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Der Student Albert ist fasziniert, als er den etwas verschrobenen Künstler Klaus kennenlernt. Zwischen den beiden entwickelt sich rasch eine tiefe Freundschaft – bis sich Klaus zu verändern beginnt. Er sendet seltsame Signale aus, fühlt sich von ominösen Menschen verfolgt und isoliert sich zusehends. Albert erkennt die Symptome der beginnenden Schizophrenie erst spät und kann nicht damit umgehen. Er zieht sich zurück und stürzt sich in die Beziehung mit Elisabeth. Doch der Gedanke, dass er seinen besten Freund im Stich gelassen hat, lässt sich einfach nicht abschütteln, und Albert erkennt, dass er eine Entscheidung treffen muss. Norbert Krölls tiefsinniger Roman ist eine poetische Sinnsuche mit Umwegen, wie sie nur das Leben vorgibt.
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2020
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NORBERT KRÖLL
ROMAN
… wahrscheinlich spüre ich, weil ich ganz ruhig bin, für DichDeinen zitternden Körper, während Du, weil Du am ganzen Körperzitterst, für mich meinen ganz ruhigen Körper spürst …
Gert Jonke, »Gegenwart der Erinnerung«in: Schule der Geläufigkeit
»Schon seltsam, aus wieviel Welt man im Inneren besteht.«
Sophie Reyer, Die Freiheit der Fische
OUVERTÜRE
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
INTERLUDIUM
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
DA CAPO AL FINE
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
Wenn ein Ei überkocht. Kann man das so sagen? Also ein Ei. Wenn es überkocht, hart wird im Wasser, das ich hinter dem Haus geholt habe, dort, beim Rinnsal, das ruhig vor sich hinfließt. Ich halte einen Kochtopf unters Wasser. Es schwappt über den Rand, tropft auf meine bloßen Füße. Was dieses Ei mit Klaus, meinem besten Freund, zu tun habe, hätte mich jemand fragen können. Ich hätte geantwortet: Alles, einfach alles hat es mit ihm zu tun. Das Ei ist ein Ei. Wenn ich es aufschlage, kommt sein Inneres zum Vorschein. Aber heute lege ich es ins Wasser, als Ganzes. Den Topf stelle ich auf den Herd. Meine Beine tragen mich zum Schuppen, der sich zwischen Haus und Rinnsal befindet. Mit der Axt schlage ich ein Scheit entzwei. Und noch eins. Manchmal habe ich Klaus dabei beobachtet, wie er mit seinem Werkzeug auf einen großen Stein eingehämmert hat. Hinter seinem Haus. Er hat so lange Furchen in den Stein geschlagen, bis der Stein nicht mehr bloß ein Stein war. Klaus war sehr gut darin, aus mehr weniger und etwas später aus weniger wieder mehr zu machen. Während die Axt sich auf das Scheit zubewegt, sehe ich ein Bild vom Klöppel in Klaus’ Hand, wie er niedersaust aufs Eisen, das sich knallend in den Stein gräbt. Ich sehe die Splitter, die ins Gras fallen, sich um den großen Stein herum verteilen und dort immer noch Stein sind, nur kleiner. Die Holzscheite unter die Arme geklemmt, gehe ich wieder zurück ins Haus, lege sie in den Ofen, stopfe ein paar Bögen der gestrigen Zeitung hinzu. Mit einem Streichholz entzünde ich den Haufen. Das Ei befindet sich im Wasser, das Wasser im Topf, der Topf auf dem Herd. Warum ist das nicht rückgängig zu machen?, habe ich den Arzt gefragt. Ob es da keine Behandlung gebe? Es müsse doch eine spezielle Behandlung … Der Arzt aber hat nur den Kopf geschüttelt und den Blick gesenkt.
Da ist die Wärme, die ich spüre; im Ofen züngeln die Flammen wild nach oben und erhitzen die Herdplatte. Kleine Luftbläschen bilden sich am Boden des Kochtopfs. Das Ei sollte noch nicht drinnen sein, sage ich mir. Aber dort liegt es. Umschlossen vom Wasser, das noch vor wenigen Minuten aus dem Berg gekommen ist. In der Nähe der Quelle befindet sich das Haus, in dem Klaus aufgewachsen ist und wo er später seine Steine bearbeitet hat. Er ist mein bester Freund gewesen. Nur zehn Gehminuten von meinem Grundstück entfernt, dort lebt er heute noch. Ich könnte zu ihm hingehen. Durch den Wald. Der feuchte, von Nadeln übersäte Boden würde unter meinen Schritten schmatzen. Das könnte ich tun, einfach zu ihm hingehen. Aber es würde sich nichts ändern. Er würde sich nicht ändern. Der Arzt hat gesagt, dass es unmöglich sei. Irreversibel, hat der Arzt gesagt. Die Bläschen im Topf blähen sich auf und steigen an die Oberfläche. Ein Blubbern trifft auf meine Ohren und das dumpfe Pochen der Eierschale, die ein Stakkato auf den Boden des Kochtopfs klopft. Ich versuche in dem Rhythmus eine geheime Ordnung, einen Takt, irgendeinen Sinn zu erkennen. Doch da gibt es keine Regelmäßigkeit, nur Chaos. Und die Uhr tickt. Sie tickt und tickt. Wie damals, als ich neben Klaus gesessen bin und auf die Uhr gestarrt habe, während Klaus dort gelegen ist und stumm an die Decke gestarrt hat. Dann ist die Tür aufgegangen. Das könne man nicht mehr rückgängig machen, hat der Arzt bei der Visite gesagt. Es tue ihm sehr leid, hat er nach einigem Zögern hinzugefügt. Das kochende Wasser spritzt über den Rand des Topfs, fällt zischend auf die Herdplatte und löst sich in Dampf auf. Die Uhr tickt. Und sie tickt und tickt. Ich schiebe den Topf von der Herdplatte, und mit einem Löffel hole ich das Ei aus dem Wasser. Von außen sieht das Ei aus wie zuvor. Es ist nicht zu erkennen, dass sich im Inneren etwas verändert hat. Aber das muss doch irgendwie rückgängig zu machen sein, rede ich mir ein, während ich das Ei auf dem Löffel nach draußen balanciere, hinters Haus, dort, wo das Rinnsal aus dem Wald auftaucht. Und es sind nicht meine Füße, die mich in den Wald hineinziehen, es ist etwas anderes, glaube ich, ein Wunsch vielleicht, oder eine Pflicht, der ich nachkommen muss. Da ist dieses Ei, das in dem Löffel sanft hin- und herrollt, da sind die Schritte meiner bloßen Füße, die kaum sichtbare Abdrücke im Waldboden hinterlassen, da ist dieses Sehnen, das in meiner Brust einen Vektor erzeugt, der mich unaufhörlich zur Quelle führt, die gleich dort liegt, wo Klaus wohnt, der eigentlich mein bester Freund sein müsste, denn von außen betrachtet hat sich, bis auf seinen Blick, nichts an ihm verändert.
Ich bleibe an dem Ort, wo das Wasser aus dem Erdinneren sprudelt, stehen. Für ein paar Sekunden schließe ich meine Augen. Reversibel, denke ich – reversibel. Und als ich die Augen wieder öffne, fließt das Wasser rückwärts und wird ins dunkle Loch gesaugt. Als hätte ich nichts anderes erwartet, nehme ich das Ei vom Löffel und werfe es hin zur kleinen Öffnung, in der es, begleitet von einem leisen Gluckern, augenblicklich verschwindet. Meine Füße steigen ins Rinnsal, die Knie beugen sich und mein Kopf nähert sich langsam der Quelle, sodass meine Lippen vom kalten Nass umspült werden. Als wüsste ich genau, was zu tun sei, atme ich tief ein, schiebe den Kopf mit einem kräftigen Ruck durch die Öffnung, zwänge auch meine Schultern hindurch und schlüpfe mit meinem ganzen Körper hinein in den Berg, dessen Felsen schwach zu glühen scheinen. Sogleich sehe ich das Ei vor mir, wie es durch das Strömen des Wassers fortwährend seine Position ändert, schlingert, sich dreht. Meine rechte Hand greift danach. Hier drinnen, sage ich mir, irgendwo hier drinnen, da bin ich mir absolut sicher, kann ich es rückgängig machen, wieder zum rohen Ei werden lassen, das es einmal gewesen ist. Ich kann es umkehren, alles ungeschehen machen. Das kann ich. Solange ich nur weit genug in den Berg hineinschwimme, das Ei fest in meiner Hand, und nicht damit aufhöre, wenn ich einfach nicht aufhöre zu schwimmen.
Er ist da gewesen … So könnte ich beginnen, wenn man mich gebeten hätte, an seinem Begräbnis eine Rede zu halten. Klaus ist da gewesen, seit meiner Jugend ein Freund, ohne dass ich es gewusst hätte, seine Präsenz lange schon in mir vergraben als verborgener Wunsch oder als etwas, das man zwar nicht besitzen, nach dem man sich aber still sehnen kann.
Der Zettel, von dem ich ablesen würde, hätte teils umgeknickte, teils abgerissene Ecken, meine Hände würden zittern und ich hätte Probleme mit der Entzifferung der krakeligen Schrift. Die Tinte wäre verschmiert, Schweißtropfen würden sich auf meiner Stirn bilden, manche würden vom Dickicht der Augenbrauen aufgenommen, während andere in die Augen geraten und dort ein Brennen hervorrufen würden. Ich könnte das leise Murmeln der Trauergäste vernehmen, das Lachen der Kinder, die noch nicht wüssten, was es bedeutet, zu trauern. Ein Baby würde in der letzten Reihe zu schreien beginnen und mit gespitzten Lippen gierig nach den Brustwarzen seiner Mutter suchen.
Den Zettel würde ich nach kurzem Zögern in der rechten Tasche meines Sakkos verschwinden lassen, das Zerknüllen würde bis in den hintersten Winkel des Kirchenschiffs zu hören sein. Langsam würde ich den Kopf heben, einen Blick in die erste Reihe werfen, zu Klaus’ stumm jammernder, vornübergebeugter Mutter, zu seinem aufrecht dasitzenden, apathisch in die Ferne starrenden und beinahe entrückt wirkenden Vater und zu Martha, seiner Schwester, deren Gesichtsausdruck mir sogar an jenem Tag, an dem die innerlich aufgezogenen Mauern dünner und niedriger wären als sonst, fremd wäre. Anfangs würde ich mit brüchiger Stimme sprechen, dem ungewohnt langen Nachhall meiner Worte lauschend. Mit keinem einzigen Wort, das hätte ich mir geschworen, dürfte ich seine Krankheit erwähnen. Nicht erwähnen, dass er gezwungen war, kurzerhand von Wien nach Kärnten zu ziehen, zurück ins Nest seiner Eltern, die ihn seither fürsorglich pflegten. Ich würde … ach was, gar nichts würde ich. Klaus ist doch nicht gestorben! Natürlich nicht. Jedenfalls nicht für sich, falls man das so sagen kann. Für mich hingegen? Ich weiß es nicht. Warum sonst dieser Aufwand, nur um die Gedanken an ihn ein für alle Mal loszuwerden? Aber wenn er nach wie vor in seinem Elternhaus, irgendwo am Rande eines kleinen Oberkärntner Dorfs, liegend, sitzend oder schlafend, also wenn er dort lebte und seine Existenz nichts mehr mit mir zu tun hätte … es könnte mir egal sein. Aber ich kann einfach nicht aufhören zu fragen: Was, wenn es anders gekommen wäre? Wenn er heute nicht nur am Leben wäre, sondern auch noch leben könnte, wie damals?
Was wäre, wenn. So hätte ich jeden Satz begonnen. Ich hätte bei der Grabrede seinen psychischen Abstieg totgeschwiegen und stattdessen den Trauernden einen alternativen Lebensweg beschrieben. Zuerst hätte ich was wäre, wenn gesagt, und dann hätte ich frei erfunden, wie Klaus zu einem namhaften Künstler geworden wäre, dass ihm nicht nur bei der technischen Ausführung, sondern auch, was seine Einfälle anbelangte, jahrelang niemand das Wasser reichen konnte. Das wäre natürlich eine maßlose Übertreibung gewesen, aber darum geht es schließlich bei Grabreden. Erzählt hätte ich, dass er nach dem mit Auszeichnung abgeschlossenen Studium auf der Akademie von einer namhaften Galerie unter Vertrag genommen worden wäre und einen Preis nach dem anderen abgeräumt hätte, dass man ihn zu wichtigen Gruppenausstellungen eingeladen und ihm bei diesen Gelegenheiten beinahe alle neuen und bisherigen Werke abgekauft hätte, dass es bald zur ersten Einzelausstellung in der Wiener Secession gekommen wäre, dann im Pariser Palais de Tokyo und in der Londoner Serpentine Gallery, später hätte man ihm hohe Würdigungen entgegengebracht, den Ehrendoktortitel der Universität Klagenfurt verliehen und so weiter und so fort. Klaus’ alternatives Leben wäre eines gewesen, dass es wert gewesen wäre, gelebt zu werden. Ja, er hätte Fehler gemacht wie jeder andere auch, er wäre gestolpert, ich hätte ihm, wenn er mich darum gebeten hätte, eine Stütze abgegeben, ich wäre für ihn da gewesen, weil ich gewusst hätte, dass auch er da gewesen wäre, nicht für mich, es hätte schon gereicht, wenn er anwesend gewesen wäre, also in seinem Körper drinnen, völlig da, bewusst.
Die Trauergäste hätten durch zu Trichtern geformten Händen lautstark buh gerufen – buh buh buh, hätten sie gerufen! Denn all das sei falsch. Eine glatte Lüge. Erzähl doch keinen Schmus!, hätten sie geschrien. So sei sein Leben ja nicht verlaufen. Ich solle nichts beschönigen. Die Wahrheit wollten sie hören, das, was Klaus wirklich erlebt habe, und nicht das, was ich in ihn hineindichtete. Ich sei kein Freund, sondern ein Trottel, ein Geschichtendrücker, Hochstapler, Verräter. Ich solle nach Hause gehen, man wolle mich nicht mehr sehen, denn das sei es ja auch gewesen, was ich Klaus angetan hätte, dass ich ihn nämlich nicht mehr hätte sehen wollen, dass ich schließlich irgendwann genug von ihm gehabt hätte, dass ich nicht auf ihn hätte hören wollen, auf seine Hilferufe und flehentlichen Bitten, obwohl da immer noch ein wenig Klaus in ihm gewesen wäre, das hätte man eindeutig gesehen, denn da wäre doch noch sein Körper vor einem gestanden, es wäre eindeutig Klaus gewesen, man hätte ihn auch bei einer Passkontrolle ohne Weiteres identifizieren können, wieso dann ich, sein angeblich bester Freund, es gewagt hätte, ihn im Stich zu lassen, wie ich das nur hätte übers Herz bringen können, eine nahezu unmenschliche Geste wäre es gewesen, gerade ihm gegenüber, jemandem, der jegliche Unterstützung bitter benötigt und meine Zuneigung gebraucht hätte. Ich sei kein Mensch. Denn ein Mensch wäre zu solch einer Tat nicht fähig. Ich solle endlich verschwinden, in der Kirche sei für einen wie mich kein Platz, ich solle mit meiner Anwesenheit bitte nicht den Leichnam beleidigen, ihn vergrämen. Ob ich nicht bemerkt habe, wie sich der Tote im Sarg umgedreht habe, weil er mein an den Haaren herbeigezogenes Geschwafel nicht ertrage, weil er von seinem sogenannten alternativen Lebensweg nichts mehr hören wolle, eine Frechheit sei das, ihm diese Worte zuzumuten, ihm dieses Dasein zuzuschreiben!
Ich hätte es nicht gebraucht, mein anderes Leben. Das hätte Klaus vielleicht in diesem Moment gesagt, wenn er es denn noch hätte sagen können, als Leichnam. Und ich hätte ihm geantwortet, dass er es gewiss nicht gebraucht, aber sehr wohl verdient hätte. Dann hätte ich mich über ihn gebeugt und mein unverdautes Frühstück über sein Gesicht erbrochen, oder nein, zwei Tränen hätten sich aus den Augenwinkeln gelöst, ja genau, so wäre es geschehen, sie wären von meiner Nasenspitze auf seine kalte weiße Stirn getropft, der Raum hätte sich plötzlich zu drehen begonnen wie in einem billig produzierten Märchenfilm, und es hätte nichts gedauert (und auch gar nicht wehgetan), und wir wären wieder in der Ästhetik-Vorlesung gesessen; ich hätte den monoton abgespulten Vortrag des Lehrenden mit einiger Anstrengung verfolgt und hätte, so gut es mir um halb neun Uhr in der Früh möglich ist, Notizen gemacht, während Klaus neben mir gesessen wäre, das Kinn auf die rechte Handfläche gestützt und den Bleistift locker in der Linken, Skizzen zeichnend. Ich hätte den Kopf in seine Richtung gedreht, weil ich sehen wollte, welches Gesicht zu diesen beeindruckend stilsicher gezogenen Strichen gehörte, und es wäre das erste Mal gewesen, dass ich Klaus wahrgenommen hätte. Am Ende der Vorlesung hätte er sich zu mir gewandt, mich angelächelt und gefragt, ob ich so nett wäre und ihm meine Mitschrift für die Anfertigung einer Kopie leihen könnte, denn, wie ich vielleicht bemerkt hätte, sei er leider nicht fähig gewesen, um diese Uhrzeit die nötige Aufmerksamkeit für philosophische Fragestellungen aufzubringen, und ich ihm darauf geantwortet hätte, dass sich das durchaus machen ließe, aber nur unter der Bedingung, dass ich als Austausch eine Kopie seiner Skizzen bekäme.
Und die Trauergäste hätten, wäre ich an dieser Stelle meiner Erzählung angekommen, immer noch buh gerufen und mir befohlen, auf der Stelle meinen Mund zu halten, doch ich hätte nicht auf sie gehört, denn ich hätte etwas zu sagen gehabt, und jemand, so fand ich, der etwas zu sagen hat, sollte die Möglichkeit haben, es auszusprechen. Vor dieser Meute zu stehen und in der Abschiedsrede aufzugehen, ja, das hätte mich beruhigt, es wäre fast so gut gewesen, wie vor den Gemälden Hans Staudachers oder Maria Lassnigs zu verharren und in ihrer Präsenz zu verschwimmen.
Vom Löffelchen in der Melange hätte ich erzählt, wie ich einen liegenden Achter auf den Tassenboden zeichnete und Klaus mich anschaute, mit wachen, interessierten Augen. Wie wir einander in einem schäbigen Café in der Nähe der Universität zum ersten Mal gegenübersaßen, wie ich seinen Blick erwiderte und eine Aufregung verspürte, die mich verunsicherte. Wie er erfuhr, dass ich Albert heiße und soeben das Studium der Konservierung und Restaurierung begonnen hatte. Wie ich erfuhr, dass er Klaus heißt und Bildhauerei studierte. Wie er mir verriet, dass er sich gar nicht als zeitgenössischer Künstler sehe, sondern als einer, der versuche, von den alten Meistern zu lernen, und dass dies zurzeit fast schon in Verruf geraten sei; das Geschaffene müsse frei auslegbar sein, offen für jegliche Interpretationen, sagte er, man wolle sich nicht mehr festlegen, denn wer sich auf etwas festlege, mache sich angreifbar, und wer sich für kritische Bemerkungen öffne, werde unsicher und könne nicht mehr mit stolz erhobener Brust behaupten, denn das sei es ja, fuhr er fort, was Kunst ausmache, dass es da jemanden gebe, der etwas in die Welt setze und mit diesem Objekt etwas behaupte, dann stehe da plötzlich etwas, das vorher noch nicht dagestanden habe, bestenfalls sogar im öffentlichen Raum, und dieses Etwas sage etwas aus, es erzähle sich selbst. Wie ich aufhörte, mit der kleinen Gabel im ungenießbaren Kuchen herumzustochern, ihn in seinem Gedankenfluss unterbrach und sagte, dass gerade solche Kunstwerke am häufigsten zu restaurieren seien, denn sie seien Tag und Nacht, Jahr für Jahr der Witterung ausgesetzt, und dass bekannte Legierungen wie Bronze unter Einwirkung von CO2 und SO2 mit der Zeit eine Patina bilden, die man natürlich längst im Griff habe, aber neuere Materialien seien quasi unerforschtes Gebiet; wie ein Pionier käme man sich da zum Teil vor, rühmte ich mich, denn es gebe kaum Erfahrungen in einem Bereich, in dem jeden Tag neue Werkstoffe im Entstehen seien. Und gegen Ende des Studiums, erklärte ich, würde ich mich gerne auf die Restaurierung zeitgenössischer Kunst spezialisieren. Wie Klaus nickte, behutsam die Kaffeetasse auf dem Untersetzer abstellte und sagte, dass mich seine Kunstwerke dann wohl eher langweilen würden, denn er arbeite meist mit Stein, Holz, Gips, Ton und bekannten Metallen. In dieser Hinsicht, das gebe er zu, sei er altmodisch. Wie ich die Gabel auf den Teller legte und ihn in die Mitte des Tisches schob. Wie die Kellnerin sich näherte und fragte, ob der Kuchen etwa nicht geschmeckt habe. Wie ich sagte, dass er ausgezeichnet gewesen sei, ich aber leider doch keinen Hunger gehabt habe. Wie sie die Stirn runzelte, anmerkte, dass man für einen Kuchen keinen Hunger brauche und den Teller wortlos mitnahm. Wie Klaus wissend lächelte. Wie ich an seine Aussage von vorhin anknüpfte und meinte, dass er uns die Arbeit dadurch wohl erleichtere, die gewählten Materialien aber nichts über das Kunstwerk aussagten. Wie Klaus aufhörte zu lächeln und mit Nachdruck darauf hinwies, dass das Material der Anfang sei und das Ende. Wie ich entgegnete, dass ich es so nicht gemeint und mich wohl nicht deutlich genug ausgedrückt habe, dass gewiss aus jedwedem Stoff eine künstlerisch eindrucksvolle Arbeit entstehen könne und mich ein Haufen absichtsvoll positionierte Erde ebenso interessiere wie eine klassisch geformte, in Messing gegossene Plastik, dass es mir vielmehr um die Idee dahinter gehe und ich bei der Restaurierung versuchen wolle, zuerst in diese einzudringen, um also mit der Idee auch den Beweggrund für den gewählten Werkstoff zu verstehen, auch wenn man, gerade bei verstorbenen Künstlerinnen und Künstlern, und vor allem bei solchen, die wenige Notizen hinterlassen hätten, darüber nur mutmaßen könne. Wie sich Klaus’ Gesichtszüge entspannten. Wie er mir sagte, dass das seiner Ansicht nach ein ungewöhnlicher Zugang sei und dass er immer gedacht habe, wir kümmerten uns nicht um die Entstehung eines Kunstwerks, dass uns das Prozesshafte nicht interessiere, dass es uns nur um das Endprodukt gehe. Wie Klaus weitersprach, ich aber aufhörte, seinen Worten Aufmerksamkeit zu schenken und ich stattdessen seine fein gezogenen Lippen beobachtete, wie sie sich öffneten und schlossen, seine leicht hervorstehenden Wangenknochen, die glatte Stirn, seine rauen Hände, die ab und zu die Kaffeetasse zum Mund führten. Wie ich bemerkte, dass er mich ebenso beobachtete, wie ich mich ertappt fühlte, aber wobei? Wie die Zeit verging und wir uns mit jedem Satz und mit jeder Regung unserer Körper kennenlernten, mit jedem Abwinkeln der Arme und Finger, mit jedem Faltenwurf der Stirn. Wie ich bereits nach zwei Stunden das Gefühl hatte, ihn seit zwei Jahren zu kennen, wie es mich positiv überraschte und mir gleichzeitig trügerisch erschien. Wie wir bezahlten, aufstanden und das Café verließen, um zurück zur Universität zu gehen und unsere Unterlagen zu kopieren, ich meine Mitschrift, er seine Skizzen. Wie wir sie uns, fast feierlich, gegenseitig überreichten und unsere Telefonnummern austauschten. Wie er die Kopien seiner Skizzen auf einmal wiederhaben wollte und ich sie ihm verwundert zurückgab. Wie er die vom Kopiervorgang noch warmen Blätter zerriss und in den Papierkorb warf. Wie er in seine Umhängetasche griff und den Zeichenblock abermals hervorkramte, wie er ein paar Seiten sorgsam abtrennte und mir die Originalskizzen reichte. Wie ich ihn fragte, ob er sie denn nicht mehr bräuchte. Wie er sagte, dass er, wenn er sie jemals bräuchte, nun ja wisse, wo sie zu finden seien. Wie wir uns die Hände schüttelten und ich den Drang verspürte, ihn zu umarmen, mich aber zurückhielt. Wie wir wussten, dass dies ein Anfang war, nicht mehr als ein Anfang.
Wie man mich vom Sarg wegzerren müsste. Wie ich jemandem die Nase blutig schlagen würde. Wie man mich anschreien würde, ich Idiot solle doch endlich aufwachen! Dass das Leben leider keine schöne Geschichte sei, kein Sinnieren über Kunst, sondern … Wie sie innehalten würden, diese Idioten, und ich sie fragen würde, was das Leben denn ihrer Meinung nach sei. Wie sie den Kopf senken würden und ich keine Antwort von ihnen bekäme. Wie ich ein letztes Mal auf den Sarg starren würde und auch von dort: keine Antwort.
»Kaffee?«, fragte er.
Ich nickte, während mein Blick den riesigen Raum durchmaß und dabei an etlichen Objekten hängen blieb.
»Bruno Gironcoli hat hier gearbeitet«, sagte Klaus, da er ein Fragezeichen hinter meiner Stirn erkannt zu haben glaubte. »Und nicht nur das. Er hat hier auch gelebt. Ach ja, nur zur Info, der Kaffee schmeckt fürchterlich. Willst du trotzdem einen?«
»Ja«, sagte ich. »Hauptsache, er wirkt.«
»Na dann, ich bin gleich wieder da.«
Ich schlenderte von einem Objekt zum anderen. Manche waren größer als ich, andere wiederum flach und breit, die einen aus Stein oder Metall, andere aus Styropor oder Wolle, manche schienen mehr oder weniger bereit, ausgestellt zu werden, anderen wiederum sah man deutlich an, dass sie noch viele Stunden an Bearbeitung benötigten. Klaus kam mit zwei braunen Plastikbechern zurück und stellte sich mir gegenüber.
»Daran arbeite ich gerade«, sagte er, reichte mir einen Becher und deutete mit dem Kopf auf eine Plastik. »Es ist noch nicht so weit. Da bin ich mindestens zwei, drei weitere Wochen damit beschäftigt.«
»Es schaut gut aus«, sagte ich.
»Nein«, sagte er, »tut es nicht.«
Er nahm einen Schluck Kaffee. Sein Hals spannte sich dabei an. Es wirkte auf mich, als wenn er beim Schlucken starke Halsschmerzen hätte. Ich tat ihm nach, nahm einen kleinen Schluck von der hellbraunen Brühe und kam nicht umhin, das Gesicht zu verziehen.
»Es ist wie mit diesem Kaffee«, sagte er. »Zu viel Zucker ist drin. Oder zu wenig. Oder die Milch ist schlecht. Oder besser gesagt: das Milchpulver. Oder die Qualität der Bohnen gibt nichts her. Oder sie wurden nicht richtig geröstet.«
»Ich finde es gut«, sagte ich.
»Du meinst den Kaffee?«
»Nein«, sagte ich und musste grinsen. »Der Kaffee schmeckt beschissen. Aber deine Arbeit, die finde ich schön.«
»Schön«, wiederholte er leise. »Ich finde sie auch schön. Und da liegt auch das Problem, denn das ist mir einfach zu wenig, weißt du? Die Arbeit soll nicht gut und schön sein, sie soll verstörend sein, sie soll nicht vergessen werden und sich in deine Eingeweide reinbohren, sie soll zu einem Diskurs anstoßen, sie soll zu Abneigung führen oder sprachlos machen, weil Worte wie schön nicht ausreichen, um ein Werk zu beschreiben. Und genau diesen Anspruch erfüllt diese Arbeit nicht. Deshalb ist sie auch noch lange nicht fertig.«
Wir schwiegen eine Minute, dann sagte Klaus, dass er mit dieser Arbeit vielleicht nie fertig werden würde, dass sie, wie so viele andere auch, im Müllcontainer landen würde, dass sie eine von den Arbeiten wäre, die es nicht verdient hätte, anderen Menschen gezeigt zu werden, dass sie vielleicht nur eine Übung wäre, damit er das nächste Mal gleich von Anfang an alles richtig machen könnte.
»Alles richtig machen«, sagte ich und nippte am lauwarmen Kaffee, der diese Bezeichnung kaum verdiente, nun, nachdem ich an den Geschmack gewöhnt war, aber ohne Wiederstand durch die Speiseröhre in den Magen floss.
»Du hast recht«, meinte er. »Alles richtig zu machen, ist genauso langweilig. Es ist eine Gratwanderung, die manchmal gut geht und ein andermal eben nicht. Dann stürzt man in die Tiefe und das Kunstwerk ist verloren.«
»Komisch«, sagte ich, »dass du mich erst jetzt das erste Mal hierher eingeladen hast.«
»Hmm«, machte er und sagte, dass er sich schon schwertue, mit den Lehrenden über eine unfertige Arbeit zu reden. »Das war von Anfang an ein Streitpunkt. Und wenn ich mit einer Plastik zufrieden bin, möchte ich sie zwar herzeigen, aber mit Kritik kann ich dann genauso wenig …« Klaus stockte. »Also, es ist nicht so, dass ich damit nicht umgehen könnte«, sprach er weiter. »Es ist eher so, dass ich damit nichts anfangen kann. Es ist mir im Grunde egal, was die anderen darüber sagen und ob sie etwas daran auszusetzen haben. Die Arbeit kann meinetwegen Ausgangspunkt einer Diskussion sein, sie kann ein Katalysator sein, verstehst du? Der tritt dir in den Hintern und dann bringt er dich auf eine Idee, die dir vorher nicht eingefallen wäre. Das ist Sinn und Zweck des ganzen Schaffensprozesses, zumindest für mich. Die Kritik am Werk selbst interessiert mich nicht. Wenn sie erst mal fertig ist, gibt es daran nämlich nichts zu kritisieren. Ein Mensch, der fertig ist, also geboren wird, daran gibt es auch nichts zu kritisieren. Er ist zu nehmen, wie er ist, und das ist gut so. Bei einem Kunstwerk sollte es nicht anders sein. Man kann, wenn man will, damit in Kontakt treten oder es ignorieren. Aber sagen, dass das hier bitte so zu machen sei und das hier so? Nein, deshalb habe ich mich hier nicht beworben. Es gibt viele Studierende, die ganz heiß auf Kritik sind, die wollen von den Lehrenden fertiggemacht oder in den Himmel gelobt werden. Mich interessiert das nicht.«
»Und du bist hier, weil …?«
»Ich bin dieses besonderen Ortes wegen hier, wegen der Materialien, wegen dem Werkzeug, der Möglichkeit, sich auszubreiten und weil alle hier das Gleiche tun, weil man sich mit seinesgleichen austauschen kann.«
»Verstehe«, sagte ich. »Aber was ist mit der Technik. Die hat man doch nicht gleich so drauf, also kann man zumindest die Ausführung kritisieren, oder?«
»Die Technik«, sagte Klaus, »kommt ganz von alleine durchs Tun. Ein Frühwerk, dem man gewisse technische Mängel ansehen mag, kann genauso interessant, wenn nicht interessanter sein als ein Spätwerk. Wenn man nicht aufpasst, kann das Verfahren vieles kaputt machen. Es gibt praktisch einwandfrei gearbeitete Werke, die nichts in mir auslösen, und dann gibt es welche, die stecken, zumindest aus einer kunstfertigen Perspektive gesehen, in den Kinderschuhen, hauen mir aber derart in die Magengrube, dass mir für einige Zeit die Luft wegbleibt.«
»Technik ist also unwichtig?«, fragte ich einigermaßen verblüfft.
»Nein«, sagte Klaus, »natürlich ist sie wichtig. Aber es gibt Dinge, die sind wichtiger.«
»Zum Beispiel?«
»Dass man einen guten Zugang zu sich selbst hat«, sagte er nach kurzem Überlegen. »Das ist wahrscheinlich das Wichtigste. Dass man das, was in einem tief drinnen brodelt, erkennt und bei Bedarf hervorholen kann. Aber was erzähle ich dir. Das weißt du alles von deinem Studium.«
»Nicht unbedingt«, entgegnete ich. »Bei Konservierung und Restaurierung ist die Ausführung heilig. Natürlich heißt das nicht, dass von uns keine Kreativität abverlangt wird, aber die Gewichtung ist eindeutig.«
Ich fragte Klaus, ob die Verbindung zu ihm selbst ganz von alleine da sei, wenn er an einem Werk arbeite.
»An manchen Tagen«, sagte er, »ist sie da, an anderen Tagen suche ich vergeblich nach ihr. Es braucht Zeit. Viel Zeit und Ruhe. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich stundenlang auf die Oberfläche eines Materials starre, das vor mir am Boden liegt … Und die Gesellschaft«, fuhr er fort, »sie verlangt von uns, dass wir einen anderen Blick auf die Welt haben sollen, dass wir sie mit unseren Werken verzaubern sollen, aber gleichzeitig sollen wir arbeiten, also hackeln, wie jeder andere Bürger auch, während des Tages arbeiten und am Abend Kunst machen, weil das schon gehen wird; wir sollen empfindsam sein und dann doch wieder nicht, wir sollen Missstände aufzeigen, aber dann doch bitte lieber nicht zu tief mit dem Finger in die offenen Wunden eindringen. Und weil die Menschen nicht wissen, was sie von uns wollen, obwohl sie wissen, dass sie uns wollen, tut ihnen jede Million, die zusätzlich vom Steuergeld für die Kunst ausgegeben werden soll, weh. Aber das ist eine andere Geschichte.«
Klaus nahm einen letzten Schluck aus dem Becher, zerdrückte ihn, indem er eine Faust formte, und warf ihn auf seine Plastik. Ich imitierte ihn, nahm meinen letzten Schluck, zerdrückte den Becher, indem ich eine Faust formte, und warf ihn auf seine Plastik. Hellbraune Flüssigkeit rann über den grauen, grob bearbeiteten Stein. Klaus schaute mich lange an, ich wartete darauf, dass er, entgegen seiner Natur, jeden Moment auf mich einprügeln würde.
»Warte hier«, sagte er schließlich. Er verließ den Raum durch eine der beiden Türen, die auf den Gang führten. Für ein paar Minuten war er nicht zu sehen. Ich hörte Holz- und Metallgegenstände, die auf den Steinboden knallten. Als er den Raum wieder betrat, hielt er einen Vorschlaghammer in seinen Händen. Er trat auf mich zu und hob ihn mit zusammengebissenen Zähnen und weit geöffneten Augen über seinen Kopf. Obwohl ich wusste, dass er ihn nicht auf meinen Kopf krachen lassen würde, zuckte ich zusammen. Da senkte er langsam den Hammer und sagte:
»Du zuerst.«
»Wie meinst du das?«, fragte ich.
Er deutete auf seine Plastik.
»Hau drauf«, sagte er. »Aus der wird nichts mehr. Ich habe zu viel weggenommen, schau mal, hier zum Beispiel, aber auch hier und hier und hier.« Er strich mit der Handfläche über ein paar Stellen. Ich konnte nicht erkennen, was daran nicht stimmen sollte.
»Da habe ich zu viel nachgedacht«, sagte er, »zu viel gewollt, da habe ich zu perfekt sein wollen. Bis es zu spät war. Das ist nicht mehr gutzumachen, auch wenn ich noch monatelang daran feile. Also tu mir bitte den Gefallen und hau drauf. Tu es einfach!«
»Bist du dir absolut sicher?«, fragte ich.
»Dir wird doch als angehender Restaurator schon mal ein übermaltes Gemälde in die Hände gekommen sein?«
»Natürlich«, sagte ich. »Oft gibt es sogar mehrere überlagernde Schichten in verschiedenen Schaffensperioden.«
»Dann stell dir bitte vor, dass du jetzt nichts anderes machst, als ein Gemälde neu zu grundieren. Glaub mir, es ist nichts anderes als das. Mit ein bisschen Glück kann ich aus dem Überbleibsel noch etwas Brauchbares machen.«
Zögerlich nahm ich ihm den Hammer ab. Er lag schwer in meinen Händen. Das letzte Mal, als ich einen Vorschlaghammer benutzt hatte, war ich noch kaum ein Jugendlicher gewesen. Mein Bruder Leander hatte, offenbar unabsichtlich, das Puzzle zerstört, an dem ich einige Wochen lang konzentriert gearbeitet hatte. Ich hatte ihn angeschrien, ihn einen kleinen, beschissenen Nichtsnutz und eine lausige, dreckige, behinderte Zecke genannt. Dann hatte ich ihm gesagt, dass ich nicht mehr sein Bruder sein wollte. Leander war damals sechs Jahre alt. Mein Vater nahm mich tags darauf beiseite, drückte mir einen Vorschlaghammer an die Brust und reichte mir zudem eine dünne Stecknadel, die einen kaum vorhandenen Kopf aufwies. Er deutete auf die grob verputzte Garagenwand und machte mit einem Bleistift, den er hinter seinem Ohr hervorgeholt hatte, ein gut sichtbares Kreuz. Die Stecknadel, sagte er, ich solle sie genau dort einschlagen. Ich runzelte die Stirn, da ich noch nicht ahnte, was er mir damit zeigen oder sagen wollte. Mit meiner rechten, zitternden Hand hob ich den Hammer, gerade noch fähig, ihn in angemessener Höhe zu halten. Mit der linken hielt ich die Stecknadel an die Wand. Ich ließ beides nach wenigen Sekunden wieder sinken und sagte, dass das so nicht funktioniere, dass ich einen kleineren Hammer benötige oder einen größeren Nagel. Das sei ihm schon klar, sagte er, aber ich solle trotzdem weitermachen, es zumindest versuchen. Aus meinem Mund drang ein leiser Seufzer, aber ich tat, was er wollte, hob abermals den Hammer hoch und hielt die Spitze der Stecknadel in die Mitte des an die Wand gemalten Kreuzes. Zu fest schlug ich auf den winzigen Kopf der Stecknadel, sie verbog sich und der Hammer rutschte ab, streifte mit der Kante über meinen Daumen und schürfte ein Stück der obersten Hautschicht ab. Ich spürte einen brennenden Schmerz und presste die Lippen aufeinander, ließ mir aber sonst nichts anmerken. Mein Vater nickte, machte dreimal mhmmm und nahm mir den Hammer und die verbogene Stecknadel ab. Er ging in die Hocke und sagte, dass es sich mit Worten ganz ähnlich verhalte, dass manche so hart und schwer seien, dass sie beim Aussprechen Erdbeben auslösen können und fähig seien, Löcher in einer meterdicken Mauer entstehen zu lassen, dass man mit ihnen hingegen keine Stecknadel in die Wand schlagen könne, um daran ein bemaltes Blatt Papier zu befestigen. Und diese Worte, fuhr er fort, wirkten auch auf die Menschen ein. Wenn sie zu heftig seien, würden sie in ihnen Risse erzeugen, die manchmal nur schwer heilbar wären. Alles, was aus meinem Mund komme, sagte er, bewirke etwas in der Welt, das dürfe ich nicht vergessen, und dass es an mir liege, zu entscheiden, wie ich die Welt formen wolle. Es sei daher ratsam, fügte er hinzu, mit dem Gesagten so bewusst wie nur möglich umzugehen, weil man ansonsten nicht nur andere Menschen verletzen könne, sondern, wie ich soeben gesehen hätte, auch sich selbst. Ich hob die linke Hand und betrachtete die abgeschürfte Haut an meinem Daumen. Mein Vater erhob sich, ging in die Ecke der Werkstatt, öffnete einen kleinen Kasten und hielt kurz darauf ein Pflaster in seinen Händen. Er klebte es mir behutsam über die wunde Stelle und meinte, dass in bestimmten Situationen der Vorschlaghammer genau das richtige Werkzeug sei, in anderen sei jedoch ein kleiner Hammer aus Gummi vorzuziehen. Ich verstand, was er mir sagen wollte, nickte und starrte beschämt zu Boden. Er fragte mich, wie viel Zeit ich in den letzten Wochen mit Leander verbracht habe. Obwohl ich bereits wusste, worauf er hinauswollte, sagte ich, dass ich keine Ahnung hätte. Er wiederholte seine Frage. Ich hob den Kopf und sagte ihm die Wahrheit. Mit leiser Stimme meinte mein Vater, dass Leander mich womöglich vermisst, seinen alten Spielkameraden, der nun langsam, aber doch in die Pubertät komme und andere Spiele spielen wolle. Ich tat so, als ob ich nicht wüsste, was er damit meinte, konnte jedoch nicht verhindern, dass Blut in mein Gesicht schoss und sich die Wangen rot verfärbten. Mein Vater lächelte und meinte, dass, wenn ich mich ab und zu mit meinem Bruder beschäftigte, er sicherlich nicht mehr auf die Idee käme, unabsichtlich mein Puzzle zu zerstören. Ich konnte nicht anders als zu lächeln, obwohl ich eigentlich ernst bleiben wollte, denn was Leander getan hatte, war nicht so leicht zu verzeihen. Deshalb nannte ich Leander weiterhin eine Nervensäge, weil er das eben war und weil er das blieb. Ich wollte nicht nachdenken, ich wollte keine Rücksicht nehmen auf das, was aus meinem Mund kam, vor allem dann nicht, wenn ich aufgebracht war. Ich hatte die Allegorie meines Vaters verstanden, aber ich hatte sie nicht verinnerlicht, wollte es nicht; in mir waren die Emotionen um einiges stärker als die Vernunft, ganz zum Leidwesen meines Bruders.
Nun stand ich also mit dem Vorschlaghammer im Atelier der Bildhauerei-Klasse, dachte an diese Szene, und mir wurde schlagartig bewusst, wie sehr ich meinen Vater vermisste. Ich könnte alte Fotos anschauen. Ich könnte alte Videos anschauen. Aber eine Stimme – und auch das Bild zu dieser Stimme – ist ein lächerlicher Ersatz für einen Menschen aus Fleisch und Blut. Und Leander? Ich sah sein Gesicht, es war verschwommen, undeutlich an den Rändern, es hatte keinen Zweck, ihn mir vorzustellen. Er existierte, lebte sein Leben, aber hatte seine Existenz etwas mit mir zu tun?
»Ich habe keine Wut in mir«, sagte ich zu Klaus. »Wie soll ich auf deine Arbeit einschlagen, wenn ich gerade keine Wut empfinde?«
»Glaubst du etwa, dass ich jedes Mal Wut empfinde, wenn ich den Stein bearbeite?«, fragte mich Klaus. »Und glaubst du, dass ein Schlagzeuger jedes Mal, wenn er sein Instrument spielt und mit voller Wucht auf die Trommeln eindrischt, Wut empfindet?«
»Ich sehe schon«, sagte ich und rollte mit den Augen.
Klaus lächelte. Fein gezogene Brauen zierten seine Augen, die mich fordernd beobachteten. Ein Grübchen entstand und verschwand wieder. Klaus hatte ein feminines Gesicht. Es war sehr schön, das konnte man, so dachte ich mir, ganz objektiv behaupten. Ich hätte ihn stundenlang anschauen können, ohne dass mir auch nur eine Sekunde langweilig geworden wäre. Manchmal, wenn ich bei ihm oder er bei mir übernachtete und er vor mir eingeschlafen war, tat ich genau das. Ich beobachtete ihn und fühlte mich wohl dabei, geborgen.
»Mach es doch einfach aus purer Freude«, sagte er.
»Aus Freude zuhauen?«, fragte ich überrascht.
»Na klar«, gab mir Klaus zu verstehen. »Warst du denn nie ein Kind? Es gibt kaum etwas Befreienderes, als etwas Schönes zu zerstören.«
Ich schaute Klaus lange an, dann nickte ich und hob den Vorschlaghammer hoch über meinen Kopf.
Ich dachte immer, Oberkärnten sei der obere, also nördliche Teil Kärntens, aber dem ist nicht so. In Kärnten ist oben der Westen. Dorthin hat mich Klaus eingeladen. Es war Karfreitag. Vor zwei Tagen war ich angekommen und hatte auch gleich seine Eltern kennengelernt. Seine Mutter hatte mich, als würden wir uns schon seit Jahren kennen, mit einer herzlichen Umarmung empfangen. Ich fragte mich, ob durch sie die Kärntner Seele, die bekanntlich etwas gemütlicher ist als die der anderen Bundesländer, besonders stark durchschien. Klaus’ Vater war ebenso entspannt, jedoch in einer nach innen gerichteten, passiven Form. Während eines Gesprächs nickte oder brummte er von Zeit zu Zeit, um zu signalisieren, dass er gedanklich anwesend war, aber er sprach nicht viel. Auch nickte er gerne ein, vormittags, dann kurz nach dem Mittagessen und noch einmal am Nachmittag, stets mit einem angedeuteten Lächeln auf den Lippen, während in angenehmer Lautstärke das Programm von Ö1 aus den alten Stereoboxen plätscherte. Dieser Mann hatte etwas von einem schweigenden, tief in seine Gedanken versunkenen Mönch, bis er dann doch etwas sagte, mit einem Satz herausfuhr aus seiner scheinbaren Abwesenheit und damit nicht selten so manches auf den Punkt brachte, worüber zuvor lang und breit diskutiert worden war. Ein kommunistischer Nazi, hatte er zum Beispiel gerufen, als wir über die Karrierelaufbahn eines bestimmten Politikers zu sprechen kamen, oder, als es um eine Sportlerin ging: Die kapiert nichts, und sie hat nie was kapiert und wird niemals was kapieren, und nach einer kurzen Pause: Deshalb ist sie so verdammt gut, oder, als es um einen Firmengründer ging: Ein Verlierer, der weiß, wie man gewinnt. Manchmal zankten sich Klaus’ Eltern, wobei es eher wie ein Schauspiel wirkte; jemand brachte den Stein ins Rollen, indem ein Triggerwort, von dem ich nichts wissen konnte, ausgesprochen wurde, woraufhin sofort mit einer Wortsalve reagiert wurde, die wiederum aufgefangen, durchgekaut und abermals zurückgeworfen wurde, und so weiter und so fort. Ein Ballspiel mit Andeutungen und Vorwürfen, die sich einem Nichteingeweihten entzogen, man konnte nur den Kopf nach links und rechts wenden und die wundersame Mechanik einer jahrzehntelang funktionierenden Ehe bestaunen. Kurzum, in dieser Familie war ich gerne Gast, denn sie lebte und gab mir das Gefühl, eine Bereicherung zu sein, anstatt eine Last, für die man zusätzlich kochen und putzen und Betten beziehen musste.
Am frühen Samstagnachmittag, kurz vor dem Osterschmaus, den mir Klaus als Herzstück aller Festessen angepriesen hatte, traf Martha ein. Seit einigen Jahren arbeitete sie in München in einem kleinen, aufstrebenden Architekturbüro. Klaus hatte nicht oft von seiner Schwester gesprochen und ich hatte selten nach ihr gefragt. Sie sei etwas eigen, hatte Klaus kurz vor ihrer Ankunft wiederholt angemerkt, sie tätige oftmals Aussagen, die sie eigentlich nicht so meine. Er sagte voraus, dass sie schwarz gekleidet sein würde, dass sie immer schwarze Kleidung trage, um, so scherzte er, dem Klischee der jungen, erfolgreichen Architektin zu entsprechen. Sie arbeite viel und sei deshalb, na ja, nervlich beansprucht. Ihr Büro habe einige wichtige Aufträge an Land gezogen und hinke nun mit den Planungen hinterher, ergänzte Klaus’ Mutter. Aber ich solle mir keine Sorgen machen, sagte Klaus und legte eine Hand auf meine Schulter, es werde schon gutgehen. Ich wollte ihn fragen, was er damit meinte, aber schon öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer und herein kam eine schlanke, gutaussehende Frau in einem schwarzen Hosenanzug, die ihre Eltern und ihren Bruder begrüßte und ihnen frohe Ostern wünschte und mir zu guter Letzt die Hand entgegenstreckte, wobei es den Anschein hatte, dass ihr diese Geste einige Mühe abverlangte.
»Albert, nehme ich an? Klaus hat dich erwähnt.«
»Das ist mein Name«, sagte ich und schüttelte ihre Hand. Ihr Griff war fest, die Haut selbst aber weich. »Schön, dich kennenzulernen.«
»Ob es schön ist, werden wir noch sehen«, sagte sie.
»Martha!«, rief Klaus’ Mutter ermahnend in ihre Richtung.
»Also gut, dann frohe Ostern, liebster Albert.«
Marthas Blick fühlte sich an, als würde man unter einem Röntgengerät liegen. Ich fragte mich, wonach sie in mir suchte. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit von meinem Scheitel bis zu den Zehenspitzen, als wenn sie ein Gebäude nach seiner Brauchbarkeit, der Beschaffenheit der Fassade und seiner generellen statischen Traglast überprüfen müsste. Hatte ich schon in der ersten Minute etwas Unpassendes gesagt, etwas Falsches getan?
»Ich habe einen Mordshunger, können wir nun endlich essen?«, fragte Martha, nachdem sie den Röntgenvorgang abgeschlossen hatte oder es ihr zu langweilig geworden war, mich länger zu durchleuchten.
»Alles gut«, flüsterte Klaus mir ins Ohr, »alles gut.«
Der Osterschmaus war all das, was mir Klaus versprochen hatte, und mehr noch. Vorzüglicher Schinken, verschiedenste Wurst- und Käsesorten, Eier, fein aufgefächerte Zunge, reichlich frisch geriebener, scharfer Kren und natürlich der berühmte Kärntner Reindling, der bei diesem Fest, so habe ich zumindest gehört, nicht fehlen darf. Während des Essens versuchte ich, nicht zu Martha zu schauen, meine Blicke streiften vom Ei zum Schinken, zum Kren, zum Reindling und wieder zurück zum Anfang. Den Geschmack wollte ich mir nicht verderben lassen. Ablenkung tötet die Wahrnehmung. Das Lesen eines Zeitungsartikels während des Frühstücks? Fünfzehn Minuten später ist das Frühstück weg, und ich weiß nicht mehr, wie es geschmeckt hat. Die Buchstaben des Artikels jedoch liegen mir quer im Magen, als ob ich sie gegessen hätte, die Ertrunkenen im Mittelmeer, die Terroristen in Syrien, die Erdbeben in Japan, die Vergewaltigungen in Indien, die Messerstecherei am Praterstern, die Aussagen der populistischen Politiker, der Verriss einer neuen Ausstellung. Da empfiehlt es sich, besser an nichts zu denken, mit niemandem zu sprechen und niemanden anzuschauen, den man nicht sympathisch findet. Ob alles in Ordnung sei, fragte Klaus’ Mutter mehrmals. Aber ja doch, alles bestens. Und das war es auch. Klaus lachte viel. Und sogar sein Vater zeigte eine Lebendigkeit, wie ich sie in den letzten Tagen nicht an ihm beobachtet hatte. Er erzählte skurrile Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend und hörte nicht auf, von seinen Erfahrungen beim Grundwehrdienst zu sprechen, wie er beim Zerlegen und Zusammenbauen seines StG 77 Sturmgewehrs der Langsamste gewesen war, beim Schießen der Schlechteste, wie er die sogenannten Feinde bei einer Truppenübung in Allentsteig mit seiner Kompanie erledigen hätte sollen, aber stattdessen alleine in einem Versteck hinter dicht wachsenden Büschen gelegen war und mit einem nahe vorbeiziehenden Wolfsrudel Kontakt aufgenommen hatte, indem er ihnen getrocknetes Fleisch zuwarf und durchs Fernglas beobachtete, wie sie sich verhielten. Ich hörte zu, genoss das Beisammensein. Aber dann, als ich das letzte mit Kren befüllte Schinkenblatt in den Mund steckte und auf das angenehme Prickeln und Stechen im Gehirn wartete, schaute ich doch zu Martha, die am Kopfende des Tisches saß und stumm kauend eine Scheibe Reindling mit Butter beschmierte. Sie hatte die ganze Zeit über kaum etwas gesagt. Manchmal hatte sie, so erschien es mir, pflichtbewusst gelacht. Ob es echt war, bezweifelte ich. Ich fragte mich, was an ihr überhaupt echt war. Diese makellose, helle, fast schon blattweiße, und ungemein glatt wirkende Haut? Ihre grünen Augen und das dunkle, dichte Haar? Die Haut könnte behandelt sein, mit Make-up zu dem gemacht, was sie war, die Iris von smaragdgrünen Linsen verdeckt, die Haare schwarz gefärbt. Ihr wahrer Charakter, wenn es denn so etwas neben dem normalen überhaupt gibt, könnte ein völlig anderer gewesen sein, ich tippte auf etwas Filigranes im Inneren, das durch einen emotionalen Panzer geschützt werden musste, damit es nicht ohne Vorwarnung bei der ersten Berührung herausquillt und an der Fülle von Eindrücken zerbricht. Ohne dass ich es wollte, musste Mitleid in meinen Blick geraten sein oder eine heruntergekochte, verdünnte Art davon.
»Was gibt es denn zu glotzen?«, fragte sie. »Gefallen dir meine Brüste, hm?«
»Ich habe nicht …«, stammelte ich. »Ich habe nur …«
»Du hast wohl nur zu ihr hingeschaut, weil sie ihren Reindling mit Butter bestrichen hat, habe ich recht?«, fragte Klaus’ Mutter. »Das machen wir hier so, es schmeckt sehr gut, probier es ruhig mal aus.«
»Lass dich nicht von Martha verunsichern«, sagte Klaus. »Sie ist es nämlich, die unsicher ist, deshalb muss sie aggressiv sein.«
»Ich bin nicht aggressiv«, sagte Martha. »Aber wenn mir etwas Komisches auffällt, dann mach ich meinen Mund auf. Und Unsicherheit, mein liebes Bruderherz, lese ich aus deinen Kunstwerken heraus. Du hast wohl noch nicht deinen Stil gefunden, wie?«
»Ich habe kein Problem mit Unsicherheit«, sagte Klaus. »Es stimmt, ich habe meinen Stil noch nicht gefunden, und wer weiß, vielleicht finde ich ihn nie, aber das macht nichts, dann suche ich eben mein ganzes Leben danach und bin unsicher dabei und verleihe diesem Zustand Ausdruck, anstatt es unter eine Decke zu kehren.«
»Du solltest Philosophie studieren, wenn du so gescheit bist.«
»Das mache ich ja zum Teil. In einer Ästhetik-Vorlesung habe ich Albert kennengelernt.« Er drehte mir den Kopf zu und legte eine Hand auf meine Schulter.
»Wie schön für euch«, sagte Martha.
»Es gibt nichts, was daran nicht schön sein sollte«, sagte Klaus’ Vater, befreite ein Ei von seiner dunkelroten Schale, streute Salz darauf und steckte es als Ganzes in den Mund.
»Muss das sein?«, fragte Klaus’ Mutter. Er nickte und machte mit der rechten Hand eine kreisende Bewegung über seinem Bauch. »Es tut mir leid, Albert.«
»Dir muss nichts leidtun«, sagte Martha zu ihrer Mutter. »Das Leidtun gehört ins vorige Jahrtausend. Papa soll tun, was er tun will, und du tust, was du für richtig hältst. Niemand ist für den anderen verantwortlich. Nicht mehr.«
»Das hast du schön gesagt«, meinte Klaus. »Dir wird doch nicht noch das Herz aufgehen bei so viel Empathie?«
»Damit hat das nichts zu tun«, entgegnete sie. »Es geht darum, dass wir Frauen lange genug nett und brav sein und uns entschuldigen mussten. Für die eigenen Handlungen. Für den Mann. Für die Familie. Für die Gesellschaft. Das ist jetzt vorbei.«
»Und der heilige Gral am Ende des Weges ist gefüllt mit Unfreundlichkeit und Zynismus?«, fragte Klaus.
»Welcher heilige Gral? Bist du unter die Priester gegangen?«
»Nein, das nicht.«
»Abgesehen davon hast du, was Frauen betrifft, deinen Mund zu halten. Da kannst du so schwul sein, wie du willst.«
»Bitte«, sagte ihre Mutter, »jetzt beruhigen wir uns wieder. Wir haben schließlich einen Gast bei uns.«
»Und für ihn soll ich mich verstellen?«, fragte Martha.
»Du sollst dich nicht verstellen, aber wenn du etwas netter wärst, würde es dir selbst auch nicht schaden, da hat Klaus schon recht.«
»Ach, jetzt bin ich wieder die Böse, klar! Ihr habt ja keine Ahnung.«
»Von was haben wir keine Ahnung?«, fragte ihr Vater.
»Dass es … das das Leben halt nicht leicht ist, wenn …«
»Wenn man unbedingt bis ganz nach oben will?«, fragte Klaus. Seine Mutter bedachte ihn mit einem strengen Blick. »Sorry«, fügte er hinzu. »Also, liebe Martha, was wolltest du uns mitteilen?«
»Dir wollte ich mitteilen, dass ich hoffe, dass du keinen Erfolg hast mit deiner Kunst.«
»Das ist nicht nett«, sagte ihr Vater laut schmatzend.
»Ich weiß«, sagte Martha, »aber es tut mir nicht leid. Es ist das, was er hören will, was er hören muss.«
»Es stimmt«, sagte Klaus, »du sollst mein Antrieb sein, denn diesen Wunsch will ich dir nicht erfüllen.«
»Siehst du?«, sagte Martha in Richtung ihres Vaters. »In Wahrheit kann man mir danken. Nett sein bringt einen nicht weiter.«
