treibens, sondern streng plausible und nachvollziehbare Prozesse, etwa Obstruktionsatelektasen oder Prädiabetes.
Aus Dank und Ehrfurcht genießen Ärzte heute hohe soziale Achtung und üben unwidersprochene Autorität aus. Ehemalige Bescheidgeber, etwa der Papst, müssen mittlerweile bis in unterentwickelte Elendsregionen wie Brasilien, Kuba oder Paderborn reisen, um noch Gehör zu finden. In der zivilisierten Welt hingegen gilt das Wort der Medizin. Deren Allmacht steht außer Frage. Imposante Geräte kriegen alles raus. Vorsorge-Check-ups und Impfungen versprechen Erlösung, Ablass und Planungssicherheit. Und gegen jede erdenkliche Unbill helfen Tabletten.
Euphorietrübend wirkt allein der Umstand, dass immer noch Leute krank werden – und bleiben – sogar »immer mehr«, wie man ständig hört und liest. Steckt da gar Methode hinter? Haben wir es mit Sabotage am Kunden zu tun, um die künftige Nachfrage zu sichern, so wie es bei Unterhaltungselektronik oder italienischen Autos üblich ist? Wenn man mal erlebt hat, wie es mitunter so zugeht im Krankenhaus, kann man fast den Eindruck gewinnen. Nicht, dass irgendwann alle gesund wären und die schönen Kongresse sich erübrigten.
Das ist natürlich grober Unfug. Krank sind die Menschen bekanntlich immer. Da besteht – anders als bei Unterhaltungselektronik oder italienischen Autos – eine echte Nachfrage. Gleichwohl bekämpft die Medizin heute überwiegend ihren eigenen Erfolg. Denn wie so oft beziehungsweise eigentlich immer im Leben, hat alles seine zwei Seiten, gibt es nichts umsonst, steigt direkt proportional zum Hobelaufkommen die Spanemission.
Die menschliche Neigung dem Tod von der Schippe zu springen und die diesbezüglich hilfreichen Verdienste der Medizin weisen nämlich eine erhebliche Nebenwirkung auf: das Altwerden, welches naturgemäß so manchen Abrieb mit sich bringt.
Natürlich kann das Ganze auch ganz harmonisch verlaufen: Man sitzt graumeliert und in englische Strickware gekleidet auf der komplett abbezahlten Veranda, zwinkert jovial langjährigen, guten Freunden zu, die sich allabendlich zu anregenden Gesprächen und importiertem Bolgheri einfinden, während mindestens acht Enkelkinderchen durch den in sepiafarbenes Licht getauchten Garten schwirren, in dem der mit erotischer Restspannung bedachte Partner die Rosen schneidet.
Rein biologisch allerdings charakterisiert das Alter der unfrohe Umstand, dass der Körper seine Haltbarkeitsgrenze passiert hat, dass Synapsen ins Leere greifen und Schließmuskel schon mal alle Fünfe grade sein lassen. Da findet sich dann nur noch die rumänische Pflegekraft ein und für den Sepiaton sorgt die Hornhauttrübung.
Spätestens mit hundert Jahren, aber meist schon deutlich früher, fällt der ganze Apparat auseinander. Das haben die Gene so eingerichtet, und zwar damit nicht ein Haufen Rentner die Fußgängerzonen verstopfen, das Mittelmeer übervölkern und die Evolution behindern. Ohne die programmierte Ablauffrist wäre der Rentner nämlich nie entstanden, sondern ewig Einzeller geblieben – ein unsterbliches Hauspantoffeltierchen.
Für die ambivalenten Rahmenbedingungen unseres Daseins können Ärzte auch nichts. Der Medizin das Alter vorzuhalten, wäre ungefähr so, als würde man einem Koch vorwerfen, dass sein Essen einen satt gemacht habe. Daher kann man bei den sogenannten Altersleiden auch kaum von Krankheiten sprechen, eher von Kollateralschäden zivilisatorischer Errungenschaften, von Leiden auf hohem Niveau.
Noch vor gut hundert Jahren musste Alois Alzheimer die Krankheit seines Namens mühsam entdecken, weil kaum jemand alt genug wurde für den Nerven-Kehraus. Ähnliches gilt für diverse Krebsarten, Gefäßleiden oder die Midlife-Crisis: gewissermaßen Luxusprobleme – wenn auch ziemlich große.
So wird sich in den kommenden vierzig Jahren die Zahl der Demenzkranken auf gut 2,2 Millionen verdoppeln, und zwar nicht etwa weil Blödheit ansteckend wäre, sondern weil es immer mehr Alte geben wird und Altsein, neben verstiegenen neuropathologischen Prozessen, die keine Sau versteht, eine ziemlich wesentliche Ursache für den Gedächtnisverlust darstellt: Vor dem siebzigsten Lebensjahr tritt die Krankheit glücklicherweise nur selten auf. Von den 85-Jährigen ist aber bereits jeder Fünfte betroffen und von den über Neunzigjährigen mehr als ein Drittel. Die Wahrscheinlichkeit, dement zu werden, liegt bei derzeitiger Lebenserwartung für Männer bei dreißig, für Frauen bei fünfzig Prozent. Da kommt man ins Grübeln – so lange es noch geht.
Ähnlich schlecht auf Silver-Aging eingerichtet wie das Gehirn sind die Nieren. Die waschen bekanntlich Tag und Nacht das Blut, treu, ergeben und diskret. Aber mit achtzig liegt die Filterleistung des Paarorgans durchschnittlich nur noch bei dreißig Prozent. Dem zunehmenden Altersdurchschnitt folgend, ist die Zahl der Patienten mit chronischem Nierenversagen in Deutschland in nur fünfzehn Jahren um mehr als fünfzig Prozent gestiegen, von 60000 auf über 90000.
Daher gewinnt das Thema Nierenspende auch an Bedeutung. Würden endlich mehr Menschen einen Organspendeausweis mit sich tragen, wäre man der Lösung dieses Problems einen Schritt näher. Wie gesagt: nur einen Schritt. Die Ausweisträger müssten – nun ja – halt irgendwie auch mal spenden, bei Gelegenheit … Würden sie hingegen auch immer älter, gilbte das segensreiche Papier bloß zwischen den Payback-Karten rum, die auch nie eingelöst wurden.
Außerdem wäre es vielleicht auch ratsam, im Organspenderausweis auf die Überalterung der Ersatzteile hinzuweisen, etwa mit Anmerkungen wie: »Nieren, Baujahr 1930, für Bastler« oder »Leber mit optischen Mängeln und hoher Saufleistung«.
Handelt es sich bei der steigenden Lebenserwartung mittlerweile also um ein vitales Nullsummenspiel? Ist der, der später stirbt, bloß länger krank gewesen? Taugen Fitness, Diät und Gesundheitsvorsorge nur dazu, sich statt der einen eine andere Kugel zu fangen?
Nein, sagen Demographen vom Max-Planck-Institut in Rostock und argumentieren mit der bestechenden Logik von Naturwissenschaftlern: Wenn es so wäre, dann wäre es so. Soll heißen: Wäre die Altersgrenze des Menschen tatsächlich erreicht, würden nicht immer mehr Menschen immer älter werden. Das Ende bleibe zwar unkommod, aber die Zeit davor werde länger und besser.
Tatsächlich sind die heute 60- bis 70-Jährigen besser in Schuss als ihre Väter und Großväter in diesem Alter – geschweige denn heute. Das Alter im biologischen Sinne habe sich verschoben, glauben viele Experten: 70-Jährige seien heute hochaktiv – sportlich, sozial und sexuell, was aber vermutlich noch niemand gewagt hat, so richtig zu überprüfen. Dementsprechend seien sechzig die neuen fünfzig, also ein Alter, in dem man noch mal neue Perspektiven ausleuchtet, mit einer Rockband auf Tour geht oder von Erdbeerbowle auf Heroin umsteigt.
Interessanterweise wirkt sich dieser Trend auch auf die Jungen und Nicht-mehr-ganz-Jungen aus: In gewissen Biotopen, etwa um den Berliner Helmholtzplatz, wird dem demographischen Wandel ja einmal konventionell durch Fortpflanzung die Stirn geboten, aber auch soziokulturell per Infantilisierung getrotzt. Zumindest weisen Limonadenkonsum und der Absatz von »Die drei ???«-Originalhörspielkassetten im Prenzlauer Berg darauf hin.
Allerdings sind Dreißigjährige aus Abgrenzungsbedürfnissen heute auch genötigt, Kinderhörspielen zu lauschen und in Szenekneipen Tischtennisrundlauf zu spielen, da ihre Eltern bei »Rock am Ring« stoned durch den Matsch vögeln.
Die Medizin hat den Menschen also zweifelsohne weit gebracht, hat ihn zu einem Kulturwesen gemacht, das sich der Natur zu widersetzen vermag, ihr nur leider nicht entkommt. Wem danach der Sinn steht, der sollte es vielleicht doch weiter mit Weltreligionen oder Dieter Nuhr versuchen. Medizinjünger können sich indes auf schöne Bonusjahre freuen. Allzu sturm-und-drangartig sollte man sich die aber vielleicht doch nicht vorstellen. Mögen die Alten heute jünger wirken als früher – sie bleiben immer noch älter als die Jungen. Mit den aus diesem Gefälle resultierenden Demütigungen ist also weiter zu rechnen: Angesiezt werden beim E-Gitarren-Kauf, angeschrien werden beim Handykauf, ignoriert werden trotz Porsche-Kaufs. Torheit schützt nun mal vor Alter nicht.
Wichtige Info: Die gewonnene Lebenszeit wird hinten angehängt. Es verhält sich üblicherweise also nicht so, dass es zum Dank für all die Askese noch mal zehn Jahre auf Interrail-Tour ginge oder noch mal mit den Kindern in den Urlaub oder endlos mit Bolgheri-saufenden Freunden auf die Veranda. Gegen Vergänglichkeit ist selbst die Medizin machtlos: Man kann halt nicht immer siebzig sein.
• Achtzigjährige stehen im Bus für Sie auf.
• Sie halten das Internet für eine Spionage-Serie mit Heinz Drache und Eddi Arent.
• In Ihren Sexphantasien kommen keine noch lebenden Personen vor.
• Sie müssen ständig auf Beerdigungen, zuletzt auf die von Ihrem Rententräger.
• Ihre Nase wird zum Biosphärenreservat für geschützte Arten erklärt.
• Sie vergessen, sich daran zu erinnern, was Sie sich unbedingt merken wollten.
• Ihr Hausarzt überweist Sie zum Spezialisten – einem Anthropologen.
Der Begriff ist etwas irreführend: Gemeint ist nicht die Erwartung, die man ans Leben haben könnte, sondern die durchschnittliche, nackte Überlebenszeit zu einem bestimmten Zeitpunkt. Bei Männern beträgt diese in Deutschland derzeit 77 Jahre, bei Frauen fast 83, was zu erwarten war: Frauen gehen öfter zum Arzt, trinken nicht so viel Alkohol und tendieren weniger zu sportlichem Überholen auf regennasser Fahrbahn. Sie sind aber auch genetisch bevorzugt, denn sie haben ein doppeltes Geschlechtschromosom (XX) und damit eins in Reserve, Männer (XY) nicht. Schleichen sich altersbedingt Fehler im Erbgut ein, können reife Damen damit den Schaden ausgleichen, was auch als Doppelentlastung von Frauen bezeichnet wird.
Neben dem Geschlecht hängt die Lebenserwartung wesentlich vom Sozialstatus ab. Reiche werden im Schnitt zehn Jahre älter als Arme – sofern sie immer schön die Autotüren verriegeln, nicht noch mal jung heiraten und Distanz halten von übermotivierten Erbengemeinschaften.
