Wer spielt hier mit wem? - Friederike von Buchner - E-Book

Wer spielt hier mit wem? E-Book

Friederike von Buchner

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Beschreibung

Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Toni schenkte zwei Becher Kaffee ein. Er drehte sich nach Anna um. »Komm, Anna! Wir machen Kaffeepause und setzen uns zum Alois auf die Terrasse!« Anna trocknete die Hände ab. »Lass mich noch das Geschirr in den Schrank räumen, Toni. Ich bin gleich fertig!« »Naa, Anna! Im Augenblick sind keine Hüttengäste hier. Das möchte ich ausnutzen.« Anna lächelte ihrem Mann zu. Sie nahm ihm einen der Becher ab. »Hast schon recht! Den Augenblick müssen wir ausnutzen. Die Wandergruppe ist jetzt auch aufgebrochen. Die waren sehr lebhaft, dabei waren es nur zehn Leute.« Toni legte seinen Arm um Anna. Sie gingen gemeinsam hinaus. »Ja, die waren ganz schön übermütig und lustig!« Sie setzten sich zu dem alten Alois an den Tisch.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Toni der Hüttenwirt – 420 –Wer spielt hier mit wem?

Friederike von Buchner

Toni schenkte zwei Becher Kaffee ein. Er drehte sich nach Anna um.

»Komm, Anna! Wir machen Kaffeepause und setzen uns zum Alois auf die Terrasse!«

Anna trocknete die Hände ab.

»Lass mich noch das Geschirr in den Schrank räumen, Toni. Ich bin gleich fertig!«

»Naa, Anna! Im Augenblick sind keine Hüttengäste hier. Das möchte ich ausnutzen.«

Anna lächelte ihrem Mann zu. Sie nahm ihm einen der Becher ab.

»Hast schon recht! Den Augenblick müssen wir ausnutzen. Die Wandergruppe ist jetzt auch aufgebrochen. Die waren sehr lebhaft, dabei waren es nur zehn Leute.«

Toni legte seinen Arm um Anna. Sie gingen gemeinsam hinaus.

»Ja, die waren ganz schön übermütig und lustig!«

Sie setzten sich zu dem alten Alois an den Tisch. Er las die Zeitung, die Toni von der Oberländer Alm mit heraufgebracht hatte. Dort holte Toni jeden Tag frische Milch und Sahne. Es führte keine Straße hinauf zur Berghütte. Alles, was benötigt wurde, musste über den schmalen Bergpfad hinaufgetragen werden. Anna hatte Bello, den jungen Neufundländerrüden, dafür abgerichtet. Er konnte Packtaschen tragen und auch einen kleinen Aluminiumwagen ziehen.

Bello setzte sich neben Anna und legte ihr seinen Kopf auf den Schoß. Er sah sie an.

»Bello, du musst mir nicht solche Augen machen und armer Hund spielen. Du hast deine Leckerli schon bekommen«, lachte Anna.

Sie kraulte ihm das Fell zwischen den Ohren.

»Steht was Interessantes in der Zeitung, Alois?«

»Naa, nix, nur des Übliche! Nichts Aufregendes! Aber des brauche ich auch net, es wird bald schon aufregend werden«, bemerkte Alois.

Er faltete die Zeitung zusammen.

»Wie meinst des jetzt?«, fragte Toni.

»Des ist keine Meinung von mir, des ist eine Tatsache, des ist Erfahrung. Schau mal, drüben über dem Gipfel des ›Höllentors‹ steht seit dem frühen Morgen eine schwarze Wolke und sie wird immer dunkler und größer. Da geschieht ein Unglück!«

Toni und Anna drehten sich um und blickten in Richtung des Berges. Richtig, genau über dem Gipfel ballte sich eine einzelne schwarze Wolke am ansonsten strahlend blauen Himmel.

Anna und Toni warfen sich Blicke zu. Sie kannten die alten Geschichten nur zu gut. Wenn über dem Gipfel des »Höllentors« eine schwarze Wolke stand, so sahen das alle Waldkogeler als Vorbote eines Unglücks. Entweder es brach ein Unwetter herein oder es geschah sonst etwas. Die Waldkogeler glaubten, dass auf dem Gipfel des Berges der Teufel ein Tor zur Hölle hatte. Daher kam der Name. Stand eine Wolke über dem Gipfel, dann hatte der Satan die Tür geöffnet und war herausgekommen. Es ist nur eine Mär, sagten viele Touristen, die die alten Geschichten zum ersten Mal hörten. Doch viele wurden eines Besseren belehrt.

»Haben wir noch genügend schwarze Gewitterkerzen, Anna?«

»Ja, Toni! Und ich habe auch noch einen ganzen Kasten mit ewigen Lichtern.«

Toni nickte, stellte seinen Kaffeebecher ab und stand auf. Er ging hinein. Anna blieb sitzen. Sie wusste, was Toni tat.

»Alois, denkst du, es kommt ein Wettersturz?«

Der alte Alois, der vor Toni und Anna die Berghütte bewirtschaftet hatte, schüttelte den Kopf. Er konnte auf fast fünfzig Jahre Erfahrung zurückblicken.

»Naa, Anna! Danach schaut es net aus! Ich denke net, dass es ein Unwetter gibt. Aber ein Unheil kommt!«

Anna schaute hinauf zum Gipfel des anderen Hausberges, dem »Engelssteig«. Das große Gipfelkreuz aus Metall leuchtete in der Sonne und zeichnete sich deutlich gegen den blauen Himmel über den Bergen von Waldkogel ab.

Anna faltete ihre Hände im Schoß und hielt eine kurze Zwiesprache mit den Engeln auf dem Gipfel des Berges. Jeder in der Gegend glaubte, dass die Engel dort oben Waldkogel beschützten und über eine für Menschen unsichtbare Leiter in den Himmel aufstiegen und die Gebete, Wünsche und Sehnsüchte hinaufbrachten.

Die tiefschwarze Wolke über dem Gipfel des »Höllentor« beunruhigte sie. Sie sah wirklich bedrohlich aus.

Toni kam zurück, setzte sich und legte den Arm um seine Frau.

»Wenn die Wolke größer wird, dann rufe ich die Eltern an. Sebastian und Franziska sollen dann heute unten bei ihnen im Dorf bleiben und übernachten. Vielleicht gibt es doch einen Wettersturz. Ich möchte nicht, dass die Kinder auf dem Weg von der Oberländer Alm herauf in das Unwetter kommen.«

»Schmarrn, Toni! Es gibt kein Unwetter! Des spüre ich in den Knochen. Die tun mir net weh, also gibt es kein schlechtes Wetter«, bemerkte der alte Alois.

»Na, wenn du des sagst, Alois, dann muss es stimmen. Du bist besser als jedes Barometer!«, lachte Toni.

Die Wolke über dem Gipfel des ›Höllensteigs‹ war den ganzen Tag über zu sehen. Sie sah sehr bedrohlich aus. Es lag eine angespannte Ruhe über den Bergen und Waldkogel.

Toni ging vor dem Einschlafen noch einmal in der Berghütte herum und schaute nach, ob alles in Ordnung war. Vielleicht gibt es heute Nacht ein Unwetter, dachte er. Vielleicht irrt sich der alte Alois.

Es gab kein Unwetter. Es regnete nicht einmal. Am nächsten Morgen war der Himmel blau. Doch die bedrohliche schwarze Wolke stand noch immer über dem Gipfel. Alle machten sich Gedanken. Pfarrer Rainer Zandler wunderte sich nicht über die vielen Besucher der Frühmesse. Er verstand, dass alle beunruhigt waren.

Die Wolke löste sich den ganzen Tag nicht auf. Auch am dritten Tag stand die schwarze Wolke über dem »Höllentor«. Nur die ganz alten Leute in Waldkogel erinnerten sich daran, dass sie so etwas in ihrer Jugend schon einmal erlebt hatten, und die Erinnerung daran verhieß nichts Gutes.

*

Das Ruderboot erreichte die Anlegestelle. Holger Becker und Michael Zaringer stiegen aus. Die beiden älteren Männer schauten sich an.

»Schnell waren wir heute nicht. Außerdem bist du einige Male aus dem Takt gekommen.«

Er nickte dem Freund zu und trocknete sich mit dem Handtuch Stirn und Nacken.

»Man wird älter, Holger!«

»Komm sei still, Micha! Du bist doch immer der Sportlichere von uns gewesen. Wie lange ist es her, dass wir zum ersten Mal zusammen gerudert sind?«

Sie mussten beide lachen.

»So genau will ich das nicht nachrechnen, Holger. Sonst komme ich mir noch älter vor.«

Holger klopfte den Freund auf die Schultern. Sie gingen hinein und zogen sich um. Bald darauf saßen sie auf der Terrasse des vornehmen Ruderclubs und nahmen einen Imbiss ein. Die beiden Männer kannten sich seit der Zeit an der Universität. Beide hatten Wirtschaft studiert und ruderten damals zusammen für den Universität-Sportclub. Nach dem Studium hatten sich ihre Wege getrennt. Holger Becker machte Karriere als Vermögensberater und Michael Zaringer baute die vier Ladengeschäfte seines Vaters zu einer großen Drogeriemarktkette aus.

»Nun sag mal, Micha, was ist mit dir los? Du schweifst mit deinen Gedanken ständig ab.«

Zaringer schmunzelte.

»Stimmt, Holger! Aber wir haben doch eine Abmachung. Wir haben eine Freundschaft und dabei soll es bleiben. Wie reden nicht über geschäftliche Dinge. Das halten wir jetzt schon so lange und dabei soll es bleiben.«

»Sicher wurden wir beide Zeugen, wie die Vermischung von Freundschaft und beruflichen Interessen zum Bruch der Freundschaft geführt hatte bei einigen, die wir kennen. Trotzdem, Ausnahmen bestätigen die Regel, also gib mir wenigstens einen kleinen Hinweis. Sonst muss ich annehmen, du bist irgendwie verstimmt.«

Michel Zaringer stöhnte leise.

»Ich gebe zu, dass ich heute etwas seltsam bin. Das hat nichts mit dir zu tun. Es ist eher eine Familienangelegenheit.«

Er schaute dem Freund in die Augen. Holger kannte Michels Frau Rita und den Sohn Lenz gut.

»Ist jemand krank? Ist etwas mit Rita?«

Holger wusste, wie sehr Michel Rita liebte.

»Nein, in unserer Ehe ist alles in Ordnung. Rita geht es gut.«

»Aha, dann geht es um deinen Buben?«

»Wir sind eben nicht immer einer Meinung.«

»Wer ist das schon, Micha?«

»Das stimmt auch wieder.«

Michel Zaringer löffelte den Kaviar.

»Wir hatten die Tage ein Gespräch und waren zu keiner Einigung gekommen. Wir sind eben zu verschieden. Du kennst mein Temperament. Ich bezeichne mich durch und durch als Macher. Ich habe viel erreicht. Jetzt könnte ich noch mehr erreichen. Aber Holger will nicht mitziehen.«

»Wie ist das zu verstehen? Du bist doch immer so stolz auf deinen Jungen gewesen.«

»Ja, und – bitte verstehe mich nicht falsch, – das bin ich immer noch. Lenz ist fleißig und gewissenhaft. Aber ihm fehlt der nötige Biss. Er hat keinen Jagdinstinkt. Er ist mehr der Verwaltungsmensch.«

»Um was ging es genau?«

»Europa, besonders jetzt Osteuropa, das ist ein großer Wachstumsmarkt. Wir könnten noch mehr expandieren und saftige Profite einstreichen. Doch Lenz zieht nicht mit. Das tut weh, Holger. Wahrscheinlich habe ich den Jungen zu verwöhnt.«

»Den Eindruck habe ich nicht!«, warf Holger ein.

Sie schauten sich an.

»Vielleicht fehlt dem Jungen eine Perspektive, ein wirkliches Ziel. Vielleicht fehlt ihm der Anreiz. Du wolltest es weiterbringen für ihn. Lenz ist immer noch Junggeselle.«

»Ja, das ist etwas, was ich nicht verstehe. Darüber habe ich auch mit ihm gesprochen.«

Die Gesichtszüge von Michel Zaringer nahmen einen bitteren Ausdruck an.

»Er hat mir an den Kopf geworfen, dass er so ein Leben, wie ich es führe, nicht führen will. Ich sei mehr mit der Firma verheiratet, sagte er. Rita und er hätten sich immer hinten anstellen müssen. ›Was ist das für ein Leben? Wozu dann heiraten? Warum Kinder in die Welt setzen?‹, brüllte er mich an.«

Holger Becker schüttelte den Kopf.

»Klingt nicht gut!«

»Nein, das klingt nicht gut! Ich fragte ihn, was später mal werden soll, wenn ich nicht mehr bin.«

»Du kannst deine Firma mit ins Grab nehmen, brüllte er mich an.«

»Er wird nur aufgebracht gewesen sein!«, versuchte Holger den Freund zu beschwichtigen.

Dieser schüttelte den Kopf.

»Vielleicht wird er später alles verkaufen, an irgendeinen Konzern. Sicher wird er einen guten Preis dafür bekommen, aber es ist das Lebenswerk meines Vaters und mein Lebenswerk. Ich dachte, er macht weiter. Es schmerzt. Mein Sohn hat die Maske fallenlassen, verstehst du, Holger.«

»Vielleicht beruhigt er sich wieder! Dumm war er doch nie!«

»Nein, dumm ist er nicht! Aber er ist stur!«

»Von wem er das wohl hat, Micha?«

Sie mussten beide lächeln.

»Jedenfalls bedrückt es mich! Ich bin jetzt über sechzig. Da will man eine Aussicht haben, dass es später weitergeht. Leider habe ich nur den einen Sohn.«

»Genau wie ich nur eine Tochter habe. Es gibt eben Dinge im Leben, die kann man nicht ändern. Die muss man annehmen.«

Holger Becker trank einen Schluck Champagner. Er lächelte.

»Ich dachte, dass vielleicht aus meiner Sonja und deinem Lenz einmal ein Paar wird.«

»Das habe ich auch oft gedacht. Die beiden kennen sich gut, seit Kindertagen. Deine Sonja ist quirlig und Lenz eher der ruhige Typ. Sie würden sich gut ergänzen. Deine Sonja hat Biss. Sie würde sogar meinen Platz noch besser ausfüllen als mein

Bub.«

»Dann müssen wir die beiden zusammenbringen!«

Michel Zaringer fing an, zu lachen.

»Hör auf, Holger! Wie willst du das machen? Du kannst sie nicht dazu zwingen.«

»Nein, zwingen kann man sie nicht. Aber man kann Bedingungen schaffen, für eine familiäre Fusion.«

Michel schaute den Freund erstaunt an.

»Du bist ja Meister in Fusionen und Übernahmen. Vergiss es! Ich bin zwar ein Visionär, aber kein Träumer, Holger! Reden wir von etwas anderem. Vergiss alles, was ich dir gesagt habe.«

So leicht ließ sich Holger Becker nicht ablenken. Er schüttelte den Kopf und aß weiter. Michel Zaringer kannte das Mienenspiel seines Freundes.

»Was brütest du aus?«

»Wie steht eure Firma da?«

»Sie ist hervorragend aufgestellt, schreibt tiefschwarze Zahlen. Warum fragst du?«

Holger Becker war kein Mann, der um den heißen Brei herumredet. Er schaute Michel in die Augen und sagte:

»Ich kaufe Sonja bei euch ein! Du machst sie zur leitendenden Geschäftsführerin und gehst aufs Altenteil. Wie sind die Gesellschaftsanteile verteilt?«

»Mir gehören vierzig Prozent. Rita und Lenz teilen sich den Rest.«

»Hört sich gut an! Dann halten Rita und du mehr als zwei Drittel. Jeder verkauft davon etwas an Sonja! Zusammen kontrolliert ihr Lenz dann immer noch. Es muss so sein, dass deine Prozente und Sonjas Prozente mehr als die Hälfte machen. Auf diese Weise bekommst du deine Osteuropa-Expansion. Übrigens, Sonja spricht perfekt Russisch, Polnisch und Ungarisch.«

»Sie war schon immer ein Sprachengenie, deine Sonja!«

»Ja, das war sie! Also, wie ist es?«

»Das würde Lenz nicht gefallen!«

Holger schmunzelte.

»Dann kann er sich mit Sonja zusammentun und alles bleibt in der Familie. Ich verrate dir ein Geheimnis. Sonja hatte schon immer ein Auge auf Lenz geworfen. Ich denke, dass das der Grund ist, warum sie sich noch nicht anderweitig gebunden hat. Solange sie noch Hoffnung hegt, dass sie Lenz bekommen kann, wird sich daran nichts ändern. Reden tut sie nicht darüber. Aber ich weiß, was in meinem Töchterchen vor sich geht.«

Holger schmunzelte.

»Sie wird ihn schon zu beeinflussen wissen, wenn sie sich jeden Tag in der Firma sehen. Aber du musst dich dann auch zurückziehen, Michel!«

»Du bist ein ganz schön raffinierter Hund, Holger!«, grinste Michel. »Ich war die Tage so wütend, dass ich schon daran gedacht habe – aus Wut natürlich –, zu verkaufen… oder mich für Osteuropa mit jemand zusammenzutun. Ich überlegte mir, wie man am Geschicktesten eine Tochterfirma gründen könnte.«

»Jetzt hast du die Lösung! Du kennst mich! Du kennst Sonja! Sie hat Betriebswirtschaft studiert und ist meine rechte Hand.«

Michel schaute Holger in die Augen.

»Wir sollten ernsthaft darüber reden, Holger!«, sagte dieser mit Nachdruck.

»Wenn du einverstanden bist, dann schicke ich dir die Vertragsentwürfe noch heute Nachmittag ins Büro. Natürlich sende ich sie mit neutralem Boten und streng vertraulich!«

Sie sahen sich an.

»Wenn ich dir die Unterlagen heute noch schicke, wie lange brauchst du, um mit Rita zu reden? Deinen Lenz solltest du erst mal nicht davon unterrichten.«

»Ich verstehe, was du meinst. Wie lange ich brauche?« Michel Zaringer überlegte kurz. »Wie wäre es mit einem Abendessen bei uns? Sagen wir um zwanzig Uhr. Du bringst Sonja mit. Mit ihr musst du reden.«

Holger Becker lachte laut.

»Das ist das kleinste Übel! Ich kenne meine Tochter.«

Sie hoben die Gläser und tranken sich zu.

»Die Zaringers und die Beckers geben zusammen eine gute Rudermannschaft ab, Michel!«

»Ja, das denke ich auch! Trinken wir auf die gemeinsame erfolgreiche Regatta!«

Sie prosteten sich erneut zu.

Sie redeten nicht mehr lange. Jeder wollte so schnell wie möglich zurück in sein Unternehmen. Bald darauf fuhren sie in ihren offenen Cabrios vom Parkplatz des Ruderclubs ab und winkten sich zum Abschied zu.

*

Ewald Kratzer stand an der Bushaltestelle am Marktplatz in Waldkogel. Er wusste, dass er zu früh gekommen war. Er war ungeduldig. Immer wieder holte er die goldene Taschenuhr aus der Westentasche und schaute darauf. Jedesmal, wenn er den Deckel öffnete, spielte sie eine Melodie. Die Minuten vergingen zu langsam. Liebevoll betrachtete er die Widmung im Deckel.

Für den lieben Waldi von seinem Nannerl.

Er lächelte. Waldi hatte sie ihn gerufen wie einen Hund. Aber er hatte es ihr nachgesehen. Vom ersten Augenblick an hatte er das kleine Mädchen in sein Herz geschlossen. Sie war damals zwei Jahre alt gewesen, als er die Stelle als Hausmeister und Gärtner bei Familie Tannert übernommen hatte. Er war froh gewesen, dass er im fortgeschrittenen Alter den Posten bekam. Das war nun mehr als dreißig Jahre her. Ewald Kratzer und seine Frau Lore waren über siebzig jetzt. Als sie in Rente gingen, kauften sie sich in Waldkogel einen kleinen Hof. Das war schon immer ihr Traum gewesen, ein kleiner Bauernhof mit einem großen eigenen Garten, mit Hühnern und einigen Hasen. Sie hatten auch eine Ziege.

Lore kam aus der Kirche. Sie schaute ihren Mann ernst an.

»Waldi«, sie war im Laufe der Jahre dazu übergegangen ihn auch so zu nennen, »Waldi, lass die Uhr stecken. Ich konnte des Gedudel sogar drin in der Kirche hören.«

»Ich bin eben ein bisserl nervös, Lore. Ich freue mich so, dass des Madl kommt.«

»Ja, ja, ich weiß! Bist noch immer vernarrt in sie. Was ein Glück, dass du so alt bist, sonst könnte ich eifersüchtig werden.«

»Jetzt red’ keinen Schmarrn, Lore! Des Nannerl ist mir ans Herz gewachsen wie ein eigenes Kindl, wie ein Enkelkind.«

Sie griff nach der Hand ihres Mannes.

»Ich weiß, Ewald! Aber du benimmst dich, als würdest deine Liebste abholen.«

»Du weißt genau, dass es net so ist, Lore. Die Anna-Maria ist net meine Liebste!«

»Mei, ich will dich doch nur ein bisserl foppen, damit du net ständig auf die Uhr schaust. Aber sag bloß nimmer Anna-Maria, wenn des Madl hier ist. Du weißt, dass es des net haben will.«

»Ja, des ist mir nur so herausgerutscht!«

Er zog sein großes kariertes Taschentuch aus der Hosentasche und trocknete sich die Stirn ab, auf der kleine Schweißperlen standen.

»Was ist das eine Schwüle heute!«, murmelte er.

»Es ist genauso wie gestern! Du hast dich nur so dick angezogen. Der Lodenanzug mit Hemd und Weste ist viel zu warm.«